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Full text of "Henri de Saint-simon: Die Persönlichkeit und ihr Werk"

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JENA, VERLAG VON 
GUSTAV FISCHER 
1908 



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HENRI DE SAINT SIMON 



DIE PERSÖNLICHKEIT UND IHR WERK 



VON 



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FRIEDRICH iyjUCKLE 

(DOKTOR DER PHILOSOPHIE) 



„Der gr06te Kampf, den ein Mami be- 
stehen kann, tot der Kampf mit den Metnungen 
und HImgespinaten seine« eigenen Zeitalters. 
Wer diesen zu widersteiien Termag, ragt 
schon irgendwie Aber seine Zeit liinaus und 
steht mit einem Pnfi bereits in einer anderen 
Zeit" Carlyle. 




JENA 
VERLAG VON GUSTAV FISCHER 
1908 



Alle Rechte vorbehalten. 



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Vorwort 



Wenn man richtig als die Haupteigenschaft des Biographen die 
Liebe zu seinem Helden bezeichnet hat, so hat es dem Verfasser des 
vorliegenden Werkes an diesem Grunderfordemis nicht gefehlt Denn 
je tiefer er in seinen Gegenstand eindrang — dessen große Bedeutung 
ihm schon nach seiner erst flüchtigen Kenntnis gleichsam instinktiv 
offenbar wurde — um so mehr wurde es ihm klar, daß es sich hier 
um ein Problem von außerordentlicher Tragweite handle: um eine 
V Persönlichkeit, die, getragen von den Schwingen ihres unvergleich- 
•^ liehen Grenius, mit seltsamer Überlegenheit im Beginn eines neuen 
\ Zeitalters der Kultur sich ermißt, der Menschheit den Weg zum sozialen 
l Heil zu weisen und mit ihren Gredanken die Zukunft beherrscht hat 
^ wie kein anderer sozialen Problemen zugewandter Denker des ver- 
3"^ flossenen Jahrhunderts. In Ehrfurcht gebietender Einsamkeit steht 
^ Saint-Simon in seiner verworrenen Zeit da, mit der Selbstsicherheit 
\|rdes Grenies sich orientierend in dem ihn umwogenden Chaos und mit 
V prophetischer Gabe hineinweisend in ein Zeitalter, das auch wir Heutigen 
'->snoch erstreben. So konnte er die größten Männer seiner Zeit für die 
>^ erhabene Sache, der er sein wechselreiches Leben gewidmet, begeistern 
und den entscheidenden Anstoß geben zu Großtaten sondergleichen: 
welchem Denker des vergangenen Jahrhunderts könnte man eine viel- 
fältige Schülerschar von solcher Erlesenheit nachrühmen, wie Saint- 
Simon, dem, wie sich uns ergeben hat, Männer wie Comte, Bazard, 
Carlyle und Marx viele, zum Teil alle Hauptpunkte ihrer so einfluß- 
reichen sozialphilosophischen Systeme verdanken ? In die psychologfisch 
durchaus nicht leicht erfaßbare Wesenheit dieses Mannes einzudringen, 
das Chaos seiner Ideenreihen zu entwirren, den Denker einzugliedern 



— IV — 

in das Kulturbereich seiner Zeit, zu zeigen vor allem auch, was er für 
die Zukunft bedeutet hat — dies etwa sind die Ziele, die zu erreichen 
der Verfasser bestrebt war. 

Noch ein Wort an die verständigen Leser und Kritiker meines 
Buches. Sie möchten bedenken, daß sie es nicht mit dem Werke eines 
ausgereiften Gelehrten zu tun haben, sondern mit der Erstlingsschrift 
eines armseligen Doktors der Philosophie, der, noch durchaus An- 
fänger, ohne irgend welche fremde Förderung und Leitung seine eigenen 
Wege gehen mußte. Niemand wird sich mehr freuen als gerade der 
Verfasser, wenn Berufenere als er die Sache, der er seine schwachen 
Kräfte gewidmet hat, besser machen werden. Zu seinem Bedauern mußte 
er freilich sehen, daß eben solche, die sich wohl berufen dünkten, die 
gleiche Aufgabe befriedigend zu lösen, die Janet, Warschauer, Weill, 
und wie sie alle heißen mögen, nur Unzureichendes, mitunter recht 
Mangelhaiftes geleistet haben. Ob die vorliegende Studie wohl einen 
wissenschaftlichen Fortschritt in sich birgt? Eines wenigstens glaubt 
der Verfasser erreicht zu haben: nämlich eine Klärung der bis heute 
noch völlig verschleierten historischen Stellung Saint-Simons, für ihn 
die imerläßliche Vorbedingung für den Entwurf eines weit umfassen- 
deren Werkes, von dem die folgenden Jahre wohl manches bringen 
werden. 

Würzburg, Oktober 1907. 

Friedrich Muckle. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorwort III 

Einleitung: Zeitverhältnisse und Kulturprobleme während und nach der 

französischen Revolution von 1789 i 

I. Buch. 
Leben und Lehre, 

1. Jugendjahre und Lebensschicksale des frühen Mannesalters .... 25 

2. Die erste Schrift: Briefe eines Genfers. 1802 39 

3. Zeiten der Not und Arbeiten. 1802— -1814 46 

4. Die positive Philosophie 58 

a) Das Problem der Wissenschaft 58 

b) Die Philosophie der Geschichte 70 

c) Der Anteil Saint-Simons am Ausbau der positivistischen Welt- 
betrachtung 81 

5. „De la riorganisation de la sodite europeenne". Saint-Simon imd 
Aug. Thieny 95 

6. Letzte Lebensschicksale und Arbeiten. 18 14 — 1825 iii 

7. Das Industriesystem 116 

a) Der gesellschaftliche Untergrund 116 

b) Die geschichtsphilosophische Grundlegung 135 

Die intellektualistische Geschichtsauffassung 135 

Die ökonomische Geschichtsauffassung 148 

c) Die Würdigung der Zeitströmimgen 170 

d) Die Organisation der Gesellschaftsordnung 201 

e) Die Idee der ökonomischen Assoziation 210 

f) Das neue Christentum 232 

8. Gesamturteil und Ausblick 244 



— VI — 

IL Buch. 
Die fortwirkende Kraft der Lehre. 

Sate 

1. Saint-Simon und August Comte 252 

2. Saint-Simon und der realistische Sozialismus 279 

a) Der Saint-Simonismus 279 

Die Krisis der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung 280 

Die Geschichte als Wissenschaft 286 

Das Schema der Menschheitsentwicklung 288 

Die Lage der arbeitenden Klasse in der Gegenwart .... 290 

Die Produktionsoiganisation der Zukunft 292 

Neue Grundsätze der Erziehung 297 

Das Religionsproblem 298 

Die Lehre Bazards in ihrem Verhältnis zu den Anschauungen 

Saint-Simons 305 

b) Saint-Simon und die ökonomische Geschichtsauffassung. Sein 
Einfluß auf Marx 309 

3. Saint-Simon und Carlyle 345 

4. SchluBbetrachtung 380 



Berichtigungen. 

Seite 3, Zeile 3i von oben lies: von der einigenden Kraft statt dardi die einigende Kraft. 
„ 6 „ 3 von unten lies: die Epodien statt die Epodie. 
„ 9 „ 14 von unten lies: braachten statt bedurften. 

„ 28 „ 37 von oben lies: menscfaheitbegiflckend statt menscfaheitsbeglückend. 
„51 „ 9 von unten lies: triplement statt triblement 
„ 89 „ 3 von unten lies: humaine statt humain. 
n 94 » 22 ^on unten Ues: allen seinen statt aller seiner. 
„ 102 „ I von oben lies : das der statt die der. 
„ 108 „ I von unten lies: MuAe statt Muse. 
„110 „ 15 von unten lies: dem er statt den er. 
„ 199, Anm. I Zeile 6 von oben lies: un d6veloppement statt une d6veloppement 



Einleitung^). 

Zeitverhältnisse und Kulturprobleme während und 
nach der französischen Revolution von 1789. 

Wenn es wahr ist, daß die Sonderart des Wirkens einer Persönlich- 
keit, namentlich . wenn diese sich vornehmlich sozialen Problemen zu- 
gewandt hat, nicht verstanden werden kann ohne Kenntnis des Milieus, 
in dem sie gelebt, so gilt dieser g^ndlegende Satz besonders für Saint- 
Simon. Denn gerade er, der sich mit dem Fanatismus einer über- 
schwänglichen Begeisterung die Aufgabe gestellt hatte, das soziale 
Leben an der Hand seiner durch geschichtliche Erkenntnis gewonnenen 
Prinzipien zu gestalten, wurde, wie Lorenz Stein treffend bemerkt 
hat, von dem Strome des historischen Fortschreitens selbst in so starkem 
Maße erfaßt, daß man einen großen Teil seiner Schriften geradezu als 
wertvolle Dokumente auffassen kann, in denen sich die verschiedenen 
Tendenzen des historischen Geschehens, wie sie das Wechselspiel der 
gesellschaftlichen Kräfte bewirkt, in subjektiver Eigenart widerspiegeln. 
So haben die Zeitverhältnisse also den Weltverbesserer selbst gestaltet, 
und das geschichtlich Bedeutsame wie für ihn Charakteristische iist eben, 
daß er den durch die veränderten Bedingungen des kulturellen Lebens 
erzeugten Problemen und deren Lösungsversuchen in einer individuellen 
Konzentration das eigenartige Gepräge seiner großzügigen Persönlich- 



i) Für die Abfassung des folgenden Abschnittes ist benutzt worden: Taine, Die Ent- 
stehung des modernen Frankreich. Deutsch von L. Katscher, 6 Bde. Carlyle, Die fran- 
zösische Revolution, 3 Bde. Sybel, Geschichte der Revolutionszeit 1789 bis 1800, 10 Bde. 
Lorenz Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere 
Tage, 3 Bde., 1850. Brandes, Die Hauptströroungen der Literatur des neunzehnten Jahr- 
hunderts, I. u. 3. Bd. Jaurös, Histoire socialiste, Paris. Kautsky, Die Klassengegen- 
sätze von 1789, Neue Zeit 1884, u. a. m. 

Ich sehe mich veranlaßt, auf die Abhängigkeit meiner geschichtsphilosophischen An- 
schauungen von der Theorie Karl Marxens und des unvei^Ieichlichen Lamprecht, wie 
dieser sie in seiner „Deutschen Geschichte" großzügig entwickelt hat, hinzuweisen, 
liuckle, Henri de Saint-Simon. I 



keit aufzudrücken wußte. Und doch besteht, wenn wir, die Wesensart 
seiner Denkrichtung erkennend, uns von den oft raschen und scheinbar 
unvermittelten Uebergängen seiner wissenschaftlichen Strebungen nicht 
täuschen lassen, ein fester Pol in dem bunten Gewirr seiner Gedanken- 
komplexe, der eine durchaus gefestigte Einheit des Ganzen begründet : 
es ist die Tatsache, daß bei all dem raschen Wechsel der Forschungs- 
objekte das Ziel das gleiche bleibt Es besteht in der gewaltigen Auf- 
gabe einer totalen Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie 
sie durch die zerstörenden Kräfte der großen Revolution geschaffen 
worden sind. Die Erkenntnis der niederreißenden Tendenz der Revo- 
lution ist der Ausgangspunkt aller Denkarbeit Saint-Simons, und nur 
wer in den Kern dieses weltbewegenden Schauspiels eingedrungen ist 
und die fortzeugende Kraft seiner Prinzipien zu überschauen vermag, 
ist in den Stand gesetzt, den Denker und Politiker Saint-Simon in 
der ganzen Größe seiner historischen Bedeutung zu verstehen. So ist 
es geboten, wenigstens mit ein paar Strichen das Porträt der großen 
Revolution, des historischen Untergrundes alles Strebens Saint- 
Simons, zu entwerfen. 

Wir wissen heute, nachdem wir durch mannigfache tiefgehende 
Untersuchungen belehrt, daß der Wesensgehalt der französischen Revo- 
lution des Jahres 1789 in der gewaltsamen Sprengung der feudalen 
Fesseln durch den Ansturm des aufstrebenden Kapitalismus bestand, und 
daß selbst die philosophischen Auswirkungen des französischen Auf- 
klärungszeitalters, so individuell und selbstherrisch sie auch auftraten, 
letzten Endes auf ökonomischem Boden erwachsen sind, auf dem Unter- 
grund nämlich der um ihre Vorherrschaft kämpfenden neuen Wirtschafts- 
epoche. Es galt auszufechten den Kampf eines Zeitalters, das unge- 
hemmte Entfesselung der wirtschaftlichen Kräfte und völlige Freiheit 
wissenschaftlicher Forschung forderte, mit einer Epoche, deren Eigen- 
art Gebundenheit des ökonomischen und religiösen Lebens ausmachte, 
und es ist klar, daß sich, in Ansehung der Schroffheit, mit der sich die 
Vertreter so verschieden gestalteter Kulturepochen gegenüberstanden, 
der Sieg der neuen Ära nur auswirken konnte durch eine systematische 
Zertrümmerung des alten Gesellschaftsbaues. Diese also war das Werk 
der Revolution. 

In welcher Weise hat sich nun dieser Prozeß einer Zerstörung der 
wirtschaftlichen und intellektuellen Gebundenheit vollzogen? Es wird 
nützUch sein, entsprechend der Kontinuität alles historischen Geschehens, 
den Blick wenigstens in flüchtigster Umschau nach jener Epoche zu 
wenden, aus der sich, anfangs leise und selbst dem scharfen Auge kaum 
bemerkbar, später mit der AUgewalt eines weltbezwingenden revo- 
lutionären Anpralls, das moderne PVankreich entwickelt hat: nach dem 
Mittelalter also. 



Da ergibt sich nun, daß das gesellschaftliche Leben, soweit es sein 
Gepräge von der ökonomischen Grundlage der sozialen Ordnung 
empfängt, in seiner . Gestaltung bedingt war durch den Grundbesitz, 
dessen wirtschaftliche Ausnützung bei dem Vorherrschen landwirtschaft- 
licher Betätigung die sozial nützlichste Arbeit bildete, während die 
industrielle Beschäftigung, sowohl was ihre soziale Wertung anbelangt, 
als auch im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung, nur eine 
untergeordnete Stelle einnahm. Dabei war charakteristisch die strenge 
und ausgedehnte Regulierung der ökonomischen Verhältnisse, die jene 
Freiheit des wirtschaftlichen Lebens, die sich heute besonders in der 
freien Konkurrenz dokumentiert, zur Unmöglichkeit machte und eine 
feste, in verschiedenartigen Gegenseitigkeitsverhältnissen begründete 
Solidarität verbürgte. Enge verknüpft mit der ökonomischen Basis der 
mittelalterlichen Gesellschaftsordnung war die Kirche, die als Besitzerin 
ungeheurer Komplexe von Ländereien in bedeutsamem Maße wirtschaft- 
lich interessiert war und vermöge der autoritativen Art ihrer Geistes- 
richtung in tiefeinschneidender Weise zur Erhaltung des Bestehenden 
beitrug. So stellte das soziale System des Mittelalters ein in allen Teilen 
festgefügtes Ganzes dar, ruhend auf einer, Jahrhunderte hindurch wenig- 
stens in den Grundzügen ihre Stetigkeit bewahrenden wirtschaftlichen 
Grundlage und durchdrungen durch die einigende Klraft einer alle 
Schritte des I^bens begleitenden dogmenstarren Religion. Damit hing 
dann zusammen die überragende Stellung des Adels und der Geistlich- 
keit, die ihnen als den wirtschaftUch und intellektuell führenden Schichten 
zukam. 

Unterwühlt wurde diese Gesellschaftsordnung durch die stetig fort- 
schreitende Entwicklung der Industrie und der Wissenschaften. Dem 
Zeitalter der Gebundenheit folgte in einem Prozeß allmählicher Über- 
gänge die Epoche des Individualismus, bewirkt durch heftige Kämpfe 
des Neuen mit dem Alten und oft verzögert durch häufige Rückschläge. 
Aber doch war der Sieg des Neuen verbürget. Das Bürgertiun, der 
Repräsentant des neuen Wirtschaftssystems, gewann in erfolgreichem 
Fortschreiten immer mehr an sozialer Macht und gab dem gesell- 
schaftlichen Sein durch seine neuen Produktionsmethoden und die 
emsige Pflege der Wissenschaften, sowohl der Natur- als auch der 
Geisteswissenschaften, eine neue Lebensg^ndlage, die sich schroff von 
der Überlieferung abhob: die Form gebundenen wirtschaftUchen Han- 
delns wurde verdrängt durch die freie, wenn auch noch in mannig- 
facher Beziehung regulierte Unternehmung, und die demütige, gläubige 
Unterwerfung unter die Gewalten einer allherrschenden Religion wurde, 
in den führenden Schichten wenigstens, abgelöst durch das radikale 
Postulat einer freien wissenschaftlichen Forschung. Dies in den all- 
gemeinsten Zügen die Entwickelung des Mittelalters hin zur Neuzeit 



— 4 — 

In keinem Lande wirkte sich dieser Konflikt zweier Gesellschafts- 
ordnungen in heftigeren Kämpfen aus als in dem Frankreich nament- 
lich des achtzehnten Jahrhunderts: eine Folge der bedeutsamen Höhe 
der auf der neuen Baisis erfolgten ökonomischen und wissenschaftlichen 
Entwickelung und der Schroffheit, mit der die alten Gewalten sich zu 
behaupten suchten. In der Tat: welche Widersprüche lagen in den 
gesellschaftlichen Verhältnissen dieses Landes beschlossen! Auf der 
einen Seite der furchtbare Druck einer in feudalistischen Anschauungen 
befangenen Monarchie, die zwar der kapitalistischen Entwickelung nicht 
gerade feindlich gegenüberstand, sondern diese sich vielmehr finanziell 
dienstbar machte, dann der grenzenlose Luxus einer pfh'chtvergessenen 
Aristokratie und hohen Geistlichkeit, die gemäß ihrer unerhörten Privi- 
legien eine systematische Aussaugung des arbeitenden Volkes bewirkten, 
auf der anderen Seite ein ökonomisch und geistig auf hoher Stufe stehen- 
des Bürgertum, das, gehemmt in der freien Betätigung seiner Kräfte 
durch vielfach aus dem Mittelalter herübergekommene Fesseln, nach Frei- 
heit lechzte, und eine unter ihren Lasten fast erdrückte Bauernschaft — 
in der Tat, mußten diese Mißstände nicht zu heftiger Opposition heraus- 
fordern ! Dank der Lebendigkeit des französischen Geistes machte diese 
sich auch in einer nie wieder gesehenen Allseitigkeit und Zähigkeit 
geltend, so daß ihrem Ansturm der alte morsche Bau nicht widerstehen 
konnte. Und ist es nicht selbstverständlich, daß sich diese agfitatorische 
Kritik zuerst und vornehmlich gegen die Autorität der katholischen Kirche 
mit ihrem die Tradition sanktionierenden Wirkungscharakter wandte? 

Glänzend waren die Vorbedingungen eines erfolgreichen Vorstoßes 
gegen die bevormundende Religion, die, wie es im Wesen jeder herr- 
schenden Macht begründet ist, mit aUen ihr zu Gebote stehenden Mitteln 
jeden Fortschritt, der eine mögliche Gefährdung ihres Bestandes in sich 
barg, zu bekämpfen suchte: die Wissenschaft hatte sich nach den ver- 
geblichen Versuchen einer im Enthusiasmus erstrebten Durchdringung 
des Alls, wie dies die Systeme der Renaissance kennzeichnet, in be- 
scheidener Restriktion der mühevollen Analyse der einzelnen Teilgebiete 
des Seins zugewandt und im ungehemmten Verlauf eines methodisch 
verbürgten Fortschrittes unerhörte Ergebnisse gezeitigt. Die Natur- 
wissenschaften hatten sich ihr Existenzrecht erkämpft und gegenüber dem 
alten System theologischer Deutung der Phänomene den Grundsatz eines 
voraussetzungslosen Denkens zur Geltung gebracht Newton hatte 
sein auch heute in den Grundlagen noch nicht überholtes Weltsystem auf- 
gestellt, und in den verschiedensten Wissensgebieten, in der Mathematik, 
l*hysik, Geologie, Physiologie, Chemie, Zoologie wurde durch die Arbeiten 
eines D'Alembert, Lavoisier, Buffon, Lamarck und vieler 
anderer das Fundament zu einer durchaus neuen Weltbetrachtung gelegt 
Und was besonders wichtig ist: die so gewonnenen Ergebnisse wurden 



— 5 — 

nicht wie in England als ein treu zu bewahrendes Gut eines sich als 
bevorrechtet dünkenden kleinen Kreises zurückgehalten, sondern ihrer 
etwa anhängenden strengen wissenschaftlichen Form entkleidet und in 
der den Franzosen eigentümlichen Klarheit und Eleganz auch der 
Kenntnis weiterer Schichten der Bevölkerung zugänglich gemacht Hat 
doch selbst der geistsprühende Voltaire sich herbeigelassen, New- 
tons physikalische und astronomische Theoreme mit dem ganzen Glanz 
seiner überzeugenden Weise zur Darstellung zu bringen. 

Es ist natürlich, daß bei diesem sieghaften Vorwärtsschreiten dieser 
neuen Forschungsart auch die einer theologischen Interpretation be- 
sonders leicht zugeneigten Gebiete aus ihrem alten Verharrungszustande 
gerüttelt wurden und sich anschickten, die formalen Prinzipien der neuen 
Methode wissenschaftlichen Erkennens auch ihrerseits zu nutze zu 
machen: es sind die Geisteswissenschaften. Psychologie, Moral- 
wissenschaft, Nationalökonomie, Geschichtswissenschaft wurden auf der 
gewonnenen methodischen Grrundlage aufgebaut, und überall wurde 
den immanent wirkenden Faktoren, die also ohne Dazwischentreten einer 
höheren, unsichtbaren Macht die Eigenart der zu erklärenden Phänomene 
bedingen, nachgespürt. Dank diesen methodischen Errungenschaften 
war nun auch die Möglichkeit gegeben, die verwickelten Probleme 
des gesellschaftlichen Lebens voraussetzungsloser, wissenschaftlicher Be- 
handlung zu unterwerfen, die Diskussion auf der wohlgegründeten Basis 
wissenschaftlicher Demonstration zu führen und im sicheren Erkennen 
der sozialen Wirklichkeit die Richtlinien einer sachgemäßen Reform 
festzulegen'. Gewiß läßt sich nicht abstreiten, daß bemerkenswerte 
Fortschritte auch in sozialphilosophischer Hinsicht dem wissenschaftlichen 
Streben des achtzehnten Jahrhunderts zu verdanken sind, ja daß selbst 
manche dieser Leistungen mit lange wirkender Krsift mannigfache 
Strömungen des verflossenen Jahrhunderts in oft richtunggebender Weise 
beeinflußt haben. Aber was die herrschende Tendenz der 
Forschungsmethode auf den verschiedenen Disziplinen, die einer Er- 
fassung des gesellschaftlichen Seins sich zuwandten, betrifft, so fällt uns 
Heutigen auf, daß man, infolge der Einwirkung des naturwissenschaft- 
lichen und mathematischen Geistes, unfähig war, die soziale Wirklichkeit 
in der großen Mannigfaltigkeit ihrer individuellen Prägungen zu er- 
fassen und im Streben nach allgemeinen Gesetzen nichts als wesenlose 
Abstraktionen schuf. Man war nicht im stände, das kulturelle Leben 
zu schildern als das, was es sich dem unbefangenen Blicke darbietet, 
als ein kompliziertes, durch die Wechselwirkung der verschiedensten 
Elemente bedingtes Ganzes, das im Fortgang der historischen Ent- 
wickelung in nie rastender Weise seine Gestaltung ändert, man 
vemachlässigfte vielmehr wichtige Seiten der Kultur ganz und, was 
noch schlimmer ist, man wußte den Wert einer geschieht- 



— 6 — 

liehen Betrachtungsweise überhaupt nicht zu schätzen 
und diese einer Erfassung der Zeitumstände dienstbar 
zu machen. Hat doch selbst der große Politiker und National- 
ökonom Turgot, trotzdem seine frühesten Schriften bemerkenswerte 
Ansätze zu einer universalhistorischen Forschungsart enthalten, in 
seinen späteren volkswirtschaftlichen Arbeiten in einer, wie August 
Oncken mit Recht hervorhebt, störenden Weise aller geschichtlichen 
Untersuchung der wirtschaftlichen Phänomene entsagt, und de Tracy 
und Sieyfes sprechen die Wertlosigkeit der angeblichen historischen 
Wahrheiten als Hilfsmittel einer Orientierung im Bereiche der Gegen- 
wart offen aus. Wie der Mathematiker, von einem gegebenen Axiom 
ausgehend. Schritt für Schritt, alle Erfahrung beiseite lassend, in der 
klaren Anordnung einer logischen Deduktion zu seinen Ergebnissen 
gelangt, ebenso verfuhr auch der Klassizismus des achtzehnten Jahr- 
hunderts, wie Taine diese Denkrichtung bezeichnet hat, und die Durch- 
sichtigkeit seiner Erörterungen, in denen man mit gleichsam blutleeren 
Begriffen, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Vernunft, die Tiefen sozialwissen- 
schaftlicher Erkenntnis zu ergründen sich ermaß, war zwar ein an- 
scheinender Vorzug, aber sie ersetzte nicht den Mangel wahrer Wissen- 
schaftlichkeit. Vor lauter Abstraktionen übersah man das Handgreifliche, 
und in einem Zeitalter heftigster sozialer Gegensätze unterließ man es, 
mit dem Rüstzeug der Wissenschaft den Ursachen und der Art der 
Mißstände nachzugehen. „Man findet nichts über Geldverhältnisse, es 
ist keine Spur von Statistik, von Berichten über Heiraten, Prozesse, 
Güterverwaltung, die Lage der Pfarrer, der residenten Feudalherren und 
Priore, der Intendanten u. s. w. Alles was die Provinz und das Dorf, 
die Bürgerschaft und den Handel, die Armee und den Klerus, die 
Justiz und die Polizei, die Industrie und die Hauswirtschaft betrifft, ist 
unklar oder falsch, und um etwa« Brauchbares herauszubringen, muß 
man sich an den merkwürdigen Voltaire wenden, der, wenn er das 
klassische Gewand ablegt, sich frei gehen läßt. Die Literatur schweigt 
über die vitalsten Organe der Gesellschaft, über die Verhältnisse und 
Sitten, die zur Revolution führen werden, über die Feudah-echte und 
die herrschaftliche Gerichtsbarkeit, über die Organisation der Klöster, 
über die Provinzzollämter, über die Zünfte und das Meisterrecht, über 
Zehent und Frohndienst" ^). Und dabei welche Zuversicht in die 
Sicherheit der Ergebnisse, mit denen, wie es Condorcet stolz aus- 
sprach, die Epoche des naiven Dahinlebens und unschuldiger Befangen- 
heit einer unentwickelten Gesellschaft nun abgeschlossen sind, um 
dem Heranreifen eines neuen, aufgeklärten Zeitalters freie Bahn zu 



I) Taine, Die Entstehung des modernen Frankreich. Deutsche Bearbeitung von 
L. Katscher, Bd. I, S. 248. 



— 7 — 

schaffen. Die Vernunft sollte den Maßstab für die Beurteilung des Be- 
stehenden abgeben und die Herrschaft der Autorität der Tradition 
durch eine strenge Analyse der sozialen Elemente abgelöst werden. 
Und dieser Analyse gibt man sich mit unglaublicher Ausdauer hin. 
Zuerst, um einige wichtige Denker anzuführen, mit der tiefbohrenden 
Skepsis eines Bayle, dann in der besonnenen Weise eines Montes- 
quieu, des eifrigen Verfechters der konstitutionellen Monarchie, mit 
dem Radikalismus des geistvollen Voltaire und dem Ernst der Wort- 
führer der Enzyklopädie, jenes großen Sammelwerkes, das in wohl- 
gestalteter Darstellung den weitesten Kreisen die wissenschaftlichen 
Leistungen des Jahrhunderts zuführte. Durch diese vielseitige Kritik 
unterwühlte man tatsächlich den Respekt vor der Tradition, und im 
Kampfe gegen die mannigfachen Mißstände war es namentlich der 
Ansturm gegen das Christentum, insbesondere den Katholizismus, der 
mit einer bis zum Fanatismus gesteigerten Verbissenheit sich auswirkte. 
Voltaire vor allem war es, der die systematische Unterwühlung der 
Grundlagen des Katholizismus mit wirkungsvollem Gespötte vornahm 
imd als wahre, natürliche Religion einen fahlen Deismus predigte, 
während andere den krassen Atheismus vertraten. Auch die Moral- 
philosophie reinigte man von allen theologischen Bestandteilen, und' man 
versuchte es, von dem einzigen Grundprinzip der Selbstliebe ausgehend, 
das ganze verwickelte Gewebe der sittlichen Handlungen und Regungen 
abzuleiten. Und dasselbe Vorgehen auf dem Gebiete der Rechtsphilo- 
sophie, wo man, jedes historischen Sinnes bar, mit ein paar abstrakten 
Phrasen glaubte, den Schlüssel zur Lösung des großen Zeitproblems ge- 
funden zu haben. Am klarsten vielleicht ausgesprochen ist die Tendenz 
der abstrakten Verfahrungsweise des achtzehnten Jahrhunderts bei 
J. J. Rousseau, der, tief erschüttert von den Gebrechen seiner Zeit, 
die erlösenden Worte fand, den schon hell glimmenden Funken der 
Begeisterung zur auflodernden Flamme entfachte und so jene Vorbe- 
dingung schuf, die die Quelle alles Großen sein kann. Er hat bei all 
seiner sonstigen Verblendung das noch keineswegs geklärte Sehnen 
der Nation erlauscht und mit der Durchsichtigkeit seiner Schlagworte 
die Rolle des großen Propheten übernommen. Es kaum natürlich 
nicht unsere Aufgabe sein, die tiefeinschneidenden und vielgestaltigen 
Leistungen Rousseaus, wie seine Kritik der modernen Kultur mit 
ihren, wie er meint, vornehmlich verderblichen Einflüssen, seine Reaktion 
gegen den Kult des Intellekts von selten der Aufklärungsphilosophie, 
seinen Kampf für eine neue, gefühlsmäßige Erfassung der Wirklichkeit 
und die verschiedenen, auf dem Untergrund dieser Lehren entstandenen 
Reformideen, wie die Ausmalung seines einer Zeit vornehmlich frühester 
Kultur entnommenen sozialen Ideals, auch nur mehr als zu erwähnen; 
wir müssen uns bescheiden vielmehr mit der kurzen Wiedergabe 



— 8 — 

jener Lehren, die zu hervorragender sozialer Bedeutung namentlich 
während der Revolution gelangt und die den Geist der Gedanken- 
strömung des Aufklärungszeitalters, dessen Eigenart zu erkennen für ein 
Verständnis der Ideen Saint-Simons unerläßlich ist, besonders klar 
kennzeichnen: es sind die rechtsphilosophischen. Da zeigt sich nun, 
wie Rousseau zur Konstruktion seiner rechtsphilosophischen Begriffe 
in einer, methodologisch betrachtet, geradezu sklavischen Abhängigkeit 
von dem schon erläuterten mathematischen Geiste gelangt So, wenn 
wir das Trugbild des natürlichen Menschen oder, wie es auch heißt, 
des Menschen im allgemeinen, einer näheren Betrachtung unterziehen. 

Die ganze ungeheure Vielgestaltigkeit der individuellen Sonderheiten 
der Menschen, sowohl innerhalb der einzelnen Zeitalter als auch im 
Bereiche der verschiedenen Geschichtsepochen wurde, dank der nivel- 
lierenden Tendenz aller Abstraktion, geradezu ausgelöscht und ersetzt 
durch ein Phantom, das im Gehirne des Denkers, aber nicht in der 
Wirklichkeit sich vorfand. Ist doch der natürliche Mensch ein von 
allen verderblichen Kultureinflüssen befreites Wesen, das ausgestattet 
ist mit moralischem Sinn und der Gabe vernünftigen Urteilens, und ein 
Volk ist weiter nichts als eine Summation dieser vermeintlichen Reali- 
täten. Und nun kann das Geheimnis der Reform, die Idee der Wieder- 
geburt des Menschengeschlechts, enthüllt werden. Der alte Gesellschafts- 
vertrag, mit dem die politische Gesellschaft beginnt und der auf nichts 
weiter hinausgeht als auf eine Unterwerfung der Schwachen durch die 
Starken, wird beseitigt und ein neuer Vertrag abgeschlossen, aber dies- 
mal unter Individuen, die alle, wie ja der Begriff des natürlichen 
Menschen zeigt, frei und gleich sind und nur das Gute wollen. So 
wird eine neue Zeit beginnen, das Reich der Freiheit und Brüderlich- 
keit, die alten Standesunterschiede und Vorrechte werden verschwinden, 
und in harmonischem Gang wird die gesellschaftliche Entwickelung, 
geleitet und kontrolliert von dem Gesamtwillen der Nation, sich voll- 
ziehen. Kurz, eine radikale Demokratie, errichtet auf der durch den 
Abschluß des Gesellschaftsvertrages gewonnenen neuen Grundlage, wird 
der Menschheit das ersehnte Heil bringen. Sie wird den zur Freiheit 
und Gleichheit geborenen Menschen erlösen von dem Druck einer 
lügenhaften, unterjochenden positiven Religion und in der Vernichtung 
aller sozialen Vorrechte eine gerechte Gestaltung des gesellschaftlichen 
Lebens mit sich bringen. 

Wenn wir auf die Abhängigkeit der Prinzipien der Aufklärungs- 
philosophie von den Tatsachen des neu erwachten Wirtschaftslebens 
hingewiesen haben, so sollte damit natürlich nicht die Möglichkeit einer 
restiosen Ableitung dieser Prinzipien von den wirtschaftlichen Bedürfnis- 
regungen angedeutet werden, vielmehr nur die sozialpsychische Wesens- 
verwandtschaft der philosophischen und ökonomischen Lebensäußerungen. 



— 9 — 

Damit soll also nicht etwa gesagt werden, daß die einzelnen Denker als 
klar bewußte Vertreter der aufstrebenden Wirtschaftsepoche sich fühlten, 
sondern es soll damit vor allem der Erklärungsgrund für den hervor- 
ragenden Einfluß ihrer Wirksamkeit gegeben werden. Oder hat denn 
je in der Geschichte eine Gredankenströmung in der Tiefe des sozialen 
Lebens Wurzel zu fassen und die Grundlagen der sozialen Wirklich- 
keit dauernd und prinzipiell zu ändern vermocht, wenn sie nicht ver- 
ankert war in dem festen Boden einer sozial fortschrittlich gewandten 
Entwicklungsrichtung? Und wenn das Losungswort der französischen 
Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts der Ruf nach Erlösung der 
Persönlichkeit von den Banden bevormundender Mächte war, wo konnte 
da der Widerhall ein lauterer und das Verlangen nach Verwirklichung 
des erstrebten freiheitlichen Kulturideals ein heftigeres sein als gerade in 
jenen Kreisen, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, den Druck einer 
erzwungenen Bindung ihrer Kräfte besonders fühlten, in den Schichten 
eines in rascher Entwicklung begriffenen modernen Bürgertums? Dieses 
wcir es, das, indem es die liberalen Ideen der Intelligenz einsog, die 
Saat der neuen Gedanken auf fruchtbarem Felde reifen ließ und durch 
die Bundesgenossenschaft mit der Mctsse des gedrückten Volkes eine 
mächtige Kampfesreihe bildete. Und wenn die Zeit gekommen war, 
die die Bourgeoisie von ihrer politischen Rechtlosigkeit und sozialen 
Geringschätzung dank der ihr tatsächlich zukommenden sozialen Macht 
befreien sollte, mußte da nicht mit der Wucht einer sieghaft vorwärts- 
drängenden elementaren historischen Kraft die neue Gedankenströmung 
sich geltend machen? Freiheit und Gleichheit, diese Forderungen der 
instinktiv das kulturelle Hauptbedürfnis empfindenden großen Denker, 
schrieb daher das Bürgertum auf seine Fahne, und Freiheit und Gleich- 
heit war es in der Tat, was die gebundenen Kräfte der sozialen Öko- 
nomie, wollten sie sich, dem ihnen innewohnenden Drange folgend, 
ausleben gleichsam, vornehmlich bedurften. 

Es ist bekannt, daß zur Neige des achtzehnten Jahrhunderts nament- 
lich in England die Gewerbe der Stoffveredlung die höchste Stufe 
kapitalistischer Ausnützung der Naturkräfte mit dem Aufkommen des 
fabrikmäßigen Großbetriebs erreichten. In mannigfachen Zweigen in- 
dustrieller Betätigung, der Textilindustrie und im Eisengewerbe be- 
sonders, wurde durch die Erfindung höchst leistungsfähiger Arbeits- 
maschinen der wirtschaftliche Effekt auf ein bisher nie gekanntes 
Ausmaß gesteigert und durch Zuhilfenahme der Dampfkraft ein mit 
höchster Genauigkeit funktionierender, zur Auswirkung größter Energieen 
befähigter Motor gewonnen. Mit schwerem Druck lastete diese tech- 
nische Revolution des nahen Inselreiches, das für seine billigen Waren 
in den Ländern des Kontinents eine wohlgeneigte Aufnahmsstätte fand, 
auf der Industrie des nachbarlichen Frankreich, die, der Durchführung 



— lO — 



einer merkantilistischen Politik zufolge, rasch und mächtig aufgeblüht, 
aber unter dem Druck starrer, einengender Reglementierungsformen die 
neuen technischen Errungenschaften oft nur schwer sich zu eigen 
machen konnta Dabei hatte die auf der Stufenleiter des Grroßbetriebs 
erstarkte ökonomische Entwicklung den Geist der freien Unternehmung 
erweckt, der für sich dcis Recht eigenen persönlichen Handelns be- 
anspruchte, und die reglementierende Politik des absolutistischen Staates 
mit ihren einengenden Bestimmungen bei der Neugründung von Unter- 
nehmungen, ihren bindenden Vorschriften über einzuschlagende Pro- 
duktionsmethoden, war zur hemmenden Fessel geworden. Frei von 
jeder bureaukratischen Bevormundung, im sicheren Vertrauen auf die 
eigene Fähigkeit wollte das erstarkte Bürgertum handeln und in freier 
Selbstbestimmung die politische Grewalt seinen Zwecken dienstbar machen. 
Da galt es, ein großes, einheitliches Wirtschaftsgebiet zu schaffen, das 
dem Handel einen weiten, freien Spielraum der Betätigung ermöglichte 
und für die provinziellen Selbständigkeiten, die auf den Gebieten fis- 
kalischer Eingriffe und der Verwaltung bis zur Unerträglichkeit sich 
bemerkbar machten, keinen Raum ließ. Und weiter noch gingen die 
Forderungen des zum klaren Bewußtsein seiner sozialen Lage ge- 
kommenen Bürgertums: eindringen wollte es in die ihm noch ver- 
schlossenen Gebiete der Berufstätigkeit, die einer untätigen Kaste, dem 
Adel vorbehalten waren, teilhaben überhaupt an jenen den Privilegierten 
gewährten sozialen Vergünstigungen und sich so befreien von dem 
Makel auch der formellen Geringschätzung. Damit paarte sich mit dem 
ökonomischen Interesse der Neid, und die inhaltsschwangere Sehnsucht 
nach Freiheit und Gleichheit wuchs sich aus zum unheildrohenden 
Kampfesruf einer im tiefsten Grunde ihrer Seele verletzten sozial mäch- 
tigen Klasse. 

Und dasselbe Bedürfnis nach freiheitlicher Reform war vorhanden 
im Bereiche handwerksmäßigen Schaffens, Hatten doch die Zünfte mit 
ihren beschwerlichen Zunftrechten sich ausgeartet zu einem Monopol der 
Meister, die, von dem Hauche des neuen Geistes kaum berührt, jeden 
Zudrang aus dem dienenden Stande der Gesellenschsift ferngehalten und, 
gestützt durch das finanzielle Interesse des Staates, der Monopole für 
ein finanzielles Entgelt gern bewilligte, sich weitgehende Privilegien 
verschafft. So war denn den Gesellen, es sei denn, daß sie sich auf 
verwandtschaftlichen Beziehungen begründeter Gunst erfreuten, die Er- 
reichung einer „ehrlichen Nahrung" in weite Fernen gerückt, und mit 
den außerhalb der Zunft stehenden und damit wirtschaftlich benach- 
teiligten Meistern bildeten sie, schon im Hinblick auf ihre große Zahl, 
ein dem Privilegienstaat nicht wenig gefährliches Element. Freilich 
wiesen sie mit ihren Forderungen mehr in die Vergangenheit als in 
die Zukunft, aber doch gab ihr Verlangen nach Sprengung der ex- 



— II — 

tremen zünftigen Geschlossenheit, die ihnen den ersehnten Eintritt in 
den Meisterberuf unmöglich machte, wie überhaupt die Forderung nach 
Beseitigung der den Meistern gewährten Privilegien, dem revolutionären 
Prinzip nach einer freiheitiichen Gestaltung der sozialen Verhältnisse 
einen weiteren Nährboden. 

Bedenkt man, daß sich zu diesen Massen unzufriedener Bevölkerungs- 
teile noch weitere gesellten, die im Hinblick auf ihre soziale Lage 
empfänglich waren für die so allgemein gehaltenen Grundsätze revo- 
lutionärer Agitation, so ist einleuchtend, wie sehr auf so gefestigtem 
und weit ausgebreitetem sozialen Untergrund die Idee eines Umsturzes 
der alten sozialen Organisation sich kraftvoll auswirken konnte. Und 
diese Elemente waren in großer Anzahl vorhanden, und indem sie den 
niedrigsten, von jeder Verfeinerung des Empfindens weit entfernten 
Kreisen angehörten, bildeten sie die bei jeder großen revolutionären 
Bewegung faist nie fehlende unterste Schicht, bei der mehr die Instinkte 
roher Leidenschaft als die oft schwer erfaßbaren Grundsätze politischer 
Forderungen den Antrieb zum Handeln abgeben. Da kommen einmal 
in Betracht die große Menge rein proletarischer Existenzen, die Arbeiter 
der Manufakturen und Fabriken, die, allen den schwer empfundenen 
charakteristischen Wechselfällen einer kapitalistischen Wirtschaftsweise 
schon häufig ausgesetzt, den erhabenen Lehren von der Freiheit, Gleich- 
heit und Brüderlichkeit ein wohlgeneigtes Ohr schenkten, es gehören 
hierher jene modernen Kleinuntemehmer, deren wirtschaftliche Lage 
enge verknüpft ist mit der der Arbeiter, also Verkäufer alkoholischer 
Getränke und sonstiger Gegenstände des Gebrauchs, nicht zu vergessen 
jenes in den Städten des damaligen Frankreich besonders stark vertretene 
lichtscheue Gesindel, das, als der trübe Bodensatz der Gesellschaft, aus 
verschiedenen deklassierten Elementen, Betüern, Landstreichern, Dieben 
und Räubern zusammengesetzt, das furchtbare Heer eines zum Los- 
schlagen stets bereiten Limipenproletariats bildete. 

So verschiedenartig waren also die einzelnen Strömungen, deren 
Richtpunkt in einer Änderung des Bestehenden lag. Aber sie alle 
einte die Feindschaft gegen den verrotteten Privilegienstaat, und im 
Kampfe gegen den gemeinsamen Feind wurde der noch schlummernde 
Gegensatz so heterogener Bestandteile des Volkskörpers, wenn auch 
nicht gerade erstickt, so doch dem gemeinsamen Wollen unter- 
geordnet. Der dritte Stand, jene aus Bürgertum, Bauernstand, Gesellen 
und Proletariern verschiedener Abstufung zusammengesetzte bunt- 
schillernde Masse, b£irg so die Kraft sieghaften Handelns in sich und 
konnte sich selbst auf die Hilfe einzelner energischer Kräfte der 
Aristokratie verbissen. Aber mußten im Fortschreiten der historischen 
Entwickelung jene kaum erkannten Keime ungleicher Interessen sich 



— 12 



nicht ausreifen zum offenen, klar formulierten Gegensatz wirtschaftlich 
so verschieden strebender Gruppen*)? 

Welches war nun, sozialpsychologisch betrachtet, das Ergebnis all 
dieser verschiedenen wirtschaftlichen und intellektuellen Strebungen? 
Die strenge Gebundenheit des mittelalterlichen Daseins, durch die dem 
einzelnen dank der allseitigen Geltung normativer Bestimmungen, wie 
solche vorhanden w£iren innerhalb der Zunft, der kaufmännischen Gilden, 
des Klerus, des Adels, des Bauernstandes, die feste Richtimg seines Han- 
delns vorgezeichnet war, war völlig geschwunden, die starren Bande 
einer autoritativen Religion, die dem gesellschaftlichen Leben die Kraft 
einer bindenden und damit Festigkeit bürgenden Macht gewährleistet, 
waren in den aufstrebenden, ja selbst in den oberen Schichten alter 
Prägung gelockert, und die zentrifugalen Wirkungen individueller 
Willensrichtungen haben der Zeit ihren Stempel aufgedrückt: der Gre- 
sellschaftskörper ist geradezu aufgelöst in lauter isolierte Individuen, die 
soziale Solidarität ist schrankenlosem Egoismus gewichen, „Der niedrige 
Klerus ist gegen die Prälaten, der Provinzedelmann ist gegen den Hof- 
adel, der Vasall gegen den Seigneur, der Landbewohner gegen den 
Städter, die städtische Bevölkerung gegen die städtische Oligarchie, 
eine Pfarre gegen die andere, eine Körperschaft gegen die andere, ein 
Nachbar gegen den anderen feindselig gestimmt"^. 

Hält man sich diese soziale Atomisierung vor Augen, so ist ein- 
leuchtend, wie leicht im Falle eines Sturzes der politischen Macht, die 
durch den Druck einer rohen Polizeigewalt noch einigermsißen die 
Ordnung aufrecht zu erhalten vermochte, die großen Parteiungen der 
Nation mit der ganzen, in dem eminenten Widerstreit ihrer Prinzipien 
begründeten Wucht aufeinanderstoßen mußten. Und diesen Kampf in 
Klassen geschiedener Elemente, der sich nun nach einer seinen offenen 
Ausbruch hemmenden Periode des Absolutismus, zufolge einer gewalt- 
tätigen Zerstörung der politischen Macht des Königtums, entfesseln 
konnte, diesen Kampf stellt das weltbewegende Schauspiel der Revo- 
lution von 1789 dar. Kein Wunder deshalb, wenn in ihrem Verlauf 
die gegensätzlichen großen Strömungen in ihrer radikalen Ausschließ- 
lichkeit gegeneinanderprallten und wenn sie, zur Herrschaft gelangt, ihre 
Grundsätze mit rücksichtsloser Folgerichtigkeit durchzusetzen suchten! 
Und wenn, etwas grob ausgedrückt, der große Konflikt des Zeitalters 
beschlossen lag in dem Widerstreit mittelalterlicher und moderner Ten- 
denzen, konnte da sich das Neue anders behaupten als durch eine 



i) Daß einzelne Teile der Bouxgeoisie, wie die Hochfinanz, die den Bedürfnissen des 
Luxus dienenden Industriellen u. a. einer Reform der Verhältnisse weniger zugänglich waren, 
hat schön gezeigt: Kautsky, Die Klassengegensätze von 1789, Neue Zeit 1884. 

2) Taine, Die Entstehung des modernen Frankreich. Übers, v. L. Katscher, Bd. I, 
S. 442. 



— 13 — 

kraftvolle Zerstörung eben jener Institutionen, die einen Hemmschuh 
seiner freien Entwickelung bildeten? 

Versuchen wir nun, den Verlauf der destruktiven Wirkungsweise 
der Revolution in ihren verschiedenen Ausprägungen zu verfolgen, so 
zeigt sich mit untrüglicher Deutlichkeit, wie sehr der Kerngehalt dieser 
großen Bewegung in ökonomischen Tatsachen beschlossen lag, in dem 
großen Antagonismus nämlich, wie ihn das rasch erwachte ökonomische 
Freiheitsstreben und der Bestand bindender Bevormundung zeitigte. 
Man erinnere sich, daß die agitatorische Kritik des Aufklärungszeitalters 
eingeleitet wurde mit einer eiUseitigen Unterwühlung der positiven, 
namentlich der katholischen Religion als jener geschichtlichen Macht, 
deren Träger, an der Erhaltung des Bestehenden lebhaft interessiert, 
mithin mit aller Gewalt die Wege jeder freiheitlichen Gestaltung der 
Verhältnisse zu sperren suchten, während die ökonomische Kritik im 
Sinne des laissez faire, laissez passer erst später einsetzte. Wie ganz 
anders nun zur Zeit des Beginnes der Revolution, wo das aufstrebende 
Bürgertum, nun im Besitze der politischen Gewalt, handeln, und also 
wohl vornehmlich im Sinne der als am dringendsten gefühlten persön- 
lichen Bedürfnisse handeln konnte I Nicht daß sich etwa ein Umschlag 
in der feindlichen Stimmung gegen das Christentum in seiner offiziellen 
Vertretung, wie sie die Aufklärungsphilosophie beherrschte, bemerkbar 
gemacht hätte, der Kampf gegen die Autorität der Kirche wurde viel- 
mehr, wie wir sehen werden, rücksichtslos aufgenommen, aber er wurde 
geführt doch erst in zweiter Linie. Hatte man doch in der konstituierenden 
Versammlung mit ihrer Erklärung der Menschenrechte, die Freiheit 
des Forschens und Glaubens verbürgte, sich noch einschüchtern lassen 
von der Erhabenheit der Religion und mit keinem Worte unerbittlicher 
Kritik oder des Spottes und der Verachtung gar die Rechtmäßigkeit 
des Bestandes dieser nun bald Jcihrtausende überdauernden Institution 
angezweifelt Wie radikal und klar ausgesprochen in ihrer Tendenz 
waren dagegen die Maßnahmen wirtschaftlichen und sozialen Inhaltes, 
die das neue Parlament mit seinen bürgerlichen Interessevertretern er- 
griffen hatte: das System eines vollständigen wirtschaftlichen und sozialen 
Subjektivismus brach mit einer unerhörten Plötzlichkeit durch, und die 
ersehnte Freiheit und Gleichheit, freilich eine Gleichheit besonderen 
Sinnes, wie sich uns noch ergeben wird, ward nun zur Wirklichkeit im 
wirtschaftlichen Leben. Man beseitigte, und zwar ohne Gegenleistung, 
alle Feudallasten, deren Entstehung begründet lag in den mittelalter- 
lichen Gegenseitigkeitsbeziehungen des Grundherrn und der Hörigen, 
die dem ersteren also zukamen als Beschützer der ihm Untergebenen 
gegen feindliche Angriffe, wie als Ausüber der Rechtsprechung und 
Verwaltung, und untergrub damit die wirtschaftliche Macht des Adels 
vollständig. Man ging noch weiter und verbot dem Adel selbst die 



— 14 — 

Führung aller der verschiedenartigen Titel, wie den eines Herzogs, 
Grafen, Marquis u. a. m., die man als unverträglich mit dem Bestehen 
einer wahren politischen Freiheit erachtete. Und um jede Vereinigung 
großer wirtschaftlicher Machtmittel in den Händen des nun einmal dem 
Untergang geweihten Adels zu verhindern, verlangte man beim Erb- 
gang die Aufteilung des Grundbesitzes je nach der Anzahl der Erb- 
berechtigten in verschiedene gleiche Komplexe und ließ die übliche 
Bevorzugung des ältesten Sohnes auf keinen Fall zu. Somit war der 
Feudalismus, schon längst ein historisch überlebtes Gebilde, beseitigt 
und der Landwirtschaft jene Beweglichkeit gegeben worden, die sie 
zur Erzielung dauernder Fortschritte nicht entbehren kann. Auch auf 
den übrigen Grebieten wirtschaftlichen Daseins zersprengte man die 
schon gekennzeichneten Fesseln mit einer bis zum Fanatismus gesteigerten 
Rücksichtslosigkeit: man hob die verknöcherten Korporationen der 
Handwerker mit all ihren Privilegien auf, beseitigte die lokalen Ver- 
tretungskörper und weitete, indem man jene Schranken vernichtete, 
deren Vorhandensein von der nach Ungebundenheit strebenden Industrie 
so lästig empfunden worden, Frankreich aus zu einem einzigen, durch 
gesetzliche Gleichheit seiner einst unterbimdenen Teile sich auszeichnenden 
großen Wirtschaftsgebiet. Alles dieses waren meist heilsame Maßnahmen, 
die den Zeitbedürfnissen entsprachen. Aber hieß es nicht ein gesundes 
Prinzip in sein Gegenteil verdrehen, wenn man im Streben nach Be- 
freiung des Individuums von den bindenden Gewalten jede Notwendig- 
keit irgendwie vorhandener Verbände leugnete und nur die ganz auf 
sich selbst gestellte PersönUchkeit als den einzigen Kern des G^sell- 
schaftslebens gelten ließ? So untersagte man jede Verbindung der 
Lohnarbeiter zu gemeinsamer Aktion und beraubte damit die sozial 
Schwachen des einzigen Mittels, das ihnen dauernd die Kraft zum 
selbständigen, ihrem Wohle dienenden Handeln verbürgt hätte. Und 
schlimmer noch, man hemmte nicht nur die Entfsiltung neuer Mächte 
festigender Art, sondern vernichtete in blinder Zerstörungswut alle 
schon vorhandenen Einrichtungen, deren Zweck in dem Zusammen- 
wirken ihrer gemeinsame Interessen verfolgender Glieder beruhte, mochte 
ihre Wirkung nützlich oder schädlich sein : „sämtliche Kongregationen, 
Bruderschaften und Gesellschaften, seien sie männlich oder weiblich, 
geisüich oder welüich, desgleichen alle Stiftungen zu Kultus-, Wohl- 
tätigkeits-, Erziehungs- und Bekehrungszwecken, endlich alle Seminare, 
Kollegien, Missionshäuser, die Sorbonne und die Navarre"^). 

In dieser Weise vollzog die Revolution das große negative Werk, dcis, 
dem Interesse des sich entwickelnden Bürgertums vornehmlich dienend, 
mit einem Schlage die für seine stracke Entfaltung unerläßlichen Vorbe- 



i) Taine, Die Entstehung des modernen Frankreich, II, i, S. 214. 



— 15 — 

dingfungen schuf, eine Tatsache, die uns noch weiterhin beschäftigen 
wird. Ebenso schroff waren die Vorstöße gegen die geistigen Autori- 
täten, den Katholizismus vor allem, dessen Macht gebrochen werden 
mußte, sollte das große freiheitliche Ideal der Zeit seiner allseitigen 
Verwirklichung entgegengeführt werden. Um dieses zu erreichen, ent- 
nahm man natürlich die Waffen dem reichen Arsenal philosophischer 
Kritik, das in raschem Fortgang der Forschung die Denker der Auf- 
klärung geschaffen hatten : wie überhaupt in der politischen Diskussion 
der Revolutionszeit die philosophischen Begriffe des Aufklärungszeitalters 
eine große Rolle gespielt, so daß selbst bedeutende Historiker in Ver- 
kennung der wahrhaft elementaren Triebkräfte des kulturellen Fort- 
schreitens sich versucht sahen, dem ideologischen Momente die Bedeutung 
eines für die Grestaltung des großen historischen Schauspieles grund- 
legenden Eigentriebs zuzuweisen. 

Der große Mirabeau hat einmal als Aufgabe der Revolution die 
Dekatholisierung Frankreichs bezeichnet und damit scharfsichtig die 
Notwendigkeit auch einer Abschüttelung des drückenden intellektuellen 
Joches vorausgesehen, die vollzogen werden mußte, sollte der neuen 
Zeit des ökonomischen Subjektivismus auch die völlige Freiheit geistigen 
Strebens, die ihre, psychologisch betrachtet, notwendige korrelative 
Lebensäußerung bildet, verbürgt sein. Ein erster Schritt einer Gewähr- 
leistung religiöser Freiheit war jener Artikel lo der Menschenrechte, der 
völlige Gewissensfreiheit jedem zusteht, dessen Ansichten die gesetzliche 
Ordnung der Verhältnisse nicht zu untergraben geeigtiet wären. Damit 
war wenigstens formell die Möglichkeit ungehinderter Religionsübung 
allen bestehenden Gemeinschaften gegeben und dem Katholizismus das 
bisher zugestandene Vorrecht der einzigen Staatskirche versagt Wie 
aber, wenn die Hierarchie, die Unvereinbarkeit des Grundsatzes der 
Gewissensfreiheit mit der Ausschließlichkeit und Starrheit ihrer Dogmen 
empfindend, zur Verurteilung der ihre Grundfesten erschütternden libe- 
ralen Reformen schritt oder gar den offenen Kampf durch Zuhilfenahme 
ihrer immer noch in vielen Kreisen wirksamen Autorität herbeiführte? 
War es da anders möglich, wenn der in der Nationalversammlung noch 
verhaltene Groll gegen den Klerus sich zum glühenden Hcisse steigerte, 
der zu nichts anderem als zu einer gewaltsamen Geltendmachung der 
freiheitlichen Grundsätze und damit zu einem Sturze der hierarchischen 
Gewalten führen konnte ? Denn trotz der Einziehung feist aller Kürchen- 
güter und des Verbotes der religiösen Gesellschaften hatte sich die 
Greistlichkeit dank der Gebundenheit ihrer Denkrichtung, namentlich 
aber der allerseits sich aufdrängenden Gegnerschaft, zu neuer Einheit 
gefestigt, die sich dem Ansturm der neuen Mächte kräftig zur Wehr 
setzta So brach denn ein Kampf los, der auf beiden Seiten mit bar- 
barischer Grrausamkeit geführt wiu-de und zu furchtbaren Metzeleien 



— i6 — 

führte. Mit unerhörter Roheit wurden alle Priester, die die neue Ord- 
nung der Dinge bekämpften, verfolgt und die Institutionen der Earche 
einer systematischen Vernichtung preisgegeben. Gekrönt wurde dieser 
Prozeß der „Dekatholisierung** Frankreichs durch das in die Schreckens- 
zeit fallende Fest für das höchste Wesen, eine im Sinne der Natur- 
religion Rousseaus veranstaltete Feier, die offensichtlich zeigte, wie 
sehr die Dogmen der Kirche untergraben und die Freiheit in Sachen 
der Religion in weiten Kreisen Gemeingut war. Ja, so weit ging die 
Feindsch£ift gegen die Kirche, daß man versuchte, alles weis an die 
Grröße ihrer einstigen Macht erinnern könnte, kiu'zweg zu beseitigen: 
den christlichen Kalender mit seinen Anklängen an die Würdenträger 
und Heiligen des Katholizismus, die vielen kirchlichen Feste und selbst 
den Sonntag. 

Somit hatte die Revolution, vorbereitet durch die großen wirtschaft- 
lichen und geistigen Strömungen des achtzehnten Jahrhunderts, in einem 
furchtbaren Paroxismus die bindenden sozialen und geistigen Autoritäten 
gestürzt und zur Lösung des großen Problems sich angeschickt, der 
Persönlichkeit die ganze Selbstherrlichkeit eines sich frei auslebenden 
Daseins zu gewähren. Freilich ist es bei einem Versuche geblieben. 
Denn mit nichten ist ein Volk jenes einheitliche Gebilde, das, auf eine 
konforme sozialpsychische Grundlage gestellt, in seiner Gesamtheit 
eine erhöhte Stufe kulturellen Lebens zu erklimmen vermag; langsam 
vielmehr folgen die die Mehrzahl bildenden geistig zurückgebliebenen 
Schichten den vorwärts drängenden Grruppen, und Mächte längst ver- 
gangener Zeiten behaupten ihre mehr oder minder geschwächte soziale 
Stellung, ungeachtet ihrer Unvereinbarkeit mit den errungenen Grund- 
lagen einer neuen Kultur, oft durch Jahrhunderte hindurch. Nirgends 
tritt diese überall bemerkbare Erscheinung klarer hervor als in dem 
Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts. Gewiß benötigte die über- 
wiegende Mehrheit der Nation angesichts der ungeheuren Mißstände 
die Befreiung von dem Drucke einschnürender Gewalten im vollsten 
Maße, und wie allgemein dieses Bedürfnis im Bereiche des wirtschaft- 
lichen Lebens war, beweist die Tatsache, daß die neue subjektivistische 
Grundlage der ökonomischen Produktion in der Folgezeit nicht nur 
unangetastet blieb, sondern auch einen bedeutsamen wirtschaftlichen 
Aufschwung ziu- Folge hatte. Anders lagen dagegen die Verhältnisse, 
wenn wir die intellektuelle Durchbildung des Volkes in seinen ver- 
schiedenen Gruppen einer näheren Betrachtung unterziehen. Wie un- 
endlich groß war doch da der Abstand zwischen dem verhältnismäßig 
kleinen Kreise jenes wirtschaftlich und auch geistig schon regsamen 
Bürgertums und der großen Masse, die, das Opfer einer Jahrhunderte 
währenden Mißwirtschaft, verachtet und im beschränkten Kreise eines 



— 17 — 

von Not und Sorgen stetig begleiteten Daseins gleichsam dahinvege- 
tierend, jeder freien Greistesrichtung unzugänglich sein mußte ! Es war 
unmöglich, daß diese unteren Schichten den Idealen einer subjek- 
tivistischen Geisteskultur zugänglich sein konnten, während anderer- 
seits die so hart bedrängte Kirche in diesen zurückgebliebenen Teilen 
der Nation wieder Wurzel fassen und so zu neuer Macht sich aus- 
wachsen konnte. In dieser Hinsicht kamen einem Erstarken und Neu- 
erwachen des Katholizismus nicht wenig zu statten auch die unerhörten 
Angriffe, welche die Kirche während der Revolution erdulden mußte. 
Nicht nur, daß sie die sittlich minderwertigen Elemente des Priester- 
standes zu innerer Einkehr veranlaßten, es umgaben auch die vielen 
Priesterverfolgungen die Träger des kirchlichen Gredankens mit jenem 
Glorienschein des Märtyrertums, der die Kraft ihrer Rede verstärkte 
und die Gefolgschaft treuer, hingebender Anhänger vermehrte. Weiter- 
hin muß in Erwägung gezogen werden, wie sehr, allen Anfeindungen 
zum Trotz, die soziale Macht der Kirche neu gefestigt werden mußte, 
wenn sie die Grrundsätze der Revolution, die doch jedem völlige Frei- 
heit der Überzeugung auch in religiösen Dingen zugestanden, sich zu 
eigen machte, um damit die Rechtmäßigkeit ihres Bestandes zu be- 
gründen. Und daß sie das tat, ist natürlich. 

Aber noch ein weiteres, in der Tiefe der menschlichen Psyche 
wurzelndes Moment muß als bestimmend für die Wiederbelebung einer 
gebundenen Denkungsart in Erwähnung gebracht werden. Es ist eine 
Tatsache, die fast mit einer gesetzmäßigen Gültigkeit in Erscheinung 
tritt: daß nämlich extrem radikale Auswirkungen einer psychischen 
Entwickelungsrichtung leicht in ihr Gegenteil umschlagen. Und radikal 
im höchsten Grade war das große Werk der Revolution, wenn man 
bedenkt, mit welcher Energie man die geistig und wirtschaftlich bin- 
denden Mächte einer durchgreifenden Vernichtung anheimgab und da- 
mit wohl eine im weiteren Verlauf des historischen Geschehens ihre 
Lebensfähigkeit bekundende Grrundlage einer neuen Entwickelung, aber 
vorerst — und dieses W£ir es, was sich selbst dem blöden Auge auf- 
drängte — eine heillose soziale Verwirrung schuf. Was Wunder deshalb, 
wenn man in der Erkenntnis dieser sozialen Aneirchie seinen Blick den 
Zeiten einer längst entschwundenen Vergangenheit des Mittelalters zu- 
wandte und die Festigung der sozialen Verhältnisse durch die Wieder- 
einsetzung der katholischen Hierarchie als einer autoritativ ordnenden 
intellektuellen Obrigkeit in ihre ehemalige beherrschende Stellung 
herbeiführen wollte! So stellten Männer von bedeutenden Fähigkeiten 
ihre Kraft in den Dienst des in weiten Kreisen des Volkes noch fort- und 
wieder neu auflebenden Katholizismus, und im Zweifel an die Lebens- 
fähigkeit der subjektivistischen Grundsätze der Revolution ersehnte man 

Mnckle, Henri de Saint-Simon. 2 



— i8 — 

die Rettung des aus seinem Fundamente gehobenen Gesellschaftsbaues 
von der sozial bindenden Macht der katholischen Kirche. Durch dieses 
Auftauchen tiefwurzelnder reaktionärer Zeitströmungen wurde gleich- 
sam bewiesen, wie wenig der extreme Subjektivismus mit seinen indi- 
viduell bedingten Normen religiösen und moralischen Inhalts als Re- 
gulator des gesamten sozialen Lebens geeignet war, und wie sehr die 
Nation nach einer bindenden Macht und nach Erlösung von jener unter 
dem Namen der Freiheit ihre furchtb£U-en Grundsätze verwirklichenden 
Schreckensherrschaft sich sehnte, beweist die Tatsache, daß man selbst 
unter dem Despotismus eines Napoleon, dieser ironischen Ausgeburt 
einer nach allseitiger Freiheit strebenden Revolution, erleichtert auf- 
atmete. Dabei ist charakteristisch und für unseren Zweck einer Dar- 
legxmg der historischen Tendenzen des ausgehenden achtzehnten und 
beginnenden neunzehnten Jahrhunderts wichtig, daß Napoleon sein 
großes Werk nicht zum mindesten durch Zuhilfenahme eben jener 
Macht seiner Vollendung entgegenführte, die nach den schweren Jahren 
der Revolution zu neuem Glänze sich entwickelte, der katholischen 
Kirche. 

Mit großem Scharfsinn hat es der Korse verstanden, frei von aller 
doktrinären Verblendung, die Wirklichkeit in ihrer wahren Beschaffen- 
heit zu erkennen und demgemäß seine großen politischen Maßnahmen 
den vorhandenen Machtfaktoren anzupassen. Mit einer wohlberechneten 
Klugheit stellte er, der religiös Indifferente, so auch die katholische 
Kirche in den Dienst seiner Aufgabe, die auf nichts Geringeres hinaus- 
lief, als die vielgestaltigen sozialen, politischen und geistigen Strömungen, 
die Anhänger des alten Regimes, die liberale Bourgeoisie, die kapi- 
talistenfeindlichen Jakobiner, die ihres Schicksals ungewissen Besitzer 
von Nationalg^tern, die vielen orthodoxen Katholiken ^) endlich zu einem, 
seiner inneren Gegensätzlichkeiten zwar nicht beraubten, aber doch ohne 
beträchtliche Störungen funktionierenden einheitlichen nationalen Gebilde 
zusammenzufügen. Er erkannte klar den sozial bindenden und ordnung- 
stiftenden Wesenscharakter der Religion und sprach dies mit aller Deut- 
lichkeit aus. Er sah im Christentum „nicht das Mysterium der Mensch- 
werdung Christi, sondern das Geheimnis der Gesellschaftsordnung. Die 
Religion verbindet mit dem Himmel eine Gleichheitserwsirtung, die 
den Armen hindert, den Reichen totzuschlagen" (1806). „Die Gesell- 
schaft kann nicht ohne die Vermögensungleichheit und diese nicht ohne 
die Religion bestehen. Wer als Nachbar eines reichen Schweigers 
langsam verhungert, kann sich mit diesem schreienden Gegensatz nur 
dann abfinden, wenn ihm von maßgebender Seite gesagt wird, Gott 



i) S. Taine, a. &. O. Bd. HI, i, S. 103. 



— 19 — 

will es so; es muß hinieden Arme und Reiche geben; im Jenseits aber 
wird es anders sein" (1800). Oder eine andere Äußerung: „Ohne die 
geistliche Macht kann man nicht gut regieren; ohne sie schwebt man 
jederzeit in Grefahr, die Ruhe, Würde und Unabhängigkeit der Nation 
beeinträchtigt zu sehen" ^). 

Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, schloß Napoleon 1802 
ein Konkordat mit dem Papst ab, unter Protest zw£ir eines Teils des 
immer noch republikanisch gesinnten Heeres und einzelner Liberalen, 
aber unter großer Begeisterung der Priester und der kirchentreuen Be- 
völkerung, die nun wieder ungehemmt ihren traditionellen religiösen 
Neigungen nachgehen konnten, wie ebenso mit selbstverständlicher Billi- 
gung aller derer, die während der Revolution die zum Verkaufe aus- 
gebotenen Kirchengliter erwarben, die ihnen nun nach Konkordats- 
beschluß rechtmäßig zukamen. Durch diesen Vertrag mit dem Papste 
wurde die Hier£irchie gleichsam als Organ in den wohlfunktionierenden 
Mechanismus der napoleonischen Staatsverwaltung eingefügt und so 
eine weitere Grundlage für ihre fernere Machtentfaltung geschaffen. 
Gewiß hat Napoleon durch eine peinliche Überwachung der Kleriker 
und selbst sorgfältige Prüfung aller Glaubenssätze einer neuen Stär- 
kung der kirchlichen Gewalt vorzubeugen versucht, aber nur mit nega- 
tivem Erfolg. Gestützt auf den Rückhalt der großen Masse und nicht 
zuletzt unter dem Einfluß der despotischen Maßregeln des Kaisers, der 
äch selbst nicht scheute, das Oberhaupt der Kirche in der würde- 
losesten Weise zu behandeln, wurde die Geistlichkeit ultramontan und 
scharte sich einmütig unter dem neuen Banner zu einer kraftvollen 
Kampfesreihe zusammen. 

Damit war also die Revolution mit ihren menschheitbeglückenden 
Idealen der Freiheit fast in ihr Gegenteil verdreht Gewiß brachte sie 
die Erlösung des arbeitenden Volkes von den drückendsten Lasten und 
die Befreiung des wirtschaftlichen Lebens von den die persönliche Ini- 
tiative unterbindenden Einengungen, aber sie vermochte es nicht, den 
Grund zu einer freien, alle Teile der Bevölkerung umfassenden Kultur 
zu legen. Machtvoll vielmehr, weil tief verankert in der gebundenen 
Denkungsart der großen Volksmasse, drang die religiöse Reaktion durch 
und feierte selbst in einer teils glänzenden Literatur, beginnend mit 
Bonald und kraftvoll fortgeführt durch Männer wie Chateaubriand, de 
Maistre, Lamennais, nie erhörte Triumphe. Es war, prüft man die Werke 
dieser Dichter und Gelehrten, als ob die ganze tiefe Forscherarbeit der 
großen Geister des achtzehnten Jahrhunderts vergebens gewesen wäre. 



1) Taine, a. a. O. Bd. III, 2, S. 7/8. 



— 20 

Man verspürt hier nichts von dem befreienden Hauch eines voraus- 
setzungslosen Denkens und der einleuchtenden Klarheit wahrhafter 
Wissenschaft, nur der oft vorwaltende tiefe poetische Sinn und packende 
Paradoxien, oder gewiß vorhandene tiefdringende Intuitionen machen 
die Lektüre dieser einer längst entschwundenen Geistesrichtung an- 
gehörenden Werke erträglich. Es ist sicherlich ein Verdienst dieser 
Männer, daß sie — soweit überhaupt von geschichtlichem Denken die 
Rede war — den Kerngehalt der modernen Entwickelung als einen 
Prozeß der Unterwühlung der geistigen Autorität des Mittelalters be- 
trachtet und daß sie auf die Schattenseiten dieser auf eine Freistellung der 
Persönlichkeit hinzielenden Bewegung, auf das Verschwinden der sozicil 
bindenden Kräfte und damit auf die Zerbröckelung des einst so fest ge- 
fügten Gesellschaftsbaues, unter heftigen Anklagen hingewiesen haben. 
Anders freilich steht es mit ihrem Reformplan, der Durchdringung aller 
gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Geiste der katholischen Kirche. 
Sieht man sich die Begründung dieser Grundidee näher an, so ergibt sich, 
welch' tiefgreifende Spuren die allseitige Zerstörungsarbeit der Aufklärungs- 
philosophie in einer Beziehung selbst in den Kreisen dieser Gläubigen zu- 
rückgelassen hatte: die alte, mittelalterliche Innigkeit der Gottesverehrung, 
wie sie verankert war in den allgemeinen Grundlagen einer gebundenen 
Geisteskultur, ist geschwunden, und die Religion zu einer zu den ver- 
schiedenartigsten Mitteln eines mechanischen Zwanges greifenden sozialen 
Gewalt degradiert worden. Ging doch de Maistre so weit, daß er die 
Inquisition, dieses Schreckbild eines barbarischen Zwanges, wieder 
empfahl und die Allmacht der päpstlichen Autoriät als das einzige 
Rettungsmittel vor der drohenden sozialen Auflösung verlangte. Dem 
entsprach nun die Anpreisung einer rein theologischen Forschungs- 
weise mittelalterlicher Prägung und als unerläßliche Folge die Ver- 
werfung jener in mühsamer wissenschaftlicher Arbeit errungenen Me- 
thode einer immanent-kausalen Betrachtung der natürlichen und ge- 
sellschaftlichen Erscheinungen. Man bekämpfte die religionsfeindliche 
moderne Philosophie, und de Maistre schickte sich an, in einem aus- 
führlichen Werke die Lehren Bacons, dieses Begründers und Förderers 
einer auf Abwege geratenen Forschungsweise, systematisch zu wider- 
legen. Überhaupt die ganze Skala von Grundsätzen einer die Freiheit 
der Persönlichkeit verbürgenden Kultur, die Gewissensfreiheit, die Preß- 
freiheit, die freiheitliche Gestaltung der politischen Verfassung, wurde 
verpönt und die sichtbaren Autoritäten der Kirche und des Königtums 
von Gottes Gnaden als die einzig zulässigen Mächte sozial bindenden 
Charakters anerkannt In einer vollständigen Verkennung des geschicht- 
lichen Werdens glaubte man allen Ernstes an die Möglichkeit, die 
ganze Kulturarbeit von Generationen auslöschen und das gesellschaft- 



21 

liehe Leben wieder in die Bahnen eines im idealen Scheine geschauten 
Mittelalters zurückschrauben zu können. 

Große Triumphe feierte diese intellektuelle und politische Reaktion 
dann nach der Rückkehr der Bourbonen, welche Dynastie, auch wenn 
sie vornehmlich durch das unter dem Druck der kaiserlichen Gewalt- 
herrschaft zuletzt schwer leidende Bürgertum in ihre Herrschaftsrechte 
wieder eingesetzt wurde, den rückschrittlichen Strömungen ihre volle 
Unterstützung zu teil werden ließ. Offen kündigte nun eine mächtige 
klerikal-royalistische Partei den großen Errungenschaften der Revolution 
ihre Feindschaft an : man wagte sich allen Ernstes, in tiefer Verblendung 
und alles historischen Sinnes bar, an die unmögliche Aufgabe, die 
Zeiten einer nach mittelalterlicher Art wieder gebundenen Kultur her- 
beizuführen. Freilich nur mit negativem Erfolg. Denn ehern ist der 
Gang der Geschichte und kraftvoll behaupten sich immerdar die in 
heftigem Ringen gewonnenen Grundlagen einer neuen Kultur, es sei 
denn, daß sie die Stütze aufsteigender Schichten der Nation entbehren. 
Und an diesem notwendigen Träger des neuen Kulturgehaltes fehlte 
es in Frankreich trotz aller Reaktion nicht Im Gegenteil: das nach 
den unruhigen Zeiten der Revolution und der Herrschaft Napoleons 
wieder wirtschaftlich erstarkte Bürgertum erkannte die Gefahr, die 
seinem Bestände drohte und griff wieder zu den einst wohlerprobten 
Waffen philosophischer Kritik. Rousseau und Voltaire namentlich 
vmrden wieder hervorgeholt, 1817 bis 1824 allein von einem einzigen 
Verleger 158000 Bände der Schriften des letzteren abgesetzt Dem 
gegenüber wurde der Eifer der Reaktionäre in Schranken gehalten. 
Gewiß wurden die unteren Klassen namentlich wieder der katholischen 
Kirche zurückgewonnen, wie ebenfalls der durch die Revolution ge- 
stürzte Feudaladel zu den regsten Anhängern der wiederbelebten Kirche 
gehörte. Aber neben einer politischen Bevorzugung der Reaktionäre, 
den Versuchen zur Unterdrückung der Preßfreiheit und der religiösen 
Toleranz, neben der gewalttätigen Verfolgung politisch und religiös 
Verdächtiger, vermochte man es doch nicht, das am tiefsten greifende 
Werk der Revolution, die Zerstörung des Feudalismus und die Schaffung 
der subjektivistischen Grundlage des ökonomischen Lebens, wieder 
rückgängig zu machen, so daß das Bürgertum, nun zu regem Fortschritt 
durch die allseitige Konkiurenz angetrieben, ungehindert seine soziale 
Macht erweitem konnta 

Es zeigt somit die hier versuchte flüchtige Skizzierung der nach- 
revolutionären Strömungen, wie die im achtzehnten Jahrhundert vor- 
handene Gegensätzlichkeit der Herrschaft einer religiösen Autorität 
einerseits und des Strebens nach einer freiheitlichen Gestaltung des 
geistigen Lebens andererseits die Stürme der Revolution überdauert, 



— 22 — 

ja in manchem Betracht sich weiter verschärft hat Enthusiastisch 
hatte man von der Durchführung der subjektivistischen Grundsätze das 
Heranbrechen eines neuen Zeitalters erwartet, einer Epoche nun der 
Freiheit und Gleichheit aller und damit auch des Glückes aller. Abet 
mit nichten hatte die frohe Botschaft der Glückseligkeit, die die Ge- 
müter von Millionen entflammte, das große Kulturideal der Zeit ver- 
wirklicht. Trotz der Untergrabung der ökonomischen Grundlage der 
katholischen Kirche und trotz all der großen Errungenschaften auf 
dem Gebiet der Wissenschaften, die zu unversöhnlichen Gegensätzen 
zu den kirchlichen Lehrmeinungen führten, hatte der Klerus wieder 
weitesten Einfluß gewonnen. Aber konnte denn die Klirche je wieder 
werden, was sie einstens untrüglich war: die fast das ganze Bereich 
Europas umspannende Lebensmacht, die als die vornehmliche Trägerin 
der damaligen Kultur allen als gottgegeben galt und deren Weisungen 
man ehrfürchtig sich fügte? Auf ökonomischem wie auf intellektuellem 
Gebiet ging ehedem die Klirche führend vor. Ihre großen Einkünfte 
wurden zu Zwecken der Wohltätigkeit verwendet, alle die gemein- 
nützigen Unternehmungen wurden von ihr geleitet, sie nahm sich der 
Hilflosen und Verlassenen eingedenk des Gotteswortes an. Die Bildungs- 
anstalten waren in ihren Händen, von ihr ging fast aller Fortschritt 
aus. Als eine selbst die Einzelheiten der Lebensführung regulierende 
Gewalt beherrschte sie den Menschen ; unbestritten noch war ihre gött- 
liche Sanktion; als die Inhaberin der Heilslehre gab sie den Suchen- 
den die tröstliche Gewißheit der ewigen Wahrheit Nun war das alles 
anders geworden. Ihrer einstigen wirtschaftlichen Machtmittel beraubt, 
vmrde der Kirche die Möglichkeit weitgehender sozialer Einwirkung 
genommen, während die Träger einer fortschrittlichen Kultur nun fast 
ausschließlich dem bürgerlichen Laienstande angehörten. Unmöglich 
also konnte sie dem Problem, das sich der nachrevolutionären Zeit auf- 
drängte, dem Problem einer organischen Zusammenfassung der aus- 
einanderstrebenden sozialen Gruppen und Individuen gerecht werden. 
Es ist Saint-Simon gewesen, der als erster dieser Kulturfrage eine 
moderne Fassung gegeben hat: wenn das Christentimi, entsprossen 
wie es ist einer intellektuellen Kultur nun längst vergangener Zeiten, 
zufolge einer grundsätzlichen Verschiebung dieser intellektuellen Grund- 
lage aus seiner sozialen und kulturellen Führerrolle für immer ver- 
drängt worden ist, vermag dann nicht eine neue Weltanschauung, auf- 
gebaut gerade auf jenem wissenschaftlichen Erfahrungsinhalt, der das 
alte Religionssystem unterwühlte, neue Kollektivkräfte von universeller 
sozialisierender Wirkung, wie sie dem Katholizismus während der Zeit 
seiner Blüte eigen war, schaffen? Mit einer so gestalteten Formu- 
lierung des sozialen Problems ist nun jener Gedanke gewonnen, 



— 23 — 

der in der Folgezeit eine große Rolle gespielt hat: der Gedanke einer 
neuen intellektuellen Zentralgewalt als organisato- 
rischer Macht gegenüber den durch die moderne Ent- 
wicklung aufgelösten kulturellen Verhältnissen. 

Wie stand es nun mit der erstrebten Freiheit, die die Beseitigung 
der von uns gekennzeichneten Schranken in ökonomischer Hinsicht 
mit sich bringen sollte? Hatte der ökonomische Subjektivismus jene 
soziale Harmonie heraufgeführt, deren Verwirklichung gleichzeitig die 
Verwirklichung auch der einzigen vernunftgemäßen Gesellschaftsord- 
nung bedeuten sollte? Es war nicht der Fall Die ökonomische 
Freiheit, wie sie durch die Revolution befestigt wurde, hatte wohl dem 
Bürgertum die Bahn ungehemmten Aufsteigens geöffnet, aber den 
mittellosen, schwachen Arbeiter isoliert, der Willkür der sich nun 
regellos auswirkenden sozialen Beziehungen ausgesetzt und ihm alles 
andere gebracht als Freiheit: gesetzliche Behinderung selbst aller Ver- 
suche, durch gemeinsame Initiative seine Lage zu verbessern. Das 
Sichselbstüberlassen des ganzen Wirtschaftsgetriebes hatte für den 
politisch entrechteten und ökonomisch auf sich selbst angewiesenen 
Arbeiter eine Ungunst der Lebensbedingungen geschaffen, wie sie die 
Zeiten der regulierten Unternehmung und der Zunftverfassung nicht 
gekannt hatte. Aber auch die Gegenseitigkeitsbeziehungen der führen- 
den Wirtschaftssubjekte boten, aller wissenschaftlichen Beweisführung 
zum Trotz, keineswegs das Bild einer harmonischen Gestaltung 
dar. Ein erbitterter Konkurrenzkampf war erwachsen, der den 
Schwachen dem Starken erbarmungslos opferte und dem Wirt- 
schaftsleben einen schwankenden, von heftigen Erschütterungen oft 
heimgesuchten Charakter verlieh. Das subjektivistische Wirtschafts- 
ideal war so weder ein solches der sozialen Harmonie für den Unter- 
nehmer, noch auch am wenigsten für den Lohnarbeiter. Ein in 
rascher Entwickelung beg^ffener Kapitalismus warf zu Beginn schon 
des neunzehnten Jahrhunderts in Frankreich seine düsteren Schatten 
voraus imd gab den sozialen Untergrund ab ^) für die Entstehung eines 
weiteren Problems, das wiederum zuerst von Saint-Simon in seiner 
weltgeschichtlichen Bedeutung erfaßt, zum Hauptproblem unserer Zeit 
geworden ist: der Idee einer Organisation der Gesellschaft 
auf ökonomischer Grundlage. Aus einer geschichtsphilosophischen 
Grundansicht ist dieser Gedanke bei Saint-Simon herausgewachsen, 
indem seinem in die Tiefe bohrenden Blicke offenbar wurde, daß die 
Gesellschaft nicht allein durch den Fortschritt des Wissens, sondern auch 
durch die neu entstandene Wirtschsiftsweise eine neue Lebensgrundlage 



i) S. darüber näheres im folgenden. 



— 24 — 

erworben hat. Im revolutionären Ansturm haben diese beiden Kultur- 
faktoren das Gesellschaftssystem des Mittelalters gesprengt, ohne aller- 
dings der Nation wieder zu geben, was sie früher besaß: eine feste 
Organisation. Diese beiden Grundkräfte also, die Wissenschaft und 
die Industrie, müssen ausgestaltet werden zu sozialisierenden Kollektiv- 
kräften, und indem nun neben der Wissenschaft auch die Industrie 
dank ihrer internationalen Verflechtung zu einer Völker verbindenden 
Macht geworden ist, so ist die Möglichkeit gegeben zur Schaffung einer 
Gesellschaftsordnung, die nicht allein, wie es im Mittelalter der Fall 
war, durch gemeinsame intellektuelle, religiöse Bande vornehmlich, 
sondern auch durch eine ökonomische Interessensolidarität zusammen- 
gehalten wird. 

Dieses ist der große Richtpunkt des Denkens Saint-Simons. 



I. Buch. 

Leben und Lehre. 

L Jugendjahre und Lebensschicksale des frühen 

Mannesalters. 

Eines der angesehensten Geschlechter des vorrevolutionären Frank- 
reich war das der Saint-Simon, welches, verschiedene Linien um- 
fassend, in Karl dem Großen den gemeinsamen Ahnherrn erblickte. 
Diu-ch zwei Sprößlinge hat dieses altadelige Haus einen die Grenzen 
I^ankreichs weit überschreitenden Ruhm erlangt: durch den Herzog 
vjon Saint-Simon, jenen berühmten Verfasser der nach ihm 
hfenannten Memoiren, und durch Claude-Henri de Rouvroy, 
(lomte de Saint-Simon, den gemeinhin als Vorlauf er des modernen 
läDzialismus bekannten Denker. Ersterer gehörte zur Linie der Rasse, 
letzterer zu der der Sandricourt, und nur weitläufig waren, entgegen 
der Meinung unseres Saint-Simon, die verwandtschsiftlichen Be- 
ziehungen dieser beiden Geistesgrößen. 

Über die Jugendjahre von Claude-Henri de Saint-Simon 
wissen wir nicht gerade vieL Aber doch ermöglichen uns die wenigen 
erhaltenen Nachrichten die Befriedigung der biographischen Neugier, 
auch die Individualität des erst Werdenden, wenigstens in ihren be- 
zeichnendsten Auswirkungen, zu erfassen, so daß wir in den Stand 
gesetzt sind, den verschlungenen Pfaden eines vielbewegten Lebens 
von den Zeiten der Kindheit bis zu den Jahren des Alters ungehemmt 
nachspüren zu können. 

Geboren ist Saint-Simon am 17. Oktober 1760 als das älteste 
Kind des Grafen von Saint-Simon, der eine ganze Reihe hervor- 
ragender Ämter inne hatte und durch seine Ehe mit der Mutter unseres 
Denkers, ebenfalls einem Sprößling des weitverzweigten Stammes der 
Saint-Simon , den Glanz seines Hauses durch die dadurch bedingte 
Zuführung großer Reichtümer beträchtlich zu steigern wußte. Die 



— 26 — 

Jugendzeit des Erstgeborenen hätte eine glückliche und ungetrübte 
sein können, wenn nicht das unbändige Wesen des Knaben allen er- 
zieherischen Einwirkungen eines treu besorgten Vaters zum Trotz — 
einer seltenen Ausnahme in der Zeit des Ancien Regime — die Harmonie 
des Daseins gestört hätte. Eine Entfremdung zwischen ihm und seinen 
Eltern war die Folge : denn wer konnte damals ahnen, daß in dem oft 
alles Herkommen kühn mißachtenden übermütigen Gebaren des Un- 
folgsamen gleichsam jene Kühnheit des Gedankenflugs sich ankündigte, 
die es dem reifen Manne ermöglichte, hinweg über die Gestaltungen der 
Gegenwart unbekannte Femen einer noch verschlossenen Zukunft näher- 
zurücken, oder wer vermochte gar in der überraschenden Entschlossen- 
heit, in der bis zum Eigensinn gesteigerten Selbständigkeit und in dem 
gefahrtrotzenden Mute des Knaben Vorbedeutungen einstiger Ausdauer 
in der Verfolgung großer Häne zu erkennen I So wird die Jugend des 
Denkers durch einzelne Züge gekennzeichnet, die auch später, wenn 
auch in anderer Form, die Sonderart seines Wesens ausmachen. Hier 
ein paar Einzelheiten: mit dreizehn Jahren weigerte er sich, an der 
Kommunion teilzunehmen, weil er andernfalls gegen seine Überzeugung 
handeln würde. Gleich Mirabeau wird nun der Widerspenstige von 
dem entrüsteten Vater in einem Gefängnis zur Strafe untergebracht, 
aber der Knabe überwältigt den Wärter und entzieht sich seiner Ge- 
fangenschaft durch die Flucht. Nur durch den Zuspruch einer nahen 
Verwandten, die sich des Flüchtlings annimmt, wird ihm wieder der 
Zutritt zum Elternhaus ermöglicht Auch anderes erzählt man : den Biß 
eines wütenden Hundes sucht er dadurch unschädlich zu machen, daß er 
die Wunde mit einer glühenden Kohle ausbrennt, und alle Gefahr miß- 
achtend, wirft sich der Übermütige vor einen sein Spiel störenden 
Wagen. Besonders bezeichnend aber, weil einen der tiefsten Züge 
seines Wesens ankündend, sind die oft angeführten Worte, mit denen 
sich der Fünfzehnjährige alltäglich von seinem Diener wecken ließ: 
„Stehen Sie auf", Herr Graf, „Sie haben große Dinge zu vollbringen". 
Gleich wie der jugendliche Lassalle, dessen Persönlichkeit in mannig- 
fachen Zügen an die Saint-Simons erinnert, als Auswirkung eines großen, 
aber noch unbestimmten Zielen zustrebenden Tätigkeitsdranges in seinen 
frühen Aufzeichnungen phantastischen, überschwänglichen Plänen nach- 
sinnt, ebenso kündet sich auch bei Saint-Simon in der Frühreife einer noch 
von den großen Fragen der Menschheit abgewandten Jugendzeit das 
Persönlichkeitsbewußtsein in der paradoxen Form einer übermäßigen 
Selbstüberhebung an. War es vielleicht die ihm diu-ch sorgsam gewählte 
Lehrer vermittelte Bekanntschaft mit den Problemen der Wissenschaft, die 
ihm den angeborenen Trieb zu kraftvoller Betätigung gestärkt oder ihm 
gar eine bestimmte Richtung seines Schaffens vorgezeichnet hatte? 
Leider sind wir über den Inhalt seines frühesten Bildungsganges nur 



— 27 — 

wenig unterrichtet; nur so viel erfahren wir, und zwar durch seine eigenen 
q)äteren Aufzeichnungen, daß man ihn geradezu mit Lehrern überhäufte, 
aber ihm nicht die genügende Zeit zu fruchtbarem Ausreifen der ihm 
übermittelten Gedanken ließ. Nur der große d'Alembert, den der hoch- 
geborene junge Herr seinen Lehrer nennen durfte, scheint ihn, nament- 
lich nach der philosophischen Seite hin, schon früh wirkungsvoll beein- 
flußt zu haben, und daß er mit den Ideen Rousseaus vertraut war, 
beweist die Tatsache, daß er, noch nicht neunzehn Jahre alt, den berühmten 
Denker persönlich aufsuchte. 

Es war der Familientradition gemäß, daß der hochstrebende Jüng- 
ling die militärische Laufbahn einschlug. Mit sechzehn Jahren zum 
Unterleutnant ernannt, wurde ihm durch den Ausbruch des cimerika- 
nischen Krieges die Gelegenheit gegeben, seine militärische Geschick- 
lichkeit zu erproben. In der Tat muß er, wie sich aus den noch 
erhaltenen Briefen an seinen Vater ergibt, durchaus Freude am Waffen- 
handwerk gehabt haben. Er nahm, bald zum Kapitän befördert, an 
einer Anzahl Schlachten teil und wurde schließlich gefangen genommen. 
Nach dem Frieden von Versailles kehrte er wieder nach Frankreich ziu-ück. 

Dieser Aufenthalt in Amerika, also einem Lande mit einer im 
Vergleich zu Frankreich durchaus eigenartigen Entwickelung, war 
von nicht geringer Bedeutung für den weiteren Werdegang des Jüng- 
lings: hier tat sich ihm eine Welt mit einer ihm bisher noch unbe- 
kannten inneren Gestaltung auf, und dies gab seinem großen, aber noch 
unsicheren Streben einen nun klarer gefaßten Inhalt Nicht der Krieg 
an sich, wie er später rückblickend erzählt, interessierte ihn, „wohl aber 
der Zweck des Krieges, und weil ich den Zweck wollte, so mußte ich 
auch wohl die Mittel wollen. Doch ganz entschieden gewann der 
Widerwille gegen das Waffenhandwerk in mir die Oberhand. Nur 
der Friede, dies fühlte ich klar, konnte der Schauplatz meiner Tätig- 
keit sein." Denn schon lenkte er hier, inmitten der kriegerischen Unter- 
nehmungen, seine Aufmerksamkeit auf die Fragen wissenschaftlichen und 
sozialen G^altes, die von nun an immer mehr in den Blickpunkt seiner 
Interessen rückten. Er erkannte die tiefe Kluft, welche die Verhält- 
nisse seines Mutterlandes von der freiheitlichen Verfassung Amerikas 
trennte, wo weder politische Vorrechte, noch wirtschaftliche Fesseln 
die friedlichen Arbeiten des Landes störten, und er wünschte, daß auch 
in Frankreich „die wirtschafüiche Freiheit, diese Pflanze einer neuen 
Welt, blühen möchte". Besonders charakteristisch für den kühnen Sinn 
des jungen Offiziers, dem es immer mehr zum Bewußtsein kam, daß es 
für ihn noch Höheres zu erstreben gab, als Waffenruhm zu ernten, 
war es, daß er dem Vizekönig von Mexiko den Plan eines interozeani- 
schen Kancüs vorlegte und sogar den Gedanken eines epochemachenden 
wissenschaftlichen Werkes mit sich herumtrug, „Wenn ich in einer 



— 28 — 

ruhigeren Verfassung wäre", berichtete er einmal seinem Vater, „würden 
sich meine Gedanken klären. Sie sind noch sehr verwirrt, aber ich 
habe die klare Erkenntnis gewonnen, daß, wenn sie einmal gereift sind, 
ich im Stande sein werde, ein der Menschheit nützliches Werk zu 
vollenden, was überhaupt der einzige Zweck ist, den ich in meinem 
Leben verfolge." 

Nach der Rückkehr von Amerika schickte sich Saint-Simon an, 
wie es scheint, wieder ungewiß seiner wahren Bestimmung, nochmals 
in den Krieg zu ziehen. Er begab sich als Abgesandter nach Holland, 
wo man eine Vertreibung der Engländer aus Indien mit französischer 
Hilfe plante, mußte aber unverrichteter Dinge abreisen. Nun kam 
der Dreiundzwanzigjährige, der unterdessen zum Obersten ernannt 
worden war, als Platzkommandant nach Metz, wo er, zur Untätigkeit 
verurteilt, erneut seine wissenschaftlichen Arbeiten aufnahm und bei 
Monge, der Professor an der Ecole du g6nie de Mezi^es war, mathe- 
matischen Studien oblag. Unzufrieden mit einer seinen Neigungen 
wenig entsprechenden Berufstätigkeit, reifte endlich in ihm der Ent- 
schluß, die Offizierslaufbahn aufzugeben, was dann auch 1788 geschah^). 

Sogleich war es wieder eine große Idee, die zu verwirklichen der 
Ruhelose sich ermaß und seine wissenschaftlichen Bestrebungen in den 
Hintergrund drängte: er wollte gemeinsam mit dem Grafen von 
Cabamis, einem Bankdirektor und späteren Minister, Madrid durch 
einen Kanal mit dem Meere verbinden, wurde aber durch den Aus- 
bruch der französischen Revolution an der Ausführung des gewaltigen 
Werkes verhindert. 

Welche Gelegenheit nun für einen Mann, dessen scharf ausge- 
prägter Aktionsdrang menschheitsbeglückenden Aufgaben zugewandt 
war, seine Kräfte dem höchste Ideale erstrebenden Werke dienstbar 
zu machen! Wohl begeistert von den großen Erfolgen der National- 
versammlung, hat aber Saint-Simon, abgestoßen von der in blinder 
Überstürzung hervorgerufenen, alles vernichtenden Wirkung der Revo- 



i) Hier die „Notice des Services de Saint-Simon": 

„Rang de sous-lieutenant, sans appointement, au r^giment de Touraine (infanterie), le 
15 janvier 1777. 

Capitaine attach6 au corps de la cavalerie, le 3 juin 1779. 

Attache au r^giment de Touraine (infanterie), le 14 novembre 1779. 

Aide-major g6n6ral de Parm^e de Bouill^ le 22 mars 1782. 

Mestre de camp en 2* du r^ment d' Aquitaine (infanterie), le i* janvier 1784. 

Colonel attachd au corps de Pinfanterie, le 22 juillet 1788. 

Chevalier de Saint-Louis, le 29 mars 1791 (Sans renseignements ult^rieurs). 

Campagnes: 1779, 1780, 1781, 1782 et 1783 Am6rique. 

Blessures : a re^u deux blessures et a ^t€ fait prisonnier sur le vaisseau la Ville-de-Paris. 

Note. Une Pension de 1500 livres sur le Tresor royal lui a et6 accordte le 29 d6cembre 1785, 
en consid6ration de ses Services pendant la guerre d'Am^rique.** 



— 29 — 

lution, mehr die Rolle des kritisch abwägenden Beobachters als des 
tätig eingreifenden Politikers übernommen. Sicherlich hätte er ja, nun 
in der Vollkraft des Mannesalters, auch an hervorragender Stelle, hätte 
ihn die Lust zum Handeln angefacht, mitbestimmend in den Gang der 
Dinge eingreifen können. Wurde er doch zu Beginn der Revolution 
von der Wählerversammlung seiner Gemeinde Falvy zum Vorsitzenden 
gewählt, in welcher Stellung er mit feierlicher Versicherung das frei- 
heitliche Werk der Constituante als seiner eigenen Überzeugung ent- 
sprechend pries. „Es gibt keine Seigneiu-s mehr", führte er aus, „und 
auch ich verzichte gerne auf meinen GrafentiteL" Und in einer im 
Namen der Versammlung des Kantons Marche-le-Pot von ihm abge- 
faßten Adresse an die konstituierende Versammlung verlangte er, daß 
man die „distinctions impies" der Geburt rücksichtslos unterdrücken 
möge. Aber bald, nachdem durch die radikale Ausschließlichkeit der 
Parteien der Kampf in der Form roher Leidenschaften sich auswirkte, 
zog er sich von der politischen Bühne zurück, den Verlauf der Dinge 
wohl noch weiterhin verfolgend, in erster Linie aber dem moralisch 
bedenklichen Geschäfte der Nationalgüterspekulation zugewandt. 

Was hat ihn nun von der einstigen Höhe seiner im jugendlichen 
Enthusiasmus erfaßten erhabenen Ideen und Pläne in diese Abgrund- 
tiefe hinabgestürzt? Es ist eine Frage, die uns den Weg bahnt zum 
Verständnis einer der wesentlichen und auffälligsten Charakterzüge des 
Denkers, einer seelischen Eigenart, die ihr unübertroffenes Urbild in 
dem Faust Goethescher Prägung vorgezeichnet findet Wie Faust im 
Überschwang seines genialen Strebens sich erheben will zu den 
ätherischen Höhen einer das Innerste des Alls durchdringenden Welt- 
erkenntnis, um sich so freizumachen von den Fesseln irdischer Leiden- 
schaft, gleichzeitig aber mit unbezwinglicher Gewalt sich zur Lust der 
Erdenwelt hingezogen fühlt, gleichso ist auch Saint-Simons Seele in 
ihrem tiefsten Kerne zerklüftet Im selbstlosen Streben nach Erfüllung 
übermenschlicher Werke, mit dem Starrsinn eines Propheten und dem 
Fanatismus des Enthusiasten weltbewegenden Ideen hingegeben, fehlte 
ihm lange die Kraft, die unwürdigen Regungen des sinnlichen Menschen 
zu ersticken, bis er, nach einer harten Züchtigung des Schicksals, ge- 
läutert den Weg zu einem Leben wahrhafter Tat findet 

Freilich wollte .er in den rückblickenden Betrachtungen späterer 
Jahre die selbstverschuldeten Mißgriffe seines Lebens darstellen im 
Lichte einer Auffassung, die geeignet wäre, ihn von der Last eigener 
Schuld zu befreien. Aber so gewiß es ist, daß man eine Persönlichkeit 
wie Saint-Simon nicht mit dem Maßstabe konventioneller Beurteilung 
messen darf, so wenig ist es möglich, wie es ein Teil seiner Schüler 
getan hat, in verzückter Hingabe an die großen Ideale des Meisters 
die diesem anhaftenden menschlichen Gebrechen willkürlich hinweg- 



— 30 — 

zudeuten. Der Biograph hat vielmehr, auch bei aller S3mipathie für 
seinen Helden, diesen in seiner Wesensart zu begreifen und die Fülle 
seiner subjektiven Auswirkungen in lebensvollem Bilde zur Darstellung 
zu bringen. 

So erscheint uns Saint-Simon in den Jahren der Revolution als 
eine Natiu" von merkwürdig zwiespältiger Prägung : auf der einen Seite 
als vollendeter Grandseigneur des achtzehnten Jahrhunderts, Weltmann 
durch und durch, leichtlebig, luxuriös bis zu sinnloser Verschwendung, 
den verführerischen Reizen des Gresellschaftslebens hingegeben, geist- 
reicher Konversation mit Vorliebe zugeneigt, auf der anderen Seite 
als sozialer Reformator, der, noch ungewiß über die wahre Richtimg 
seiner ihm instinktiv zum Bewußtsein gekommenen Mission, seinem 
Tätigkeitsdrang Luft macht in teils ernsten und nutzbringenden Untw- 
nehmungen, teils in hochfliegenden Plänen phantastischer Art. 

Bei diesen sozialreformatorischen Bemühungen kamen ihm sehr zu 
statten die großen Erträgnisse, die ihm die Spekulationen mit National- 
gütern eingebracht hatten. Während der Revolution ging nämlich das 
große Vermögen seiner Mutter verloren, so daß Saint-Simon, aller Mittel 
entblößt, hilflos dastand. In der Nationalg^terspekulation fand er den 
rettenden Ausweg. Gewiß wollte er sich auf diese Weise die Mittel ver- 
schaffen, um seine hochgespannten Lebensbedürfnisse befriedigen zu 
können, aber es war doch nicht allein der Reichtum an sich, den er er- 
werben wollte, vielmehr betrachtete er ihn auch als Mittel zur Verwirk- 
lichung seiner neu ersonnenen Pläne. Ein großes wirtschaftliches Unter- 
nehmen wollte er gründen, eine wissenschaftliche Schule ins Leben rufen, 
überhaupt beitragen zum Fortschritt der Wissenschaft und der Verbesse- 
rung des Loses der Menschheit Die zur Spekulation nötigen finanziellen 
Mittel erhielt Saint-Simon, nachdem er sich zuerst an reiche Pariser 
gewandt hatte, von einem Grafen Redern, dem preußischen Gesandten 
in London, mit dem er sich in Spanien eng befreundet hatte. Redem 
stellte 500000 Franken zur Verfügung, die Saint-Simon — dem Ge- 
sandten selbst war infolge der Schreckensherrschaft der Aufenthalt in 
Frankreich unmöglich gemacht — in einer Anzahl billig erworbener 
Güter anlegte. Die Sache glückte ausgezeichnet, nur daß man Saint- 
Simon nicht lange Zeit ließ, die durch die Spekulation schnell erworbenen 
Reichtümer sich zu nutze zu machen. Als Freund des Preußen von 
Redern, im Hinblick auf seine adelige Abstammung weiterhin und auf 
seine Finanzgeschäfte namientlich blieb er nicht unverdächtig und wurde 
fast ein ganzes Jahr ins Gefängnis geworfen. Die Gefängnisstrafe muß 
für den geistig regsamen Mann drückend gewesen sein. Freilich, 
nun war ihm Gelegenheit genug gegeben, in der Stille der Einsam- 
keit ungestört seinen Ideen nachzuhängen, aber im Fortgang fort- 
währenden Grübelns, unterstützt wohl auch diu-ch die schädlichen 



— 31 — 

Wirkungen der Einzelhaft, trübte sich sein Geist in einer solchen Weise, 
daß sich seine ohnehin schon überschwän glichen Größenideen in der 
Form halluzinatorischer Anwandlungen ins Ungemessene ausweiteten. 
In einer Nacht erschien ihm einmal sein großer Vorfahr Kjarl der Grroße 
und sprach zu ihm, wie er seinem Neffen Viktor später erzählte, die 
verheißungsvollen Worte: „Seit die Welt besteht, ward noch keiner 
Familie die Ehre zuteil, einen Helden und einen Philosophen zugleich 
sich zuzählen zu dürfen; diese Ehre war meinem Hause vorbehalten. 
Mein Sohn, Deine Erfolge als Philosoph werden meinen militärischen 
und politischen an Grröße gleichkommen." 

So hätte sich demnach der Ehrgeiz Saint-Simons — denn sicherlich 
ist der Inhalt seiner Halluzination weiter nichts als der Reflex seiner 
vorherrschenden Ideenrichtung gewesen — den tiefsten Fragen alles 
menschlichen Forschens zugewendet, eine etwas seltsam anmutende 
Tatsache, wenn wir bedenken, daß dem Hochstrebenden eine tiefer 
dringende Arbeit noch keineswegs die für den Philosophen unerläßliche 
nähere Bekanntschaft mit den Ergebnissen der Einzelwissenschaften 
vermittelt hatte, aber erklärlich bei der uns schon bekannten Grenzen- 
losigkeit seines WoUens. 

Die wiedererlangte Freiheit gab ihm nun weitere Muße zur Aus- 
reifung seiner wissenschaftlichen Pläne, aber ebenso wichtig als die 
Fortführung seiner Gedankenarbeit war für ihn, den ehemaligen Grand- 
seigTieur, sein ungeheures Vermögen, das ihm seine Spekulationen 
eingebracht, nutzbringend auszugeben. In welcher Weise dies zu ge- 
schehen hätte, war für ihn klar. Er stürzte sich, nachdem die Be- 
zwingung der Schreckensherrschaft Frankreich von dem furchtbaren 
Druck einer künstlich inszenierten Barbarei befreit hatte, in ein Meer 
von weltlichen Vergnügungen, das ihn fast verschlungen hätte. Es 
war, versetzt man sich in das bunte Treiben, als ob die Zeiten des 
Ancien Regime mit der unvergleichlichen Pracht ihres ewigen Salon- 
treibens und Karnevalfeiems in verjüngter Gestalt herbeigekommen 
wären, und sonderbar mutet es uns an, einen den höchsten Idealen 
zugewandten Menschen in der erstickenden Atmosphäre eines jahrelang 
fortgesetzten Salonlebens sich wohl zu befinden. Aber Saint-Simon 
war eben Grandseigneur, wenn auch ein solcher edelster Sorte. Und 
dazu gehörte es vor allem, blindlings, ohne jegliche Sorge für die 
Zukunft, sein Geld zu verschleudern und auch anderen das Dasein zu 
verschönem. Das besorgte er nun g^ndlich. Das prächtige Hotel 
Chabanais in Paris diente ihm als Wohnung, und Monoyer, der Maitre 
dTiötel des Herzogs von Choiseul und Le Gagneur, der berühmte 
Küchenchef des Marschalls von Duras und andere Autoritäten gleichen 
Schlages überboten sich, den Glanz ihres Herrn mit dem Raffinement 
einer wahren Überkultur zu erhöhen. Da wurden prächtige Feste ab- 



— 32 — 

gehalten, an denen die bedeutendsten Männer teilnahmen, und in un- 
bändiger Hast strebte der Weltverbesserer, nachdem er das Hotel 
des Fennes und du Roulage erworben, danach, sein Heim zu einem 
„kleinen Palais-Royal" zu gestalten. 

Aber keineswegs war Saint-Simon der wollüstige Verprasser, der, 
einzig im Taumel sinnÜcher Vergnügungen aufgehend, die Mege idealer 
Güter vernachlässigt hätte. Es war, bei all seiner Empfänglichkeit für 
die Reize einer verfeinerten Sinnlichkeit, in ihm nichts von der Brutalität 
jener Wüstlinge, die, von Genuß zu Genuß taumelnd, zu elenden Sklaven 
ihrer Leidenschaft herabsinken, getragen vielmehr von dem Empfinden 
seiner hohen Mission und im Streben nach höchstem Erdenruhm, ent- 
ging er der Gefahr, im ewigen Genießen den göttlichen Drang selbst- 
eigener Tätigkeit zu ersticken und bewahrte sich so, auch nachdem 
die ganze Herrlichkeit seines äußeren glanzvollen Daseins in jähem 
Umschlag des Geschickes zusammengebrochen, im Glauben an seine 
Bestimmung die Kraft, in nützlichem Wirken seinem Leben den VoU- 
gehalt wahrer Menschlichkeit zu verleihen. Denn es ist der tiefste 
Zug dieser seltsamen Persönlichkeit, der stets aus dem bunten Wechsel 
ihrer Lebensschicksale hervortritt, ein übermenschUcher Willensdrang, 
der sich auswirken muß und der mangels klarer Ziele lange in 
der Form ruhelosen Experimentierens einen festen Stützpunkt sucht 
Das zeigt sich deutlich selbst in der Zeit der maßlosen Vergnügen 
Saint-Simons, die von nicht geringem Einfluß auf seine geistige Fort- 
bildung gewesen ist. Denn nun konnte er, in der glücklichen Lage 
eines reichen Grandseigneurs, seine Geldmittel einmal für seine Pläne 
nutzbar machen, namentlich aber die Lücken seines Wissens — denn 
nie hatte ihm die bisherige Unrast seines Lebens die nötige Zeit zu 
einer wirklichen wissenschaftlichen Durchbildung übrig gelassen — 
ausfüllen. Ungeachtet seines Alters hörte er namentlich mathematische 
und physiologische Vorlesungen zuerst an der poljrtechnischen Schule, 
dann an der medizinischen Schule, gab sich aber damit nicht zufrieden, 
sondern suchte sein Haus zum Sammelort auserwählter Geister zu 
machen, um in der Form anregender Konversation, umstrahlt von dem 
blendenden Glanz eines Lichtmeeres, an üppiger Tafel den Männern 
der Wissenschaft die Geheimnisse ihrer Arbeiten abzulauschen. Es 
waren für Saint-Simon dies die Tage höchsten äußeren Glanzes, und 
entzückend mag es gewesen sein zu sehen, wie der liebenswürdige 
elegante Mann mit den wunderbaren Augen, dem heiteren, offenen 
Blick, im Mittelpunkt dieses Schauspiels die Rolle des gelehrigen 
Schülers und großen Herrn zugleich vollkommen gespielt Fast weh- 
mutsvoll klingt es, wenn er später, in Zeiten bitterster Not, verlassen 
von allen, denen er einst so nahe gestanden, die Pracht jener Tage 
inmitten des Düsters seines Elends seinen Blicken wieder entrollt 



— 33 — 

„Ich mußte", schreibt er, „mit dem Studium der Naturwissenschsiften 
beginnen, um über ihren gegenwärtigen Stand klar zu werden und 
vermittels geschichtlicher Untersuchungen mich der Ordnung zu ver- 
gewissem, in der die Entdeckungen, die sie bereichert haben, gemacht 
worden sind. Um mir diese Kenntnisse anzueignen, habe ich mich 
nicht auf Nachforschungen in den Bibliotheken beschränkt; ich habe 
meine Erziehung wieder von neuem begonnen, ich bin den Vorlesungen 
der berühmtesten Professoren gefolgt; ich habe gegenüber der poly- 
technischen Schule meine Wohnung aufgeschlagen und mit mehreren 
Professoren Freundschaft geschlossen; drei Jahre hindurch habe ich 
mich einzig und allein damit beschäftigt, mir die Ergebnisse der Physik 
der festen Körper anzueignen. Ich habe mein Geld dazu verwendet, 
die Früchte der Wissenschaft mir dienstbar zu machen; gute Taiel, 
guter Wein, große Freundlichkeit den Professoren gegenüber, denen 
meine Börse offen stand, verschafften mir alle Erleichterungen, die ich 
nur wünschen konnte. Ich hatte große Schwierigkeiten zu überwinden. 
Schon hatte mein Geist von seiner Empfänglichkeit verloren, denn ich 
war nicht mehr jung, aber hatte auf der anderen Seite einen großen 
Vorteil: den langer Reisen, dann des Umgangs mit einer großen Anzahl 
fähiger Köpfe, die ich aufgesucht oder sonst getroffen hatte, einer 
ersten, von d'Alembert geleiteten Erziehung, die ein so 
dichtes metaphysisches Netz um mich geschlungen hatte, daiß keine 
wichtige Tatsache hindurchgleiten konnte." 

Es waren die erlesensten Geister, die Saint-Simon um sich geschart 
hatte: Helvetius und Holbach waren die „Maitres d'hötel de la Philo- 
sophie", Saint-Simon der „Maitre d'hötel de la science", und Monge und 
Lagrange würdigten ihn ihrer engsten Freundschaft Im intimen Ver- 
kehr mit Denkern der verschiedensten Richtung, mit bedeutenden 
Philosophen, Mathematikern, Naturforschem, Medizinern u. a. wuchsen 
sich seine wissenschaftlichen Interessen zu der umfassenden Weite einer 
übermenschlichen Universalität aus, und in dieser Zeit wurde der Grrund 
gelegt zu seinen späteren Versuchen einer philosophischen Durch- 
dringung der Gesamtgebiete menschlichen Wissens. Denn nie hat 
Saint-Simon in der engen Sphäre der Einzelwissenschaften genügend 
Raum zur Befriedigung seines Forschungstriebes gefunden, in der Er- 
kenntnis vielmehr des einheitlichen Zusammenhanges aller Dinge — 
sei es, daß sie ihm, wie weiterhin noch untersucht werden muß, durch 
eigene intuitive Deutung des Seins, sei es durch mögliche fremde 
Einwirkungen erschlossen worden war — dämmerte ihm die große 
Idee, die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in einem ge- 
schlossenen System als abhängig von einem fundamentalen Prinzip 
zu erweisen. Dieses wissenschaftliche Einheitsstreben, das klar formu- 
liert in den Schriften des Denkers hervortritt, machte sich in dieser 

Mttckle, Henri de Saint-Simon. 3 



— 34 — 

Periode seiner Vorbereitung in einer etwas naiven Weise geltend. Er 
wollte, immer zu Großem bereit, daß ein wissenschaftliches Institut 
gegründet werde, das, dem Ausbau aller Wissensgebiete dienend, 
gleichsam durch deren örtliche Vereinigung zu der Aufgabe einer 
systematischen Bewältigung des gesamten Erfahrungsinhaltes anregen 
sollte. Er selbst war bereit, einen Teil der dazu benötigten finanziellen 
Mittel, großmütig wie er war, zur Verfügung zu stellen, mußte aber 
natürlich, wie noch oft, die Täuschung erleben, daß seine Vertrauens- 
seligkeit mit den hemmenden Schranken der Wirklichkeit nicht gerechnet 
hatte. So wurde aus dem an sich gewiß nicht unfruchtbaren Plane 
nichts. 

Dafür wirkte er fruchtbringend durch seinen Edelmut, mit dem 
er bedürftigen Gelehrten helfend zur Seite stand. Da besuchte er 
einmal einen ihm durchaus unbekannten jungen Mann, Dupuytren mit 
Namen, der in sein«- Nähe, arm und zurückgezogen, wohnte. Frei- 
gebig bat ihn unser Philanthrop, fürderhin als sein Gast bei ihm zu 
erscheinen, und ließ einen Beutel mit tausend Franken Inhalt zurück. 
Oder er ging noch weiter und veranstaltete, alle Kosten mißachtend, 
öffentliche Vorlesungen und beherbergte bei sich eine ganze Anzahl 
Männer der Wissenschaft, einmal um sich selbst den Vorteil eines stän- 
digen, ihn fördernden Verkehrs zu verschaffen, vornehmlich aber, um 
diesen durch die so gewonnene materielle Gunst ihrer Lage die Mög- 
lichkeit ungehinderten Schaffens zu geben, getreu seinem Grundsatz, 
allen denen, die sich nützlichen Arbeiten zuwenden, soweit es in seinen 
Kräften steht, zu helfen. „Allez toujours ... et quand il ne faudra plus 
que de Targent, venez ä moi, j'ai de cela." 

Schon tauchte auch in dieser Lebensperiode, bedingt durch die 
grundstürzenden Wirkungen der Revolution, freilich noch in der 
Form mehr tastenden Versuchens als in festen Umrissen, jene Idee 
auf, welche die ganze Zeit seines späteren großen Schaffens be- 
herrschen sollte: es dämmert ihm die Idee der sozialen Organisation 
auf einer neuen Grundlage. Fourcy, der Gewährsmann des Historikers 
Michelet, erzählt, wie sich Saint-Simon mit ihm meistens über die Gre- 
brechen des sozialen Lebens unterhalten habe, die er beseitigen wollte, 
und Arago, ebenfalls ein Freund Saint-Simons, berichtet, wie er seinen 
Gastgeber öfters in einem Kreise radikaler Sozialreformer erblickt habe. 
Zu diesen gehörte der ausgezeichnete Chemiker Clouet, ein Anhänger 
Rousseauscher Lebensart und Reformideen, und dessen Schüler Coessier, 
der einem mystischen Sozialismus huldigte. Saint-Simon selbst habe 
die Notwendigkeit einer moralischen Wiedergeburt seines Volkes be- 
tont und ihm nahestehenden Kapitalisten den Vorschlag gemacht, die 
finanziellen Überschüsse einer neu zu gründenden Bank philanthro- 
pischen Zwecken dienstbar zu machen. 



— 35 — 

Nirgends also vamögen wir in dieser Zeit allseitiger Anregungen, 
die Saint-Simon in wirrer Vielfältigkeit umdrängen, eine wahrhaft ziel- 
bewußte Auswirkung seines vielseitigen Strebens zu entdecken, und erst 
einer späteren Epoche seines Lebens war es vorbehalten, die gärende 
Masse des ihn überströmenden Ideenreichtums abklären zu lassen. Auf 
den verschiedensten Grebieten, mit dem stets vorwärtsdrängenden Willen 
eines lebensfrohen Abenteurers, aber auch wieder angefacht durch das 
ruhelose Sehnen nach einem festen Stützpunkt seines Tätigkeitstriebes» 
sucht er die überschäumenden Kräfte seiner Natur systemlos auszu- 
gießen, so daß — überschauen wir die Vielgestaltigkeit seiner Lebens- 
äußerungen — uns als charakteristisches Gepräge seiner Natur geradezu 
eine völlige Bizarrerie entgegentritt Nach dem Verlaufe einer über- 
wältigenden Zielen zugewandten Jugendzeit vermag er es nicht, das 
Unbändige seiner ganz aufs Handeln angelegten Persönlichkeit zu 
zügeln und in die Bahn einer ruhigen Entwickelung einzulenken, in 
einem Alter vielmehr — er steht nun den Vierzigern nahe — wo 
Menschen gewöhnlichen Schlages ihre Periode der Gärung mit ihrer 
mangelnden Abgeklärtheit der Willensrichtung längst hinter sich haben, 
stellt sich uns Saint-Simon als ein erst Werdender, noch Suchender 
ohne festen Halt dar. Und dann, welche Verworrenheit auch seines 
moralischen Charakters! Er ist Aristokrat durch Geburt und Empfin- 
dung und verschmäht es nicht, diu-ch die skrupellose Art widerlicher 
Spekulationen sich große Reichtümer zu verschaffen, er strebt nach 
einer moralischen Regeneration der Menschheit und stürzt sich in 
eine Welt sinnlicher Vergnügungen, die ihn mit der Zeit ökonomisch 
ruinieren müssen, er gibt sich weltbezwingenden Plänen hin und ver- 
gißt die Sorge um sein eigenes Ich! Kurz, seine Wesensart ist zer- 
klüftet in Extreme, die unvereinbar sind 

Zwar will er in seinen autobiographischen Darlegungen, die aus 
einer späteren Zeit stanunen, wo sich seine Ideen schon gefestigt hatten 
— in einem seltsamen Versuch, die zerfahrene Art seiner früheren 
Lebensweise so lunzudeuten, als ob er sie bewußt herbeigestrebt habe als 
eine unerläßliche pädagogische Vorbedingung für ihn, den Philosophen, 
der erst, nachdem er die Welt des Menschlichen in allen Regionen 
prüfend durchwandert, zur Höhe einer philosophischen Betrachtung des 
Seins emporsteigen könne — hier will er dieser Auffassung durchaus 
nicht stattgeben. Und wie er den Vorwurf der Inkohärenz seines 
Charakters ziullckweist, so sucht er auch die Planlosigkeit, mit der er 
sich in das unermeßliche Getriebe der Wissenschaften hineinstürzte, als 
eine unter dem Zwang einer neuen wissenschaftlichen Idee erfolgte 
Notwendigkeit hinzustellen. Er wollte, sagt er, nachdem er sich 1797 
von Redem getrennt hatte, der menschlichen Erkenntnis eine neue 
Bahn eröffnen, die physiko-politische, und er habe den Plan 

3* 



- 36 - 

gefaßt, die Wissenschaft einen allgemeinen Schritt weiter zu führen 
und der französischen Schule die Initiative zu geben. Welche Zu- 
versicht in die Kraft seiner Fähigkeiten — wenn dieser rückblickenden 
Betrachtung ein Wert beizulegen ist — und welcher Abstand zwischen 
der Größe seiner Idee und der Verworrenheit seines Bildungsstrebens 1 
Genug, unbefriedigt mit dem, was ihm die Wissenschaften bieten 
konnten, strebte sein Geist aus dem engen Bereich wissenschaftlicher 
Kleinarbeit heraus, um mit kühnem Wagemute gleich das Größte zu 
beginnen. Aber wußte er denn überhaupt näheres über die neu zu 
schaffende Wissenschaft? Oder hatten gar schon neu errungene Er- 
gebnisse das Selbstbewußte seiner Haltung bedingt? Es war, wie wir, 
unserer Darstellung vorgreifend, sagen können, nichts damit, und der 
Hochstrebende war ganz Saint-Simon, wenn er, im Besitze einer erst 
dunkel umrissenen Idee einer neuen Wissenschaft, die Geistesarbeiten 
der übrigen Nationen mit dem Maßstab seiner unklaren Konzeptionen 
einer kritischen Beurteilung unterzog. 

Er begab sich nämlich im Jahre 1802 nach England, um zu sehen, 
ob man hier den von ihm geahnten Weg wissenschaftlichen Forschens 
betreten habe. Aber er war enttäuscht und fand, „daß seine Einwohner 
ihre wissenschaftlichen Arbeiten nicht dem physiko-politischen Ziele zu- 
wandten, und daß sie keinen neuen Grundgedanken verfolgten". Mehr 
befriedigten ihn die Deutschen. Er brachte, nachdem er auf seiner von 
England aus unternommenen Reise nach Genf Deutschland berührt hatte, 
die Überzeugung mit, daß die allgemeine Wissenschaft (science generale) 
noch weit zurück wäre, „weil sie auf mystischen Prinzipien begründet 
ist". Aber er hofft, daß sie bald Fortschritte machen werde, „weil 
diese große Nation sich mit Leidenschaft dieser wissenschaftlichen 
Richtung zuwendet Noch hat sie zwar nicht den richtigen Weg ge- 
funden, aber sicherlich wird sie ihn finden und dann mächtige Erfolge 
erzielen". 

Der Zweck seiner Reise nach Genf war, Madame de Staßl, die 
damals größte Frau Frankreichs, für die Ehe zu gewinnen. Was hat 
ihn wohl zu diesem Schritt bewogen? Wir müssen, um diesen Ent- 
schluß Saint-Simons würdigen zu können, etwas zurückgreifen. 

Daß er den Frauen nicht abhold war, versteht sich für ihn, den 
Grandseigneur mit seiner ausgeprägten Neigung für einen auch sinnlich 
gewandten Lebensgenuß, von selbst, und der schon erwähnte Fourcy 
betont ausdrücklich, daß sein Gastgeber in einer wenig platonischen 
Weise seinen Gefühlen für sie Ausdruck verliehen habe. Aber ebenso 
wie die körperliche Schönheit habe ihn die Reinheit des Herzens an- 
gezogen, so daß er sagen konnte : „Die schönste Frau macht keinen Ein- 
druck auf mich, wenn ihrem Antlitz nicht Güte entstrahlt" 1801 hatte 
sich Saint-Simon mit M. de Champgrand, der Tochter eines verstorbenen 



— 37 — 

Freundes, der ihn gebeten hatte, sich seines vermögenslosen Kindes an- 
zunehmen, verehelicht Ohne irgend welche tiefe Neigung, wie es scheint, 
vielleicht nur aus Galanterie, hat er sich zur Ehe mit dieser Frau ent- 
schlossen, welche Verbindung gleichzeitig eine Zeit wahnwitziger Fest- 
lichkeiten einleitete. Vom Gesichtspunkt einer späteren Betrachtung 
aus beleuchtet er den Zweck seiner Heirat in einer recht merkwür- 
digen Weise, und der Kuriosität halber führen wir die Worte, mit 
denen er einen dunklen Fleck seines Lebens auszulöschen versucht, an : 
,Jch habe die Ehe benützt als ein Mittel, um die Gelehrten zu stu- 
dieren. Denn um die Organisation des wissenschaftlichen Systems zu 
verbessern, ist es notwendig, den Standpunkt des menschlichen Wissens 
zu kennen; man muß gleichfalls die Wirkung erfassen, welche die 
wissenschaftliche Durchbildung auf diejenigen hervorbringt, die sich ge- 
lehrten Arbeiten hingeben ; man muß den Einfluß schätzen können, den 
diese Beschäftigung auf ihre Leidenschaften, ihren Geist, das Ganze 
ihrer Moral und ihrer einzelnen Teile hervorbringt" Merkwürdige An- 
schauungen dies, die sinnvoll zu deuten, uns schwer fällt 

Schon nach etwa zehnmonatlichem Zusammenleben mit seiner Frau 
trennte er sich von ihr. War es ein Ausfluß jenes ungebundenen Sinnes, 
der es fertig bringt, in raschem Entschluß, nur den Gefühlswallungen des 
Augenblickes folgend, mit derselben Leichtigkeit die ehelichen Bande 
zu lösen, wie man sie flüchtig geknüpft hat, was Saint-Simon zu seiner 
Scheidung veranlaßt hat, oder sind Gründe tieferen Gehaltes bestimmend 
gewesen ? Es war das letztere der Fall. Madame de Staöl, die Tochter 
Neckers und Verfasserin des 1800 erschienenen Werkes „Sur la littera- 
ture consideree dans ses rapports avec Tetat moral et politique des 
nations", war 1802 Witwe geworden. Welch' entzückender Gedanke 
für Saint-Simon, mit dieser auserlesenen Frau gemeinsam „den steilen 
Berg zu besteigen, auf dessen Gipfel die Altäre des Ruhmes stehen?" 
Er hat ihre Schrift gelesen und muß begeistert davon gewesen sein. 
Denn hier schien die Notwendigkeit dessen angekündigt, was auch ihm 
vorgeschwebt hat Frau von Staöl, in ihrem Buche das viel behandelte 
Problem beurteilend, ob die antike oder moderne Literatur höher stünde, 
begründet die Überlegenheit der letzteren ganz im Geiste des acht- 
zehnten Jahrhunderts mit dem Hinweis auf die beständige Fortentwicke- 
lung des wissenschaftlichen und geistigen Lebens, und mit offenem 
Blick für die kulturellen Bedürfnisse ihrer Zeit, im festen Glauben an 
die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Natur, 
schickt sie sich an, mit dem Wagemut der Jugend dcis Kommen eines 
neuen Zeitalters prophetisch zu verkünden. Sie erkannte, bei aller 
Begeisterung für die großen freiheitlichen Errungenschaften der Revo- 
lution, die Leiden, an denen der Gesellschaftskörper krankte, und rück- 
blickend auf die sozial gefestigte Zeit des Mittelalters mit ihrem über- 



- 38 - 

ragenden Einfluß einer nun gestürzten geistigen Autorität, sehnte sie 
eine Zeit weitgehender Harmonie der sozialen Interessen herbei „Möchten 
wir", so ruft sie angesichts der aUherrschenden Zwietracht enthusiastisch 
aus, „ein philosophisches System, eine Begeisterung für das Gute, eine 
kräftige und redliche Gesetzgebung finden, die für uns sein könnte, 
was die christliche Religion für die Vergangenheit war"^). 

Das waren Ideen und Worte, die bei dem, inmitten all des be- 
täubenden Treibens seiner luxuriösen Lebensart von dem großen Ge- 
danken einer Regeneration der Menschheit stets durchdrungenen Saint- 
Simon freudigen Widerhall finden mußten, und rasch entschlossen, im 
Fanatismus des Glaubens an seine hohe Mission die Schranken der 
Pflicht kühn überschreitend, eröffnete er seiner Frau seinen Plan: es 
sei notwendig, daß in der Ehe die beiden Gatten in vereinter Kraft 
einem einheitlichen Ziele zustreben, und da er nun die einzig kom- 
petente Mitarbeiterin an seinem Werke gefunden habe, sei eine Trennung 
unvermeidlich. Mit Tränen in den Augen hat er dann den Scheidungs- 
vertrag unterzeichnet 

Über die Art der Beziehungen Saint-Simons zu Frau von Staöl 
sind wir nur wenig unterrichtet, und es ist unmöglich, die überkommenen 
Anekdoten über sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Jedenfalls 
aber zeigen sie, auch wenn sie erfunden sind, zu welchen seltsamen 
Kombinationen die überspannten Anwandlungen Saint-Simons geführt 
haben. Da legt man ihm die Worte in den Mund, die er an Frau 
von Staäl gerichtet haben soll: „Madame, vous etes la femme la plus 
extraordinaire du monde, comme j'en suis lliomme le plus extraordinaire: 
a nous deux, nous ferions sans doute un enfant encore plus extra- 
ordinsdre." „Le Temps" weiß sogar zu berichten, daß Saint-Simon Frau 
von Staöl den Vorschlag gemacht habe, die Hochzeitsnacht im Ballon 
zuzubringen, und Benoit Malon verrät selbst, daß Saint-Simon und die 
große Schriftstellerin einen Sohn zu eigen genannt hätten, freilich, ent- 
gegen den angeblichen Hoffnungen Saint-Simons, einen solchen „tr^ 
peu extraordinaire". 

Wichtiger als die Anführung dieses Klatsches ist für den Bio- 
graphen ein Ereignis, das in diese Zeit der Werbung Saint-Simons fällt 
Es ist die im Jahre 1802 erfolgte Fertigstellung der ,JLettres d'un habi- 
tant de Geneve", eines kleinen Werkes, das wohl, wie wir vermuten 
müssen, vornehmlich dazu dienen sollte, mit der Kraft eines großen, 
den prophetischen Weisungen der Madame de Staöl zugewandten G^ 
dankens die Sympathie der verehrten Frau zu gewinnen. 



i) Brandes, Die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Erster Band: 
Die Emigrantenliteratur, S. 141. 



— 39 — 

2. Die erste Schrift: Briefe eines Genfers. 1802. 

Mit dem Hinweis auf sein schon vorgeschrittenes Alter und mit 
der Versicherung, daß er sein ganzes Leben hindurch viele Erfahrungen 
gesammelt und sein Denken dem Glück seiner Zeitgenossen gewidmet 
habe, macht Saint-Simon einen paradoxen Vorschlag: 

Man eröffne vor dem Grrabe Newtons eine Subskription, an der 
sich jedermann mit einer beliebigen Summe beteiligen könne, ernenne 
drei Mathematiker, drei Physiker, drei Chemiker, drei Physiologen, drei 
Literaten, drei Maler und drei Musiker, und dieser Versammlung aus- 
erlesener Männer gebe man den Namen Newtonsrat Der finanzielle 
Ertrag der Subskription werde dieser auserwählten Korporation über- 
wiesen. Eine jährliche Erneuerung sowohl der Subskription als auch 
der Wahl sorge für die Beschaffung der nötigen Greldmittel, sowie für 
den Ersatz der infolge irgend welcher Umstände ausscheidenden Mit- 
glieder. Die Verwirklichung dieses Vorschlags sei die einzig mögliche 
Art, um die Wissenschaft in der am meisten fruchtbringenden Weise 
dem gesellschaftlichen Wohl dienstbar zu machen, und der Vor- 
schlag finde seine Begründung nicht allein in der Notwendigkeit einer 
kollektiven Vergeltung und Unterstützung der der Gresamtheit zu gute 
kommenden wissenschaftlichen Arbeiten, sondern vor allem auch in 
der Tatsache, daß nur durch eine solche finanzielle Beisteuer das Haupt- 
erfordernis für eine wahrhaft fruchtbringende wissenschaftliche und 
künstlerische Tätigkeit erzielt werde, nämlich die Unabhängigkeit 
Denn letztere allein entziehe das Genie allen schädlichen Einflüssen, 
sie befreie es von der lästigen Kontrolle der Regierung, die in 
ihrer Tragweite noch nicht erkannte Neuerungen oft zu unterdrücken 
suche, sie ermögliche eine vollständige Konzentration der Kräfte auf 
die erhabenste Arbeit aller Menschen: beizutragen zu der Vervoll- 
kommnung der Zivilisation. 

Man hefte doch seinen Blick auf die Geschichte, und man wird 
finden, daß die großen Errungenschaften der Wissenschaft nicht von 
Akademikern, sondern von auf sich selbst gestellten, freien Männern 
stammen. Wie unendlich hat doch der freiheitliebende Geist der 
Engländer, welcher eine Zusammenfassung der Gelehrten in Akademieen 
nicht zuließ, den Fortschritt der Wissenschaft begünstigt, und wie kläg- 
lich steht es mit der Forschung in dem von Akademieen strotzenden 
Italien und despotischen Rußland ! Gewiß haben auch die Akademieen 
einzelne Verdienste, aber gar zu leicht streben sie danach, die alten 
Ansichten beizubehalten und sich so als Depositare der Wahrheit zu 
betrachten, weshalb, wie Saint-Simon meint, die Einführung derselben 
durch Richelieu die Hauptursache der intellektuellen Rückständigkeit 
Frankreichs gegenüber England sei. 



— 40 — 

Dieser Idee, deren Neuheit und philanthropische Bedeutung Saint- 
Simon betont, legt er einen großen Wert bei: sie sei mehr als bloß ein 
Mittel zur Erzielung eines raschen künstlerischen und wissenschaftlichen 
Fortschritts, der Plan soll vielmehr die Grundlage zu einer allgemeinen 
Organisation der Gesellschaft abgeben. Denn wer den Werde- 
gang des geschichtlichen Geschehens in seiner Eigenart erfaßt habe, 
dem werde offenbar geworden sein, daß eine neue Ära begonnen habe, 
die Zeit der Herrschaft der Wissenschaft „Plus d'honneur pour 
les Alexandre, vivent les Archimede", ruft Saint-Simon aus im Ver- 
trauen, daß die Ausführung seines Vorschlages dazu beitragen werde, 
diesen Grundsatz zu verwirklichen und das Heraufkommen des sich 
ankündenden Zeitalters zu beschleunigen. 

Aber bei allem Glauben an die Kraft seines Gedankens sieht er 
sich doch veranlaßt, die kulturell wichtigen Schichten der Bevölkerung 
durch den Versuch einer Darlegung der ihnen zukommenden Vorteile, 
wie sie sein Reformprojekt verbürgt, für dieses zu gewinnen. 

Zu diesem Zwecke unterscheidet er drei Klassen. Die erste Klasse 
besteht aus Gelehrten, Künstlern und allen jenen, die liberalen Ideen 
zugewandt sind, auf dem Banner der zweiten Klasse steht geschrieben : 
keine Neuerung. Dazu werden gezählt alle die Besitzenden, die der 
ersten Klasse nicht angehören. Die dritte Klasse vereinigt sich unter 
dem Schlachtruf der Freiheit und umfaßt die große Masse. 

Am leichtesten fällt es ihm, die Liberalen, die Gelehrten und 
Künstler nach seiner Meinung also vornehmlich, von der Zweckmäßig- 
keit seines Vorschlages zu überzeugen. Sie müßten, wenn die Zeitlage 
deutlich zeige, daß das Zepter der öffentlichen Meinung in ihre Hände 
übergegangen ist, am meisten an der Subskription interessiert sein. 

Auf den ersten Blick vielleicht weniger ersichtlich, aber in ihrer 
Tragweite ebenso bedeutend sei die geplante Neugestaltung der Verhält- 
nisse für die in der zweiten Klasse zusammengefaßten Besitzenden. 
Ist doch die dieser sozialen Schicht zufallende Überlegenheit in ihrem 
stets mit den Besitzlosen geführten Kampf einzig und allein 
die Folge ihrer geistigen Überlegenheit, denn „nicht gebieten die Be- 
sitzenden den Nichtbesitzenden, weil sie Eigentümer sind, sondern sie 
sind solche und befehlen, weil sie im ganzen genommen den Armen 
gegenüber einen intellektuellen Vorsprung haben". Es bedeute somit 
die Beteiligung an der Subskription für die IClasse der Eigentümer 
eine Sicherung ihrer eigenen Existenzbedingungen. 

Diese Behauptung soll nun ein geschichtlicher Rückblick auf die 
letzten Ereignisse in Frankreich näher begründen. Der erste große An- 
lauf der Revolution von 1789 ist durch die Arbeiten der Gelehrten und 
Künstler hervorgerufen wprden. Sobald aber die durch die Empörung 
gewonnenen Errungenschaften legalisiert worden waren, da stellten sich 



— 41 — 

die Urheber der Bewegung freimütig an die Spitze der siegenden 
Grruppen und brachen allen Widerstand, der ihrer Selbstsucht sich ent- 
gegenstellte, mit Hilfe der Besitzlosen, deren Leidenschaften sie ent- 
fachten, während die Eigentümer unterlagen. Allerdings folgte bald 
auf diesen barbarischen Ansturm der Unwissenheit der Rückschlag: 
die Führer der großen Masse erkannten, erschreckt durch die Greuel, 
welche die Schreckensherrschaft gebracht, den sozialen Wert der intel- 
lektuellen Bildung, wie sie den Besitzenden eigen war, und stellten sich 
nun wieder auf die Seite des Besitzes. Napoleon hat dann endgültig 
Ordnung geschaffen. 

Im Hinblick darauf, daß alle europäischen Völker in einer kultu- 
rellen Krisis, einer unvermeidlichen Erscheinung des geschichtlichen 
Lebens nach Saint-Simon, sich befänden, rät er den Eigentümern 
dringend, auf seinen Reformplan einzugehen : sie beseitigen damit zwar 
den Widerstreit der sozialen Ereignisse nicht, aber sie schaffen sich 
durch ein Bündnis mit der Wissenschaft und Kunst die Gewähr, von 
dem Paroxismus einer Revolution, wie sie Frankreich erdulden mußte, 
fernerhin verschont zu bleiben. „Vermeidet es, mit diesen Männern 
(den Gelehrten und Künstlern) in Zwist zu leben, denn in allen Kämpfen 
mit ihnen werdet Ihr geschlagen werden. Unterzeichnet alle, das ist 
das einzige Mittel, das Euch zur Verfügung steht, um den Übeln, vor 
denen ich Euch gewarnt habe, vorzubeugen." 

Die dritte Klasse, die Besitzlosen, sucht Saint-Simon zu über- 
reden mit dem Hinweis auf den Einfluß der geistigen Fortschritte auf 
die soziale Lage auch der untersten Schichten. Man vergleiche doch, 
so führt er aus, die Verhältnisse Englands mit denen Rußlands. Dort 
außerordentliche Hochschätzung der Wissenschaft und jener, die sich 
ihrem Studium widmen, überhaupt eine verhältnismäßig hohe Bildung 
der ganzen Nation, aber auch eine befriedigende Lage selbst der ein- 
fachsten Arbeiter, hier, in Rußland, Mißachtung der Wissenschaften 
und grenzenloser Bildungsmangel, aber auch eine traurige ökonomische 
Lage des Volkes. Freilich haben die Reichen es bisher als ihr aus- 
schließliches Recht betrachtet, über die Armen zu herrschen. Das muß 
sich ändern: „Zwingt sie doch", ruft Saint-Simon aus, „sich ein Wissen 
anzueignen und Euch zu unterrichten! Sie lassen Eure Arme für sich 
arbeiten, laßt ihre Köpfe für Euch arbeiten; leistet ihnen den Dienst, 
ihnen die drückende Bürde der Langweile abzunehmen; sie bezahlen 
Euch mit Geld, bezahlt sie mit Hochachtung: es ist eine sehr kostbare 
Münze, die Hochachtung; glücklicherweise besitzt auch der Ärmste 
davon ein wenig. Gebt her davon, so viel Ihr habt, und Euer Los 
wird sich bessern." Nur wenn die Leitung der sozialen Beziehungen 
wahrhaft aufgeklärten Männern zugewiesen ist, kann Ordnung herrschen, 
und in erschreckendem Maße hat sich während der Revolution gezeigt, 



— 42 — 

wie wenig das unwissende Volk den Aufgaben des öffentlichen Lebens 
gewachsen ist. Dabei wird die soziale Organisation dem 
Wohle aller dienen nur dann, wenn die geistige Gewalt 
den Gelehrten anvertraut ist, während die weltliche 
Macht den Besitzenden zufallen muß. 

Doch begnügt sich unser sonderbarer Weltverbesserer mit dieser 
Aufweisung der Richtlinien der neuen sozialen Organisation im Hin- 
blick auf die Unwissenheit der besitzlosen Klasse nicht; er sieht sich 
veranlaßt, neben der Betonung der kulturellen Wichtigkeit der Wissen- 
schaften und damit der geistig führenden Schichten, auch die Greheim- 
nisse des wissenschaftlichen Betriebes, wenn auch nur mit ein paar rasch 
hingeworfenen Bemerkungen, den Uneingeweihten zu enthüllen, und 
ihnen, mit einem flüchtigen Blick auf die Fortschritte des menschlichen 
Geistes, den tiefen Sinn seines Gehaltes darzulegen. Da schildert er 
nun, daß man die Wissenschaften je nach der Komplikation der zu 
untersuchenden Erscheinungen einteilen kann in Astronomie, Chemie 
und Physiologie, und daß die allmähliche Ausreifung dieser Wissen- 
schaften um so früher vor sich gegangen sei, je einfacher ihre Unter- 
suchungsobjekte sich dem Forscher darbieten. Dabei zeige der 
Entwickelungsgang dieser Wissenszweige eine bezeichnende formelle 
Übereinstimmung: sie besteht darin, daß die anfangs vorherrschende 
Art einer durch die Einbildungskraft vermittelten Deutung der 
Phänomene immer mehr der Methode strenger Beobachtung ge- 
wichen ist So habe sich aus der Astrologie die Astronomie, aus der 
Alchemie die Chemie entwickelt Heute gelte es, die Physiologie aus 
ihrem unfertigen Zustande zu der Höhe einer durch sorgfältige Be- 
obachtung zu erreichenden wahren Wissenschaftlichkeit zu erheben, und 
den Metaphysikern und Moralisten, welche oft dieWorte 
für die Dinge gebrauchen, die Grundlage ihrer Existenz 
zu rauben. Wenn dieser wichtige Fortschritt vollzogen ist, dann wird 
das große wissenschaftliche Problem darin zu finden sein, die Gesamtheit 
der durch Beobachtung ermittelten Erfahrungswahrheiten philosophisch 
zu bemeistern, und sie in einem „allgemeinen System" als die Auswir- 
kungen einer mit gesetzlicher Strenge herrschenden Kraft, der Gravi- 
tation, zu einer geschlossenen Einheit zusammenzufügen. Und wenn 
eine der wesentlichsten Aufgaben der Wissenschaften im Voraussehen 
des Kommenden besteht — un savant est un homme qui pr^voit — 
so wäre dann nach dieser universellen Bewältigung des vorhandenen 
Wissensstoffes die Möglichkeit gegeben, die zukünftige Gestaltung der 
uns gegebenen natürlidien und geistigen Wirklichkeit mit wissenschaft- 
licher Schärfe vorherzubestimmen. 

Dieses sind die Ideen, die der Denker in nüchterner Erzählung 
dem Leser vorführt Aber plötzlich werden die Bahnen ruhiger Be- 



— 43 — 

trachtung verlassen, die prosaische Kühle weicht enthusiastischer Ver- 
zückung, und im prophetischen Tone verkündet er, was eine göttliche 
Stimme ihm geoffenbart: „Ist es eine Erscheinung? Ist es nur ein 
Traum?" beginnt er, „ich weiß es nicht Aber ich bin gewiß, die Gre- 
fühle erfahren zu haben, die ich jetzt mitteilen will. Folgende Worte 
habe ich in der letzten Nacht gehört: 

Rom wird auf den Anspruch, der Hauptort meiner Kirche zu sein, 
verzichten; der Papst, die Kardinäle, die Bischöfe und Priester werden 
aufhören, in meinem Namen zu sprechen. Der Mensch wird über die 
Grottlosigkeit erröten, die er begeht, indem er diese Unvorsichtigen 
damit beauftragt, mich zu repräsentieren. 

Ich hatte Adam verboten, zwischen gut und böse zu unterscheiden, 
und er hat mir nicht gehorcht; ich habe ihn aus dem Paradiese gejagt, 
aber ich habe seiner Nachkommenschaft ein Mittel gelassen, meinen 
Zorn zu mildern: möge sie arbeiten, um sich in der Erkenntnis des 
Guten und Bösen zu vervollkommnen, und ich werde ihr Los ver- 
bessern; ein Tag wird kommen, wo ich aus der Erde ein Paradies 
machen werde. 

Alle Religionsstifter hatten von mir die Macht; aber sie haben die 
Unterweisungen, die ich ihnen gegeben habe, nicht recht verstanden; 
sie haben immer geglaubt, daß ich ihnen meine göttliche Wissenschaft 
anvertraut hätte; ihre Eigenliebe hat sie dazu geführt, eine Unter- 
scheidungslinie zwischen dem Guten und Bösen auch in den kleinlichsten 
Handlungen im menschlichen Leben zu ziehen, sie haben den vorzüg- 
lichsten Teil ihrer Sendung vernachlässigt, nämlich denjenigen, eine 
solche Veranstaltung zu treffen, die der menschlichen Intelligenz den 
kürzesten Weg wiese, auf dem sie sich unaufhörlich meiner göttlichen 
Voraussehung nähern würde. 

Sie haben alle vergessen, die Priester meiner Altäre zu benach- 
richtigen, daß ich ihnen die Macht entziehen würde, in meinem Namen 
zu reden, wenn sie aufhören sollten, weiser zu sein als die Herde, die 
sie leiten würden, und wenn sie sich von der weltlichen Gewalt be- 
herrschen lassen würden. 

Vernimm, daß ich Newton an meine Seite gesetzt habe, und daß 
ich ihm die Leitung der Aufklärung und die Gewalt über die Bewohner 
aller Planeten gegeben habe. 

Die Versammlung der einundzwanzig Erwählten der Menschheit wird 
den Namen Newtonsrat annehmen ; dieser wird mich auf der Erde ver- 
treten. Er wird die Menschheit in vier Bereiche teilen, nämlich in das 
englische, französische, deutsche und italienische, deren jedes eine nach 
Art des Hauptrats zusammengesetzte Körperschaft haben wird. Jeder 
Mensch, welchen Teil der Erde er auch bewohne, wird sich einer dieser 
Abteilungen anschließen und wird für den Zentralrat und für den 



— 44 — 

Abteilungsrat subskribieren. Auch die Frauen werden zur Subskription 
zugelassen werden und können ernannt werden." 

Es werden Tempel zu Ehren Newtons erbaut werden, jeder Gläubige 
wird in stiller Ehrfurcht dorthin pilgern, die Menschen werden arbeiten, 
Kunst und Wissenschaft wird in voller Blüte stehen, und die furchtbare 
Geißel des Klrieges wird Europa nicht mehr züchtigen. 

Eine kritische Betrachtung dieser Erstlingsschrift Saint-Simons 
zeigt uns, entgegen der Meinung anderer, daß, bei all der in ihr herr- 
schenden Verworrenheit und bei all dem Mangel einer systematischen 
Entwicklung ihrer Grundideen, doch unter der gestaltlosen Masse 
heterogener Anschauungen eine Anzahl Gedanken zerstreut sind, die 
ernster Prüfung durchaus würdig sind. 

Wir haben gesehen, wie Saint-Simon trotz seiner kräftezerstörenden 
üppigen Lebensart den schon früh erwachten Sinn für die Fragen 
wissenschaftlichen und sozialen Gehalts mit lebendiger Frische weiter 
entwickelt hat, und gefunden, wie sein Wissenstrieb, der festen Führung 
entbehrend, rastlos und suchend in der Vielgestaltigkeit der Wissen- 
schaften, einen festen Grund erspäht, der es ihm ermöglicht hätte, 
für seinen noch verworrenen Willensdrang einen festen Richtpunkt zu 
gewinnen. Diese für seine weitere Entwicklung grund- 
legende Tat hat er nun in den „Briefen eines Genfers" 
vollbracht Damit beginnt für den Denker eine neue Periode 
seines Lebens, die zwar, nachdem nun das Ziel seines Strebens erfaßt 
ist, ärmer an äußeren Ereignissen ist, dafür um so belebter aber im 
Hinblick auf ihren inneren Gehalt, abgesehen von seinen großen Denker- 
leistungen durch die rasch wechselnde Art namentlich, in welcher der 
Philosoph seiner nun klar vorgezeichneten Tätigkeitsrichtung zustrebt. 
So wird die bisherige Unrast seines Lebens, die entsprungen war der 
gestaltlosen aber fixen Idee, zum Vollbringer großer Dinge berufen 
zu sein, abgelöst nunmehr von einer von äußeren Wechselfällen 
weniger unterbrochenen Beschaulichkeit und Gleichförmigkeit des Da- 
seins, das allerdings durch die unvergleichliche Bewegtheit wissen- 
schaftlichen Forschens, durch die auffällige Unausgeglichenheit der 
gewonnenen Ergebnisse — worauf wir jetzt schon hinweisen wollen — 
und dies bei zähem Festhalten an einem großen Grundgedanken, auch 
weiterhin das Gepräge des Rastlosen und Unfertigen an sich trägt 

Welches ist nun dieses Ziel seines ihn auch fernerhin beständig 
antreibenden Tatendranges? Es ist die durchaus großartige 
Idee, daß der durch das weltbewegende Schauspiel der 
Revolution bewirkte soziale Zustand nicht etwa das 
Endglied einher nun abgeschlossenen Entwicklungsreihe 
darstellt, sondern vielmehr nur das Fundament bildet, 
auf dem das kommende Geschlecht auf dem Boden der 



— 45 — 

kulturell vorwärts weisenden Mächte das Werk einer 
sozialen Reorganisation vorzunehmen hat Nicht Frank- 
reich allein, sondern auch die übrigen fortgeschrittenen Staaten Europas, 
auch wenn hier der Verlauf der historischen Ereignisse nicht zu einer 
revolutionären Entfesselung der Kräfte geführt hat, müssen durch einen 
Aufbau der unfertigen sozialen Verhältnisse dem gesellschaftlichen 
Dasein wieder Festigkeit verleihen, soll die europäische Krisis, die 
intellektuellen Ursprungs ist, endgültig abgelöst werden. 

Hier nur in flüchtigen Umrissen angedeutet, bleibt dieser Gedanke 
der Neugestaltung der europäischen GreseUschaftsordnung der nie ver- 
rückte Leitstern aUes weiteren Strebens Saint-Simons, und mit der 
2^ähigkeit eines einem weltbewegenden Gedanken hingegebenen 
Propheten sucht er mit oft rasch wechselnden Mitteln seinem erhabenen 
Endziel nachzueifern. 

Auffallend ist, wie in seiner ersten Schrift die verschiedenen Fäden 
seines späteren Denkens zu einem losen Netz verschlungen sind, so daß 
wir in diesem Werke nicht nur ein wichtiges biographisches, sondern auch, 
im Hinblick auf die fortzeugende Kraft vieler Ideen des Denkers, ein 
bemerkenswertes historisches Dokument zu erblicken haben. 
Wird doch hier, wenn auch noch in der Form mehr enthusiastischer 
Ahnungen, ein neues Zeitalter des historischen Geschehens angekündigt, 
das sich schroff abhebt von dem Gesellschaftsbau, den die französische 
Revolution gestürzt hat Da ist keine Rede mehr von den führenden 
Schichten alter Prägung, vom Adel und vom Kllerus, und Mächte einer 
neuen Art, die Vertreter der Wissenschaft und die Besitzenden, werden 
mit der Leitung der gesellschaftlichen Angelegenheiten betraut Aber 
schon meldet sich auch eine, wenn auch nach Saint-Simon noch politisch 
unmündige Erlasse in dem großen Heere der Besitzlosen, und dämmernd 
steigt in dem Denker die Idee des Klassenkampfes als einer 
fundamentalen historischen Tatsache auf. 

Aber noch weitere Gedankenreihen, die in der Folgezeit zu großer 
Bedeutung ausgereift sind, finden sich in dieser seltsamen Schrift vor; so 
die in der verzückten Form göttlicher Offenbarung erfaßte Idee einer 
neuen Religion, die, entsprossen dem kulturgeschichtlich gefestigten 
Erdbereich der Wissenschaften, das Jammertal der Welt zu paradiesischer 
Glückseligkeit ausgestalten, das Laster des Müßigganges beseitigen und 
die Menschen zum Zwecke einer Vervollkommnung ihrer Dsiseinsbe- 
dingnngen zu einem harmonischen Ganzen vereinigen wird. Und selbst 
in eine neue Epoche wissenschaftlichen Forschens weist der 
prophetische Geist hinein, indem er von einer nach naturwissenschaftlicher 
Art zu bewirkenden Aufhellung der sozialen Erscheinungen spricht, 
worauf weiterhin, nachdem so die Physiologie, des Einzelmenschen sowohl 
wie auch der menschlichen Gesellschaft, in allen ihren Teilen, lun einen 



- 46 - 

künftigen Ausdruck des Denkers zu brauchen, positiv geworden sei, 
eine Totalisation der Erfahrung durch Ableitung der physischen und 
intellektuellen Phänomene aus dem Urprinzip der Gravitation vorzu- 
nehmen sei. 

Es ist also, bedenkt man, daß diese vielgestaltigen Andeutungen 
des einigenden Kittes völlig entbehren, auch trotz der nun gelungenen 
Herausarbeitung der Idee der sozialen Organisation auf fortschrittlichem 
Untergrund, ein heilloser Wirrwarr, den die Geistesverfassung Saint- 
Simons darbietet, ein Wirrwarr, der dadurch entstand, daß es seinem 
zerfahrenen Geist unmöglich war, die Unsumme von Einflüssen, die 
ihm sein reger Verkehr mit Männern fast aller Wissensgebiete bot, mit 
seinen eigenen genialen Ahnungen in Einklang zu bringen und mit 
überlegener Kraft zu bemeistem. So ist alles bunt durcheinanderge- 
würfelt, aber es ist doch einmal ein Anfang da. Es kündigt sich der 
Religionsstifter, der Sozialreformer, der Philosoph und Historiker an, 
und es war eine unerläßliche psychologische Notwendigkeit, sollte 
wirklich Fruchtbringendes erreicht werden, daß diese gärende Ideen- 
fülle zu größerer Bestimmtheit sich abklären mußte. Dies ist in der 
Tat die Richtung, welcher der Denker im weiteren Verlauf seines Ent- 
wicklungsganges mit einer, man darf sagen, namentlich wenn man 
sein schon vorgerücktes Alter in Betracht zieht, überraschenden Folge- 
richtigkeit zustrebt 

Welchen Eindruck mögen wohl die Genfer Briefe hervorgerufen 
haben? Wir wissen, wenn wir an den Faden unserer früheren Er- 
zählung wieder anknüpfen, daß Saint-Simon mit diesem Werk gewisser- 
maßen das Bekenntnis seiner wissenschaftlichen Anschauungen ab- 
legen wollte, um Frau von Staöl durch die Gleichartigkeit seiner 
Ideenrichtung mit der ihrigen von der Unerläßlichkeit gemeinsamen 
Zusammenarbeitens und auch der ehelichen Vereinigung zu über- 
zeugen. Aber Frau von Staöl lehnte ab. Doch das bringt ihn nicht 
aus der Fassung, hat er doch ein Besitztum, das ihm eine unvergleich- 
liche, ja titanische Kraft verleiht, das Bewußtsein nämlich seiner Fähigkeit 
zu großem Wirken. 

3. Zeiten der Not und Arbeiten. 1802 — 18 14. 

Nach der abweisenden Antwort der Frau von Staßl verließ Saint- 
Simon Genf, um seinen Wohnsitz wieder in Paris zu nehmen, und 
um dort seine wissenschaftlichen Bestrebungen fortzuführen. Aber 
Zeiten bitterster Not, als Sühne gleichsam für seine alle Gebote der 
Klugheit und Pflicht mißachtende unsinnige Lebensführung, brachen 
herein. Denn seine Geldmittel erschöpften sich, und hilflos und 
verlassen stand er 1805 da, inmitten einer seinen Ideen fremden 



— 47 — 

Welt, nichts sein eigen nennend als den unerschöpflichen Born des 
nie versiegenden Glaubens an sich selbst Was nun beginnen? Es 
blieb ihm nichts anderes übrig, als Arbeit zu suchen, Arbeit jeglicher 
Art, wenn sie ihm nur ermöglichte, sein Leben zu fristen. Der Grraf 
von Segur wies ihm auf seine Bitten hin eine — Kopistenstelle an, die 
er sechs Monate lang versah. Nachts oblag er seinen Studien. Aber 
seine Gesundheit war untergraben, ein Blutsturz stellte sich ein: da 
erschien der Retter in der Not, der einzige Mensch, wie er sagt, den 
er seinen Freund nennen konnte, sein ehemaliger Diener Diard. Voll 
Mitleid für seinen einstigen Herrn und gewiß auch als Zeichen dank- 
barer Erinnerung stellte er dem Grafen sein Heim und sein ganzes 
Vermögen ziu- Verfügung, damit er sorgenlos arbeiten könne. Saint- 
Simon willigste in den Vorschlag dieses treuen Menschen ein und ver- 
brachte bei ihm mehrere Jahre. Die Früchte aber seiner in dieser 
Zeit unternommenen Arbeiten legte er nieder in dem 1808 fertig- 
gestellten ersten größeren Werke, der „Introduction aux travaux scienti- 
fiques du XIX® siecle", das er in wenigen Exemplaren — auf Kosten 
Diards, wie wir hinzufügen können — drucken ließ. 

Diese Schrift leitete eine Anzahl weiterer Arbeiten ein, die, trotz 
der Verschiedenheit ihrer Titel, einem einheitlichen Ziele zustreben. 
Wir werden versuchen, indem wir die formellen Sonderheiten der 
Werke, wie sie durch die wechselnden Anlässe der Schriftsteller- 
arbeiten bedingt sind, mißachten, im weiteren Verlauf unserer Dar- 
stellung die hier entwickelten Theoreme in systematischer Anordnung 
zur Darstellung zu bringen, und beschränken uns vorerst auf die 
Schilderung der Persönlichkeit und ihrer Lebensschicksale. Nur soviel 
möge hier über den Gehalt der weiteren Denkrichtung Saint-Simons 
gesagt sein, daß ihm als Ziel vorschwebt nichts Geringeres als eine 
geistige, religfiöse, moralische und politische Regeneration des ge- 
samten Menschengeschlechts, die ermöglicht werde durch eine die 
Ergebnisse der Einzelwissenschaften bewältigende Philosophie, die 
als eine kulturell bindende Macht gleich wie die Weltanschauung 
des Mittelalters vorerst die fortgeschrittenen Nationen durch so- 
zialisierende Normen zu einer Kulturgemeinschaft zusammenfügen 
werde. 

Den Anlaß zu der zweiten Schrift bildete die von Napoleon an 
das Institut de France gerichtete Frage um Aufklärung über die Fort- 
schritte, welche die Wissenschaft seit 1789 gemacht habe, über den Stand 
ihrer gegenwärtigen Entwicklung und über die Mittel, durch welche 
ein weiterer Fortschritt angebahnt werden könnte. Es ist wieder ein 
schreckliches Durcheinander, was Saint-Simon den wenigen, denen er 
sein Werk übermittelte, vorlegte. Zügellos und zerfahren wie sein bis- 
heriges Leben war, ist die Art, wie er das umfangreiche Problem zu 



- 48 - 

bemeistem sucht Jedes feste Schema der Anordnung verschmähend, 
sagt er, was ihm gerade einfällt, und anstatt den sich ihm darbietenden 
Stoff kritisch zu sichten, beschränkt er sich mit Vorliebe auf Auszüge 
aus Werken zeitgenössischer Schriftsteller, um mit frischem Wagemute 
die künftigen Wege der Forschung vorzuzeichnen. Und welch* im- 
erschütterliches Vertrauen setzt er in seine Kraft, das diesmal, unter- 
mischt mit einem, namentlich wenn man seine traurige Lage in 
Betracht zieht, fast komisch anmutenden aristokratischen Eigendünkel, 
in einer bis ans Pathologische grenzenden Überschwänglichkeit sich 
äußert „Ich widme mich schriftstellerischen Arbeiten", erklärt er, „weil 
ich Neues zu sagen habe .... Ich schreibe wie ein Edelmann, wie ein 
Nachfahr des Grafen von Vermandois, wie ein Erbe der Feder Saint- 
Simons. Alles Große, das vollbracht und gesagt worden, ist von Edel- 
leuten ausgegangen. Kopernikus, Galilei, Bacon, Descartes, Newton, 
Leibniz — sie alle waren Adelige." 

Aber man nahm keine Notiz von ihm, oder, wenn man es tat, in 
abweisendem Sinne. Weder Napoleon, dessen Maßregeln er, wie wir 
noch sehen werden, freilich mit geringem Geschick, so umdeuten möchte, 
als ob sie demselben Zwecke wie seine Reformideen zustrebten, kümmerte 
sich um den verlassenen Greifen, noch das Längenbureau, das ihm auf 
seine „Lettres au Bureau des longitudes" erklären ließ, daß es 
seiner Bestimmung zuwiderlaufe, die Bahnen einzelwissenschaftlicher 
Forschung zu verlassen, um sich philosophischen Spekulationen hinzu- 
geben. So hätte er, könnte man meinen, namentlich wenn man be- 
denkt, daß der 1810 erfolgte Tod Diards ihn wieder bitterster Armut 
aussetzte, wohl verzweifeln mögen? Aber davon ist keine Rede. 
Das Bewußtsein seiner Mission gibt ihm die Kraft, sich den nieder- 
zwingenden Gewalten des I-ebens trotzig entgegenzustemmen, und 
weit davon entfernt, sich in Selbstanklagen zu ergehen, schickte 
er sich vielmehr an, die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zu ent- 
kräftigen, und seine frühere Lebensart als alles andere denn unnütz 
hinzustellen. 

„Mein Leben", schreibt er, „stellt eine Reihe von Verfehlungen 
dar, und trotzdem ist es nicht verloren, denn anstatt zu sinken, 
bin ich immer höher gestiegen; d. h. keine meiner Verfehlungen hat 
mich wieder zu dem Punkt zurückgedrängt, von dem aus ich auf- 
gebrochen bin. Das was ich unternommen, aber nicht zu Ende geführt 
habe, muß aufgefaßt werden als eine Reihe von Erfeüirungen, die mir 
notwendig waren ; man muß sie als Vorarbeiten auffassen, die den vor- 
bereitenden Teil meines Lebens ausgefüllt haben. Ich habe es auf 
dem Felde 4er Entdeckungen der Flut nachgemacht; ich bin oft herab- 
gesunken, aber meine stets empordrängende Kreift hat immer den Sieg 
über die entgegengesetzte davongetragen. Nahe den Fünfzigern, bin 



— 49 — 

ich in einem Alter, wo man sich zurückzieht, und ich beginne meine 
Laufbahn. Nach einem langen und mühsamen Wege habe ich meinen 
Ausgangspunkt erreicht Es ist durchaus angebracht, daß das Publi- 
kum das über mich gefällte Urteil nicht als ein abschließendes be- 
trachten darf, und ich verlange von seinem Gerechtigkeitssinn die 
Revision dieses Urteils. Nicht eine halbe, eine ganze Rehabilitation ver- 
lange ich. Meine gegenwärtige Lage ist recht seltsam; sie ist unglück- 
lich und recht glücklich zugleich. Meine moralische Lage ist in mancher 
Beziehung noch weniger glücklich als meine finanzielle; jeder Rat, der 
mir zu teil wird, ist dazu angetan, mich zu entmutigen. Aber trotz alle- 
dem, ich befinde mich in dieser Lage glücklich. Ich habe das Be- 
wußtsein meiner Kraft und sehe ohne Besorgnis die Schwierigkeiten 
vor mir, die ich zu überwinden habe, ich lächle über diejenigen, die 
sich noch einstellen können. Ich habe die Überzeugung, daß meine 
Fehler eher der Unvollkommenheit der menschlichen Natur als meiner 
eigenen Gebrechlichkeit zuzuschreiben sind . . . Bei der Lektüre der 
Werke jener kleinen Zahl von Schriftstellern, die auf philosophischem 
Gebiet Hervorragendes geleistet haben, könnte man versucht sein zu 
glauben, daß sie in ihrem Privatleben Muster der Weisheit und der 
Reinheit gewesen seien. Aber sowohl ein vernünftiges Überlegen als 
auch eine Prüfung der Wirklichkeit beweist das Gegenteil und zeigt, 
daß die auf den ersten Anschein begründete Meinung vollständig falsch 
ist.-.. Die Seele ist um so mehr den Leidenschaften zu- 
gänglich, als sie begeistert ist Der höchste Grad der Be- 
geisterung ist notwendig, um große wissenschaftliche Fragen in ihrer 
ganzen Ausdehnung behandeln zu können. Man darf deshalb nicht 
erstaunt sein, daß die Philosophen mehr als die anderen Gelehrten von 
Leidenschaften unterjocht worden sind. Noch von einem anderen Stand- 
punkt aus kann man diese Frage beurteilen. Um den Fortschritt der 
Wissenschaften zu beschleunigen, muß man es als wichtigstes Mittel 
betrachten, Erfahrungen zu sammeln. Dazu gehört auch, daß man sich 
in die verschiedensten sozialen Stellungen versetzt Auf diese Weise 
muß der Mensch, der sich philosophischen Untersuchungen widmet, 
während des experimentellen Teils seines Lebens vieles unternehmen, 
das selbst den Stempel der Torheit an sich trägt Aus der Natur der 
Dinge ergibt sich endlich, daß, wer philosophische Forschungen an- 
stellen will, folgende Bedingungen erfüllen muß: 

i) er muß in der Kraft seiner Jahre ein möglichst originelles und 
bewegtes Leben führen, 

2) er muß sorgfältig Kenntnis von allen Theorieen und auch von 
der Praxis nehmen, 

Muckle, Henri de Saint-Simon. 4 



— 50 — 

3) er muß alle Klassen der Gesellschsift durchlaufen, persönlich die 
verschiedensten sozialen Stellungen einnehmen und selbst Verhältnisse 
schaffen, die sonst niemals vorhanden waren. 

4) Endlich muß er sein Alter dazu benützen, die Beobachtungen 
über die Wirkungen zusammenzustellen, die sich aus seinen Handlungen 
für andere wie für ihn eingestellt haben, um damit Grundsätze zu ge- 
winnen . . . Auf alle mögliche Weise habe ich mich bemüht, einen Ein- 
blick in die Sitten und Anschauungen der verschiedenen Klassen der 
Gesellschaft zu gewinnen. Ich habe jede Gelegenheit benützt, um Be- 
ziehungen mit Menschen von jedem Charakter anzuknüpfen, und ob- 
gleich ein solches Bestreben mir in der öffentlichen Meinung manchen 
Schaden gebracht hat, so bin ich doch weit davon entfernt, es zu 
bedauern. Meine Achtung vor mir selbst hat sich in demselben Maße 
vermehrt, in dem ich meinem Rufe geschadet habe. Kurz, ich kann 
mein Verhalten nur gut heißen, da ich jetzt im stände bin, meinen 
Zeitgenossen und der Nachwelt neue und nützliche Konzeptionen zu 
verkünden. Spätere Zeiten werden meinen Enkeln offen die Belohnung 
zuerkennen, die ich selbst erhalte durch das lebhafte Bewußtsein, sie 
verdient zu haben. Man begreift wohl, daß ich manches Außerordent- 
liche erlebt habe. Ich könnte fürwahr recht pikante Anekdoten er- 
zählen ; doch wird dies die Erholung meines Alters sein. Jetzt beschäf- 
tigt mich eine wichtigere Arbeit, die alle meine Zeit und meine Kräfte 
in Anspruch nimmt. Noch lebe ich der Zukunft.*' 

Wohl kaum hat je ein Mensch auch nur einen ähnlichen Versuch 
gemacht, ein in den Augen der Welt verlorenes Leben in einer solch 
raffinierten Weise nachträglich umzudeuten I Als eine Anzahl gleich- 
sam mit methodischem Bewußtsein veranstalteter Experimente, so will 
uns Saint-Simon glauben machen, seien seine absonderlichen Lebens- 
schicksale zu betrachten, und sein bisheriges Leben sei also kein unnützes 
gewesen ! Wir mögen lächeln über seine ungeheuerlichen Konstruktionen, 
aber übersehen wir die große persönlichkeitsgeschichtliche Bedeutung 
dieser Rechtfertigung nicht. Ein Mann, der nach den unzähligen Ver- 
fehlungen und Mißgeschicken seines Lebens in den Jahren schon be- 
ginnenden Alters noch die Kraft besitzt, verlassen von den einstigen 
Freunden und zurückgestoßen und entmutigt von allen denen, an die 
er sich bittend gewandt, sich über seine traurige Lage hinwegzutäuschen 
und aus den dunklen Tiefen seines Elendes heraus triumphierend über 
die Widerstände des Lebens kampfesfroh seinen Blick in die Fernen 
einer besseren, ja ihm gehörenden Zukunft zu wenden, ein solcher Mann, 
sagen wir, besitzt noch den Tatendrang einer überschäumenden Jugend 
und die kraftstärkende Fähigkeit wahrer Begeisterung. Dies hebt ihn 
weit über die Menschen gewöhnlichen Schlages hinaus, und er ist sich 
auch dessen voll bewußt Aber bei der grübelnden Beschäftigung 



— 51 — 

mit seinem eigenen Selbst, in fortwährender Selbstbespiegelung gerät 
sein entfesselter Geist völlig ins Bodenlose und treibt ihn fast dem 
Wahnsinn entgegen. Ein Dokument solcher Geistesverfassung ist 
uns in dem Briefe an seinen Neffen Viktor erhalten, den späteren 
General Saint -Simon, dem er seine 1810 entworfene Broschüre 
,J£squisse d'une nouvelle Encyclopedie ou introduction 
ä la Philosophie du XIX® siecle", widmete. In diesem Briefe 
will er seinen Neffen auf die hohe Bestimmung hinweisen, die ihm 
durch das Schicksal zugewiesen worden sei. „Die Verhältnisse haben 
es gewollt, daß Du einmal das Haupt der Familie Saint -Simon 
sein wirst, die von Karl dem Großen abstammt. Wisse, daß Deine 
Geburt Dir große Rechte gibt, aber auch große Pflichten auferlegt. 
Du hast Anspruch auf eine erste Stelle im gesellschaftlichen Leben; 
aber es ist vor allem Deine Pflicht, Ghroßes zu vollbringen." Wohl 
habe er, der Neffe, schon vieles erreicht, aber erst durch eine Aktion 
großen Stiles, oder durch die Erfassung neuer Gedankenreihen könne 
er zeigen, daß das Blut seines großen Ahnherrn noch in seinen 
Adern roUe. Er selbst habe das Schwert mit der Feder vertauscht, 
nachdem er die Gewißheit seiner wissenschaftlichen Befähigung er- 
langt habe. Er empfiehlt nun dem Neffen die Lektüre seiner Werke 
— ein Grandseigneur müsse auch etwas von Politik verstehen — und 
predigt ihn also an: „Sei Deines Namens eingedenk, lieber Neffe, die 
Erinnerung an Deine Geburt sei Dir beständig gegenwärtig. Laß es 
nie an Begeisterung fehlen . . . Die Geschichte lehrt, daß alles Große 
von Adeligen hervorgebracht worden ist . . . Ehemals besaßen wir 
ein den ganzen Westen umfassendes Kaiserreich, wir mußten uns 
dann auf Frankreich beschränken, dann auf die Grafschaft Vermandois. 
Auch hier unserer Oberherrschaft beraubt, spielten wir nur noch eine 
untergeordnete Rolle . . . Heute, wo wir keine Beziehungen mehr 
zum Thron haben, sind wir von der Höhe unserer einstigen Größe 
in die Tiefe der Vergessenheit geschleudert: die Revolution hat 
uns in die letzte Reihe der Regierten gestoßen, und unsere ehemalige 
Grröße ist selbst zum Hindernis weiteren Fortkommens geworden." 
Aber, fügt er an, „en pareille circonstance, mon neveu, il faut payer 
doublement, triblement de sa personne; il faut etre fier jusqu'ä Tarro- 
gance". 

Diese grenzenlose Ruhmsucht zeigt, daß Saint-Simon dem Wahn- 
sinn nahe ist, und er fühlt dies auch. In einem anderen Schreiben an 
seinen Neffen gesteht er, daß er ihn dem Wahnsinn entgegentreiben 
wolle, „denn der Wahnsinn ist letzten Endes nichts anderes als der 
höchste Grad der Begeisterung, die unerläßlich zur Bewältigung großer 
Aufgaben ist" Zu dieser Ruhmsucht — wie sie sich noch einmal 
aufdringlich ausdrückt in seiner „Histoire de l'homme", einer 

4* 



— 52 — 

kleinen, 1810 geschnebenen Schrift^) — gesellt sich nun noch ein 
weiteres Anzeichen seelischer Abnormität, der Verfolgungswahn. 
Seinem Neffen gegenüber spricht er davon, „daß jene oberfläch- 
lichen und abergläubischen Geister, deren dürftige religiösen Ideen im 
Widerstreit zu ihren unbedeutenden philosophischen Gedanken sich 
befinden, vergebliche Anstrengungen machen werden, seine wissen- 
schaftliche Begeisterung abzuschwächen". Vor das Tribunal des Kaisers 
— dessen Macht und Glanz immer noch die Blicke Saint-Simons auf 
sich zieht — will er sie rufen; am Fuße des Thrones will er freimütig 
bekennen : 

„Ich glaube an Gott 

Ich glaube, daß Gott die Welt erschaffen hat 

Ich glaube, daß Gott die Welt dem Gesetze der Gravitation 

unterworfen hat" 
Aber wer sind denn jene, die ihn durch ihre Angriffe veranlaßten, 
den Schutz des Kaisers anzurufen? Kein Geringerer als Laplace ge- 
hört zu ihnen, jener Laplace, wie wir nicht vergessen wollen zu be- 
merken, der zum Längenbüreau , das Saint -Simon abgewiesen, Be- 
ziehungen hatte. „Seit zehn Jahren", klagt unser verfolgter Philosoph, 
„habe ich mir täglich von neuem das Anrecht auf wissenschaftliche Be- 
achtung erworben, und mit jedem Tag hat sich meine soziale Lage 
verschlechtert; es ist Herr von Laplace, der mir die letzten zehn Jahre 
vergiftet hat, und ich fordere ihn nun auf, daß er das Unrecht, das er 
mir angetan hat, wieder gut mache." Er ruft den Geist Corneilles an, 
er möge ihm im Kampfe gegen Laplace als kraftvolle Stütze dienen 
und ihn leiten, wenn er aus den hohen Regionen seiner Gedanken in 
die von dem Astronomen Laplace bewohnten Niederungen herabsteige. 
Ja, er scheut sich selbst nicht, den großen Gelehrten neben diesen Be- 
leidigungen noch mit bissigem Hohn zu überschütten. „Wir verdanken 
Herrn von Laplace das absurdeste Zeug, das je einem menschlichen Ge- 
hirn entsprungen ist Möchten doch alle Dummköpfe ihre Kniee beugen, 
ihr Haupt ehrfurchtsvoll vor Herrn von Laplace neigen und ihn zu 
ihrem Oberhaupt ernennen. Von Rechts wegen gehören Eselsohren 
an das Barett des Herrn Laplace gebunden, und mit dieser Narren- 
kappe angetan sollte er dem Hohngelächter der Lyzeumsschüler aus- 
gesetzt werden." 

Laplace regte sich, soviel wir wissen, nicht, und wird er wohl, wenn 
er von den Beschuldigungen Saint-Simons Kenntnis genommen haben 
sollte, auch mehr als nur ein mitleidiges Lächeln für den Sonderling 
übrig gehabt haben ? Daß die unwürdige Bekrittelung der großen Ideen 
des Astronomen nicht geeignet war, Saint-Simon das Wohlwollen der 

I) „Le but de mes travaux, Tobjet de mes espdrances, c'est d'obtenir les faveurs de la 
gloire vivante et parlante." 



— 53 — 

Öffentlichkeit zu sichern, ist selbstverständlich. Sein Elend dauerte also 
fort Er wandte sich nun unter dem Druck der Not an seinen alten 
Freund Redern, in der Hoffnung, diesen sich wieder geneigt zu 
machen. Die Form, in der er das tut, ist die denkbar absonderlichste, 
und nur weil die Kenntnis dieser Lebensepisode uns weitere Einblicke 
in das Geistesleben des Denkers vermittelt, sehen wir uns zu einer 
näheren Darlegung derselben veranlaßt. 

Redem war, nachdem die Wirren der Revolution sich gelegt hatten, 
wieder nach Frankreich zurückgekehrt und hatte in ständigem Verkehr 
mit Saint-Simon dessen Lebensweise geteilt Bald lockerte sich aber der 
Freundschaftsbund, den beide im Jahre 1788 in Madrid zum Zwecke ge- 
meinsamer Verfolgung philanthropischer Pläne geschlossen hatten, immer 
mehr, und schließlich kam es zum Bruch. Saint-Simons abenteuerliche 
und kostspielige Unternehmungen mißfielen dem mehr klug berechnenden 
Gesandten, und die unüberbrückbare Kluft ihrer religiösen Anschauungen 
— Redem war Deist, Saint-Simon wollte „ecarter Tidee Dieu" — fügte 
ihren auseinandergehenden Interessen eine weitere Verschärfung bei. 
Sie trennten sich, Saint-Simon erhielt von Redem 150000 Franken (im 
Thermidor des Jahres VII), glaubte sich aber späterhin von dem Gesandten 
übervorteilt und suchte diesen 1807 vergeblich zur Überweisung weiterer, 
ihm rechtmäßig zustehender Geldmittel zu veranlassen. Nun drängen 
ihn die Verhältnisse nochmals, seinen einstigen Genossen anzugehen. 
Wird Redems Hartnäckigkeit, dem verarmten Freunde zu helfen, nicht 
weichen müssen vor der berückenden Idee, durch eine erneute Ver- 
einigung mit ihm beitragen zu können zur Schaffung jenes weltbe- 
zwingenden philosophischen Systems, das dieser in seinen Grundzügen 
erfaßt, aber infolge seiner Armut nicht zu Ende zu führen vermag, und 
wird er nicht gerne die Hand zur Versöhnung reichen, wenn es gdänge, 
ihn zu überzeugen auch von der Notwendigkeit einer philosophischen 
Mitarbeit? 

Von solchen G^anken beherrscht, wandte sich Saint-Simon 
181 1 brieflich an Redem, freilich in einer solch grotesken Form, 
die von vornherein die ersehnte Wirkung verfehlen mußte. Er 
vergaß, daß gerade das Bodenlose seines Strebens den anfangs 
philanthropischen Unternehmungen durchaus nicht abgeneigten Freund 
zur Trennung veranlaßt hat, und nun erging er sich diesem gegen- 
über in so unsinnigen Betrachtungen, daß er, anstatt die verlorene 
Gunst wiederzugewinnen, vielmehr Redem aufs neue die Unmög- 
lichkeit einer Wiedervereinigung dartat Philosophische Interessen, 
so meint er, hätten ihn und Redem einst zusammengeführt, 
und solche werden sie auch jetzt wieder näher bringen. Er, Saint- 
Simon, habe nun den experimentellen Teil seines Lebens für immer 
hinter sich, die Ursachen der einstigen Entfremdung seien somit be- 



— 54 — 

seitigt; die Versöhnung könne also erfolgen, ja sie sei sogar eine Not- 
wendigkeit, insofern als durch sie die Möglichkeit gegeben werde, „die 
Beziehungen, die zwischen den beiden Philosophen bestanden haben, 
zu verallgemeinern, diese Beobachtungen in Grundsätzen festzulegen 
und auf diesen eine Theorie aufzubauen". Welcher Art wird wohl 
diese Theorie sein? Saint-Simon macht ein paar Andeutungen: zwei 
in demselben Lustrum geborene Persönlichkeiten, von' denen die 
eine Neigung zur praktischen, die andere zur theoretischen Philosophie 
hat, müssen sich, wenn sie sich zwischen ihrem zwanzigsten und 
dreißigsten Lebensjahre treffen, zu enger Freundschaft verbinden und, 
solange sie sich auf das Studiimi des schon Geleisteten beschränken, 
immer vereint bleiben. Dann aber, vfenn die Verschiedenartigkeit ihrer 
Lebensrichtung sich bekundet, wenn die eine sich der preiktischen, die 
andere sich der theoretischen Laufbahn zuwendet, werden sie sich 
trennen; in der Neige ihres Lebens werden sie sich wiederfinden und 
den Rest ihres Daseins in freudiger Arbeit gemeinsam zubringen. 

Im weiteren Fortgcing seiner Darlegungen kommt Saint-Simon 
auf die Art seiner philosophischen Bestrebungen zu sprechen, die er, 
frei von allen Phantastereien, mit ein paar markanten Strichen vor- 
zeichnet: er schildert, wie schon andeutungsweise in den Genfer Briefen, 
den Entwicklungslauf der Einzelwissenschaften, der in seiner Gestaltung 
bedingt ist durch die Verwickeltheit der wissenschaftlichen Gegenstände, 
derart, daß jene Wissenschaften, die der Erforschung der einfcichsten 
Objekte zugewandt sind, zuerst aus dem unfertigen Zustand hypothetischen 
Konstruierens in das sichere Bereich strenger Beobachtung übergeführt 
werden. Nun, wo alle wissenschaf Üichen Disziplinen positiv geworden seien, 
gelte es, die philosophische Bearbeitung des Errungenen vorzunehmen. 
Dies sei eine schwierige, aber auch eine epochemachende Aufgabe von 
überwältigender Wirkung : bedeute doch ihre Lösung nichts Geringeres 
als eine Verpflanzung auch der Philosophie aus der Sphäre des Hypo- 
thetischen in das feste Erdreich des Tatsächlichen, ihre Konstituierung 
mithin zu einer wirklichen Wissenschaft. 

Bis hierher ist er vernünftig. Kairni kommt er aber wieder auf 
den für seine Arbeit wiederzugewinnenden Redern zu sprechen, so 
ist er auch mit seinen wunderlichen Einfällen zur Hand. Da sucht 
er Redem begreiflich zu machen, daß er sein gewaltiges Werk ohne 
des Freundes tätige Mithilfe nicht zu Ende führen könne : eine glühende 
und kühne Einbildungskraft müsse sich mit vollkommener Seelenruhe 
und strenger Urteilskraft paaren: „man muß auf der einen Seite viel 
gedacht und sehr wenig gelesen haben, um wahrhaft neue Ideen her- 
vorzubringen ; andererseits ausgedehnte und gründliche Studien gemacht 
haben, wenn ein Vergleich der eigenen Ideen mit fremden möglich 
sein soll". Die Unmöglichkeit aber des Vorhandenseins dieser Be- 



- 55 — 

dingtingen bei einem einzelnen Menschen, wie die Tatsache, daß er, 
Saint-Simon, den einen Teil derselben, Redern den änderen erfülle, be- 
gründe eben die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens. Er beschwört 
Redern, nachdem er sich nach Alen<;on, dem Aufenthaltsort des letzteren 
begeben, in seinen „L et t res philosophiques et sentimentales"» 
doch endlich aufzuhören, seine Kräfte in unfruchtbarer Isolation zu 
vergeuden, und malt ihm, zur Begeisterung angetrieben durch die Wahn- 
idee eines aus den individuellen Sonderheiten zweier Persönlichkeiten 
zusammengesetzten und dadurch zu höchster geistiger KraJtentfaltung 
befähigten einheitlichen „moralischen Wesens", wie er es beschrieben hat, 
mit beredten Worten das gemeinsame Werk ihres künftigen Schaffens 
aus. Höchster Vollendung und reinsten Glückes würden sie teilhaftig 
werden, und von größter Bedeutung wäre, was sie durch vereinigtes 
Wirken erreichen könnten: die Organisation eines Systems 
der Philosophie, d.h., wie jetzt unvermittelt Saint-Simon hinzufügt, 
eine „gute Geschichte der Vergangenheit und der Zu- 
kunft des Menschengeschlechts". Im verzückten Ausblick auf 
diese herrliche Zukunft, wo er, erlöst von den Qualen seines jetzigen 
Daseins, seine Kräfte ungestört dem Dienste seiner hohen Mission 
widmen könnte, verliert er wieder alle Besonnenheit, um in einer bis 
zur Ekstsise gesteigerten Schwärmerei im wollüstigen Schwelgen des 
kommenden Glückes sich zu ergehen: „il y avait", schrieb er Redem, 
„dans mes sensations quelque chose de transcendant, quelque chose de 
divin". 

Solch überschwenglichen Ergüssen einer verirrten Phantasie war 
Redern nicht zugänglich, wenn auch eine in die Tiefe gehende Kritik 
der Geschichtsphilosophie Condorcets von Seiten Scdnt-Simons, die er einem 
Briefe an den Gesandten beifügte, und mit der er die Richtlinien seines 
Denkens angeben wollte, ihm hätte zeigen können, daß in dem Bitt- 
steller eine durchaus nicht zu unterschätzende Kraft zu fruchtbarem 
Vollbringen verborgen war. Saint-Simon empfand die Hilflosigkeit 
seiner Lage schwer, und bittere Sorge um seine Zukunft nagt nun an 
seinem Herzen: drei Nächte hindurch habe er seine Augen nicht ge- 
schlossen, und unwillkürlich seien seinem Munde die bangen Worte 
entwichen: „Que deviendrai-je ! que deviendrai-je !" So in ein bis 
zum Äußersten gesteigertes Elend hinabgestoßen, vermag er es nicht 
mehr, den alten Stolz seiner Haltung zu bewahren, und der ehemalige 
Grandseigneur sieht sich nun unter dem Druck seiner furchtbaren Not 
gezwungen, mit der Demut eines durch eigenes Verschulden ins Unglück 
geratenen Bettlers das Notdürftigste zu erflehen: „Brot und Bücher", 
schreibt er an Redem, „das ist alles, was Ihr ehemaliger Freund erbittet, 
der das Unrecht, das er Ihnen zugefügt hat, offen bekennt" Redem ließ 
ihm, wie er in seinen Memoiren erzählt, unter der Bedingung, daß Saint- 



- 56 - 

Simon wieder nach Paris zurückkehren würde, 500 Franken überweisen. 
Saint-Simon soll nach Redern das Geld in Paris in Empfang genommen 
haben, aber wieder nach Alen<;on gereist sein, trotzdem ihm Redern in 
einem Briefe die Nachricht übermittelt habe, daß er kein Interesse an seinen 
Arbeiten nehmen würde. Zuletzt entschloß sich Saint-Simon, seine Ange- 
legenheit mit dem Grafen der Öffentlichkeit zu unterbreiten : er schrieb 
ein „Memoire introductif de M. de Saint-Simon sur sa contestation 
avec M. de Redem" (18 12) und leitete damit eine geradezu widerliche 
Polemik ein. Da spottet Saint Simon über die religiösen und mora- 
lichen Anschauungen Redems — er glaube nämlich, mit Gott in Ver- 
bindung zu stehen — während dieser sich über die abenteuerlichen 
Pläne Saint-Simons lustig macht; ja im Übereifer des Kampfes läßt 
man sich gar so weit hinreißen, daß man nicht davor zurückscheut, Vor- 
würfe empfindlichster Art in würdeloser Weise sich entgegenzu- 
schleudem. 

Eine Besserung seiner Lage konnte Saint-Simon also von selten 
Redems nicht erwarten. Da überfiel ihn zum Unglück noch in Peronne, 
wohin er sich imterdessen begeben hatte, eine schwere, von heftigen 
Fiebererscheinungen begleitete Krankheit, der er beinahe erlegen wäre. 
Liebevoller Pflege einiger ehemaligen Freunde, die sich des Verlassenen 
erbarmten, unter diesen ein Notar Coutte, hatte er seine Rettung zu 
verdanken. FreiUch war eine bedenkliche Zerrüttung seiner Geistes- 
kräfte die nächste Folge der überstandenen Krankheit: kaum zwei 
Gedanken habe er miteinander in Beziehung bringen können. Doch 
trat bald eine völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit ein, und nicht 
zuletzt dank den ermutigenden Worten des Notars Coutte, die Saint- 
Simon, wie wir uns vorstellen müssen, äußerst wohl getan haben müssen, 
setzte er seine wissenschaftlichen Arbeiten mit regem Eifer fort. Auch 
seine ökonomischen Verhältnisse hatten sich ein wenig gebessert, indem 
ihm seine Familienangehörigen eine kleine Rente, deren Verwen- 
dung von seinem Bruder überwacht wurde — eine wahrhaft traurige 
Tatsache — zuwiesen. Die Früchte dieser verhältnismäßigen Gunst 
seiner Lage, des anregenden Zuspruchs des Freundes einerseits, 
der Zuweisung wenigstens des Notdürftigsten von den Verwandten 
andererseits, blieben nicht aus. Er konnte 18 13 in Paris ein Werk 
vollenden, das meines Erachtens — wenn Genialität in wissenschaft- 
licher Hinsicht in der Konzeption neuer, weittragender Gedanken 
begründet liegt — so paradox es klingen mag, das genialste philo- 
sophische Erzeugnis des französischen Geistes im verflossenen Jahr- 
hundert ist. Dieses Werk, aus dem, wie sich uns noch ergeben wird, 
der junge Comte seine Aufsehen erregende Weisheit, die ihm heute 
noch Bewunderung einträgt, geschöpft hat, führt den Titel: „Memoire 
sur la science de l'homme". Bald konnte eine Broschüre folgen: 



— 57 — 

„Travail sur la Gravitation universelle. (Moyen de forcer les 
Anglais ä reconnaitre Tindependance des pavillons. Dedi6 a TEm- 
pereur, et presentÄ au senat conservateur, au conseil d'Etat et aux trois 
premieres classes de Tlnstitut, par Henri de Saint-Simon, cousin du duc 
de Saint-Simon, auteur des Memoires sur la Regence.)" Er schickte die 
Abschrift dieser beiden Werke — sie drucken zu l£issen, fehlte es ihm 
am nötigen Geld — an eine Reihe hervorragender Politiker, Gelehrten 
und anderer Berühmtheiten, die er für seine Ideen zu interessieren 
suchte, und die er flehentlich bat, ihn doch aus seiner elenden Situation 
zu befreien. Da schrieb er den Reichen : „Retten sie mich doch, mein 
Herr, ich muß sonst vor Hunger sterben. Seit fünfzehn Tagen lebe 
ich von Wasser und Brot, ich arbeite ohne Feuer und habe meine 
Kleider verkauft, um die Kosten für die Abschriften meiner Arbeit zu 
bezahlen. Es ist die Begeisterung für die Wissenschaften und das 
öffentliche Wohl, der Wunsch, ein Mittel zu finden, um die schreckliche 
Krise, unter der ganz Europa leidet, ohne Erschütterung zu beendigen, 
was mich in diese Not gebracht hat Ohne zu erröten, kann ich so 
mein Unglück eingestehen und darf wohl die ziu* Fortführung meines 
Werkes notwendigen Mittel erbitten." Auf den Rat von Cambaceres 
wandte er sich auch an Napoleon, voU stolzer Haltung wieder, einge- 
denk seiner hohen Mission mehr fordernd als bittend: „Sire", schreibt er, 
„ich bin der Cousin des Herzogs von Saint-Simon, des Verfassers der 
Memoires sur la Regence. Ich war zur Zeit der Revolution Oberst 
des Regimentes d' Aquitaine. Die politischen Ereignisse haben mich zu 
Grunde gerichtet, die Begeisterung für die Wissenschaft hat mich ins 
Unglück gestürzt Seit fünfzehn Jahren arbeite ich an einem Werke, 
das bald vollendet werden könnte, wenn ich die nötigen Existenzmittel 
hätte. Ich bitte Eure Majestät, mir Hilfe zu teil werden zu letssen." 

Wird der Notschrei des unglücklichen Philosophen, den der un- 
erschütterliche Glaube an seine Bestimmung dem stolzen Mann abge- 
nötigt, ihm wohl das Mitieid edler Menschen sichern, oder wird er, 
unerhört und unverstanden, nach der langen Zeit bitterer Qualen, die 
wohl durch den rzischen Umschlag seiner Lebenslage, durch den plötz- 
lichen Sturz von prunkender Höhe in die Abgrundtiefe des Elends, 
sich doppelt fühlbar gemacht haben müssen, auch weiterhin den Kampf 
mit der Not des Lebens aufnehmen müssen? 

Doch ist es Zeit, daß wir nach der Darstellung der äußeren Lebens- 
schicksale Saint-Simons, wie sie also größtenteils erwachsen sind auf 
dem Untergrund seines unablässigen Strebens, sich der drückenden 
Last der Armut zu erwehren, nun dem Ertrag seiner Denkarbeit, wie 
er in den uns bekannten Schriften niedergelegt ist, unsere Aufmerksam- 
keit zuwenden. 



- 58 - 

4. Die positive Philosophie. 

a) Das Problem der Wissenschaft 
I. 

Die Briefe eines Genfers bilden mit ihren mannigfachen Gredanken- 
richtungen, die, lose aneinandergereiht und oft nur keimartig angedeutet, 
der organischen Verbindung völlig entbehren, gleichsam die prälu- 
dierenden Akkorde zu einer gewaltigen Gedankens3miphonie, deren 
mächtiges Grundthema hier schon in scharf umrissener Gestalt aus der 
vielgestaltigen IdeenfüUe hervorragt, während die übrigen Themen in mehr 
oder minder ausgeprägter Weise nur leise anklingen. Denn alle durch 
das Unvermittelte ihrer Darbietung oft überraschenden Konzeptionen 
treten an Wichtigkeit zurück hinter dem Grundgedanken, die Trümmer- 
welt der europäischen Gesellschaftsordnung, soll diese nicht völliger 
Auflösung anheimfallen, wieder aufzubauen, und zwar durch das Mittel 
der sozialisierenden Macht einer neuen Religion. Dieses Problem der 
sozialen Organisation, erfaßt erst in der Form einer genialen Intuition 
und vorgetragen mit dem Pathos des kühnen Neuerers, bildet das nie ver- 
stummende Leitmotiv aller weiteren Denkarbeit Saint-Simons, und be- 
rauscht von der Größe und Erhabenheit seiner Reformidee, beherrscht sie 
sein ganzes Sinnen und Trachten in einer solchen Weise, daß sie ihm nicht 
nur die Kraft verleiht, den Schmerz des auf die sonnigen Tage äußeren 
Glückes folgenden Elends sieghaft zu ertragen, sondern ihn auch, un- 
bändig wie ja sein Geist ist, zu einer formellen Zügellosigkeit verleitet: 
immer und immer wieder unterbricht er seine die verschiedensten Fragen 
behandelnden Arbeiten, um bei dem Gedanken der sozialen Reorgani- 
sation zu ven\^eilen. Damit steigert sich die ohnehin schon vorhandene 
Lässigkeit in der Anordnung des Stoffs zu einer geradezu chaotischen 
Verwirrung, von der sich der Uneingeweihte keine Vorstellung machen 
kann. Und doch ist es möglich, diesen Wust in ein System zu bringen, 
insofern als sich letzten Endes alle Konzeptionen Saint-Simons um 
das Postulat des sozialen Aufbaues gruppieren. So bergen die in der 
Zeit von 1803 — 18 14 zu stände gekommenen Schriften bei all ihrer 
formellen Verschiedenartigkeit einen durchaus einheitlichen Ideengehalt, 
der eine systematische Bewältigung, auch wenn es keine einfache Sache 
ist, wohl ermöglicht. 

In den einleitenden Bemerkungen haben wir dargetan, daß die 
französische Revolution von 1789 aus dem Bestreben en\^achsen ist, das 
unter dem Druck des Feudalismus und religiöser Bevormundung 
schmachtende Individuum zu befreien, weiterhin wie der Philosophie 
die Aufgabe zugefallen, ^er großen freiheitlichen Strömung des Zeit- 
alters die Weihe auch einer begrifflichen Rechtfertigung zu geben. 



— 59 — 

So hat die Philosophie für die Agitation die in zündenden Schlagwörtern 
sich auslösenden Begriffe geliefert und in wirkungsvoller Weise die 
Rolle übernommen, der auf ökonomischem Untergrund vornehmlich ent- 
standenen Bewegung als stets bereite Wortführerin zu dienen. In dieser 
offensichtlichen Tendenz der französischen Metaphysik des achtzehnten 
Jahrhunderts liegt es beschlossen, daß die nach dem Experiment der 
Revolution beginnenden Versuche ihrer historischen Ergründung zuerst 
zu einer lediglich intellektualistischen Deutung der großen Ereignisse 
gelangten. Saint-Simon ist in dieser Hinsicht führend vorangegangen, 
und er hat so jene geschichtsphilosophische Richtung mitbegründet, die 
aus der Grundtatsache der intellektuellen Fortschritte die Gresamtheit 
der übrigen Kultiuiormen kausal ableiten will. 

Danach ist das historische Geschehen, weit entfernt davon, etwa 
ein regelloses Spiel blind waltender Kräfte zu sein, eine stets fort- 
laufende Reihe fest aneinander geketteter Phänomene, die, wurzelnd in 
dem nährenden Boden der Philosophie, oder, wo diese noch nicht zur 
Ausbildung gelangt, der Religion, mithin in eindeutiger Weise bestimmt 
sind. Die vorherrschende Weltanschauung einer Epoche allein ist der 
richtunggebende Faktor des historischen Geschehens, sie durchdringt 
alle Verhältnisse des Daseins und bildet, da sie stetiger Veränderung 
unterliegt, die treibende Kraft geschichtlicher Neubildungen. In dieser 
Weise wird das geschichtliche Sein in eine Anzahl sich scharf unter- 
scheidender Kulturzeitalter zerlegt, und die wahre Aufgabe der Ge- 
schichtschreibung darin gesehen, die vielgestaltigen Auswirkungen 
menschlicher Tätigkeit als bedingt durch die zentralen intellektuellen 
Ideen zu begreifen. Von diesem methodischen Standpunkt aus erscheint 
die französische Revolution verankert im tiefsten Grunde des 
kulturellen Geschehens: sie ist nicht das Werk überhitzter, blinder Politiker, 
sondern der notwendige Ausfluß einer geistigen Verwirrung, die, hervor- 
gerufen durch den Sturz der religiösen Autorität des Mittelalters, wie ihn 
die sozial zersetzende Klritik der philosophischen Systeme namentlich des 
achtzehnten Jahrhunderts erzeugt hat, dem gesellschaftlichen Dasein den 
Charakter einer Krisis aufgeprägt hat Daher gibt es nur eine einzige 
Erretrang von diesem wirren, führerlosen Treiben, in das die Völker und 
Individuen hineingeraten sind: wenn es gelingt, dem gesellschaftlichen 
Leben wieder eine feste Grundlage zu geben. Aber nicht darf die in 
langer historischer Arbeit unterwühlte Religion des Mittelalters das 
Fundament der Neugestaltung abgeben: unwiderruflich ist diese zer- 
stört, und die sozialen Bedürfnisse erheischen gebieterisch die Schaffung 
eines neuen Trägers der Kultur. Wie wird dieser beschaffen sein? 
Die soziale Anarchie vermag allein beseitigt zu werden 
durch ein System der Philosophie, das, unbeirrt um die 
Ansprüche einer dogmenstarren, sozial machtlosen Re- 



^ 



— 6o — 

Hgion, auf den unumstößlichen Ergebnissen der exakten 
Wissenschaften aufgebaut ist und mit der Kraft einer 
alles bezwingenden, fortschrittlich gerichteten Macht 
die gesellschaftlichen Verhältnisse wieder organisch 
zusammenfaßt 

Zur Schaffung dieses ungeheuren Werkes einer Regeneration Frank- 
reichs, ja Europas, fühlt sich der hochstrebende Greist Saint-Simons 
berufen: ihm gilt all sein Tun und Wollen, und seine Verwirklichung 
soll ihm das Glück höchsten Erdenruhmes bringen. Was Karl der 
Große ihm einst im Dunkel des Gefängnisses als leuchtende Bot- 
schaft geoffenbart: es wird zur Wirklichkeit werden. Wie der große 
Ahnherr durch die Macht seiner Persönlichkeit große Völkermassen 
unter die Gewalt seines Zepters gebeugt hat, ebenso wird der Sproß die 
zerrütteten Nationen zu enger kultureller Lebensgemeinschaft zusammen- 
schmieden : eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte wird er herauf- 
führen I 

Die unerläßliche Vorbedingung für die soziale Reform ist also der 
Entwurf eines philosophischen Systems, das im Verein mit den aus 
ihm entspringenden übrigen Kulturelementen die Reorganisation der Ge- 
sellschaft bewirken wird. Welcher Art ist nun diese neue Philosophie ? 

Das wissenschaftliche Denken wird nach Saint-Simon gekennzeichnet 
durch zwei, durch die Besonderheit der zu betrachtenden Objekte be- 
stimmte Verfahrungsweisen : es kann sich erstrecken auf die Sanunlung 
von Tatsachen und dau-an anschließend auf die Festlegung der gesetz- 
mäßigen Zusammenhänge innerhalb der verschiedenen Teilgebiete 
der Wirklichkeit, es kann aber auch dazu fortschreiten, die so gewonnenen 
Einsichten in synthetischer Weise zu bearbeiten und sie als abhängig 
von einem eben durch diese Verarbeitung erzielten Urprinzip zu er- 
weisen. Das erste Verfahren nennt Saint-Simon das aposteriorische 
oder analytische, das zweite das apriorische oder synthe- 
tische. An der Hand dieser Unterscheidung ist der nie rastende Fort- 
gang wissenschaftlichen Strebens durch Epochen vorwiegend der 
Einzelforschung und solche synthetischer Bewältigung des gegebenen 
Erfahrungsinhaltes charakterisiert. Danach sollen von Sokrates^ 
„dem größten Menschen, der je gelebt hat", erstmals die beiden Methoden 
gehandhabt worden sein, indem er in einer Zeit, wo man noch zu einer 
Vielheit von Göttergestalten als Erklärungsprinzipien der Erscheinungen 
seine Zuflucht genommen hat, die Wesenseinheit des Geschehens erkannt 
habe und zu dieser seiner Lehre von der „einzigen Ursache" auf dem 
Wege einer aposteriorischen Betrachtung des Seins gekommen wäre. 

Die folgende Zeit hat die Bedeutung dieser von Sokrates einge- 
schlagenen Methode verkannt: sowohl Plato als auch Aristoteles 
haben sich mit einer einseitigen Bevorzugung einer der beiden Forschungs- 



— 6i — 

arten begnügt, indem der erstere ausschließlich die apriorische, der letztere 
die aposteriorische Richtung einschlug. Die Folge war, daß Rato zwar 
zu generellen Konzeptionen gelangte, aber eine geradezu „abscheuliche** 
Erklärung der Naturphänomene gab. Anders Aristoteles. Er hat, auf 
jede überschnelle Generalisation verzichtend, sich mit der Sichtung und 
Erforschung der Einzeltatsachen vornehmlich begnügt und die Wissen- 
schaft mit positiven Kenntnissen bereichert 

Die weitere geschichtliche Entwicklung zeigt, daß Plato auf 
lange Zeit hinaus der richtunggebende Philosoph ward, und zwar bis 
zu einem Zeitpunkt, der den Beginn einer neuen Epoche im Fortgang 
des wissenschaftlichen Strebens bedeutet, nämlich bis zu dem Auftreten 
der Araber. Nicht ihre kriegerischen Erfolge, die man so sehr in den 
Vordergrund gestellt hat, verbürgen ihnen nach Saint-Simon einen 
Ehrenplatz in dem großen Prozeß universalhistorischen Geschehens, 
sondern ihre Erfolge, die sie im Bereich wissenschaftlichen Forschens 
davongetragen haben. Denn sie sind es, namentlich wenn man bedenkt, 
daß selbst die einzelwissenschaftlichen Untersuchungen des Aristoteles 
noch von metaphysischen Voraussetzungen geleitet waren, denen der Ruhm 
zufällt, die Beobachtungswissenschaften gegründet zu haben, 
insofern als sie die Aufstellung von Gesetzen als die Aufgabe der 
Wissenschaft begriffen und so die Bahnen methodisch verbürgten frucht- 
baren Gelingens angewiesen haben. 

In die Fußstapfen der Araber ist der Engländer Baco getreten, 
welcher den in dem wissenschaftlichen Betrieb des Abendlandes noch 
herrschenden Bann der religiösen und metaphysischen Vorurteile durch 
die konsequente Einhaltung der aposteriorischen Methode brach und 
durch seine Arbeiten die letzte große Epoche der Geschichte der 
Wissenschaften eingeleitet hat. Er hat die theolog^hen und meta- 
physischen Begfriffe aus den Wissenschaften verwiesen und hat lediglich 
durch voraussetzungslose Beobachtungen seine Entdeckungen gemacht 
So hat er, namentlich wenn man seine enzyklopädische Zusammen- 
fassung der wissenschaftlichen Ergebnisse noch in Betracht zieht, den 
Anstoß zu der großen modernen intellektuellen Umwälzung gegeben, die 
heute noch nicht beendigt ist, und sich den Ruf des Begründers 
der positiven Philosophie erworben. 

Auch Descartes spielt als wissenschaftlicher Reformator eine 
hervorstechende Rolle. In der Verwerfung aller nicht durch Beobachtung 
erzielten Erklärungsmittel der Erscheinungen stimmt er mit Baco überein. 
Im übrigen aber unterscheidet er sich grundsätzlich von diesem, denn 
ihm war das Generalisieren, die systematische Verknüpfung der vor- 
handenen Wahrheiten, die Hauptsache. Er hat auf die von Saint-Simon 
so benannte apriorische Weise die intellektuelle Erkenntnis zu fördern 
gesucht und sich die Aufgabe gestellt, hinweg über die Ergebnisse der 



— 62 — 

Einzelwissenschaften die diesen zu Grunde liegenden allgemeinen 
Prinzipien in der Form eines universalwissenschaftlichen Systems bloß- 
zulegen. Freilich ist es ihm nicht gelungen, das erstrebte Werk zu 
vollführen. Denn infolge des Mangels an positiven Kenntnissen ent- 
behrte sein Gredankenbau der gefestigten Grundlage, so daß seine vor- 
schnellen Konstruktionen der unterwühlenden Kritik der Zeit nicht 
standhalten konnten. Trotzdem aber bleibt die große Bedeutung 
Descartes' als eines methodischen Vorbildes philoso- 
phischer Bewältigung des Erfahrungsgehaltes unberührt: 
er hat die durch einzelwissenschaJtliche Vorarbeit zu Tage geförderten 
Resultate als den einzig fruchtbringenden Nährboden philosophischen 
Denkens betrachtet und damit die Richtung angewiesen, wdche die 
Philosophie fürderhin wird einschlagen müssen. 

Descartes hatte eine Anzahl Nachfolger, die, trotz der wankenden Fun- 
damente, auf denen das System des Meisters errichtet war, das nach seiner 
Weise unmöglich zu lösende philosophische Problem zu Ende zu führen 
suchten, sich aber deshalb in dem dunklen Tuabyrinth ihre metaphysischen 
Spekulationen vollständig verirrt und so jeden Anhalt verloren haben. 

Es war nun die Tat Newtons, in der Erkenntnis der Unzulänglich- 
keit des Systems Descartes', die unerläßliche methodische Korrektur 
vorgenommen zu haben, indem ihm klar wurde, daß die vomehm- 
lichste Aufgabe der Wissenschaf t sich auf die weitere Erforschung der 
Sondergebiete der Wirklichkeit erstrecken müsse, weshalb er sich so, in 
bewußtem Gegensatz zu den überschnellen philosophischen Versuchen 
Descartes', auf die aposteriorische Betrachtung des Seins beschränkt 
hat Er hat „partikularisiert" und im Verein mit Locke, der in dem- 
selben Maße und auf Grund derselben Einsicht von der Notwendigkeit 
einer Richtungsänderung der Methode überzeugt war, sich das Verdienst 
erworben, eine Menge ausgezeichneten wissenschaftlichen Materials ge- 
sammelt zu haben. Dieses Sammeln einzelwissenschaftlicher Kenntnisse 
hat die folgende Generation in zähem Festhalten an die von Newton 
eingeschlagene Entwicklungsbahn fortgesetzt Aber mußte sie denn 
nicht der Gefahr entgegeneilen, in der verwirrenden Mannigfaltigkeit 
ihrer Detailarbeiten den Gesichtspunkt der Einheit aller Wissenschaften, 
wie er Descartes als Leitstern seiner synthetischen Bestrebungen gedient 
hat, aus dem Blick zu verlieren, um, jedes philosophischen Sinnes bar, in 
mosaikartiger Anhäufung von Einzelkenntnissen den höchsten und 
einzigen Zweck wissenschaftlichen Strebens zu erblicken? In der Tat 
glaubt Saint-Simon, bei seinen in Newtons Sinne wirkenden Zeitgenossen 
diese Veriming vorzufinden. Sie haben bei all der Grröße ihrer einzel- 
wissenschaftlichen Leistungen den tiefen Gehalt der wissenschaftlichen 
Entwicklung verkannt, den er durch seinen Überblick über den Stufen- 
gang des intellektuellen Wissens enthüllt habe. Nie dürfe näm- 



- 63 - 

lieh, so meint er, eine wissenschaftliche Forschungsrichtung-, sei sie 
apriorischer oder aposteriorischer Natur, in einer Epoche als gleich- 
sam ewig zu Recht bestehend aufgefaßt werden, der Gang des 
historischen Fortschreitens erheische vielmehr gebieterisch eine im 
richtigen Zeitpunkt zu ergreifende Abwechslung der Verfahrungs- 
weise. Diese immer geltende Regel habe die französische Schule miß- 
achtet Sie habe vergessen, daß es Aufgabe ist, die Erfahrungserkennt- 
nis nicht um ihrer selbst, sondern als Mittel einer philosophischen 
Deutung der Wirklichkeit zu erweitem, und sie hat nicht bemerkt, daß 
nun dem regellosen Sammeln eines bunten Erfahrungsstoffes Genüge 
geleistet ist Es sei endlich die Zeit gekommen, wo der große Plan 
Descartes', aus einer einheitlichen Verarbeitung der Gesamtheit der Be- 
obachtungswissenschaften zur Gewinnung eines höchsten philosophischen 
Prinzips zu gelangen, seiner Verwirklichung entgegenreifen kann, und 
mit der Überzeugungstreue des Entdeckers ruft Saint-Simon mit „aller 
Kraft" seinen Zeitgenossen, insonderheit seinen Landsleuten zu: „es 
ist Zeit, die eingeschlagene Richtung zu ändern; es gilt 
nun, auf apriorischem Wege Entdeckungen zu machen." 

Man sieht also, daß Saint-Simon mit diesen, freilich sehr konstruktiven 
aber durchaus beachtenswerten Darlegungen zu einem Ergebnis ge- 
langt, das dem durch seine Nachforschungen über die innersten Ur- 
sachen der vorhandenen gesellschaftlichen Krisis zustande gekommenen 
durchaus gleicht, zu dem Postulat der Begründung einer neuen 
Philosophie. War dieses zuerst der Einsicht entsprossen, daß die 
soziale Verwirrung durch das Fehlen einer einheitlichen Weltanschauung 
hervorgerufen worden ist, welche die Kraft hätte, die vielgestaltigen 
Lebensäußerungen des sozialen Organismus durch bindende Normen zu 
harmonisieren, so hat er jetzt an der Hand seiner Betrachtungen über die 
Methoden des Forschens zu zeigen versucht, daß die Schaffung eines 
neuen philosophischen Systems auch eine Notwendigkeit vom Stand- 
punkt methodisch zweckmäßiger wissenschaftlicher Arbeit ist. So tut sich 
ihm ein weiter Ausblick auf: denn er glaubt nun zu wissen, daß jenes 
Werk, dessen Verwirklichung die Errettung der Menschheit von ihren 
sozialen Gebrechen bedeuten würde, im Bereiche des Möglichen liegt, ja 
baldiger Vollendung entgegengeführt werden könnte. 

Die bisherigen Ausführungen haben wohl schon ergeben, daß Saint- 
Simons Auffassung der Philosophie wenig mit der vorherrschenden seines 
Zeitalters gemein hat Die Philosophie ist ihm nicht etwa eine Disziplin, 
der, getrennt von aller Einzelforschung, ein nur ihr eigenes Wirklichkeits- 
gebiet zukommt, auch nicht eine solche, die sich ermißt, die tiefsten 
Wurzeln des Seins bloßzulegen, sondern sie befindet sich in einem außer- 
ordentlich engen Bündnis mit den einzelnen Wissenszweigen, wiewohl 
sie sich von diesen, wie ja die heftige Kritik, mit der sich Saint-Simon 



- 64 - 

gegen die Empirie seiner Zeit wendet, ergibt, reinlich trennt Die 
Philosophie ist vielmehr eine Wissenschaft höheren 
Ranges, sie ist im Gegensatz zu d^n Einzel Wissenschaften 
eine allgemeine, in gradueller Weise von diesen sich 
unterscheidende Disziplin: „Der allgemeinen Wissenschaft 
(science generale) oder Philosophie dienen als elementare Grundlage die 
allgemeinen Tatsachen der Einzelwissenschaften (sciences particulieres), 
die also die Elemente der allgemeinen Wissenschaften bilden", sie ist 
eine Systematisation der „theories particulieres", deren Ergebnisse sie in 
einem fundamentalen Prinzip zu widerspruchsloser Einheit verbindet. 
Diese Abhängigkeit philosophischer Reflexion von dem Stande des 
intellektuellen Wissens begründet die Relativität aller philo- 
sophischen Systeme, indem solche also jeweils die Art der 
Erfahrungserkenntnis widerspiegeln. Daher kann ein philosophisches 
System in seiner historischen Bedingtheit nicht verstanden werden ohne 
nähere Kenntnis der seine Grundbestandteile bildenden Einzelwissen- 
schaften, es muß die „Natur** der Elemente, welche die „Natur" der 
sich über ihnen erhebenden „allgemeinen Wissenschaft" bestimmen, zu- 
erst untersucht werden. 

In dieser Hinsicht hat sich Saint-Simon die ihm mündlich über- 
mittelten Lehren eines Dr. Burdin zu eigen gemacht, der zur Zeit 
der glanzvollen Pariser Tage seine Gastfreundschaft genossen hat Nach 
Burdin wird der Entwicklungsgang der Wissenschaften dadurch gekenn- 
zeichnet, daß diese zuerst hypothetisch (konjektural) waren, da der 
menschliche Geist infolge des Mangels an zureichenden Beobachtungen 
— wollte er auf eine Erklärung der Phänomene nicht verzichten — 
zu Hypothesen als vorläufigen Erklärungsprinzipien seine Zuflucht 
nehmen mußte. Aber „die große Ordnung der Dinge hat alle Wissen- 
schaften dazu bestimmt, einmal positiv zu werden". Denn die durch 
die fortwährende Beobachtung gewonnene Ansammlung von Tatsachen, 
ihre erneute Verifizierung und Prüfung müssen mit Notwendigkeit alle 
„Konjekturen" immer mehr verdrängen, bis ein Zeitpunkt kommen wird, 
in dem jede Wissenschaft in ihrer gesamten Ausdehnung positiv, d. h. auf 
beobachteten Phänomenen gegründet sein wird. Dieser mit gesetzlicher 
Notwendigkeit erfolgende Gang aller wissenschaftlichen Entwicklung 
umfaßt aber die einzelnen Zweige insofern in verschiedener Weise, als 
die Beschaffenheit der Untersuchungsobjekte von bestimmendem Ein- 
fluß auf die Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts ist. Denn 
je einfacher und weniger zahlreich die Tatsachen sind, um so weniger 
Schwierigkeiten stehen einer diu-ch Beobachtung vermittelten Er- 
fassung derselben und ihrer Beziehungen entgegen, und um so eher 
wird das positive Stadium erreicht werden. Betrachtet man unter diesem 
Gesichtspunkt die verschiedenen Wissensgebiete, so zeigt sich, daß zu- 



- 65 - 

erst die Astronomie in Ansehung der geringsten Komplikation ihrer 
Objekte, dann die Chemie, hierauf die Physiologie als der Analyse ver- 
wickelterer Phänomene zugewandte Wissenschaften einen positiven 
Charakter annehmen müssen. In der Tat ergabt eine Betrachtung der 
wissenschaftlichen Entwicklung vom fünfzehnten Jahrhundert an, daß 
die Astrologie und Alchemie von der Astronomie und Chemie verdrängt 
worden sind, und daß die Physiologie nahe daran ist, aus der Vorstufe 
hypothetischen Konstruierens in das Stadium des Positivismus über- 
geführt zu werden. 

Diese Ideen Burdins gewinnen bei Saint-Simon eine große Be- 
deutung, insofern als sie ihm zeigen, daß alle philosophischen Be- 
strebungen in einem Zeitpunkt, wo die Gesamtheit der Wissenschaften, 
wie er sie auffaßt, noch nicht die positive Stufe erreicht haben, 
unmöglich zu einem befriedigenden Resultat führen konnten. „Die 
Philosophie mußte hypothetisch sein, solange die Einzelwissenschaften 
es gewesen sind; sie mußte halb hypothetisch, halb positiv sein, so- 
lange nur ein Teil der Einzelwissenschaften positiv geworden, während 
der andere noch hypothetisch war; sie wird vollständig positiv sein, 
wenn alle Wissenschaften es sein werden, welcher Fall dann eintreten 
wird, wenn die Physiologie und die Psychologie auf beobachteten Tat- 
sachen aufgebaut sein werden ; denn es gibt keine anderen Phänomene 
als astronomische, chemische, physiologische und psychologische." So 
haben bisher die Vorbedingungen für den Entwurf eines auf wissen- 
schaftlicher Grundlage ruhenden Systems der Philosophie gefehlt, und 
erst einer nahen Zukunft wird es vorbehalten sein, dieses Werk seiner 
Vollendung entgegenzuführen. 

Es muß also, bevor an die systematische Verarbeitung der einzel- 
wissenschaftlichen Errungenschaften gedacht werden kann, erst die 
Physiologie oder, wie diese auch genannt wird, die Physik der organischen 
Körper (im Gegensatz zu der Physik der festen Körper, unter welchem 
Namen die übrigen Wissenschaften zusammengefaßt werden) in den Rang 
einer Beobachtungswissenschaft erhoben werden. Zu diesem Zwecke 
knüpft Saint-Simon an die Leistungen der neusten Vertreter der Physio- 
logie an, von denen Vicq-d'Az)n:, Cabanis, Bichat und Condorcet ihm als 
die bedeutendsten erscheinen. So hervorragend dieser Männer Ideen auch 
seien, so sollen letztere doch, infolge des Mangels ihrer Verknüpfung, nicht 
zu der ihrer Bedeutsamkeit entsprechenden Geltung gelangen. Sie müssen, 
soll die Physiologie eine wahrhaft positive Wissenschaft werden, erst 
„kombiniert, organisiert und zu Ende geführt, kurz systematisiert werden". 

Bei diesem Vorhaben wird nun die Physiologie in zwei Teüe 
geschieden: in eine Physiologie des Individuums (parti de Tindividu- 
homme) und eine Physiologie der Gattung (parti de Tespece 
humaine). Die Individualphysiologie selbst zerfällt in zwei weitere Dis- 

Mnckle, Henri de Saint-Simon. 5 



— 66 — 

zipUnen, in die Physiologie im engeren Sinne und die Psychologie, die 
Gattungs-, oder wie man sie auch nennen könnte, die Kulturphysiologie 
ebenfalls in zwei Unterabteilungen: in die Geschichte der Fortschritte 
des menschlichen Geistes und die Erforschung der Zukunft der mensch- 
lichen G^istesgeschichte. 

Ist es nun Saint-Simon gelungen, die nach seiner Meinung un- 
erläßliche Vorbedingung für die Ausarbeitung des philosophischen 
Systems zu erfüllen? Sein 1813 vollendetes Werk „Memoire sur la 
science de lliomme" ist vornehmlich diesem Zwecke gewidmet, ohne 
daß allerdings seine Untersuchungen, wenigstens was die Individual- 
physiologie betrifft, fruchtbare Ergebnisse gezeitigt hätten. Es fehlt 
ihm die nähere Kenntnis der zeitgenössischen physiologischen Literatur 
in bedenklichem Maße, und die Fruchtlosigkeit seiner Spekulationen 
enthebt uns der Mühe, ihnen irgend welche Beachtung zu schenken. 

Anders freilich verhält es sich mit seinen geschichtsphilosophischen 
Anschauungen, die, entsprungen den durch das Studiimfi des Werkes 
Condorcets (Esquisse d'un tableau des progres de Tesprit humain) ge- 
wonnenen Anregungen, zu außerordentlich tiefgreifenden Folgewirkungen 
führten. In einem gesonderten Abschnitt werden wir eingehend auf 
sie zurückkommen. 

Man hat nicht mit Unrecht gesagt, daß Saint-Simons Denken mehr 
auf das Wollen als auf das Tun gerichtet war (Barth), und damit einen 
Zug bezeichnet, der den innersten Kern seiner Persönlichkeit über- 
haupt ausmacht Schon in den Jahren einer noch frühen Jugend erst 
ahnungsvoll erfaßten großen Zielen zugewandt, hat er mit faustischem 
Trieb in den wechselvollen Phasen seines Daseins, soweit wir es bisher 
kennen gelernt haben, unbekümmert um die ständigen Mißerfolge, „sein 
Leben gleichsam durchstürmt", um in der überstürzten Hast seines zügel- 
losen Strebens seinem abnormen Willensdrang Genüge zu leisten. Und 
als er das eigentliche Feld seiner Tätigkeit in der Welt des wissenschaft- 
lichen Lebens gefunden, hat er, wie wir noch ausführen werden, in 
unstetem Sehnen nach Vollbringung großer Dinge und getrieben durch 
die Wandlung der Ereignisse, unbekümmert um das Unfertige des 
Begonnenen, in immer neuen Zielrichtungen des Strebens seine Persön- 
lichkeit ausgelebt. Ja selbst im Kleinen ist diese psychologische Eigen- 
art seiner Individualität sichtbar. So wenn man in Erwägung zieht, in 
welcher Weise er die neue positive Philosophie ausgestaltet wissen 
möchte. Während seinen eigenen Darlegungen gemäß diese auf dem 
Untergrund der durch die Einzelwissenschaften festgelegten positiven 
Tatsachen sich erheben müßte, dergestalt, daß ihre systematische Zu- 
sammenfassung zu der Konzeption eines universell geltenden Prinzips 
führen sollte, geht Saint-Simon, auf die Annahme der Einheit alles Seins 
gestützt, mit dem Gedanken um, in der Gravitation das fundamentale 



- 67 - 

Gesetz der Wirklichkeit gefunden zu haben. Nicht beherrsche dieses 
Prinzip, wie Newton gemeint hat, allein die anorganische, sondern auch 
die organische Welt: die Gravitation ist die „Idee des unabänderlichen 
(Gesetzes, nach welchem Gott die Welt in allen ihren Sondergebieten 
lenkt." Saint-Simon wollte, wie er kurz vor seinem 1825 erfolgten Tode 
seinem lieblingsschüler Olinde Rodrigues erklärt hat, „essayer de syste- 
matiser la philosophie de Dieu; je voulais descendre successivement du 
phenomene univers au phenomene terrestre, et enfin a Tetude de Tespece, 
consideree comme une dependance du phenomene sublunaire, et deduire 
de cette etude les lois de Torganisation sociale, objet primitif et essentiel 
de mes recherches." Aber das war ein hoffnungsfreudiger Wunsch, 
entsprungen einer Hypothese, deren zureichende Rechtfertigung er 
natürlich vollständig schuldig geblieben ist 

Hinsichtlich ihrer Methode bedeutet also die positive Philosophie 
Saint-Simons einen Kompromiß zwischen Baco und Descartes, indem 
sie von dem ersten die Einschränkung aller Wissenschaften auf das 
Grebiet der Erfahrung, von dem letzteren vornehmlich die Idee der uni- 
versellen Einheit aller Wissenszweige übernommen hat 

n. 

Wir wissen, daß die Zweckbestimmung des neu zu gründenden 
Systems der Philosophie in der Beseitigung der kulturellen Anarchie be- 
ruht: die Menschen sollen durch die Schaffung eines einheitlichen Ideen- 
kreises wieder zu einem harmonischen Ganzen zusammengefaßt werden. 
Damit tritt diese sozial bindende intellektuelle Macht in schärfsten Gegen- 
satz zu der Metaphysik des achzehnten Jahrhunderts, deren Bedeutung 
der Denker mit echt historischem Geist gerecht wird: er hält sich nicht 
nur frei von der Einseitigkeit, mit der sie die ultramontanen Reaktionäre 
wie Bonald, de Maistre u. a. als Schreckbüd einer unheilvollen Geistes- 
verirrung hinstellen, sondern bekämpft auch die doktrinäre Ver- 
blendung jener Gruppe, die den metaphysischen, auflösenden Geist 
gleichsam für alle Zeiten aufrecht erhalten wissen möchte. Mit scharfem 
Blicke diu-chschaut er vielmehr die Wesensart und historische Begrenzt- 
heit der metaphysischen Lehren des revolutionären Frankreich, und wie 
keiner vor ihm erkennt er das von uns gekennzeichnete abstrsdiierende 
Verfahren des von Taine so bezeichneten „klassischen Geistes", dem 
zufolge man mit den hohlen Gebilden philosophischer Abstraktion glaubte, 
die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Gestalten der Wirklichkeit 
meistern zu können. Bezeichnet er doch einmal in einem späteren Werk, 
seine Meinung zusammenfassend, mit trefflicher Charakteristik die Meta- 
physiker als solche, die sich mehr mit den Formen als dem 
Grund, mehr mit Worten als wirklichen Dingen, mehr 
mit den Prinzipien als mit den Tatsachen beschäftigen. 

5* 



— 68 — 

Und er sieht weiterhin, wie es die Metaphysik gewesen ist, die das 
schon morsche Gebäude des mittelalterlichen Dogmenglaubens unter- 
wühlt und mächtig zur revolutionären Sprengung auch der drückenden 
politischen und sozialen Fesseln beigetragen hat, freilich ohne sich 
schon des vorwiegend ökonomischen Untergrundes dieser Auflösung 
bewußt zu sein. 

Somit hat die Metaphysik eine große historische Mission erfüllt, 
aber es ist klar, daß sie mit der Vollendung ihres Zerstörungswerkes 
sich geschichtlich überlebt hat: was not tut, ist, nach den heftigen Er- 
schütterungen des Kulturlebens der letzten Jahrhunderte, die aus der 
Anarchie der Meinungen und des Wollens hervorgerufene soziale 
Zerrüttung zu beseitigen und durch die Schöpfung neuer, dem Stande 
der Kultur entsprechender geistiger Werte die auseinanderstrebenden 
Kräfte zu organisieren. Diese Umwertung aller Werte vermag nur 
die positive Philosophie zu vollbringen, die mit ihrer gesellschaftlich 
gewandten Wirkung den Umkreis des Intellektuellen überschreitet und 
durch eine Regeneration der religiösen, sittlichen und politischen Ideen 
das soziale Sein in neuer Weise aufbauen wird. 

Über die Art der Abhängigkeit dieser Ideen von ihrer einheitlichen 
Grundlage und über ihre soziale Wirkungsweise macht Saint-Simon 
wenige, aber hochbedeutsame Bemerkungen. Im Anschluß an Dupuis* 
Werk „De Torigine de tous les cultes" betont er den entscheidenden 
Einfluß der wissenschaftlichen Kenntnisse auf die Ausgestaltung der 
Religionsformen: er nennt die Religion geradezu eine „science d'ap- 
plication", deren Wesenscharakter in einer Einkleidung der wissenschaft- 
lichen Errungenschaften in geheiligte Symbole besteht. In der stetigen 
Änderung des intellektuellen Untergrundes der Religion liegt nun der 
fortwährende Wechsel dieser letzteren begründet: so daß bei jeder 
neuen Stufe des intellektuellen Wissens entsprechend 
neue religiöse Formen sich herausbilden. Durch das Mittel 
der Religion aber üben die intellektuellen Fortschritte einen sozialen Ein- 
fluß aus. Bildet doch der religiöse Gehalt einer Zeit den sozialen Kitt 
gleichsam, der die Gesellschaftsordnung vor der Gefahr einer Zerbröcke- 
lung schützt und einen heilsamen Wall gegen die auflösenden Flutwellen 
des Selbstinteresses darbietet. „La religion a toujours servi et 
servira toujours de base ä Torganisation sociale." Die 
Religion ist das konstituierende Element der sozialen Ordnung, das um 
die Individuen und, in fortgeschrittenen Zeiten, auch um die Völker ein 
gemeinsames Band schlingt und dem Überströmen antisozialer Triebe 
hindernd sich entgegenstellt 

Mit diesen Bestimmungen über die Religion stellt sich Saint-Simon 
der Auffassimg seiner Zeit bewußt entgegen: einmal betont er im 
Gegensatz zu der revolutionären Metaphysik die historische Bedingtheit 



- 69 - 

aller Religionssysteme und läßt sich nicht wie diese, im Hinblick auf 
offenbar vorhandene religiöse Mißstände, zu einer Verurteilung der 
Religion überhaupt hinreißen. Aber er verfällt auch nicht der Ein- 
seitigkeit der reaktionären Theoretiker, die in dem nun unterwühlten 
Glaubenssystem des Mittelalters ein immerdar geltendes Ideal erblicken, 
sondern sieht in den religiösen Ideen ein aus dem Urgrund des Geistes- 
lebens entspringendes und darum in beständigem Flusse sich befindendes 
historisches Entwicklungsprodukt. 

So wird auch das durch die neue Philosophie eingeleitete Zeitalter 
des Positivismus eine seiner intellektuellen Grundlage entsprechende 
Religion hervorbringen und damit eine sozial bindende Macht gewinnen, 
die den Widerstreit der Interessen versöhnen und die Menschen von 
der gesellschaftlichen Krisis befreien wird, in die sie der unabänderliche 
Gang des geschichtlichen Lebens hineingestürzt hat. 

AhnHch wie mit der Religion verhält es sich mit den Ideen der 
MoraL Ebenso wie die religiösen dem intellektuellen Leben ent- 
sprossen, sind sie in ständiger Wandlung begriffen und haben in der 
sozialen Sphäre die Bedeutung organisierender Lebensnormen. Gerade 
dieses Fehlen einheitlicher moralischer Imperative ist es, was in sichtbar- 
ster Weise die Gesellschaftsordnung der modernen Zeiten kennzeichnet. 
Diese entbehrt klarer Grundsätze der Lebensführung, und mit wuchtiger 
Gegensätzlichkeit stoßen die Interessen der Individuen und Völker auf- 
einander. Das soziale Gleichgewicht ist untergraben, und in ihrer Heftig- 
keit sich überbietende Konflikte verzehren die sozialen Lebenskräfta 
Ein neues, positives Moralsystem, aufgebaut ebenfalls auf dem 
Boden der positiven Philosophie, wird hier Abhilfe schaffen und den 
Nationen wieder Stetigkeit und Ruhe verleihen. 

Und ebenso wird auch eine Umgestaltxmg der Grundsätze der 
Politik die Folge der philosophischen Regeneration sein. Denn nicht 
etwa Ausfluß persönlicher Launen sind die politischen Ideen, auch sie 
sind letzten Endes verankert in dem intellektuellen Fundament und 
spiegeln dessen Beschaffenheit und die Tendenz seiner Auswirkung wider. 
Die ganze Zerfahrenheit der politischen Meinungen in der modernen 
Zeit ist so nach Saint-Simon die Folge einer geistigen Zerrüttung, 
deren Beseitigung auch auf dem Gebiete des politischen Handelns auf 
wissenschaftlichen (positiven) Einsichten beruhende, eindeutig bestimmte 
Prinzipien als Richtschnur der Tätigkeit mit sich bringen wird. 

So hat denn der Denker ein durchaus großartiges Programm auf- 
gestellt: in dem Mangel eines Systems allgemeiner Über- 
zeugungen die Grundursache der gesellschaftlichen 
Verwirrung seiner Zeit sehend, glaubt er in der Be- 
gründung eines Systems der positiven Philosophie das 
schlechthin einzige Mittel der sozialen Organisation 



— 70 — 

gefunden zu haben, wobei er die sozialisierende Kraft 
dieser neuen Philosophie in der durch sie ermöglichten 
Regeneration der allgemeinen Ideen erblickt, die in der 
Form einer neuen Religion, Moral undPolitik gefestigte 
Fundamente des sozialen Gebäudes abgeben. 

Es müßte also der Mittelpunkt aller Bestrebungen unseres Philo- 
sophen die Lösung des von ihm vorgezeichneten philosophischen 
Problems sein. Mit der Bewältigung erst der Riesenaufgabe einer 
Systematisierung der Erfahrungserkenntnis, die in ihrer ganzen Viel- 
gestaltigkeit auf ein universell gültiges Urprinzip reduziert werden sollte, 
wäre das Mittel gefunden, an Stelle des schwankenden Zustandes der 
Meinungen ein Ideensystem zu setzen, das, im Einklang mit der be- 
stimmenden Grundlage der Kultur, den Individuen und Nationen wieder 
einheitliche Richtpunkte des Handelns, objektive Imperative gleichsam, 
anweisen würde. Aber zur Durchführung eines so weitgehenden Werkes 
fehlte es Saint-Simon nicht nur an der dazu nötigen allseitigen wissen- 
schaftlichen Durchbildung und, wie sich uns noch ergeben wird, an der 
Kraft des Beharrens in der einmal eingeschlagenen Bahn seiner Ideen- 
richtung, sondern an der Grundvoraussetzung wirkhcher Klarheit über- 
haupt. Er sollte die feststehenden Ergebnisse der Einzelwissenschaften 
zur Einheit eines Systems der positiven Philosophie zusammenfügen, 
läßt sich aber in seinen auf das Werk der Reorganisation der Gesell- 
schaft hinzielenden Untersuchungen von Erwägungen leiten, die, un- 
vereinbar mit seinen Grundbestimmungen — oder wenigstens von ihm 
mit diesen nicht in Übereinstimmung gebracht — ihren Artgehalt einer 
zweiten Auffassung der Philosophie verdanken, die in einem 
Briefe an Redem dahin ausgesprochen wird, daß die positive Philosophie 
in einer philosophischen Durchmusterung der Geschichte 
aufgehe. Erst August Comte hat die Identität dieser beiden Wissen- 
schaften, der Philosophie und der Geschichtsphilosophie, zu erweisen 
versucht: seine Soziologie ist nichts anderes als die von Saint-Simon 
erstrebte „allgemeine Wissenschaft". 

Grundlegende Ansätze zu dieser philosophischen Bemeisterung der 
imiversal-historischen Wirklichkeit sind nun in den von uns zu prüfenden 
Schriften in zerstreuter Weise vorhanden. Zwar werden sie nicht als 
identisch mit der neuen Philosophie betrachtet, aber als unerläßlich, um 
die Tendenz des historischen Geschehens und damit die Beschaffenheit 
der neuen sozialen Organisation mit bezwingender Sicherheit aufzuweisen. 

b) Die Philosophie der Geschichte. 

Unsere bisherigen Darlegungen haben schon erkennen lassen, daß 
die Art, in der Saint-Simon das gesellschaftliche Dasein der zivilisierten 



— 71 — 

Völker ausgestaltet wissen möchte, entsprungen ist seinen Anschauungen 
über die Entwicklung des historischen Lebens überhaupt Der Gedanke, 
durch die Schaffung einer neuen intellektuellen Basis die verwirrende 
Mannigfaltigkeit der Überzeugungen und die daraus folgenden anti- 
sozialen Neigungen zu beseitigen, ist bei ihm nicht etwa der Ausfluß ab- 
strakter Spekulationen, sondern verankert vielmehr in einer geschichts- 
philosophischen Grundansicht, die zwar der systematischen Begründung 
ermangelt, aber doch in ihren fundamentalen Teilen mit ausreichender 
Klarheit angedeutet ist 

In der von Comte später so genannten Hierarchie der Wissen- 
schaften nimmt die Geschichte der menschlichen Gattung im Hinblick 
auf die große Verwickeltheit ihrer Erscheinungen den letzten Rang 
ein. Als Bestandteil der Physiologie ist sie noch nicht in das Stadium 
des Positivismus eingetreten, das heißt, es ist noch nicht gelungen, die 
ungeheure Anzahl der historischen Tatsachen so zu verarbeiten, dsiß 
sie, anstatt als eine Wirrnis sich regellos entfesselnder Kräfte zu er- 
scheinen, als ein Ergebnis vielmehr der gesetzmäßigen Wirkungsweise 
eines primären Phänomens aufgefaßt werden könnten. 

Von der Einheit alles Geschehens, des natürlichen wie des geistigen, 
ausgehend, will Saint-Simon nun der Geschichte jenen Charakter ver- 
leihen, welchen die übrigen Wissenschaften, die Astronomie, Chemie, schon 
angenommen haben. Ohne Zuhülfenahme religiöser und metaphysischer 
Begriffe soll die Verkettung der historischen Ereignisse lediglich durch 
eine vorurteilslose Beobachtung erfolgen, analog der Art, in der die 
positiven Disziplinen der Naturerkenntnis zu ihren unumstößlichen Ergeb- 
nissen gelangen. Dazu ist aber nötig die Ergründung jener fundamen- 
talen Elemente des historischen Lebens, die als Orientierungsprinzipien 
gleichsam innerhalb des bunten Bereichs des sozialen Seins es ermög- 
lichen, auf einer festen methodischen Grundlage den ungeordnet sich 
darbietenden Beobachtungsstoff wissenschaftlich zu bemeistern. Daran 
gerade hat es die zeitgenössische Geschichtsschreibung nach Saint- 
Simon fehlen lassen. Unfähig, mit dem Geiste wahrer Wissenschaft- 
lichkeit an die historischen Gestalten heranzutreten, hat man es nicht 
vermocht, aus dem Wirrwarr der Erscheinungen die richtungbestimmen- 
den Triebkräfte herauszuschälen, sondern sich mit der ungeordneten 
Sammlung von Tatsachen zufriedengestellt. Man hat sich begnügt mit 
der Berücksichtigung vorwiegend sekundärer, namentlich politischer 
und militärischer Geschehnisse und hat die Geschichte geradezu als das 
Brevier der Könige bezeichnet. Mit dieser methodischen Verirrung 
freilich ist den letzteren ein schlechter Dienst erwiesen worden, denn 
ihre Reg^erungsweise zeigt, daß ihr Brevier einfach nichts taugt. So 
ist eine Reform der Geschichte dringend von nöten: es muß versucht 
werden, bis zimi innersten Kern des sozialen Geschehens vorzudringen. 



— 72 — 

um aus ihm die Besonderheit der von ihm abhängigen sozialen Lebens- 
äußerungen abzuleiten, es muß, mit einem Worte, das Stadium 
roher Empirie verlassen und zu dem erhöhten Standpunkt 
einer kausalen Deutung der Phänomene aus einem ihnen 
zu Grunde liegenden Urprinzip fortgeschritten werden. 
In dieser Hinsicht ist nach Saint-Simon die eigenste Domäne der Ge- 
schichte das menschliche Geistesleben, speziell das intellektuelle Wissen, 
das mit fortzeugender Macht den Artgehalt und die Entwicklungs- 
tendenz der übrigen Kulturelemente, der Religion, Moral und Politik 
bestimmt und den Einfluß anderer Kräfte kulturell gestaltender Wirkung, 
wie das Kllima, zwar nicht beseitigt, aber doch als untergeordnet er- 
scheinen läßt Jede historische Wandlung empfängt somit ihren An- 
trieb und ihre Wesensart aus der geistigen Sphäre, und da diese ihr 
Dasein dem Wirken nicht nur verschiedener Generationen, sondern auch 
verschiedener Nationen verdankt, so umfaßt die wissenschaftliche Ge- 
schichte in ihrer reinsten Ausprägung das gesamte Bereich mensch- 
licher Tätigkeit, sie ist universale Kulturgeschichte. Vom 
stetigen Wandel des geistigen Schaffens angefacht, rauscht das geschicht- 
liche Leben däinn als ein ewig flutender Strom, der den begonnenen 
Lauf ungehindert aller sich darbietender Widerstände unverrückt fest- 
hält Denn auch von Erschütterungen wird die Geschichte heim- 
gesucht, die, dem Wirbelgetöse der Wasserfälle gleich, das Strombett 
des geschichtlichen Ablaufs in seiner innersten Tiefe aufwühlen, bis 
sich das schwankende Chaos der Massen unter dem alles bezwingenden 
Anstoß vorwärts drängender Mächte aus seiner Gestaltlosigkeit wieder 
entwirrt. Es werden solche Störungen hervorgerufen diu-ch einen im 
innersten Grund des Gesellschaftskörpers sich vollziehenden Wechsel. 
Denn wenn das geistige Fundament der sozialen Ordnung durch die 
beständige Zunahme von Kenntnissen unterwühlt und dcimit seines 
Haltes beraubt wird, so stürzt mit ihm der ganze von ihm getragene 
Überbau zusammen und treibt die Gesellschaft dem Abgrund der 
Anarchie entgegen. Die religiösen, moralischen und politischen Ideen, 
einst aus dem nährenden Untergrund des geistigen Lebens erwachsen 
zu festen, allseitig geltenden Normen der Lebensgestaltung, arten nun 
aus zu verwirrender Vielheit und berauben so das soziale Dasein jener 
bindenden Gewalten, die ihm ehedem ein organisches Gepräge verliehen 
haben: die Gesellschaft befindet sich im Zustande einer Krisis, die 
erst verschwinden wird, wenn es gelungen ist, durch eine intellektuelle 
Regeneration die Vorbedingung für eine Neubildung auch der übrigen 
Kulturelemente zu schaffen. 

Diese Tatsache nun, daß es möglich ist, die geschichtlichen Ereig- 
nisse als bedingt durch die Metamorphose der fundamentalen geistigen 
Strömungen zu betrachten, gibt der Geschichtswissenschaft eine ganz 



— 73 — 

hervorragende praktische Bedeutung, insofern nämlich, als der an der Hand 
dieses methodischen Prinzips gewonnene Einblick in die Gestaltungen 
der Vergangenheit auch die Kenntnis der Zukunft vermittelt 
Denn wenn die Geschichte eine einzige Kette ursächlich bedingter Not- 
wendigkeiten darstellt, so ist ersichtlich, daß „die Zukunft sich aus den 
letzten Gliedern einer Reihe zusammensetzt, deren erste die Vergangen- 
heit konstituieren : so kann man von der gut beobachteten Vergangen- 
heit ohne Mühe die Zukunft ableiten". Auch eine Beurteilung der 
Gegenwart vermag nur auf Grund eines Verständnisses der zurück- 
liegenden Epochen der Geschichte den Wert wahrer Wissenschaft- 
lichkeit und damit willkürfreier Deutung erlangen. Bedenkt man, wie 
die Verschiedenartigkeit des Standpunktes, auf dem das Individuum 
sich befindet, bei einer Würdigung der sich ihm darbietenden Zeitver- 
hältnisse, herausgerissen aus dem großen Zusammenhang des historischen 
Greschehens, das Einfließen subjektiver Wertiuteile unvermeidlich macht, 
so ist klar, daß nur die aus vorurteilsloser Beobachtung entsprungene 
Zergliederung der Vergangenheit ein zuverlässiger Führer sein kann. 
Dank so gewonnenem Einblick in die Beweg^ngsgesetze der Gesell- 
schaft sind die Normen politischer Einwirkung eindeutig gegeben, die 
Politik also eine Wissenschaft ,Jmprimer ä la politique un caractere 
positif est Fobjet de mon ambition." 

Von seinen Vorgängern ist es Condorcet, dessen Grundidee, wie sie 
in seinem Werke „Esquisse d'un tableau historique des progr^ de Tesprit 
humain" enthalten ist, Sadnt-Simon die höchste Bewunderung zollt Er 
sei der erste gewesen, der den Wesensgehalt der Geschichte scharf- 
sinnig erkannt habe, und immerdar sei sein Ruhm gesichert, wenn es 
ihm auch nicht gelungen sei, gestützt auf seine erhabene Konzeption, 
die geschichtlichen Tatsachen mit methodischer Sicherheit zu deuten. 
Dazu seien schon die Umstände, unter denen sein großes Werk ent- 
standen sei, ungeeignet gewesen. Sie haben ihm die für wissenschaftliche 
Gründlichkeit unentbehrliche Nüchternheit und Besonnenheit geraubt, 
und auch der philanthropische Affekt habe seinen Blick getrübt So 
hat er die Dinge nicht gesehen, wie sie sind, sondern wie sie ihm sein 
sollten, und aus einer anfänglich erstrebten Geschichtsphilosophie ist 
ein Roman geworden. Es sind Condorcet Irrtümer grundlegender Art 
unterlaufen. Er hat die an sich berechtigte Idee des beständigen Fort- 
schritts der menschlichen Gattung durch die Annahme einer unbe- 
schränkten Vervollkommnung des Menschen maßlos übertrieben und 
durch seine Unfähigkeit, der Religion eine gerechte Würdigung zu teil 
werden zu lassen, sich des wichtigsten Mittels vorurteilsloser Betrachtung 
der Vergangenheit beraubt Daher war es für ihn immöglich, dem Mittel- 
alter, jener von Saint-Simon des allherrschenden sozialisierenden Ein- 
flusses der Kirche wegen so bewunderten Epoche, die richtige Stellung 



— 74 — 

in dem stetig fortschreitenden Prozeß menschlicher Zivilisation anzu- 
weisen, und statt einer unbefangenen Beurteilung der Verdienste der 
Geistlichkeit haben sich seine Ausführungen zu einer Schmähschrift 
gegen dieselbe gestaltet 

Dies also ist die geschichtsphilosophische Auffassung Saint-Simons : 
das geschichtliche Dasein gewinnt in allen Phasen seine 
Eigenart durch den Grundimpuls der geistigen Ent- 
wicklung, die im stracken Verlauf ihres immanenten 
Fortschreitens alle übrigen Äußerungsformen des kul- 
turellen Lebens durchdringt und den universalhisto- 
rischen Ablauf je nach der Beschaffenheit der richtung- 
gebenden intellektuellen Momente in eine Anzahl 
Kulturzeitalter zerlegt Diese, in dem Stadium höch- 
ster Ausprägung scharf voneinander getrennt, leiten 
aber zueinander über unter den erschütternden Wehen 
eines sozialen Antagonismus, der, hervorgerufen durch 
die Verschiebung des geistigen Unterbaues, verschwin- 
det, sobald die religiösen, politischen und sittlichen An- 
schauungen sich wieder in harmonischem Einklang mit 
der neuen Grundlage der Zivilisation befinden. 

Ein methodisches Hilfsmittel einer wissenschaftlichen Deutung der 
verschiedenen Epochen glaubt der Denker auch in der Überein- 
stimmung individualer und gesellschaftlicher Entwick- 
lung gefunden zu haben. Freilich, ohne daß er es erreicht hätte, in der 
Anwendung dieses Prinzips eine weitere Bestätigung seiner sonstigen 
geschichtsphilosophischen Lehren zu erzielen. Denn gerade das, was man 
hätte erwarten sollen, die Auf Weisung gleicher geistiger Entwicklungs- 
tendenzen innerhalb der einzelnen Zeitalter, individualer wie sozialer 
Natur, läßt er beiseite, und statt einer Bloßlegung gemeinsamer kon- 
stitutiver Elemente begnügt er sich mit ein paar sonstigen angeblichen 
Übereinstimmungen. 

Die ersten Jahre der Kindheit sind ausgefüllt hauptsächlich mit 
der Aufnahme von Nahrung. Es erwacht bald in dem Kinde der 
Spieltrieb, dem zufolge sein Tun nicht durch die kluge Vorausberech- 
nung des Erfolges ausgelöst wird, sondern durch die Freude an der 
Tätigkeit selbst Das Kind errichtet Steingebäude, es konstruiert Dämme, 
gräbt kleine Seen, bekundet überhaupt eine große Vorliebe für gewerb- 
liche Tätigkeit Im Pubertätsalter erwacht der künstlerische Sinn, 
während der Mensch in den Zeiten der Mannesjahre, angetrieben durch 
das Gefühl seiner Kraft, das ihm alle Grenzen übersteigbar erscheinen 
läßt, in die Arena des Kampfes eintritt: er ist gleichsam militärisch. 
Mit den Jahren der Reife endlich verliert sich die Kampfesfreudigkeit, 
das Individuum überblickt, allem Streben nach weiterer Machtentfaltung 



— 75 — 

abhold, den zurückgelegten Teil seines Daseins, um sich in sorgfältiger 
Prüfung Rechenschaft über das Erlebte zu geben. 

Diesen Stufen entsprechen nun auf gesellschaftlicher Seite die fol- 
genden: der ersten Blindheit die wilden Völker, deren ganzes Tun auf 
die Befriedigung physischer Bedürfnisse gerichtet ist, der zweiten Stufe 
die Ägypter, bei denen Saint-Simon eine der kindlichen Muse ähnliche 
Betätigung vorzufinden glaubt Es reihen sich dann an die Griechen, 
die auch heute in der Kunst noch unerreicht dastehen, während die 
entwicklungsgeschichtlich schon weiter fortgeschrittenen Römer sich 
durch die Gabe der Kriegführung besonders aiiszeichnen. Die Sarazenen 
endlich leiten jene Epoche ein, die, in ihrer charakteristischen Aus- 
prägung übereinstimmend mit dem reifen Mannesalter, der Pflege der 
Wissenschaften sich vor allem zuwendet 

Weit fruchtbarer als diese Betrachtungen, denen ein an sich be- 
deutungsvoller Gedanke zu Grunde liegt, sind die übrigen geschichts- 
philosophischen Untersuchungen, die, zwar, wie ja alles bei Saint-Simon, 
nur mit flüchtiger Feder hingeworfen, doch bedeutungsvolle Gesichts- 
punkte einer über das Stadium bloßer Deskription kühn hinausweisenden 
geschichtlichen Betrachtungsart fesüegen. Dabei nimmt er, um auch 
die fernen Geschehnisse der Urzeitalter historisch beleuchten zu können, 
seine Zuflucht zu der Ethnologie als einer Wissenschcift, die er für 
geeignet hält, mit ihren Untersuchungen über jene Völker, die auch 
heute noch rückständige Stufen der Zivilisation darstellen, Streiflichter 
auf die noch im Dunkeln liegenden Epochen der Menschheitsgeschichte 
zu werfen. Saint-Simon denkt vornehmlich an die Forschungen Bougain- 
villes, Cooks u. a, welche die Kenntnis bisher noch unbekannter, kul- 
turell zurückgebHebener Stämme vermittelt und damit die MögUchkeit 
gegeben haben, den Prozeß geschichtlichen Fortschreitens von seinem 
Uranfang bis zu der Höhe modemer Zivilisation ungehemmt zu ver- 
folgen. Auf diese Weise bricht Saint-Simon in radikaler Weise mit 
jener Rousseauschen Annahme eines in steter Glückseligkeit dahin- 
lebenden Naturmenschen, die, ein geschichtliches Trugbild, heraus- 
geboren aus dem Verdruß an den verzehrenden Genüssen einer un- 
gesunden Kultur, dazu verleitete, in der Urwüchsigkeit eines kultur- 
fremden Daseins den erstrebenswerten sozialen Zustand zu erblicken. 
Sowohl die paradiesische Unschuld Adams und Evas, des ersten Menschen- 
paares der Theologen, als auch das Glück des Wilden, aus dem ihn die 
Zivilisation herausgerissen haben soll, sind nach Saint-Simon Chimären, 
die einer ungeschichtiichen Betrachtungsweise *ihre Entstehung ver- 
danken. Der Urmensch zeichnete sich vor den Tieren einzig durch eine 
etwas höhere körperliche Organisation aus, kraft welcher er die Tiere sich 
in verschiedener Weise für die Befriedigung seiner Bedürfnisse dienst- 
bar machte, teils auch, soweit sie seiner fortschreitenden Entwicklung 



- 76 - 

ein Hemmnis waren, beseitigte. Die Folge dieser so geschaffenen 
günstigen Entwicklungsbedingungen für den Menschen war, daß er 
sich im Gegensatz zu der Tierwelt beständig vervollkommnete, die bei 
seiner Überlegenheit sich nicht weiter entfalten konnte. 

Das zwischen Mensch und Tier eine grundsätzliche Scheidung be- 
wirkende Moment liegt nun in der Entstehung der Sprache, die als das 
Ergebnis einer langen Entwicklung die Gfrundlage jeder vernunftgemäßen 
Betätigung und damit jeder sozialen Entwicklung bildet 

Was nun die Zerlegung der Menschheitsgeschichte in eine Anzahl 
von Kulturepochen betrifft, so erschließt Saint-Simon die frühesten der- 
selben, freilich ohne seine oben wiedergegebenen geschichtsphilo- 
sophischen Prinzipien folgerichtig zu beachten, mit Hilfe ethnologischer 
Beobachtungen. 

Die erste Stufe wird vermittels der an dem in Aveyron aufge- 
fangenen Wilden gemachten Beobachtungen aufgehellt, der in völliger 
Unwissenheit sich befand, eine besondere Vorliebe für rohe, sowohl 
tierische als auch pflanzliche Nahrungsmittel zeigte und am liebsten 
sich im Walde aufhielt. 

Die zweite Kulturgeneration repräsentieren die an der 
Magellanstraße wohnenden Stämme, die, in einem Zustand größter 
Wildheit lebend, als Wohnungen Höhlen benützen, weder des Feuers 
kundig sind, noch unter irgend welcher Oberherrschaft stehen. 

Weit fortgeschrittener sind die sozialen Zustände in den nördlichen 
Teilen der Nordostküste Amerikas, die von Cook entdeckt worden sind. 
Ihre Bewohner sind die Vertreter der dritten Periode des Menschen- 
geschlechts. Es finden sich hier schon planmäßig gebaute Wohnungen, 
die ersten Anfänge einer politischen Organisation vor, aber nur eine 
unentwickelte Sprache. 

Hierauf kommen als die Vertreter eines weiteren, vierten Zeit- 
alters, die Neuseeländer, wilde Stämme, die im Besitze einer wohl- 
ausgebildeten Sprache sind und unter der Herrschaft eines Führers 
stehen. Eine gewisse geistige Reife befähigt sie zur Herstellung von 
Waffen, welche die Tötung von Menschen leicht ermöglichen und da- 
durch die Menschenfresserei begünstigen. 

Den nächsten Entwicklungsgrad bekunden die Bewohner der 
Freundschafts- und Sandwichinseln (fünfte Stufe). Die Menschen- 
fresserei ist fast vollständig verschwunden, die Sprache ziemlich wort- 
reich. Das Volk ist in zwei Klassen geteilt, ein religiöser Kultus ist 
vorhanden, und die Priester sind von allen hochgeachtet. 

Es folgen die Peruaner und Mexikaner zur Zeit ihrer Entdeckung 
durch die Spanier. Die gewerblichen und schönen Künste zeichnen 
sich hier aus durch eine bemerkenswerte Höhe ihrer Entwicklung, auch 
die politischen Verhältnisse sind fortgebildet (sechste Stufe). 



— 77 — 

Bis hierher auf die Ergebnisse der Völkerkunde angewiesen, ver- 
mag Saint-Simon nun die Eigenart der weiteren Kulturgruppen aus 
den Tatsachen der Geschichte selbst zu erschließen. Da zeigt sich nun, 
daß ein bedeutsamer Wendepunkt des historischen Geschehens herauf- 
geführt wird durch die Bildung der Schriftzeichen, die das Werk der 
Ägypter war (siebente Stufe). Ihr Mangel vornehmlich hat die 
Langsamkeit der ersten Fortschritte der Menschheitsgeschichte ver- 
schuldet, und auf ihre Erfindung gründet sich die geistige Ueberlegen- 
heit der Ägypter über die bisher betrachteten kulturgeschichtlichen 
Entwicklungstypen. Die soziale Organisation Ägyptens war auf der 
Lehre des Fetischismus aufgebaut, der Idolatrie, wie Saint-Simon sagt. 
Wohl hatten die „sciences morales et oelles d'observation" jetzt das 
Stadium keimhaften Beginnens schon beschritten, aber man vermochte 
es noch nicht, die Erscheinungen diu-ch Zuhilfenahme lediglich der Be- 
obachtung auf ihre Wirkungsweise hin zu untersuchen. Man vergött- 
lichte vielmehr die die Aufmerksamkeit erregenden Gegenstände und 
betrachtete so die Sonne, den Mond, die Sterne, das Meer und die Tiere 
als die fundamentalen Ursachen alles Geschehens. Damit war der erste 
Schritt zu der „allgemeinen Wissenschaft" hin gemacht Diese ersten 
Regungen des wissenschaftlichen Geistes hatten eine soziale Klassen- 
scheidung zur Folge, indem die Gelehrten, die neben ihren wissenschaft- 
lichen Bestrebungen auch priesterlichen Diensten oblagen, von der 
großen Masse des noch in tiefer Unwissenheit lebenden Volkes durch 
eine weite Kluft getrennt waren. Diese Priesterkaste führte gleichzeitig 
ein mit absoluter Gewalt ausgestattetes politisches Regiment und war 
im Besitz zweier Lehren, einer Volksreligion, der Idolatrie, und einer 
Gdehrtenreligion, die, einem kleinen Kreis Eingeweihter vorbehalten, 
zu einer höheren Stufe der geistigen Entwicklung hinüberführte. Es 
war dies der Polytheismus. 

Diese neue Religion, die als Erklärungsprinzipien des Seins un- 
sichtbare Ursachen, wie Leidenschciften, Empfindungen, annimmt, war 
es, die, zur Volksreligion geworden, der Gesellschaftsordnung Griechen- 
lands (achte Stufe) ihre kennzeichnenden Merkmale verlieh. Von 
Homer vermöge seiner großartigen dichterischen Gestaltungskraft in 
volkstümliche Formen gekleidet, vermochte sie es, als eine sozialisie- 
rende Kraft, wie sie jeder mit den Grundlagen der Zivilisation über- 
einstimmenden Religion innewohnt, über die Sonderbestrebungen der 
einzelnen Völkerschaften hinweg an die Gemeinsamkeit ihrer Interessen 
zu mahnen und das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit zu wecken. 
Der delphische Tempel war gleichsam die oberste soziale Behörde, die 
dazu berufen war, in den aufreibenden Kämpfen der einzelnen Stämme 
sich kraftvoll der Selbstsucht entgegenzustellen. Das Vertrauen, das 
die Griechen den delphischen Orakeln entgegenbrachten, gab den 



- 78 - 

Priestern das Mittel, jedes der Glieder der politischen Organisation auf 
die allgemeinen Interessen hinzuweisen, um dadurch den nationalen 
Patriotismus zurückzudämmen. Der delphische Tempel war allen 
griechischen Völkern gemeinsam, denn er war auf geheiligtem, nur ihm 
zugehörigen Boden gebaut worden, auf den die angrenzenden Völker 
kein Anrecht hatten, und der von den Nachbarn selbst während der 
erbittertsten Kriege, in die sie verwickelt waren, geachtet wurde. Die 
Priester befleißigten sich, durch ihre Orakelsprtiche die Einigkeit zwischen 
den griechischen Völkern aufrecht zu erhalten und sie aufzustacheln zum 
Widerstand gegen die Angriffe der Perser. Aber „von dem Augenblick 
an, in dem der delphische Tempel befrevelt wurde, mischte sich der 
listige Philipp in die griechischen Dinge, ließ sich zum Generalissimus 
ernennen und schwang sich zum Herrn auf." Mit schwerem Druck 
lastete dann die Gewaltherrschaft Alexanders auf den griechischen 
Landen, die, des religiösen Rückhalts beraubt, ihre Kräfte zersplitterten 
und so, unfähig zu einigem Handeln, dem Ansturm der Römer nicht 
stand halten konnten. 

Neben der Höhe künstlerischen Schaffens betrachtet Saint-Simon als 
große Kulturtat der Griechen vor allem noch die Lehre des Sokrates, 
die der historischen Entwicklung einen mächtigen Anstoß gegeben. 
Sokrates hat das systemlose Nebeneinanderwirken der Götter, wie es 
der Polytheismus lehrt, als eine nicht zu begründende Annahme er- 
kannt und durch seine Konzeption einer einheitlichen Gottesidee, die 
die olympischen Götter gleichsam als Teüinhalte umfaßt und als einzige 
Ursache das Weltgeschehen bestimmt, eine neue, dem Stande des 
Wissens angepaßte Religion begründet: den Theismus. 

Dieser wurde als das höchste geistige Erbe der Griechen von den 
Römern (neunte Stufe) als Volksreligion übernommen. Die Ver- 
drängrung des Polytheismus aber hat eine Jahrhunderte währende kul- 
turelle Krisis mit sich gebracht Aber nachdem einmal die neue 
Religion allseitig zur Annahme gelangt war, verlieh sie der sozialen 
Organisation der Römer eine Festigkeit und umfassende Weite, die das 
griechische System in Schatten stellen. Denn unmöglich vermochte der 
Polytheismus als eine Religion, die der Einheit ermangelte, auch solche 
Völker in das System der von ihm getragenen politischen Organisation 
einzubeziehen, die sich durch die Eigenart, sei es ihrer wirtschaftlichen 
Daseinsbedingungen oder durch andere kulturelle Sonderheiten von 
den Grriechen unterschieden. Daraus erklärt es sich, daß die Gesell- 
schaftsordnung des Polytheismus „nur eine wenig zahlreiche Bevölke- 
rung umfaßte, welche die gleiche Sprache besaß und ein Land von 
nur geringem Umfang bewohnte". 

Der ausgeprägte kriegerische Geist der Römer ist erwachsen aus 
einem nationalen Enthusiasmus, der nicht hätte entstehen können, wenn 



— 79 — 

sie mit ihren Nachbarvölkern durch gemeinsame religiöse Grundsätze 
verbunden gewesen wären. Aus dieser Verschiedenheit der religiösen 
Überzeugungen entsprangen nationale Gegensätze, die auf Seite der 
Römer glücklich verlaufene Eroberungszüge mit sich brachten. 

Das nächste führende Volk sind die Araber (zehnte Stufe), die 
sich, wie uns schon bekannt, Verdienste auf dem Gebiet der Beobach- 
tungswissenschaften erworben haben. 

Nun folgt die als Mittelalter bezeichnete Zeit (elfte Stufe), deren 
universalhistorische Stellung Saint-Simon, frei sowohl von der roman- 
tischen Befangenheit der Reaktionäre, als auch von der Verblendung 
der Aufklärungsphilosophie, trefflich schildert In ihrer allseitigen Ge- 
staltung bedingt durch das höchste intellektuelle Erzeugnis des Alter- 
turas, das Christentum, das, untermischt mit Elementen der Platonischen 
Philosophie, eine bisher nie gekannte gesellschaftsbildende Krait dar- 
bot, stellt diese Epoche das unerreichte Muster einer große Völker- 
schaften umfassenden sozialen Organisation dar. Karl dem Großen 
kommt das Verdienst zu, die europäischen Nationen auf der Grund- 
lage des Christentums zu einer festen Kulturgemeitischaft zusammen- 
geschmiedet zu haben. Er hat erkannt, daß es unmöglich ist, durch 
das Mittel der weltlichen Gewalt allein die verschieden gearteten euro- 
päischen Völker zu bezwingen, und hat durch Zuhilfenahme des Christen- 
tums als organisierender Macht das Wunderwerk einer sozialen Neu- 
ordnung der Verhältnisse vollbracht Er hat die geistige Gewalt 
von der weltlichen getrennt und dadurch die Vorbedingung ge- 
schaffen, daß sowohl die allgemeinen als auch die nationalen Interessen 
gefördert werden konnten. So zu einer bisher nie erhörten starken har- 
monischen Ordnung zusammengefügt, sind die mittelalterlichen Nationen 
von großen Erschütterungen verschont geblieben und haben, kraft des 
überwiegenden Einflusses der Geistlichkeit, vermöge dessen diese, un- 
beirrt aller nationalen Sonderbestrebungen, die universellen Interessen 
pflegte, mächtig zum Fortschritt der Kultur beigetragen. 

Diese Mission des Christentums und seiner Vertreter, der Priester, 
die in den Zweigen des Wirtschaftslebens, der Wissenschaft, Kunst, der 
Mildtätigkeit als stets bereite Führer dem Wohle des Volkes ihre Dienste 
widmeten, war aber nur auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt 
Denn entsprossen wie das Christentum aus dem Untergrund des geistigen 
Lebens längst vergangener Zeiten des Altertums war, mußte es, nach- 
dem im fortschreitenden Wandel der Zivilisation, erst in zögernden An- 
fängen, dann mit bestimmender Gewalt, Elemente sozialer Neubildung 
erwachsen waren, unterwühlt werden. Diese Zerstörung des sozialen 
Systems des Christentums war das Werk der Wissenschaften, die nach dem 
ersten Anstoß durch die Araber, dank der Regsamkeit der nun in ihren 
Bahnen wandelnden folgenden Geschlechter, wuchtig wirkende Waffen 



— 8o — 

der Kritik schmiedeten. Kopemikus reißt mit seiner heliozentrischen 
Lehre den mittelalterlichen Menschen aus seiner traumhaften Befangen- 
heit, der zufolge er sich als ein auserlesenes Wesen besond^-er gött- 
licher Fürsorge hielt, heraus und zerschlägt, indem er die unermeßlichen 
Weiten des Himmelsraumes dem staunenden Auge sinnvoll erklärt, auf 
diese Weise „das ganze wissenschaftliche Gerüst der christlichen Reli- 
gion". Baco, Descartes, Galilei, Newton und Locke setzen diese wissen- 
schaftliche Revolution fort, während Luther, mehr Pohtiker als Ge- 
lehrter, die politische Macht des Papsttums untergräbt und damit die 
europäischen Nationen von der Bevormundung Roms befreit Gekrönt 
wurde dieser Angriff gegen das nun historisch veraltete „theologische" 
System durch die französische Aufklärungsphilosophie, die Enzyklopädie 
besonders, die mit fanatischer Erbitterung und wirkungsvoller Konzen- 
tration jene Ideen, die Jahrhunderte hindurch die harmonisierenden 
Bande der europäischen Gesellschaft bildeten, zum Zielpimkt ihrer An- 
griffe machte. 

Diesem Sturz der Macht des Katholizismus ist nun die tief- 
greifende moderne Krisis zuzuschreiben, die in Frankreich zu 
den Paroxysmen einer grundstürzenden Revolution führte und ganz 
Europa heimsucht. Wie einst der Übergang des antiken Polytheis- 
mus zum Theismus unter der Begleiterscheinung heftiger sozialer Er- 
schütterungen sich vollzog, ebenso leitet auch die moderne Anarchie 
ihren Ursprung von dem alle Verhältnisse beeinflussenden Wechsel der 
Religionsidee her. Daher werden Zeiten wahrhafter sozialer Gebunden- 
heit, welche mehr als einen vorübergehenden äußeren Frieden darstellen 
und die zivilisierten Nationen zu einer wieder organisierten Kulturgemein- 
schaft zusammenschließen, erst dann eintreten, wenn auf dem Boden 
der in langer Arbeit erzielten intellektuellen Ergebnisse wieder neue 
Ideen sozial bindender Wirkung entstanden sind. Es muß, das wissen 
wir schon, eine systematische Durchdringung des Erfahrungsstoffes vor- 
genommen werden, die, die Unsumme der noch wirr zerstreuten Tatsachen 
zu widerspruchsloser Einheit verknüpfend, als ein positives System der 
Philosophie die dem modernen Geiste entsprechende Reorganisation 
auch der übrigen Kulturmächte, der Religion, Moral, der Politik nach 
sich ziehen wird. Es ist nichts mit allen Versuchen, den Ideengehalt 
früherer Zeiten gleichsam wieder eine Auferstehung feiern zu lassen: 
sie alle verstoßen gegen das Grundgesetz der historischen Entwicklung 
und würden, wollte man sie durchführen, an der unbezwinglichen Logik 
der Tatsachen scheitern; „Le seul moyen pour nous de sortir 
du bourbier est d'aller en avant: tout pas retrograde ne 
peut nous etre utile; heureusement il nous est impossible." 

Saint-Simon hätte sich mit diesen Bestimmungen über die sozialen 
Reorganisation bescheiden können, da ja doch alles weitere von dem 



— 8i — 

erst noch zu schaffenden System der Philosophie abhängt Aber er 
vermag es nicht, dem verlockenden Reiz, den die Zukunft verhüllenden 
Schleier noch weiter zu heben, zu widerstehen, und so verrät er uns 
manches über die neue Ära der Kultur, was wir in aller Kürze noch 
anführen wollen. 

Der neuen Religion, welche die wissenschaftlichen Ergebnisse in 
heilige Formen kleidet, gibt Saint-Simon den Namen Physizismus. 
Zwar erfordert die große Unwissenheit der Mehrheit des Volkes noch 
die Aufrechterhaltung der alten religiösen Symbole, aber die Zeit wird 
nicht mehr ferne sein, wo diese, unvereinbar mit der gesteigerten in- 
tellektuellen Durchbildung auch der unteren Klassen, für immer ver- 
schwinden werden. Dann wird ein Zeitalter anbrechen, dessen Grund- 
zvLge Saint-Simon in Anlehnung an die mittelalterliche Organisation 
der Gesellschaft entwirft Unabhängig von der weltlichen Gewalt, die 
in den Händen der von großen Unternehmern und Gelehrten beratenen 
Fürsten bleiben wird, wird wieder eine allherrschende intellektuelle 
Obrigkeit die Richtlinien der Lebensführung vorzeichnen. Physi- 
zistische Priester imd ein Papst — Saint-Simon wohl? — werden an 
die Stelle der heute zu sozialer Ohnmacht verurteilten katholischen 
Hierarchie treten und als eine autoritative religiöse Körperschaft die 
gemeinsamen Angelegenheiten der Völker leiten. 

Auch die Moral wird eine grundsätzliche Änderung erfahren: der 
alte Moralgrundsatz des Christentums, meinem Nächsten nichts zu tun, 
was ich mir selbst nicht angetan wissen möchte, sei zu unbestimmt 
Als höchste sittliche Maxime müsse fürderhin gelten: „der Mensch soll 
arbeiten", und verachtet werden alle Müßiggänger und Rentner werden, 
jene „stupide und verabscheuungswürdige" Klasse, wie ^e Saint-Simon 
mit wenig schmeichelhaften Worten bezeichnet, die die Freuden des 
Lebens ohne Arbeit genießen will. 

c) Der Anteil Saint-Simons am Ausbau der positivistischen 

Weltbetrachtung i). 

Wenn man den Entwicklungsgang des wissenschaftlichen Denkens 
mit raschem Schritte durchmißt, so gewahrt man als den Kemgehalt 

I) £s ist folgende Literatur benützt worden : Misch, Zur Entstehung des französischen 
Positivismus. Archiv für G. d. Philos., 1900, VU. Bd. Der Wert dieser in mancher Be- 
ziehung recht verdienstvollen Studie wird stark beeinträchtigt durch das grenzenlos oberfläch- 
liche Urteil ihres Verfassers über Saint-Simon. D*Alembert, Discours pr^liminaire und 
EltoientB de la philosophle. Turgot, Oeuvres. Besonders: Discours en Sorbonne sur les 
progrb successifs de Tesprit humain. Reden, Skizzen. Condorcet, Esquisse d'un tableau 
historique des progrte de Pesprit humain. Cabanis, Les rapports du physique et du moral. 
Picavet, Les Idtologues. Janet, Histoire de la sdence politique. Dühring, Creschichte 
der Prinzipien der Mechanik u. a. 

Mackle, Henri de Saint-Simon. 6 



— 82 — 

dieses Prozesses nicht nur eine beständige Zunahme der Intensität der 
Beobachtung, sondern auch eine stets anwachsende Ausweitung des 
Erfahrungskreises. Seinen Ursprung herleitend von den mittelalter- 
lichen Versuchen, auf dem Wege der Analogiebildung die Erscheinungen 
sinnvoller Deutung zu unterwerfen, hat das moderne Denken, in einer 
quantitativ gesteigerten Ausbildung dieser alten Methode hin zur In- 
duktion, die Gegenstände der Naturerfahrung — unter Zuhilfenahme 
namentlich des Experiments — ihrer willkürlichen Verursachung durch 
unerklärliche und deshalb wunderbar erscheinende Eingriffe entkleidet 
und in kühn aufgetürmten Gebäuden der Naturwissenschaft es unter- 
nommen, die gesetzmäßigen Beziehungen der Phänomene einzig 
durch das Mittel einer methodischen Beobachtung festzulegen. Auf 
dem Nährboden dieser Naturerkenntnis ist nun in Frankreich, nachdem 
die Unzulänglichkeit der großen Systeme eines Descartes, Spinoza u. a. 
mit ihrem Bestreben deduktiver Ableitung der Erscheinungen aus einem 
Urprinzip darlag, eine Gedankenströmung erwachsen, die, instinktiv 
aus dem naturwissenschaftlichen Geiste herausgeboren, diesem mit 
rascher Generalisation und unter Betonung seiner alleinigen Berech- 
tigung das Gesamtgebiet der Erfahrung als Geltungsbereich erschließen 
möchte, der Positivismus. 

Begeistert von den unerhörten Fortschritten der Naturwissenschaft, 
die, sich faist überstürzend, in einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit 
die Grundlagen einer neuen Weltbetrachtung gelegt haben, und durch 
die mühevolle Arbeit der Einzeluntersuchungen mit ihrer ganz aufs Tat- 
sächliche gerichteten Forschungstendenz alles spekulativen Grübelns ent- 
wöhnt, haben die meisten Naturforscher namentlich des ausgehenden 
achtzehnten Jahrhunderts, soweit sie philosophisch interessiert waren, mit 
unverhohlener Skepsis alle Metaphysik verworfen, um der Philosophie 
als Domäne die Tatsachen der Erfahrungserkenntnis zuzuweisen. Allver- 
breitet wie diese Anschauung war, hat sie aber ihren festbegründeten 
Ausdruck erst durch d'Alembert erhalten, der in seinem „Discours 
preliminaire" und in den „Elements de la philosophie" mit philosophischer 
Besinnung den vorherrschenden Standpunkt der der Naturwissenschaft 
zugewendeten Denker formuliert und so einen bedeutsamen Anstoß zur 
Herausbildung des von Saint -Simon erst in den Grundzügen ange- 
deuteten, von Comte dann in einem umfassenden System entwickelten 
Positivismus gegeben hat. 

Betrachtet man die positivistischen Ideen Saint-Simons im Hinblick 
auf die Art, wie er sie in seinen Werken begründet, so fällt in die 
Augen, daß sie nicht die Konsequenz vorausgegangener philosophischer 
Reflexionen etwa im Sinne erkenntnistheoretischer Erwägungen über 
den Umfang und die Grenzen menschlicher Erkenntnis sind, sondern als 
selbstverständliche, eine besondere Fundamentierung nicht erheischende 



- 83 - 

Tatsache einfach hingenommen werden. Allerdings, in einer Hinsicht 
wenigstens hat Saint-Simon seiner philosophischen Überzeugung eine 
gewisse theoretische Unterlage zu geben versucht, nämlich durch 
seinen Nachweis einer strengen Determination der wissenschaftlichen 
Entwicklung, der zufolge immer weitere Wissenschaften aus dem un- 
fertigen Zustand hypothetischen Konstruierens in das sichere Gebiet 
exakter Einzelforschung übergeführt werden, bis schließlich die Philo- 
sophie als jene die Einzelwissenschaften als Elemente enthaltende Uni- 
versaldisziplin gleichsam nach einem naturgesetzlichen Gebot das 
positivistische Gebäude in der Form einer Totalisation der Erfahrung 
krönen wird. 

Dieses, fast möchte man sagen, naive Vortragen der positiv-philo- 
sophischen Gedankenreihen, deren Berechtigung Saint-Simon aus der 
vermeintlichen einleuchtenden Klarheit ihres Gehaltes, unter dem Hinweis 
vomdmilich auf die schon positiv gewordenen Einzelwissenschaften, und 
nicht, wie es doch hätte sein sollen, aus prinzipiellen Gründen erkenntnis- 
theoretischer Natur ableitet, beweist, daß er ein ihm von fremder Seite 
zugekommenes Erbe einfach übernommen hat Und dieses historischen 
Zusammenhangs seiner Ideen ist er sich auch bewußt. Rechnet er 
doch zu seinen Vorgängern vor allem Baco und Descartes, und zwar 
den letzteren, indem er allerdings eine Seite seines Denkens mit will- 
kürlicher Wahl in den Vordergnmd stellt, nicht ganz zu Unrecht Denn 
unzweifelhaft hat Descartes, philosophisch zwar das unfruchtbare Ideal 
einer rein deduktiven Metaphysik aufstellend, durch seine mathematischen 
Leistungen in bedeutsamem Maße zur Ausreifung jener positivistischen 
Denkrichtung beigetragen, die, pochend auf die Sicherheit, mit der die 
mathematisch verankerte Methode des Naturerkennens von Sieg zu Sieg 
führte, jede Denkarbeit, die ihre empirische Fundamentierung ver- 
schmäht, als unzulänglich zurückweist 

In Wirklichkeit aber war der wahre, seiner philosophischen Stellung 
sich klar bewußte Vorgänger Saint-Simons, wie schon erwähnt, d'Alem- 
bert, von dem er, wenn wir seinen Angaben Glauben schenken wollen, 
schon in den Jahren früher Jugend wissenschaftlich unterwiesen wurde ^). 

Von den Mathematikern imd Naturforschem der französischen Auf- 
klärungszeit ist es dieser Gelehrte vomehmUch gewesen, der, dank 
der Universalität seiner Geistesrichtung, den gesamten Inhalt des vor- 



I) Man beachte folgendes Lob auf d*A]embert : „Si TEncyclop^die avait H€ faite par 
des savants positifs, si d'Alembert en avait ^t6 le directeur en chef, s*il avait eu pour prin- 
dpaux collaborateurs ses coll^es de TAcad^mie des sdences, il n'y a pas de doute que oes 
auteurs auraient appliqu6 ä ce travail la möthode qu'ils employaient journellement dans les 
sdences positives qu'ils ailtivaient. Le discours präiminaire est incontestablement ce qu*il 
y a de meilleur dans TEncyclop^die." Hier ist also die positivistische Denkrichtong d^Alem- 
berts von Saint-Simon selbst mit voller Klarheit angedeutet. 

6* 



- 84 - 

handenen Wissens mit all seinen Widersprüchen und Unfertigkeiten 
überblickend, mit der Klarheit seines Geistes richtunggebend das Denken 
d^ ihm nahestehenden Kreise beeinflußt hat Allem Überschreiten 
der Erfahrungserkenntnis, sei dieses theologischer oder metaphysischer 
Art, abhold, weist d'Alembert der Wissenschaft als Aufgabe die Auf- 
hellung der ursächlichen Beziehungen innerhalb der uns sinnlich ge- 
gebenen Wirklichkeit zu und versucht, dieser seiner mathematisch-natur- 
wissenschaftlichen Denkart verdankten Meinung die sichere Stütze auch 
einer erkenntnistheoretischen Begründung zu geben. 

Dabei bewegen sich seine Untersuchungen in den Bahnen der 
empirischen Psychologfie Lockes und des Sensualismus mit seiner, wie 
es scheint, einzig richtigen Konsequenz einer Einschränkung aller 
theoretischen Erkenntnis auf die Erscheinungswelt und damit einer 
Verwerfung aller Metaphysik im Sinne der wissenschaftlichen Erfassung 
einer objektiven, außerhalb des subjektiven Vorstellungskreises exi- 
stierenden Wirklichkeit 

„Wir können", sagt d' Alembert ^), „über einen Tatbestand niu* als 
solchen, wie wir ihn vorstellen, etwas aussagen, wir wissen weder um 
das Wie noch um das Warum von irgend etwas, und doch müßte 
darauf unser Wissen ziuilckgehen, imi sich zu den wahren Prinzipien 
aller Wahrheiten zu erheben. Die Essenz der Dinge, wie des aktiven 
Prinzips in uns, ihre wesenhafte Struktur ist uns unbekannt; ob wir mit 
der Art, wie wir sie vorstellen, ihr Wesen erfassen, oder ob das nur 
Phänomene sind, können wir nicht entscheiden: jedoch ist die letztere 
Annahme die wahrscheinliche. Überhaupt, wir haben nicht einmal eine 
genaue Vorstellung davon, was es heißt, das Wesen eines Dinges an 
sich." Diese Anschauung, entsprossen der naturalistischen Forschungs- 
richtung und nachträglich erst gestützt auf erkenntnistheoretische Ein- 
sichten, erhält bei d'Alembert noch eine weitere Beweisgrundlage in 
der Aufdeckung der unvereinbaren Widersprüche, die den Tatsachen 
der Sinnlichkeit anhaften, in der Unmöglichkeit z. B., Raum und Zeit 
als real existierende , Wesenheiten zu betrachten und weiterhin in der 
Unfähigkeit des Menschen, das innerste Prinzip des Zusammenhanges, 
wie er zwischen experimentell oder durch sonstige Beobachtung erfaßten 
Erscheinungen besteht, zu erweisen. 

Im Anschluß hieran verwirft er die theoretische Ergründung der 
Eigenschaften eines höchsten Wesens und betrachtet alle Versuche, die 
auf die Aufhellung des Wesens der Seele abzielen, als unhaltbar und 
fruchtlos. 

So ist das Verdammungsurteil über die Metaphysik als eine über 
die letzten Beziehungen der Wirklichkeit reflektierende Wissenschaft 



I) Ober d'Alembert ausführlich bei Misch a. a. O. 



- 85 - 

gefällt Der menschliche Geist vermag es nicht, in den innersten Kern 
des Seins einzudringen, dafür aber ist er in den Stand gesetzt, wenigstens 
die in der Welt der Erscheinungen herrschenden Zusammenhänge auf 
einen gesetzmäßigen Ausdruck zu bringen. In dieser Bestimmung mit 
ihrer alles Metaphysische verwerfenden Tendenz liegt nun der Begriff 
der Philosophie beschlossen, wenn überhaupt von einem solchen 
die Rede sein soll. 

Wenn ein geheimnisvoller, undurchdringlicher Schleier über die 
Grundgestaltung des Seins ausgebreitet ist, vermag dann der Mensch 
sein Bedürfnis nach Einheitsstreben vielleicht in dem Bereich des tat- 
sächlich Gegebenen zu befriedigen? In der Tat zieht der Denker diese 
Folgerung imd gibt so jene positivistische Definition der Philosophie 
als einer Wissenschaft, die, fußend auf der unumstößlichen Realität der 
durch die Einzelforschung gewonnenen Ergebnisse, zu ihrer syste- 
matischen Bewältigung womöglich in der Einheit eines obersten Be- 
griffes schreitet 

So kann er sagen: „La philosophie n'est autre chose que 
l'application de la raison aux differents objets siu* lesquels eile peut 
s'exercer. Elle n*est point destinee ä se perdre dans les proprietes 
generales de Tetre et de la substance, dans des questions inutiles sur 
des notions abstraites, dans les divisions arbitraires et des nomenclatures 
eternelles; eile est la science des faits, ou celle des chimferes." 
„La Philosophie embrasse tout ce qui est du ressort de la raison, et la 
raison etend son empire sur tous les objets de nos connaissances na- 
turelles." Dabei dient d'Alembert als Orientierungsmerkmal im Gebiet 
der Wissenschaften die Annahme einer logischen Abhängigkeit dieser, 
die durch das Studium der historischen Abfolge der Wissensdisziplinen 
erschlossen werden kann. 

Nicht zu vergessen ist, daß d'Alembert die philosophische Bearbeitung 
der Einzelwissenschaften in seinen „Elementen der Philosophie" unter 
steter Berücksichtigung der von ihm aufgestellten methodischen Prin- 
zipien in Angriff genommen und so weiter fördernd zur Ausreifung der 
positivistischen Gedankenreihen beigetragen hat 

Diese Ideen d'Alemberts, von ihm erst als gültig erachtet für 
die natürliche Sphäre der Wirklichkeit, sind nun von Turgot, ab- 
gesehen von ihrer oft schärferen Fassung, insofern vervollkommnet 
worden, als er versucht hat, auch das geschichtliche Geschehen 
positivistischer Erklärung zu unterziehen, es also als Resultat einer 
immanenten Kräfteentfaltung zu erweisen. 

Den Unterschied zwischen dem Naturprozeß und dem Wandel der 
historischen Phänomene darin erblickend, daß dort die Wirkungs- 
weise der Gesetze eine sich nie ändernde Gleichartigkeit des Geschehens 
hervorruft, während das geschichtliche Leben ein bunt wechselndes 



— 86 — 

Schauspiel darstellt, will Turgot diese unermeßliche Mannigfaltigkeit der 
Ereignisse durch eine methodisch einheitliche Betrachtungsweise wissen- 
schaftlich bezwingen, indem er die Idee des Fortschritts als Geltungs- 
prinzip historischer Interpretation aufstellt „La masse du genre humain, 
par des alternatives de calme et d'agitation, marche toujours, quoique 
ä pas lents, vers une perfection plus grande." Als eine organische 
Einheit, gleich wie das Individuum, erscheint dem philosophischen Be- 
schauer das Gesamtleben der Geschichte, insofern als jede Generation 
auf den Kulturfundamenten der vorhergehenden ruht und, durch ihre 
Arbeit die übernommenen Früchte mehrend, Grundsteine geschicht- 
licher Neubildung legt. Allerdings faßt Turgot diesen Fortschritt 
nicht im Sinne einer durch keinerlei Hemmnisse unterbrochenen, auf- 
steigenden Reihe von Begebenheiten auf. Er weiß wohl, daß es auch 
Perioden der Dekadenz gibt, die sich zwischen die Epochen fort- 
schreitender Entwicklung einschieben, und deren Verlauf den Eindruck 
eines vollständigen Stillstandes macht. Aber in Wahrheit ist letzterer nur 
ein Anschein, denn selbst in den dem tiefer dringenden Beobachter als 
barbarisch anmutenden Kulturstadien, die oft in jähem Sturz der Ent- 
wicklung auf Zeiten größten Glanzes folgen, setzt der menschliche Geist 
das Werk der Zivilisation ungehemmt, wenn es sich auch mehr auf das 
Gebiet des ökonomischen Lebens beschränkt, mit Emsigkeit fort. „Les 
arts mecaniques, le commerce, les usages de la vie civile, fönt naitre 
une foule de reflexions qui se repandent parmi les hommes, qui se mSlent 
a r^ducation, et dont la masse grossit toujours en passant de generation 
ä g^n^ration. Hs preparent lentement, mais utilement et avec certitude, 
des temps plus heureux." 

Diese fundamentalen Einsichten im einzelnen ausführend, hat Turgot 
mit bemerkenswertem Geschick den Lauf der Geschichte verfolgt, 
wobei ihm der Stand der jeweiligen Einsicht in die Vorgänge des Natur- 
geschehens als Kriterium des Fortschrittes dient: eine psychologisch 
leicht zu erklärende Tatsache, wenn man bedenkt, daß Turgot, obwohl 
seiner Haupttätigkeit nach mehr Politiker und Nationalökonom, mit 
feiner Witterung das Charakteristische des sich zu seiner Zeit allseitig 
ausbreitenden naturwissenschaftlichen Geistes erkannt und dessen metho- 
disches Vorgehen als die einzig zulässige Art einer wahrhaft wissenschaft- 
lichen Forschungsweise philosophisch zu begründen unternommen hat 

Was uns aber hier besonders angeht, ist sein Bestreben, die 
primäre Triebkraft des historischen Geschehens, die intellektuelle 
Entwicklung also, unter dem Gesichtspunkt einer streng schematisch 
verlaufenden Veränderung zu betrachten. Es ist das durch August 
Comte berühmt gewordene Gesetz der drei Stadien, das Tur^t 
als gültig für die wissenschaftliche Evolution, keineswegs aber, und 
dies müssen wir beachten, als Grundschema des gesamten Kultur- 



- 87 - 

Verlaufs überhaupt erkannt hat. „Avant de connaitre la liaison des 
effets physiques entre eux, il n*y eut rien de plus naturel que de 
supposer, qu'ils etaient produits par des etres intelligents, invi- 
sibles et semblables ä nous; car ä qui auraient-ils ressemble? Tout ce 
qui arrivait, sans que les hommes y eussent part, eut son Dieu, auquel 
la crainte ou Tesperance fit bientot rendre un culte; et ce culte fut 
encore imagine d'apres les 6gards qu'on pouvait avoir pour les hommes 
puissants; car les Dieux n'etaient que des hommes plus ou moins par- 
faits, Selon qu'ils etaient Touvrage d'un si^cle plus ou moins eclaire sur 
les vraies perfections de Thumanit^. Quand les philosophes eurent 
reconnu l'absurdite de ces fables, sans avoir acquis neamoins de vraies 
lumieres sur ITbistoire naturelle, ils imaginerent d'expliquer les causes 
des phenomenes par des expressions abstractes, commes essences et 
facultes, qui cependant n'expliquaient rien et dont on raisonnait 
comme si elles eussent ete des etres, de nouvelles divinites, substituees 
aux anciennes. Ce ne fut que bien tard, en observant Taction meca- 
nique que les corps ont les uns sur les autres, qu'on tira de cette m6ca- 
nique d'autres hjrpotheses que les math^matiques purent developper et 
l'experience verifier". 

Mit dieser Antizipation des Dreistadiengesetzes sieht sich der Denker 
in den Stand gesetzt, die Kontinuität der wissenschaftlichen Entwick- 
lung als Ausdruck einer immanenten Notwendigkeit aufzufassen, wie 
er überhaupt, wenn wir seine nationalökonomischen Arbeiten außer 
acht lassen, weit von jener Verständnislosigkeit entfernt ist, mit der 
man zu seiner Zeit fast durchweg an die historischen Gebilde heran- 
trat Nicht nur gedenkt er nämlich mit Entzücken der glänzenden 
Zeiten Griechenlands und Roms, wo Kunst und Wissenschaft sich imi 
die Palme stritten, auch das in seinen Tagen so sehr geschmähte 
Christentum, namentlich das durch seinen vorherrschenden Einfluß ge- 
kennzeichnete Mittelalter, will er als Glied des universalhistorischen 
Ablaufs begreifen. Mit schwungvollen Worten schildert er die Kultur- 
mission des Christentums, die Erhabenheit und Reinheit seiner Sitten- 
lehre, und preist die katholische Kirche als segensreiche Macht, die das 
Erbe der Alten bewahrt und im regen Schaffen neue Blüten der Kultur 
gezeitigt hat Sie hat die Wissenschaften gepflegt und in philosophischer 
Hinsicht selbst die Leistungen des Altertums übertroffen. 

Auch die Araber spielen nach Turgot eine kulturgeschichtlich 
wichtige Rolle: „Sie verbreiteten die griechische Philosophie, in der sie 
seit langem bewandert waren, im Okzident, durch ihre Arbeiten waren 
die mathematischen Wissenschaften erweitert worden, die Alchemie 
hatte, indem sie zur Zerlegung und Verbindung aller Elemente der 
Körper anreizte, die unermeßliche Wissenschaft der Chemie unter ihren ' 
Händen erblühen lassen." 



- 88 — 

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, des weiteren zu zeigen, 
wie Turgot die folgenden Zeiten gewürdigt hat, wie er die gewaltigen Ent- 
deckungen mit ihren weittragenden Wirkungen, den Siegeszug der mo- 
dernen Wissenschaft, vor unseren Augen vorüberziehen läßt Genug, daß 
wir auch aus den wenigen Mitteilungen über seine Geschichtsphilosophie 
ersehen konnten, wie er den Gedanken einer positivistischen Geschichts- 
betrachtung, die also die historischen Phänomene aus sich selbst heraus 
aufhellen will, mithin jede Zuflucht zu übernatürlichen Motivreihen als 
Deutungsprinzipien verschmäht, mit grundsätzlicher Klarheit erfaßt hat 

Die Fortpflanzung und Weiterentwicklung der Ideen d'Alemberts 
und Turgots vollzog sich in der Hauptsache in jenen Kreisen der 
mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung, welche, von dem Geiste 
ihrer wissenschaftlichen Heroen durchdrungen, die von ihnen hinter- 
l2U5senen Früchte mehrten und durch persönliche Berührung sich gegen- 
seitig anregten. Da lebte Lagrange, der intime Freund Saint-Simons 
während der glanzvollen Pariser Tage, in engem Verkehr mit d'Alem- 
bert, der die überragende Größe des Schülers bewundernd anerkennt, 
während dieser wieder in vertraulichen Beziehungen zu Condorcet 
stand. Erwägt man, daß auch Turgot ein eifriges Glied dieses Freundes- 
kreises war, so kann man diese Gruppe von Denkern gleichsam als 
das philosophische Organ betrachten, dem die Aufgabe oblag, die in- 
stinktiv sich überall auslösenden positivistischen G^dankenreihen klärend 
zu formulieren, um so die ohnehin schon vorhandenen Bande wissenschaft- 
licher Solidarität durch die Ergebnisse auch einer philosophischen Be- 
sinnung zu festigen. In dieser Weise, unter dem Antrieb noch der immer 
weiter erstarkenden naturwissenschaftlich-mathematischen Forschung, war 
der Positivismus das stets gegenwärtige philosophische Ferment, und im 
immerwährenden Bemühen, seine Grundlagen weiter auszubauen, ist er 
nie aus dem Blickpunkt der naturwissenschaftlich tätigen Denker ver- 
schwunden. War so schon sein Dasein erhalten, so erhielt er neue 
Kraft durch die Umwälzungen der Revolution mit ihrer alles erschüt- 
ternden Wirkung, wodurch der Wissenschaft eine Menge neuer, der 
Lösung harrender Probleme überantwortet wurde, ihr namentlich die 
wichtige Aufgabe zufiel, die Ursachen des chaotischen Schwankens der 
sozialen Massen zu ergründen und die Wiederherstellung der sozialen 
Ordnung durch die Darbietung wissenschaftlich gewonnener Normen 
zu beschleunigen. „Gesetzgeber, Philosophen, Rechtsgelehrte", heißt es 
einmal in den Sitzungen der neu gegründeten moralisch-politischen 
Klasse des Institut de France, „die Zeit der Sozialwissenschaft ist da, 
aber diese ist erst zu schaffen; seit die Menschen sich zur Gesell- 
schaft vereinigten, haben sich die Nationen wohl nie in einer Epoche 
befunden, wo die Sozialwissenschaft und die Vervollkommnung der Ge- 
sellschaft sie mehr beschäftigen mußte." 



- 89 - 

Einer der einflußreichsten jener Männer, die unter dem frischen 
Eindruck der gesellschaftlichen Erschütterungen den dadurch hervor- 
gerufenen sozialen Problemen sich zuwandten, war unstreitig Con- 
dorcet, der, ein Märt3nrer der Revolution, während der Gefangenschaft 
dem Wohle jener Gesellschaft, die ihn zu Grunde richtete, seine letzten 
ICräfte widmete und mit Prophetenblick sich anschickte, die Zukunft 
als das goldene Zeitalter zu enthüllen. Seine Bedeutung liegt für uns 
wesentlich darin, daß er die in Turgots geschichtsphilosophischen Unter- 
suchungen angelegten Tendenzen aufgriff und in der vielbewunderten 
Einleitung seiner „Esquisse d'un tableau historique des progres de l'esprit 
humain" die allgemeinen Gesichtspunkte dieser Auffassung, losgelöst von 
historischen Sonderbetrachtungen, scharfsinnig bloßgelegt hat, wogegen 
es ihm nicht gelungen ist, dem historischen Leben in seiner Totalität eine 
seinen Grrundsätzen entsprechende Würdigung zuteil werden zu lassen. 

Indem er gelegentlich einer Kritik der bisherigen Geschichts- 
schreibung die sozialen Massenerscheinungen, nicht einzelne, durch 
besonderen Einfluß sich auszeichnende Persönlichkeiten als den wahren 
Gegenstand der Geschichtswissenschaft bezeichnet^), will er, angeregt 
durch das Vorbild der Naturwissenschaften, die historischen Bewegfungs- 
erscheinungen als unter dem Antrieb eines primären Elementes sich 
vollziehende Gesetze erweisen. Diese Grundtriebkraft ist der mensch- 
liche G^ist, im besonderen der Stand der intellektuellen, namentlich 
der naturwissenschaftlichen Kenntnisse, die in fortschreitender Ent- 
vricklung die Eigenart des gesamten Kulturprozesses bestimmen. 
Alle politischen und moralischen Irrtümer stammen, erklärt er einmal, 
seine Grundansicht erläuternd, von philosophischen, die selbst wieder 
von physikalischen abhängen, ohne daß es ihm allerdings geglückt 
wäre, die in diesem Gedanken ausgedrückten Abhängigkeitsbeziehungen 
folgerichtig an den Tatsachen der geschichtlichen Wirklichkeit zu 
begründen. Man erfährt weiter, daß Epochen wissenschaftlichen Still- 
standes als Epochen der Dekadenz überhaupt zu betrachten sind, die 
sich hemmend in den geschichtlichen Wandlungsprozeß einschieben, 
während andererseits der intellektuelle Fortschritt keineswegs allein 
die Gewähr sozialer Wohlfahrt verleiht, da Vorurteile und Irrtümer sich 
oft in erschreckendem Maße geltend machten, so daß zwar nicht eine 
„degen^ration de Tespece humain" entsteht, wohl aber eine „crise 
necessaire dans sa marche graduelle vers son perfectionnement" 

i) „Jusqu'id Phistoire politique . . . n*a €t€ que Thistoire de quelques hommes ; ce qui 
fonne v^ritablement Tesp^ce humaine, la masse des familles qui subsistent presque en entier 
de Icur travail, a 6t6 oubli6e: et mßine dans la dasse de ceux qui, livr6s k des professions 
publiques, agissent non pour euz-mSmes, mais pour la soci6t6, dont Toccupation est d'in- 
struire, de gouverner, de d^fendre, de soulager les autres hommes, les chefs seuls ont fix6 
les regards des historiens." Condorcet, Esquisse d'un tableau historique du progrfes de 
l'esprit humain, Paris 1883, T. ü, p. 54. 



— 90 — 

Wie wenig Condorcet im stände ist, seinem geschichtsphilosophischen 
Monismus eine empirische Unterlage zu verieihen, ergibt sich besonders 
aus seiner abfälligen soziologischen Würdigung der Religion, die ihm 
ein unübersteigliches Hindernis bildet, den Ablauf des historischen Ge- 
schehens als einen Prozeß aufsteigender Fortbewegung in der einmal 
eingeschlagenen Entwicklungsbahn zu schildern. Er ist in dieser Hin- 
sicht noch vollständig in dem Vorurteil der Aufklärung befangen, wo- 
nach man, angesichts der religiösen Mißstände der Zeit, in überschneller 
Verallgemeinerung die Religion schlechthin als ein drückendes Joch, 
dazu bestimmt, die Unwissenheit zu erhalten und der Selbstsucht der 
Herrschenden zu dienen, bezeichnete. Die Folge davon war natürlich, 
daß Condorcet dem Mittelalter als jener Epoche, in der die Kirche lange 
Zeiträimie hindurch als vornehmlicher Träger der Kultur die Menschen 
mit bezwingender Gewalt in ihren Bannkreis zog, eine gerechte Beurtei- 
lung nicht zuteil werden lassen konnte. „In dieser unheilvollen Epoche", 
schreibt er darüber, „steigt der menschliche Geist schnell von seiner 
ursprünglichen Höhe herab, Unwissenheit, Grausamkeit, Härte, überall 
Korruption und Unredlichkeit erzeugend. Kaum können einige Talente 
oder erhabene Seelenregungen das Dunkel dieser Nacht durchleuchten. 
Theologische Träumereien, abergläubische Betrügereien bilden die einzige 
Eigentümlichkeit der Menschen, die religiöse Intoleranz ihre Moral." 

Gegen diese Barbarei konnte nur die Wissenschaft erfolgreich an- 
kämpfen, und so umfaßt denn für Condorcet einen wesentlichen Be- 
standteil der Geschichte der Ansturm der Wissenschaft gegen die Unter- 
drückung und Hinterlist der Priester. 

Die wohl von Turgot erstmals ausgesprochene Idee, auch die Ent- 
wicklungsrichtung der Zukunft als eine durch die Gesetzmäßigkeit 
des historischen Ablaufs in ihrer Eigenart bedingte strenge Folge- 
rung aus den wissenschaftlich analysierten Tatsachen der Vergangen- 
heit abzuleiten, wird auch von Condorcet vertreten. Kann denn nicht, 
wenn aus der Konstanz des Naturgeschehens der Artgehalt auch der 
zukünftigen Ereignisse vorausgesehen werden kann, ebenso das ja 
in gleicher Weise sich abwickelnde geschichtliche Leben in seiner 
erst werdenden Gestaltung erschlossen werden, und vermag dann diese 
auf der wissenschaftlichen Interpretation der Geschichte sich aufbauende 
Kenntnis der Zukunft nicht ein zuverlässiger Führer zu sein in dem Be- 
streben der Menschen nach bewußter Einwirkung auf die gesellschaft- 
Uchen Verhältnisse? So nennt Condorcet die von solchen Gesichts- 
punkten geleitete Politik eine „science de prevoir les progres de Tesptee 
humaine, de les diriger, de les accelerer". 

Die so auf dem nährenden Untergrund des naturwissenschaftlichen 
Bodens ausgereiften positivistischen Lehren wurden in der folgenden 
Zeit von einer Gruppe von Denkern vertreten, die, zuerst unter Führung 



— 91 — 

Condorcets, dann unter Cabanis' und Destutt de Tracys Leitung eine 
teilweise hervorragende Tätigkeit entfalteten und als die zweite Klasse 
der moralischen und pohtischen Wissenschaften im NationaHnstitut 
vereinigt waren. Dem positivistischen Gebote treu, suchen diese ge- 
meinhin als Ideologen bekannten Männer immerdar von der sicheren 
Grundlage der Erfahrungserkenntnis auszugehen, um durch ihre stete 
Berücksichtigung eine feste Fundamentierung für die Schöpfung auch 
philosophischer Einsichten zu gewinnen, die, wenn sie nicht aus posi- 
tiven Tatsachen erschlossen worden sind, als „chimärische Abstraktionen" 
von wissenschafthcher Belanglosigkeit verworfen werden (Garat). Von 
diesem Standpunkt aus bekämpft man die Metaphysik mit allen zur 
Verfügung stehenden Mitteln und spricht ihr als einer die Natur der 
Wesenheiten ergründenden Disziplin den Charakter einer Wissenschsift 
durchweg ab. Cabanis vor allem hat die „pures abstractions" der 
Metaphysik aus dem Gebiete der Wissenschaft verwiesen und mit Nach- 
druck die Unfähigheit des Menschen, das Wesen der Dinge wie die 
ersten Ursachen der Erscheinungen erfassen zu können, betont Statt 
dessen verlangt er bei jeglicher Forschung, geblendet von dem Er- 
folge der Einzelwissenschaften, eine durchgängige Zuhilfenahme der 
Beobachtung, worin er, im HinbUck auf die dadurch zu erzielende 
Sicherheit der Ergebnisse, die Betätigung des wahrhaft philosophischen 
Geistes erbUckt. „Les vrais philosophes ne veulent qu'Stre exacts", und 
es sei zwecklos, hinter den Tatsachen noch etwas anderes zu suchen, 
als sie in Wirklichkeit erscheinen, denn „les faits generaux sont parce 
qu'ils sont". 

Diese Lehren werden durchgehends festgehalten, und neben de 
Tracy, der eine auf positiven Phänomenen gegründete Theorie einer 
solchen vorzieht, die nur auf Beziehungen zwischen allgemeinen, als 
realen Wesenheiten angenommenen Ideen beruht, hauptsächlich von 
Thurot, dem berühmten Philologen, der 1794 als die drei Arten 
menschlicher Erkenntnis die theologfische, metaphysische und positive 
unterscheidet, weitergebildet. 

Granz im Sinne d'Alemberts wird auch von diesen Denkern der 
Philosophie lediglich die Bedeutung einer über den empirisch ge- 
wonnenen Ergebnissen sich erhebenden Universalwissenschaft beigelegt 
Man betont den universellen Zusammenhang alles Seins (Drapamaud: 
„Toutes les branches des connaissances humaines se reunissent ä un 
tronc commun. II n'y a point de science que Ton puisse regarder comme 
essentiellement Hbre et independante des autres; la physique, la chimie, 
ITiistoire naturelle, la m^dicine ne sont que la nature sous des differents 
aspects**) und macht es sich zur Aufgabe, die verschiedenen Zweige 
der menschlichen Erkenntnis zu klassifizieren, um sie als eine einzige 
Hierarchie begreifen zu können (Drapamaud, de Tracy). In dieser 



j 



— 92 — 

Weise bildet also das Objekt der Philosophie das Wirklichkeitsgebiet 
der Einzelwissenschaften, deren Resultate in einem höchsten Prinzip zu 
vereinigen das philosophische Ideal bedeuten würde. Wenn man in allen 
Wissenschaften, erklärt de Tracy, etwa wie in der Astronomie, ein 
Fundamentalprinzip eingeführt hätte, so wäre die Gesamtheit mensch- 
lichen Wissens in einer kleinen Anzahl von Sätzen beschlossen. Noch 
vollkommener wäre der wissenschaftliche Zustand, wenn man, zu einer 
höheren Synthese fortschreitend, jene Sätze auf ein einziges Axiom 
zurückführen könnte, derart, daß die zweiten Wahrheiten nur die Folge 
der ersten, in denen sie implicite enthalten sind, und von denen sie nur 
partielle Entwicklimgsformen darstellten, wären, „car la perfection de 
la science serait voir tous les faits possibles naitre d'une seule cause". 

Gemeinsam ist ferner diesen der exakten Forschung nahestehen- 
den Gelehrten, daß sie die Wissenschaft in den Dienst des prak- 
tischen Lebens gestellt wissen möchten, weshalb einleuchtend ist, 
wenn man, veranlaßt noch weiterhin durch das positivistische Einheits- 
streben, von diesem Standpunkt aus die moralischen und politischen 
Probleme als solche, die auf das allgemeine Wohl in besonders sicht- 
barer Weise abzielen, positivistisch ergründen wollte. Die Statuierung 
einer engen Beziehung zwischen Physiologie und Moral, dergestalt, daß 
die erste die Grundlage der letzteren bilde, hat bei der Annahme, daß 
die physiologischen Untersuchungen sich vollständig in den positi- 
vistischen Geleisen bewegen, die Idee einer demonstrierbaren Moral 
nahegelegt, der zufolge fürderhin die Fragen des sittlichen Lebens 
gleichsam mit mathematischer Genauigkeit gelöst werden könnten. Und 
ebenso ist die Turgot-Condorcetsche Idee einer positiven Politik überall 
gegenwärtig, besonders aber wird sie von Cabanis und Thurot lebhaft 
vertreten. 

Dieses sind in der Hauptsache die wichtigsten positivistischen 
Konzeptionen vor dem literarischen Auftreten Saint-Simons, soweit sie 
hier zu betrachten sind. Es ist also in dem Frankreich des ausgehenden 
achtzehnten Jahrhunderts eine dem naturwissenschaftlichen Geiste ent- 
stammte positivistische Strömung vorhanden, welche, die der exakten 
Forschung zugewandten Gelehrten vornehmlich umfassend, für die 
Kräftigung ihrer Ziele aus dem Fortschritt des Naturerkennens immer 
wieder neue Anregung erhielt und schließlich, bestimmt durch die 
sozialen Mißstände, als dringendste Aufgabe eine auf wissenschaftlicher 
Grundlage sich vollziehende Regelung der zerrütteten gesellschaftlichen 
Verhältnisse erblickte. 

Von diesem Geiste war nun die polytechnische Schule als 
der Ort der lebendigsten Konzentration der naturwissenschaftlichen 
Studien vollständig durchdrungen, und hier war es, wo Saint- Simon 
mit seiner uns noch weiterhin entgegentretenden wunderbaren Fähigkeit, 



— 93 — 

das Charakteristische einer Entwicklungsrichtung mit feinem Spürsinn 
herauszufinden, sich in die positivistische Denkweise so einlebte, daß 
ihre Prinzipien für ihn die Bedeutung axiomatisch feststehender Sätze 
gewannen. In freimdschaftlichem Verkehr mit ersten wissenschaftlichen 
Größen, mit Lagrange, Monge und vielen anderen, haben sich seine 
philosophischen Anschauungen bis zu einer kritiklosen Ueberzeugungs- 
treue gefestigt, und in der von ihm mit wahrer Offenheit geschilderten 
Unterredung mit Burdin tritt klar hervor, daiß er die Grundlagen der 
positivistischen Weltanschauung nicht selbst erzeugt, sondern einfach 
übernommen hat Aber doch ist seine Stellung eine bedeutsame: er 
hat die bisher noch mehr zerstreuten als zu einem ein- 
heitlichen Gefüge verbundenen positivistischen Ideen, 
wie sie das Fortschreiten der Naturwissenschaften 
zeitigte, gleichsam wie in einem Brennpunkt vereinigt 
und auf ihren schärfsten Ausdruck gebracht So frei hin- 
gestellt, losgelöst von allen erkenntnistheoretischen Beweisgründen, die 
ehedem, namentlich bei d'Alembert, die philosophischen Ueberzeugungen 
stützen sollten, wird der Positivismus von Saint-Simon als die dem 
modernen wissenschaftlichen Geiste adäquate philosophische Richtung 
aufgefaßt, und dieser Standpunkt nun mit schöpferischer Kraft in dem 
großen Systeme Comtes, des Schülers Saint-Simons, allseitig entwickelt 
Viel fruchtbarer, ja epochemachend aber sind die Leistungen 
Saint-Simons auf dem Gebiete philosophischer Interpretation der histo- 
rischen Wirklichkeit Angeregt durch Condorcets Entwurf einer 
menschlichen Geistesgeschichte, hat er es unternommen, der Ab- 
hängigkeit seiner methodischen Grundideen von den Postulaten seines 
Vorgängers stets bewußt, das geschichtliche Leben zu begreifen als 
einen unter dem beherrschenden Antrieb des intellektuellen Fortschritts 
sich vollziehenden Prozeß einer immanenten Entwicklung, um an der 
Hand einer Durchforschung des Vergangenen — und dies eben ver- 
mochte niemand vor ihm — den Charakter auch der gegenwärtigen 
und künftigen Zustände zu ermitteln. Dabei zerlegt er in Anlehnung 
an die von Turgot gegebene Einteilung der intellektuellen Betrachtungs- 
art der Phänomene die Geschichte in eine Anzahl von Kulturzeitaltem, 
wodurch ihm, da diese in allen ihren Daseinsformen beherrscht sind 
durch ein geistiges Prinzip, mithin die Erkenntnis der sozialpsychischen 
Einheit der konstituierenden Tatsachen des historischen Lebens offenbar 
geworden ist: das von Comte als das Gesetz der drei Stadien 
bezeichnete Entwicklungsschema, das also im Unter- 
schied zu Turgot ein soziologisches, nicht bloß intellek- 
tuelles Gesetz sein will, ist in seinen Grundzügen, auch 
wenn Saint-Simon zu einer kurzen Fassung desselben 
noch nicht geschritten ist, gewonnen. Und daran schließt 



— 94 — 

sich der äußerst fruchtbare Gedanke sozialer Konflikte oder 
Krisen, die ihre Entstehung von dem unter der beständigen Erweite- 
rung des Erfahrungskreises sich vollziehenden Wandel der zentralen 
Kulturidee herleiten, die Vermitüungsglieder zweier von Bazard dann 
so bezeichneter organischer Epochen abgeben und gekennzeichnet sind 
durch das Schwanken der Meinungen und die daraus folgende Störung 
des sozialen Gleichgewichts. Diese Einsichten dienen Saint-Simon zur 
Entwirrung der sozialpsychischen Eigenart der Gegenwart, worin, auch 
wenn er das systematische Ausdenken dieser Idee schuldig geblieben, 
eine der größten geschichtsphilosophischen Leistungen beschlossen ist 
Er hat — und wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit der einleitenden 
Bemerkungen zu dieser Studie — die moderne Zeit als eine von 
dem Mittelalter scharf unterschiedene Übergangsepoche erkannt, 
in der, nachdem der stolze Bau der Kirche, der organisierenden Macht 
des Mittelalters, zusammengefallen, an die Stelle einstiger intellektueller 
Einheit nun intellektuelle Zersplitterung getreten ist, und er sieht 
weiterhin, daß die Metaphysik als die vorwärtsdrängende Streiterin 
in dem Kampfe mittelalterlicher und neuzeitlicher Tendenzen die Rolle 
lediglich der KJritik übernommen hat Außerdem aber, und auch das 
ist tiefe Weisheit, wird dieser Entwicklungsgang von dem Denker 
als notwendiges Ergebnis des kulturellen Geschehens 
betrachtet, und ihn zu erkennen und, aller seiner Schattenseiten zum 
Trotz, nicht zu verurteilen, ist die Aufgabe des Historikers und Poli- 
tikers. Wie nun sich aber mit der gegebenen sozialen Wirklichkeit 
und ihren aufdringüchen Übelständen abfinden? Darf die durch die 
Stürme der Revolution endgültig der alten Bande entledigte Gesellschafts- 
ordnung mit ihrer Anarchie gleichsam sich ewigen Bestandes erfreuen, 
wie die metaphysische Denkart meint, oder ist es gar möglich, die ge- 
stürzte religiöse Autorität wieder als Macht aufbauender Wirksamkeit in 
neue Herrschaftsrechte einzusetzen? Keines von beiden. Die Kräfte 
vielmehr, welche die alte Ordnung hinweggefegt haben, 
vermögen allein die Grundlage jeder dauerhaften sozialen 
Neubildung darzubieten, deren Wesensart durch eine ge- 
schichtsphilosophische Besinnung enthüllt werden solL 
Mit diesen Bestimmungen steht Saint-Simon in seiner Zeit allein, und 
nur wenige auserlesene Geister, wie wir zeigen werden, Comte, Bazard, 
Carlyle besonders, sind es gewesen, die diese weittragenden Ideen in ihrer 
Bedeutsamkeit erkannt haben und in die Fußtapfen des Meisters ein- 
getreten sind. Mag man vom Standpunkt der heutigen Erkenntnis aus 
der geschichtsphilosophischen Auffassung Saint-Simons zu weitgehenden 
Schematismus vorwerfen, der es unmöglich macht, die Vielgestaltigkeit 
der individuellen historischen Ausprägungen in den festgelegten Rahmen 
einzufügen, mag man der sozialpsychologischen Fundierung der ein- 



— 95 — 

zelnen Kulturzeitalter den Vorwurf noch mangelnder Tiefe machen, 
mag man lächeln über die alte platonische Forderung einer intellek- 
tuellen Zentralgewalt, die, unverträglich mit dem Freiheitsstreben der 
modernen Persönlichkeit, zur hemmenden Fessel ausarten könnte — es 
sind trotz alledem tiefe Wahrheiten und vor allem große Kultur- 
probleme, die dieser Geist vor unseren Augen entrollt Im Gegensatz 
zu den ultramontanen Reaktionären, die eine Rückkehr wieder ganz 
mittelalterlich gedachter Verhältnisse erstrebten, ebenso aber auch im 
Gegensatz zu den metaphysischen und liberalen Doktrinären, die auf 
dem Wege namentlich politischer und ökonomischer Freiheit das soziale 
Heil zu erreichen suchten, will Saint-Simon, begabt mit weitschauendem 
historischen Blick, der diesen beiden Gruppen völlig abging, in einer 
höheren Synthese den Grundsatz wieder einer Bindung der 
Zeitverhältnisse mit der Idee ihrer modernen Ausge- 
staltung versöhnen. Ist es aber nicht wunderbar, daß dieser große 
Grundgedanke, an dessen klarer Herausarbeitung ganze Generationen 
sich beteiligt haben, bis er zum Leitstern fortschrittlich gedachter 
sozialer Reformen geworden ist, von Saint-Simon in einem Zeitalter* 
heftigsten sozialen ZusammenpraUens rückschrittlicher und vorwärts- 
drängender Kräfte, wo der endgültige Sieg des Neuen anscheinend 
noch keineswegs feststand, mit prinzipieller Klarheit, wenn auch noch 
nicht in der Fülle seines späteren Gehalts, erfaßt wurde? 



5. ,,De la r^organisation de la soci6t6 europ^enne'^ 
Saint-Simon und Augustin Thierry. 

Mit banger Sorge um das weitere Geschick Saint-Simons haben 
wir von der Schilderung seines Lebens Abstand genommen, um uns be- 
gierig seinen Ideen, die in ihm — weltbewegend wie sie ihm erschienen 
und großartig wie sie in der Tat waren — jenen sonst unerklärlichen 
Stolz seiner Haltung inmitten all des Elends, in das er versunken war, er- 
zeugt hatten, zuzuwenden. Wird seine Not, so mußten wir unwillkürlich 
fragen, die er, manchmal mit flehentlicher Bitte um Hilfe, bald im Ton 
des schon der Verzweiflung nahen Bettlers, fast immer aber mit dem 
berechtigten Selbstgefühl eines Mannes, den um der Größe seiner Sache 
willen zu unterstützen Pflicht sei, unumwunden eingestanden — wird 
seine Not noch weiterhin fortdauern, oder wird man ihm endlich helfen ? 
Seine Arbeiten über die „Wissenschaft vom Menschen" und die „Gravi- 
tation", auf deren Erfolg er mit der ihm eigenen Vertrauensseligkeit 
sicher rechnete, waren nur wenig dazu geeignet, dem Namen ihres 
Verfassers einen guten Klang zu verleihen. Denn wen wird wohl die 
Lust angefacht haben, sich durch diesen Wust heterogener G^anken- 



A J 



- 96 - 

komplexe eines noch durchaus unbekannten Autors hindurchzuarbeiten, 
und wer wird wohl gar die Fähigkeit gehabt haben, den wissenschaft- 
lichen Wert der oft unter Trivialitäten versteckten neuen Konzeptionen, 
rasch hingeworfen wie sie meist waren, sogleich zu erfassen ? In der Tat 
mußte die bei einer geordneten Entwicklung seiner Ideenreihen denk- 
bare Gunst auch einer breiten Öffentlichkeit durch diese Mängel seiner 
Darstellungsweise gründlich verscherzt werden, besonders aber durch 
seine bizarren Einfälle, die, unvermittelt und jeder sinnvollen Deutung 
bar, wie sie sich oft in seine tiefdringenden Gedankengänge einschieben, 
wie die Taten eines Verrückten anmuten. 

Saint-Simon hatte sich außer an einige Größen des Kaiserreichs wie 
Cuvier, Lacepede, de Gerando, Lebrun, Talle3rrand, Cambaceres, auf den 
Rat dieses letzteren auch an Napoleon gewandt Um des Kaisers Auf- 
merksamkeit nun besonders zu erregen, gab er seiner Arbeit über die 
Gravitation den Untertitel : „Moyen de forcer les Anglais ä reconnaitre 
Tindependance des pavülons". Was will Saint-Simon damit sagen? Der 
Kaiser bestimme, so leitet er seine Studie ein: es soll eine Belohnung 
von 25 Millionen Franken dem Verfasser des besten Werkes über die 
Organisation der europäischen Gesellschaftsordnung zugewiesen werden. 
Bis zum ersten Dezember 18 14 müsse diese Denkschrift abgeliefert 
werden. Ein Exemplar soll Napoleon, eines dem Kaiser von Öster- 
reich und eines dem Regenten von England eingehändigt werden. 
Diese sollen ihr Urteil abgeben, und im Falle, daß die beiden letzt- 
genannten Fürsten sich weigerten, möge Napoleon allein entscheiden. 
Alle diese Memoiren, so fährt Saint-Simon fort, müssen auf das End- 
ziel hinauslaufen, daß alle Völker des Kontinents ihre Kräfte ver- 
einigen werden, um die Engländer zu zwingen, die Unabhängigkeit der 
Flotten anzuerkennen. Aber, so setzt er furchtlos hinzu, mit noch 
größerem Nachdruck müssen sie darauf hinweisen: „daß es geboten 
ist, daß Eure Majestät auf das Protektorat des Rheinbundes verzichtet, 
daß sie Italien räumt, daß sie Holland wieder die Freiheit schenkt, daß 
sie es unterläßt, sich in die spanischen Angelegenheiten einzumischen, 
kurz, daß sie sich auf ihre natürlichen Grenzen beschränkt Nur wenn 
Eure Majestät auf ihre Eroberungspläne verzichtet, vermag sie die 
Engländer zu zwingen, die Freiheit der Meere anzuerkennen. Wenn 
sie ihren alles übersteigenden Ruhm noch weiterhin vergrößern will, 
so wird sie Frankreich der Vernichtung entgegenführen und letzten 
Endes sich in absolutem Widerspruch zu den Bestrebungen ihrer Unter- 
tanen befinden." 

Es wird erzählt, daß Bonaparte auf diese ihm von Saint-Simon 
zugegangenen ernsten Mahnungen hin Nachforschungen über den 
kühnen Autor habe anstellen lassen. Aber auch abgesehen von diesem 
unbedachten Einfall, den trotz der Niederlage von Moskau noch mäch- 



— 97 — 

tigen Kaiser durch diese schweren Vorwürfe zu reizen und sich so 
der Gefahr politischer Verfolgung auszusetzen, mußte denn nicht der 
phantastische Plan des Wettbewerbs, aus dem Saint-Simon offensichtlich 
als der mit dem Millionenpreis gekrönte Sieger hervorzugehen sich 
ermaß, seine Ideen wie seine Persönlichkeit überhaupt diskreditieren? 
Es war so. Einzig Cuvier und Halle sollen seinen Arbeiten einige 
Aufmerksamkeit geschenkt haben. So hatte die Veröffentlichung seiner 
Schriften eine Besserung seiner materiellen Lage nicht zur Folge ge- 
habt. Aber doch scheint eine solche allmählich eingetreten zu sein; 
denn ein von Augustin Thierry im Januar 1814 an Saint-Simon ge- 
richtetes Schreiben läßt erkennen, daß der letztere dem jungen Ge- 
lehrten den Vorschlag machte, ihm als Sekretär bei seinen wissen- 
schaftlichen Bestrebungen behilflich zu sein. 

Augustin Thierry, der später berühmte Historiker, >var damals ein 
junger Mann von einundzwanzig Jahren und hatte die Stelle eines Lehrers 
an einem Lyzeum inne. Die Bekanntschaft mit Saint-Simon wurde 
durch den Chemiker Peclet vermittelt, und bald war Thierry von der 
Größe der Gedanken des unbekannten Grafen durchdrungen. War es 
für ihn, der schon auf der Schule nach der Lektüre eines Werkes von 
Chateaubriand wie durch eine Erleuchtung vorahnend seines künftigen 
großen Berufes gewiß ward, nicht verlockend, einem so weitgehenden 
wissenschaftlichen Plänen zugewandten Mann die Kraft seines Geistes 
zu leihen? Namentlich die geschichtsphilosophischen Lehren, die die 
„Denkschrift über die Wissenschaft vom Menschen" enthielt, neu und 
geistvoll wie sie ihm erscheinen mußten, fesselten ihn, und anfängliche 
Befürchtungen, durch seinen Verkehr mit Saint-Simon seinem Rufe 
zu schaden, rasch überwindend, wurde er Sekretär des letzteren. Im 
Oktober 18 14 wurde als erste Frucht gemeinsamer Arbeit veröffentlicht: 
„De la Reorganisation de la societe europeenne, par M. le comte de 
Saint-Simon et par M. A, Thierry, son eleve". 

Auf den ersten Anschein könnte man meinen, in dieser Arbeit das in 
der „Denkschrift über die Wissenschaft vom Menschen" in Aussicht ge- 
stellte Werk über die Reorganisation Europas, deren Grundzüge Saint- 
Simon bereits angedeutet hatte, zu erblicken. Aber welcher Wechsel 
hat sich in der kurzen Spanne Zeit in den fundamentalen Anschauungen 
des Denkers vollzogen, wenn man diese Schrift auf ihren Gehalt prüft? 
Weit davon entfernt, in der intellektuellen Regeneration der Völker 
die einzig mögliche Vorbedingung einer dauernden Festigung der 
schwankenden sozialen Verhältnisse zu erblicken, schiebt Saint-Simon 
nun diese soziale Reformidee in den Hintergrund, um in dem System 
eines die Gesamtheit der europäischen Nationen umfassenden Parla- 
mentarismus ein vorläufiges Rettungsmittel vor der allgemeinen Anarchie 
zu erblicken. 

Mackle, Henri de Saint-Simon. ^ 



- 98 - 

Wir sind genötigt, um diesen Wandel der Denkrichtung zu be- 
greifen, einen Blick auf die 2Jeitverhältnisse zu werfen, um in ihnen 
vielleicht den Antrieb für des Philosophen anscheinend unvermitteltes Ver- 
lassen der einmal eingeschlagenen Bahn aufzuspüren. In der Tat zeigt 
sich, daß auch hier Saint-Simon, wie immer ein fein empfindendes Organ 
gleichsam erst entstehender oder auch schon klarer ausgesprochener poli- 
tischer und sozialer Strömungen darstellend, von der Flutwelle des kultu- 
rellen Geschehens mitgerissen worden ist Nach den schrecklichen Zeiten 
des napoleonischen Despotismus, dessen furchtbarer Druck fast auf ganz 
Europa lastete, waren endlich mit der Rückkehr der Boiu-bonen wieder 
hoffnungsfreudige Stimmungen in die geängstigten Gemüter eingezogen. 
Sehnsüchtig lechzte man, angewidert von der Brutalität nun schon jahre- 
lang währender Kriege, nach endgültigem Frieden, und getragen von 
diesem Empfinden, kam in Wien jener Kongreß zu stände, der, wenn 
er sich auch gründlich getäuscht hat über die Art der Mächte sozial- 
organisierender Natur, als Symptom des Bewußtseins wachsender Soli- 
darität der Nationen immer eine denkwürdige Erscheinung bleiben wird. 
Saint-Simon war es sofort klar, daß durch diplomatische Verträge, 
die einer vorübergehenden GefühlswaUung ihre Entstehung verdanken, 
eine Bürgschaft dauernden Friedens nicht erreicht werden kann, daß 
vielmehr die eherne Gewalt der Interessen diese zarten Bande der 
Gefühlspolitik bald mit Leichtigkeit wieder sprengen wird. Haltet 
Kongreß auf Kongreß ab, ruft er seinen Zeitgenossen zu, vermehrt 
eure Verträge, so sehr ihr wollt, niemals könnt ihr auf diese Weise 
verhindern, daß vorhandene nationale Gegensätze zu kriegerischen 
Verwicklungen führen. Und seine Blicke auf England gerichtet, über- 
haupt eingedenk der Vorteüe des Parlamentarismus, hofft er durch 
eine Übertragung dieser Regierungsform erst auf die einzelnen Staaten 
Europas, dann auf ihre Gesamtheit, als eine einheitliche Kulturgemein- 
schaft, der Aufrechterhaltung auch der internationalen Ordnung eine 
unerschütterliche Stütze verleihen zu können. Wie Frankreich damals 
im repräsentativen Regierungssystem das soziale Allheilmittel sah, so 
tat dieses ebenso Saint-Simon, mit dem Unterschied nur, daß er auch 
den übrigen fortgeschrittenen europäischen Staaten seine Segnungen 
zuteil werden lassen wollte. 

Es ist seltsam, aber bezeichnend für die teilweise geistige Zer- 
fahrenheit Saint-Simons, daß er den grundsätzlichen Widerstreit der 
neuen Anschauungen mit seinen in der „Denkschrift über die Wissen- 
schaft vom Menschen" entwickelten Lehren nicht niu- nicht betont, 
sondern sogar, wie es scheint, nicht einmal klar erkannt hat, und 
geradezu auffällig ist es, daß wir diese ganz anders gearteten Gedanken- 
reihen in der neuen Schrift, ohne daß ihnen ein Wort der Klärung 
beigefügt wäre, selbst eingegliedert finden. 



— 99 — 

Die europäische Gesellschaft, so führt er aus, bietet heute ein Bild 
allseitiger Zerrüttung dar, die heftigsten Erschütterungen haben das 
soziale Gleichgewicht gestört, und überall wünscht man wieder Zeiten 
der Ruhe und Ordnung herbei. Wie ist diese internationale Krisis zu 
erklären? Ein großer sozialer Konflikt, sagt Saint -Simon, ist aus- 
gebrochen, der, entstanden aus dem Widerstreit der fortgeschrittenen 
intellektuellen Kenntnisse mit der diesen nicht mehr entsprechenden 
sozialen Ordnung, den völligen Zusammenbruch dieser letzteren zur 
Folge hatte. Kann hier eine Änderung stattfinden? Die Geschichte 
allein, die einzig zuverlässige Führerin in dem ewigen Streit der 
Meinungen, ist im stände, die Richtlinien einer dauerhaften sozialen Neu- 
ordnung anzugeben. Sie zeigt, wie schon in früheren Jahrhunderten Um- 
wälzungen vorhanden waren, die ähnlich den heutigen waren und mithin 
orientierende Streiflichter auf das regellose Wogen der sozialen Massen 
werfen können. Die Kenntnis der sozialen Organisation des Mittel- 
alters namentlich vermag dem modernen Politiker wichtige Dienste 
zu leisten, war doch diu-ch sie verwirklicht, was nun den zivilisierten 
Ländern mangelt: eine einheitliche Regelung des sozialen Lebens, dem 
durch die objektiven Normen der christhchen Religion eine klar* bezeich- 
nete Richtung angewiesen wurde. Die zentrale Gewalt dieser Gesell- 
schaftsordnung, vereinigt wie sie war in den Händen des überall gegen- 
wärtigen Klerus, erstreckte sich hinweg über die Häupter der ihr unter- 
geordneten weltlichen Souveräne auf das weite Bereich fast ganz 
Eiu-opas, das sich in dieser religiösen Leitung seiner kulturellen Einheit 
bewußt ward. Diese Zeiten der mittelalterlichen religiösen Gebundenheit 
sind für immer entschwunden: durch die Reformation Luthers wurde 
die Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung eingeleitet, die sich 
dann vollendete in der durch die Kritik der Philosophie des acht- 
zehnten Jahrhunderts entfachten Revolution. Es ist wahr, daß sowohl 
Päpste als auch Priester, ihre religiösen und sozialen Pflichten miß- 
achtend, weltlichen Herrschgelüsten freien Lauf ließen, anstatt diese, 
wo immer sie sich auch zeigten, wirksam zu bekämpfen. Um so be- 
wundernswürdiger aber erscheint dieses Zeitalter, daß trotz dieser 
Mißstände — tristes fruits des temps d*ignorance, wie sie Saint-Simon 
nennt — Europa von heftigen und bedeutsamen Kriegen Jahrhunderte 
hindiu'ch befreit blieb und sogar in den Kreuzzügen das seltene Schau- 
spiel einer internationalen Verteidigung seiner Freiheit erlebte. 

Nun ist die Zeit des Aufbauens gekommen, und man sollte an- 
nehmen, daß Saint-Simon nach der soeben gegebenen Deutung der Ver- 
gangenheit in der Wiedereinführung eines einheitlichen Ideenkreises 
den Hauptbestandteil der sozialen Reform erblicken würde. Gewiß 
weist er darauf hin, daß die Philosophie des neuen Jahrhunderts im 
Gregensatz zu der des vergangenen eine organisierende Macht sein 



— lOO — 

müsse, ohne aber diesen Gedanken weiter fortzuführen. Ein anderes 
Problem ist in den Blickpunkt seiner Interessen getreten: das sech- 
zehnte Jahrhundert, so meint er, habe die Greister vornehmlich mit theo- 
logischen Fragen beschäftigt, im siebenzehnten habe die Kunst die 
Aufmerksamkeit vor allem auf sich gezogen, das achtzehnte Jahrhundert 
sei das der philosophischen Kritik gewesen. Und das neunzehnte 
Jahrhundert? Es werden die großen Fragen der Politik sein, die ihm 
den Charakter aufdrücken. Und sich hierauf stützend, will er das Pro- 
blem der sozialen Organisation diu-ch rein politische Maßnahmen lösen 
und einen sozialen Zustand herbeiführen, der vorbildlich aufgebaut war 
in der Gesellschaftsordnung des Mittelalters. „Eiu-opa war einstens 
eine konföderative soziale Einheit, die, zusammengehalten durch ge- 
meinsame Institutionen, einer allgemeinen Regierung unterstellt war, 
die den Völkern das bildete, was den Individuen die nationalen Re- 
gierungen." 

Wird wohl der in Wien versammelte Kongreß, der die europäischen 
Völkerinteressen versöhnen will, seinen Zweck erreichen? Es ist kaum 
anzunehmen. Keiner der Abgesandten wird sich finden lassen, d«-, das 
Wohl des eiu"opäischen Ganzen stets vor Augen, die meist selbstsüchtigen 
nationalen Wünsche zurückstellen wird. Allerseits wird man glauben, 
mit der Wahrung des nationalen Interesses vor allem auch der euro- 
päischen Gesamtheit dienen zu können, so daß infolge dieses allgemeinen 
Widerstreits von einer dauernden, Frieden verbürgenden europäischen 
Organisation keine Rede sein kann : Österreich wird seinen großen Ein- 
fluß in Italien und die ihm zustehende Vorherrschaft über Deutschland 
als unveräußerUche Rechte beanspruchen, Schweden wird Norwegen als 
ein ihm schon durch die Natur zugehöriges Land fordern, Frankreich wird 
im Rhein und in den Alpen seine natürlichen Grrenzen erblicken, und 
England endlich, das diu"ch seine insulare Lage auf die Schiffahrt an- 
gewiesen ist, wird seine Oberherrschaft zur See und das daraus entsprin- 
gende despotische Vorgehen gegen andere Völker als eine der wichtig- 
sten Grundlagen seines politischen Systems aufrecht erhalten wollen. 
Kein Wunder, wenn die Vorschläge dieser Länder zurückgewiesen 
werden und der Kongreß zur Farce wird. Kann denn überhaupt, um 
der großen Frage, um die es sich hier handelt, auf den Grund zu gehen, 
durch diplomatische Verhandlungen ein so ungeheiu"es Gebilde wie die 
europäische Staatengesellschaft zu einem einheitlichen politischen Ganzen 
umgewandelt werden? Saint-Simon bezweifelt es. „Jeder Vereinigung 
von Völkern wie jeder Vereinigung von einzelnen Menschen müssen 
gemeinsame Institutionen zu Grunde liegen, sie müssen organisiert sein. 
Andernfalls wird alles durch die Macht entschieden. Wünschen, daß in 
Europa der Friede durch Verträge und Kongresse gewahrt werde, das 
heißt so viel wie wollen, daß ein sozialer Körper durch Konventionen und 



— lOI — 

dergleichen zusammengehalten werde. In beiden Fällen ist eine 
zwingende Gewalt von nöten, die den Willensregungen eine einheitliche 
Richtung zuweist, die Bewegungsäußerungen harmonisiert, die Interessen 
zu gemeinsamen und alle Bindungen zu festen gestaltet." Heinrich der 
Vierte allein imd der Abbe von Saint-Pierre haben dies beg^riffen. Aber 
der erste starb, bevor er seine Idee allseitig diwchdacht hatte, während 
des anderen auf die Herbeiführung des ewigen Friedens abzielende 
Vorschläge unausführbar waren. 

Man könnte versucht sein zu glauben, daß Saint -Simon seine 
Idee der politischen Reorganisation Eiu-opas wohl in Anlehnung an 
die uns bekannten geschichtsphilosophischen Grundsätze begründen 
wird, dergestalt, daß er sich mit der Aufweisung einer vorhandenen 
Entwicklungsrichtung einfach begnügt. Gewiß verleugnet er diese 
Methode historischer Erkenntnis als Hilfsmittel zielbewußter politischer 
Einwirkung nicht, aber sie tritt völlig zurück gegenüber einer Be- 
trachtungsweise, die einen Rückfall in die von ihm mit großem Ge- 
schick selbst bekämpfte unhistorische Denkart des Rationalismus bedeutet 
Schon seine Problemstellung beweist dies. „Ich möchte eine Regierungs- 
form finden, die gut ist schon diu-ch ihre Natur und weiterhin gegründet 
ist auf Prinzipien, die absolut, universell und unabhängig von Zeit und 
Ort sind." Durch vernünftiges Überlegen soll diese denkbar beste 
Reg^erungsform entdeckt werden, um dann zu sehen, ob sie sich nicht 
schon in dem einen oder anderen Lande vorfindet Auf diese Weise 
vnrd dann das Ergebnis rein vernunftgemäßer Betrachtung^sart empirisch 
ergänzt 

Nach Saint-Simon gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten einer 
methodischen Betrachtung der Wirklichkeit: das synthetische und das 
ajial)rtische Verfahren, oder, wie er sich auch ausdrückt, das apriorische 
und das aposteriorische. Durch das erstere wird die Totalität der 
Tatsachen erfaßt, während das letztere sich mit der Ergründung der 
Sondergebiete des Seins begnügt Die so gewonnenen Resultate 
müssen, wenn sie über alle Zweifel erhaben sein sollen, miteinander 
übereinstimmen, und die beste Art, eine wissenschaftliche Frage zu 
lösen, ist die, welche die beiden Verfahrungsarten als gleichwertig zur 
Anwendung bringt So müssen auch die politischen Probleme angefaßt 
werden. Da bedeutet nun die apriorische Beurteilung politischer Dinge 
ihre Betrachtung vom Standpunkt des allgemeinen Interesses aus, 
während die aposteriorische Betrachtung vom Standpimkt des Einzel- 
interesses ausgeht 

Es müssen also, um nach dieser methodischen Besinnung auf die 
Frage nach der besten Regierungsform einzugehen, zwei verschiedene 
politische Gewalten vorhanden sein, deren eine das Interesse der 



I02 — 

Allgemeinheit, die andere die der einzelnen Individuen zu wahren 
sucht 

Die eine nennt Saint-Simon „Pouvoir des interSts g^neraux", die 
andere „Pouvoir des interets particuliers ou locaux". Keine der etwa 
beschlossenen Maßregeln — imd dieses eben macht die Kraft der so 
beschaffenen Konstitution aus — darf nun ohne Billigung beider Ge- 
walten verwirklicht werden, so daß jedes Gesetz, nachdem es vom 
apriorischen und aposteriorischen Gesichtspimkte aus beurteilt worden ist, 
sowohl den Bedürfnissen der Gesamtheit wie denen der Einzelnen Ge- 
nüge leistet Doch wird noch eine dritte politische Gewalt für nötig 
erachtet (Pouvoir reglant et moderant), deren Bestimmung darin besteht, 
von den zwei anderen Mächten vorgeschlagene oder beschlossene 
Gesetze einer erneuten Prüfung zu unterziehen, Irrtümer zu berichtigen, 
Vorschläge, wenn notwendig, zurückzuweisen, überhaupt das Gleich- 
gewicht der beiden politischen Körperschaften aufrecht zu erhalten. 
Auf diese geschraubten und haltlosen Ausführungen legt der Denker 
ein großes Gewicht „Die Güte einer Verfassung, die auf den soeben 
entwickelten Grundsätzen aufgebaut ist, ist so sicher verbürgt, so absolut 
und universell wie die eines richtigen Syllogismus." 

Aber noch mehr: diese politische Verfassung hat nichts gemein 
mit jenen unpraktischen, chimärischen Einfällen, wie sie so vielen 
Bücherschreibem eigen sind, sie ist seit hundert Jahren vorhanden bei 
einem Volk, das ihr seine Freiheit und Größe verdankt, bei den Eng- 
ländern. 

Die drei Gewalten des parlamentarisch regierten englischen Reiches 
sind der König, das Haus der Gemeinen und die Pairskcimmer. 

Dem König steht bei der Bildung der Gesetze einmal die Initiative 
zu, dann die Macht, Vorschläge zurückzuweisen. Er ist der alleinige 
Inhaber der ausführenden Gewalt. Als einzelne Persönlichkeit ist er 
leichter als eine Vielheit solcher in den Stand gesetzt, mit einem 
einzigen Blick die ganze Weite einer Frage zu übersehen: er repräsen- 
tiert: „le pouvoir des interets generaux". Interessiert an der Größe und 
dem Ruhme der Nation, entledigt all der Fesseln, die jeden anderen 
Bürger an besondere Interessen ketten, werden die Handlungen des 
Königs durch die Berücksichtigung des Wohles der Allgemeinheit 
bestimmt Die Erblichkeit der Krone schützt zwar das Volk bei 
einem möglichen Todesfall vor der Gefahr einer politischen Erschütte- 
rung, aber sie bewahrt nicht vor der Gefahr, daß ein unfähiger Regent 
zur Herrschaft gelangt. Diesen Mißstand hat man abzuschwächen ver- 
sucht dadurch, daß man das Königtum gleichsam in zwei Teile ge- 
schieden hat Dem einen gehören der Glanz, die Pracht, die äußeren 
Anzeichen der Souveränität an: es ist die herrschende Dynastie. In 
dem anderen ist die eigentliche Macht vereinigt: es ist dies der aus 



— I03 — 

der Wahl hervorgegangene, für alle seine Handlungen verantwortliche 
Ministerpräsident 

Das Haus der Gemeinen, das mit der Macht ausgestattet ist, Ge- 
setzesvorschläge zurückzuweisen oder anzunehmen, vertritt die Einzel- 
interessen. Durch dieses Zusammenwirken von König und Parlament 
kommen nur solche Gesetze zu stände, die sowohl der Allgemeinheit 
als auch den in Parteien vereinigten Individuen zugute kommen. 

Die Pairskammer, deren Mitglieder sich zusammensetzen aus An- 
gehörigen der Geburtsaristokratie, der Aristokratie des Reichtums und 
sonst verdienstvollen Männern, steht als „pouvoir reglant" zwischen 
dem König und dem Haus der Gemeinen. Ihre Aufgabe ist es, die Be- 
fugnisse der anderen Gewalten zu überwachen und sie, wenn sie über- 
schritten werden sollten, in ihre Grrenzen zurückzuweisen. 

Eine dem Muster des englischen parlamentarischen Regierungs- 
systems nachgebildete Verfassung stellt nun nach Saint -Simon das 
Mittel dar, um die europäischen Staaten allmählich aus dem Zustand der 
Feudalität in moderne Verhältnisse überzuführen. Zunächst müssen 
nationale Parlamente geschaffen werden, über denen sich dann ein 
europäisches Parlament erheben soll, das der europäischen Gesellschafts- 
ordnung eine dauernde Organisation verleihen wird. Die Grundzüge 
dieses europäischen politischen Regimes sind also die der englischen: 
es wird eine Deputiertenkammer ins Leben gerufen werden, deren Mit- 
glieder in Ansehung der außerordentlichen Größe des Reichs, auf das 
sich die Wirksamkeit der von ihnen ergriffenen Maßregeln erstreckt, sich 
durch weitesten Blick auszeichnen müssen. Nur Kaufleute, Gelehrte, 
Verwaltungs- und sonstige Beamte dürfen zu Abgeordneten gewählt 
werden, und zwar werden auf eine Million Menschen, die lesen und 
schreiben können müssen, vier den soeben genannten Berufsgfruppen 
zugehörige Abgesandte kommen. Sie werden auf zehn Jahre ernannt 
und erhalten je 25 000 Franken Renten. Die Pairskammer setzt sich aus 
erblichen Mitgliedern zusammen, die vom König ernannt werden und 
500000 Franken Rente beziehen. Über den eiu-opäischen König will 
Saint-Simon in einem späteren Werke mehr berichten. Die Tätigkeit 
dieses internationalen Parlamentes wird eine mannigfaltige sein : es wird, 
um nur einiges anzuführen, die Verkehrsbeziehungen erleichtem, indem 
es die Flüsse durch Kanäle verbindet, es wird rückständige Länder 
kultivieren, das Unterrichtswesen überwachen, einen allgemeinen Moral- 
kodex aufstellen, Gewissensfreiheit und Freiheit der Religionsübung 
verbürgen: ,J1 y aura" schließt Saint-Simon zuversichtlich, „entre les 
peuples eiu"opeens ce qui fait le lien et la base de toute association 
politique: conformite d'institutions, union d'interßts, rapport de maximes, 
communaute de moral et d'instruction publique." 



— I04 — 

Aber diese Zeiten sind noch fern. Ist es doch als Vorbedingung für 
die Konstituierung des europäischen Parlamentes unerläßlich, daß erst 
einmal die einzelnen Länder das Joch des Absolutismus abschütteln 
und die parlamentarische Regierungsweise einführen. Frankreich und 
England allein haben die modernen Verfassungsgfrundsätze verwirklicht, 
und ihnen ist es denn auch vorbehalten, das große Werk der euro- 
päischen Organisation einzuleiten. Ein gemeinsames Parlament wird 
diese beiden mächtigen Länder Europas zu vereinigter politischer Tätig- 
keit bestimmen, und dieses wird namentlich darauf bedacht sein, auch die 
übrigen Nationen zur Modernisierung ihrer Verfassung zu veranlassen, 
so daß sich die Organisation Europas schrittweise, ohne Kriege, ohne 
bedeutsame politische Erschütterungen vollziehen wird. 

Dieser Zusammenschluß Englands und Frankreichs ist aber auch 
notwendig ganz besonders vom Standpunkt der Einzelinteressen dieser 
beiden Länder aus. Betrachten wir zuerst England. Ein ungeheures 
Reich bietet sich dem Blicke dar, das die Herrschaft über die Meere 
an sich gerissen, Asien und Afrika sich unterwürfig gemacht hat und mit 
willkürlichem Machtgebot in die europäischen Geschicke eingreift. Sein 
Handel ist der ausgedehnteste der ganzen Welt, und unübertroffen sind 
seine Leistungen auch auf dem Gebiete der Industrie und der Landwirt- 
schaft Und doch ruht dieses mächtige Volk auf einem morschen 
Grrunde: seine Staatsschuld ist ins Ungemessene gestiegen, und der 
Preis der notwendigen Lebensmittel ein abnorm hoher. Tritt hier 
keine Änderung ein, so ist eine politische Revolution unausbleiblich. 
Davor schützt nur die Vereinigung mit Frankreich. Dieses wird, gleich 
wie ein reicher Teilhaber einem verschuldeten Handelshaus wieder auf- 
zuhdfen vermag, seinem Nachbarn seine finanzielle Hilfe zuteil werden 
lassen, um diesen vor dem drohenden Unheil zu bewahren. 

Aber auch Frankreich wird seinen Nutzen aus der Koalition mit 
England ziehen. Man beachte doch einmal die auffällige Gleichartigkeit 
der englischen und der französischen Entwicklung in der neueren Zeit 
Im besonderen sind die Ereignisreihen der beiden Revolutionen, die sich 
bei diesen Völkern vollzogen, von überraschender Ähnlichkeit Zuerst, 
so führt Saint-Simon mit tiefem geschichtlichen Verständnis aus, er- 
folgte, veranlaßt durch den fortgeschrittenen Zustand der Kenntnisse, 
die Kritik der den vorwaltenden Bedürfnissen nicht mehr entsprechenden 
alten Ordnung. Alle Klassen, der Adel, der König, das Volk, waren 
über die Notwendigkeit einer Reform einig, und unter Hintansetzung 
der persönlichen Interessen war das allgemeine Wohl das Ziel aller Be- 
strebungen. (Erste Stufe.) Aber bald änderte sich die Lage der Dinge. 
(Zweite Stufe.) Der Enthusiasmus verblaßte, und an seine Stelle trat die 
kluge Berechnung der aus der Neuordnung entspringenden möglichen 
Vorteile; es tauchten wieder Verteidiger des alten Systems auf, und ein 



— I05 — 

Kampf zwischen den Anhängern des Ancien regime und den fortschritt- 
lich Gesinnten entspann sich. Dabei suchten die letzteren Rückhalt zu 
gewinnen bei der großen Masse des Volks, das sie in Gesellschaften 
organisierten. Die dritte Periode wird durch die Herrschaft der unter- 
sten Klassen gekennzeichnet, in deren Gefolge allgemeine Anarchie, 
Bürgerkriege und eine Hungersnot die Nationen heimsuchten. Hierauf 
(vierte Epoche), als die soziale Anarchie aufs höchste gestiegen war, beugte 
man sich um den Preis der dadurch erreichten Ordnung willen gern 
unter die Herrschaft des Despotismus. Cromwell und Napoleon, beide 
ausgestattet mit festem Willen, entrissen dem Pöbel die Macht, um sie 
in ihrer Hand zu vereinigen. Gestützt auf den Knauf des Schwertes, 
schufen sie im Innern Ruhe, während sie nach außen eine durchaus 
kriegerische Politik einschlugen. Endlich (fünfte Stufe) legte sich nach 
so vielen Jahren der Aufregung der Sturm, und allgemeine Ruhe trat 
wieder ein: die Grundlagen der neuen sozialen Ordnung, wie sie von 
vornherein von den vernünftigen Politikern erstrebt worden, waren nun 
gewonnen. 

Die am meisten hervorstechende Tatsache der letzten Periode der 
englischen Revolution war die Vertreibung der Stuarts. Wird dem 
französischen Herrschergeschlecht der Bourbonen wohl dasselbe Geschick 
widerfahren? Drohende Anzeichen deuten allerdings nach Saint-Simon 
daraufhin. Überall herrscht in Frankreich Unzufriedenheit mit den be- 
stehenden Verhältnissen, die alte Aristokratie, in dem Wahn, die hervor- 
ragenden Staatsämter als ihr ausschließliches Vorrecht betrachten zu 
dürfen, sieht mit Blicken der Verachtung auf den von Napoleon ge- 
schaffenen neuen Adel herab, der, stolz auf den Reichtum, den er diu-ch 
seine Tatkraft erworben hat, den gleichen Anspruch auf soziale und 
politische Wertung wie der alte Adel macht. Besonders in der militä- 
rischen Klasse ist der Widerstreit zwischen diesen beiden gesellschaft- 
lichen Grruppen bemerkbar. Die aus der napoleonischen Zeit herüber- 
gekommenen Offiziere, denen man ihre Gehälter beschnitten hat, 
empfinden es schmerzlich zu sehen, wie als Generale neugebildeter Korps 
Männer erwählt werden, die weder ihre Mühen geteilt, noch ihre einstigen 
Siege miterrungen haben. Und was sie vor allem erregt, das ist die 
Tatsache, daß sie, vor denen einst Eiu"opa gezittert, nun sich vor einem 
zwar in Gold glänzenden, aber ruhmlosen Königtum beugen müssen. 
Andererseits fordert der alte Adel die militärischen Stellen ganz für 
sich ziuück, sowohl die, welche er einst innegehabt hat, als auch die, die 
ihm niemals zustanden. Bedenkt man noch, daß auch die Beamten klagen, 
daß sie ihres ehemaligen politischen Einflusses beraubt sind, dann daß die 
Industriellen eine größere Berücksichtigung von selten der öffenüichen 
Gewalt, namenüich eine größere Schätzung dem Adel gegenüber ver- 
langen, weiterhin daß es in der Klasse der Besitzlosen gärt, und daß die 



— io6 — 

Schwäche der Regierung in Sachen der auswärtigen Politik allge- 
meines Befremden hervorgerufen hat — erwägt man dies alles, so er- 
kennt man, daß die innere Lage Frankreichs eine sehr beunruhigende ist 
Nun muß beachtet werden, daß diese Unzufriedenheit der verschiedenen 
Erlassen sich vornehmlich gegen die an der Spitze der Regierung 
stehende Person wendet, der alle Festigkeit der Haltung fehlt Gegen 
die Person, und nicht gegen die Grundlagen der Verfassung, was wohl 
zu beachten sei. Denn nach den verschiedenen Verfassungsexperimenten 
— Saint-Simon zählt deren zehn — die seit der Revolution gemacht 
worden sind, hat sich die politisch ermüdete Nation mit dem jetzt vor- 
handenen Repräsentativsystem abgefimden, und die kommende Re- 
volution wird nicht die Grundlagen der Verfassung angreifen, sondern 
diejenigen, welche in ihrem Namen handeln. Alles was das französische 
Parlament bisher unternommen hat, hat bei der Mehrzahl des Volkes 
seine Mißbilligung gefunden. Ungeschicklichkeiten der inneren und 
äußeren Politik, die unterlassene Sicherung der Preßfreiheit, der per- 
sönlichen Freiheit und der Ministerverantwortlichkeit haben das Volk er- 
regt Kein Wunder, wagen es doch die diu"ch den napoleonischen Despo- 
tismus noch eingeschüchterten Abgeordneten keineswegs, mit freier 
Mannhaftigkeit ihre Aufgabe zu erfüllen. Dazu kommt noch ein König, 
dem jedes Rückgrat mangelt, und aus dessen Entscheidungen der ganze 
Wirrwarr der sozialen Gegensätze, nicht scharfe Bestimmtheit des WoUens 
spricht So ist die heutige Verfassung „une forme de gouvemement 
bätarde, oü la representation n'est qu'un vain appareil qui ne peut rien 
contre les abus du pouvoir". 

Eine Revolution ist bei der Fortdauer dieser Mißstände unver- 
meidlich. Was wird sie bringen? Sie wird sich vor allem mit ganzer 
Wucht gegen den König wenden, und zwar aus folgendem Grunda 
In Frankreich ist nicht wie in England die administrative Gewalt vom 
Königtum getrennt, da man hier die Ministerverantwortlichkeit nicht 
kennt Auf diese Weise sieht der größte Teil der Nation, in seinen 
Anschauungen noch beeinflußt durch den einstigen Absolutismus, in 
dem König die politische Zentrale, von der alle Maßnahmen ausgehen, 
und die deshalb auch allein alle Verantwortung trage. So wird sich der 
Unwille der Nation im Falle einer revolutionären politischen Erschüt- 
terung blindlings gegen das regierende Haus richten. 

Kann es wohl einen Schutz vor dieser revolutionären Gefahr geben ? 
Einzig der parlamentarische Zusammenschluß mit England vermag den 
niedergedrückten Gemütern Frankreichs wieder Hoffnung einzuflößen, 
und Frankreich wird von diesem Zeitpunkt an sowohl in politischer 
wie in ökonomischer Hinsicht die erste Rolle in Europa spielen. . 

Eine der wichtigsten Aufgaben des englisch-französischen Parla- 
mentes wird es sein, Deutschland in die neue politische Organisation 



— I07 — 

einzubeziehen, jenes Deutschland, auf das Saint-Simon geradezu einen 
Lobgesang anstimmt Die reinste Moral, seltene Aufrichtigkeit und 
Rechtschaffenheit zeichnen dieses Volk aus, und selbst während der 
schrecklichsten Kriege, in Zeiten der unerträglichsten Unterdrückung, 
habe es diese seine Eigenschaften bewahrt Noch habe hier der Handels- 
geist nicht, wie in England, seinen sittenverderbenden Einfluß aus* 
geübt: man sei edler Empfindungen fähig und wisse nichts von jener 
Überschätzung des Reichtums, wonach der Greldbesitz die einzige 
Grundlage der Wertung abgibt Und was besonders bemerkt zu 
werden verdient: auch in den oberen Schichten herrsche Sittenreinheit, 
und in patriarchalischer Weise suchen sie die öffentlichen Verhältnisse 
zu ordnen. Freilich soll es auch in Deutschland gären und im Stillen 
sich eine Revolution vorbereiten. Diese Mitteilung überrascht uns 
zwar, nachdem Saint-Simon die idyllischen Zustände Deutschlands 
begeistert geschildert hat: aber „le caractere national, quel qu'il soit, 
ne peut rien contre la force des choses, et c'est la force des choses 
qu'il s*agit ici". Deutschland wird dieselbe Entwicklungsstufen durch- 
laufen, wie sie England und Frankreich durchgemacht hat: ,4es memes 
maux la menacent, les mSmes secoiu-s peuvent la sauver". Wenn aber 
Deutschland einmal seine politische Zersplitterung beseitigt hat und 
sich des Segens einer freien Verfassung erfreut, dann wird es, dank 
seiner zahlreichen und tüchtigen Bevölkerung, dank auch seiner zen- 
tralen Lage, die führende Macht Europas werden. 

Hoffnungsfreudig schließt Saint-Simon seine Abhandlung: ,J)ie 
Dichter", so ruft er aus, ,Jiaben das goldene Zeitalter in die Urzeit ver- 
legt . . . aber dieses goldene Zeitalter des Menschengeschlechts ist nicht 
hinter uns, sondern es befindet sich vor uns, und zwar wird es die 
Vervollkommnimg der sozialen Ordnung heraufführen. Unseren Vätern 
war der Ausblick auf diese erst kommende Epoche verschlossen, mit 
unseren Kindern wird sie heraufziehen, an uns aber liegt es, den Weg 
zu bahnen." 

Dieses ist der Inhalt der merkwürdigen Schrift, deren Gedanken- 
gänge aber Saint-Simon bald wieder beiseite schiebt Schon dieser 
Grund enthebt uns der Mühe ihrer ausführlichen Würdigung. Auf 
einige Punkte allein möge hier kurz eingegangen werden. Biographisch 
betrachtet, nimmt diese Arbeit eine Sonderstellung ein : die Diu-chf ührung 
der geistigen Reorganisation als Fundamentalaufgabe jeder wirksamen 
sozialen Reform tritt ganz in den Hintergrund, während Saint-Simon, 
indem er den politischen Strömungen seiner Zeit weitgehende Kon- 
zessionen macht, im Parlamentarismus das gesellschafüiche Rettimgsmittel 
gefunden zu haben glaubt Freilich durchblickt er den wahren Cha- 
rakter dieser modernen Institution keineswegs, die doch, alles andere als 
die Kündigerin des sozialen Friedens, vielmehr den Schauplatz heftigster 



— io8 — 

Interessenkämpfe abgibt, die Saint-Simon gerade beseitigen möchte. So 
war es möglich, daß er mit wunderlicher Naivität ausführlich den 
Plan einer politischen Verfassung Europas entwerfen konnte, der zwar 
in seiner Art nicht der Großartigkeit, aber der Voraussetzung seiner 
Verwirklichung entbehrt. Trotz dieses Rückfalls in die utopistische 
Art der Lösung sozialer Probleme, die er durch seine früher betrachteten 
geschichtsphilosophischen Grundsätze theoretisch überwimden hatte, ver- 
dienen einzelne Teile der Schrift volle Aufmerksamkeit Mit welch' 
hellseherischer Weisheit ist Saint-Simon doch ausgestattet: erst hat 
er den Sturz Napoleons prophezeit, und nun kündigt er die später 
tatsächlich erfolgte Vertreibung der bourbonischen D3aiastie an. Und 
wie hat sich sein Blick, nachdem er bisher vornehmlich den großen Zu- 
sammenhängen des kulturellen Lebens nachgespürt, auch für historische 
Einzelheiten geschärft! Man denke an seine treffliche Entwirrung der 
sozialen Gegensätze Frankreichs, an seinen feinsinnigen Vergleich der 
englischen mit der französischen Revolution, an seine Erkenntnis der 
Gleichförmigkeit der poetischen Entwicklung in den einzelnen euro- 
päischen Staaten, der zufolge er vorahnend der künftigen Größe des 
geeinig^en Deutschland gewiß wird. 

So blieb denn auch der äußere Erfolg dieser Studie — deren 
Ghrundgedanke wohl einzig von Saint-Simon stammt, während die dies- 
mal wohlgestaltete Darstellung die Mitarbeit des jungen Thierry er- 
kennen läßt — nicht aus. Im Verlauf eines Monats wurde eine neue 
Auflage hergestellt, und der „Censeur", eine hervorragende liberale 
Zeitung, gestattete ihm die Mitarbeit Er legte in diesem Organ dar, 
daß das Vorhandensein zweier großer oppositioneller Parteien, der da- 
durch gegenseitig ausgeübten Kontrolle wegen, unerläßlich sei. Be- 
sonders verlangt er, daß mit allen Kräften die Charte aufrecht er- 
halten werde. Die Eigentümer der Nationalgüter vor allem, die 
durch den Preissturz ihrer Besitztümer, wie er durch die unheilvollen 
Angriffe der Ultraroyalisten hervorgerufen worden ist, beträchtliche 
Verluste erlitten, sollte schon ihr persönliches Interesse dazu bestimmen, 
jede Gefährdung der Verfassung mannhaft abzuwehren. Es sei Auf- 
gabe der Besitzenden, sich zur Oppositionspartei zusammenzuschließen 
und ihren Vorkämpfern wirksame Hilfe zuteil werden zu lassen. 

1815 kündigte er, nachdem er sich schon vorher näher über die not- 
wendige Sicherstellung der Nationalgüter ausgdassen hatte, ein umfang- 
reiches Werk an : „Le defenseur des proprietaires de domaines nationaux 
ou recherches sur les causes du discredit dans lequel sont tombees les 
proprietes nationales, et sur les moyens d'elever ces proprietes ä la mSme 
valeur que les proprietes patrimoniales, par le Comte de Saint-Simon 
et d'autres gens de lettres." Aber die Ereignisse haben Saint-Simon 
nicht die Muse gelassen, sich der Ausarbeitung dieses Werkes zu 



— log — 

widmen. Setzte doch die unerwartete Ankunft des verbannten Napoleon 
alles in Schrecken, und auch Saint-Simon, der sich unterdessen mit 
den Bourbonen zurechtgefunden hatte und der durch ihre Wiederkehr 
geschaffenen Gestaltung der politischen Verhältnisse dem Despotismus 
des großen Emporkömmlings gegenüber den Vorzug gab, wiu-de aus 
seiner Ruhe aufgerüttelt In einem heftigen Pamphlet wetterte er 
gegen den Eindringling. „Ein Mensch", so führt er aus, „der zehn Jahre 
lang durch das Übermaß eines militärischen Despotismus Frankreich 
in Verwirrung gesetzt hat, zeigt sich an unseren Grenzen. Glaubt er 
denn, daß wir vergessen werden, was er uns war, was wir sind und 
was wir sein wollen?" Die Engländer, die sich 1745 einmütig gegen 
den Stuart erhoben, würden noch heftiger gegen einen Cromwell vor- 
gegangen sein, der es gewagt hätte, wieder seine einstige Gewalt zu 
usurpieren. Und ein Cromwell sei es, der heute Frankreich bedroht 
und den endlich erreichten Frieden stört So hofft denn Saint-Simon, 
daß die Nation sich einmütig gegen Napoleon erheben werde. Nach 
dem Einzüge des Korsen in Paris greift er wieder zur Feder, um 
ein Bündnis mit England zu empfehlen („Opinion sur les mesiu-es k 
prendre contre la coalation de 181 5 par Henri Saint-Simon et Augustin 
Thierry"). 

Saint-Simon war sich bewußt, daß keiner seiner Zeitgenossen die 
innerste Eigenart der vor seinen Augen sich abspielenden Vorgänge 
so klar erkannt habe wie er, und eingedenk dieser seiner Überlegen- 
heit sucht er Fühlung mit den Machihabem zu bekommen, in der Hoff- 
nung, sie für seine Pläne gewinnen zu können. Was liegt im Hinblick 
auf die Größe seiner Ideen daran, daß er sich wechselnder Mittel zu 
ihrer Verwirklichung bedient! Wir wissen, daß der ehemalige Repu- 
blikaner seine erste Schrift, die „Briefe eines Genfers", dem Konsul 
Napoleon als dem einzigen Menschen übersandte, der die Fähigkeit 
besitze, seine Gedanken gebührend zu würdigen. Und Worte einer 
fast an Schwärmerei grenzenden Huldigung hat er dann in seinem 
zweiten Werk dem Kaiser und dessen Maßnahmen gewidmet! „Meine 
Ansicht", schrieb er dort, „ist nichts anderes als das Ergebnis meiner 
Untersuchungen über die vom Kaiser angeordneten Verfügungen." 
Saint-Simon hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, den unteren 
Klassen den christlichen Glauben als die ihrem Bildungsgrad ent- 
sprechende Religion noch weiterhin zu überlassen und will nun die 
das religiöse Gebiet betreffenden Maßnahmen Napoleons als identisch 
mit seinen Anschauungen hinstellen. „J'admire les dispositions du 
gouvernement relativement a la religion. Je suis penetr6 du plus grand 
respect pour la profonde sagesse dont il a donne cette eclatante preuve. 
J'eprouve pour TEmpereur cette tendre affection et cette vive recon- 
naissance dont Täme du bon ecolier est volupteusement agitee poiu" le 



HO 



professeur transcendant dont il a compris la le^on." In der „Denk- 
schrift über die Wissenschaft vom Menschen", wo er den Vorschlag zur 
Veranstaltung des uns bekannten Wettbewerbs macht, hat sich der Ton 
schon geändert, und, den unglücklichen Ausgang des Kaisers vorahnend, 
gibt er diesem freimütig die ernstesten Ermahnungen. Und als sich dann 
der Sturz des Kaisers vollzogen hat imd Saint-Simon zum Lobredner der 
parlamentarischen Regierungsweise geworden ist, da ist es der Klaiser 
Alexander, den der unermüdliche Reformator für seine Arbeiten inter- 
essieren möchte, indem er ihm sein letztes Werk ,X>e la Reorganisation 
de la societe eiu-opeenne" unter Beifügung eines leider nicht mehr vor- 
handenen Begleitschreibens zusandte. Auch dem Bourbonen Lud- 
wig XVin. unterbreitete er seine im „Censeur" veröffentlichten Ab- 
handlungen, und zwar mit dem Hinweis auf seine edle Abkunft, auf 
die er immer noch stolz ist 

Alle diese Versuche, bei den Mächtigen der Erde Rückhalt zu 
gewinnen, waren vergebens und konnten es bei der Bodenlosigkeit 
der von dem Denker vorgeschlagenen Reformen auch nicht anders 
sein. Das muß zwar schmerzlich für ihn gewesen sein, aber es ent- 
mutigt ihn nicht Lebte er doch jetzt nach den Zeiten schwerer Not 
in glücklichen Verhältnissen: ein glänzend begabter Schüler blickt zu 
ihm als seinem Lehrer hinauf und unterstützt ihn mit kindlicher An- 
hänglichkeit bei seinen Arbeiten, in der Öffentlichkeit haben selbst 
seine Reformideen eine rege Aufmerksamkeit erweckt, und nun wird der 
verarmte Graf, der nun fast alle denkbaren sozialen Stufen diu-chlaufen 
hat, während der „hundert Tage" von dem Minister des Innern, Carnot, 
gar zum Bibliothekar ernannt Einige Jahre hindiu-ch war ihm dieses 
Glück eines wenigstens von Nahrungssorgen freien Lebens beschieden. 
War doch Augustin Thierry bis 1817 der Sekretär Saint-Simons, um 
dann freilich den Freundschaftsbund mit dem Philosophen, den er in 
wissenschaftlicher Hinsicht viel zu verdanken hat, zu lösen. Was hat ihn 
dazu bewogen? Es waren wohl dieselben Gründe, die später den Bruch 
mit Saint-Simons zweitem Sekretär, dem jungen August Comte, der 
ursprünglich mit der ganzen Überschwenglichkeit eines jugendlichen 
Enthusiasmus dem Sozialreformator gehuldigt, herbeigeführt haben. So 
zartfühlend Saint-Simon war, so schroff konnte er auch sein. Als 
Prophet eines neuen Zeitalters, als den er sich dünkte, beseelte ihn eine 
an Starrsinn grenzende Überzeugungstreue, der zufolge er fremde Kritik 
niu- schwer ertragen konnte. Intuitiv, nicht auf der breiten Grundlage 
einer sorgfältigen Forschungsweise, wie sich seine sozialen Organisations- 
ideen bei ihm herausgebildet haben, sind sie ihm zu starren Glaubens- 
sätzen geworden, deren Annahme er selbstherrisch verlangt Diese 
Unvereinbarkeit der autoritativen Geltung, die Saint-Simon für seine 
Lehren beanspruchte, mit der stets wachsenden wissenschaftlichen Reife 



— III — 



und Selbständigkeit des Schülers, war es, die den Bruch mit Thierry 
ho-beiführte. ,Je ne conpois pas d'association sans le gouvemement 
de quelqu'un", soll er zu Thierry gesagt haben, „et moi**, erwiderte 
dieser, „je ne con^ois pas d'association sans liberte." Kurz vor seinem 
Tode empfing Saint -Simon von seinem einstigen Schüler, der nicht 
vergaß, was er dem Meister schuldete, sein Werk über die Er- 
oberung Englands durch die Normannen, das er, obwohl krank, noch 
lesen konnte. Auch dem Leichenbegängnisse Saint -Simons wohnte 
Thierry bei*). 



6. Letzte Lebensschicksale und Arbeiten. 1 8 1 4 — 1825. 

Es ist die fruchtbarste Epoche im Leben Saint-Simons, der wir uns 
jetzt zuwenden, und es ist geradezu erstaunlich, wenn man bedenkt, 
was der nun schon in die Jahre beginnenden Alters eingetretene Denker, 
heimgesucht wie er wieder häufig wurde durch die gemeine Not des 
Lebens und selbst einmal durch die Hoffnungslosigkeit seiner Lage bis 
zur Verzweiflung getrieben, mit sieghafter Kraft noch geleistet hat 
Fallen doch alle seine Schriften, die ihm den so heiß ersehnten Ruhm, 
wenn auch freilich erst nach seinem Tode, eingetragen haben, in die 
kurze Zeitspanne der Jahre 1817 — 1825, die trotz alles äußeren Elends 
wohl die schönsten seines Lebens waren : in fruchtbringendem Schaffen 
ist er höchsten inneren Genusses teilhaftig, und in der Hingebung eifriger 
Schüler findet er, zeitweise wenigstens, Ersatz für die äußeren Güter, 
die ihm das Schicksal so grausam versagt hat. Und als er, nachdem 
er in einem Zustande wieder der Verlassenheit den bisher nie erschüt- 
terten Glauben an seine Bestimmung verloren hatte, beschloß, freiwillig 
aus dem Leben zu scheiden, da ist es die Sorge Olinde Rodrig^es', 
eines Bankiers, um den geretteten greisen Philosophen, die dessen Lebens- 
abend verschönt und ihn mit der Welt versöhnt, die er nur einen 
Augenblick gehaßt. So konnte er denn sterben, wie ein großer Held 
stirbt, sein verklärtes Auge in die ihm und den Seinen gehörende 
Zukunft gerichtet, bis ihm die letzten Kräfte schwanden. Von er- 
schütternder Gewalt ist die Erhabenheit, die in dem Sterben Saint- 
Simons liegt 

Trotzdem der Denker nach dem zweiten Sturze Napoleons seine 
Stellung als Bibliothekar wieder verlor, scheint er eine Zeitlang 
in erträglichen Verhältnissen gelebt zu haben. Wenigstens konnte er 
dem Nachfolger Augustin Thierrys, seinem Sekretär August Comte, 
anfänglich dreihundert Franken monatlich für seine Dienstleistungen 
bezahlen. Augustin Thierry, der sich 1817 von Saint-Simon trennte, 

i) Über ThieiTy s. weiteres im folgenden. 



— 112 — 

hatte noch an einem Werke mitgearbeitet, das, 1816 angekündigt, im 
folgenden Jahre dank fremder Unterstützung erscheinen konnte. Es 
ist betitelt: „L' Industrie, ou discussions politiques, morales et philo- 
sopjiiques. Dans Tinteret de tous les hommes livres ä des travaux 
utües et independants." Wie der Titel anzeigt, sind es nun Tatsachen 
des ökonomischen Lebens, welche die Aufmerksamkeit Saint-Simons 
erregt haben. Schon 18 16 hatte er eine kleine Broschüre veröffent- 
licht, die diesen Wechsel seiner Gedankenrichtung — denn um einen 
solchen handelt es sich — angekündigt hatte: „Quelques idees soumises 
par M. de Saint-Simon ä TAssemblee generale de la Societe d'instruction 
primaire." 18 15 wurde nämlich von Männern wie de Laborde, de Gerando, 
de Laste)rrie u. a. zum Zwecke einer Reform des Elementarunterrichts 
die „Societe pour Tinstruction elementaire" gegründet, die sich für kurze 
Zeit der Gunst des Ministers Camot erfreute. Saint-Simon, der eben- 
falls dieser Gesellschaft angehörte, entwickelte ein Reformprogramm: 
es sei verkehrt, so führte er aus, wenn man nur an die Unterweisung 
der armen Kinder denke, es müßten ebenso bürgerlichen Kreisen an- 
gehörige Kinder, nicht allein der dadurch eingehenden Geldmittel 
wegen, sondern ebenso im Hinblick auf den Vorteil, den eine sach- 
gemäße Unterweisung auch ihnen biete, in den Unterricht einbezogen 
werden. Weiterhin verlangt er die Errichtung von Berufsschulen, deren 
Frankreich dringend bedürfe, denn es müsse seine großen Schulden ab- 
tragen, und dazu seien tüchtige Arbeiter notwendig: „Son objet, c'est 
donc rindustrie." 

Die Industrie ist es. die Saint-Simon von nun an zum Gegenstand 
seiner Untersuchungen macht Er hat die hervorragende Bedeutung des 
ökonomischen Faktors im Völkerleben erkannt und sucht nun eine auf 
der sozialen Ökonomie aufgebaute Gesellschsiftsordnung zu entwerfen. 
Eingeleitet wurden diese Bestrebungen mit dem schon erwähnten mehr- 
bändigen Werk: „LTndustrie." Im ersten Bande behandelte Saint- Aubin, 
ein ehemaliges Mitglied des Tribunats, im Auftrage Saint-Simons finanz- 
politische Fragen: er legt die allgemeine Lage der Finanzen dar, tritt 
für eine Anlehenspolitik ein und unterzieht das Budget von 18 17 einer 
Kritik. Augustin Thierry verherrlicht die völkerverbindende Kraft der 
Industrie, die den Krieg hasse und den Schauplatz künftigen Wett- 
bewerbs der Nationen bilden wird. Der zweite Band enthält Abhand- 
lungen von Saint-Simon, Laffitte, Cassimir Perier, Chaptal u. a., während 
der dritte Band von August Comte abgefaßt ist. Der vierte Teil end- 
lich gehört ausschließlich Saint-Simon an. 

18 19 erschien eine weitere Sammelschrift, „Le Politique'*, die 
zwei von Saint-Simon herrührende Aufsätze enthält: „Le parti national 
ou industriel compare en parti antinational" und „Sur la quereile des 
abeilles et des frelons". 



— 113 — 

Die Veröffentlichung dieser Werke wurde Saint-Simon ermöglicht 
durch ziemlich reichlich fließende finanzielle Beihilfen : Männer wie der 
Herzog von La Rochefoucault, Vital Roux, La Fayette, der Herzog von 
Broglie, Cassimir Perier, Hottinguer und viele andere hatten oft beträcht- 
liche Summen gezeichnet Als aber der dritte Band der Industrie erschien, 
der die Notwendigkeit einer neuen Moral lehrte, da zogen sich die 
meisten der Geldgeber erschreckt zurück. Ja, sie scheuten sich nicht 
einmal, dem Polizeiminister in einem Schreiben, das auch der Öffent- 
lichkeit unterbreitet wurde, ehrfurchtsvoll zu erklären, mit den Ideen 
des M. de Saint-Simon nichts gemein zu haben, und einzig Laffitte und 
Temaux besaßen so viel Rückgrat, diese einfältige Posse nicht mit- 
zuspielen. 

1 8 1 9 folgte ein wahrhaft hervorragendes Werk, „L'Organisateu r", 
bei dessen Entwurf auch Comte mitgewirkt hatte. Es enthält jene be- 
rühmte Parabel, in der Saint-Simon behauptete, daß für Frankreich der 
Verlust von dreitausend Künstlern, Gelehrten, Industriellen, Handwerkern 
imd Arbeitern ein unendlich großer sein würde, während es viel leichter 
zu ertragen wäre, wenn plötzlich der Adel, die Geistlichkeit, die hohen 
Beamten, die reichen Grundbesitzer, kurz die untätigen Aristokraten von 
der Bildfläche verschwinden würden. Diese bissige Bemerkung trug 
ihm einen Aufsehen erregenden Prozeß ein, der ihm Gelegenheit gab, 
in seinen Briefen an die Geschworenen erneut seine Ideen zu entwickeln, 
und nicht wenig dazu beitrug, den Namen des noch wenig beachteten 
Schriftstellers bekannt zu machen. 

Er hatte von nun an Beziehungen zu hervorragenden Politikern, 
Liberalen und Demokraten, zu Künstlern und Gelehrten wie B. Con- 
stant, J. B. Say, bei dem er Stuart Mill kennen lernte, zu Bazard, 
Beranger^). Rouget de Tlsle. Trotzdem gestaltete sich seine Lage 
wieder immer schlechter. Zwar hatte er 1821 und 1822 ein neues 
Buch „Du Systeme Industriel" veröffentlicht, in dem er zu der Er- 
kenntnis des großen Widerspruchs innerhalb der kapitalistischen Gre- 
sellschaftsordnung gelangt, zu der Erkenntnis des Antagonismus näm- 
lich zwischen dem ungehemmten Freiheitsstreben des Unternehmers 



i) Hier das Gedicht B^rangers über Saint-Simon: 

,J*ai vu Saint-Simon le proph^te, 
Riche d'abord, puis endettd, 
Qui des fondements jusqu'au faite 
Refaisait la sodöt^. 
Plein de son oeuvre c»mmeno6e, 
Vieux, pour eile il tendait la main, 
Sür qu'il embrassait la pensöe 
Qui doit sauver le genre humain/* 
Muckle, Henri de Saint-Simon. 



— 114 — 

einerseits und der sozialen Wohlfahrt der handarbeitenden EHasse 
andererseits, und nun eine Organisation der Industrie fordert, in der 
auch die Arbeiter, überhaupt das ganze Volk sich ausgedehnter, zwar 
noch patriarchalisch aufgefaßter sozialer Fürsorge zu erfreuen hätten. 
Aber wer vermochte diese in die Zukunft weisenden Ideen zu begreifen 
in einem Zeitalter, in dem der nach Saint-Simon in fortschrittlichem 
Sinne zu reformierende ökonomische Subjektivismus erst im Anfangs- 
stadium seiner Entwicklung sich befand und den Angriffen der Re- 
aktionäre gegenüber eine noch keineswegs gefestigte Stellung einzu- 
nehmen schien? Genug, man verstand den absonderlichen Schwärmer 
nicht und ließ ihn ruhig hungern. Zu seinem Unglück lebte er mit 
einer edlen Frau, Julie Juliand, zusammen, die mit rührender Anhäng- 
lichkeit ihm zur Seite stand, aber seinem Rufe nicht wenig schadete. 
Was nun tun ? Seine Freunde hatten ihn verlassen, seine Arbeiten trugen 
ihm nichts ein, kein Hoffnungsstrahl leuchtete ihm mehr entgegen I Da 
erinnert er sich, daß er einst, als er noch reich war, dem jungen Du- 
pu)rtren, der unterdessen ein begüterter Arzt geworden war, seine Hilfe 
angeboten hatte. Er wird sich sicher dieses Edelmuts erinnern und 
den Bittsteller gewiß nicht abweisen I Aber Saint-Simon täuschte sich: 
man dankte ihm schlecht und wies ihn mit hundert Sous barsch ab. 
In dieser trostlosen Lage verzweifelte er zuletzt: schon dem Greisen- 
alter nahe, vermochte er es nach den vielen Täuschungen seines Lebens 
nicht mehr, für sich eine bessere Zukunft zu erwarten, und irre ge- 
worden an seiner Mission und dem Sieg der Sache, der er seine Kräfte 
geopfert, entschloß er sich, mit eigener Hand sich den Tod zu geben. 
In einem letzten Schreiben an seinen Freund Temaux bat er diesen in- 
ständig, sich der Julie Juliand anzunehmen, der er das höchste Lob zollte. 
Und nun geschah das Schreckliche: blutüberströmt, aber noch lebend, 
fand man Saint-Simon in einem Zimmer des neben ihm wohnenden 
Arztes, in das er sich geflüchtet hatte, vor. Die Verletzung, die er 
sich mit einer Pistole beigebracht, war zwar nicht lebensgefährlich, 
aber sie hatte den Verlust eines Auges zur Folge. Nach einiger Zeit 
hatte sich der Lebensmüde wieder erholt 

Ein kurzer und schöner Lebensabend war ihm noch beschieden* 
Man imterstützte ihn wieder, und in Olinde Rodrig^es, einem jüdischen 
Bankier, bei dem die auf eine Emanzipation der unterdrückten Klassen 
hinauslaufenden Reformideen Saint-Simons lauten Widerhall gefunden 
hatten, fand sich der Mensch, der aller Not eine Ende machte. Nahrungs- 
sorgen gab es fürderhin für Saint-Simon nicht mehr, und in behaglicher 
Muße konnte er ganz seinen Arbeiten leben. Er war umgeben von 
einem Kreis hingebender Schüler, zu denen außer Rodrigues der Doktor 
Bsdlly, der Jurist Duverger und der Dichter Leon Halevy zählten, welch^ 
letzterer dem Philosophen eine begeisterte Ode gewidmet hat 



— 115 — 

Je vois encor d'ici cette simple retraite 
Oü j'epanchais vers lui mes reves de poete ! 

J'assiste en Souvenir 
A ces longs entretiens, oü sa haute pensee 
A ma muse, aujourd'hui solitaire et glacee, 

Ouvrait un avenir! 
Je vois son chien fidele et sa table frugale, 
Ce bSton, triste appui de sa marche inegale, 

Et ce regard de feu, 
Le seul qui rayonnät sur sa face vieillie, 
Car un jour il voulut, rejetant cette vie, 

Aller se plaindre ä Dieu! 

In fruchtbarem Schaffen nützte er die Gunst seiner Lage aus: er 
schrieb noch den 1824 erschienenen „Catechisme des industriels**, 
in den unter dem Titel „Systeme de politique positive" die bekannte 
Jugendarbeit Comtes eingereiht war, der sich aber bald mit ihm ent- 
zweite. In das Todesjahr 1825 fallen die „Opinions litteraires, 
philosophiques et industrielles" und der „Nouveau Christia- 
nisme". Mit dem Gedanken einer religiösen Regeneration der Mensch- 
heit, wie er ihm, zwar noch völlig unklar, schon in seiner ersten Schrift 
vorschwebte, beschloß Saint-Simon sein Lebenswerk, und im uner- 
schütterlichen Glauben an die Macht seiner Idee einer sozialen Religion, 
welche die Menschen in brüderlicher Liebe vereinigen und schon auf 
dieser Welt die nach Glückseligkeit sich sehnende Menschheit erlösen 
wird, hauchte er seinen Geist aus. Denn nur wenige Wochen waren ihm 
noch nach der Beendigung seines letzten Werkes zu leben vergönnt Ein 
Siechtum warf ihn aufs Krankenlager, und weder Gall noch Broussais 
und Burdin, die die besorgten Freunde herbeigerufen hatten, konnten 
helfen. Ergreifend sind die Stunden, welche die treu gebliebenen 
Schüler am Totenbette des sich seiner Lage wohl bewußten Meisters 
verbrachten. Dem sterbenden Sokrates gleich unterhielt er sich mit ihnen 
über seine Lehre, und, schon mit dem Tode ringend, richtete er die denk- 
würdigen Worte an die trauernden Freunde: „Seit vierzehn Tagen", sagte 
er, „beschäftige ich mich damit, wie wir am besten unser Unternehmen 
(die Grründung der Zeitschrift „Le Producteur") zu Ende führen; seit 
drei Stunden suche ich trotz meiner Leiden Euch das Resultat meiner 
Denkarbeit mitzuteilen. Ihr geht einer Epoche entgegen, in der g^t 
kombinierte Anstrengungen zu einem unermeßlichen Resultat führen 
werden. Die Frucht ist reif, Ihr werdet sie pflücken. Der letzte Teil 
meiner Arbeiten, das „Neue Christentum", wird nicht sofort verstanden 

werden Rodrig^es, vergiß es nicht, um Grroßes zu vollenden, muß 

man begeistert sein. Mein ganzes Leben faßt sich in einen G^anken 
zusammen: allen Menschen die freieste Entwicklung ihrer Anlagen zu 
ermöglichen." Es entstand hierauf ein Stillschweigen. Nach einigen 



— ii6 — 

Minuten fügte er hinzu : ,^chtundvierzig Stunden nach unserer zweiten 
Publikation wird sich die Partei der Arbeiter bilden: die Zukunft 
gehört unser." Nach diesen Worten hob er die Hand an den Kopf 
und gab seinen Geist auf. 



7. Das Industriesystem, 
a) Der gesellschaftliche Untergrund 

Das nachrevolutionäre Frankreich hat wohl keinen Denker aufzu- 
weisen, der in einer solch universellen Art wie Saint-Simon mit seiner 
Gabe feiner Witterung des erst Werdenden die fundamentalen Kultur- 
fragen seiner Zeit erkannt hat und mit der großen Weite des Blicks 
staunenswerten Tiefsinn verbindet. Mitgerissen von den politischen und 
sozialen Strömungen seiner Zeit, spiegeln sich diese in dem Kopfe unseres 
Philosophen in subjektiver Eigenart wieder und verleihen dadurch seiner 
Persönlichkeit eine auch kulturhistorisch nicht unwichtige Stellung. Zuerst 
hat er, wie wir uns entsinnen, in seinen Grundanschauungen beeinflußt 
durch die geschichtsphilosophischen Leistungen eines Turgot und Con- 
dorcet, den Charakter der Zeitverhältnisse intellektualistisch zu deuten 
versucht und von seinem Standpunkt aus folgerichtig dargetan, daß die 
soziale Anarchie erst dann endgültig verschwinden wird, wenn geistige 
Mächte sozial bindenden Qiarakters wieder geschaffen worden sind. 
So hat sich bei ihm ein Gedanke von fundamentaler Bedeutung, nämlich 
die Erkenntnis der Notwendigkeit einer neuen Organisation der Gesell- 
schaftsordnung, herausgebildet, eine Idee, welche, auch wenn er sie in 
verschiedener Weise verwirklichen wollte, als nie wechselnder Richt- 
punkt all seiner Lebensarbeit vorschwebte. 

Wie Saint-Simons Plan einer Reorganisation der Gesellschaft auf 
den fortschrittlichen intellektuellen Mächten sich wohl herausgebildet 
hat in Anlehnung an die Bestrebungen der Reaktionäre, durch eine 
Wiederbelebung des Katholizismus die soziale Harmonie zu erreichen, 
so sind auch seine weiteren Reformpläne im Grrunde des sozialen 
Lebens, dessen tiefste Bedürfnisse sie ausdrücken wollen, verankert 
Nicht nur die Meinung Saint-Simons, durch eine Einführung der parla- 
mentarischen Regierungsweise in Europa die gesellschaftliche Krisis zu 
beendigen, ist der Stimmung seiner Zeit entsprossen, auch die Wertung, 
die er in seinen letzten Schriften der Industrie zuteil werden läßt, ver- 
dankt ihre Entstehung, fem davon, etwa ein bloßer Einfall zu sein, 
durchaus neu erwachten sozialen Strömungen. 

Wenn wir die ökonomische Entwicklung Frankreichs in ihren letzten 
Stadien verfolgen, so zeigt sich, daß vor der Revolution die Industrie, 



— 117 — 

dank vor allem der merkantilistischen Gewerbepolitik, rasche Fortschritte 
gemacht hatte. ZaMreiche Manufakturen, die einzelne Teile der hand- 
werksmäßigen Produktion an sich rissen, waren erblüht, und auch der 
Handel, namentlich der auswärtige, erfreute sich eines lebhaften Auf- 
schwungs. Die Revolution gab dann Frankreich jene Rechtsordnung, 
welche die unerläßliche Vorbedingung ungehemmter Entfaltung der Pro- 
duktion schuf, die Gewerbefreiheit : das neue Gesellschaftssystem, wie es 
im Schöße des alten allmählich erwachsen, erhielt damit seine gesetzliche 
Sanktion. Befreit von jeder ökonomischen Gebundenheit, sowohl von 
dem Zwang der Zunft als auch von der im Laufe der Zeit lästig ge- 
wordenen Bevormundung von Seiten der Regierung, waren die Wirt- 
schaftssubjekte fürderhin vollständig auf sich selbst gestellt, und, ange- 
stachelt durch die nun möglich gewordene allseitige Konkurrenz, waren 
sie, wollten sie bestehen, zur größten Ausnützung der Produktions- 
mittel gezwungen. Aber trotz dieser günstigen Entwicklungsbedingungen 
trat infolge der revolutionären Wirren ein Fortschritt der Industrie 
nicht sofort ein. Die Anhänger des alten Regimes wanderten aus, die 
Unsicherheit der Verhältnisse lähmte natürlich die Untemehmungfslust 
der Zurückbleibenden und gebot dem stracken Fortschreiten der Wirt- 
schaftsentwicklung gebieterisch Halt Besonders die jakobinische 
Politik hat störend in den Produktionsprozeß eingegriffen. Und doch 
ist es der Konvent gewesen, der trotz aller Feindschsift gegen die auf 
kapitalistischer Grundlage entstandene Aristokratie des Reichtimis die 
freiheitlichen Ideen der Revolution gegenüber dem Ansturm der 
Reaktionäre, wenn auch mit rücksichtsloser Grewalt, aufrecht erhalten 
hat. Mit allem, was an die verhaßte Zeit der alten Ordnung erinnerte, 
wurde aufgeräumt und so unbewußt dem Interesse gerade jener Klasse 
gedient, die von den Jakobinern hartnäckig verfolgt wurde. Mit der 
Fortsetzung des schon in der konstituierenden Versammlung be- 
gonnenen Zerstörungswerkes haben die Radikalen freien Raum für die 
kapitalistische Entfesselung der Produktionskräfte geschaffen, wie sie 
tatsächlich, nachdem wieder Ruhe über Frankreich gekommen war, in 
großem Maßstabe eingetreten ist Dabei ist bemerkenswert, daß die 
ökonomische Entwicklung, kraft vor allem der großen technischen 
Errungenschaften und der Fortschritte der Naturwissenschaft, nun in ein 
neues Stadium eintrat: die Erfindungen von Watt, Arkwright u. a. 
wie die großen Entdeckungen eines Leblanc, Lavoisier und Scheele 
auf dem Gebiete der Chemie, konnten jetzt, während man vor der 
Revolution jeder Neuerung mißtrauisch gegenüberstand, ungehemmt 
ausgenützt werden, und infolge dieses Antriebes der technischen und 
wissenschaftlichen Errungenschaften machte die Industrie, wenn auch 
nicht in ihrer Gesamtheit, so doch auf einzelnen Gebieten, beträchtliche 
Fortschritte. Auch ein anderes Moment noch war von großem Ein- 



— ii8 — 

fluß auf die Durchdringung der ökonomischen Verhältnisse mit dem 
Greiste des Kapitalismus. Nicht nur wurden durch die vielen Kriege 
bedeutende wirtschaftliche Werte nach Frankreich übertragen, um 
dort gewinnbringend angelegt zu werden, auch die Nationalgfüter- 
spekulation hatte große Vermögen in der Hand Einzelner vereiniget, die 
natürlich der kapitalistisch betriebenen Industrie nicht wenig zu gute 
kamen. Weiterhin hatten die Kriege die Handelsbeziehungen erweitert 
und namentlich durch das große Aufgebot von Menschen, die sie 
erforderten, der Entwicklung der Massenproduktion in Waffen, in 
Kleidungsstücken und sonstigen Bedarfsartikeln einen Anstoß ge- 
geben. 

Einen stärkenden Rückhalt fand dieses neuerwachte Wirtschafts- 
leben in Napoleon, dessen Staatsverfetssung zwar die politische Freiheit 
unterdrückte, dafür aber der Betätigung im Bereiche des ökonomischen 
Daseins weitesten Spielraimi ließ. Zur Macht gelangt, wie der Kaiser 
war an der Spitze einer revolutionär gesinnten Armee, hatte er durch 
einen Gewaltstreich die drohende royalistische und feudale Reaktion 
gebrochen und mit despotischem Zwang die Aufrechterhaltung der 
liberalen Wirtschaftsprinzipien durchgesetzt Durch seine Neuorgani- 
sation der Verwaltung, dann durch eine Kodifizierung der neuen Rechts- 
gfrundsätze hat er Frankreich die durch die Revolution erstrebte 
Sicherung der wirtschaftlichen Daseinsbeding^ngen, soweit sie durch 
gesetzliche Maßnahmen gewährleistet werden kann, zurückgegeben und 
dadurch eine der wichtigsten Voraussetzungen eines gedeihlichen wirt- 
schaftlichen Aufschwungs geschaffen. Erst jetzt war die formelle 
Gleichheit und Freiheit, wie sie die Revolution verwirklichen wollte, 
rechtlich verbürgt und so den Bedürfnissen kapitalistischer Expansion 
völlig Genüge geleistet Mit regstem Eifer hat die französische Nation, 
allenthalben gefördert und unterstützt durch den Kaiser, die neu er- 
öffnete Bahn beschritten: schon unter dem Konsulat wurde die Bank 
von Frankreich als ein großes Zentralinstitut, das 1806 der Überwachung 
des Staates unterworfen wurde, gegfründet, es entstanden Fabriken, die 
Verkehrswege wurden verbessert, es wurden große öffentliche Arbeiten 
unternommen, und durch finanzielle Beihilfen und Wettbewerbe wurde 
der nach so vielen JsJiren der Unordnung wieder erwachte Erwerbstrieb 
angefacht Der Erfolg blieb denn auch nicht aus: trotz der ökonomischen 
Krisen der Jahre 1803, 1805 ^^^ 1807, und trotz des Übermaßes von 
Kiiegswirren, die viele Menschenopfer erforderten, hob sich der Wohl- 
stand und nahm die Bevölkerung rasch zu. Man überschätze freilich 
das Erreichte nicht: zu tief waren die Wunden, die die Revolution 
geschlagen hatte, und die Industrie war über die hohe Entwicklungs- 
stufe, die sie vor 1789 eingenommen, wenn man von verhältnismäßig 
wenigen neu geschsiffenen Produktionsarten, wie Baumwollen- und Woll- 



— 119 — 

Spinnereien, wie einzelnen anderen Fabrikationszweigen absieht, kaum 
weit hinausgekommen. 

Dieses große Erbe des Kaiserreichs, eine auf kapitalistischer Basis 
erblühte Industrie, übernahm nun die Restauration, und trotz aller Ver- 
suche, den Lebensnerv dieses rasch entstandenen sozialen Gebildes 
durch Beseitigung des Systems der wirtschaftlichen Freiheit zu durch- 
schneiden, hat es sich ungestört weiter entfalten können. Gewiß waren die 
Hoffnungen der Reaktionäre in dieser Zeit g^oße: im Besitze der poli- 
tischen Macht, wollten sie ihre alten Vorrechte wieder einführen, die Zunft- 
verfassung von neuem beleben, die konfiszierten Güter den Emigranten 
als ihren einstigen Besitzern wieder zurückstellen, alles Maßnahmen, 
die nichts weniger als eine reaktionäre Revolutionierung der tiefsten 
Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens bedeutet hätten. So wurde 
denn eine grundsätzliche Änderung der Rechtsordnung nicht vorge- 
nommen, und vom Standpunkt der sozialen Entwicklung aus betrachtet, 
war die Restauration nichts als eine Fortsetzung des Werkes des 
Konsulats und der Kaiserzeit Der Code civile und der Code commerce 
wurden zwar heftig bekämpft, aber beide Gesetzesbücher blieben in 
ihren Grundzügen in Wirksamkeit. Unter den Segnungen des nun 
Jahre hindurch währenden Friedens und durch die Nutzbarmachung 
großer technischer Errungenschaften war der ökonomische Aufschwung 
ein bedeutender, wenn auch ein anfangs langsam einsetzender. Denn 
die englische Konkurrenz, die großen Kriegsentschädigungen, die zu 
entrichten waren, nicht zuletzt die Hungersnot der Jahre i8 17/18, 
bildeten der fortschreitenden Industrialisierung nicht geringe Hinder- 
nisse. Aber sie wurden überwunden, und offensichtlich zeigten die 
18 19, 1823 und 1827 veranstalteten Ausstellungen die großen Erfolge, 
welche die auf kapitalistischer Stufenleiter betriebenen Wirtschafts- 
zweige in der kurzen Zeit ihres Bestandes schon zu verzeichnen hatten. 

Dieser ökonomische Aufschwung des nachrevolütionären Frankreich, 
den Saint-Simon mit eigenen Augen verfolgen konnte, war es, der ihm 
neue Probleme stellte, deren Bewältigung allerdings, wenn auch nur in 
schüchternen Ansätzen, ebenfalls von anderen Denkern unternommen 
wurde. Wir haben gesehen, daß wirtschaftsgeschichtlich die Restauration 
das Werk der napoleonischen Ära fortsetzt: der ökonomische Subjektivis- 
mus bleibt erhalten und wirkt sich in hervorragenden Leistungen aus. 
Aber war denn der Industrie, die, schon weite Volkskreise umfassend, 
eine unentbehrliche Lebensgrundlage der Nation bildete, eine ihrer 
tatsächlichen Bedeutung entsprechende soziale Wertung und Berück- 
sichtigung auch in politischer Hinsicht in vollem Maße zuteil geworden ? 
Gegenüber dem politischen Einfluß der feudalen Reaktionäre, die weit- 
aus den gfrößten Teil der Kammersitze inne hatten, war der der Ver- 
treter der Industrie nur ein geringer, und diese Tatsache politischer 



— I20 — 

Machtiosigkeit einer im stetigen Aufsteigen begriffenen Klasse ist es, 
die von Saint-Simon zum Zielpunkt einer scharfen Kritik gemacht wird. 
Man unterschätze diese Leistung, die wir noch im einzelnen kennen 
lernen werden, nicht und bedenke, welche Bedeutung ihr zukommt in 
einem Zeitalto" der größten Reaktion, wo eine starke Partei alle An- 
strengungen machte, Zustände längst vergangener Zeiten wieder herauf- 
zuführen, und wo die ökonomischen Neubildungen erst in keimhaften, 
noch keineswegs die Art ihrer ferneren Entwicklungsrichtung scharf 
anzeigenden Anfängen sich dem prüfenden Auge darboten. Es lieg^ in 
der zum Überschwang geneigten Natur Saint-Simons, gewiß aber auch 
in der Sonderheit des historischen Schauplatzes, in den er hineingestellt 
war, begründet, wenn er, wie kein anderer das letzte Ringen zweier 
Zeitepochen erkennend, zum Propheten eines neuen, auf der, wie er 
meint, alles beherrschenden Grundlage der Industrie sich aufbauenden 
Zeitalters wird, und so, ähnlich seinem Geistesverwandten Lassalle, 
enthusiastisch die Durchdringung aller Lebensverhältnisse mit dem neu 
entstandenen Prinzip der Industrie fordert „Tout par Findustrie, tout 
pour eile" ist das bezeichnende Motto, das er seinem ersten Werke 
über die Industrie vorangestellt hat G^wiß war er nicht der einzige, 
der die wachsende Herrschaft des ökonomischen Faktors und der mit 
ihm verbündeten Wissenschaft erkannt hat, auch Männer wie Constant, 
de Laborde hatten gesehen, daß mit dem Aufkommen der kapitalistischen 
Industrie eine neue Ära der Weltgeschichte eingeleitet wird. So unter- 
scheidet sich Saint-Simon in dieser Hinsicht von diesen Denkern haupt- 
sächlich nur durch die eindringliche Energie, mit der er für die Interessen 
der Industrie als den fundamentalen Lebensinteressen der Nation kämpft, 
ein unermüdlicher Wortführer einer Klasse, der, weil auf ihrer Tätig- 
keit der .ganze soziale Bau ruhe, im Verein mit den mit ihr alliierten 
Vertretern der Wissenschaft die Zukunft gehören werde. 

Weit überlegen ist er seinen Zeitgenossen durch den tiefen ge- 
schichtlichen Sinn, der, auch wenn man ihm ein Übermaß konstruktiver 
Deutung vorzuwerfen vermag, überall in seinen Untersuchungen hervor- 
tritt Die ihm durch Condorcet übermittelte Idee, daß soziale Probleme 
nur dann richtig gewürdigt werden können, wenn man ihre soziolo- 
gische Entstehungsgrundlage kennt, hat für ihn auch fürderhin, wo er 
durch die aufsteigende ökonomische Entwicklung auf die Tatsachen des 
Wirtschaftslebens aufmerksam geworden ist, volle Geltung: er schiebt 
zwar die intellektualistische Erklärung der kulturellen Phänomene nicht 
zur Seite, aber seine Geschichtsauffassung erfährt eine fruchtbare Er- 
weiterung insofern, als von nun an auch die wirtschaftlichen Vorgänge 
als mitbestimmende Ursachen bei der Interpretation der geschichtlichen 
Vorgänge herangezogen werden. So ist er weit von jener historischen 
Verständnislosigkeit entfernt, mit der die Nationalökonomie des wirt- 



121 



schaftlichen Subjektivismus an die ökonomischen Erscheinungen heran- 
trat, und indem er nicht wie diese seine Aufgabe darin erblickt, die 
Wesensart des kapitalistischen Systems aufzuhellen, spürt er vielmehr 
dem Problem nach zu sehen, wie dieses geworden ist, und unter welchen 
politischen und sozialen Erscheinungen sich dieser Wandlungsprozeß 
vollzogen hat: der große Gedanke der fundamentsden Wirkungsweise 
der ökonomischen Gebilde im gesellschaftlichen Organismus, im be- 
sonderen ihr bestimmender Einfluß auf die politischen Phänomene, wird 
so gewonnen und neben dem Fortschritt der Wissenschaften den auf 
wirtschaftlicher Grundlage erwachsenen Klassenkämpfen die Bedeutung 
eines zentralen Antriebes im historischen Geschehen, wenigstens für die 
neueren Zeiten, beigelegt. Damit ist denn eine außerordentliche Ver- 
tiefung der historischen Erkenntnis gewonnen und dem Philosophen die 
Möglichkeit gegeben, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung seiner 
Zeit vermittels einer historischen Betrachtungsweise zu würdigen, die 
ihm eine von keinem der zeitgenössischen Denker erreichte Sicherheit 
des Urteils verleiht 

Wenn Saint-Simon auch in der neuen Periode seiner Denkarbeit 
eine Organisation der Gesellschaft verlangt, so versteht er darunter, ganz 
allgemein ausgedrückt, eine Beseitigung des Widerstreits, wie er be- 
gründet liegt in der Herrschaft einer noch in feudalistischen Anschauungen 
befangenen politisch herrschenden Klasse und der daraus folgenden 
Nichtberücksichtigung der Bedürfnisse der Industrie und Wissenschaft 
Den Vertretern der Industrie und Wissenschaft müsse der maßgebende 
Einfluß auf die Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse eingeräumt 
werden, weil sie als Angehörige der aufstrebenden und wichtigsten 
Bevölkerungsklassen allein befähigt sind, dem Gemeinwohl zu dienen. 
Wie aber, wenn die der ökonomischen Tätigkeit zugewandten Schichten, 
fem davon, eine organische Einheit darzustellen, in sich den Keim eines 
Widerspruchs trügen, ohne dessen Lösung der Gesellschcift die Wohltat 
einer festen Organisation versagt wäre, wenn die ökonomische Freiheit 
also statt zur Harmonie zur Herabdrückung großer Bevölkerungskreise 
in Armut und Elend führte? In der Tat hat Saint-Simon die Gefahr 
der ökonomischen Freiheit, welche die „classe moyenne" auf ihr Banner 
gesetzt hat, für die „classe inferieure" erkannt, und von dieser Er- 
kenntnis aus gelangte er zu der Forderung einer Unterbindung des 
sich selbst überlassenen Wirtschaftsmechanismus, die eine grundsätz- 
liche Verwerfung des ökonomischen Subjektivismus bedeutet, und die 
ihn bis an die Eingangpspforte des Sozialismus führt 

Es ist geboten, um diesen neuen Zug des Denkens Saint-Simons voll 
würdigen zu können, den Verhältnissen der besitzlosen Klassen Frank- 
reichs zur Zeit des ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten 
Jeihrhunderts eine flüchtige Beachtung wenigstens zu schenken. 



122 — 

Da zeigt sich nun, daß vor der Revolution die Arbeiter der Manu- 
fakturen, trotzdem diese Betriebsform sich schon beträchtlicher Unge- 
bundenheit im Vergleich zum Handwerk erfreute, noch keineswegs zu 
jener Isolation verurteilt waren, die ihnen später so verhängnisvoll 
werden sollte. Der Gedanke einer gewissen Gemeinsamkeit der In- 
teressen des Unternehmers und Arbeiters, wie er einstens in den Zünften 
zur Geltung kam, hatte seine Wirksamkeit noch nicht verloren, und 
neben teilweiser behördlicher Regelung des Produktionsprozesses waren 
Maßnahmen sozialer Fürsorge, auch wenn sie dem persönlichen In- 
teresse des Unternehmers entgegenstanden, durchaus zur Anwendung 
gekommen. Und zwar waren sowohl die Arbeiter der kleineren, 
mitüeren als auch der großen Betriebe dieses, sei es korporativen, 
sei es staatlichen Schutzes, teilhaftig, und namentiÜch in der zweiten 
Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erfuhr dieser dann noch eine Er- 
weiterung. Grundstürzende Änderungen führte dann die Revolution 
ein. Die alles beherrschende Idee ungehemmter Freiheit, wie sie dem 
Bedürfnis des aufstrebenden Bürgertums entsprach, ließ für den Ge- 
danken sozialer Beschützung keinen Raum und lieferte so, nachdem 
sie gesetzlich festgelegt war, den Arbeiter der Hilflosigkeit aus. G^- 
wiß war die Freiheit des Gewerbebetriebs, die vorher einer beschränkten 
Zcihl von Meistern und privilegierten Unternehmern vorbehalten war, 
jetzt allgemein geworden; aber bedeutete sie denn mehr als erst die 
Möglichkeit wirtschaftlichen Aufsteigens, und zwar nur weniger, 
durch Besitz, Intelligenz oder sonstige Gunst ausgezeichneteir Individuen ? 
Es war der Geist einer ungeschminkt ausgedrückten Volksfeindlichkeit, 
der die Maßnahmen der bürgerlichen Interessenvertretungen der Re- 
volution kennzeichnete. Wie Spreu im Winde zerstob jene oft gepriesene 
Philanthropie, welche die Gemüter der konstituierenden Versammlung 
beseelt haben soll, als der Hunger jene dunkle, große Masse zu Taten 
der Verzweiflung hinreißen ließ, und statt die Quellen des Elends zu 
verstopfen, suchte man durch Zuhilfenahme der brutalen Macht die un- 
bequemen Regungen des „Peuple" zu unterdrücken: man schuf die 
„Loi martiale", die die bewaffnete Gewalt ermächtigt, auf die Masse, 
wenn sie auf geschehene Aufforderung hin sich nicht zerstreut, Feuer 
zu geben, und nicht genug damit; die Kommune läßt sich sogar herbei, 
demjenigen, der ihr die Nachricht eines Komplotts der „gens mal- 
intensionnes" überbringt, eine hohe Belohnung zu überweisen. So hat 
dieses Gesetz einen tiefen Keil in den Körper der Nation eingezwängt 
und mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß die im Freiheitsrausch der ersten 
Begeisterung als starke Einheit erscheinende Nation Ansätze tiefster 
Zerwürfnisse in sich trug. 

Ebenso offensichtlich trat dann dieser soziale Zwiespalt in dem 
Wahlgesetz vom November des Jahres 1791 hervor. Vom Geiste wahrer 



— 123 — 

Freiheit haftet diesem Gesetz keine Spur an, und es zeigt, wie das 
vielgestaltige Gebilde des dritten Standes, das vor der Revolution durch 
die Einheit des (Gegensatzes gegen die alte Ordnung zusammengehalten 
worden war, durch die Wucht des in ihm verborgenen Interessenwider- 
streites gesprengt wurde und sich in scharfe Spaltungen auflöste. Man 
stellte den Begriff des „citoyen actif " auf, und verstand unter dem wahl- 
berechtigten Bürger denjenigen, der eine, zwar klein bemessene Steuer 
entrichtet und in keinem Lohndienstverhältnis steht. Damit war die 
politische Scheidung zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden voll- 
zogen und der Lohnarbeiter zu der Rolle des politisch rechtlosen Unter- 
tanen verurteilt Und auch wirtschaftlich suchte man ihn sich unter- 
würfig zu machen: das Koalitionsgesetz des Jahres 1791 verbietet, wie 
es heißt, im öffentlichen Interesse die Bildung von Korporationen, seien 
es solche von Arbeitern oder Unternehmern, und liefert dadurch den 
in seiner Vereinzelung schwachen, bei Strafe des Himgems zur Arbeit 
gezwungenen Lohnarbeiter der Übermacht des Arbeitgebers aus. Somit 
hat die Revolution, nachdem sie das feudalistische Joch abgeschüttelt 
hatte, ihre Hauptaufgabe in der Sicherung do" Existenzgrundlage des 
Bürgertums und in der Entrechtung des ihr einst wertvollen Verbündeten, 
der Lohnarbeiter, erblickt Das Bürgertum hat sich emanzipiert, aber 
dem Arbeiter die Möglichkeit der Emanzipation durch Beschneidung 
der politischen Rechte und durch Unterbindung seiner erst im Zu- 
sammenschluß wirksamen Kraft genommen. So bedeuten denn auch 
die Menschenrechte mit ihrem vagen Begriffe der Freiheit und Gleichheit 
nichts als die Anerkennung der Zerstörung des auf den Standesunter- 
schieden beruhenden Feudalstaats, und weit entfernt davon, dem Ge- 
sellschaftsleben, wie man glaubte, die endgültige Gestaltung zu ver- 
leihen, hat die soziale Ordnung, deren Ausdruck sie waren, erst die 
Grundlage, die Möglichkeit sozialer Neubildungen abgegeben. Denn 
die Gesdlschaft ist, um den treffenden Ausdruck Saint-Simons zu ge- 
brauchen, nicht dazu berufen, Ruinen zu bewohnen, und wie wenig die 
unteren Schichten mit dem bürgerlichen Ideal der Freiheit sympathi- 
sierten, zeigt der Verlauf der 1793 einsetzenden demokratischen Periode 
in schlagender Weise. 

Die politische Gewalt war in die Hand der Besitzlosen, der Lohn- 
arbeiter, der zahlreichen Kleinbürger auch, gelangt: auf die Herrschaft der 
Gironde folgte die der Montagne. Sofort wurde die Scheidewand 
zwischen Vollbürger und Bürger zweiter Klasse niedergerissen und 
das demokratische Prinzip in seiner reinsten Ausprägung durchgeführt. 
Der Zensus fiel, und die Urversammlungen, an denen jeder volljährige 
Franzose als vollberechtigtes Mitglied teilnehmen konnte, stellten die 
entscheidende politische Macht dar. Aber keineswegs war mit dieser 
politischen Reform den sozialen Nöten, die die Masse drückten, ab- 



— 124 — 

geholfen. Waren es nun, wie einzelne Geschichtsschreiber dieser Epoche 
meinen, proletarisch-sozialistische Maßregeln, von deren Durchführung 
man die Rettung erhoffte? Von einer prinzipiellen Verneinung des 
Privateigentums als eines Hauptübels der Gesellschaftsordnung war, 
wie der zweite Artikel der Verfassung von 1793 zeigt, der neben Egalite, 
Libert6, Surete, auch das Eigentumsrecht als unverletzlich bezeichnet, 
keine Rede. Und doch war es das Privateigentum mit seinen ihm an- 
haftenden sozialen Mängeln, unfähig wie man war, diese zu beseitigen, 
das den Haß der nun herrschenden Macht entflammte. Freilich war 
es nur das durch seine Größe sich auszeichnende oder durch seine 
wucherische Ausnutzung mißbrauchte oder zu Spekulationszwecken ver- 
wendete Privateigentum, deis z\mi Angriffspunkt wurde. Man hat, 
nachdem man die feudalen Vorrechte abgeschafft und die auf die 
Wiederherstellung des Privilegienstaates abzielenden Reaktionäre in grau- 
samster Weise verfolgt hatte, entdeckt, daß neben der Aristokratie der 
Geburt noch eine smdere Aristokratie, nämlich die des Reichtums, vor- 
handen sei, die, da sie über die Produktionsmittel verfügt, den Armen 
von sich abhängig zu machen verstünde. Diese Reichen bekämpfte man 
und beraubte sie, nicht weil man das Privateigentum als solches ver- 
warf, sondern, wie es in einem Zirkular des Wohlfahrtsausschusses 
heißt, „um die tugendhafte Armut wieder zum Eigentum gelangen zu 
lassen, welches ihr das Verbrechen weggenommen hat". Man haßte 
jeden durch die Gunst seiner Lebenslage ausgezeichneten Bürger, die 
ebenso wie die Aristokraten anmaßenden „Bourgeois**, Kaufleute und 
Großgrundbesitzer, und sah in jedem, der nicht der untersten Klasse 
angehörte, einen Verräter der Nation. Erblickte man doch nach dem 
Vorbild Rousseaus und Robespierres in der ungebildeten, mittellosen 
Masse die Ideale der Tugend am reinsten verkörpert, weshalb es nach 
der Verfassung von 1793 Pflicht der Gesellschaft ist, die Armen zu 
unterstützen, „sei es, daß sie den Arbeitsfähigen Arbeit verschafft, sei 
es, daß sie die anderen aus öffentlichen Mitteln erhält". Durch die 
verschiedensten Vorschläge und Maßregeln suchte man diese Behag- 
lichkeit der Daseinsbeding^ngen herbeizuführen : denn „es genügt nicht", 
ruft Barere aus, „den reichen Handel zu schröpfen und die großen 
Vermögen zu vernichten; die Sklaverei des Elends muß ebenfalls vom 
Boden der Republik verschwinden. Wir brauchen keine Bettler, keine 
Almosen, keine Krankenhäuser mehr! . . . Das Bettelwesen ist mit 
der Herrschaft des Volkes unvereinbar . . . wenn eine Demokratie 
organisiert wird, muß alles getan werden, um jeden Bürger über die 
ersten Bedürfnisse hinauszuheben : durch die Arbeit, wenn er arbeits- 
fähig, durch die Erziehung, wenn er ein Kind, und durch Beistand, 
wenn er elend oder alt ist" Barere dachte an die Einführung von 
Nationalarbeiten und an eine Parzellierung und Verteilung der National- 



— 125 — 

guter, dergestalt, daß jeder Familie, die nur einen Morgen ihr eigen 
nennt, ein gleich großes Stück überlassen werden sollte. Der Konvent 
aber bestimmte, um der hungernden Masse billiges Brot zu verschaffen, 
daß durch eine Besteuerung der großen Vermögen die Mittel ge- 
wonnen werden sollten, um die Brotpreise nach Maßgabe der Lohnver- 
hältnisse zu regeln. Dem Komwucher suchte man durch die Auf- 
stellung von Maximaltarifen vorzubeugen. Schließlich griff man, un- 
möglich wie es war, durch solche Reformen das demokratische Prinzip 
gleicher Lebenshaltung durchzuführen, zu den radikalsten Mitteln und 
machte sich daran, die zu den heftigsten Gegnern der Revolution ge- 
wordenen Besitzenden gleich dem Adel auszurotten. Damit hat die soziale 
Anarchie, wie sie die Folge der jakobinischen Politik war, die Unfähig- 
keit des extremen politischen Subjektivismus zur Schaffung eines festen 
Staatsgefüges dargetan und dem Bürgertum wieder die Kraft selbst- 
bewußten Handelns verliehen; eingeleitet durch den Sturz Robespierres, 
wurden die Terroristen immer mehr zurückgedrängt, und unter dem 
Direktorium ward wieder leidlich Ruhe geschaffen. Durch Napoleon 
aber, der an der Spitze seines mit revolutionärem Greiste beseelten 
Heeres die drohende Übermacht der sich wieder erhobenen feudalen 
Reaktion gewaltsam zurückdämmte, wurde das wichtigste Erbe der 
Revolution, die Freiheit des Wirtschaftslebens, nachdem sie von den 
Jakobinern unterdrückt worden war, wie wir wissen, in vollem Maße 
gesichert und dadurch dem rasch erblühten Kapitalismus die seinen 
Bedürfnissen entsprechende Rechtsordnung gewährleistet 

Es ist nun lehrreich zu sehen, wie die vage Idee der Freiheit und 
Gleichheit, die zu verwirklichen, wie schon dem Konvent offenbar ge- 
worden war, an der Tatsache des ungleichen Besitzes scheitern mußte, 
zu der sozialistischen, freilich nicht proletarisch-sozialistischen Folgerung 
einer Aufhebung des Privateigentums geführt hat. Nirgends ist, wie 
nicht genug betont werden kann, zur Zeit der Herrschaft des Konvents, 
auch bei aller Vorliebe für staatliche Eingriffe in das wirtschaftliche 
Getriebe, dieser Gedanke geäußert worden, auch Marat wollte die 
Gleichartigkeit der Lebenshaltung aller Bürger nur durch einen im 
Rousseauschen Greiste erstrebten Ausgleich der Vermögen erreichen. 
Babceuf erst ist es gewesen, der den Widerstreit der durch das Gesetz 
ausgesprochenen Gleichheit und der in Wirklichkeit bestehenden öko- 
nomischen und kulturellen Ungleichheit vernichten wollte durch eine 
Verstopfung gleichsam der Quelle, aus der zum größten Teil die Ver- 
schiedenheit der Lebenslagen entspringe: für ihn stellt die bisherige 
revolutionäre Umwälzung erst das Vorspiel zu einem noch gewaltigeren, 
das ganze Bereich des Gesdkchaftslebens, nicht allein die Form des 
politischen Handelns umfassenden Umstürze dar. „Die Revolution ist 
nicht beendet", heißt es in einem Manifest, „weil die Reichen alle 



— 126 — 

Güter verschlingen, während die Armen wie wahre Sklaven arbeiten, 
im Elend schmachten und im Staate nichts bedeuten." Wie kann nun 
diesem Übel, daß einige im Überfluß schwelgen, während die große 
Masse arbeitend und hungernd in ewiger Trostlosigkeit verharrt, ab- 
geholfen werden? Nach Baboeuf hat jeder Mensch ein durch die 
Natur gebotenes Anrecht auf die vorhandenen Genußmittel. Diese 
nach der Art Rousseaus völlig unhistorisch konstruierte Gleichheit gilt 
es nun, nachdem die natürliche Ordnung der Dinge gestört worden 
ist, wieder einzuführen. Es muß das individuelle Eigentum, dieser 
Nährboden aller sozialen Übel, ausgerottet und an seine Stelle die 
Gemeinsamkeit der Güter und Arbeiten gesetzt werden, kurz, das 
System individueller Freiheit der Arbeit und des Genusses mit seiner 
entmenschenden Wirkung auf das Volk muß durch eine kommunistische 
Regelung der sozialen Verhältnisse abgelöst werden. Das Eigentum 
soll fürderhin der Gesamtheit angehören, die es nutzbringend verwertet 
und jedem Mitglied der Gemeinschaft eine „glückliche Existenz" ver- 
bürgt. Um dieses zu erreichen, wird die Arbeitspflicht aller eingeführt 
und dem Staiate als der die Gesamtheit aller Lebensgebiete durch- 
dringenden Gewalt die Aufgabe zugewiesen, das Wirtschaftssystem zu 
organisieren. Die Erziehung wird allein dem Staate zustehen, der 
weiterhin, sei es auch durch Unterdrückung jeder individuellen Meinungs- 
freiheit, dafür zu sorgen hat, daß die Grundlagen des neuen Gesellschafts- 
systems nicht etwa zum Angriffspunkt der Kritik gemacht werden. 

Es ist nicht überflüssig zu bemerken, daß Baboeufs Kommunismus, 
fern davon, der Ausdruck der Interessen des Proletariats zu sein, vielmehr 
von dem Vorhandensein dieser allerdings erst im Entstehen begriffenen 
Klasse noch gar nichts weiß, und dciß Baboeuf, die zivilisatorische Macht 
der modernen Industrie und Wissenschaft völlig verkennend, seinen 
Arbeitsstaat auf dem Untergrund landwirtschaftlicher Produktion 
errichten möchte. Im Hinblick auf die sozialen Mißstände der modernen 
Kultur, wie sie besonders in den Städten hervortreten, verdammt er 
diese letzteren, indem er ihr Dasein geradezu als „ein Anzeichen der 
Krankheit des öffentlichen Lebens" bezeichnet. Ebensowenig versteht 
er es, die kapitaUstisch betriebene Industrie seinen menschenfreundlichen 
Zwecken dienstbar zu machen, so daß sich die ganze ökonomische 
Rückständigkeit Frankreichs in diesem System des Sozialismus klar 
ausspricht Wir werden sehen, daß erst mit Saint-Simon jene Richtung 
eingeleitet wird, die in der modernen Industrie als einem Mittel weit- 
gehendster Beherrschung der Naturkräfte die Grundlage der National- 
wohlfahrt erblickt und die Organisation dieser Industrie zum Wohle 
der arbeitenden Klassen verlangt 

Was nun die Lage der Arbeiterklasse während der Revo- 
lutionszeit betrifft, so läßt sich diese nicht leicht mit flüchtigen 



— 127 — 

Worten schildern. Es mag wenigstens das wichtigste angeführt 
werden. 

Während der Herrschaft der beiden ersten politischen Vertretungs- 
körper galt es vor allem, den Feudalismus hinwegzufegen, so daß von 
einer staatlichen Regelung der Arbeitsverhältnisse keine Rede war. 
So sich selbst überlassen, durch das Koalitionsverbot der Übermacht 
des Kapitals ausgeliefert, war der Industriearbeiter in dieser Zeit heftiger 
sozialer Erschütterungen je nach dem Wechsellauf der wirtschaftlichen 
Entwicklung bald schlecht, bald etwas besser gestellt. Auch der Kon- 
vent änderte nichts daran. Im Gegenteil, er störte durch seine terro- 
ristische Politik die ökonomische Entwicklung und steigerte das ohnehin 
schon vorhandene Elend ins Ungemessene. Weiterhin machte die über- 
mäßige Ausgabe von Assignaten jede ordentliche Wirtschaftsführung, 
da jeder mit diesen sich immer mehr entwertenden Scheinen bezahlen 
konnte, unmöglich, der Zinsfuß, der vor der Revolution bis zu 4 Proz. 
gesunken war, stieg selbst auf 70 Proz. und mehr, dazu fehlte noch die 
Grewähr jeder Rechtssicherheit, so daß die Unternehmungslust erstickt 
und damit die Arbeitsgdegenheit geschmälert wurda Mit Ausnahme der 
für die Armee arbeitenden Unternehmungen, denen Auftrag auf Auftrag 
zufloß, war das Wirtschaftsgetriebe gelähmt, und die Arbeiter wurden der 
Not, die alle öffentlichen Maßnahmen nicht lindem konnten, ausgeliefert 

Das Direktorium und das Konsulat ließen die moderne Arbeits- 
verfassung im Grunde unberührt. Man führte zwar, auch für die er- 
wachsenen Arbeiter, das Arbeitsbuch wieder ein, erzwang gesetzlich die 
Ausstellung eines Abgangszeugnisses und verbot zum Zwecke der 
Wahrung der persönlichen Freiheit alle über ein Jahr hinaus ver- 
pflichtende vertragsmäßige Bindimg der Unternehmer und Arbeiter, 
aber sonst wagte man es nicht, den Grundsatz der Vertragsfreiheit ein- 
zuschränken. Als freie Persönlichkeiten vielmehr sollten Unternehmer 
und Arbeiter sich gegenüberstehen, und rücksichtslos wurde jeder Ver- 
such einer Unterbindung dieser angeblichen Freiheit durch Koalitionen, 
namentlich wenn solche von Arbeitern ausgingen, unterdrückt 

Das Kaisertum brachte zwei Neuerungen: 1806 die Institution der 
prud'hommes und 18 10 einige Schutzvorschriften zum Wohl der in 
Bergwerken beschäftigten Arbeiter. Im übrigen blieb alles beim Alten. 
Von Arbeiterverbänden imd Arbeitseinstellungen konnte unter dem 
despotischen Regiment Napoleons keine Rede sein, wie denn auch der 
günstige Stand der wirtschaftlichen Verhältnisse wenig Anlaß zu öko- 
nomischen Kämpfen gab. Die Armee absorbierte die besten Arbeits- 
kräfte, so daß es oft schwer war, dem neuerwachten Wirtschaftsleben 
die benötigte Arbeiterzahl zuzuführen. 

Die aufsteigende ökonomische Bewegung zur Zeit der Restauration, 
die Entstehung des fabrikmäßigen Großbetriebs und die anregende 



— 128 — 

Einwirkung auch der modernen Wissenschaft auf die Gestaltung des 
Produktionsprozesses, bot nun den sozialen Untergrund, auf dem jene 
Strömimg entstanden ist, die, als soziale Bewegung gekenn- 
zeichnet, von den übrigen sozialen Klassenbewegungen durch ihre 
Eigenart sich reinlich trennt Freilich, sagen wir, dieser ökonomische 
Aufschwung gab erst die Vorbedingung ab, imd mit nichten ist während 
der Restaurationsepoche das Proletariat schon auf jener Stufe der Ent- 
wicklung angelangt, der zufolge es als eine sich seiner Lage klar be- 
wußte Macht selbständig auf die Besserung seines Loses hinarbeitet 
Im stetigen Fortschritt zwar, aber noch frei von jener Überhast der 
Entwicklung, die in England in einer kurzen Spanne Zeit eine mächtige 
Industrie, aber auch ein in ein schreckliches Elend hinabgestoßenes 
Proletariat zeugte, gewann der Kapitalismus in Frankreich Boden, aber 
noch keineswegs brachte er jene soziale Auflösung mit sich, die in 
England schon früher die warnende Stimme weitblickender Geister aus- 
gelöst hat. Noch war das Herrschaftsgebiet des Kapitahsmus begrenzt: 
der größte Teil der gewerblichen Produktion ging durch handwerks- 
mäßiges Schaffen vor sich, und die patriarchalische Auffassung des Lohn- 
verhältnisses von Seiten der Meister war wohl die überwiegende. Noch 
lebten die meisten Arbeiter mit ihren Arbeitgebern in enger Lebens- 
gemeinschaft, die einen scharfen sozialen Gegensatz nicht aufkommen 
ließ, und erst in einzelnen Teilgebieten der Produktion warf der Kapi- 
talismus seine düsteren Schatten voraus. Die Arbeiter der Großindustrie, 
die größtenteils vom Lande in die Städte, die Hauptsitze der Industrie, 
geströmt waren, besaßen noch keineswegs die geistige Reife, die 
ihnen eine einheitliche Geltendmachung ihrer Interessen zur Möglichkeit 
gemacht hätte, und durch das Koalitionsverbot an der Bildung von Ge- 
werkvereinen gehindert, stellten sie einen gefügigen Gegenstand der 
Ausbeutung dar. Diese Ungunst ihrer Lage wurde durch eine weitere 
Tatsache noch verschlimmert. Nach Beendigung der häufigen Kriege, 
die, da sie große Menschenmassen verschlangen, den Arbeitsmarkt für 
die Arbeitsuchenden günstig gestalteten, wurden Tausende von Soldaten 
entlassen, die, ihrer Heimat nun entfremdet, in einzelnen Städten eine 
unerschöpfliche industrielle Reservearmee bildeten. Es sollen in Paris, 
das zu jener Zeit etwa 700000 Einwohner zählte, 60000 Hilfsbedürf- 
tige vorhanden gewesen sein, meist ehemalige Soldaten, die Arbeit 
suchend ein elendes Dasein führten und so zu schlimmsten Lohn- 
drückern wurden. Mithin war das Dasein eines Teils des Proletariats 
ein elendes: poUtisch entrechtet, gesetzlich behindert an der Schaffung 
von, Gewerkvereinen, ohne die nötige Durchbildung, die das Bewußt- 
sein seiner Klassenlage geweckt hätte, lebte es, ein unglückliches Opfer 
seines Geschickes, duldend dahin, oder suchte im Anschluß an die 
sonstigen Unzufriedenen, die, in geheimen Gesellschaften vereinigt, für 



— 129 — 

eine orleanistische oder bonapartistische Restauration schwärmten, sein 
Los zu bessern. 

Schlimme Zeiten, freilich nicht allein für die Industriearbeiter, 
brachte das Jahr 1817. Eine schreckliche Hungersnot brach infolge 
der schlechten Ernte des vorigen Jahres aus und trieb die dem Hunger- 
tode nahen Landbewohner Nahrung suchend in die Städte. In Paris 
leistete man den Bäckern, um die ins Unerschwingliche gestiegenen 
Brotpreise herabzudrücken, einen Zuschuß von vierundzwanzig Millionen 
Franken, und auch andere Städte griffen helfend ein. Trotz aller 
Versuche, die Not zu lindem, war das Elend groß. Mußte so nicht diese 
Massenarmut das soziale Empfinden der Reichen und Herrschenden 
stärken und ihnen die Sorge auch um die Armen und Verlassenen 
als Gebot der PfUcht erscheinen lassen? Im Parlament freilich spürte 
man davon nichts. „Nicht ein einziger Plan zu Gunsten der arbeitenden 
Klassen wurde den Kammern vorgelegt" Anders verhielt es sich mit 
den privaten Bestrebungen zur Hebung der Lage der Arbeiter. Die 
soziale Not der immer mehr anschwellenden Arbeitermassen war zu 
offenbar, als daß man hätte achüos an ihr vorübergehen können. 
Schon die Gefahr revolutionärer Erhebung der Arbeiter gebot es, mit 
ihnen Fühlung zu nehmen. Der Klerus ganz besonders ist es gewesen, 
der, mit den Proletarierverhältnissen vertraut, auf dem Gebiete der 
sozialen Wohltätigkeit für jene Zeit achtungsvolle Erfolge zu ver- 
zeichnen hatte. Verschiedene religiöse Gemeinschaften, wie Saint- 
Joseph, Sainte-Anne, die Maison de la Providence u. a. widmeten sich 
emsig der Wohltätigkeit, sei es, daß sie Unterricht erteilten, die Ar- 
beiter in Vereinen organisierten, Waisenhäuser errichteten oder ge- 
fallene Mädchen wieder in geordnete Bahnen einzuführen suchten. 
Aber auch in Laienkreisen, ja selbst bei einigen menschenfreund- 
lichen Unternehmern erfolgte eine Abwendung von dem barbarischen 
Grundsatz des laissez faire, bei letzteren besonders, wenn sie im 
Hinblick auf den geringen Umfang ihres Betriebes noch Fühlung 
mit dem einzelnen Arbeiter nehmen konnten. Man sträubte sich 
gegen die Entkleidung des Arbeitsverhältnisses von allen sittlichen 
Beziehungen und wollte, seiner religiösen Pflichten eingedenk, durch 
Verwirklichung der Nächstenliebe auch dem Arbeitsverhältnis wieder 
sittiichen Gehalt verleihen. „Les maitres qui voudraient faire parti 
de la societe", heißt es in einem Statut einer von Unternehmern ge- 
gründeten Gesellschaft, „doivent se penetrer que pour y etre admis 
il faut qu'ils se conforment aux principes prescrits par la morale et la 
religion, et que le devoir des associes est de se faire du bien, de s'^imer 
comme freres et de ne faire ä autrui que ce qu'ils voudraient qu'il 
füt a eux-memes." 

Mnckle, Henri de Saint-Simon. 9 



— I30 — 

Freilich, was unter diesem Antrieb sittlicher Gefühle geleistet 
wurde, war gering und ungenügend gegenüber der stetig fort- 
schreitenden Proletarisierung. Aber es wurde doch wenigstens der 
Anfang einer von privater Initiative ausgehenden Sozialreform ge- 
macht: es entstanden Sparkassen und ebenso wieder die während der 
Revolution vernichteten Unterstützungskassen, die bei Arbeitsunfähig- 
keit, sei sie hervorgerufen durch Krankheit, Unfall oder Alter, Hilfe 
brachten. 

Auch in den Reihen der Gelehrten regte sich bald der G^ist des 
Widerspruchs gegen das herrschende System der ökonomischen Frei- 
heit, wiewohl die Anhänger der klassischen Nationalökonomie, die 
Lobredner der tatsächlich bestehenden Wirtschaftsordnung, nicht nur 
durch ihre Zahl, sondern auch durch die Größe ihrer Wirksamkeit 
den Kritikern des Kapitalismus weit überlegen waren. Unter der 
Führung Says, dessen „Traite d'economie politique" 1803 erschienen 
war, verlangten sie, damit die ungehinderte Entfesselung der wirt- 
schaftlichen Klräfte vor sich gehen könne, eine möglichst geringe Ein- 
mischung der politischen Gewalten in das Wirtschaftsgetriebe, und, ge- 
blendet von den dadurch erhofften Erfolgen, übersahen sie völlig die 
moralischen Schäden, die diese ökonomische Ungebundenheit mit sich 
führen mußte. Aber war denn die soziale Harmonie, die die freie 
Entfaltung der Kräfte bringen sollte, nicht ein ungeheuerliches Trug- 
bild, wenn in der Hast des wirtschaftiichen Kampfes brutale Rück- 
sichtslosigkeit geübt wird und der Schwache hilflos der Übermacht 
des Starken ausgesetzt ist? Schon 1804, um die bemerkenswertesten 
Gegner des ökonomischen Subjektivismus anzuführen, wies Ferrier*) 
auf die sittlich bedenklichen Seiten der herrschenden Volkswirtschafts- 
lehre hin, die einzig darauf bedacht sei, die Mittel der Reichtums- 
steigerung darzulegen, während sie stillschweigend an den Gebrechen 
des öffentlichen Lebens vorübergehe, und Ganilh durchschaut schon 
klar den absoluten Charakter der Wirtschaftswissenschaft, die, anstatt 
die Tatsachen womöglich statistisch zu erfassen, sich in leeren Speku- 
lationen ergehe. 

Mit wuchtiger Beweiskraft aber legte der Genfer Historiker und 
Nationalökonom Sismondi die Unzulänglichkeit der von Smith 
erstmals systematisch entworfenen ökonomischen Anschauungen wie 
die Mängel des herrschenden Wirtschaftssystems dar. Im Besitze 
großer Kenntnisse, die er sich durch eifriges Studium und durch 
seinen Aufenthalt in fremden Ländern, wie Italien und England, er- 



i) Angeführt bei Weill, Saint-Simon, welchem Werke der Verfasser yomehmlich 
einiges biographische Material verdankt 



— 131 — 

worben, mit einer scharfen Beobachtungsgabe ausgestattet und be- 
herrscht von tiefem Mitgefühl für fremdes Leiden, wendet er sich, einst 
ein blinder Anhänger von Adam Smith, von den Lehren der klassischen 
Nationalökonomie immer mehr ab, um ihr in seinen „Neuen Grund- 
sätzen der politischen Ökonortiie" (1819) ein in vielen Punkten wider- 
sprechendes Lehrgebäude entgegenzustellen. Schon in seinen „Etudes 
sur les constitutions des peuples iibres" verwirft er jene Auffassung, 
die durch eine möglichste Einschränkung der Staatstätigkeit auf wirt- 
schaftlichem Grebiete glaubt, die soziale Wohlfahrt aller Glieder der 
Gesellschaft herbeiführen zu können. Die Aufgabe des Staats besteht 
nach Sismondi nicht darin, nicht zu regieren, sondern im energischen 
Eingreifen in das gesellschaftliche Leben, wo immer das Wohl der Ge- 
samtheit es verlangt Der Gesamtheit: des Arbeiters, des Handwerkers, 
des Landwirts und nicht einer einzelnen Klasse, die in der Verfolgung 
ihrer eigenen Interessen die einzige Förderung des Gemeinwohls er- 
blickt So hohe politische Weisheit ist aber nur verbürgt, wenn ein- 
sichtige Männer, Aristokraten des Geistes imd des Herzens, an der 
Spitze der Regierung stehen, Männer, die unabhängig von der oft 
rasch wechselnden Stimmung der öffentlichen Meinung zielbewußt ihre 
schwierige Aufgabe zu verfolgen im stände sind. Damit bekämpft 
Sismondi eine der wichtigsten Forderungen des Liberalismus, das all- 
gemeine Stimmrecht, das den noch ungebildeten Massen eine zu große 
Macht einräume und keineswegs die Gewähr fortschrittlicher Gestaltung 
der Verhältnisse leiste. 

Mit solchen Anschauungen verwirft der Denker sowohl den öko- 
nomischen Subjektivismus als auch die auf seine Verteidigung hinaus- 
laufende Nationalökonomie des Adam Smith und seiner Nachfolger. 
Gewiß ist er voller Bewunderung für die Fortschritte der Industrie, 
aber er durchblickt auch, nachdem er Englands soziale Lage studiert, 
wie dieser große Sieg des menschlichen Geistes über die Natiu" durch 
teure Opfer erkauft worden ist: der Reichtum ist zwar unermeßlich 
gestiegen, aber hat denn auch der Arme den ihm gebührenden Teil von 
den Werten erhalten, die er hervorgebracht hat, ist denn der Masse 
der Schaffenden, was doch, von höherer Warte aus betrachtet, das Ziel 
menschlichen Zusammenwirkens sein sollte, vermehrtes Glück ihres Da- 
seins zugekommen, ist das Gleichgewicht der sozialen Interessen, das 
die Apostel der Freiheit verkünden, eingetroffen? Statt der ersehnten 
Harmonie hat die Ära der Freiheit einen allgemeinen Kampf mit sich 
heraufgeführt, der mit einer gewaltsamen Herabdrückung der minder 
Kräftigen endigt und dem oft alles andere als tugendhaften Mächtigen 
den Sieg verldht Zuerst hat die Großindustrie in dem ihr eigenen 
Bestreben nach unbegrenzter Erweiterung ihres Herrschaftsgebietes das 
Handwerk, soweit es ihr im Wege stand, verdrängt, und nun ist der 

9* 



— 132 — 

Kampf in ihren eigenen Reihen ausgebrochen. Der große, mächtige 
Unternehmer sucht, um seinen Anteil an der Produktion immer mehr 
zu steigern, den Schwächeren aus dem Felde zu schlagen; und dieser, 
in dem verständigen Bestreben, sein Unternehmen gegen den Ansturm 
der überlegenen Konkurrenz zu halten,' greift zu den bedenklichsten 
Mitteln : er produziert ohne Gewinn, zahlt seinen ohnehin schon schlecht 
abgefundenen Arbeitern den kärglichsten Lohn, bis sein Unternehmen, 
widerstandsunfähig gegenüber der Macht des größeren Kapitals, in 
jähem Sturz zusammenbricht In diesem unorganisierten Kampfe steht 
der Arbeiter wehrlos da, und in beredter Weise entrollt Sismondi 
das düstere Gemälde des Proletariergeschicks, wie es ihm die Zeit des 
sich ungestüm entfesselnden Kapitalismus darbot. Mit Adam Smith, 
dem er immer noch Bewunderung entgegenbringt, lehrt er, daß die 
Arbeit die Quelle des Reichtums ist und die Sparsamkeit das Mittel, 
diesen Reichtum zu vermehren. Aber nicht die Reichtumssteigerung 
als solche darf der Zweck der Produktion sein, sondern die durch 
sie bewirkte Vermehrung auch der Genüsse. Wie liegen nun die Ver- 
hältnisse? In ungeahnter Weise hat die materielle Kultur in der letzten 
Zeit Fortschritte gemacht, die AnnehmHchkeiten des Daseins haben 
sich bedeutend vermehrt, die erweiterten Verkehrsbeziehungen die sich 
fremd gegenüberstehenden Völker verbunden, und neue sittliche Kräfte 
haben sich auf dem Boden zivilisatorischer Errungenschaften ausgelöst 
Wie eine fremde Welt hebt sich davon die dunkle, stumme Masse 
der Arbeiter ab, deren unglückliches Los man im Taumel der Be- 
geisterung übersehen hat. Es scheint Sismondi, als ob die Zeiten 
einer neuen Sklaverei herbeigekommen wären. Ohne mit dem Unter- 
nehmer anders verbunden zu sein als durch das schwache Band des 
Lohnvertrags, der täglich gekündigt werden kann, ist der Arbeiter 
willenlos dem Walten der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeliefert, 
die über sein Geschick bestimmen. Wähnt er heute seine Lage ge- 
sichert, so kann morgen seine Existenz durch die EnÜassung bedroht 
werden, zu der sich der Unternehmer durch die gesellschafüiche Kon- 
junktur gezwungen sieht Aber auch abgesehen von der Arbeitslosig- 
keit, die wie ein unheildrohendes Gespenst das Arbeiterdasein beständig 
imidüstert, ist das Los des Proletariats ein beklagenswertes: das durch 
die Vertragsfreiheit möglich gewordene Unterbieten der Arbeitskräfte 
drückt die Löhne immer mehr und steigert die materielle Notdurft ins 
Ungemessene. Schlecht genährt und gekleidet, zusammengepfercht in 
elenden Wohnungen und abgestumpft für jeden höheren Genuß durch 
die trostiose Eintönigkeit ihrer Lebensführung, sind die Arbeiter aller 
Güter der Kultur, die dem menschlichen Leben einen verfeinernden 
Reiz verleihen, beraubt Überlange Arbeitszeit, Verwendung selbst 
der Kinder und Frauen zur Fabrikarbeit, lösen die Familienbande auf. 



— 133 — 

und inmitten all des Überflusses, in dem die Reichen schwelgen, muß 
der Arbeiter, unbeachtet von denen, deren Reichtum er erzeugt hat, 
sein trauriges Leben zubringen. Alle diese Mißstände hat die viel ge- 
priesene wirtschafüiche Freiheit verschuldet, eben jene Freiheit, die die 
Nationalökonomen auf ihr Banner geschrieben haben. Aber ihre Lehre, 
soll sie dazu dienen, das Wohl der Gesamtheit zu fördern, zerschellt 
an den Tatsachen der Wirklichkeit Sie zeigt zwar, auf welche Weise 
der Reichtum am besten erzeugt wird, aber sie vergißt es zu zeigen, 
wie dieser Reichtum verteilt werden muß, damit die Nation in ihrer 
Gesamtheit, nicht die kleine Zahl der Kapitalisten allein, ihre Lebens- 
haltung verbessert. Sie ist eine „chrematistique ou la science de Tac- 
croissement des richesses", die übersieht, daß das Ziel der Produktion 
nicht allein die Schaffung von Werten, sondern vor allem die Begrün- 
dung der Wohlfahrt der Menschen sein soU. 

Dem Arbeiterelend der Großindustrie stdlt nun Sismondi die 
idyllischen Verhältnisse der Landwirtschaft gegenüber. Hier glaubt er 
noch ganze Menschen zu finden, die, gesund und zufrieden, den wahren 
Frohsinn des Lebens besitzen, auch wenn sie der feineren Kultur- 
g-enüsse nicht teilhaftig sind. Die Landwirtschaft also muß das Rück- 
grat der Nation bilden. Man schenke doch seine Aufmerksamkeit jenen 
Ländern, in denen die Landwirtschaft noch die Hauptgrundlage des 
sozialen Lebens bildet, und man wird finden, daß dort von jener Not, 
in die die ökonomische Entwicklung den Proletarier gestürzt hat, keine 
Rede ist „Mag man das lachende Emmental durchstreifen, oder in 
die entiegensten Täler des Kantons Bern vordringen, man kann nicht 
ohne Bewunderung und Rührung diese Holzhäuser, auch des geringsten 
Bauern, betrachten, so geräumig, so wohl eingefriedet, so gut gebaut 
und mit Schnitzereien ausgestattet, stellen sie sich dar. Im Innern ge- 
währen lange Gänge jedem der Zimmer, welche die zahlreiche Familie 
bewohnt, einen besonderen Ausgang; jedes Zimmer enthält niu* ein 
Bett Dieses ist mit Vorhängen, Decken und blendend weißen Linnen 
reichlich versehen. Sorgsam behandelte Einrichtungsgegenstände um- 
geben es. Die Schränke sind mit Wäsche gefüllt Die Milchkammer 
ist geräumig, luftig und von ausgesuchter Sauberkeit Große Vorrats- 
räume für Korn, für Pökelfleisch, Käse und Holz befinden sich unter 
dem gleichen Dache. In den Ställen trifft man das schönste und best- 
gehaltene Vieh Europas an. Im Garten werden Blumen gezogen. 
Männer und Frauen sind behaglich und reichlich gekleidet. Die 
letzteren bewahren mit Stolz die alte Volkstracht. Ihr Antlitz trägt 
den Stempel der Kraft und Gesundheit, sie überrstschen durch jene 
Schönheit der Züge, welche zum Charakter einer Rasse wird, wenn 
diese durch Generationen weder durch Laster noch durch Not ge- 
litten hat Mögen andere Länder sich ihres Reichtums rühmen, die 



— 134 — 

Schweiz wird ihnen immer den Stolz ihrer Bauern entgegenstellen 
können" i). 

So ist einleuchtend, daß Sismondi keinen Anteil nehmen kann 
an jenen Bestrebimgen, die auf eine möglichste Förderung der Industrie 
hinausgehen und diese Entwicklung diu-ch die wirtschaftliche Freiheit zu 
beschleunigen suchen. Er wünscht vor allem ein Eingreifen des Staates 
in das Bereich des sozialen Lebens, und zwar zum Wohle aller. Dieser 
Richtung der Staatstätigkeit hat die Nationalökonomie, die dann mehr 
als eine reine Wirtschaftswissenschaft, vielmehr eine „science morale" 
ist, als Führerin zu dienen. „Sie nimmt sich um die Menschen so- 
wohl als Nation als auch als Individuen an; sie beschützt diejenigen, 
welche die Unvollkommenheit aller unserer Einrichtungen nicht in den 
Stand setzt, sich selbst zu beschützen, und die Ungleichheit, welche sie 
aufrecht erhält, hört auf, eine Ungerechtigkeit zu sein, denn wenn sie 
einige Menschen begünstigt, so geschieht es deshalb, um aus ihnen 
neue Wohltäter für die Gesamtheit zu bilden*)." 

Unter den Vorschlägen, die Sismondi zum Zwecke einer Kräfti- 
gung der Nation macht, sind die folgenden die bemerkenswertesten. 

Vor allem gelte es den Bauernstand, diese wichtigste Stütze der 
Nation und unerschöpfliche Quelle gesunder Volkskraft, zu erhalten 
und zu mehren. Aber auch die landbesitzende Aristokratie und der 
Handwerker haben ein Anrecht auf Schutz. Ganz besonders aber 
müsse die soziale Not des vierten Standes eingeschränkt und mit allen 
Kräften gegen ihre weitere Ausbreitung, wie sie die Folge zunehmender 
Entwicklung der Großindustrie sein wird, ein Riegel vorgeschoben 
werden. Zwar glaubt Sismondi, trotz seiner konservativen Neigungen, 
nicht daran, daß die alte Zunftverfassung zurückgeführt werden könne. 
Es ist unmöglich, die heutige Wirtschaftsordnung zu beseitigen, es 
gut vielmehr ihre Auswüchse zu beschneiden: es muß vor allem 
der fortschreitenden Industrialisierung mit ihrer 
verderblichen Wirkung auf die Arbeiter vorgebeugt 
werden. Zu diesem Zwecke soll die öffentliche Meinung über den 
sozial schädlichen Charakter der Industrie unterrichtet werden, die 
Regierung soll, anstatt die Unternehmer zu ermuntern, den Übereifer 
ihrer Tätigkeit eindämmen, und namentlich soll die Zusammenballung 
der Kapitalien in einzelnen Händen möglichst verhindert werden. Man 
höre endlich damit auf — man beachte diesen Vorschlag im Hinblick 
auf die schon angedeuteten Anschauungen Saint-Simons — die großen 



i) ifetudes sor rteonomie politique. Tome premier, Paris 1837, p. 172, 173. Ange- 
führt bei Herkner, Die Arbeiterfrage, 1902. 

2) Neue Prinzipien der politischen Ökonomie. 



— 135 — 

Kaufleute und Industriellen über alles Maß mit öffentlichen Ehrungen 
auszuzeichnen, man ehre sie eher dann, wenn sie sich entschließen, 
ihre Tätigkeit überhaupt einzustellen. Aber abgesehen von diesen 
reaktionären Maßregeln, wie sie noch weiterhin ausmünden in den 
Vorschlag, die Gründung der Aktiengesellschaften zu erschweren, und 
die Entstehung großer Vermögen durch gleiche Teilung beim Erb- 
gang zu verhindern, vertritt Sismondi Reformideen, die ein durchaus 
modernes Gepräge besitzen. Der große, von Saint-Simon erstmals klar 
herausgearbeitete, freilich anders gestaltete G^anke, den auflösenden 
Tendenzen der modernen Kulturentwicklung einen wirksamen Damm 
vorzuschieben, wird auch von ihm vertreten: ,4'organisation de 
la societe humaine est notre ouvrage". Die Unternehmer 
sollen sich in genossenschaftlichen Verbänden zusammenschließen, denen 
die Aufgabe zufällt, durch die Ansammlimg von Geldbeträgen einen 
Fonds zu Unterstützungszwecken für den durch Krankheit, Unfall, 
Alter oder Arbeitslosigkeit hilflos gewordenen Arbeiter zu schaffen. 
Außerdem müssen Arbeiterschutzgesetze erlassen werden, und dem 
Arbeiter soll durch die Gewährung der Koalitionsfreiheit die Mög- 
lichkeit gegeben werden, auch durch eigene Kraft seine soziale Lage 
zu heben. 

Erst durch diesen Überblick über die ökonomische und soziale 
Entwicklung Frankreichs im Ausgang des achtzehnten und zu Begfinn 
des neunzehnten Jahrhunderts sind wir in den Stand gesetzt, die histo- 
rische Bedingtheit der weiteren Lehren Saint-Simons zu begreifen und 
der Eigenart seiner Denkerleistung gerecht zu werden. 

b) Die geschichtsphilosophische Grundlegung. 

Die intellektualistische Geschichtsauffassung. 
Es ist das unvergängliche Verdienst Saint-Simons, daß er in seinem 
Bestreben, die kulturelle Wesensbestimmtheit seiner Zeit zu erfassen, seine 
Zuflucht zu der Geschichte genommen hat, in der wohlbegründeten Er- 
kenntnis, daß das soziale Sein durch bewußt menschliche Einwirkung 
fortschrittlich ausgestaltet werden könne nur dann, wenn die Richtlinien 
seiner imm£menten Auswirkung durch eine historische Betrachtungsweise 
festgelegt sind. Gewiß hat er das methodische Prinzip einer Ableitung 
der Politik aus der Greschichte von Turgot und Condorcet übernommen, 
aber neu und von grundlegender Bedeutung für die Folgezeit war die 
Art, in der er es versucht hat, den Charakter der modernen Zeit- 
verhältnisse zu erklären. Weit über die Leistungen seiner beiden ge- 
schichtsphilosophischen Vorgänger hinausgehend, die, bei aller Bedeutung, 
die ihrer Formulierung des geschichtsphilosophischen Problems zukommt, 
in einer noch rein deskriptiven Weise die geschichtliche Mannigfaltig- 



— I3Ö — 

keit zu bemeistern suchten, stellt Saint-Simon den Grundsatz auf, daß 
die historische Wirklichkeit sinnvoller Erklärung unterzogen werden 
kann nur dann, wenn es gelingt, sie in einzelne Kulturstufen ein- 
zuteilen, deren Besonderheit durch das Vorherrschen eines fundamen- 
talen Prinzips bedingt wird. Damit wird den sozialen Krisen, wie sie 
sich nach Turgot und Condorcet im historischen Leben einstellen, ein 
methodisch außerordentlich fruchtbarer und wahrhaft sinnreicher Ge- 
halt gegeben. In dem stetigen Ablauf der historischen Ereignisse 
treten zufolge der Tatsache sozialer Neubildungen, die das menschliche 
Schaffen bewirkt, Zeiten ein, in denen die verschiedenen Kulturelemente, 
wie sie sich auf dem Grunde des einst primären gesellschaftlichen 
Prinzips herausentwickelt haben, im Widerstreit stehen mit den erst 
imi ihr Daseinsrecht kämpfenden neuen Lebenskräften. Damit wird das 
soziale Leben seiner einheitlichen Gestaltung beraubt, durch die es sich 
in den organischen Epochen auszeichnet, und ihm das Gepräge des 
Unabgeklärten, Verwirrenden, Unbestimmten gegeben. Es ist ein Ge- 
danke, der bei Saint-Simon im Hinblick auf die großen sozialen und 
geistigen Umwälzungen der modernen Zeit, deren scharf beobachtender 
Zeuge er zum Teil war, entstanden ist Man erinnere sich unserer 
einführenden Worte: vorbereitet durch die ökonomischen und wissen- 
schaftlichen Vorgänge, stellt die Revolution von 1789 den in keiner 
Epoche der Geschichte mit gleicher Schärfe und Deutlichkeit sich ent- 
ladenden Konflikt zweier Kulturepochen dar, indem die unversöhn- 
baren kulturellen Gegensätzlichkeiten in ihrer ganzen Ausschließlich- 
keit gegeneinander prallen. Und diesen Konflikt eben hat Saint- 
Simon in seiner Wesensart erkannt als einen im tiefsten Grunde des 
sozialen Geschehens verankerten Prozeß, der nicht, wie die ultra- 
montanen Reaktionäre meinten, durch die individuelle Willkür der 
von den Pfaden der Gottesfurcht abgewichenen Menschen hervor- 
gerufen wurde, sondern erfolgt ist unter dem Antrieb unaufhaltsam 
vorwärts drängender historischer Mächte. Dank seiner geschichtlichen 
Betrachtungsweise der kulturellen Erscheinungen spürt nun Saint- 
Simon darnach, das geschichtliche Leben in seiner Gesamtheit nach 
dem Grundsatz seiner Bedingtheit durch ein fundamentales Prinzip und 
dessen allmählicher Verdrängung durch ein anderes zu erklären, und 
gelangt so zu Ergebnissen, von denen wir einzelne schon kennen ge- 
lernt haben. 

In dem neuen Abschnitt seiner Denkarbeit, wie wir sie in den 
Grundzügen schon andeuten konnten, wird der geschichtsphilosophische 
Unterbau der organisatorischen Maßregeln unseres Philosophen in seinem 
ganzen Umfamge beibehalten. Ja, er erfährt eine fruchtbare Ergänzung 
insofern, als unter der Einwirkung der modernen ökonomischen Fort- 
schritte die einheitliche Erklärung der kulturellen Phänomene auf- 



— 137 — 

gegeben und dem intellektuellen Momente das ökonomische als weitere 
historische Grundkraft beigeordnet wird. 

So wird der Wesenscharakter der modernen Zeitverhältnisse, den auf- 
zuhellen auch fürderhin die Hauptaufgabe Saint-Simons bleibt, gekenn- 
zeichnet durch die stetig fortschreitende Diu-chdringung der Lebens- 
verhältnisse mit dem Geiste der Wissenschaft einerseits, der Industrie 
andererseits, und es wird geboten sein, neben der ökonomischen auch 
die intellektualistische Geschichtsinterpretation, die nun eine beträcht- 
liche Erweiterung erfahren hat, selbst wenn wir Bekanntes nochmals 
wiederholen müssen, zu analysieren, um eine geschlossene Ansicht der 
gescjiichtsphilosophischen Ideen des Denkers zu gewinnen. 

Schärfer als früher wird, unter der Mitarbeit von August Comte nun, 
mit der alten deskriptiven Richtung der Geschichtsforschung abge- 
rechnet, und schärfer werden die Eigentümlichkeiten der neuen Be- 
trachtungsart herausgehoben. 

Die Geschichte hat man, so wird im Organisateur in Anlehnung 
an die früheren Untersuchungen Saint-Simons ausgeführt, das Brevier 
der Könige und der Völker genannt Das ist nun eine unbestreitbare 
Tatsache, und es ist weiterhin unbestreitbar, daß, wenn die historischen 
Werke schlecht abgefaßt sind, die Völker und Könige viele Fehler 
begangen haben müssen, und daß sie weiterhin viele Fehler begehen 
müssen, solange die geschichtliche Interpretation eine ungenügende 
ist Alle Geschichtswerke nun, so wird behauptet, die bis jetzt ge- 
schrieben worden sind, tragen den Makel der Unvollkommenheit an 
sich, und zwar aus folgenden Gründen. Alle Wissenschaften müssen 
darauf hinausgehen, die Mannigfaltigkeit der uns gegebenen Tatsachen 
zu ordnen, ihre Gegenseitigkeitsbezidiungen aufzuweisen und allgemeine 
Gesetze aufzustellen. Die bisherige Geschichtsschreibung läßt sich 
nun noch keineswegs von diesen unabwendbaren methodischen For- 
derungen bei der Deutung des geschichtlichen Seins leiten. Anstatt 
das gesellschaftliche Leben in der Gesamtheit seiner Auswirkungen in 
den Kreis der Forschung einzubeziehen, hat man aus der Geschichte 
einen Zweig der Literatur gemacht und sie zu einer Biographie der 
Gewalt gestaltet, in der die Nationen als willenlose Werkzeuge und 
Opfer auftreten, während nur hier und da einzelne episodische Be- 
merkungen auch über die Zivilisation der Völker in diesen geschmack- 
losen Gemälden der Hinterlist und der Gewalt sich eingestreut finden. 
Gewiß hat Hume den Gang der Zivilisation mehr als alle anderen seiner 
Vorgänger berücksichtigt und tiefgründige Erkenntnisse zu Tage ge- 
fördert; doch ist von einem völligen Bruch mit der hergebrachten 
Methode keine Rede. Gewiß ist, daß in der letzten Zeit der Sinn für 
eine kulturhistorische Betrachtungsweise gewachsen ist. Aber immer 
noch versteht man es nicht, die historische Wirklichkeit in kultur- 



/ 



- 138 - 

geschichtlich charakterisierte Abschnitte zu zerlegen, sondern sdbst 
die besten Historiker halten noch fest an der alten Einteilung in 
D3niastieen und Regierungen, gleichsam als ob die Greschichte nichts 
weiter als eine Biographie der souveränen Familien wäre. Auch 
Männer wie Lemontey, Raynouard, Volney und Daunou haben die 
von Saint-Simon erstrebte Reform der Geschichtswissenschaft nur an- 
gebahnt, nicht vollendet: sie haben nur einzelne Abschnitte der mensch- 
lichen Kultur, nicht diese in ihrer Totalität berücksichtiget 

Wahrhaft befruchtend aber seien die von Condorcet ausgegangenen 
Anregungen. Er habe in seinem Werk „Esquisse d'un tableau histo- 
rique des progres de Tesprit humain" das geschichtsphilosophische 
Problem in seiner vollen Klarheit erfaßt und sich dadurch ein unver- 
gängliches Verdienst erworben. Leider entspräche aber die Bearbeitung 
des geschichtlichen Stoffes keineswegs den von ihm aufgestellten Postu- 
laten: sein Werk sei ein unvollkommener Versuch geblieben, ein Ver- 
such allerdings, der die Ausführung der großen geschichtsphilosophischen 
Idee bedeutend erleichtert habe. 

Welches ist nun der neue Charakter, der der Geschichte verliehen 
werden soll? Wir wissen es schon. Sie mxiß aus dem Stadium rein 
deskriptiven Vorgehens in das wissenschaftliche übergeführt werden, 
wonach die Gesamtheit der historischen Tatsachen auf ihre gegen- 
seitigen Beziehungen hin geprüft werden müssen und nicht als ge- 
trennte Kulturelemente aufgefaßt werden dürfen. Um diese Beziehungen 
der Kulturformen aufzudecken, muß nach fundamentalen Kräften ge- 
spürt werden, die, wie alles geschichtlich Bedingte, in stetigem Wandel 
begriffen sind, und die mit dessen Ablauf neu gestaltend auch auf die 
übrigen, abhängigen Kulturmächte einwirken. Solche historische Grrund- 
tatsachen, welche die verschiedenen Äußerungsformen des Gesellschafts- 
lebens in ihrer Eigenart bestimmen, sind nach Sziint-Simon die philo- 
sophischen Ideen: „tout regime social est une application 
d'un Systeme philosophique". Besonders weist er auf die Ab- 
hängigkeit der Politik und der Moral von den philosophischen An- 
schauungen als den Konzentrationspunkten gleichsam der universalen 
Erkenntnis jeder Epoche hin: „Cest la philosophie qui a constitue les 
plus importantes institutions politiques." Und weiterhin: „Une sodete 
ne peut pas substituer sans idees morales communes; cette communaute 
est necessaire au spirituel, que Test, au temporel, la communaute 
d'interets. Or, ces idees ne peuvent etre communes, si elles n'ont pas 
pour base une doctrine philosophique universellement adoptee dans 
Tedifice social; cette doctrine est la clef de la voüte, le lien qui unit et 
consolide toutes les parties." Also ist die Philosophie bei Saint-Simon 
weit mehr als eine Sache der Erkenntnis allein: sie ist die alles be- 
zwingende Lebensmacht, die, erwachsen in dem Erdbereich der stets 



— 139 — 

sich mehrenden Kenntnisse, mithin mit deren Veränderung das gesamte 
kulturelle Leben umwälzt und dieses, freilich erst nach heftigen Er- 
schütterungen, in Einklang mit den bestimmenden intellektuellen Grrund- 
lagen der Kultur setzt Dabei ist interessant zu sehen, wie sich bei 
Saint-Simon die Idee der Abhängigkeit der Kulturformen von den 
injtellektuellen Tatsachen verdichtet zu der Vorstellung, als ob durch 
das Gemeinschaftsleben Mächte entstehen würden, die als Kollektiv- 
kräfte gleichsam über den Menschen stehen und diese mit unbändiger 
Gewalt sich unterwerfen. August Comte führt diesen G^anken — 
den wir später auch bei Marx und Engels antreffen — im Organisateur 
näher aus. Es handelt sich, wie leicht zu ersehen ist, um eine etwas 
übertriebene Betonung des kollektivistischen Prinzips, wonach es nicht 
der einzelne, sei es auch der noch so große Mensch, ist, der die Zeit- 
verhältnisse gestelltet, sondern die Gesamtheit der schaffenden Glieder 
der Gesellschaft. Machtlos stehe der einzelne diesem Walten der 
Kollektivkräfte gegenüber, die er nicht etwa in eine andere Richtung 
zu lenken vermöge, sondern nur auf ihre Wirkungsweise untersuchen 
kann, um dann auf Grund der so gewonnenen Einsicht mitbestimmend 
in den Gang der vorgezeichneten Ereignisse einzugreifen. „La loi 
superieure des progr^ de Tesprit humain", so heißt es, „entraine et 
domine tout; les hommes ne sont pour eile que des instruments. Quoi- 
que cette force derive de nous, il n'est pas plus en notre pouvoir de 
nous soustraire ä son influence ou de maitriser son action que de 
changer ä notre gre Timpulsion primitive qui fait circuler notre planete 
autour du soleil. Les effets secondaires sont les seuls soumis ä nötre 
dependance. Tout ce que nous pouvous, c'est d'obeire ä cette loi (notre 
veritable Providence) avec connaissance de cause, en nous rendant 
compte de la marche qu'elle nous prescrit, au lieu d'etre pousses aveu- 
glement par elle"^). 

Mit diesem scharfen Hinweis auf die Unabwendbarkeit der histo- 
rischen Entwicklungstendenzen wird gleichzeitig die auch heute noch 
weit verbreitete Meinung zurückgewiesen, als ob der geniale Mensch 
im Stande wäre, aus sich heraus eine neue Kulturstufe zu schaffen, 
dergestalt, daß er den Plan der zukünftigen Entwicklimgsrichtung vor- 
zeichnet, während die Masse ihn einfach befolgt Dies ist niemals nach 
Saint-Simon der Fall. Immer haben die großen Männer im Sinne einer 
schon vorhandenen Tendenz des Geschehens gewirkt, sowohl die über- 
ragende Gestalt eines Luther, als auch die eines Leibniz *). Es war der 

i) Oeuvres, L'Oiganisateur, T. 20, p. 119. 

2) „Dans rhistoire de l'esprit humain, les g^n^tions et les hommes qui ont itb appel^ 
par la maiche g6n6rale des choses k faire les r6sum^ importants, k apporter la demiöre main 
auz perfecdonnements, ont toujours eu, auz yeux des contemporains et m^e de la post^itö, 
le caract^e crfaiteur." 



— 140 — 

große Irrtum der Gesetzgeber und Philosophen des Altertums zu glauben, 
daß es möglich wäre, den Gang der Zivilisation nach Gesichtspunkten 
zu gestalten, die individueller Meinung, nicht der Beobachtung des 
geschichtlichen Fortschreitens, entsprungen sind, ein Irrtum, dessen Ent- 
stehungsgrund darin zu finden ist, daß es in jenen Zeiten erst begin- 
nender Zivilisation unmöglich war, den Gang der Menschheitsentwick- 
lung schon zu erkennen. 

So aufgefaßt, gibt die philosophische Bearbeitung der geschicht- 
lichen Vergangenheit den einzig zuverlässigen Anhaltspunkt für eine 
zweckmäßige Einwirkung auf dcis soziale Leben, und in steter Berück- 
sichtigung dieses leitenden Gedankens hat Saint-Simon auch in den 
Schriften seiner letzten Periode es unternommen, vermittels seiner 
kulturhistorischen Methode die charakteristischen Stufen der historischen 
Evolution zu verfolgen. Es sind Ausführungen, die sich in den Grund- 
zügen mit den schon früher dargestellten decken, und wir sehen uns 
veranlaßt, sie hier wiederzugeben, einmal weil sie mannigfache wert- 
volle Ergänzungen bringen, dann auch, wie schon erwähnt, um ein 
volles Bild der Denktätigkeit des Philosophen auch in seiner letzten 
Schaffensperiode zu gewinnen. 

Das Grundelement des geschichtlichen Werdens ist also das intellek- 
tuelle Wissen. Vom Stande des Wissens jeder Epoche sind die religiösen 
Ideen abhängig, die als sozialisierende Mächte dem ges8unten Gesell- 
schaftssystem einen einheitlichen Charakter aufprägen. Saint-Simon 
unterscheidet drei Arten dieser „science religieuse": die Idolatrie, den 
Polytheismus und den Theismus. 

Über die Idolatrie läßt er sich hier nicht weiter aus. 

Mehr erfahren wir über die auf dem Polytheismus beruhende 
soziale Organisation, wie sie sich im alten Griechenland vorfindet Da 
fällt nun auf, daß die griechischen Stämme nicht etwa zu einer festen 
Volksgemeinschaft zusammengeschlossen waren, sondern in beständigen 
Kämpfen ihre Kräfte aufrieben. Woher kommt diese Erscheinung? Sie 
ist die Folge der Eigenart ihres religiösen Systems. Ohne einheitliche 
religiöse Anschauungen, fehlte den griechischen Stämmen das Mittel, 
das ihnen die nachdrückliche Verfolg^ung gemeinsamer Interessen er- 
möglicht hätte, und wie von Flecken zu Flecken sich Verschieden- 
heiten der religfiösen Ideen bemerkbar machten, so wechselten auch die 
Lebensäußerungen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Ihre 
Moral war zwar den früheren Völkern gegenüber weiter fortgeschritten, 
aber doch noch höchst unvollkommen. Nur die Glieder der einzelnen 
Völkerschaften betrachteten sich als zusammengehörig, während jeder 
andere, der einer solchen Völkerschaft nicht angehörte, £ds Fremder 
behandelt wurde. So hatten die Griechen, denen man so große Be- 
wunderung entgegenbringt, in dieser Hinsicht wenig die Zustände der 



— 141 — 

wilden Stämme des nordwestlichen Amerika überschritten. Dazu kam 
noch, daß die Philosophen verschiedene Moralgrundsätze lehrten, während 
doch das gesellschaftliche. Leben, soll es sich durch Festigkeit aus- 
zeichnen, von einheitlichen sittlichen Ideen beherrscht sein muß: „II 
n'y a point de societe possible sans idees morales communes." 

Es ist Sokrates gewesen, der den Theismus, die Lehre vom einzigen 
Gott, geschaffen hat. Dieser Übergang vom Polytheismus zum Theis- 
mus aber, der das Ergebnis fortschreitender Zivilisation war, hatte einen 
sozialen Konflikt zur Folge, der in den letzten Zeiten des römischen 
Systems in der verheerendsten Weise zur Geltung kam. 

Auch die soziale Organisation der Römer war ursprünglich a\if 
dem Polytheismus begründet. Mit der Zeit jedoch wurde dieser in 
seinem Bestände unterwühlt und die Gesellschaft in einen Zustand 
der kulturellen Anarchie übergeführt, deren Heftigkeit Saint-Simon 
einmal aus der großen Unwissenheit der Volksmassen erklärt, dann 
aber auch aus der Tatsache, daß die beiden in Widerstreit geratenen 
Religionssysteme zu „absolut" gewesen wären, als daß ein allmählicher 
Übergang des einen zu dem andern hätte stattfinden können. So trat 
eine vollständige Verwirrung der Ideen ein, die Pflege nationaler Güter, 
denen man einst seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, trat zurück, und 
die Selbstsucht bemächtigte sich aller Volksklassen. Beendigt wurde 
diese soziale Krisis durch die Entstehung des Christentums, das den Ab- 
schluß einer durch Sokrates eingeleiteten, dann durch die Platoniker 
fortgesetzten intellektuellen Umwälzung bildete. Seine bewunderns- 
werte Moral, der zufolge sich die Menschen als Brüder zu betrachten 
haben, machte es vorzüglich zur Schaffung eines sozialen Systems 
geeignet, das die verschiedensten Völker zu umfassen im stände war. 
Diese Gesellschaftsordnung ist die des Mittelalters, 

Saint-Simon sucht durch einen Vergleich mit den antiken sozialen 
Verfassungen die in den mittelalterlichen gesellschaftlichen Zuständen 
begründeten historischen Fortschritte zu kennzeichnen und stellt als 
Gesichtspunkte einer vergleichenden Beurteilung die folgenden auf: 

Die beste soziale Organisation ist nach ihm wohl diejenige, welche 
möglichst vielen Volksgenossen eine glückliche soziale Lage verbürgt, 
dann diejenige, welche dem Individuum ohne Rücksicht auf seine Her- 
kunft einen seinen Fähigkeiten angemessenen ungehinderten sozialen 
Aufstieg ermöglicht, weiterhin welche eine zahlreiche Bevölkerung um- 
faßt, gegen die Gefahr auswärtiger Feinde sicher wirkende Mittel der 
Abwehr besitzt, schließlich welche die größten Fortschritte in kultureller 
Hinsicht zu verzeichnen hat 

An diese etwas vagen Vergleichspunkte anknüpfend, führt Saint-Simon 
aus, daß die bei den Griechen und Römern weitverbreitete Institution 
der Sklaverei ein Beweis für die moralische Inferiorität jener Völker wie 



— 142 — 

für die gedrückte Lage der großen Mehrheit der antiken Bevölkerung 
sei. Kein Gesetz, keine sittlichen Ideen, keine religiösen Anschauungen 
waren vorhanden, die bestimmt gewesen wären, das Los des Sklaven 
zu verbessern, er war persönliches Eigentum seines Herrn, der in will- 
kürlicher Weise mit ihm schalten und walten konnte. Im Mittelalter trat 
nun eine entschiedene Besserung der Verhältnisse ein. Bedeutete doch 
die Hörigkeit eine Aufhebung der unbeschränkten Grewalt des Herrn 
über den Sklaven, indem der letztere von nun ab nur in einer mehr in- 
direkten Weise dem Grundbesitzer angehörte. Der Hörige war der 
Gewalt des Herrn keineswegs mehr wehrlos ausgesetzt, mußten doch 
Verbrechen an seiner Person, jede Tötung und Verstümmelimg durch 
eine Geldbuße gesühnt werden. Einen besonderen Einfluß auf eine 
menschliche Behandlung der Hörigen hatte vor allem das Christentum, 
das ja die Gleichheit aller Menschen vor Gott lehrt, sowie die dem 
Herrn immer drohende Gefahr, im Falle einer zu weitgehenden Be- 
drückung der Hörigen der Rache dieser wehrlos ausgesetzt zu sein. 

Bei den Griechen und Römern lag die öffentliche Gewalt fast aus- 
schließlich in den Händen der Patrizier. Priester, Auguren, Senatoren 
gehörten dieser bevorzugten Klasse an, während die Plebejer, von allen 
wichtigen Ämtern ausgeschlossen, meist Klienten der Herren blieben 
und so niemals dem Gesamtwohl in einer ihren intellektuellen Kräften 
entsprechenden Art sich nützlich machen konnten. 

Grundverschieden davon sind die mittelalterlichen Verhältnisse. 
Ein typisches Unterscheidungsmerkmal des Mittelalters vom Altertum 
besteht in der Trennung der geistlichen von der weltlichen Gewalt, 
derart, daß der ersteren die Wahrung der Allgemeininteressen der 
europäischen Völkergemeinschaft zufiel, während die weltlichen Re- 
gierungen die Einzelinteressen der Nationen pflegten. Weiterhin wurde 
im Mittelalter auch den unteren IClassen ein weitgehender Einfluß auf 
die sozialen Angelegenheiten eingeräumt, was sich darin zeigt, daß der 
Klerus größtenteils aus Plebejern bestand. Überhaupt ist die über- 
ragende Stellung der Geistlichkeit eines der hervorstechendsten Merk- 
male der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung. Unabhängig von der 
weltlichen Gewalt, war der Kirche freier Raum geschaffen für die 
ungehemmte Einwirkung auf die sozialen Verhältnisse. Diese Selb- 
ständigkeit ermöglichte ihr es, die selbstsüchtigen Regungen der ein- 
zelnen Nationen zu zügeln und die europäischen Völkermassen zu einer 
harmonischen Einheit zusammenzuschließen. So war das Kulturwerk 
des Klerus ein großes: „ces progres ont ete immenses, et ils ont place 
Tesprit humain a une hauteur beaucoup plus grande que celle oü il 
s'etait elev6 ä Tepoque la plus brillante des societes grecque et romaine.*' 

Auch hinsichtlich der Bevölkerungszahl wie der Weite der Aus- 
dehnung ihrer Wohnsitze können sich die beiden antiken Staaten, 



— 143 — 

sowohl Grriechenland als auch Rom, mit der europäischen Union des 
Mittelalters keineswegs messen. Und das ist leicht erklärlich. Das 
Vorherrschen antiphilanthropischer Grundsätze, wonach jeder Fremde 
als Barbar und Feind des Vaterlandes behandelt wurde, zog natürlich 
der Ausdehnung ihrer sozialen Organisation nicht wenig hemmende 
Schranken. War doch der Wahlspruch dieser Völker: „Für die Bar- 
baren das Schwert oder der Tod", ein Grundsatz, dessen rücksichtslose 
Befolgung die Vernichtung der antiken Gesellschaftsordnung nach sich 
zog. Denn die daraus entspringende Eroberungspolitik entfesselte jenen 
Ansturm der Barbaren, dem das römische Reich nicht widerstehen 
konnte. 

Die Durchdringung der mittelalterlichen Sozialordnung mit den 
Ideen der christlichen ReUgion führte zu ganz 2uideren Msißnahmen 
gegen etwaige äußere Feinde. Man ging darauf aus, mächtige Gregner 
— denn an solchen fehlte es keineswegs — nicht etwa mit barbarischer 
Strenge zu unterwerfen, sondern sie womöglich in das System der vor- 
handenen sozialen Organisation einzugliedern. So hat man von den 
Sarazenen den Rückzug in ihr Heimatland und dadurch den Frieden 
erzwungen, während man die Sachsen bekehrt hat 

Zur Erläuterung des letzten Vergleichspunktes weist Saint-Simon 
darauf hin, daß, wie den Alten die Fähigkeit tief dringender Beob- 
achtung, so auch die Methode exakten, wissenschafdichen Forschens 
fehlte. Auch ihre Moral und Politik ist unentwickelt gewesen. Zwar 
soll es eine „morale generale" gegeben haben, aber diese hatte niu: 
einen theoretischen Wert: man war sich nicht klar, „que la morale 
generale etait la science qui devait regier l'action de la societe". Bei 
einer solchen Trennung der Moral von der Politik konnte erklärlicher- 
weise im Altertum ein einheitlicher und straffer Aufbau der Gesell- 
schaft nicht vollbracht werden, wie dieses im Mittelalter der Fall war; 
wozu noch beigetragen hat, daß die den größten Einfluß ausübende 
militärische Klasse, der auch jede eigene industrielle Tätigkeit als eine 
Herabwürdigung ihres Standes erschien, zur Festlegung gemeinsamer, 
die Nachbarvölker einigender Interessen unfähig war. 

Das war im Mittelalter ganz anders. Gerade der sittliche Haupt- 
bestandteil des Christentums, die Idee der Gleichheit aller Menschen 
also, diente hier als leitendes Prinzip der sozialen Organisation, und 
Männer wie Karl der Große, Alfred und Gregor haben sich in dem 
Bestreben, das gesellschaftliche Dasein nach christlichen Gesichtspunkten 
aufzubauen, unsterbliche Verdienste erworben. 

So zu einer kräftigen, durch die Zentralgewalt der Geistlichkeit 
zusammengehaltenen Konföderation geworden, konnten die einzelnen 
Staaten, vor feindlichen Angriffen nun sichergestellt, den weiteren 
inneren Ausbau des sozialen Systems ungehindert fortsetzen. Man be- 



— 144 — 

tätigte so die einst der äußeren Politik zugewandten Klräfte in einer 
Richtung, in welcher sie in der „positivsten" Weise der Förderung des 
allgemeinen Wohles zu gute kamen, nämlich auf dem Gebiet der In- 
dustrie und der Wissenschaft Dort waren es die plebejischen Laien 
vornehmlich, hier die plebejische Geistlichkeit, die um den Erfolg wett- 
eiferten. 

Mit den Bestrebungen der letzteren begann die Entfaltung eines 
bisher zwar schon vorhandenen, aber nur in den Rudimenten ausge- 
bildeten Momentes, insofern als sie in Europa die Aufnahme und er- 
folgreiche Fortsetzung jener Studien bedeuteten, durch die die Araber 
ihre hervorragende kulturelle Stellung begründet haben. Denn es ist ein 
großer Irrtum, der Ansicht zu huldigen, daß der Klerus keinen Anteil an 
der wissenschaftlichen Forschung gehabt hätte, und nur Unkenntnis 
der wirkUchen Lage der Dinge vermag die Verdienste der Kleriker zu 
verkleinern. Weiß man aber, daß die physikalischen und mathematischen 
Wissenschaften ein Feld fruchtbarer Betätigung der Geistlichen waren, 
daß selbst ein Roger Baco, der größte Physiker jener Zeit, das Mönchs- 
gewand trug, daß auf der anderen Seite das Laienelement an den be- 
deutenden wissenschaftlichen Entdeckungen kaum einen Anteil hatte, 
so erhellt daraus klar die einflußreiche zivilisatorische Stellung des 
IClerus, und es ist nicht zu weit gegangen zu sagen, daß die Existenz 
desselben bis zum fünfzehnten Jahrhundert der menschlichen Gesell- 
schaft nicht nur außerordentlich nützlich, sondern daß der Fortschritt der 
Zivilisation einzig und allein ihm zu verdanken war. 

Auch die großen Entdeckungen und Erfindungen des fünfzehnten 
Jahrhunderts, die Erfindung des Kompasses, des Buchdrucks, die Fort- 
schritte in der Schiffahrtskunst, die Entdeckung Amerikas, die Theorieen 
des Kopemikus, sie alle hingen sehr enge mit den erwähnten Leistungen 
der Geistlichkeit zusammen. „Ces grandes decouvertes ne sont jamais 
dues au hasard ; elles sont toujours une suite de travaux qui ont prepare 
l'esprit humain ä les concevoir ou ä les apercevoir" *). 

Es ist also ein großer Anteil, den Saint-Simon der Geistlichkeit 
an der Ausbildung der menschlichen Kultur zukommen läßt. Aber — 
seltsame Fügung des Schicksals — es ist der Anteil an der Ausführung 
eines Werkes, dessen Vollendung die soziale Grundlage, auf der die 

i) Quelques opinions philosophiques, T. XXXIX, p. 51 ff. Saint-Simon ist entzückt 
von der intellektuellen Kraftentfaltung, die er im fünfzehnten Jahrhundert vorzufinden glaubt : 
„L'6poque du XV» si^cle a 6t6 le plus m^morable de toutes les 6poques de Tesprit humain; 
tous les travaux pr6c^ents ne doivent £tre consid^r^ que comme des Operations pr61iminAires 
et pr^paratoires ; il semblerait qu*ä cette 6poque tous les grands hommes qui avaient exist6 
soient sortis du tombeau, et soient r^unis en une assemblde pour aviser aux moyens de faire 
concourir toutes les capacit6s intellectuelles k ram^lioration du bien-etre de Tesp^ce humaine. 
C'est seulement k cette 6poque que les hommes ont possM^ tous les instruments intellectuels 
n^cessaires pour combiner leurs forces et leurs capacit6s dans toutes les directions padfiques." 



— 145 — 

Geistlichkeit erwachsen war, mit Notwendigkeit untergraben mußte. 
Denn wenn aus dem intellektuellen Fortschritte die übrigen Lebens- 
äußerungen der Gesellschaft ihren Gehalt empfangen, so ist einleuchtend, 
daß die soziale Orgcinisation des Mittelalters, entsprossen wie sie ist auf 
dem Untergrunde der im Altertum entstandenen christlichen Ideen, in 
Widerstreit geraten mußte mit den neuen wissenschaftlichen Errungen- 
schaften. Notwendigerweise entwickelte sich so eine auf die Zerstörung 
des theologischen Systems abzielende Strömung, deren Ursprung man 
bis zu der Einführung der Beobachtungswissenschaften durch die Araber 
nach Europa zurückführen kann. „L'introduction des sciences positives 
en Europe par les Arabes a cree le germe de cette importante revolution." 
Denn mit diesem Ereignis wurde der Gelehrtenwelt ein neues Feld 
wissenschaftlicher Betätigung eröffnet, und mit welcher Schaffenslust, 
mit welchem fieberhaften Eifer man sich den wissenschaftlichen Pro- 
blemen zuwandte, das zeigt die rasche Ausbreitung vieler Schulen, in 
denen die positiven Wissenschaften gelehrt wurden, die Errichtung von 
Observatorien, Sezionsinstituten, Naturalienkabinetten sowohl in Italien 
und Frankreich als auch in Deutschland und England. Es war die 
Zeit, in die das Wirken des schon erwähnten Roger Bacon fiel, jene 
Zeit, in der eine folgenschwere intellektuelle Umwandlung innerhalb 
der klerikcden Kreise, die sich diesen wissenschaftlichen Bestrebungen 
immer weniger verschlossen, vor sich ging. Denn auch sie erkannten 
„die Überlegenheit des Positiven über das H)rpothetische, der Physik 
über die Metaphysik", und selbst einflußreiche Geistliche, unter anderen 
zwei Päpste ließen sich von arabischen Professoren in die Geheimnisse 
der Wissenschaften einweihen. So kann man im Hinblick auf dieses ge- 
lehrte Treiben sagen, „daß in dem Zeitpunkt, in welchem das theologische 
System definitiv organisiert war, die Elemente einer neuen Organisation 
sich zu bilden begannen"^). Und zwar ist dies leicht erklärlich. Ist es 
natürlich, daß in einer Epoche, in der die Wissenschaften noch hypo- 
thetisch sind, die geistliche Gewalt in den Händen der Theologen als 
den einzigen der wissenschaftlichen Forschung zugewandten Gelehrten 
liegt, so ergibt sich, daß mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen 
Entwicklung der Übergang der geistigen Macht auf die neue wissen- 
schaftliche Kapazität, die der theologischen überlegen ist, unvermeid- 
lich wird. 

Behält man diese Vorgänge im Auge, so fällt es nicht schwer, der 
historischen Größe Luthers gerecht zu werden. Im Bewußtsein der 
durch die Zunahme der wissenschaftlichen Kenntnisse bedingten Über- 
lebtheit des Papsttums hat er sich die große Aufgabe gestellt, an die 
Steüe dieser Institution eine neue, den Zeitverhältnissen angepaßte zu 



i) L'Oiigaxiisateur, a. a. O. p. 85 ff. 
Muckle, Henri de Saint-Simon. lO 



— 146 — 

setzen. Es ist ihm dies allerdings nicht gelungen und konnte ihm nicht 
gelingen, solange er an eine Wiedereinführung des Urchristentums, 
das doch seine Dienste der menschlichen Gesellschaft schon längst getan 
hatte, dachte^). Aber dies tut seiner historischen Bedeutung, die eben 
wo anders als auf dem Gebiet organischen Aufbauens beruht, keinen 
Eintrag. Denn Luther hat, trotz seiner Verkennung der wahren ge- 
schichtlichen Stellung des Christentums, durch seine kühne und von 
Erfolg begleitete Kritik der bestehenden Ordnung den geschichtlichen 
Werdeprozeß in bedeutsamem Maße beschleunigt. 

Luthers gegen das päpstliche Regiment gerichtete Agitation be- 
stand darin, daß er ihm vorwarf, die christliche Moral eingeschränkt, 
namentlich die proklamierte Unfehlbarkeit des Papstes mißbraucht zu 
haben*). Ganz besonders aber untergrub er das Fundament des theo- 
logischen Systems durch das von ihm — im Gegensatz zur blinden 
Unterwerfung unter das päpstliche Dogma — geforderte Recht der 
freien Prüfung, das sich einer allgemeinen Billigung erfreute. Auf 
diese Weiset hat Luther im Verein mit den übrigen Refor- 
matoren Europa desorganisiert, und wenn in einzelnen katho- 
lisch gebliebenen Ländern die geistliche Gewalt ein weiteres Dasein 
fristete, so beruht dieses darauf, daß sie, wohl fühlend, daß die Zeit 
ihrer unabhängigen Herrschaft vorüber war, sich in den Dienst des 
Königtums stellte, „en lui offrant Tappui de ces memes doctrines par 
lesqueUes il Tavait autrefois domine*'*). 

Auf eine ebenso wirksame, nur mehr indirekte Art setzte die Zer- 
störung der geistlichen Macht von einer anderen Seite her noch ein, 
nämlich von selten der Wissenschaft. Da war es einmal die im Ge- 
folge der zunehmenden Bedeutung der Einzelwissenschaften eingetretene 
Erweiterung des menschlichen Horizonts, hauptsächlich gefördert durch 
die Entdeckung Amerikas und die Erfindung der Buchdruckerkunst^ 
welche die Propaganda Luthers unterstützte, dann aber auch die 
epochemachenden Ergebnisse der Forschungen eines Kopemikus und 
Galilei, die für sich allein schon genügt hätten, das theologische S)rstem 
zu vernichten. Es hängt dies letztere zusammen mit dem besonderen, 
von der Theologie statuierten Verhältnis des Menschen zum Unvisersum. 
„Tout le Systeme theologique est fonde sur la supposition que la terre 
est faite pour Thomme, et Tunivers entier pour la terre; 6tez cette suppo- 
sition et toutes les doctrines religieuses s'ecroulent ^." 



i) L*Orgaxusateur, a. a. O. p. 97. Quelques opinions philosophiques, T. XXXIX, p. 85. 

2) Quelques opinions philosophiques, a. a. O. p. 85, 86. 

3) L^Oiganisateur, a. a. O. p. 89. 

4) L*Oiganisateur, a. a. O. p. 90. 

5) L'Oxganisateur, a. a. O. p. 100. 



— 147 — 

Nun begründen aber jene großartigen Entdeckungen gerade die 
Nichtigkeit dieser theologischen Annahme; erscheint doch von ihrem 
Standpunkte aus eine solche Bevorzugung des Menschen als eine 
Absurdität, und für immer ist durch sie die Unvereinbarkeit der theo- 
logischen Lehre mit der modernen intellektuellen Kultur dargetan 
worden ^). 

Die Parallelerscheinung des wissenschaftlichen Fortschritts war dem- 
nach eine beständige Abnahme der sozialen Wirksamkeit der religiösen 
Lehre*), und wenn in der Folgezeit die geistliche Grewalt ihres gesell- 
schaftlichen Einflusses fast ganz verlustig ging, so war dies vornehmlich 
geschehen dank der rücksichtslosen Bekämpfung, die die neu ent- 
standene Klasse der Metaphysiker gegen sie eingestrengt hatte. 

Der soziale Beruf der Metaphysiker war, die gesellschaftliche 
Organisation des Mittelalters, nachdem sie zufolge der Fortschritte der 
Wissenschaften in ihren Grundfesten erschüttert worden war, vollends zu 
zertrümmern, irni Raum zu schaffen für eine neue Ordnung der Verhält- 
nisse. Mithin ist ihr Wirkungscharakter ein wesentlich negativer, und 
wenn man erwägt, daß auch die Tätigkeit der Reformatoren eine vorzüg- 
lich kritische gewesen ist, so kann man letzten Endes die Entstehung der 
Metaphysik bis in das sechzehnte Jahrhundert zurückverlegen. Erst das 
achtzehnte Jahrhundert aber ist die Zeit der Vorherrschaft des kritischen, 
metaphysischen Geistes: alle Zweige der Literatur haben sich, wie es in 
der „Industrie" heißt, zur Vollführung des großen Zerstörungswerkes ver- 
einigt, so daß sich die Theologie von allen Seiten Angriffen ausgesetzt 
fand. „Man prüfe die im achtzehnten Jahrhundert geschriebenen Werke, 
von den Abhandlungen Condillacs an bis zu den Liedersammlungen 
herab, und überall wird man das Vorherrschen des antitheologischen 
Geistes finden." Der entscheidende Schlag wurde dann von den Enzy- 
klopädisten geführt, die es verstanden hatten, in wirkungsvollster Weise 
dem kritischen Geiste Ausdruck zu verleihen. Unnachsichtlich haben sie 
jede mit dem theologischen System zusammenhängende Institution be- 
kämpft, ja sie haben sogar im Übereifer diesen Institutionen jede ge- 
schichtliche Bedeutung abgesprochen und sie schlechthin als Hemmnis 
des Fortschritts bezeichnet. Trotz dieser wohl aus einzelnen richtigen 
Beobachtungen erschlossenen überschnellen Verallgemeinerungen muß 
aber nach Saint-Simon die Tätigkeit der Metaphysiker, soweit sie der 
Zerstörung des alten Systems zugewandt war, als eine historisch frucht- 
bringende bezeichnet werden. „Es wäre absolut unphilosophisch, den 
nützlichen und weitreichenden Einfluß der Metaphysiker, soweit er sich 
auf die Abänderung des theologischen Systems erstreckte, nicht anzu- 



i) L'Organlsateur, a. a. O. p. 136. 
2) L'Oiganisateur, a. a. O. p. 137. 



— 148 — 

erkennen." Aber die Tragweite ihrer sozialen Nützlichkeit wird da- 
durch wieder eingeschränkt, daß sie bei der Arbeit des Kritisierens 
übersehen haben, daß ohne eine neue soziale Organisation, die die zer- 
störte zu ersetzen bestimmt ist, die menschliche Gesellschaft nicht be- 
stehen kann. Die Nichtberücksichtigung dieses eminent wichtigen Pro- 
blems des sozialen Aufbaues, wie die dadurch entstandene Planlosigkeit 
in der Beseitigung des alten Systems sind es gewesen, wodurch der 
schreckliche Aufstand von 1789 vornehmhch herbeigeführt worden ist 
Deshalb glaubt Saint-Simon berechtigt zu sein zu sagen, daß die Publi- 
kation der Enzyklopädie eine der Hauptursachen der Entstehung der 
französischen Revolution gewesen ist. 

Die ökonomische Geschichtsauffassung. 

L 

Gleichwie später Karl Marx, beeinflußt einmal durch das Studium der 
französischen Historiker und Sozialisten, dann aber auch dank seinem 
offenen Blick für die grundstürzenden sozialen Folgeerscheinungen 
der modernen Industrie, sich versucht sah, das ihm durch Hegel über- 
mittelte geschichtsphilosophische Schema mit neuem, lebenswirklichem 
Gehalte auszufüllen, ähnlich ist auch bei Saint-Simon unter dem Antrieb 
des nach den Störungen der Revolution wieder erwachten ökonomischen 
Lebens eine Änderung seiner geschichtsphilosophischen Grrundansichten 
eingetreten. Freilich, ohne daß es ihm gelungen wäre, die beiden nun 
gewonnenen Prinzipien historischer Erkenntnis — das ihm durch Con- 
dorcet vermittelte und das lediglich eigener Denkarbeit entsprungene — 
in einer höheren Einheit zu versöhnen. Der einstige historische Monis- 
mus, dem zufolge aus einem einzigen fundamentalen Tatbestand die 
ganze Mannigfaltigkeit der gesellschaftlichen Lebensäußerungen abge- 
leitet werden sollte, ist einem Dualismus gewichen, den auszugleichen 
der Denker nur in einzelnen Ansätzen unternommen hat 

Die allgemeinen Bestimmungen über den Erkenntniswert der Ge- 
schichte, ihre Führerrolle also vornehmlich bei dem Werk bewußter G^ 
staltung des kulturellen Seins, werden auch fürderhin von Saint-Simon 
beibehalten. Auch jetzt geht das Bestreben des Denkers darauf hinaus, 
die sozialphilosophische Eigenart der Gegenwart zu bestimmen, die 
konstituierenden Elemente des sozialen Geschehens, denen die fort- 
zeugende Kraft organisch gestaltender Wirkung innewohnt, bloßzulegen, 
um einen festen Untergrund für den Wiederaufbau der zerrütteten Ver- 
hältnisse zu gewinnen. Aber nun hat sich unter dem Ansporn uns 
bekannter Ursachen zu dem intellektuellen Moment das ökonomische 
als beherrschende Macht der menschlichen Lebensformen hinzugesellt, 
imd indem er nun versucht, durchdrungen von dem Condorcetschen 



— 149 — 

Greist, der ihn gelehrt, die Dinge im Fluß der Entwicklung zu be- 
trachten, dem Wandel der sozialen Ökonomie mit ihren Folge- 
erscheinungen nachzuspüren, vollzieht er eine wissenschaftliche Tat von 
grundlegender Bedeutung. Die aus der Annahme eines abstrakten 
Wirtschaftsmenschen entsprungene Ansicht der klassischen National- 
ökonomie: dciß es nur eine einzige, der überall gleichen menschlichen 
Natur konforme gerechte Rechtsordnung gebe, wird grundsätzlich über- 
wunden und gezeigt, wie die politischen und rechtlichen Ideen von 
der fundamentalen Tatsache wechselnder ökonomischer Bedürfnisse 
ihren Gehalt empfangen. Eines der wichtigsten und fruchtbarsten Be- 
standstücke der ökonomischen Geschichtstheorie Karl Marxens ist da- 
mit gewonnen und der bestimmende literarische Anstoß zu der all- 
mählichen Ausreifung dieser Geschichtsbetrachtung gegeben. 

Es ist auffällig und bezeugt die Unausgeglichenheit des geschichts- 
philosophischen Denkens Saint -Simons in seiner letzten Schaf fens- 
periode, daß er nicht niu* bei der Interpretation einzelner historischer 
Vorgänge, sondern auch bei der Bestimmung soziologischer Grund- 
begriffe, oder bei gelegentlicher Formulierung des dynamischen Problems 
das ökonomische Moment so sehr in den Vordergrund schiebt, daß es 
manchmal scheint, als habe er nur die formalen Grundsätze seiner 
früheren Geschichtsauffassung, eilso vor allem den Begriff fortschreitender 
Entwicklung der historischen Phänomene und die Annahme der kau- 
salen Bedingtheit der letzteren durch ein Urprinzip, in die neue Phstse 
des Denkens mit hinübergenommen. Dem steht nun freilich die in- 
tellektualistische Deutung der Kulturelemente gegenüber, aber als ein 
Symptom eines noch etwas unbeholfenen, tastenden Beginnens einer 
Ableitung aller Kulturäußerungen aus der sozialen Ökonomie bleibt 
der Saint-Simonsche Versuch immerhin eine historisch bemerkenswerte 
Tatsache. 

Für die neue Erklärung der geschichtlichen Wirklichkeit gelten 
also die schon in der „Denkschrift über die Wissenschaft vom 
Menschen" entwickelten allgemeinen soziologischen Grundsätze: mithin, 
daß es Aufgabe des Historikers ist, die Verknüpfung der historischen 
Tatsachen nach dem methodischen Grundsatz ihrer Verursachung durch 
ein fundamentales Prinzip aufzuhellen, um so einen Einblick in die 
Tendenz des historischen Geschehens zu erhalten, und um auf Grund 
dieser Erkenntnis die Notwendigkeit auch der zu bewirkenden sozialen 
Neubildung aufzuweisen. Aber welche veränderte Gestalt haben nun 
die Triebkräfte des geschichtlichen Werdens! 

Die oft rasch wechselnden politischen Umbildungen, wie sie die 
französische Revolution nach sich zog, sind es gewesen, die Saint- 
Simon zu der Überzeugung verhalfen, daß zwischen dem Staat und 
der Gesellschaft wesentliche Unterschiede bestehen. Er hat beobachtet, 



— I50 — 

daß in Frankreich innerhalb fünfundzwanzig Jahren zehn verschiedene 
politische Konstitutionen ihr Daisein gefristet haben, und daß es deshalb, 
da trotz dieser Erscheinung eine durchgreifende Änderung der sozialen 
Lebesgrundlage sich nicht bemerkbar gemacht hat, ungerechtfertigt 
ist, der Form der Regierung einen so großen Wert beizulegen, wie 
es bisher geschehen ist^). Saint-Simon betrachtet vielmehr die politische 
Verfassung nur als etwas Sekundäres, nicht als die Basis der sozialen 
Organisation. Diese letztere besteht nämlich — und hierin be- 
kundet sich die veränderte Auffassung des sozialen Lebens — in dem 
Gesetz des Eigentums. „La loi qui constitue la propriete est la 
plus importante de toutes; c'est celle qui sert de la base a Tedifice 
sociale *)." „L*etablissement du droit de propriete et des dispositions pour 
le faire respecter est incontestablement la seule base qu'il soit possible 
de donner ä une societe^." 

War, wie wir früher gezeigt haben, das Gesetz der Fortschritte 
des menschlichen Geistes das fundamentale Gesetz, das die Gesellschaft 
in ihrer historischen Variation beherrscht, war es der Stand der wissen- 
schafüichen Kenntnisse, der jeder Epoche ihren Cheirakter gibt, und 
der Wechsel der allgemeinen Ideen die treibende Kraft des historischen 
Geschehens, so baut sich nach der zweiten Ansicht Saint-Simons die 
Gesellschaft im Gegensatz zu jenen ideellen auf „materiellen" Faktoren 
auf, nämlich auf der Industrie. Denn die Fortschritte der In- 
dustrie sind die fundamentalsten*), die Industrie ist die 
einzige Garantie der Existenz der menschlichen Gesellschaft, die einzige 
Quelle ihres Reichstums und Glücks, die „industriellen Ideen" ^) bilden 



i) L*Industrie, T. XVn, p. 228. Auch eine andere Beobachtung soll die Richtigkeit 
dieses Schlusses dartun: „II y a en Europe", schreibt Saint-Simon, „deux peuples qui vivent 
sous le pouvoir absolu d*un seul: ce sont les Danois et les Turcs. S*il y a quelque nuance 
h marquer, c'est qu*en Danemark le despotisme est plus fort qu^n Turquie, pulsqu'il y est 
l^al, constitutione!; et cependant sous la m^me forme du gouvemement, quelle diff^rence 
dans la condition des gouvem6s! U n*y a pas de peuple plus malheureux, plus vexd, plus 
battu, en im mot, plus injustement administr6 que le peuple turc; tandis qu'il n'en est pas 
un seul chez qui la libert^ soit de fait plus ^tendue qu'en Danemark, il n'y en a pas un 
seul, Sans en excepter PAngleterre, chez qui le pouvoir arbitraire se fasse moins sentir, chez 
qui Tadministration soitmoins coüteuse. D'oü vient cette diff^rence ? Ce n'est p>as sans doute 
la forme des gouvemements, puisque cette forme est la m^me de part et d'autre." 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 43, 82, 83. 

3) L'Industrie, T. XIX, p. 89. 

4) Man veigl. folgende, die Verschiedenheit der Auffassungen sch5n illustrierende Sätze : 
I. Les progr^ de Pesprit humain, les rövolutions qui s'op6rent dans la marche de 

nos connaissances donnent k chaque siMe son caract^re (Memoire sur la sdence 
de rhomme, Oeuvres choisies, T. 11, p. 255), und 
• 2. Les progrös de l'industrie sont les plus positivs de tous (Cat^chisme 
des industriels, T. XXXVII, p. 17). 

5) L'Industrie, T. XVHI, p. 13. 



— 151 — 

das notwendige, die Gesellschaft zusammenhaltende Band^), und die 
Nationen sind nichts anderes als Industriegesellschaften 2). „C'est dans 
l'industrie que resident, en derniere analyse, toutes les 
f orces reelles de la societe." 

Von diesem veränderten Standpunkt aus hat es nun Saint-Simon 
unternommen, freilich nicht in wohlabgerundeter Darstellung, sondern 
mehr in der Form meist flüchtiger Andeutungen, die ökonomischen 
Zustände namentlich des Mittelalters und der neueren Zeit in ihrer Ab- 
wandlung zu verfolgen und die aus dieser Änderung folgenden sozialen 
Folgeerscheinungen darzutun. 

Legen wir einmal, bevor wir die historischen Einzelheiten schildern, 
das methodische Fundament der neuen Betrachtungsweise der historischen 
Phänomene bloß. Da wird gezeigt, wie die Geschichte des aus- 
gehenden Mittelalters und der Neuzeit charakterisiert 
wird durch den zu immer größerer Gegensätzlichkeit sich 
ausweitenden Antagonismus zweier sozialer Systeme, die 
aber nicht etwa ihre Eigenart empfangen durch die Ver- 
schiedenheit ihrer intellektuellen Grundlagen, sondern 
durch die sie beherrschenden Wirtschaftsprinzipien. Dem 
feudalen System erwächst in dem stets zu größerer Be- 
deutung heranreifenden Industriesystem ein gefährlicher 
Gegner, der es zuletzt in seinem Bestände erschüttert. Es 
ist mithin ein sozialer Konflikt vorhanden, dessen Wesensgehalt darin 
besteht, daß der „Kopf" der Gesellschaftsordnung, wie es einmal heißt, 
feudal war, während das Fundament der Gesellschaft immer mehr 
industriell wurde; mit anderen Worten, der soziale Konflikt beruhte 
auf einem Widerstreit der alten Rechtsprinzipien mit der neu ent- 
standenen ökonomischen Grundlage des sozialen Lebens. Damit 
mußte also das Bestreben der Industriellen auf eine Änderung dieser 
Rechtsordnung gerichtet sein, und diese Verfolgung ihrer politischen 
Interessen, herausgeboren wie sie also aus ökonomischen waren, ge- 
schah in der Form von Klassenkämpfen. Worin lag nun die 
vorwärtsdrängende Kraft der industriellen Klasse begründet? Man 
höre diese überaus modernen Ausführungen: die Tatsache, daß 
die Industriellen nicht nur in den Besitz einer, auf dem 
sich stetig mehrenden Reichtum ruhenden großen 
sozialen Macht gelangten, sondern es auch verstanden, 
die positive Wissenschaft ihren Zwecken dienstbar zu 
machen, verlieh ihnen so jene kulturelle Überlegenheit, 
die ihnen, als einer aufsteigenden Klasse, die Kraft 



1) L'Industrie, T. XVIH, p. 165. 

2) L'Industrie, T. XVm, p. 69. 



— 152 — 

sieghaften Handelns verlieh. So waren die politischen 
Fortschritte einfach die Folge der ökonomischen. Ja in 
einzelnen Stellen sieht sich Saint-Simon selbst versucht, die Meta- 
physik des achtzehnten Jahrhunderts in Beziehung zu 
den Interessen der aufstrebenden neuen Wirtschafts- 
ordnung zu bringen, mithin auch die intellektuellen Tat- 
sachen aufzufassen als in ihrer Eigenart bestimmt durch 
ökonomische Prinzipien. Immer seien die Interessen der Indu- 
striellen, heißt es im „Systeme Industriel" ^), von Advokaten und Meta- 
physiken! verteidiget worden, \md auch August Comte, der Schüler 
Saint-Simons, drückt im Organisateur den gleichen Gredanken aus, in- 
dem er bemerkt, daß die Philosophen wie die geistliche so auch die 
weltliche Gewalt ihrer Kritik unterzogen hätten. 

Saint-Simon beginnt seine Untersuchung mit der Unterwerfung 
der Gallier diu-ch die Franken, deren historische Bedeutung er darin 
erblickt, daß durch sie eine Änderung in der bisher bestandenen Eigen- 
tumsordnung hervorgerufen wurde. Denn der Grund und Boden, der 
sich in den Händen der Gallier befand, wurde von den Franken okku- 
piert, welche zudem noch einen Anspruch auf die Produkte machten, 
die die Gallier mit ihrer Hände Arbeit herstellten. „Auf diese Weise 
ist die Festlegung des Eigentumsrechtes in Frankreich, die 
Beschränkung dieses Rechtes, die Art es auszuüben, ursprünglich von 
dem Sieger ausgegangen", d.h. es war die Eroberung, das Recht 
des Stärkeren, die Macht ausschlaggebend*). 

So standen also die Gallier vollständig unter der Oberherrschaft 
der Franken, die in ökonomischer und politischer Hinsicht alle Gewalt 
besaßen. Da man in jener, ganz von kriegerischen Kämpfen aus- 
gefüllten Zeit noch nicht den sozialen Wert der industriellen Tätigkeit 
zu schätzen wußte, betrachtete man deshalb die Industriellen nur als 
eine subalterne Klasse, so daß von einem politischen Einfluß dieser 
keine Rede sein konnte^. Aber diese Sachlage änderte sich bald. 
Trotz aller ökonomischen Bevormundung gelang es nämlich den 
Industriellen, ein kleines Vermögen zu erwerben, das sie diu-ch Fleiß, 
Geduld, Sparsamkeit und technische Fortschritte vermehrten. 
Indem nun die ICreuzzüge einerseits der herrschenden Klasse sehr 
bedeutende Kosten verursachten, die sie aus ihren Einkünften nicht 
bestreiten konnte, andererseits aber immer mehr die Einsicht zum 
Durchbruch kam, daß die Gebundenheit der Industriellen keineswegs 
das geeignetste Mittel zur Erzielung der größten Produktivität wäre, 
so entschloß man sich, den Galliern Freiheiten zu verkaufen,, wozu 

1) Du Systtoie Industrie!, T. XXI, p. 189. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 87. 

3) L'Oiganisateur, T. XX, p. 81, 148. I>u Systöme Industriel, T. XXI, p. 42. 



— 153 — 

außerdem noch Veranlassung gab der große Luxus, der durch die 
Kreuzzüge entstand und Geldnot erzeugte^). 

Hatte schon der Luxus an und für sich sehr befruchtend auf die 
Tätigkeit der Gewerbetreibenden eingewirkt, indem er den Außen- 
handel und die Fabrikation von Luxuswaffen erzeugte*), so waren 
für die industrielle Bevölkerung die Folgen der Befreiung von noch 
größerer Wichtigkeit insofern, als die durch sie erlangte individuelle 
Unabhängigkeit die Möglichkeit der Erreichung auch der kollektiven, 
d. h. der politischen Freiheit gewährte *). Begünstigte doch die Be- 
freiung den industriellen Aufschwung in großem Maße: sie schuf 
geradezu eine neue Fundamentierung des gesellschaftlichen Lebens. 
Man machte sich die Natur durch die Erforschung der sie beherrschen- 
den Gesetze dienstbar, schloß in der Erkenntnis der Unfruchtbar- 
keit der theologischen Ideen ein Bündnis mit den positiven 
Wissenschaften, weil angesichts der politischen Inferiorität der 
Industriellen dies das einzige Mittel zur Verbesserung ihrer sozialen 
Lage war*). Es blühte so Handel und Gewerbe, und das Ergebnis 
dieses ökomischen Aufschwunges war die Konzentrierung erheblichen 
Reichtums in den Händen der Industriellen, aber auch eine Zunahme 
ihres Einflusses imd Ansehens. Damit wurde wieder das Selbstbewußt- 
sein der Unternehmer gestärkt: die ihnen zugefallene wachsende ge- 
sellschaftliche Macht ließ die politische Unterdrückung als unerträglich 
scheinen und rief das Bestreben wach, selbst einen Einfluß auf die 
Leitung der Gesellschaft ausüben zu können*). Dies war die Ursache, 
daß die feudale Gewalt der Franken in ihrem Bestände immer mehr 
gefährdet wurde, wozu noch der Umstand nicht unerheblich beitrug, 
dciß die Hauptbeschäftigung der Feudalen, der Krieg, zusehends an 
sozialer Wichtigkeit einbüßte, und daß die Erfindung des Pulvers die 
kriegerische Erziehung, auf die man bisher großen Wert legte, ver- 
einfachte und die militärische Klasse in weitere Abhängigkeit von der 
das Pulver produzierenden Klasse der Industriellen brachte. Die Folge 
war eine beständige Verminderung des politischen Einflusses der 
Feudalität einerseits, ein andauerndes Wachsen der politischen Gewalt 
der Gemeinen andererseits^. „Les progrfes politiques du 
nouveau Systeme, quant au temporel, ont ete la conse- 



1) Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, p. i8, 19, 37. Du Systöme Industriel, 
T. XXI, p. 73. 

2) Catdchisme des industriels, T. XXXVII, p. 19, 37. 

3) L'Organisateur, T. XX, p. 82, 122. 

4) L'Organisateur, T. XX, p. 83, 123, 153. 

5) L*Oiganisateur, T. XX, p. 131. 

6) L'Industrie, T. XVIII, p. 166 f. L'Oiganisateur, T. XX, p. 125 f. Du Systeme 
Industriel, T. XXI, p. 75. 



- 154 — 

quence directe et necessaire de ses progres civils. A 
mesure que les communes ont acquis plus de richesses, 
plus de consideration et plus d'importance civile, elles 
ont aussi gagne en influence sur la direction generale 
de la societe, et en autorite poHtique directe^)." 

Natürlich mußte durch diese neue Machtverteilung auch das 
Königtum, das ja ursprünglich eine rein feudalistische Institution war, 
berührt werden^. Ludwig XI., ein willensstarker Herrscher, der sich 
zum Ziel setzte, das durch die großen politischen Vorrechte der Barone 
geschwächte Königtum mit möglichst großer Machtvollkommenheit 
auszustatten, sah ein, daß dies nur durch einen Bruch mit der Tradition, 
gemäß der er nur Primus inter pares war, erreicht werden könne: 
daß nur eine vollständige Emanzipation von dem Feudalismus die könig- 
liche Gewalt zu stärken vermöge. Was war deshalb natürlicher, als 
daß er sich mit den Industriellen, die ja ebenfalls die feudale Gewalt 
zu vernichten erstrebten, verband, aber auch, daß die Industriellen 
selbst einer Allianz mit dem Königtum nicht abgeneigt waren ! Genug, 
eine solche kam durch dieses Solidaritätsbewußtsein zu stände. Ludwig 
wurde nun König der Gallier, anstatt Führer der Franken zu bleiben^). 
Die erhofften Vorteile der Industriellen konnten große sein. Man 
glaubte an die durch das neue Bündnis ermöglichte Beseitigung der 
vielen Schranken, die innerhalb des Landes vorhanden waren und dem 
Handel hindernd in den Weg traten, vor allem wünschte man die 
erste Klasse der Gesellschaft zu werden, sowohl zur Befriedigung der 
Eigenliebe, als auch der materiellen Vorteile wegen, die 
man durch die Schaffung neuer Gesetze erreichen könnte, 
ein natürliches Streben nach Saint-Simon, da ja die Ge- 
setze immer eine Handhabe der egoistischen Interessen- 
wahrung derer sind, die sie machen*). 

In dieser Weise waren die folgenden zwei Jahrhunderte ausgefüllt 
mit einem Kampf zwischen dem Königtum und den großen Vasallen, 
den industriellen Unternehmern und den Adeligen, ohne daß die Macht 
des Adels vollständig gebrochen worden wäre. Erst unter Ludwig XIV. 
trat hier eine grundsätzliche Änderung ein, indem die Aristokraten 
Bediente des Königs wurden. „Enfin la nombreuse classe des ouvriers 
n'eut plus d'autres chefs dans ses travaux que des hommes sortis de 
leurs rangs et que leur capacite ou leur fortune avait mis en etat de 
se constituer entrepreneurs de quelque Operation industrielle." 

1) L'Organisateur, T. XX, p. 131. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXn, p. 4. Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. 20. 

3) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 41. Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, 
p. 126. Quelques opinions philosophiques, T. XXXIX, p. 88. 

4) Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. 22. 



- 155 — 

Um jeden Einfluß des Adels auf die friedlichen Arbeiten der 
Industriellen zu verhindern, sollen diese nach Saint-Simon zu einem, uns 
etwas sonderbar anmutenden Mittel gegriffen haben. Die Gallier suchten 
die Adeligen in ihren Schlössern auf, machten sie auf ihr wenig be- 
neidenswertes Dasein, das durch das isolierte Wohnen aller Schönheit 
Tberaubt sei, sowie auf die ihrem Stande durchaus unwürdige Übemaüime 
wirtschaftlicher P'unktionen, wie sie die Bebauung ihres Eigentums mit 
sich brächte, aufmerksam. „Affermez vos terres**, sagten sie, „vous 
pourrez passer ITiiver dans les villes et Tete ä la campagne, sans 
Jamals avoir ä vous occuper que de vos plaisirs; dans les villes nos 
confreres, les fabricants, s'empresseront ä vous faire les meubles les 
plus riches et les plus commodes; les marchands vous etaleront dans 
leurs magasins les etoffes les plus convenables pour faire valoir les 
Charmes de vos epouses, et les capitalistes vous preteront de Targent 
quand vous en auriez besoin. L'ete quand vous viendrez dans vos 
chäteaux, vous n'auriez a vous occuper que du plaisir de la chasse, 
tandis que vos femmes s'amuseront ä faire cultiver des fleurs dans 
leurs parterres" ^). 

Die Adeligen überzeugten sich von der Güte des Vorschlags, sie 
befolgten ihn daher und verloren von diesem Zeitpunkte an ihre einstige 
große politische Bedeutung. 

Ludwig XTV. hat für die Förderung der ökonomischen Entwick- 
lung Grroßes geleistet. Hat doch seiner Anordnung gemäß Colbert 
seine kluge Politik, die vor allem auf eine Unterstützung der Gewerbe 
hinauslief, inauguriert, hat er doch weiterhin durch die Gründung der 
Akademie der Wissenschaften die fruchtbare Verbindung zwischen der 
„capacite scientifique" und der „capacite manufacturiere" hergestellt, 
freilich, um in den späteren Jahren seiner Regierung durch eine maß- 
lose Verschwendung der französischen Nation jene ungeheure Schulden- 
last aufzuladen, unter deren Joch sie so lange geseufzt hat^. 

1) Cat6chisme des industriels, T. XXiXVII, p. 23 f. Dühring sagt mit Recht 
(Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Sozialismus, 1875, S. 269), „daß als 
bloßes Symptom der Vorgänge die Anführung von derartigem erträglich und unter Umständen 
sogar passend ist; aber als ein Ersatz für die Angabc der wirklich bestimmenden Ursachen 
können solche Beschreibungen der Physiognomie veränderter Zustände nicht gelten**. Unrichtig 
ist aber, daß, wie Dühring schreibt, nach Saint-Simon die ganze Greschichtsentwicklung 
sich sehr leicht und gemütlich gestaltet hätte. Den Beweis für die Unzulänglichkeit dieser 
Auffassung wird die obige Analyse der ökonomischen Geschichtsinterpretation Saint-Simons 
in hinreichendem Maße erbringen. Nebenher sei hier bemerkt, daß Düh rings ziemlich ein- 
gehende Abhandlung über Saint-Simon in dem bezeichneten Werke noch manche andere 
Mängel, die hier alle zu berücksichtigen zu weit führen würde, enthält. Es sind größtenteils 
geistreiche Reflexionen, was Dühring über Saint-Simon bringt, nicht aber wird man eine 
zuverlässige Wiedergabe dessen, was Saint-Simon wirklich gelehrt hat, finden. 

2) L'Organisateur, T. XX, p. 139. Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, p. 36. 
Des Bourbons et des Stuarts, Oeuvres choisies, II, p. 439. 



- 156 - 

In diese Zeit fällt die Bildung eines neuen Industriezweiges, die 
der „Bankindustrie", welche die noch nicht einheitlich verbundenen 
Landwirte, Fabrikanten und Kaufleute finanziell und politisch organisiert 
hat, was ihr insofern möglich war, als ihre partikularen Interessen mit 
den allgemeinen jener drei Berufszweige übereinstimmten und diese 
dadurch gekräftigt haben ^). 

Unterstützt wurde der von den Industriellen inszenierte Des- 
organisationsprozeß durch eine Klasse, die sozusagen eine Mittelstellung 
zwischen dem Adel und den Industriellen einnahm: die Legisten. 
Ihre Entstehung führt Saint -Simon auf die durch die zunehmende 
Komplikation der gesellschaftlichen Verhältnisse, sowie auf die durch 
die Einführung des geschriebenen Rechtes bedingte Unfähigkeit der 
Barone zurück, den richterlichen Anforderungen, die an sie gestellt 
wurden, gerecht zu werden. Anfangs nur Ratgeber der Feudalen, 
erfreuten sie sich später vollständiger Unabhängigkeit und sprachen 
im Namen der fränkischen Abkömmlinge Recht 2). Historisch wichtig 
wurde diese Abtrennung der Jurisdiktion von der Feudalität dadurch, 
daß nun die Legisten sich auf die Seite der Industriellen stellten und 
den Kampf gegen den Adel wacker mitkämpften, dadurch ihnen also 
außerordentlich nützten. „L'abolition des justices feodales, Tetablisse- 
ment d'une jurisprudence moins oppressive et plus reguliere sont dus 
aux legistes. Que de fois, en France, Faction des parlements n'a-t-elle 
pas servi a garantir Tindustrie contre la f eodalite" *). 

Es nehmen in dieser Hinsicht die Legisten eine parallele 
Stellung zu den Metaphysikern ein, die das mit dem Feuda- 
lismus verbundene theologische System zu vernichten erstrebten. 

Was die französische Revolution betrifft, so war sie das 
Ergebnis tiefster sozialer Strömungen, die, vorbereitet seit Jahrhunderten, 
in radikalster Weise die ihnen entgegenstehenden alten Mächte zu 
beseitigen suchten. Einmal galt es, das mittelalterliche theologische 
System, das durch das Werk der Wissenschaften unterwühlt worden 
war, zu vernichten, und hier Wcir es die Metaphysik des achtzehnten 
Jahrhunderts, die mit unerbittlicher Kritik die alten geistigen Mächte 
angriff. Aber die Untergrabimg der religiösen Autorität war nur 
eine Seite des Schauspiels der Revolution, und es ist bemerkens- 
wert, daß der Denker an einzelnen Stellen ihre innerste Triebkraft 
in das ökonomische Interesse der aufstrebenden Industrie verleg^, zu 
deren Durchsetzung selbst die kritische Philosophie beigetragen habe. 



1) Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. 27 ff. Quelques opinions philosophiques, 
T. XXXIX, p. 89. 

2) Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, p. 36. 

3) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. 8, 9. 



— 157 — 

„Une revolution civile et morale, qui s'executait gra- 
duellement depuis plus de six siecles, a engendre et 
necessitÄ une revolution politique"^). „La revolution 
fran9aise avait pour cause fondamentale le changement 
des forces qui s'etait opere au temporel et au spiritueL" 
Mithin wäre die Revolution der im heftigen Ringen sich auswirkende 
Abschluß eines sozialen Antagonismus, wie er seit Jahrhunderten 
zwischen dem mittelalterlichen feudal-theologischen und dem aus diesem 
herausgeborenen industriell-wissenschaftlichen System bestand, ein Kampf 
zweier Kulturepochen, von denen die eine, weil ihre Grundlagen unver- 
einbar mit den neuerwachten Mächten des Daseins geworden waren, der 
unbezwingbaren Kraft dieser nicht widerstehen konnte. 

Saint-Simon sieht klar, daß es das unter dem Druck der politischen 
Bevormundung erwachte Freiheitsstreben war, das die Revolution 
hervorgerufen hatte, aber er bemerkt auch, daß es ein Freiheitsstreben 
ökonomischer Art war, nämlich das der Industrie. „L'interet politique", 
schreibt Thierry im ersten Band der Industrie, „debattu, est fix6 enfin 
par le resultat de la Revolution fran^aise et ramene a sa veritable 
nature; c'est l'interet de la liberte civile et l'interSt de 
l'industrie nationale"'). Oder, um Worte Saint-Simons anzu- 
führen: „une revolution dont le but etait manifestement, 
des Torigine, Torganisation d'un regime economique et 
liberal... C'est le succes de la cause industrielle, but 
reel, ä la v6rite, de la revolution." 

Femer durchschaut Saint-Simon, daß es nicht etwa die Industriellen 
und die Feudalen allein waren, die als sich bekämpfende Klassen 
während der Revolution einander gegenüberstanden, die Differenzierung 
der feindlichen Gruppen war vielmehr verwickelter. Die Industriellen, 
meint er, die Interesse an der Wahrung des Friedens hätten, seien 
nicht schuld an den revolutionären Ausbrüchen, vielmehr sind diese der 
Mittelklasse oder der Bourgeoisie zu verdanken, über deren Gestaltung 
wir bald näher unterrichtet werden. 

Diese Mittelklasse hat sich volkstümlich gezeigt, solange sie auf die 
Unterstützung der Industriellen angewiesen war, um vermittels ihnen die 
Macht des Klerus und des Adels zu brechen, während sie, sobald sie 
selbst zur Macht gelangte, die reaktionärsten Gelüste zeigte. Weiterhin 
erkennt der Denker, wie die Idee der Freiheit und Gleichheit, die auch 
den unteren Klassen kräftigen Ansporn zum Handeln gab, und die 
man als ein Menschenrecht aufstellte, weil man Bürgerrechte bisher 
nicht kannte, zu sozialen Ergebnissen führte, die den anfangs ,4n- 



1) Du Syst^e Indiistriel, a. a. O. T. XXI, p. 78—79. 

2) L'industrie, a. a. O. T. XVIII, p. 65. 



- 158 - 

dustriellen" Charakter der Revolution verwischten. Brachten doch alle 
jene Versuche, welche die Wcthre Freiheit verwirklichen sollten, das 
Gegenteil der Freiheit, nämlich die T3a-annei der Jakobiner und den 
militärischen Despotismus. Der wahre Zweck der französischen Revo- 
lution, die Reform der politischen und sozialen Verhältnisse zum Wohle 
der Industriellen, sei so nicht erfüllt worden. Die einst allherrschenden 
Mächte des Feudalismus und der Theologie, trotzdem sie schon vor 
der Revolution geschwächt waren, machen — so zeigen die Zeitvephält- 
nisse es Saint-Simon — ihre Herrschaftsansprüche wieder geltend, und 
die Metaphysiker und Legisten, die eifrigen Streiter im Kampfe gegen 
die mittelalterlichen Gewalten, üben wieder einen weitgehenden Einfluß 
auk So schroff stehen sich die Parteien gegenüber, daß es scheint, als 
ob der soziale Konflikt, der zu dem Ausbruch der Revolution führte, 
wieder in der alten Heftigkeit erstanden wäre. Aber es scheint bloß 
so. Denn der Strom des geschichtlichen Werdens ist ein unaufhaltsamer, 
und wehrlos muß in dem Ringen der Zeit das Alte der vorwärts- 
drängenden Kraft des Neuen weichen^). 

IL 

Es ist bekannt, daß man Marx und Engels die Bedeutung von 
Entdeckern der ökonomischen Geschichtsbetrachtung beigelegt hat 
Aber davon kann keine Rede sein. Große Wahrheiten entstehen selten 
in fertiger Gestalt als Ergebnis wissenschaftlichen Forschens einer 
Einzelpersönlichkeit, sie sind in den meisten Fällen der glückliche Ab- 
schluß einer mit mehr oder weniger bewußten Klarheit unternommenen 



i) Es mag beiläufig erwähnt werden, daß Saint-Simon sogar die ökonomische Wesens- 
verwandtschaft der englischen Revolution und der französischen und selbst den charakte- 
ristischen Unterschied dieser beiden Bewegungen gesehen hat. Bei jeder handelt es sich, um 
Worte Karl Marxens zu gebrauchen, um den Si^ einer neuen Gresellschaftsordnung, der 
bürgerlichen. Saint-Simon: ,,La r^volution anglaise a impos^ aux nobles, aux lögistes, auz 
militaires, aux rentiers et aux fonctionnaires publics, Tobligation de diriger les affaires de la nation 
dans I'int6r6t de Pindustrie" (Oeuvres, Cat6chisme de industriels, T. XXXVII, p. 77). 
Bei der mächtigen Stellung, die dem Feudalismus und der Theologie noch zukam, konnte 
allerdings keine Rede davon sein, daß die Industrie sich in vollem Maße von den alten 
Mächten emanzipierte. „L^industrie, ayant constituö son pouvoir poUtique dans un tel 6tat 
de choses, a donc f orc^ment du se ressentir de cette influence anti-industrielle ; aussi s'est-elle 
trouv^e en subalterne dans tout ce qui touche aux grandes combinaisons politiques** (Oeuvres, 
L*Industrie, T. XIX, p. 49). Saint-Simon will also damit dartun, daß die englische 
Revolution auf demselben sozialen Boden entstanden ist wie die französische, aber im Hin- 
blick auf die Tatsache, daß sie sich weit früher ereignete, den Sieg des modernen Geistes 
über den mittelalterlichen nur teilweise davontragen konnte. Auch die unterschiedliche 
politische Stellungnahme des Adels in der Greschichte Englands und Frankreichs wird be- 
tont: „Chez les Anglais, c^est la f6odalit6 qui s'est li6e avec les communes contre Tautoritö 
royale, tandisqu*en France c'est la royaut^ qui s*est mise k leur t£te contre la puissance f6odale*' 
(Oeuvres, L'Oiganisateur, T. XX, p. 91). 



— 159 — 

Gedankenarbeit, die sich oft durch Generationen hindurchzieht. Wie 
Kant und Darwin vorher nur unsicher erfaßte Ideen geklärt haben, so 
hat auch der ökonomische Materialismus seine Geschichte, in der aller- 
dings Marx eine überragende Stellung zukommt Aber auch Saint- 
Simon bildet einen Markstein in diesem Entwicklungsprozeß historischer 
Erkenntnis, indem er es gewesen ist, der, wie wir zu zeigen suchen, 
den entscheidenden Anstoß zu der allmählich erfolgten Ausreifung der 
neuen Geschichtsauffassung gegeben hat 

Daß die Besonderheit der sozialen Gestaltung nicht das zufällige 
Ergebnis allein des subjektiven Ermessens der Individuen ist, ebenso 
daß eindeutig wirkende Momente, und unter diesen der Außenwelt an- 
gehörige Faktoren, von großer Einwirkung auf das gesellschaftliche 
Leben sind, hat man schon lange vor Saint-Simon gewußt Nicht nur 
hatte man in den klimatischen Verhältnissen, der Oberflächengestaltung, 
der geognostischen Beschaffenheit der Wohnsitze Potenzen von hervor- 
ragender soziologischer Tragweite erkannt, sondern auch die ökono- 
mischen Zustände und die aus diesen sich ergebenden menschlichen 
Bedürfnisregungen wußten einzelne Geister in ihrer eminenten Be- 
deutung für den Gang der sozialen Entwicklung zu schätzen. Ich denke 
hier vor allem an Vico, Montesquieu, Rousseau und Ferguson. 

Vico hat in seinem 1725 erschienenen Buche ^) trotz aller religiösen 
Vorurteile, die ihm unterlaufen, neben der Selbstsucht als subjektiver 
Triebfeder auch in der Ökonomie eine wichtige Kraft der Evolution 
erkannt, wie überhaupt eine hervorragende Gabe für die realistische 
Erklärung gesellschaftlicher Phänomene bekundet; will er doch „eine 
strenge Analysis der menschlichen Gedanken in Rücksicht auf die 
menschlichen Bedürfnisse oder Vorteile im gesellschaftlichen Leben" 
vornehmen*), und glaubt er doch, deiß der Verlauf der menschlichen 
Geschichte, der „bürgertümlichen Welt", weil ein Ergebnis mensch- 
licher Tätigkeit, auch der menschlichen Erkenntnis zugänglich sein 
müsse ^. In diesem Bestreben, den Gang der Geschichte in seiner 



i) Vico, Grrundzüge einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der 
Völker. Übersetzt von Wilhelm Ernst Weber 1822. Ich verdanke den Hinweis auf 
Vico dem geistreichen Buche Woltmanns über den historischen Materialismus (Der 
historische Materialismus von Ludwig Woltmann, 1900), wo in dem Abschnitt „Die 
Vorläufer der materialistischen Greschichtsauffassung*' das in den folgenden Blättern zu lösende 
Problem ebenfalls in Angriff genommen worden ist. Allerdings nur in Angriff genommen, 
da Woltmann, abgesehen davon, daß er einzelne Schriftsteller, die wichtige Bausteine für 
die Fundamentierung des ökonomischen Materialismus geliefert haben, nicht berücksichtigt, 
auch die dogmengeschichtlich wichtige Aufgabe einer Klarlegung des durch die einzelnen an- 
geführten Denker erzielten Fortschritts geschichtsphilosophischer Interpretation vemachlSssigt 

2) Vico, Gmndzüge einer neuen Wissenschaft, S. 191. 

3) A. a. O. S. 176, 193. 



— i6o — 

Sonderart zu begreifen, hat Vico einzelne Ideen geäußert, die, wie 
Woltmann sagt, „echt matericdistische Grundsätze der Geschichts- 
forschung bilden, welche Marx selbst geschrieben haben könnte". So 
wenn er auf den Einfluß der persönlichen Bedürfnisse auf die Gottes- 
verehrung hinweist^), oder selbst direkte Beziehungen zwischen der 
sozialen Ökonomie und der Religion zu finden wähnt: „Religion imd 
Anbau der Felder", schreibt er, „waren Produkte einer Ursache: die 
gepflügten Felder darum die ersten Altäre der Grottheit" *). 

Auch Montesquieus berühmtes Werk, Der G^ist der Gesetze (1748), 
enthält geschichtsphilosophische Gedanken, die an die ökonomische 
Geschichtsauffassung anklingen: der Denker konstruiert einen Zu- 
sammenhang zwischen den politischen Gesetzen und den Tatsachen 
des wirtschaftlichen Lebens („Die Gesetze haben eine sehr wich- 
tige Beziehung zu der Art und Weise, wie die verschie- 
denen Völker sich den Unterhalt verschaffen")^)» betont 
besonders in klarer Weise die Einwirkung der ökonomischen Tätigkeit 
der Völker auf die Staatsverfassung*) und in sehr interessanten Aus- 
führungen den bedeutsamen Einfluß der Handelstätigkeit auf die sitt- 
lichen Anschauungen*). 

Diesen Leistungen Vicos und Montesquieus schließen sich die Rous- 
seaus in seiner „Abhandlung über den Ursprung und über den Grund 
der Ungleichheit unter den Menschen" (1753) würdig an. Auch hier 
finden sich einige geschichtsphilosophische Prinzipien mit echt „materia- 
listischer" Färbung vor: Rousseau läßt bekanntlich die bürgerliche Ge- 
sellschaft mit der Entstehung des Privateigentums beginnen^, weist 
auf den Einfluß der Feldbearbeitung auf die Entwicklung der Künste 
hin^, weiterhin des Ackerbaues auf die Herausbildung der sittlichen 
Grundbegriffe®}, meint, „daß die Verteilung des Grund und Bodens 
eine neue Art von Recht hervorgebracht habe"®), wie er weiterhin in 
dem technischen Fortschritt ein treibendes Element des historischen 
Fortschreitens*^) und in der Berücksichtigung dieser technischen Ent- 
wicklung bei der historischen Interpretation „den Schlüssel zu unend- 



1) A. a. O. S. 5, 127, 196. 

2) A. a. O. S. 112, 404. 

3) Montesquieu, Der Geist der Gresetze, übersetzt von A. Fortmann, 1891, 
S. 6, 240, 241, 242. 

4) A. a. O. S. 279. 

5) A. a. O. S. 278. 

6) Rousseau, Abhandlung über den Ursprung und über den Grund der Ungleicfalieit 
unter den Menschen. Cottasche Bibliothek der Weltliteratur, S. 173. 

7) A. a. O. S. 153. 

8) A. a. O. S. 183. 

9) A. a. O. S. 184. 
IG) A. a. O. S. 181. 



— i6i — 

lieh vielen moralischen und politischen Problemen" erblickt, „die die 
Philosophen nicht zu lösen vermögen"^). 

Betrachtet man die von Marx gegebene Formulierung der öko- 
nomischen Geschichtstheorie als Maßstab, der gestattet, die Theorieen 
der einzelnen Denker, welche die Tatsachen der Greschichte in ihrem 
Zusannimenhange mit der sozialen Ökonomie zu erklären sich an- 
schickten, im Hinblick auf ihren Anteil an der Weiterbildung der 
ökonomischen Geschichtsinterpretation zu prüfen, so ist es Ferguson, 
der Schüler Montesquieus und Lehrer Adam Smith', der einen wich- 
tigen Baustein für den späteren Gedankenbau Karl Marxens geliefert hat. 

Die realistische Auffassung der Dinge, die Wäntig^ im Verein 
mit der evolutionistischen Betrachtungsweise an dem Verfasser der 
„Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft" zu 
rühmen weiß, hat Ferguson in der Tat zu einer bedeutsamen Höhe 
historischer Einsicht geführt: die Geschichte ist ihm nicht etwa die 
Realisierung „der Idee eines einzelnen Pläneschmieds", sondern „die 
Formen der menschlichen Gesellschaft stammen von einem dunklen 
und entfernten Ursprünge her, sie entspringen lange vor Entstehung 
der Philosophie aus den natürlichen Instinkten, nicht aus den Speku- 
lationen der Menschen". Die Verhältnisse leiten die große Masse bei 
ihren Einrichtungen und Maßnahmen, nicht die Ideen einzelner 
Persönlichkeiten'**). Diese nüchterne Betrachtung läßt den Denker zu 
einer hochwichtigen Entdeckung gelangen, die einen fundamentalen 
Bestandteil der Marxschen Geschichtstheorie bilden sollte, zu der 
Entdeckung der Klassenkämpfe als eines treibenden Elementes 
politischer Gestaltung und historischen Fortschreitens*). Die Klassen- 
scheidung ist nach Ferguson die Folge der Entwicklung der Ge- 
werbe und der Politik^, und das zusammenhaltende Band der in 
Klassen vereinten Individuen ist das persönliche Interesse einerseits, 
das Bewußtsein des Gegensatzes zu anderen Klassen andererseits^). 
Diese Geltendmachung der Klasseninteressen findet offensichtlichen 
Ausdruck in der Gestaltung der Regierungsformen, die „aus 
der Art und Weise hervorgehen, wie die Glieder des 
Staates ursprünglich nach Klassen geordnet sind"'), 



1) A. a. O. S. 203. Veigl. auch Conrad Schmidt im sozialistischen Akademiker, 
2. Jahiig., No. 8, S. 476. 

2) Siehe die Vorrede zu Ferguson, Abhandlung über die Geschichte der büigerlichen 
'Gesellschaft. Herausgegeben von Heinrich Wäntig. 

3) A. a. O. S. 170/71. 

4) A. a. O. S. 342. 

5) A. a. O. S. 211. 

6) A, a. O. S. 186. 

7) A. a. O. S. 187, 189. 

Jfuckle, Henri de Saint-Simon. II 



l62 — 

und die „eine so mannigfache Form und einen so verschiedenen 
Charakter erhalten, wie die zufällige Kombination so vielfältiger Par- 
teiungen sie erzeugen kann"^). 

Dies sind im wesentlichen die uns bekannten Leistungen kausaler 
Geschichtsinterpretation mit »^naterialistischer** Prägung, soweit sie vor 
dem Auftreten Saint-Simons zu verzeichnen sind. Welche Stellung in 
dem zu verfolgenden Prozeß dogmengeschichtlicher Herausbildung der 
fundamentalen Prinzipien der ökonomischen Greschichtstheorie nimmt 
nun Saint-Simon ein? 

Es ist einleuchtend, daß von einer Abhängigkeit Saint-Simons von 
den eben betrachteten Denkern keine Rede sein kann. Gewiß hat er 
sie alle, vielleicht außer Vico, gekannt, aber ebenso gewiß ist, daß die 
anregenden Momente, welche die Herausbildung seiner Geschichts- 
betrachtung bewirkt haben, wo anders zu suchen sind. Denn unter- 
zieht man die Schriften der Vorgänger Saint-Simons einer näheren 
Durchsicht, so ergibt sich, daß ihre von uns herangezogenen sozio- 
logischen Leistungen nichts anderes sind als gelegentliche Bemerkungen, 
die weder in ihrer wissenschaftlichen Bedeutsamkeit erkannt, noch 
konsequent als methodische Prinzipien historischer Interpretation ange^ 
wandt worden sind. Man hat es hier, wie August Comte einmal von 
Montesquieu sag^t, im allgemeinen mit einer Anhäufung von Tatsachen 
zu tun, die willkürlich den verschiedensten Gebieten der historischen 
Wirklichkeit entlehnt worden, und die in keiner Weise methodisch ver- 
knüpft sind: die geschichtlichen Grundsätze mit „materialistischer" Tendenz 
sind, vom Standpunkt ihrer Urheber aus, mehr Inkonsequenzen oder 
lose Anhängsel als logisch eingefügte Glieder ihres Systems kausaler 
Deutung der historischen WirkUchkeit Das ist bei Saint-Simon anders. 
Bei allem Mangel an Kraft zu geordnetem Denken hat dieser Geist 
in seinem Bestreben, die immanente Gesetzmäßigkeit der historischen 
Evolution zu enthüllen, nicht nur die methodischen Prinzipien seiner 
Forschungsart mit beachtenswerter Klarheit aufgestellt, sondern sie 
auch seinen historischen Betrachtungen zu Grunde gelegt Nicht, daß 
man es mit einer allseitig durchdachten, in zusammenhängender Weise 
formulierten soziologischen Theorie zu tun hätte. Neben skizzenhaften 
historischen Ausblicken muß man sich vielmehr meist begnügen mit 
gelegentlich hingeworfenen Bemerkungen allgemeiner Art, mit Ab- 
straktionen, die entstanden sind an der Hand einzelgeschichtlicher Be- 
trachtungen, und die sich daher eben auf einzelne Epochen, nicht auf 

i) A. a. O. S. 178. Einzelne Historiker des Altertums und der Renaissance sollen 
übrigens ebenfalls die Bedeutung der Klassenkämpfe, wie sie sich in den Zentren Wirtschaft» 
lieber und geistiger Regsamkeit, den Städterepubliken, abspielten, begriffen haben. (VeigL 
Labriola, Zur Erinnerung ans kommunistische Manifest, angeführt bei G. Plechanow, 
Über die Anfänge der Lehre vom Klassenkampf, Neue Zeit, 21. Jahrg., Bd. I, No. 9, S. 276.) 



- i63 - 

das soziale Sein in seiner Totalität beziehen. Aber doch ist ein großer 
Schritt nach vorwärts gemacht: will doch Saint-Simon aus der Meta- 
morphose der sozialen Ökonomie den Verlauf des kulturellen, nament- 
lich des politischen Lebens, für gewisse Perioden kausal begreifen, um 
auf Grund der so gewonnenen Einsichten die voraussichtliche Gestal- 
tung der Zukunft zu ermitteln. 

Ein französischer Schriftsteller, Cahen, hat nun neuerdings nach- 
weisen wollen^), daß die Klassenkampfidee, die er als „eines der fun- 
damentalen Bestandstücke des heutigen Sozialismus" bezeichnet, und 
die, wie wir wissen, auch bei Saint-Simon eine große Rolle spielt, 
schon von den Philosophen und Nationalökonomen der Auf klärungszeit 
herausgearbeitet worden sei Da er auf anderer Seite Zustimmung er- 
fahren hat*), so ist es geboten darzutun, daß Cahen dem Kenner der 
Greschichte der Nationalökonomie nicht nur nichts, oder nur wenig 
Neues gesagft, sondern auch bewiesen hat, daß der wahre Sinn der 
Klassenkampftheorie von ihm nicht erfaßt worden ist Es ist ange- 
zeigt seine Ausführungen hier kurz wiederzugeben, namentlich wo sie 
vortrefflich dazu geeignet sind, unter Hinweis auf sie das Charcikte- 
ristische der Saint-Simonschen Konzeptionen hervortreten zu lassen. 

Während im siebzehnten Jahrhundert die Klassenkampfidee un- 
bekannt gewesen sei, so belehrt uns Cahen, sei sie auf einen Denker 
des achtzehnten Jahrhunderts, auf Bolingbroke, zurückzuführen, der die 
Zerrüttung der englischen Verhältnisse, wie sie sich seit Ende des 
siebzehnten Jahrhunderts bemerkbar machten, mit der Herrschaft einer 
Partei begründet, die ihre Macht zur Wahrung ihrer persönlichen Inter- 
essen gebraucht und in rücksichtsloser Weise die Angelegenheiten der 
öffentlichen Wohlfahrt mißachtet hat 

Angeregt durch die noch vagen Ausführungen Bolingbrokes sei 
die Idee des Klassenkampfes dann in Frankreich zu immer größerer 
Klarheit ausgestaltet worden. Namentlich auch die französischen 
Nationalökonomen hätten in ihrem Bestreben, die Gefahren des Luxus 
und des Reichtums aufzudecken, zu den Argtmienten des Engländers 
gegriffen. Holbachs Lehren bedeuten schon einen beträchtlichen Fort- 
schritt gegenüber den Anschauungen Bohngbrokes: dieser letztere hat 
erkannt, daß ein schwerer Interessenkonflikt die Gesellschaft in zwei Par- 
teien teilt, aber er betrachtet diesen Konflikt mehr als Folge der Herrsch- 
sucht einer Anzahl Intriganten als im Grunde des sozialen Geschehens 
beschlossen. Dieses sei bei Holbach anders. Der Interessengegensatz, 
den er zwischen den Ackerbauern einerseits, den Kaufleuten und 



1) Revue de Synthöse historique (Februar 1906). 

2) Ernest Seilli^re, Der demokratische Imperialismus, Berlin 1907, S. 314. 



— 164 — 

Finanzleuten andererseits vorfindet, ist ein Gegensatz zwischen ver- 
schiedenen Berufsgruppen, ein Ergebnis der Arbeitsteilung also, welche 
die Gesellschaft in feindliche Klassen spaltet. Ähnlich verhalte es sich mit 
Quesnay. Die drei Schichten, die er unterscheidet, erhalten ihre Wesens- 
bestimmtheit durch die Sonderheit ihres ökonomischen Oiarakters. Die 
„classe productive" ist die Werte schaffende Klasse der Nation, die 
„classe des propri^taires" zehrt von dem Reichtum, den die Ackerbauer 
erzeuget haben, die „classe sterile" umfaßt alle übrigen Bürger, die Kauf- 
leute, Rentner u. s. w. Letztere werden als Feinde des Staates gebrand- 
markt, und besonders wird dem Hamdel und der Industrie ihre anti- 
nationale Tendenz vorgeworfen. Großgezogen durch einen sinnlosen 
Luxus, häufen die Manufaikturisten und Kaufleute Reichtümer an, ihre 
Tätigkeit bevölkert die Städte und benachteiligt dadurch das flache 
Land, dem sie überdies nur Verachtung entgegenbringen. Im „Ami 
des Hommes" wird dann dargelegt, daß das Privateigentum die Un- 
gleichheit der Vermögen mit sich führt, daß es die Vereinigung groSier 
Ländereien in wenigen Händen ermöglicht und so die Abhängigkeit 
der Masse der Bevölkerung von einer kleinen Anzahl von Reichen zur 
Folge hat Und habe nicht auch Rousseau gelehrt, daß die Gesetze 
„pour le profit de quelques ambitieux assujetissent desormais tout le 
genre humain au travail"? Auch Linguet war der tiefe Zwiespalt zwischen 
den arbeitenden Armen und den Besitzenden bekannt: „le pauvre doit 
toujours etre opprime par le riche, . . — celui qui travaille doit toujours 
servir celui qui possede." Turgot soll dann diesem Antagonismus zwischen 
Reichen und Armen eine bestimmtere Bedeutung gegeben haben, ja er 
habe selbst die Klassenkampfidee in ganz modemer Weise formuliert 
Er stellt die Kaufleute nicht mehr den Landbesitzern gegenüber, sondern 
er betrachtet sie als Angehörige einer großen sozialen Klasse, die 
durch den Gegensatz zu den Arbeitern ein einheitliches Gepräge em- 
pfängst: sie sind Kapitalisten, die auf die Arbeit jener angewiesen 
sind, die nichts ihr eigen nennen als ihre Arme. Ein beständiger 
Kampf obwaltet zwischen diesen beiden Gruppen, der Arbeiter ist darauf 
angewiesen, da er kein anderes Einkommen als seinen Lohn hat, dem 
Unternehmer seine Arbeitskraft anzubieten, und da dieser dem Arbeiter 
möglichst wenig bezahlen will und zufolge der gegenseitigen Kon- 
kurrenz der Arbeiter Gelegenheit hat, dem billigen Angebot den Vor- 
zug zu geben, so wird der Lohn des Arbeiters auf das für den 
Unterhalt Notwendige beschränkt Auch die bekannten Worte Adam 
Smith', wonach Unternehmer und Arbeiter in Sachen des Lohnes in 
stetigem Kampfe liegen, in welchem die ersteren als die Reichen 
und infolge der Gunst der Gesetze stets die Oberhand haben, führt 
Cahen als frühe Formulierung der Lehre vom Klassenkampf an. 
jyAdam Smith la reprend ä son compte, et la formule avec ime nettete, 



- 165 - 

une vigiieur 6tonnante" ^). Ebenso sei gelegentlich der Wahlen zu 
den Generalständen die Klassenkampfidee geäußert worden: man habe 
erkannt, daß der dritte Stand zwei feindliche Grruppen in sich birgt, 
die Bauern und die Bourgeois, welch* letztere mit Privilegien schon 
überreich bedacht sind, imd de Villiers habe als die einzig wahrhaftige 
demokratische Politik den Kampf gegen das Kapital bezeichnet, dessen 
Übermacht gebrochen werden muß, soll eine glückliche Lage allen 
zuteil werden. 

Ich habe es für nötig gehalten, die von Cahen vorgetragenen 
Lehren in der Hauptsache wiederzugeben, um an ihnen die Unhaltbar- 
keit einer Auffassung darzulegen, die weit verbreitet und in einer Hin- 
sicht selbst von Engels vertreten worden ist Unterzieht man die von 
Cahen angeführten Anschauungen einer kritischen Betrachtung, so fällt 
vor allem in die Augen der vollständige Mangel einer Einheitlichkeit 
in der Auffassung der Klassenkamipfidee, wie sie die einzelnen Denker 
vertreten haben sollen. Bei Holbach stehen sich Ackerbauer einer- 
seits, Kaufleute und Finanzmänner andererseits gegenüber, bei Quesnay 
Ackerbauer und Manufeikturisten, bei Rousseau einige ehrgeizige Reiche 
und die große Masse Unterdrückter, bei Lingnet Reiche und Arme, 
bei Turgot Kapitalisten und Arbeiter, und endlich werden Bourgeois 
und Ackerbauer als feindliche Psuteien erwähnt. 

Nun ist aber eine wesentliche Eigensut der von Karl Marx ver- 
tretenen Auffassung, daß das Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts 
durch den Antagonismus zweier um die Herrschaft kämpfender 
Klassen sein historisches Gepräge erhält, durch die Feudalen auf der 
einen Seite imd durch den dritten Stand, dessen führende Gruppe die 
später zur Macht gelangte Bourgeoisie ist, andererseits. Dieses Phänomen 
also hätten die obigen Denker, wenn sie Vorläufer der ökonomischen 
Greschichtsauffassung wären, als das beherrschende Prinzip der Zeit- 
geschichte erkennen müssen, als Symptom eines Widerstreits, der, 
ökonomischen Interessen entsprungen, das Bereich dieser überschreitet 
und sich ausweitet zu einem Konflikt zweier Kulturepochen überhaupt 
Die oben herangezogenen Gelehrten haben aber nichts anderes gekenn- 
zeichnet als vorhandene GegensätzUfchkeiten gewisser Berufsg^ppen oder 
von Arm und Reich, wobei die Betonung der Unterdrückungsgelüste 
der Mächtigen als Anklang an die Theorie des Marx wohl gedeutet 
werden kann, während sich sonst eine Übereinstimmung in den mate- 
rialen Prinzipien der Anschauungsweisen kaum vorfindet 

Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß in Epochen heftigen wirt- 
schaftlichen Widerstreits dem scharf bUckenden Auge die vorhandenen 
Gegensätze sich kund tun müssen, und es ist ebenso selbstverständlich, 



I) Cahen, a. a. O. S. 52. 



— i66 — 

worauf nachdrücklich hingewiesen werden mag, daß auch während der 
französischen Revolution, besonders zur Zeit der Konventsherrschaft, die 
ökonomische Seite der Bewegung durchaus erkannt wurde. Es ist 
deshalb ein unverdientes Lob, das Engels Saint-Simon zollt, wenn er 
es eine höchst geniale Entdeckung nennt, daß dieser in seinen „Briefen 
eines Grenfers" die Revolution als einen Klassenkaunpf zwischen Adel, 
Bürgertum und Besitzlosen aufgefaßt hat Schon 1789 wurde einzelnen 
Beobachtern der revolutionären Strömung ihr ökonomischer Grehalt 
offenbar. „Die Auflehnung gegen Adel und Greistlichkeit", heißt es 

einmal, „ist ebenso lebhaft wie allgemein An mehreren Orten 

fühlt man deutUch, daß die Bewegung nichts anders als ein 
den Besitzern erklärter Krieg ist"^). Pereire, Petion, Robes- 
pierre nennen ebenfalls den Wesensgehsdt der Revolution einen Ant- 
agonismus zwischen Besitz und Nichtbesitz ^, indem die Armen, wie sich 
Robespierre ausdrückt, sich endlich gegen die bisherige Reg^erungs- 
kunst auflehnen, die nichts anders war als „die Kunst, die Mehrheit 
zu Gunsten einer Minderheit zu berauben und dienstbar zu machen; 
die Gresetzgebung bildete nur das Werkzeug, mit dessen Hilfe die 
Übergriffe in ein System gebracht wiu-den"^. Burke, der Engländer, 
der in seinen schon in der Frühzeit der Revolution erschienenen Be- 
trachtungen über sie das Werk der Nationalversammlung einer Kritik 
imterzieht, versteht es ebenfalls, die wirtschaftliche Triebkraft aus den 
wechseh-eichen Ereignissen herauszuschälen. Die Gelehrten hätten, das 
ist seine Ansicht, einen Bund mit den Geldbesitzern geschlossen und 
durch ihr demagogisches Treiben — indem sie eine Vorliebe für die 
Armen erheuchelten, während sie andererseits die Fehler des Hofs, des 
Adels und der Geistlichkeit in den grellsten Farben malten — den 
Volkskörper zerklüftet. Als sie dann zur Herrschaft gdangten, da 
waren es natürlich nur ihre eigenen Interessen, die sie verfolgten, 
während sie unnachsichtlich die geistlichen Korporationen wirtschaft- 
lich schwächten. „Warum bemächtigte man sich nicht der Güter aller 
Greneralkontrolleurs? Warum nicht der Güter aller Minister, Finanz- 
beamten und Bankiers, die sich bereichert hatten, unterdes die Nation 
durch ihre Operationen und ihre Ratschläge verarmte"*). Der Reich- 
tum war es, der die Nationalversammlung verleitete, Eigentum, Gesetz 
und Religion über den Haufen zu werfen^. 

Dieses Streben der herrschenden Klasse nach Reichtum, das ihre 



1) Taine, Die Entstehung des modernen Frankreich, Bd. n^, S. 32. 

2) Taine, a. a. O. Bd. 11,, S. 436. 

3) Taine, a. a. O. Bd. II,, S. 78. 

4) Barke, Betrachtungen über die französische Revolution. Herausgegeben von Gentz, 
S. 199/201. 

5) A, a. O. 206. 



— i67 — 

^Absonderung von den unteren Volksschichten mit sich führte, wird 
trefflich gekennzeichnet in den Vorwürfen, welche die Girondisten von 
den Jakobinern zu hören bekommen: ,JEure Worte", lautet einmal 
ein Vorhalt, „wie eure Handlungen hatten stets ein bürger- 
liches Patriziersystem durchblicken lassen; ihr wolltet 
euch nicht mit dem Volke vermischen. Eure Lehre geht 
dahin, daß das Volk, nachdem es zur Herbeiführung der 
Umwälzungen gedient, in den Staub zurücksinken, 
nichts mehr zählen und sich von jenen leiten lassen soll, 
die von der Sache mehr verstehen als es' — das Volk — 
und die sich die Mühe nehmen wollen, es zu leiten"^). 

Wir haben es eine Selbstverständlichkeit genannt, daß klar aus- 
gesprochene soziale Gegensätze dem unbefangenen Blicke nicht ver- 
borgen bleiben können, und es darf so auch nicht wunder nehmen, 
wenn zur Zeit der Schreckensherrschaft, wie der eben zitierte Aus- 
spruch zeigft, der innerste Grund der öffentlichen Vorgänge den 
Führern der damals die politische Gewalt ausübenden Klasse offenbar 
war. Als mit Bewußtsein begabten und nach Zwecken handelnden 
Menschen mußte sich ihnen doch die Ursache des heftig entbrannten 
Kampfes erschließen, und ich vermag mir die Überschätzung einzelner, 
an die Klassenkampftheorie anklingender Sätze nur zu erklären als ent- 
sprossen jener Auffassung des historischen Lebens, die das Vorhanden- 
sein gleichsam über den einzelnen stehender Kollektivmächte anninunt, 
welche die Menschen, um mich etwas übertreibend auszudrücken, zu 
unbewußt handelnden Marionetten degradiert Nicht vor den Augen 
sich klar abspielende soziale und politische Vorgänge, namentlich wenn 
sie, wie zur Zeit der französischen Revolution, in schroffer Ausschließ- 
lichkeit sich auswirken, als solche zu erkennen, verbürgt wissenschaftliche 
Größe, sondern erst die Fähigkeit, diese Phänomene in das Bereich des 
geschichtlichen Werdens einzugliedern, um in ihnen als Einzelerschei- 
nungen gleichzeitig das Typische des historischen Geschehens aufzu- 
spüren. So wurde denn schon während der Revolutionszeit auch die 
ungeheure Negation, welche die große Umwälzung vollzogen hatte, von 
einzelnen Denkern ausgesprochen, freilich ebenfalls einfach als Fest- 
stellung tatsächlicher Geschehnisse, deren historische Fundamentierung 
nicht gelungen ist Wie ein böses Urprinzip in der Natur, sag^ der 
schon erwähnte Burke, hat die gesetzgebende Versatmmlung „bloß die 
Macht umzustürzen und zu zerstören, aber keine Macht etwas zu bauen, 
es müßten denn Maschinen zum ferneren Umsturz imd zur ferneren 
Zerstörung sein"'). Ähnlich urteilt Morris (1790): „Dieses unglück- 



1) Taine, a. a. O. Bd. II,, S. 383. 

2) Burke, a. a. O. S. 89, 129, 281. 



— i68 — 

liehe Land, das mit der Befolgung metaphysischer 
Chimären sich abgibt, ist nur noch eine ungeheure 
Ruine. Die Assembl6e, welche zugleich Herrin und Sklavin ist, deren 
Theorieen überspannt, deren praktische Erfzihrungen gleich Null sind, 
welche sich alle Funktionen anmaßt, ohne zur Verrichtung einer 
einzigen befähigt zu sein — diese Assemblee hat das wilde und scheu 
gewordene Volk von allen Zügeln der Religion und der Ehrfurcht 
befreit .... Ein solcher Zustand der Dinge ist unhaltbar .... Die 
herrliche Gelegenheit ist entschlüpft und die Revolution — wenigstens 
diesmal — verfehlt**^). 

Es ist unmöglich, im einzelnen darzulegen, wie weit Saint-Simon 
von den zuletzt erwähnten Denkern beeinflußt worden ist, namentlich 
insofern auch, als er wohl nur Burke gekannt hat Aber selbst wenn 
die angeführten Anschauungen ihm nicht fremd gewesen wären, be- 
steht nicht der weitgehendste Unterschied zwischen seinen, große 
Zeiträume umfassenden Untersuchungen und jenen nur gelegentlich 
gemachten Bemerkungen? Wohl war man sich der hervorragenden, 
ja fundamientalen Bedeutung des wirtschaftlichen Momentes als Trieb- 
kreift der Revolution vor Saint-Simon bewußt, aber keiner seiner Vor- 
gänger hatte es verstanden, das Werk der großen Umwälzung zu 
begreifen als Ausfluß tiefster Wandlungen des kulturellen Ablaufs 
überhaupt Weder verurteilt Saint-Simon nach Art der moralisierenden 
Betrachtungen eines Burke die Revolution, noch begnügt er sich mit 
der bloßen Auf weisung der sie beherrschenden Gegensätze, sondern er 
zeiget, wie sie, vorbereitet durch die Umbildung der bestimmenden Kultur- 
mächte, die in einem Jahrhunderte währenden Ringen mit den alten 
Kulturträgem das soziale Dasein völlig umgestalteten, eine historische 
Notwendigkeit war. Als ökonomisch und geistig führende Klasse ist 
das Bürgertum zu dem stärksten sozialen Machtfaktor erwachsen, und 
nicht handelt es sich allein in der Revolution um die Befriedigung der 
Macht- und Herrschaftsgelüste des Bürgertums, sondern, imiversal- 
historisch betrachtet, um den Konflikt zweier Kulturzeitalter, des theo- 
logplschen und feudalen auf der einen Seite, des wissenschafüichen und 
industriellen auf der anderen. Es ist, mit einem Worte, die 
konsequente Durchführung des Entwicklungsprinzips, 
der Saint-Simon seine gesonderte Stellung verdankt 

Will man Einflüsse nachweisen, die auf die Gedankengänge Saint- 
Simons eingewirkt haben, so muß man zu jenem heftigen Streit zurück- 
greifen, der im achtzehnten Jahrhundert zwischen den Germanisten und 
Romanisten obwaltete^. Diese gingen von der Annahme zweier Rassen 



1) Taine, a. a. O. S. 152. 

2) Veigl. Seillidre, a. a. O. p. 312 f. 



— lög — 

aus, der Franken und der Gallier, durch deren Machtkämpfe die fran- 
zösische Geschichte gekennzeichnet sei, und als Vertreter dieser Theorie 
kommen neben Boulainvilliers namentlich Dubbos, Mably, Montlosier, 
dann später Guizot u. a. in Betracht Dabei wird gelegentlich Aer 
Darlegung der Kämpfe dieser beiden „Völker" auch mit dem Begriff 
der Klasse operiert, so bei Guizot in seinem „Gouvernement de la France 
depuis la restauration" : „Der Kampf der Stände füllte oder vielmehr 
macht die ganze Geschichte Frankreichs aus." Diese Theorie von den 
widerstreitenden Rassen hat nun Saint-Simon als Schema gedient, um 
die bei ihm wohl spontan erwachsenen Anschauungen über die primäre 
Stellung der wirtschaftlichen Tatsachen im historischen Leben an der 
Hand der französischen Geschichte zu erweisen. Auch nach ihm 
ist der Wesensgehalt der französischen Geschichte in dem Kampf 
der Franken und Gallier beschlossen, aber die vage Idee der beiden 
Rassen gewinnt bei ihm historische Bestimmtheit dadurch, daß er 
ihr die Bedeutung von Klassen unterlegt, die durch das Aus- 
einandergehen ihrer ökonomischen und politischen Interessen die 
langen Kämpfe heraufbeschworen haben. Als fremder, und man 
kann sagen, störender Bestandteil macht sich die Rassenidee bei 
ihm bemerkbar, und was er dieser Lehre schuldig ist, wird, auch 
wenn sie ihm die Erkenntnis des Widerstreits verschiedener sozialer 
Gruppen in der französischen Geschichte vermittelt haben sollte, gering 
sein. Saint-Simons Fortschritt ist begründet in der klciren Erfassung 
der Abhängigkeit der politischen Gebilde von der sozialen Ökonomie 
einmal, dann in dem Hinweis auf die Lösung des durch die Entwick- 
lung der wirtschaftlichen Phänomene entstehenden sozialen Konflikts 
durch den Klassenkampf andererseits; wozu noch kommt auch die Be- 
rücksichtigung des die neue Zeit beherrschenden Gegensatzes zwischen 
offizieller Religion und Wissenschaft, wie ihn die Herausbildung der 
intellektuellen Erkenntnisse gezeitigt hat. Dadurch wird ihm eine Uni- 
versalität in der Betrachtung des historischen Werdens zu eigen, und 
zwar in einer solch modernen Form, daß keiner seiner Zeitgenossen an 
ihn heranreicht. Und wird diese unvergleichliche Größe des Denkers nicht 
dadurch bekundet, daß die zwei wichtigsten geschichtsphilosophischen 
Systeme des neunzehnten Jahrhunderts, das August Comtes und das 
Karl Marxens, sich in mehr oder minder direktem Anschluß an seine 
Lehren herausgebildet haben ?^) 

i) Könnte nicht das 1814 erschienene und Saint-Simon nicht unbekannte Werk 
Montlosiers: „De la monarchie fran^aise depuis son Etablissement jusqu'ä nos jours" auf 
ihn eingewirkt haben? Hier findet man Gedankengänge vor, die eine gewisse Ähnlichkeit 
mit denen Saint-Simons bezeugen. Montlosier, ein Verteidiger der feudalen Gesellschafts- 
ordnung, sieht mit einer den Reaktionären oft eigenen Schärfe, welcher Art die in den 
Kampf geratenen Gewalten beschaffen waren. Im Bündnis mit der Wissenschaft habe das 



— 170 — 
c) Die Würdigung der Zeitverhältnisse. 

Es ist eine psychologisch leicht zu erklärende Tatsache, daß bei 
Saint -Simon die kritische Betrachtung der ihn umgebenden Zeit- 
umstände, so zutreffend sie in vieler Beziehung ist, durch das ja nie 
zu vermeidende Einfließen subjektiver Werturteile eine gewisse Trübung 
erhält Wohl ist die Gegenwart enge an die Vergangenheit gekettet 
und in ihrer Eigenart Ausdruck langer historischer Wandlungen: aber 
so sehr es möglich ist, diese letzteren in ihren charakteristischen Aus- 
prägungen bloßzulegen und objektiv gleichsam die Wesensart ihres 
Ablaufs zu bestimmen, so schwer ist es, der lebendigen Wirklichkeit 
des sozialen Lebens als ein sozusagen mit photographischer Treue 
registrierender Beschauer gegenüberzutreten. Unzählige Verbindungs- 
fäden verketten uns mit ihr, und dem einen erscheint als wertvoll, 
was der andere für nutzlos hält Verstandesmäßige Reflexion über das, 
was sich vor unseren Augen abspielt, wird leicht von den Wallungen 
des Gefühls zurückgedrängft, und Wünsche und Hoffnungen werden 
gern als Maßstab der Beurteilung des Bestehenden angewandt Der 
Realismus der Betrachtungsweise wird so dem Eigentrieb des Indi- 
vidmmis geopfert, das sich als Glied einer nach vorgesetzten Zwecken 
auszugestaltenden Gemeinschaft fühlt, und der subjektiven Willkür das 
ihr psychologisch zustehende Recht angewiesen. 

Saint-Simon hat sich von dieser menschlichen Schwäche, so groß 
gerade seine Verdienste auf dem Gebiete realistischer Interpretation 
der Geschichte sind, nicht freihalten können. Die ganze Unruhe seines 
Wollens, die ihn mit unbändiger Macht immer neuen Zielen zutreibt, 
das Überragen der Gefühlskräfte in seiner Persönlichkeit verleiten ihn 
leicht zu Folgerungen, die mit den Grundbestimmungen seiner Lehren 
durchaus unvereinbar sind. Der nüchterne Betrachter der sozialen 
Geschehnisse verwandelt sich so in den inkonsequenten Utopisten, den 
das Feuer der Begeisterung anfacht zum Handeln, und zwar zum 
Handeln um jeden Preis. Es ist der Enthusiasmus, der die sonstige 
Klcirheit des Urteils trübt und vergessen läßt, was die voraussetzungs- 
lose Prüfung der Tatsachen gelehrt hat So sind es zwei Tendenzen, 
durch die das Denken Saint-Simons gekennzeichnet wird: die realistische 
Auffassung des geschichtlichen Seins, welche die Vorbedingung für die 
Verwirklichung sozisder und kultureller Reformen enthüllt, und der 
utopistische Wahn, der es mit der Heraufführung neuer Verhältnisse 
leicht nimmt 



Büzgertum durch eine Usurpation sich die Macht angemaßt und die Feudalen verdiftngt. 
Allerdings, und das scheidet ihn, den moralisierenden Historiker, von Saint-Simon besonders, 
glaubt er an die Möglichkeit einer Zurackführung der alten Verhältnisse, wie ihm überhaupt 
die Saint-Simon eigene Weite des historischen Blicks völlig abgeht 



— 171 — 

Einen Ausdruck dieser* Unausgeglichenheit der Lehrmeinungen 
bieten, neben den verschiedenen Reformprojekten des Denkers, zum 
Teil auch seine Ausführungen über die soziale Lage seiner Zeit Neben 
tiefgehenden Einblicken in die Wirrnis der sozialen Ereignisse, die zu 
feststehenden Wahrheiten der Wissenschaft geworden sind, verfällt er 
manchmal in einen moralisierenden Ton, den ihm die Sehnsucht nach 
einer sozial besseren Welt eingegeben hat Er wird damit an einigen 
Stellen seinem realistischen Prinzip, demgemäß die Aufgabe des Poli- 
tikers und Historikers in dem Begreifen des tatsächlich Vorhandenen 
besteht, untreu, um darzutun, wie das nun Geschehene hätte sein sollen. 
. Sehen wir uns einmal seine Ausführungen über die französische 
Revolution näher an. Hat sie und wie weit hat sie den Interessen 
der Industrie, wie sie Saint-Simon versteht, gedient? Die Revolution 
ist, wie wir wissen, im Interesse der Industriellen heraufbeschworen 
worden. Im Fortgang aber ihres Verlaufes wurde dieses Interesse 
immer mehr in den Hintergrund gedrängt Der Zweck der Revolution 
hätte für die Industriellen die Herausbildung einer neuen politischen Or- 
ganisation sein sollen, anstatt dessen aber vollbrachte man ein unge- 
heures Zerstörungswerk. Diesen „Fehler" haben die Industridlen 
selbst verschuldet, indem sie den Advokaten oder, wie Saint-Simon sie 
nennt, Legisten, eine zu große Macht einräumten. „Die Industriellen 
gewöhnten sich nach und nach daran, in den Legisten die geborenen 
Verteidiger ihrer Interessen zu sehen, und da diese in der Tat die 
Aufgabe, die der natürliche Gang der Zivilisation ihnen zugewiesen 
hat, gelöst haben, so glaubten die Industriellen nichts Besseres tun zu 
können, als ihnen auch 1789 die industrielle Sache anzuvertrauen. 
Dieser fundamentale Fehler der Industriellen war die Ursache der 
Verirrungen der Revolution"^). Saint-Simon findet diese Vertrauens- 
seligkeit der Industriellen unbegreiflich. Würdet Ihr, so wendet er sich 
an sie, in Angelegenheiten eures Betriebs euch jemeJs um Rat an die 
Legisten wenden, oder ihnen gar im Falle eurer Abwesenheit die 
Leitung anvertrauen? Sicherlich würdet ihr diesen Phrasenmachem 
mißtrauen in der Furcht, daß sie doch nur die größte Verwirrung an- 
richten würden. „H n'y a aucun rapport entre vos occupations et Celles 
des legistes." Wieviel weniger aber, fährt Saint-Simon fort, müssen dann 
die Legisten geeignet sein, ein großes Land wie Frankreich zu regieren? 
All das im Gefolge der Revolution aufgetretene Unheil wäre ver- 
mieden worden, wenn die Industriellen, dem edlen Appell der könig- 
lichen Macht eingedenk, ihre politischen Führer aus ihren eigenen Reihen 
genommen hätten. Und hätten die Industriellen selbst ihre Interessen 
verfolgt, so hätten sie sich nicht auf jene metaphysischen Diskussionen 



I) Du Syst^e Industrie!, T. XXI, p. 82. 



— 172 — 

über die Menschenrechte eingelassen, sie hätten vielmehr ihre eigenen 
politischen Erfahrungen zu Rat gezogen. So wie sie einst ihre Frei- 
heit zurückkauften, so hätten sie auf ähnliche Weise neue politische 
Rechte erwerben können. Der Feudalismus hätte dann ohne Er- 
schütterungen beseitigt werden können, und von Anfang an hätte 
man in die Bahn einer friedlichen Reform der Verhältnisse einlenken 
können. 

Jedoch man vertraute blindlings der Leitung der Advokaten und 
der mit ihnen verbündeten Metaphysiker, die, so groß ihre Verdienste 
vor der Revolution waren, die Gesellschaftsordnung allseitig unter- 
gruben. Sie haben nichts als zerstört und durch ihre heftige 
Kritik der alten Gewalten, zu der sie der Fanatismus, nicht die Einsicht 
in ihre historische Überlebtheit veranlaßte, jene heftigen Zusammen- 
stöße der Parteien verursacht, die der Revolution ihr trauriges Ge- 
präge verleihen. 

Das Vorherrschen des legistischen Geistes in den 
Revolutionsparlamenten hat die Schaffung dauernder 
Institutionen zur Unmöglichkeit gemacht Die Assem- 
bl6e Constituante hat wohl den Adel und die Geistlichkeit unter- 
drückt Aber hat sie denn auch dafür gesorgt, daß die sozialen 
Funktionen der alten Gewalten, so wenig sie den Zeitverhältnissen ent- 
sprochen haben mögen, durch die Tätigkeit neuer Körperschaften 
ersetzt wurden? Sie hat es nicht getan, so daß es unvermeidlich war, 
„daß die Institutionen, die sie unterdrücken wollte, nur suspendiert 
wurden" ^). Dann hat sie den großen Fehler begangen, das Königtum, 
auch nachdem der Adel und die Geistlichkeit zur Ohnmacht verurteilt 
worden waren, zu sehr zu schwächen. Hätte denn nicht das Königtum, 
indem ihm Adel und Geistlichkeit als unzuverlässige Stützen erscheinen 
mußten, auf eigenen Antrieb den Weg volkstümlicher Reformen be- 
schreiten müssen? Durch den Konvent wurde dann das Königtum 
überhaupt abgeschafft, aber man fühlte auch, wie Saint-Simon treffend 
bemerkt, daß nun genügend Zerstörungsarbeit vollbracht worden sei, 
und daß die Gesellschaft zusammenhaltender Organe bedürfe. Aber 
anstatt das soziale Dasein mit den Hilfsmitteln der Zivilisation wieder 
zu organisieren, wollte man Einrichtungen nun entschwundener Zeiten 
wieder ins Leben rufen. Das war natürlich unmöglich, und das wich- 
tige Problem der sozialen Organisation blieb ungelöst 

Aus diesem Scheitern der Revolution, das also begründet liegt in 
ihrer Unfähigkeit, nach der Beseitigung der feudalen und theologischen 
Gewalten der Gesellschaft wieder neue Einrichtungen bindender Art zu 
verleihen, erklärt es sich, daß der soziale Konflikt, dem die Re- 



i) Du Syst^e Industriel, T. XXI, p. 176. 



— 173 — 

volution entstammt, keineswegs gelöst ist Noch liegen die wider- 
streitenden Mächte, nachdem schon ein Menschenadter seit der Revolution 
verstrichen ist, miteinander im Kampfe, und durch das Entstehen neuer 
Gruppen bietet das soziale Leben den Anblick größter Verwirrung 
dar. Welcher Art sind nun die sich gegenüberstehenden Schichten, 
und welchen mag es beschieden sein, Träger der zukünftigen Ent- 
wicklung zu bilden? 

Da sind es vor allem die Feudalen, die, nachdem sich die 
Stürme der Revolution gelegt hatten, wieder ihr Haupt erhoben und 
mit ihren Ansprüchen die politische Bühne betreten haben. Die Be- 
rechtigung ihrer Forderungen will Saint-Simon prüfen. Der Feudalis- 
mus, wie er sich über den Trümmern des geborstenen römischen 
Reichs erhob, war einst ein wichtiger und nützlicher Bestandteil der 
europäischen Gesellschaftsordnung. In den beständigen Kämpfen der 
Völker und Individuen entstanden als Mittel der Schutzwehr der 
Schwachen gegen die sie bedrängenden Großen, schuf er aus sich 
heraus eine Summe von Rechtsverhältnissen, die, Schutz- und Herrschafts- 
zwecken dienend, ein Band gemeinsamer Interessen um die Menschen 
schlangen. 

Es gibt nach Ssiint-Simon zwei Mittel der Bereicherung: die ge- 
weJtsame, kriegerische Aneignung von Werten und ihre friedliche Ge- 
winnung durch Arbeit Durch das Vorherrschen der einen oder anderen 
Art wird in „weltlicher** Beziehung die Sonderheit der gesellschaftlichen 
Ordnung bestimmt. „Jede Nation, die nicht für den einen oder anderen 
der beiden Zwecke organisiert ist, bildet keine wahrhafte politische 
Assoziation; sie ist nur eine Zusammenhäufung von Personen, und es 
kommt ihr nur ein bastardähnlicher Charakter zu. Es gibt nur zwei 
mögliche, deutlich abgegrenzte Konstitutionen, von denen jede einem 
verschiedenen Tätigkeitszweck entspricht: ,4a Constitution militaire et 
la Constitution industrielle"^). 

Im Mittelalter nahm nun die kriegerische Klasse, auch wenn dem 
Kriege nicht mehr die große Bedeutung wie in früheren Zeiten zukam, 
eine dominierende Stellung ein. Dem Krieger oblag die Verrichtung auf- 
reibender Dienste, und es war der Adel, der sich dieser sozial wichtigen 
Aufgabe widmete. Eine lange und beschwerUche Erziehung, eine be- 
ständige Übung war unerläßlich, damit der Adel seine sozialen Pflichten 
erfüllen konnte. Im Laufe der Jahrhunderte indessen trat eine voll- 
ständige Verschiebung der sozialen Verhältnisse ein, und zwar zu Un- 
gunsten der Aristokratie. Denn „toute Institution puise sa force dans 
les Services qu'elle rend ä la societe; du jour oü eUe a cess^ de rendre 
ses Services, eUe devient un anachronisme et est fatalement condamnee 



I) Du Systöme Industriel, T. XXn, p. 184. 



— 174 — 

ä disparaitre" ^). Durch die Entwicklung der Industrie und Wissen- 
schaft wurde der Adel seiner sozialen Funktionen immer mehr enthoben. 
Mit der Erfindung des Pulvers schwand die physische Überlegenheit, die 
früher den Militärs den übrigen Gliedern des Volkes gegenüber zukam, 
und diese Errungenschaft machte selbst das ganze „Kriegssystem" 
„dependant des arts industriels et des sciences d'observation" *). Während 
ehemals eine über viele Jahre sich erstreckende Vorbereitung für den 
Kriegsdienst nötig war, genügen nun wenige Tage, um die Feuerwaffe, 
das moderne Kriegsinstrument, handhaben zu können, und, ausgerüstet 
mit ein wenig Intelligenz und großer Kühnheit, mag man es gar fertig 
bringen, die Obliegenheiten eines Generals nach der Teilnahme an zwei 
oder drei Feldzügen zu übernehmen. Und dieselbe allmähliche Ver- 
drängung des Adels aus seiner hervorragenden ökonomischen 
Stellung. Einst Bebauer des Grund und Bodens, war ihm mit Recht 
ein großer Einfluß auf die Gestaltung des politischen Lebens ein- 
geräumt Aber indem er sich immer mehr dieser produktiven Tätigkeit 
entfremdete, um in luxuriöser Lebensweise seine beste ICraft zu ver- 
geuden, war es nicht anders möglich, daß er als politisch herrschende 
Klasse vor den sozial aufsteigenden Industriellen, die die frische Kraft 
der Nation verkörperten, zurückweichen mußte. Die Revolution hat 
dann durch die offizielle Abschaffung des Adels die unvermeidhche 
Folgerung aus seiner tatsächlich vorhandenen Bedeutungslosigkeit ge- 
zogen, und eine sozieJe Festigung seiner Stellung ist seitdem nicht ein- 
getreten. Im Gegenteil, weder in militärischer noch ökonomischer 
Hinsicht kommt ihm irgendwelche Bedeutung zil Und trotzdem ist 
eine Partei vorhanden, die, als Vertreterin der FeudeJinteressen, das 
politische Übergewicht über die anderen soziaden Gruppen besitzt und 
eifrig auf die Wiederheraufführung des Privilegienstaates hinarbeitet 
Der „esprit feodale" oder, wie Saint-Simon auch sagt, „l'opinion retro- 
grade" übt wieder großen Einfluß aus und bildet selbst der Entfaltung 
der Industrie einen Hemmschuh. Wie ist dieses erneute Auftauchen 
einer Klasse, der als Vertreterin einer völlig vernichteten sozialen Ord- 
nung jeder feste soziale Rückhalt fehlt, zu erklären? Ist die bour- 
bonische Restauration allein der Ausfluß der Herrschsucht des Adels, 
der sich in Ansehung seiner hohen Geburt für die Leitung der sozialen 
Angelegenheiten für besonders geeignet hält, oder sind nicht auch 
tief erliegende Gründe maßgebend? Es ist das letztere der Fall. In 
der blinden Eile, mit der die Revolutionäre die feudalen Überreste, 
die als Bestandteile einer abgestorbenen Kulturepoche noch ihr Dasein 
fristeten, vernichtet haben, haben sie es versäumt, der G^ellschaft 



1) Du Systeme Industriel, T. XXn, p. 112. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. 131. 



— 175 — 

wieder zu verleihen, was einst ihre Kraft ausmachte, eine dauernde 
Organisation, die dem durch den Zerstörungsprozeß der Jahrhunderte 
lose gewordenen sozialen Gefüge wieder Festigkeit verliehen hätte. Es 
lieg^ das ist imbestreitbar, ein tiefer Sinn in den Forderungen der 
Wortführer der Reaktionäre verborgen. Sie weisen zwar zmlick in die 
Vergangenheit, die Chateaubriand, de Maistre und Bonald, aber sie haben 
erkannt, was das dringendste Zeitbedürfnis ist: „la necessite de donner 
pour base a la reorganisation de TEurope une conception syst^matique" *). 
Sie haben unwiderleglich gezeigt, daß die auf einen Neuaufbau der 
sozialen Verhältnisse abzielenden Bestrebungen der heüigen Allianz 
ohne tiefer greifende Wirkung sein müssen. Selbst das Bürgertum 
hat nach Saint-Simon als Mittel gegen die herrschende Anarchie den 
reaktionären Anläufen seine volle Unterstützung zu teil werden lassen, 
so daß diese in der Tat, namentlich wo auch das Königtum den »^-etro- 
graden" Einflüssen zugängüch war, nicht ohne Erfolg geblieben sind. 
Es wird die Stiftung von Majoraten wieder zugelassen, mit allen mög- 
lichen Mitteln darauf hingearbeitet, eine reaktionäre Kammermehrheit 
zu Stande zu bringen, in verschiedenen Ordonnanzen und im Gemeinde- 
gesetz dem rückschrittlichen Geiste die größten Konzessionen gemacht 
Kann aber mit diesen dem Gange der Zivilisation stracks zuwider- 
laufenden Maßregeln mehr, allen trügerischen Hoffnungen zum Trotz, 
erreicht werden als ein um so ungestümeres Hervorbrechen der neuen 
Kräfte, die, weil sie dem LebensqueU der Nation entsprossen, den 
Sturz des alten S)rstems unbezwinglich mit sich führen müssen? 

Dem Wiedererstarken des Adels entspricht ein Umsichgreifen der 
Geistlichkeit, die mit erneuten Ansprüchen ihre «Jte Stellung zurück- 
erobern möchte. Doch ist es nur ein Scheinerfolg, den sie errungen 
hat Einst die Führer der ihr intellektuell untergeordneten Klassen, 
haben die Geistlichen auf die wohltätigste Weise geherrscht, Bringer 
des Guten und Segen stiftend überall. Liegt es nun „in der Natur 
der Dinge, daß die geistliche Gewalt in den Händen der aufge- 
klärtesten Klasse liegft*', so ist es nicht verwunderlich, daß dieser 
ehemalige Kulturträger, der sich den großen Umwälzungen auf 
wissenschaftlichen Gebiete vöUig verschlossen hat, immer mehr zur 
sozialen Last geworden ist. Um gerecht zu sein: auch in der Zeit 
ihres kulturellen Niederganges hat die Geistlichkeit Männer hervor- 
gebracht, die, wie Fenelon, Flechiers, Massillon, ernst und achtung- 
gebietend ihren Pflichten nachgekommen sind, und 1789 haben viele 
Priester treu zum Volke geheJten. Aber was wollen diese einzelnen 
Ausnahmen besagen gegenüber der aus der Macht der Verhältnisse 
entsprungenen Entkräftigung der geistlichen Gewalt, die ehedem alle 



i) Cat^chisme des industriels, T. XXXVU, p. 172. 



- 176 - 

Äußerungen des Lebens beherrscht hat? Wohl ist ein veränderter 
Zug in der Beurteilung der religiösen Dinge in der gegenwärtigen 
Zeit zu bemerken. Die Frivolität des vergangenen Jahrhunderts, 
mit der man die Fragen der Religion behandelte, und das ewige 
Gespötte sind bei dem Ernst der Sache, den die schrecklichen 
Ereignisse der letzten Jahrzehnte tief in jedes Gremüt eingepflanzt 
haben, verstummt, und mit Ehrfurcht tritt man den religiösen Dingen 
gegenüber. „Ein allgemeines Gefühl der Achtung in Bezug auf die 
religiösen Ideen", gegründet auf die Überzeugung ihrer Notwendigkeit 
auch in der Gegenwart, hat sich nach den Jahren ihrer Bekämpfung 
eingestellt, ein bemerkenswertes Symptom für den Zug der 2feit, 
das, wenn nicht klare Kenntnis der Zeitströmung vor falscher 
Deutung bewahrt, leicht dahin ausgelegt werden könnte, als ob nun 
die Vorbedingungen für eine Regeneration der Gesellschsift durch die 
katholische Kirche in vollem Maße vorhanden wären. Aber die Zeiten, 
in denen der Katholizismus als das von allen geachtete Lebensprinzip, 
unabhängig von der weltlichen GeweJt, geherrscht hat, sind längst 
dahin: nur ein trüber Widerschein der alten Kirchenherrlichkeit ist 
noch bemerkbar. Zeigt doch die heilige Allianz aufs augenfälligste, 
welche weitgehende Verschiebung der sozialen Mächte die letzten Jahr- 
hunderte mit sich gebracht haben. Gegründet wie sie wurde von den 
drei Monarchen zu dem Zweck, die erhabenen Lehren des Quistentums 
endlich zu erfüllen, wurde durch sie dargetan, daß die Unabhängigkeit 
der geistlichen Gewalt, auf der die Größe des Mittelalters beruhte, 
vollständig vernichtet ist, „daß in Wirklichkeit keine Unterscheidungslinie 
mehr vorhanden ist, welche die geistliche Macht von der weltlichen 
trennt, dergestalt, daß die geistliche Gewalt gegenüber der weltlichen 
nunmehr in einer untergeordneten Weise in Wirksamkeit tritt" ^). 

Gewiß, die unteren Klassen, soweit sie von dem modernen Greiste 
noch unberührt sind, sind den Einflüssen der Geistlichen durchaus zu- 
gänglich. Aber wie nützen diese die ihnen so zustehende Macht aus? 
Ehedem die Verbreiter des Lichts, sind sie zu einem Hindernis 
fortschreitender Zivilisierung geworden, „une Charge sans benefice". 
Die Kirche legt den untersten Klassen der Gesellschaft schwere 
finanzielle Verpflichtungen auf, um ihnen als Dank dafür stumme 
Unterordnung gegenüber den Herrschaftsgelüsten der Reichen und 
Privilegierten zu predigen. Hat sich doch seit der Wiederkehr der 
Bourbonen nie ein Geistlicher veranlaßt gesehen, dem Königtum auch 
seine Pflichten gegen die Nation einzuschärfen. Ein Überrest aus ver- 
gangener Zeit, verschlossen den tiefen Wandlungen der sozialen Lebens- 
grundlage, ist die Geistlichkeit intellektuell und sittlich degeneriert, und 



I) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. loo. 



— 177 *— 

nutzlos, weil die Ursachen ihres Verfalles nicht beseitigend, sind alle 
Versuche, etwa durch eine Erklärung des Katholizismus zur Staats- 
religion, wie es durch die Charte geschehen ist, dieser dem Untergang 
geweihten Institution neuen Lebensodem einzuhauchen. „In einem 
Land, wo die theologischen Ideen lange Zeit der Kritik ausgesetzt 
waren und fast allen Einfluß verloren haben, gibt es einfach keine 
Staatsreligion." 

Die vorhandenen sozialen Übel sind nach Saint-Simon nicht etwa 
den einzelnen Persönlichkeiten zuzuschreiben, sondern der Macht der 
kulturellen Verhältnisse, der sich wohl der einzelne, aber nicht eine 
soziale Gruppe in ihrer Gesamtheit entziehen kann. Weder will er 
die Tugenden und die Talente der Fürsten, noch die Verdienste der 
Minister, noch die Fähigkeiten irgend welcher sonstiger öffentlicher 
Funktionäre angreifen : „ce sont les institutions que j'ai voulu attaquer" ^). 
Im Eifer des Kampfes allerdings gewinnt die Leidenschaft öfters das 
Übergewicht über die theoretische Besinnung und reißt ihn zu den 
heftigsten Ausfällen hin. Da nennt er die Adeligen nach Ehren 
dürstende Faulenzer, die man einst mit Recht vertrieben habe, und 
Adel und Geistlichkeit zusammen Blutegel, die die Lebenskräfte der 
Nation aufzehren. Im ganzen aber geht seine Kritik durchaus auf 
den Grrund der Sache, und sie ist nicht nur eine große wissenschaft- 
liche Leistung, sondern auch eine mutige Tat, wenn man bedenkt, 
daß sie in eine Zeit der finstersten Reaktion fällt 

Adel und Geistlichkeit also, denen jeder feste soziale Halt fehlt, 
tragen den Keim eines unabwendbaren Verfalles in sich, und alle Be- 
strebungen, ihnen durch künstliche Mittel, wie etwa durch soziale Be- 
vorzugung, frische Lebenskraft zu verleihen, müssen sich als vergeblich 
erweisen. Zu diesen beiden marklosen Gruppen gesellt sich nun noch 
eine dritte, die, ein Ergebnis der neusten geschichtlichen Entwicklung, 
schon zu Beginn ihrer Entstehung jeder tieferen sozialen Fundamentierung 
entbehrte, der Napoleonische Militäradel. Er ist das Produkt 
jener unheilvollen Entwicklung der Revolution, die sie von der Bahn 
friedlicher Reform ablenkte und Frankreich auf Jahre hinaus die ver- 
heerendsten Kriegswirren brachte. Ein liberales Regiment, das den 
Interessen^ der Industrie und des Handels dienen sollte, und dem jede 
kriegerische Absicht fem lag, war es, was anfänglich durch die Revo- 
lution bewirkt werden sollte. Da regte sich der Widerstand der Geistlich- 
keit und des Adels, die sich aus ihrer Machtstellung verdrängt sahen 
und es verstanden, einen Teil der noch im Feudalismus steckenden euro- 
päischen Nationen aufzustacheln zum Kampf gegen den Liberalismus, den 
Grefährder alles Althergebrachten überhaupt So von allen Seiten be-- 



I) L'Oiganisatear, T. XX, p. 33. 
MttckUf Henri de Saint-Simon. 12 



- 178 - 

dränget, konnte Frankreich nicht untätig bleiben. Das Feuer der Be- 
geisterung für die große Sache bestimmte es, des Sieges gewiß, zum 
Angriff, und aus einer industriellen und freien Nation, als welche es 
sich konstituieren wollte, wurde eine kriegerische. Im Taumel der 
Leidenschaft wurden alle anderen Zwecke dem der Kriegführung imter- 
geordnet. Die Industrie hatte nun „die Soldaten zu bewaffnen, zu er- 
nähren und zu bekleiden, die GenereJe und Lieferanten zu bereichern" % 
Und schlimmer noch, sie wurde in ihrem Fortschritt im Verlauf der 
Revolution direkt gehemmt. ,JDer Maximaltarif, die Requisition, das 
Verbrennen der englischen Güter, das Handelsmonopol für Kolonial- 
waren, welches die Regierung für sich in Anspruch nahm, das sind 
die Neuerungen, die der hohen Weisheit der revolutionären Regierung 
zu verdanken sind und von Robespierre und Bonaparte durchgeführt 
wurden"*). G^gen Napoleon, dem Saint-Simon früher so große Be- 
wunderung entgegengebracht, ist er nun, nachdem ihm offenbar ge- 
worden war, welches Unheil dieser durch seine kriegerischen Pläne 
angerichtet hatte, hart. Die Bedeutung des Kaisers gerade als eines 
Förderers der Industrie bleibt ihm verschlossen, eine Tatsache, die ihre 
Erklärung darin findet, daß die unter dem Regiment des Empor- 
kömmlings erstarkte Industrie, wollte sie sich ungestört entfalten, die 
Herrschaft des Friedens, deren Segnungen ihr Napoleon eben nicht 
zu teil werden lassen konnte, in vollem Maße brauchte. Einen „fou 
furieux" nennt er einmeJ den „GenereJ", der sich, List und Kühnheit 
in seiner Persoh vereinigend, der Revolution bemächtigt hat, um die 
nach Freiheit dürstende Nation gewalttätig zu unterdrücken. Er vor 
allem hat Frankreich auf die Abwege der Eroberungssucht geleitet und 
seinen Sinn so verblendet, daß es nicht merkte, „qu'eUe 6tait conquise 
dans la proportion des conquetes qu'elle faisait". Der Ausgang ist 
bekannt: dem vereinigten Widerstand der eiu"opäischen Mächte mußte 
Frankreich unterliegen und sich dazu bequemen, wieder in seine natür- 
lichen Grrenzen einzulenken. 

Der Napoleonische Adel, eine Aristokratie von Empor- 
kömmlingen, ist nach dem Sturze des Kaisers keineswegs verschwunden. 
Er besitzt geradezu einen überraschenden Einfluß, namentiich auf die 
Industriellen, die seiner Idee, durch einen Dynastiewechsel die vor- 
handenen politischen Mißstände aus der Welt zu schaffen, durchaus 
zugänglich sind. Und das ist erkärlich. Bildet doch der Hinweis 
auf die Unfähigkeit der Regierung, den von den Revolutionären er- 
strebten Zweck, die Einsetzung eines industriellen Regimes, zu er- 
reichen, wie der weitere Hinweis auf die Gefahr einer möglichen Zu- 



1) L'Industrie, T. XIX, p. 216/17. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 218. 



— 179 — 

rückführung der alten Ordnung ein Werbemittel von nicht zu unter- 
schätzender Bedeutung. So ist die Volkstümlichkeit des neuen Adels 
in den Mängeln der reaktionären bourbonischen Regierung begründet 
Weiterhin trägt auch seine Verkündung des Dogmas der freien Zugäng- 
lichkeit zu allen öffentlichen Stellungen dazu bei, die Aufmerksam- 
keit auf sich zu ziehen. Wird seine Agitation aber jemals vollen 
Erfolg haben? Niemals nach Saint-Simon. Wenn die Kraft der alten 
Aristokratie durch den unabwendbaren Gang der geschichtlichen Er- 
eignisse gebrochen worden ist, so ist die Napoleonische Aristokratie 
gleichsam „tot geboren". Beide Gruppen fristen ihr Dasein durch die 
Unterstützung, die ihnen von anderer Seite zu teil wird. Unter der 
Herrschaft Napoleons dienten sie, friedlich nebeneinander vereinigt, dem 
Kaiser, zu Beginn der Restauration trennten sie sich, um ihre selbst- 
süchtigen Zwecke zu verfolgen. Die eine gab sich wieder, nachdem sie sich 
scheinbar mit den historisch gewordenen Verhältnissen ausgesöhnt, der 
Hoffnung auf eine Wiedererlangung ihrer Güter und Privilegien hin und 
fühlte sich plötzlich zu dem Herrscherhaus hingezogen, das sie fünfzehn 
Jzihre hindurch fast vergessen hatte. Die andere, die den Platz um den 
Thron schon besetzt fand, und der es aussichtslos schien, ihren Rivalen von 
dem Königtum abzudrängen, hat sich plötzlich zimi Anwalt jener Nation 
gemacht, die sie lange Zeit hindurch, wenn auch auf höheren Befehl 
hin, unterdrückt hatte. „Jede der beiden parasitischen Klassen beutet 
so selbstsüchtig die politische Gewalt aus, an die sie sich angelehnt hat" 

Dieses Wiedererstehen sozialer Schichten, deren Forderungen der 
Richtung des geschichtlichen Werdens zuwiderlaufen, muß auch dem 
blöden Auge zeigen, daß die Revolution, deren kulturhistorische Auf- 
gabe war, der Industrie und Wissenschaft als den aufblühenden sozialen 
Lebenskräften zum Siege zu verhelfen, durchaus noch nicht beendigt 
ist Scharfsichtig, wie kein anderer, erkennt Saint-Simon die Eigenart 
seiner Zeit Der Konflikt der beiden Kulturepochen, dem die französische 
Revolution entsprungen ist, ist von neuem entbrannt: „nous sommes 
encore en pleine r6volution et le gouvemement ne peut marcher qu'ä 
Faide des baionettes". 

So haben auch die Legisten und Metaphysiker ihre kritische 
Arbeit wieder aufgenommen. Der Geist der Zerstörung beherrscht noch 
vollständig die Literatur, und von dem Gedanken einer sozialen Organi- 
sation auf lebensfähiger Grundlage ist nirgends die Rede. Das beginnende 
neunzehnte Jahrhundert ist so in seinem Wesensgehalt dem achtzehnten 
Jahrhundert durchaus gleich. Ziel- und planlos wirken sich die sozialen 
Kräfte aus, und neue soziale Erschütterungen drohen Unheil verkündend 
sich wieder einzustellen^). Wohin man sein Auge wendet, nirgends 



I) L'Oxganisateur, T. XX, p. 6. 



— i8o — 

erblickt man infolge dieses Vorherrschens der Metaphysik Klarheit 
über den Endzweck des sozialen Zusammenlebens, nirgends „un but 
unique, fixe et determine" ^). Überall bietet sich ein Chaos von 
politischen Meinungen dar, und anstatt die gegebenen Tatsachen zum 
Ausgangspunkt der Erörterungen zu machen, verirrt man sich in 
einem Labyrinth von abstrakten Ideen. Das ist allerdings, solange 
die Legisten und Metaphysiker das Wort führen, erklärlich. Be- 
schäftigen sie sich doch mehr mit den Formen als mit den Dingen, 
mehr mit Worten und Prinzipien als mit Tatsachen. Diese unhaltbare 
Denkrichtung, die zu einer Unzahl von politischen Systemen führt, hat 
ihren Entstehungsgrund darin, daß sie der Ausfluß jener unhistorischen 
Betrachtungsweise der gesellschaftlichen Erscheinungen ist, die zu Chi- 
mären, aber niemals zu einer Aufdeckung der vorhandenen geschicht- 
lichen Bewegungsgesetze führt. Solches fehlerhafte Vorgehen, dem, wie 
wir hinzufügen wollen, bekanntlich auch die klassische Nationalökonomie 
nicht entgangen ist, will Saint-Simon vermeiden. „Le but de notre 
travail est de mettre des faits ä la place des raisonne- 
ments des metaphysiciens"^. 

Von dem kritischen Geiste nun, dem jede Fähigkeit zu einer 
Harmonisierung der sozialen Beziehungen mangelt, ist die „classe inter- 
mediaire", der Liberalismus, fast ganz durchdrungen, eine Partei- 
grruppe, welche die verschiedensten Bevölkerungsschichten in sich birgt 
Diese Mittelklasse ist es gewesen, die die französische Revolution entfacht 
und ihr Ziel, die Vernichtung des Feudalismus und der theologischen 
Vorherrschaft, auch erreicht hat *). Zu ihr gehörten damals die Legisten, 
eine gewisse Anzahl Priester und Adeliger, dann die nicht adeligen 
Militärs, die werktätigen Klassen der Nation, Unternehmer und Arbeiter, 
endlich die Bourgeoisie, der Saint-Simon in seiner häufig un- 
klaren Weise bald die müßigen unadeligen Eigentümer allein, bald 
auch die Legisten, die bürgerlichen Militärs und die untätigen 
bürgerlichen Kreise zuzählt*). Wir werden später sehen, wieso Saint- 
Simon berechtigt ist zu sagen, daß die Industriellen, die Gresamt- 
heit des arbeitenden Volkes, immer eine untergeordnete Rolle als Glied 
des Liberalismus gespielt haben. Gewiß müsse anerkannt werden, daß 
durch den Liberalismus, indem er die Masse des Volkes zur Be- 
geisterung anfachte, die wohl große Übelstände aber auch viel Gutes 
gezeitigt habe, der Nation ein heüsaimer Dienst erwiesen worden sei. 
Aber man übersehe nicht, daß die Mittelklasse sich populär gebärdete, 

1) Du Systtoe Industriel, T. XXI, p, 36. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. 19, 36. 

3) L*Industrie, T. XVTII, p. 175. 

4) Du Systteie Industriel, T. XXm, p. 62, 67. Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, 
p. 8, 129. 



— i8i — 

nur solange sie die Unterstützung der industriellen „Volksgenossen" be- 
nötigte, um die Übermacht der Geistlichkeit und des Adels zu brechen, 
sobald sie die Gewalt in den Händen hatte aber lediglich die Ver- 
folgung ihrer eigenen Interessen sich angelegen sein ließ, reaktionär 
wurde und einen „Bourgeois", Napoleon, auf den Thron setzte. Sie hat 
geduldet, daß sich wieder ein aus neuen Seigneurs zusammengesetzter 
Hof bildete, dem die ganze Unverschämtheit der Emporkömmlinge an- 
haftete, sie hat zu ihrem Nutzen die zwecklosen Stellungen wieder ge- 
schaffen, die kurz vorher beseitigt worden sind, und endlich ließ sie 
zu ihrem Vorteil viele der einstigen Mißbräuche wieder erstehen^). 
Wie steht es nun nach Saiint-Simon mit dem Liberalismus der Re- 
staurationsepoche? Da fällt einmal auf, daß ihm einheitliche leitende 
Grundsätze völlig abgehen: die Bonapartisten spielen immer noch eine 
große RoUe, ohne daß man es merkt, daß sie unter dem Deckmantel 
des Liberalismus einen Wechsel der Dynastie erstreben, der ihnen die 
verlorenen Privilegien wieder bringen soll ■). Die Führer der Partei sind 
noch vollständig befangen in den kritischen, revolutionären An- 
schauungen des achtzehnten Jahrhunderts. Der größte Teil allerdings 
dieser Partei sehnt sich nach Ruhe und Frieden, nach Beseitigung der 
revolutionären Gefahr. Er wünscht herbei „un ordre de choses calme 
et Stahle; un ordre de choses proportionne a l'etat des lumi^res et de la 
civilisation" "). So rein die Absichten dieser Art Liberalen sind, und so 
sehr sie sich bewußt sind, daß der Feudalismus auch in seiner heutigen 
gemilderten Form eine historisch überlebte Institution darstellt, so wenig 
vermögen sie aber die Richtlinien der den Nationalinteressen angepaßten 
zukünftigen Ausgestaltung der Gesellschaft anzugeben, weshalb sie 
immer noch suchend in den Nebelregionen der Metaphysik herum- 
tappen imd sich der Leitung ehrgeiziger Führer anvertrauen. Diese 
jedoch sind alles andere als libereJ. Jeder, der, sei es zuerst als wirk- 
licher Patriot, dann als Bonapartist eine Rolle während der Revolution 
gespielt hat, legft sich heute die Ehrenbezeichnung „liberal* bei. Und 
worin besteht dieser Liberalismus? Darin, daß man auf eine Beseitigung 
der vorhandenen Regierung abzielt, um sich selbst an die frei ge- 
wordene Stelle zu setzen, während die Mehrheit der Partei nicht eine 
Schwächung der Regierungsfunktionen, sondern ihre denkbar größte 
Stärkung erstrebt, wodurch allein die Wahrung der nationalen Interessen 
ermöglicht wird. So hat die Mehrzcihl der Partei mit dieser Sorte 
Liberalismus nichts zu tun: ist doch „die wahrhafte Devise der 
Führer dieser Partei: ote-toi de lä, que je m'y mette". 

1) Du Systöme Industrie!, T. XXni, p. 19, 79. Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, 

P. 38, 39. 

2) Du Systtoe Industrie!, T. XXm, p. 23. 

3) Cat^chisme des mdustrie!s, T. XXX Vn, p. 180, 181. 



— l82 — 

„Ihre anscheinende Absicht ist die Unterdrückung von 
Übel ständen; ihrer wahrer Zweck ist, sie für ihre eigenen 
Interessen auszubeuten"^). 

Vernimmt man aus diesen Worten nicht die Kraft eines großen 
Geistes, der, noch ringend um den klaren Ausdruck dessen, was er 
mehr fühlt eJs verstandesmäßig erfaßt hat, mit feiner Witterung das 
Kommen großer Ereignisse sJint? Doch davon später. 

Von dem Liberalismus also ist eine Grestaltung der sozialen Ord- 
nung, welche die sozialen Kräfte zu einträchtiger Entfaltung bringt 
und dem gesellschaftlichen Dasein die ihm heute mangelnde Festig- 
keit verleiht, nicht zu erwarten. Seine große historische Aufgabe 
war es, durch eine Vernichtung der aus dem Mittelalter in die Neu- 
zeit herübergekommenen sozialen Gebilde, deren einstige Lebensziele 
mit der Zeit sinnlos geworden sind, Raum zu schaffen für eine 
neue Periode der Kultur, zu deren Herausbildung, vielen noch unbe- 
wußt, aber dem scharfen Auge sich überall ankündend, die Lebens- 
kräfte der Nation in unaufhaltsEunem Fortschritt hindrängen. Eine 
große, glänzende Zukunft der eiu"opäischen Völker eröffnet sich dem 
ahnenden Blicke Saint-Simons, und zwar nicht «Js das Phantasiegebilde 
eines Schwärmers, sondern als das Ergebnis einer im tiefsten Grunde 
des sozialen Geschehens beschlossenen historischen Notwendigkeit Es 
ist die Industrie, die, nachdem sie in dem Kampf der letzten Jahr- 
hunderte in sieghaftem Fortschreiten den alten Lebensmächten der 
Nation den Boden ihrer sozial nützlichen Wirksamkeit entzogen hat, 
als das fruchtbare Erdbereich eines neuen gesellschaftlichen Daseins 
das Werk einer sozieJen Organisation vollbringen wird. Um an ein 
Bild Carlyles anzuknüpfen: auf den Zusammenbruch des morsch ge- 
wordenen sozialen Gebäudes wird ein Wiederaufbau erfolgen: der 
Phönix wird, nachdem er sich in den Flammen geopfert, sich wieder 
erheben und, neu gestärkt, mit reiner tönendem Gesang seine Schwingen 
zu höherem Fluge ausbreiten. 

Mit dem Worte ,Jndustrie" bezeichnet Saint-Simon einen weiten 
Umkreis von Tätigkeitsformen, die man, als Einheit betrachtet, defi- 
nieren kann als die Totalität der sozial nützlichen Arbeitsverrichtungen. 
Zu der Industrie werden also nicht allein die Gewerbe der Stoff- 
veredlung gerechnet, sondern auch der Ackerbau, der Handel, die 
Wissensdiaft und Kunst. „Die Industrie im weitesten Sinn umfaßt alle 
Arten nützlicher Arbeiten, die Theorie, wie die Anwendung dieser, die 
Arbeiten sowohl des Geistes als die der Hand" 2). Die Gelehrten sind 
die „industriels de theorie", die unmittelbaren Produzenten die „savants 



i) Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. i8o, i8i. 

2) L'Industrie, T. XVIII, p. 165. Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. 3, 4. 



- i83 - 

d'application''. Es ist leicht zu ersehen, daß diese heute ungewohnte 
Begfriffsbestimmung in der Erkenntnis des gemeinsamen fruchtbaren 
Bundes zwischen der Wissenschaft und der Industrie begründet ist, 
deren umwälzende Wirkung Saint-Simon gesehen hat, und von denen 
er noch das Größte erwartet Es ist der neue Geist, der dem modernen 
Wirtschaftsleben sein Gepräge verleiht, den Saint-Simon durch diese 
Zusammenstellung der sozialen Ökonomie und der theoretischen For- 
schung kennzeichnen will. Die Ingenieure werden als das vermittelnde 
Glied zwischen diesen beiden „Kapazitäten'', der industriellen und wissen- 
schaftlichen, betrachtet, und jedermann, wenn auch den Industriellen 
noch weniger als den Gelehrten, sei es offensichtlich, daß die wahre 
Bestimmung der Wissenschaften und der gewerblichen Künste darin 
besteht, sich zu vereinigen, um die Natur den menschlichen Zwecken 
dienstbar zu machen^). Daß die Künstler zu den Industriellen ge- 
rechnet werden dürfen, habe seine Berechtigung darin, daß sie durch 
den Entwurf von Zeichnungen und anderes befruchtend in den Pro- 
duktionsprozeß eingreifen. 

Man beachte also, daß nicht etwa allein die die Produktion 
leitenden Unternehmer und die geistigen Führer der Nation, die Ge- 
lehrten und Künstler es sind, die als die Träger der neuen Kulturkraft, 
der Industrie, aufgefaßt werden: der größte Teil der im Dienste des 
Kulturfortschritts schaffenden Volksglieder besteht vielmehr in den 
„hommes les moins instruits et les plus pauvres", die, auch wenn sie 
nur eine untergeordnete Tätigkeit verrichten, die gleiche Stufe sozialen 
Wertes einnehmen. 

Von solchem Standpunkte aus bilden die modernen Nationen nach 
Saint-Simon große Industriegesellschaften, und er macht es sich zur Auf- 
gabe zu zeigen, wie die Industrie, mit welcher Benennung er übrigens 
öfters die auf kapitalistischer Basis ruhende Großindustrie meint, als der 
Ursitz der soziaden Kräfte alle Daseinsformen in steigendem Grade 
durchdringt. Die Arbeitsteilung habe den sozialen Beziehungen der 
Gegenwart eine keiner Zeit eigene Sonderart verliehen. Früher waren 
die Menschen mehr individuell voneinander abhängig, heute ist eine 
Lockerung dieser Bande des individuellen Zusammenhaltes eingetreten, 
während der einzelne mehr von der Masse abhängt*). Weiterhin sieht 
der Denker, wie bei den am weitesten fortgeschrittenen Ländern, zu 
denen er England, Frankreich und Holland zählt, die Gleichartigkeit 
ihrer politischen Verhältnisse durch die Gleichartigkeit ihrer ökono- 
mischen Entwicklung hervorgerufen worden ist Es ist, um uns modern 
auszudrücken, der ökonomische Subjektivismus, nach Saint-Simon die 



1) L'Oganisateur, T. XX, p. 142. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. 16. 



— i84 — 

bürgerliche Freiheit und die Industrie, welche in diesen Nationen die 
Prinzipien der sozialen Ordnung abgeben. „Wenn diese Grrundsätze 
dieselben sind, dann muß auch ihre Politik die gleiche sein, denn sie 
muß notwendigerweise von diesen Prinzipien abhängen"^). 

Mit der Entfaltung der Industrie erst ist das Bedürfnis nach Frei- 
heit erwacht, und mit dem Wachstum der Industrie dehnt sich diese 
Freiheit aus und festigt sich*). Dieses ist die Ursache der Kon- 
formität der politischen Prinzipien in den sozial vorgerückten Staaten. 
Außerdem wird darauf hingewiesen, daß der internationale Wettbewerb 
die Tendenz zeigt, sich immer mehr im ökonomischen Bereich abzu- 
spielen. „Les rivalites ne sont plus essentiellement militaires, elles sont 
prindpalement industrielles." Damit ist für Saint-Simon die soziale 
Ökonomie und die positive Wissenschaft der Urquell der nationalen 
Wohlfahrt, und der Feudalismus und Katholizismus für immer aus ihrer 
vorherrschenden Stellung verdrängt ^. Die Geschichte der letzten sechs 
Jahrhunderte ergibt unwiderleglich, daß die kulturelle Überlegenheit 
einzelner Nationen der Erstarkung ihrer Industrie entsprungen ist 
Die Hanse, die italienischen Stadtstaaten, die vereinigten Niederlande, 
das England des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, sie alle ver- 
dankten ihre bevorzugte politische Stellung dem Wechsel ihrer sozialen 
Grrundlagen im angedeuteten Sinne*). 

Alles macht sich die Industrie heute Untertan ; ohne sie könnten die 
Kulturbedürfnisse in keiner Weise befriedigt werden. Was wollten etwa 
die Regierungen in finanzieller Hinsicht beginnen ohne die Industrie! 
Die herrschenden Grewalten sind es, die völlig von der Industrie ab- 
hängig geworden sind. Können sie Krieg führen, ohne auf die In- 
dustrie angewiesen zu sein? Wer liefert ihnen die Kanonen, die Gre- 
wehre, das Pulver, die Kleider u. s. f.? „L'Industrie s'est emparee de 
tout, meme de la guerre"^. Nicht die Armeen, wie man meint, be- 
stimmen nunmehr die Stärke eines Landes, sondern die Industrie, und 
die Armeen spielen, sozial betrachtet, durchaus eine untergeordnete 
Rolle; ihr Verdienst besteht lediglich darin, die Ergebnisse der indu- 
striellen Tätigkeit für ihre Zwecke in Anspruch zu nehmen. Bedenkt man 
nun, daß die Industriellen mehr als *V«5 der Bevölkerung umfassen, 
daß in ihnen alle physische, geistige und moralische Kraft ruht^, so 
ist einleuchtend, daß ihre Interessen die der Allgemeinheit sind, und 



1) L'Industric, T. XVin, p. 53. 

2) L'Industrie, T. XVIII, p. 210. 

3) L'Industrie, T. XVIH, p. 167. 

4) L'Industrie, T. XVIH, p. 98 f f . 

5) L'Industrie, T. XVm, p. 148. 

6) L'Industrie, T. HE, p. 211. Du Systöme Industriel, T. XXII, p. 117/18, 222, 223. 
Aufierdem Catödusme des indnstriels, T. XXXVn, p. 13. 



- i85 - 

daß den Industriellen die höchste soziale und politische Achtung ge- 
bührt Einsichtige Staatsmänner, wie Sully, Colbert, Turgot, Necker, 
haben denn auch in der Tat ihre ganze Aufmerksamkeit der Sache der 
Industrie gewidmet und Frankreich unvergleichliche Dienste geleistet 
Aber von einer der sozialen Bedeutung der Industrie entsprechenden 
Einräumung auch einer politischen Machtstellung ihrer Vertreter ist 
noch keine Rede. Dem sozialen Leben raubt ein Konflikt die zum 
Wohle aller benötigte Einheit der sozialen Prinzipien und spaltet die 
Nation in zwei feindliche, diu"ch die Ausschließlichkeit ihrer Interessen 
unversöhnliche Heerlager: in eine industrielle Volksgemeinschaft und 
eine von feudalem Greist durchdrungene, politisch herrschende Klasse ^). 
Der Verlauf der Gfeschichte hat mithin ein Paradoxon gezeitigt, das 
freilich nur von vorübergehender Bedeutung sein wird. Denn wird es 
auf die Dauer haltbar sein, daß eine Klasse, in der alle Lebenskraft 
der Nation pulsiert, immer die politische Bevormundung von selten 
einer Regierung diüden wird, die lediglich die selbstsüchtigen Ziele 
einer historisch überlebten kleinen Gruppe verfolgt? Eine Betrachtung 
der sozialen Lage der Zeit zeigt Saint-Simon, daß er geradezu in einer 
„monde renverse" lebt *). Parasiten bemächtigen sich der Arbeitsprodukte 
der werktätigen Klasse, man verlangt von den Armen Unterwürfigkeit 
den Reichen gegenüber, so daß die weniger Bemittelten sich täglich 
Entbehrungen auferlegen müssen, um die ohnehin schon große Macht 
der Besitzenden noch zu mehren. Ig^noranz, Aberglaube, Trägheit und 
kostspielige Vergnügungssucht herrscht unter den politisch Bevor- 
zugften, während die fähige, ökonomisch haushaltende Masse als Werk- 
zeug betrachtet wird. Wäre es wirklich ein Verlust für die Nation, 
wenn diese lästigen Nichtstuer ihren verdienten Lohn, nämlich den der 
Nichtexistenz, erhalten würden? Nehmen wir an. heißt es in der berühmten 
Parabel, Frankreich würde plötzlich seine fünfzig ersten Physiker, seine 
fünfzig ersten Chemiker, seine fünfzig ersten Physiologen, Mathematiker, 
Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker und Literaten verlieren. Dann 
weiterhin seine hervorragendsten Fabrikanten, Kaufleute, Handwerker, 
Mechaniker, kurz seine nützlicher Tätigkeit zugewandten Männer. Es 
wäre ein entsetzlicher Verlust, der Frankreich treffen würde. Ein Land 
voll frisch pulsierenden Lebens würde plötzlich in ein starres, totes Ge- 
bilde umgewandelt werden, in einen Körper ohne Seele. Angenommen 
aber, Frankreich behielte aUe seine wissenschaftlichen, künstlerischen 
und industriellen Größen und verlöre dagegen an einem Tag Monsieur, 
Monseigfneur le duc d'Angouleme, Monseigneur le duc de Berry, 
d'Orleans und derartige Berühmtheiten mehr, dazu noch seine Hof- 
beamten, seine Minister, seine Staatsräte, seine Marschälle, seine Kar- 

I) Catöchisme des industriels, T. XXXVII, p. 33. 

1) Cat^dusme des industriels, T. XXXVU, p. 165—166. 



— i86 — 

dinäle und Erzbischöfe, dazu noch die zehntausend schm«irotzenden 
Reichen, so würde man diesen sicher ein menschliches Mitgefühl nicht 
versagen können; denn sie sind ja an und für sich gute Menschen, 
und es wäre betrübend, eine so große Anzahl von Mitbürgern ver- 
lieren zu müssen. Aber von einer höheren Warte aus betrachtet, 
würde der Verlust selbst von dreißigtausend derartigen Männern 
durchaus leicht zu ertragen sein, nämlich vom Standpunkt des natio- 
nalen Wohles aus. Es gibt unzählige Franzosen, denen es ein 
Leichtes wäre, die Funktionen von Monsieur mit ebensoviel Anmut als 
Würde zu verrichten, und auch für die anderen Fürsten würde man 
vollgültigen Ersatz in Überfluß finden. Auch könnten die übrigen 
Würdenträger durchaus entbehrt werden, und was die zehntausend 
faulenzenden Rentner betrifft, so würden ihre Erben keineswegs eine 
Lehrzeit benötigen, um die Honneurs in den Salons ebenso gut zu 
machen als sie^). 

Es findet also Saint-Simon zwei sich schroff gegenüberstehende 
Gruppen vor, die nationale Partei, welche die arbeitenden Schichten 
umfaßt, und die antinationale Partei, zu der alle diejenigen ge- 
hören, „die verzehren und nicht produzieren, dann die, deren Arbeiten 
der Gesellschaft nicht nützlich sind und den wahren Produzenten nicht 
zu gute kommen, dann alle diejenigen, welche politische Grundsätze 
vertreten, deren Durchführung der Produktion schädlich sind und darauf 
hinauslaufen, den Industriellen den höchsten Grad sozialer Wertschätzung 
zu rauben". 

Dieser Mißstand der politischen Bedeutungslosigkeit der Industriellen, 
auf den Saint-Simon mit nie rastendem Eifer und schneidender Schärfe, 
mit dem selbstbewußten Ton eines einer großen Sache dienenden An- 
walts immer und immer wieder hinweist, wäre längst nicht mehr vor- 
handen, wenn die unterdrückte Klasse das Bewußtsein ihrer Stärke 
hätte. Sie aus ihrem Schlummer aufzurütteln, ist es, was Saint-Simon, 
ein unermüdlicher Kämpfer, sich zur Aufgabe gemacht hat. Raffe 
dich endlich auf, du arbeitende Klasse, befreie dich von dem Joch dieser 
Unwürdigen und pflücke, kraftbewußt und fordernd, was dir zu Recht 
gehört, die nun reif gewordene Frucht, ruft Saint-Simon in ewiger 
Wiederholung aus^. Wohl hat man den Industriellen zu Beginn der 
Restauration dstö Recht gesetzlicher Einwirkung durch parlamentarische 
Maßnahmen gegeben, aber anstatt dieses Recht auch auszunützen und 
für ihre Sache kämpfende Abgeordnete in die Kanuner zu senden, 
beklagen sie sich über die mißliche Lage ihrer Angelegenheiten wie 
Weiber ^. 

1) L'Oiiganisateur, T. XX, p. 17 ff. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 214, 218, 225. 

3) L'Industrie, T. XIX, p. 226. 



- i87 - 

Wir Heutigen fragen unwillkürlich, rückblickend auf die ereignis- 
reichen sozialen Wandlungen des verflossenen Jahrhunderts, wie Saint- 
Simon, dem wohl niemand die Gabe scharfer Beobachtung abstreiten 
wird, den tiefen Gegensatz, der in der „industriellen Klcisse" verborgen, 
den Widerstreit des Unternehmertums und des Proletariats habe über- 
sehen können. Denn erst nach einer gewissen Zeit der Beschäftigung mit 
wirtschaftlichen Problemen hat er den Konflikt innerhalb des Bereiches 
auch der Schichten der Industrie entdeckt und seine Geisteskräfte seiner 
Überbrückung gewidmet Man darf, will man Saint-Simons Gedanken- 
gänge verstehen, nie vergessen, daß er in eine Zeit hineingestellt w<u", 
die wohl soziales Elend auch bei den Lohnarbeitern in großem Maißstabe 
kannte, aber nicht ein Proletariat, das dank der Eigenart seiner Daseins- 
bedingungen zur Schaffung eines seine sozialen Ideale verkörpernden ein- 
heitlichen Ideenkreises fortgeschritten wäre. Noch war die Kluft zwischen 
Unternehmer und Arbeiter, zufolge der vergleichsweise niedrigen Stufe 
der kapitalistischen Entwicklung, nicht zu jener unversöhnlichen Weite 
ausgedehnt, daß ein beständiges Verharren der Arbeiterbevölkerung in 
ihrer Abhängigkeitsstellung zur durchweg geltenden Regel geworden 
wäre. Die Hoffnung, in eine sozial höher stehende Schicht aufsteigen 
zu können, und sei es auch nur in die des Kleinuntemehmertums, 
war noch weit verbreitet und durchaus nicht immer trügerisch, das 
Vorherrschen der kleinen und mittleren Betriebe, die noch Raum ließen 
für eine gewisse, wenn auch schon gelockerte Personalgemeinschaft 
zwischen Unternehmer und Arbeiter, die ausgedehnte Verbreitung weiter- 
hin der Luxusindustrie mit ihrem, noch von zünftigen Traditionen be- 
herrschten Schaffen, dann vor allem die geringe geistige Durchbildung 
der Lohnarbeiterschaft — alle diese und noch andere Momente bildeten 
nur einen ungünstigen Nährboden für die Entstehung jener sozialen 
Tendenzen, die einer Konstituierung des Proletariats zu einer ihre Inter- 
essen selbsttätig verfolgenden Klasse zustreben. Als Einheit, als ein 
festes organisches Gebilde erscheint Saint-Simon im Anfang die in- 
dustrielle Klasse, deren Führer nun nicht mehr, wie früher die militä- 
rischen Befehlshaber, das Volk als Untergebene befehligen, sondern 
als „societaire" behandeln. „Das ist gerade die wunderbare Eigenart 
der industriellen Tätigkeit, daß alle Mitwirkenden in Wahrheit Genossen 
(collaborateurs, assodes) sind, vom einfachsten Arbeiter an bis zum 
reichsten Fabrikanten und zum tüchtigsten Ingenieur"^). 

Es spricht aus Saint-Simons Denken jene Hoffnungsfreudigkeit, 
mit der auch die klassische Nationalökonomie an die Betrachtung der 
Vorgänge des aufstrebenden Kapitalismus herantrat: in dem gemein- 
samen Kampfe tun die Geltendmachung der freilich verschiedenartig 



I) L'Or^anisateur, T. XX, p. 150. 



— i88 — 

aufgefaßten „industriellen" Interessen werden etwa vorhandene soziale 
Gegensätzlichkeiten im ökonomischen Leben übersehen oder zurück- 
gestellt gegenüber der allerdings nur gedachten, in Wirklichkeit aber 
nicht vorhandenen Harmonie der sozialen Grruppen. Himmelweit ent- 
fernt davon ist aber Saint-Simon, durch seine Verteidigung der Sache 
der Industrie sich wie die Anhänger des laissez faire zum Wortführer 
nur der führenden Schichten der kapitalistischen Gresellschaftsordnung, 
des Unternehmertums, zu machen. Er streitet für das Wohl des Volkes, 
für die Gesamtheit der schaffenden Glieder der Nation, und diese sozial 
zu heben, g^t sein Verlangen einer ungehemmten Ausnützimg der 
Kulturkräfte, der Industrie und Wissenschaft Um die Emanzipation 
des ganzen Volkes, nicht allein des Unternehmertums von der drückenden 
Fessel feudalistischer Unterdrückung und Ausbeutung handelt es sich 
für ihn. 

Im „Catechisme des industriels" ist ihm dann klar geworden, 
welche sozial verhängnisvollen Neigungen gerade bei den oberen 
Schichten der „Industriellen" sich bemerkbar machen. Da findet er keine 
Spur von jenem Zusammengehörigkeitsgefühl mit der großen Masse 
vor, das allein die Vorbedingung für die Bildung einer klassenbewußten 
Partei abgeben könnte. Anstatt die sozialen Schädlinge, die Feudalen, 
zu bekämpfen, strebe man vielmehr danach, mit ihnen gemeinsame 
Sache zu machen. Man dürste nach Adelstiteln oder, was noch 
häufiger der Fall, man führe durch Heiraten den Privilegierten die 
durch industrielle Arbeiten gewonnenen großen Vermögen zu. Und 
selbst unter den Reihen jener, die sich zum Adel hingezogen fühlen, 
herrsche Zwietracht Neidisch aufeinander, sucht man sich durch die 
Einwirkung auf die herrschenden Gewalten gegenseitig zu schaden, 
und die Bankiers aller Länder wissen nichts Besseres zu tun, als den 
Regierungen den Kredit der Industrie zu gewähren, unbekümmert 
darum, daß sie damit eine Befreiung der industriellen Klasse er- 
schweren ^). 

Der Zusammenschluß der Industriellen zu einer kampfbereiten 
politischen Kerntruppe ist die wichtigste Aufgabe der Gegenwart: 
dieser Klasse das Bewußtsein ihres sozialen Wertes einzupflanzen, ihr 
zu zeigen, daß sie durch die Allianz mit der Wissenschaft eine alle 
Widerstände bezwingende politische Partei bilde, sie aus ihrer Lethargie 
aufzurütteln zur Vollführung der ihr durch die Geschichte zugewiesenen 
großen Mission, der Erreichung dieses Ziels will Saint-Simon immerdar 
seine Kräfte widmen. 

Soll der Erfolg gesichert sein, so müssen sich die Industriellen 
vor allem von der Partei der „non-producteurs" trennen, die mit über- 



1) Catechisme des industriels, T. XXXVII, p. 55. 



— i89 — 

raschender Einheit ihre Interessen vertrete und als das Heer der 
,JDrohnen" das Ergebnis des Fleißes der emsigen „Bienen" an sich reiße, 
dann aber auch müssen sie erwachen aus der Saint-Simon unbegreiflichen 
politischen Apathie. Feinsinnig würdigt er die politischen Verhältnisse 
seiner 2feit : die Kämpfe, die er vor seinen Augen sich abspielen sieht — er- 
innern wir uns, daß durch den hohen Zensus die Masse des Volkes von jeder 
Wahlteilnahme ausgeschlossen war und nur eine geringe Anzahl von Ver- 
tretern des Bürgertums im Parlament saß — nennt er Bastardkämpfe, die 
von den „classes oisives et parasites de la societ6" ^) ausgef ochten werden. 
Durch sie soll entschieden werden, ob das Recht der Unterdrückung der 
Nation als Privilegium dem Adel und den Tonsurierten, oder den MiHtärs, 
Juristen und bürgerlichen Faulenzern zustända „Der Körper der Nation, 
d. h. die Produzenten, haben an den Kämpfen noch keinen direkten 
und charakteristischen Anteil genommen. Sie verharren außerhalb des 
Gefechts, oder sie haben nur eingegriffen als Hilfstruppe, herbeigerufen 
von den bürgerlichen Drohnen. Das ist der wahre Zustand der Lage, 
nicht allein Frankreichs, sondern im ganzen westlichen Europa"^. Es 
ist eine unabwendbare Forderung, wollen die arbeitenden Volksglieder 
sich aus ihrer unwürdigen RoUe, Spielball und Ausbeutungsgegenstand 
der Aristokratie, der sozialen Psu-asiten, zu sein, befreien: Konsti- 
tuierung aller zu einer gesonderten politischen Partei, 
deren Tendenz, um ihren Unterschied von dem Libera- 
lismus auch äußerlich zu bezeugen, durch den Namen 
„Industrialismus" gekennzeichnet werden möge. Stolz 
mögen sich die Angehörigen dieser neuen Partei Industrialisten nennen, 
umschließe doch dieses einzige Wort das würdige Bekenntnis, daß 
man gesonnen sei, dem Heil des Volksganzen sein Leben zu weihen. 
Sicherlich werden, so hofft Saint-Simon, auch die fähigsten Köpfe aus 
den Reihen der Grelehrten, Künstler, Geistlichen, Legisten, Militärs und 
Rentner bereitwillig fördernd an dem Ausbau des großen Werkes mit- 
helfen, und keine Macht der Welt, am wenigsten eine gesetzliche Be- 
hinderung kann den Triumph der industriellen Sache aufhalten: denn 
er ist verbürgt durch die sieghafte Kraft des Fortschrittes der Zivi- 
lisation, der nichts zu widerstehen vermag "). 

Es ist seltsam, aber aus der uns schon bekannten Neigung Saint- 
Simons, die Herrscher der Welt für seine Ideen zu gewinnen, erklärlich, 
daß er, der Anwalt einer Klasse, die nach ihm die gesamte physische, 
moralische und soziale Kraft der Nation verkörpert, imi die Gunst des 
reaktionären bourbonischen Königtums buhlt, jenes marklosen Gebildes, 

1) Du Systtoe Indiistriel, T. XXII, p. 172, 

2) Du Systöme Industriel, T. XXII, p. 257, 258. 

3) Cat^chisme des industriel«, T. XXXVII, p. 195 ff. u. 57. Du Systöme Industriel, 
T. xxn, p. 63. 



— IQO 

das bald in jähem Falle zusammenstürzen sollte. Ob sich je eine mit 
gleicher Voraussicht begabte und mit gleichem Mut ausgestattete Per- 
sönlichkeit einem regierenden Fürsten genähert hat wie der kaum 
beachtete Saint-Simon! Gewiß täuscht er sich, der hoffnungsfreudige 
Menschheitsretter, wenn er glaubt, durch seine Beweisführungen den 
König zu einer radikalen Umkehr seiner Politik bewegen zu können. 
Aber er täuscht sich nicht über die heikle Lage, in der sich das König- 
tum befindet, und mit warnender Stimme weist er auf den Abgrund 
von Gefahren hin, dem sein Zusammengehen mit den dem Unter- 
gang geweihten Klassen es zuführen muß. Freilich, man hört ihn 
nicht, diesen halbverrückten Grafen, bis die Julirevolution mit ein- 
dringlicher Deutlichkeit zeigen wird, wie richtig er gesehen hat. 

In zahlreichen Adressen, die ihm aber nur den Lohn der Nicht- 
beachtimg einbringen, sucht Saint-Simon den Blick des Königs auf 
jene soziale Bewegung hinzulenken, die sich zwar erst im Stadium 
keimhaften Beginnens vorfinde, aber sich bald mit elementarer Gewalt 
zu einem alles mit sich reißenden Strome auslösen werde. Sieht denn 
das Königtum nicht, daß es. solange es seine Verbindung mit dem 
Adel und der Geistlichkeit aufrecht erhält, sich selbst dem Geschicke 
dieser sozial zwecklos gewordenen Gebilde, dem unvermeidlichen Unter- 
gang nämlich, aussetzt, und hat es denn vergessen, welche wertvolle 
Stütze es in den Vertretern der Industrie in seinem nun längst ver- 
gangenen Kampfe mit dem Adel gehabt, in jenen Gemeinen, die in 
dem Jahrhunderte währenden Ringen mit den Naturgewalten das 
soziale Gebäude auf neuen Grundlagen errichtet haben, und die nun 
zum Träger alles Fortschritts geworden sind? Mögen sich die Bour- 
bonen daran erinnern, daß die ersten Könige ihrer Dynastie gegenüber 
dem hohen Adel nichts als „primi inter pares" gewesen sind, und mögen 
sie sich auch erinnern, auf welche Weise sie jene Machtfülle erlangten, 
die es ihnen ermöglichte, sich zum absoluten Königtum zu konstituieren! 
Und sie werden dankbar anerkennen müssen, daß ihre Ansprüche 
immer von seiten der Industriellen Unterstützung erfahren haben, und 
daß ohne diese Hilfe ihr Haus niemals den Glanz erhalten haben würde, 
der einstens weithin alle Welt bestrahlte^). 

Mögen aber auch die Industriellen nicht vergessen, in welch' be- 
deutendem Maße die Bourbonen ihren schrittweisen sozialen Aufstieg 
gefördert haben. Ehedem in sklavenähnlicher Abhängigkeit dem 
Adel ausgeliefert, haben sie seit ihrer Befreiung, die allerdings vor- 
nehmlich ihr eigenes Werk war, sich des Schutzes des Königtumes 
erfreuen dürfen, das so in nicht zu unterschätzender Weise eine Besse- 
rung ihrer sozialen Lage bewirkt hat *). In neuester Zeit ist jedoch ein 

1) L'Organisatear, T. XX, p. 231/32. Du Systöme Industriel, T. XXI, p. 53. 

2) Du Systöme Industriel, T. XXI, p. 54. 



— IQI — 

außerordentlich beklagenswerter Widerstreit zwischen den beiden ver- 
bündeten Mächten eingetreten. Dem Drang der Zeit folgend, hat das 
Königtum zu Beginn der Revolution dem dritten Stande eine doppelte 
Vertretung in den Generalständen eingeräumt, und die Industriellen 
haben offen ihre Sympathie dem Hause Bourbon dargebracht. Da verließ 
man beiderseits diese sehr weise beschrittene Bahn : das Königtum stellte 
sich auf die Seite der Reaktionäre gegen die Industriellen, und diese, 
der Führung der Metaphysiker und Leg^sten blind vertrauend, haben 
den Sturz des Königtums geduldet. Dieses letztere hat dann weiterhin 
das Bündnis der französischen Aristokraten mit den übrigen europäischen 
Feudalen nicht einmal mißbilligt viel weniger zu verhindern gesucht, 
während andererseits die Industriellen, dem Taumel der Kriegsleiden- 
schaft verfallen, fünfzehn Jahre hindurch den Nachbarvölkern gegenüber 
zu antisozialen Reaktionären geworden sind. 

Ein verheißungsvoller Stern beleuchtet nun die Eingangspforten 
der Restauration. Das wiedereingesetzte Königtum hat dem Volke 
eine Verfassung gegeben und den Industriellen das Wahlrecht verliehen. 
I^der hat es nur zögernd den Weg des Fortschritts beschritten und 
zum Unglück dem Klerus und Adel übermäßige Gunst bezeugt. 
Ebenso haben die Industriellen schwer gefehlt, indem sie die ihnen ge- 
botene Möglichkeit, eine ihren Interessen zweckdienliche Politik zu ver- 
folgen, nicht ausgenutzt haben und den antibourbonischen Einwirkungen 
der Bonapartisten zu sehr entgegengekommen sind. Als feindliche 
Pole stehen mithin Königtum und Industrie sich heute gegenüber; aber 
wird es nicht ratsam sein, eingedenk der Segnungen der einstigen 
Allianz, der Klugheit zu folgen und sich wieder zu gemeinsamer, frucht- 
bringender Allianz zusammenzuschließen^)? Das Königtum täusche 
sich über seine Lage nicht Der alte Adel, mit dem es so enge ver- 
bündet ist, bietet ihm alles andere als einen zuverlässigen Rückhalt; 
abgesehen davon, daß ihm jede nennenswerte soziale Macht mangelt, 
wünscht er gar kein starkes König^tum. Die Majestät als „primus inter 
pares'' ist immer noch sein Ideal. Und eine solche zweifelhafte Stütze 
darf sich der königlichen Gunst in vollem Maße erfreuen I Ja, letzten 
Endes ist es die Machtfülle des Königs, die den sozial notwendigen 
und nützlichen Niedergfangsprozeß des altersschwachen Feudalismus 
aufhält „Die Wahrheit ist, daß die Beseitigung des Adels von Eurer 
Majestät verhindert wird, d h. die Erziehung, die Sie empfangen haben, 
ist daran schuld, die Gewohnheiten, die Sie nach vollendeter Erziehung 
angenommen haben, Ihre Herzensgüte. Sire, man hat Ihnen in früher 
Jugend als fundamentales Prinzip der Politik eingeschärft, daß der 
Adel die vorzüglichste Stütze des Thrones ist, und daß Sie sich folge- 



I) Du Systteie Industriel, T. XXII, p. 36 ff. 



— 192 — 

richtig als den ersten Adeligen Ihres Königreichs zu betrachten haben. 
Ihre erhabene Person war immer ausschließlich von Adeligen umgeben, 
so daß Sie alles mit den Augen eines Adeligen angesehen haben und 
sich freundschaftlich nur mit Adeligen haben zusanunenschließen 
können. Endlich, ein großer Teil des Adels hat Sie ins Ausland be- 
gleitet und alles Unglück mit ihnen geteilt, weshalb es fast als Not- 
wendigkeit erscheinen mußte, daß Sie sich verpflichtet fühlen, gemein- 
same Sache mit ihm zu machen"^). Es mag schwer fallen, diese tief 
eingewurzelten Sympathiegefühle plötzlich ausziu*otten, aber es bleibt 
dem König nichts anderes übrig, als einen radikalen Bruch mit dem 
Adel zu vollziehen und sich auf die Seite jener zu stellen, von denen 
ihm alles Heil kommen wird. Das Königtum und die Industrie sind 
seit langem die beiden einzigen lebensfähigen politischen Grewalten, und 
in erneuter Vereinigung werden sie eine unerschütterliche Kraft dar- 
stellen. Muß diese erhabene Idee eines einträchtigen Zusammengehens 
der beiden Hauptmächte der Nation nicht alle Gefühle gegenseitiger 
Abneigung, die sich dieser so natürlichen Verbindung noch entgegen- 
stellen, ersticken, den Haß gegen das Königtum, den die Bonapartisten 
den Industriellen eingepflanzt haben einerseits, die Mißachtung der 
Industriellen von selten des Königtums andererseits? Sicherlich. Die 
Industriellen empfinden tief die Notwendigkeit des Königtums als 
Garantie für die Aufrechthaltung des Friedens und der Ordnung, woran 
sie so sehr interessiert sind. Sie verabscheuen den Despotismus eines 
Napoleon und wissen, daß ein Dynastiewechsel die Willkür nvu- er- 
neuem würde. Sie erinnern sich all der Wohltaten, die sie von den Bour- 
bonen empfangen haben, ja „sie lieben das Haus Bourbon", d. h. nach 
Saint-Simon ^. Somit wird es dem Königtum nicht schwer fallen, den 
entscheidenden Schritt zu unternehmen, den bei Strafe seines Unter- 
ganges der eherne Verlauf des historischen Geschehens ihm vorschreibt: 
sich in ein industrielles Königtum umzuwandeln. Nicht sein 
Paktieren mit dem Feudalismus ist es gewesen, das dem Königtum 
seine ehemalige Machtg^öße verlieh, sondern die Tatsache, daß es 
immer mehr industriellen Charakter annahm. Heute, wo die Industrie 
der Ursitz alles frischen Lebens geworden ist, vollende nun das 
Königtum das Werk, an dem seine Vorfahren, reich belohnt dafür, 
gearbeitet haben: der König mache sich, anstatt „Chef* des Adels zu 
sein, ziun „Chef des industrids". „Ich frage", so fügt Saint-Simon 
hinzu, „ist damit ein wirklicher Verlust verbimden in einem Zeitalter, 
wo der Adel nichts bedeutet und die Industrie alles ?"^ Saint-Simon 



1) Du Systeme Indiutriel, T. XXUI, p. 43. 

2) Dn Systöme Indastriel, T. XXI, p. 98/99. 

3) Du Systöme Industriel, T. XXI, p. 206. 



— 193 — 

geht sogar so weit — ein Lassalle der französischen Restauration? — 
wiewohl er an anderer Stelle durchaus nicht gleicher Meinung ist, die 
Diktatur zum Zwecke der bevorstehenden Umbildung des sozialen 
Systems zu empfehlen, es sei denn, man würde das Mittel des Auf- 
standes, das er aber verwirft, vorziehen. Die plötzliche Vereinigung 
aller politischen Grewalt in einer Hand vermöge mit Leichtigkeit den 
Übergangsprozeß zu beschleunigen, denn „un gouvemement n'a pas de 
difficult6 ä diriger le pays dans la voie oü le pousse le progres". 

Sucht man das gemeinsame Kriterium, dessen sich der Denker zur 
soziologischen Beurteilung der sozialen Schichten bedient, so findet man 
als solches eine äußerst fruchtbare Idee vor: die Prüfung dieser 
Schichten auf den Grad ihrer sozialen Macht hin, die 
beschlossen ist in dem Grade ihrer gesellschaftlichen 
Nützlichkeit, was einzig durch eine geschichtliche Be- 
trachtungsweise, die das Stadium des Deskriptiven über- 
schreitet und dem Wandel der vorherrschenden sozialen 
Entwicklungstendenz nachspürt, zu geschehen vermag. 
Dank solchem Vorgehen erfahren die Grundsätze des in einer 
Epoche vorhandenen Rechts eine durchaus eigenartige Be- 
leuchtung: sie gehören nicht zu den fundamentalen Bestandteilen 
des gesellschaftlichen Daseins, das will besagen, daß sie etwas Ab- 
geleitetes, nicht in sich selbst Begründetes darstellen. Sie sind viel- 
mehr nur die Formen, welche die sozialen Machtverhält- 
nisse aus sich heraus geschaffen haben, und je nach dem 
Wechsel dieser Verhältnisse nehmen die rechtlichen Prinzipien ver- 
schiedene Gestalt an. Ähnlich verhält es sich mit den übrigen Kultur- 
faktoren, den religiösen Ideen vornehmlich. Wie sie ihren Gehalt 
empfangen von den jeweils in einer Zeitperiode vorhandenen intel- 
lektuellen Kenntnissen, so sind auch sie nicht starre, allen Wechsel 
überdauernde Gebilde, sondern einem Prozeß stetiger Veränderung 
unterworfen, und wie sie in einem Zeitpunkt harmonischen Überein- 
stimmens mit ihrer intellektuellen Grrundlage sich zu Wunder wirkenden 
Ordnungsmächten des gesdlschaftlichen Daseins entfalten, so einflußlos» 
ja schädigend sind sie, wenn der Boden, auf dem sie erwachsen sind, 
durch die Fortschritte der Zivilisation unterwühlt worden ist Im Mittel- 
alter waren es die Feudalen und die Geistlichen, die als mit frischer 
Lebenskraft begabte Schichten der europäischen Gesellschaftsordnung 
ihre Signatur aufdrückten; die ihnen zustehende soziale Macht war 
damals der Ausdruck ihres sozialen Wertes. Heute aber ist der Feuda- 
lismus und die Kirche nichts als eine gleichsam leblose Hülle, die eine 
reifende Frucht umgibt, freilich nur so lange, bis sie durch deren fort- 
schreitendes Wachstum gewaltsam gesprengt wird. Als nun inhaltslose 
Symbole eines abgestorbenen Kulturzeitalters haben sie sich in eine 

Muckle, Henri de Saint-Simon. 13 



— 194 — 

neue Welt hinübergerettet, ihr Dasein entweder der ebenso in ihrem 
Bestände gefährdeten politischen Macht oder der Unwissenheit kulturell 
zurückgebliebener Volkskreise verdankend. 

Industrie und Wissenschaft sind es, die heute die Lebensgrundlage 
der Nation abgeben und darnach streben, die ihre Entfaltung aufhalten- 
den Fesseln zu sprengen. Darin liegt nun die Tatsache beschlossen, 
daß die Gesellschaftsordnung jener Einheit, die die Größe des Mittel- 
alters ausmachte, vollständig beraubt ist Eine Krisis sucht heute die 
zivilisierten Völker heim, die hervorgerufen worden ist durch den Über- 
gang des feudalen und theologischen Systems zum industriellen und 
wissenschaftlichen, und die das soziale Leben in allen Äußerungsformen 
ergriffen hat ^). Alles ist in Gärung begriffen : die Gesellschaft stellt ein 
schwankendes Chaos dar, statt Ordnung herrscht eine soziale Zerklüftung 
in einer Ausdehnung, wie es bisher noch nie der Fall gewesen ist Unver- 
einbare Gegensätze sind es, die um ihr Dc^einsrecht streiten. Zwei anta- 
gonistische soziale Prinzipien sind miteinander in Konflikt geraten, ein 
Prozeß, der sich schon über Jahrhunderte hinstreckt, der heute aber in 
besonderer Heftigkeit sich geltend macht Freilich sind es ungleiche 
Gegner, die sich gegenüberstehen, denn schon ruht der ganze Gesell- 
schaftsbau auf dem Fundament des neuen Systems, der Lidustrie und 
Wissenschaft, während das alte System nur so viel Kraft besitzt, daß 
es sich zur Not noch aufrecht zu erhalten vermag^. „Die weltliche 
Gewalt ist auf die äußerste Grenze ihrer Wirksamkeit, die ihr noch bis 
zur völligen Vernichtung des alten Systems zusteht, beschränkt Die 
geistliche Gewalt ist in politischer Hinsicht vollständig beseitigt worden. 
Ein gewisser Einfluß steht ihr nur insofern zu, als sie den Moralunterricht 
noch in Händen hat und dieser auf ihre Lehren gegründet ist**®). 

Die Folge dieser Zwittematur der modernen sozialen Zustände, 
deren Wesensart als „coexistence d'un Systeme caduc et d'un S3^teme 
adulte** bezeichnet wird*), sind von erschreckender Deutlichkeit. Wie 
innerhalb der einzelnen Nationen das Vorherrschen der Selbstsucht die 
Gesellschaft völliger Auflösung entgegentreibt, ebenso sind auch die 
europäischen Völker, zufolge der Zerstörung der intellektuellen Zentral- 
gewalt des Mittelalters, aus einstigen Verbündeten einer fest organi- 
sierten Kulturgemeinschaft zu erbitterten Gregnem geworden. Ohne 
allgemeine moralische Ideen, wie sie das Ergebnis einer allgemeinen 
Weltanschauung sind, kann eben die menschliche Gesellschaft, soll sie 
mehr als eine bloße Summierung von Individuen sein, nicht bestehen, 
so wenig wie sie ohne dstö Vorhandensein allgemeiner Interessen eine 

1) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. 3, 90. L'Industrie, T. XIX, p. 25. 

2) L'Oiganisateur, T. XX, p. 109. 

3) L*Oiganisateur, T. XX, p. 164. 

4) L'Oiganisateur. T. XX, p. 65- 



— 195 — 

kraftvolle Einheit bilden kann^). Und an solchen allgemeinen Ideen 
und Interessen mangelt es. Denn das alte System ist vernichtet, und 
jede Hoffnung auf seine Wiederherstellung eine Chimäre. ,^in System, 
das die Jahrhunderte geschaffen und die Jahrhunderte vernichtet haben, 
kann nicht mehr eingeführt werden" *). So wäre die menschliche Gresell- 
schaft dem Untergang geweiht, wenn nicht während des langandauemden 
Zerstörungsprozesses neue Kräfte organisierender Wirksamkeit in stetigem 
Wachstum entstanden wären. Ein ungeheures Gewölbe gleichsam haben 
die Vorfahren geschaffen, und der heutigen Generation fällt die Aufgabe 
zu, „de poser la clef". Im industriellen und wissenschaftlichen System 
wird die Menschheit ihre zukünftige Organisation finden. 

Diese soziale Ordnung, von der wir bis jetzt nur so viel wissen, 
daß sie sich auf der Industrie und der Wissenschaft als den beiden 
zentralen Phänomenen der modernen Zivilisation erheben wird, muß aber 
scharf von den politischen Verfassungen in ihren verschiedenen 
Ausprägungen geschieden werden, in deren Wesen Saint-Simon mit 
wahrhaft staunenerregendem Tiefblick eindringt Was sich in den 
politischen Kämpfen der folgenden Jahrzehnte als feststehende Wahr- 
heit herausgestellt hat, wird von Saint-Simon in einer Zeit der sich erst 
bildenden Voraussetzungen für jene Kämpfe mit voller Schärfe erkannt, 
und es tut seiner diesbezüglichen Bedeutung nicht den geringsten Ein- 
trag, wenn er in seinen ganz allgemein gehaltenen Bemerkungen die 
Besonderheit der späteren, auf einem etwas anders gearteten Boden er- 
wachsenen Anschauungen nur in einzelnen Fällen antizipiert hat. Ein 
radikaler Umschlag hinsichtlich der Wertung des Parlamentarismus hat 
sich in seinem Denken vollzogen, das wie ein heller Lichtstrahl weite 
Femen einer seinen Zeitgenossen noch in tiefes Dunkel gehüllten Zu- 
kunft beleuchtet 

In der 1 8 14 erschienenen „Reorganisation de la soci6te europeenne'^ 
hat Saint-Simon in der politischen Verfassung Englands, unbekümmert 
um seine bisherige Theorie über die Vorbedingung der sozialen Rege- 
neration, das Grundmittel für den Neuaufbau der zerrütteten Gesell- 
schaftsordnung gesehen, während er nun kräftige Kritik an der Über- 
schätzung des Parlamentarismus übt Man ist der Meinung, so erklärt 
er seinen Zeitgenossen, daß, wenn einmal die Teilung der politischen 
Gewalten vorgenommen, dann alles aufs beste in der Welt organisiert 
ist Das ist ein fundamentaler Irrtum. In keiner Weise will Saint- 
Simon bestreiten, daß die 18 14 in Frankreich eingeführte Staatsform 
die Bahn einer fortschrittlichen Durchbildung der Verhältnisse geöffnet 
hat „Sie hat das Mittel gegeben, auf friedliche und gesetzliche 
Weise alle jene Verbesserungen durchzuführen, die der gegenwärtige 

1) Du Systöme Industriel, T. XXII, p. 51. 

2) Du Systtoc Industriel, T. XXII, p. 50. 

13* 



— igö — 

Zustand der Zivilisation erfordert" Aber darauf beschränkt sich auch 
ihre Bedeutung. Durch sie ist weiter nichts als die Möglichkeit 
einer sozialen Reform, nicht diese selbst gegeben. Man 
bedenke doch, zu welch' verschiedenen Zwecken die durch die Charte 
gewährleistete gesetzliche Einwirkung benutzt werden kann. Man kann 
durch parlamentarische Mittel fortschrittliche, aber auch die reaktionärsten 
Maßregeln durchführen, und diese Verschiedenartigkeit des möglichen 
sozialen Einflusses der Staatsformen gibt die Berechtigung zu sagen: 
„La Charte n'est point une vraie Constitution.** Das muß immer und 
immer wieder ausgesprochen werden, damit man sich nicht daran ge- 
wöhnt, das große politische Problem der Neuzeit schon als gelöst zu be- 
trachten, solange es nicht einmal klar formuliert ist^). 

Die heutigen politischen Regimes, denen man den Namen konstitu- 
tionelles, repräsentatives oder parlamentarisches System gibt, können 
durchaus nicht Zielpunkt der sozialen Organisation sein. Sie sind viel- 
mehr Bastardsysteme, herausgewachsen aus dem unbestimmten Zustand 
der modernen Ära, deren ganze Ungeklärtheit sie an sich tragen*). 
Diese „r^gimes transitoires" leisten wohl für die Vernichtung des 
nur noch ein Scheindasein führenden Feudalismus die besten Dienste; 
mithin ist ihre Tätigkeitsrichtung aber nur eine zerstörende, und 
die konstitutionelle Monarchie nennt Saint-Simon eine „entsetzlich meta- 
physische Institution", die einen sozialen Bastardzustand bezeichnet, in 
welchem die Phrasenmacher und Vielschreiber das große Wort führen ^. 
Dieses vornehmlich negative Ergebnis des parlamentarischen Systems, 
also auch der Charte, ist, solange noch den Fortschritt aufhaltende Reste 
der alten Gesellschaftsordnung ihr Dasein fristen, von nützlicher Be- 
deutung insofern, als dadurch eine glückliche Modifikation des alten 
Systems erzielt wird, die einen provisorischen Sozialzustand darstellt, 
der eine unerläßliche Vorbedingung für die Schaffung der neuen Gresell- 
schaftsordnung bildet*). 

Anders verhält es sich mit der Pairskammer. Sie ist weiter nichts 
als eine Scheinmacht, der in keiner Weise eine Existenzberechtigung 
zukommt in einem Lande, wo es zwar dem Namen nach einen Adel, 
aber keinen Adel einstiger feudaler Prägung mehr gibt. „Was sollen 
denn Pairs bedeuten, deren Existenz sich nur auf Pensionen gründet 
oder auf Stellungen, die ihnen von der königlichen Macht zugewiesen 
worden sind?" Sie sind eine „force d^rivee", die man fälschlich für 
eine „force propre hält"*). 

i) Du Systeme Industriel, T. XXn, p. 183. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 27. Du Systtoe Industriel, T. XXII, p. 248. 

3) Cat^chisme des industriels, T. XXXVII, p. 131. 

4) Du Systeme Industriel, T. XXH, p. 190. 

5) Du Systeme Industriel, T. XXH, p. 201/202. 



— 197 — 

Nun hat man auf die lange Dauer der englischen Verfassung hin- 
gewiesen und diese Dauer als Beweis für die definitive Geltung dieser 
Art des politischen Systems angeführt. Daraufhin ist zu erwidern, daß die 
englische Konstitution so lange Zeiträume hat bestehen können einzig 
deshalb, weil sie der Ausdruck der tatsächlich existierenden Macht- 
faktoren war^). Von einer wahrhaft festen sozialen Ordnung 
aber ist auch in England keine Rede. Man bewundert in 
Frankreich in überschwenglicher Weise die politische Verfassung der 
Engländer, als ob sie das Muster der Vollkommenheit wäre. Wenn man 
unter einer Konstitution eine straffe soziale Organisation versteht, so 
besitzt England eine solche ebensowenig wie Frankreich. Auch Eng- 
land wird wie alle modernen Staaten von den heftigen Wehen einer 
Krisis heimgesucht, die dem Wechsel der zentralen Prinzipien der sozialen 
Ordnung ihre Entstehung verdankt ^. England befindet sich, gleich den 
übrigen fortgeschrittenen Ländern, in einem Zustand des Übergangs zu 
einer sozialen Neuorganisation, und das dortige Regime stellt nicht 
schon etwa einen Festigkeit verbürgenden Zustand des sozialen Lebens 
dar, sondern es ist nichts anderes als das modifizierte Feudalsystem, 
dessen Existenz die Voraussetzung für die Entstehung der künftigen 
gesellschaftlichen Ordnung bildet *). 

Dies ist also die Meinung Saint-Simons. Die Staatsverfassung 
in der Gestalt der parlamentarischen Regierungsweise 
kann nicht etwa das soziale Ideal sein, sie ist vielmehr 
nur eine Möglichkeit, eine leere Form gleichsam, in die 
erst ein lebenswarmer Gehalt eingegossen werden muß*). 
Nur an der Hand klarer, inhaltlicher Prinzipien, die zu 
festen Normen der Tätigkeitsrichtung geeignet sind, ist 
es möglich, der Gesellschaft eine kräftige Fundamen- 
tierung zu verleihen, und die politische Form ist nur das 
Mittel zur Verwirklichung des durch jene Prinzipien 
festgelegten Zweckea 

Ist in diesen Bestimmungen nicht grundsätzlich, wenn auch noch 
nicht in der Besonderheit der künftigen Formulierung, jene Kritik ent- 
halten, die der französische Republikanismus der dreißiger Jahre voll- 
zogen hat, indem er sich mit sozialem Gehalte füllte und sich zur 
sozialen Demokratie umbildete? 

Wenn man Saint-Simon als Vorläufer des modernen Sozialismus 
bezeichnet — ob er es ist, wird erst noch zu untersuchen sein — so 



i) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 197. 

2) Cat6chisme des industriels, T. XXXVII, p. Soff. 

3) Du Systeme Industriel, T. XXm, p. 54/55. Catöchisme des industriels, T. XXXVH, 
80/81. 

4) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 248. 



— 198 — 

darf man nicht vergessen, daß gerade jenes Bestandstück des vor- 
marxistischen Denkens, das man als fundamentales Kriterium seiner 
Eigenart herausgestellt hat, nämlich die von Sombart in seinen licht- 
vollen Untersuchungen so bezeichnete rationale Forschungsmethode, 
bei ihm nicht die geringste Rolle spielt Die natürliche Gesell- 
schaftsordnung, die man der gegebenen, auf falschen Voraus- 
setzungen gegründeten als das Reich der Vollkommenheit gegenüber- 
stellt, und deren ewig gleichbleibender Wesenscharakter durch vernünftige 
Überlegung enthüllt werden kann — eine solche Gresellschaftsordnung 
gibt es für Saint-Simon nicht Ja man kann sagen: gerade er 
ist es gewesen, der in völlig bewußter Weise die rationale Forschungs- 
art die für Owen, Fourier, Cabet u. a.^) als Nachklang der von uns 
in den einleitenden Bemerkungen gekennzeichneten Sozialphilosophie 
des achtzehnten Jahrhunderts von prinzipieller Bedeutung ist, auf das 
Nachdrücklichste bekämpft hat Sie gehört nach ihm dem meta- 
ph3rsischen Denken an, das außer stand ist, die soziale Wirklichkeit in 
ihrer wahrhaften Beschaffenheit zu ergründen, und infolge des dadurch 
bedingten Mangels der Kenntnis ihrer Bewegnngsgesetze sich in den 
Regionen der Spekulation verirrt. „Ce n'est point de la meta- 
physique que nous voulons faire; nous voulons, au 
contraire, la combattre. Le but de notre travail est de 
mettre des faits ä la place des raisonnements des m^ta- 
physiciens"^. „J'ai voulu exprimer la Separation de la politique 
scientifique, bas6e sur des series coordonnees de faits historiques gene- 
raux, d*avec la politique m^taphysique, fondee sur des suppositions ab- 
straites plus ou moins vagues et plus ou moins creuses"'). Gewiß will 
Saint-Simon wie Fourier und die übrigen rationalen Sozialisten eine 
tiefdringende Reform der gesellschaftlichen Verhältnisse vornehmen, 
aber diese Reform darf nach ihm nicht der Ausfluß subjektiven Er- 
messens einer einzelnen Persönlichkeit sein, sondern sie muß. wenn sie 
kein Phantasiegebilde sein will, mit den vorhandenen sozialen Kräfte- 
strömungen rechnen. In wahrhaft genialer Weise, die einen voll- 
ständigen Bruch mit der unhistorischen Denkart des achtzehnten Jahr- 
hunderts und auch seiner Zeit bedeutet hat er die Prinzipien jeder 
„gesunden Politik" aufgestellt, und es ist seltsam, daß man diesen 
wichtigen Ausführungen des französischen Denkers, namentlich auch 
ihrer klar vorliegenden fortwirkenden Kraft, nur eine ungenügende Be- 
achtung geschenkt hat 

Eine Konstitution, so belehrt uns Saint-Simon, ist nur so lange von 
Dauer, als ihre Grundlagen mit den sozialen Tendenzen ihrer Zeit über- 

i) Siehe darüber Näheres im folgenden. 

2) Cat^diisme des industriels, T. XXXVII, p. 35/36. 

3) Du Systöme industriel, T. XXI, p. 20. 



— 199 — 

einstimmen. Niemals kann man eine politische Kraft schaffen, man ver- 
mag nur vorhandene Kräfte anzuerkennen, die sich übrigens, wenn sie 
genügend entwickelt sind, von selbst Geltung verschaffen^). 

Was für eine politische Konstitution gut, gilt völlig auch für eine 
soziale Konstitution. Unmöglich ist es, ein System der sozialen Organi- 
sation willkürlich ins Leben zu rufen, man ist nur im stände, vorherr- 
schende Ideen und Interessen aufzuweisen, das ist aber auch alles. E i n 
soziales System ist eine Tatsache oder nichts. Das neue 
System, das Saint-Simon entworfen hat, und das wir bald kennen lernen 
werden, ist in jahrhunderüanger Arbeit menschlicher Generationen 
geschaffen worden und nicht etwa der Abglanz allein seiner Wünsche. 
Wenn man es bisher als die zukünftige Ordnung der Gesellschaft noch 
nicht erkannt hat, so kommt das einfach daher, „qu'il se trouve cach6 
par le frontispice de Tancien edifice social, qui est encore subsistant" ^. 
Mit Nachdruck verwahrt er sich gegen den Vorwurf des utopischen 
Charakters seines Reformprojektes: „qui dit Utopie dit incertitude de 
la possibilite, ou impossibilite, sentie d une mani^e vague, de Texecution 
d'un nouveau Systeme d'organisation sociale. Or, ce vague et cette 
incertitude, ä quoi tiennent-ils, si ce n'est au peu d'habitude que nous 
avons de considerer la g^ande serie des faits historiques relatifs ä la 
marche de la civilisation" ^. Eine Utopie war beispielsweise nach 
.Saint-Simon der Plan eines ewigen Friedens des Abbe von Saint- 
Kerre. Und warum dieses? Weil es eine Absurdität ist, die Auf- 
rechterhaltung des Friedens von solchen Mächten zu verlangen, die 
ihrer Natur nach kriegerisch gesinnt sind*). Mangels geschichtlicher 
Betrachtungen wollte Saint-Pierre ein Ziel erreichen, idas er unmöglich 
erreichen konnte, nämlich den Ausbau der Gesellschaft im Sinne einer 
gegen ihre Entwicklungstendenzen verstoßenden Richtung^. 

i) On ne sanrait trop le r^p^ter, car c'est snr ce principe que repose 
toute la saine politique, une Constitution n'est durable qu'autant qu'elle 
est, dans ses ^l^ments essentiels, Texpression de T^tat de la soci^t^, k 
l'6poque oü eile s^^tablit. On ne cr6e point une force politique, on 
l'enregistre au nombre des puissances dirigeantes, quand eile a acquis 
une d^veloppement civil süffisant, ou bien eile s'enregistre alors d'elle- 
mSme; voilä tout. Cette reconnaissance, ou, si l'on veut, cette 16gi- 
timation des forces pr^pond^rantes qui existent dans une soci6t^ k chacune 
des ^poques importantes de la civilisation, est ce qu'on appelle sa Con- 
stitution, qui, Sans cela, serait purement une rdverie m^taphysique. Du 
Systtoe Industriel, T. XXn, p. 197. 

2) L'Organisateur, T. XX, p. 179, 180. 

3) L'Organisateur, T. XX, p. 63/64. 

4) L'Oiganisateur, T. XX, p. 65. 

5) En tout temps, en tout pays, ce qui est difficile, oe n'est pas de suivre en la 
diiigeant la tendance g^n^rale d'une sod^t^, quelque grandes puissent 6tre les innovations 
qu'elle provoque; c*est de faire marcher une nation dans un sens contraire k celui dans 



— 20O — 

Die Kenntnis dieser Entwicklungstendenzen des historischen Gre- 
schehens, bloßgelegt wie sie durch geschichtsphilosophische Reflexionen 
werden, ist mithin die unumgängliche Voraussetzung für eine zu er- 
strebende soziale Reform ^). So will der Plan Saint-Simons alles andere 
als eine Utopie sein. Er glaubt klar zu sehen, wo die menschliche 
Gresellschaf t angelangt ist, und wohin sie steuert ^. Seine Politik ist eine 
wissenschaftliche, positive Politik, und diese Errungenschaft 
setze ihn in den Stand, die soziale Verwirrung, weil er ihre Entstehungs- 
gründe aufgedeckt habe, zu beseitigen. Ein neues Zeitalter der Mensch- 
heitsgeschichte kündet Saint-Simon an. Oder glaubt man denn, daß die 
gegebene soziale Ordnung aufrecht erhalten bleiben kann ? Ist denn über- 
haupt von einer Gesellschaft im wahren Sinne des Wortes die Rede, so- 
lange die kritischen, auflösenden Prinzipien der Metaphysik vorherrschen?*) 
Ist denn die Gesellschaft dazu berufen, Ruinen zu bewohnen?*) Die 
blinde, richtungslose Entfesselung der sozialen Kräfte muß unterbunden 
werden, denn „une conduite qui n'est point assujettie a des r^gles fixes 
ne peut etre qu'une suite d'h6sitations, d'inconsÄquences, de demarches 
contradictoires" *). Es muß mithin eine Regulierung der gesellschaft- 
lichen Tatsachen vorgenommen, eine neue soziale Konstitution errichtet 
werden auf dem Untergrund der lebensfähigen Mächte der Zivilisation, 
deren Wesensart durch eine philosophische Interpretation des geschicht- 
lichen Seins erschlossen werden kann % Und diese Kräfte hat eben . 
Saint-Simon enthüllt: es ist die Industrie und die Wissenschaft, die in ver- 
einigter Aktion vom Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts an vornehmlich 
eine völlige soziale Umwälzung hervorgerufen und so den Zustand einer 
bis heute andauernden sozialen Krisis geschaffen haben, aus der die 
Menschheit nur dann herauskommt, wenn ein neues soziales System, 



lequel eile est pouss^ par Teffet de sa dvilisation ; car, dans le premier cas, on a pour soi 
toutes les forces politiques prindpales, et, dans le second, on les a toutes oontre soi. Du 
Systtae Industrie!, T. XXII, p. 224. 

i) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 188. 

2) Aujourd*hui, lesprogrds del'esprit humain nousont mis k m6mede 
bien voir oü nous en sommes, oü nous tendons; et, par suite, de diriger 
notre marche de la maniöre la plus avantageuse. Voilä la grande sup^ri- 
oritö de l'^poque actuelle sur la premiöre 6poque de transition. Elle con- 
siste en ce qu'il nous est possible de savoir ce que nous faisons; et c'est 
H, dans toutes les 6poques de la soci6t6, la chose la plus difficile. Ayant 
la conscience de notre ^tat, nous avons celle de ce qu'il nous convient de 
faire. L'Industrie, T. XIX, p. 27. 

3) L'Organisateur, T. XX. p, 193. 

4) L'Organisateur, T. XX, p. 212, 213. 

5) L'Industrie, T. XVHI, p. 53. 

6) L'observation du pass6 . . . le seul moyen de d^couvrir sans incer- 
titude quelles sont ces forces, et d'^valuer aussi exactement que possible 
leur tendance et leur degr6 de sup6riorit6. Du Syst^e Industriel, T.XXI, p. 69. 



20I 

aufgebaut gerade auf jenen revolutionären Gebilden, wieder erstehen 
wird. Saint-Simon hat dieses neue System ergründet, aber es ist nicht 
erfunden, sondern schon vorhanden, ja es ist bereits so sehr entwickelt, 
daß es zu seiner Konstituierung nur eines kräftigen Anstoßes bedarf ^). 

d) Die Organisation der Gesellschaftsordnung. 

Wir sind begierig, von Saint-Simon einiges über das Gesellschafts- 
system der Zukunft zu hören, nachdem wir bis jetzt näheres nur über 
seine kulturhistorische Bedingtheit erfahren haben. Eine Utopie wird 
es, wie uns mit dankenswerter Deutlichkeit versichert wird, unter keinen 
Umständen sein, soll es sich doch gerade auf den Grundfesten, auf 
denen schon das soziale Dasein ruht, erheben, auf jenen beiden 
sozialen Lebenselementen, die sich nun, nachdem sie in den ereignis- 
reichen Reihen der letzten Jahrhunderte mit revolutionärer Gewalt das 
System des Mittelalters gesprengt haben, zu einer auch organisierenden, 
sozialisierenden Klraftwirkung auslösen müssen. Behalten wir diese 
Bestimmungen also fest im Auge, sie werden uns als vorzüglicher 
Beurteilungsmaßstab der weiteren Ausführungen des Denkers will- 
kommene Dienste leisten. 

Wie stellt sich nun Saint-Simon die soziale Regeneration, welche die 
zwei Kulturmächte der Gegenwart, die Wissenschaft und die Industrie, 
vollbringen werden, vor? 

Betrachten wir zuerst das organisierende Werk, das von der Wissen- 
schaft ausgehen wird. Da finden wir nun, daß die in der »^Denkschrift 
über die Wissenschaft vom Menschen" entwickelten praktischen sozialen 
Maßregeln auch in die neue Periode des Denkens mit hinübergenommen 
worden sind, ist doch auch, wie uns bekannt, ihre wissenschaftiiche 
Unterlage, die intellektuelle Geschichtsauffsissung, als wichtiger Bestand- 
teil dem neuen Gedankenkreis eingefügt worden. 

Damach kann eine harmonische Entfaltung des kulturellen Lebens 
nur stattfinden, wenn die Individuen in ihrem Tun durch einheitliche Ideen 
geleitet werden, die die subjektive Willkür, das Vorwalten des Egois- 
mus eindämmen und die sozialen Grruppen zu einem vor Zerbröckelung ge- 
schützten organischen Ganzen gestalten. Wie im Mittelalter eine philo- 
sophische Doktrin, die christliche Religion, als eine objektive Macht 
gleichsam ordnungstiftend die europäische Welt beherrschte, so muß 
auch in der modernen Zeit wieder, nachdem die alte geistige Autorität 
nur noch in der unvollkommensten Weise in Wirksamkeit tritt, ein 
geistiges Prinzip erzeugt werden, dcis mit gebietender Strenge der sozialen 
Auflösung ein Ende bereitet. Eine neue Philosophie muß entstehen 



I) L'Oiganisateur, T. XX, p. i6o. Du Systeme Industriel, T. XXI, p. i8. 



— 202 — 

als Bildnerin neuer geistiger Werte, die dem Lebenszusammenhang der 
Einzelmenschen und Völker den Charakter jener Innigkeit verleihen, 
wie er den organischen Epochen der Menschheit als immerdar denk- 
würdiges Zeichen ihrer Größe und Erhabenheit anhaftet ^). Denn soziale 
Verwirrung herrscht, nicht Einheit, solange nicht gemeinscime mora- 
lische Ideen die Grrundsätze der Lebensführung bilden, und diese Ideen 
werden niemsJs allgemeine Geltung besitzen, wenn sie nicht einer 
philosophischen Lehre, und zwar einer allseitig angenommenen Welt- 
anschauung entsprossen sind. Diese Lehre also ist das sozialisierende 
Urprinzip, „das Band, das alle sozialen Teile einigt und festigt"*). 
Als ein sozialer Regulator wird die Philosophie hinweg über die 
Individuen auch die Gegenseitigkeitsbeziehungen der Nationen festigen, 
lun zuletzt sich auf die ganze Welt cils Herrschaftsgebiet zu er- 
strecken. Denn nie wird eine soziale Organisation vorhanden sein, wenn 
nicht eine Weltanschauung die Lebensgrundlage aller abgibt „Jedes 
soziale Regime ist der Ausfluß eines philosophischen Systems, und 
folglich ist die Bildung eines neuen Regimes unmöglich, bevor das 
neue philosophische System, dem es entsprechen muß, begründet ist" % 
Saint-Simon ist es, dem die „große Mission" zugefallen ist, die philo- 
sophischen Stützen, die die zukünftige soziale Ordnung tragen werden, 
zu schaffen: ein System der Philosophie gilt es zu entwerfen, das die 
von den positiven Wissenschaften gelieferten Kenntnisse, isoliert wie 
sie heute sind, in einer Synthese zusammenfaßt, indem es das ihnen 
Gemeinsame heraushebt und die so gewonnenen ,Allgenieinheiten" 
systematisiert*). Diese neue Philosophie würde eine Enzyklopädie der 
positiven Ideen bilden^, und die . intellektuelle Obrigkeit, die im Mittel- 
alter der Klerus als Träger der geistigen Kultur inne hatte, wird den 
dem Studium der positiven Wissenschaften sich widmenden Gelehrten, 
als den heutigen Trägem des geistigen Fortschritts, zufallen^. Gemäß 
der Exaktheit der modernen Forschungsweise wird die neue geistige 
Leitung der Gesellschaft einen bisher nie gekannten Einfluß ausüben, 
denn man kann wohl einen Glauben bekämpfen, während man sich 
einer wissenschafüichen Demonstration einfach unterwerfen muß. Die in 
Akademieen vereinigten Gelehrten werden in Zukunft die geistigen An- 
gelegenheiten verwalten, sie werden die Erziehung übernehmen, sowohl 
die geistige als auch die moralische, und durch Schaffung einer alle 



i) Du Systöme Industrie!, T. XXII, p. 49. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXU, p. 51. 

3) L'Industrie, T. XIX, p. 23. 

4) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 58/59. Quelques opinions philosophiques, 
XXXIX, p. 51. 

5) L'Industrie, T. XVin, p. 219. Quelques opinions philosophiques, T. XXXIX, p. 105. 

6) Du Systtoe Industriel, T. XXI, p. 100. 



— 203 — 

Volksteile umfassenden Org^anisation, als deren Vertreter in den Gre- 
meinden die „savants detaches" wirken werden, die intellektuelle Krisis 
beseitigen. Den Volksgenossen die Liebe zum Gemeinwesen einzuflößen, 
wird ihre vornehmste Pflicht sein^). 

Die Verwaltung der weltlichen Angelegenheiten dagegen darf 
in keinem Falle den Gelehrten anvertraut werden. Würden sie doch, 
wie Saint-Simon fürchtet, anstatt die wahren Führer des Volkes zu 
sein, leicht der Gefahr sittlicher Verderbnis anheimfallen und sich mit 
jenem Makel beflecken, der der Geistlichkeit so sichtbar anhaftet, dem 
Makel der Arglist und des Despotismus. Es sind andere Männer zur 
Regelung der weltlichen Verhältnisse berufen, nämlich die Vertreter 
der Industrie. Ermöglicht doch diese letztere dank ihrem gewaltigen 
staatenverbindenden Aufschwung nun eine Regulierung auch der 
europäischen weltlichen Interessen: im Mittelalter war es 
lediglich ein geistiges Band, das dem europäischen 
Staatenkörper soziale Einheit verlieh, heute aber ist 
neben der geistigen auch eine weltliche Macht als 
einigende, international bindende Kraft in Wirksamkeit 
getreten^. 

Man beachte nun, wie Saint-Simon fast ganz im Sinne eines Wort- 
führers der aufstrebenden Bourgeoisie die Herrschaft der führenden 
Männer der Industrie rechtfertigt Sie müsse ihnen eingeräumt werden, 
einmal weil die „Chefs des diff^rents genres de travaux d'industrie" am 
meisten an einer auf Sparsamkeit bedachten Führung des Staatshaus- 
haltes^, dann aber auch, weil sie an der Aufrechterhaltung der Ordnung 
besonders interessiert seien, weiterhin auch als den Vertretern der Mehrheit 
des Volkes, die sich nützlichen Arbeiten hingibt, wie ebenso als Repräsen- 
tanten des Reichtums. Besonders rühmt Saint-Simon ihre „capacite ad- 
ministrative", ihre Fähigkeit zur Verwaltung von politischen und sozialen 
Angelegenheiten, die ihnen, den Leitern großer Unternehmungen, allein 
zukomme. Die Bankiers, die Vorsteher der Zentralinstitute des modernen 
Wirtschaftslebens, seien dazu ausersehen, die obersten Führer der In- 
dustriellen zu sein, und im Streben nach Befestigung der nationalen 
Wohlfahrt sollten sie endlich aufhören, gemeinsame Sache mit den 
Herrschenden zu machen, ihre Hilfe vielmehr dem Volke leihen und 
die „Könige zwingen, das Interesse der Allgemeinheit zu wahren"*). 
Eine große, hierarchische Organisation der produktiven Arbeiten zuge- 
wandten Glieder des Volkes denkt sich Saint-Simon aus, aufgebaut auf 
der Masse der arbeitenden Bevölkerung und nach außen hin vertreten 

1) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 115. 

2) Du Systöme Industriel, T. XXII, p. 53. 

3) L'Organisateur, T. XX, p. 48. Du Systeme Industriel, T. XXIII, p. 7. 

4) L'Industrie, T. XIX, p. 112 f. 



204 — 

durch die sozial führenden Schichten, die bedeutenden Unternehmer, 
und nicht lange mehr, so hofft er, wird es währen, bis die Partei der 
Industriellen als eine mächtige Korporation sich über ganz Europa er- 
strecken wird. Von Paris wird die so beschaffene Neugestaltung der 
Verhältnisse ausgehen, denn „Europa ist in Frankreich, und Frankreich 
ist in Paris" ^). 

Wir fragen erstaunt: ist denn durch eine so gestaltete hierarchische 
Organisation, die einer kleinen Anzahl von Persönlichkeiten die poli- 
tische und wirtschaftliche Macht in die Hand legt, nicht die Gefahr 
einer Ausnützung dieser bevorzugten Stellung für persönliche Zwecke, 
unter Hintansetzung des Wohles der Gesamtheit, vorhanden? Es ist 
die geringe Entwicklung des Kapitalismus zur Zeit Saint-Simons, aber 
auch die Hoffnungsfreudigkeit, wie sie beginnenden Kulturzeitaltem 
eigen ist, welche die Anschauungen des Denkers erklären lassen. Noch 
waren während der französischen Restauration die Auswüchse des 
Kapitalismus nicht in jener Schroffheit aufgetreten, daß ihre Beseitigung, 
wie in England, dem offen blickenden Auge als das große Problem der 
Zeit überhaupt erscheinen mußte; dem Einfluß der feudalen Reaktionäre 
gegenüber galt es in Frankreich — dieses war die auch Saint-Simon 
offenbare Tendenz der politischen Entwicklung — vielmehr, erst den 
führenden Gruppen des Bürgertums den ihrer sozialen Stellung ent- 
sprechenden politischen Einfluß einzuräumen. So ist Saint-Simon zu 
einem beredten Wortführer der um ihre Herrschaft kämpfenden Bour- 
geoisie, die er sich freilich mit sozialem Geiste erfüllt denkt, geworden. 
Man glaube nicht, so führt er aus, daß die Träger der heutigen Kultur, 
neben den Industriellen auch die Gelehrten und Künstler, in der neuen 
Gesellschaftsordnung die soziale Eintracht durch ihre Selbstsucht stören 
würden. Sind sie doch „die am wenigsten nach Reichtum strebenden 
Menschen", ja sie wünschen keine weiteren Geldmittel, als sie zur Be- 
streitung ihrer bescheidenen Lebensführung benötigen. Wird ihnen 
denn ihr arbeitsreiches Leben überhaupt genügend Zeit übrig lassen, 
mn große Vermögen zu verprassen? Aber schon sieht Saint-Simon 
auch, daß es zwei Arten des Vermögenerwerbs gibt, „deux sortes de 
fortunes" : aus sozial nützlicher Arbeit gewonnene Vermögen, aber auch 
solche, die wirtschaftlicher Spekulation entsprungen sind, und die eine 
Art „Plünderung" darstellen. Es scheint, als ob er damit auf das arbeits- 
lose Einkommen als vorhanden auch im modernen Wirtschaftssystem 
hinweisen wollte, und gelegentlich seiner Kritik der „Bourgeoisie", die 
gemeinsam mit dem Adel alter Prägung die arbeitsamen Glieder des 
Volkes ausbeute, hat er Andeutungen ähnlichen Gehalts gemacht Die 
Industriellen gewinnen ihre Einkünfte aus produktiver Tätigkeit, 

4) Cat6chisme des industriels, T. XXXVn, p. 56. De POrganisation sociale, T. XXXIX, 
P- 138/139. 



— 205 — 

und ihre Vermögen „sind weder auf Kosten der Individuen noch der 
Nation** erworben und kommen dem ganzen Volke zu gut. Das 
Problem der kapitalistischen Ausbeutung im Gegensatz 
zu der feudalen ist Saint-Simon fast noch ganz ver- 
schlossen, wenn er auch völlig intuitiv, ohne nähere Kenntnis 
der Mängel des Kapitalismus, sich des tiefen Zwiespalts, der die 
»industriellen" in zwei Heerlager trennt, bewußt geworden ist^). Ja, 
er geht in seiner Verteidigung der Herrschaft der Industriellen so 
weit, daß er nicht nur den erworbenen Reichtum als Zeichen 
der Leistungsfähigkeit deutet, sondern selbst die Berechtigung des 
ererbten Reichtums zu beweisen sucht „Der Reichtum ist im 
allgemeinen ein Befähigungsbeweis der Industriellen, selbst in dem 
Falle, wo sie ihr Vermögen geerbt haben, während es in den übrigen 
Kreisen immer wahrscheinlich ist, daß die Reichsten bezüglich ihrer 
Befähigung denjenigen untergeordnet sind, welche die gleiche Erziehung 
wie sie genossen haben, und welche sich nur eines mitüeren Vermögens 
erfreuen." Vor allem aber müsse die politische Gewalt den Industriellen 
eingeräumt werden schon deshalb, weil diese, die Vertreter einer dem 
Feudalismus gegenüber ganz anders gestalteten Kultur, von deren 
Blüte die soziale Wohlfahrt abhängt, die neue soziale Lebensgrundlage 
weiter ausbauen werden 2). Ihre politische Herrschaft wäre nichts als 
der Ausdruck des sozialen Vorranges der Industrie. 

Und nun lassen wir uns von dem Denker, nachdem er die Funda- 
mente der sozialen Organisation bloßgelegt hat, in das von ihm er- 
dachte Reich der Zukunft leiten. Erdacht, wo es sich doch, seinen scharfen 
Bestinmiungen gemäß, nur darum handeln kann, eine vorhandene 
soziale Entwicklungpsrichtung aufzuweisen? Wir haben das Gefühl, als 
ob wir mit Saint-Simon, der uns bisher im allgemeinen sicher geführt hat, 
schwankenden Boden betreten möchten. Doch folgen wir ihm. 

Durch die Einführung von drei Deputiertenkammem soll der soziale 
Neubau errichtet werden. Die erste Kammer erhält den Namen „Vor- 
schlagskammer" (Chambre d'invention). Sie besteht aus 300 Mit- 
gliedern und 3 Sektionen. Die erste Sektion umfaßt 200 Zivilingenieure, 
die zweite 50 Dichter und Literaten, die dritte fünfundzwanzig Maler, 
fünfzehn Bildhauer und Architekten und zehn Musiker. Als wichtigste 
Aufgabe wird dieser Erfindungskammer der Entwurf eines Planes zur 
Förderung des nationalen Reichtums und zur Besserung des Loses aller 
Franzosen zugeteilt. Es muß die Anlage von Wegen und Kanälen 
angeordnet werden, und bei dem Ausbau der Verkehrswege darf 
keineswegs der ästhetische G-esichtspunkt vernachlässigt werden. Saint- 
Simon möchte einzelne Teile der Gegenden, die von den Wegen und 

1) L^Oiganisateur, T. XX, p. 207 ff. 

2) Dn Systeme Indastriel, T. XXI, p. 105. 



— 2o6 — 

Kanälen durchschnitten werden, zu Ruheplätzen für die Reisenden und 
zu Vergnügungsorten für die umwohnende Bevölkerung ausgestaltet 
wissen. Es sollen an den Seiten der Wege und Kanäle Gärten angelegt 
und in ihnen Museen für Produkte der Industrie errichtet werden, und 
allen sollen diese Museen frei zugänglich sein; ebenso Künstlerhäuser^ 
und eine Anzahl Musiker wird durch ihre Darbietungen die Begeiste- 
rung für das Vaterland entflammen. Ganz Frankreich möchte Saint- 
Simon in einen prächtigen Park umwandeln, und keine Aufwendungen 
sollten für dessen Ausstattung gescheut werden. Denn die Zeiten, in 
denen der Luxus das Privileg weniger Mächtiger war, sollen ver- 
schwinden, allen Gliedern der Volksgemeinschaft müssen vielmehr die 
Segnungen der Kultur in vollem Maße zu teil werden. Und dieses ist 
möglich. Denn mit den modernen Kulturerrungenschaften ist nun die 
Vorbedingung für ihre Verbreitung auch in den bisher von ihnen noch 
ausgeschlossenen Klreisen gegeben. Der Luxus wird nationed werden, 
und er wird dann, wenn dies der Fall ist, auch nützlich und sittlich 
angebracht sein. Weiterhin müssen Hoffnungs- und Erinnerungsfeste 
veranstaltet werden, erstere zu dem Zwecke, die Volksgenossen für die 
allen zu gute kommenden parlamentarischen Entwürfe zu begeistern, 
letztere, um die Vorzüge der neuen Gesellschaftsordnung gegenüber 
früheren Zuständen dem Volke vor Augen zu führen. 

Als die Zentralgruppe der Kammermitglieder denkt sich Saint- 
Simon eine Anzahl von Ingenieuren für Brücken- und Straßenbau, 
dann Mitglieder der Akademie, endlich dem Institut zugehörige 
Maler, Bildhauer und Musiker. Jeder Deputierte erhält loooo Franken 
überwiesen, außerdem werden zwölf Millionen Franken bereitgestellt, 
um zu Erfindungen anzuspornen. 

Die zweite Kammer heißt „P r ü f u n g s k a m m e r" (Chambre 
d'examen). Sie wird gebildet aus dreihundert Mitgliedern, von denen 
hundert Physiker, hundert Physiologen und hundert Mathematiker sind. 
Diese Kammer wird sich mit dreierlei Aufgaben zu befassen haben. 
Es handelt sich einmal um eine eingehende Prüfung der von der ersten 
Kammer ausgehenden Projekte, dann wird sie vor allem die Re- 
organisation der öffentlichen Erziehung einzuleiten haben. Außerdem 
wird sie öffentliche Feste, für welche Saint-Simon, wohl eingedenk der 
Feste der Revolution, eine besondere Vorliebe bekundet, veranstalten, 
Feste für Männer, Frauen, Kinder, Unternehmer und Arbeiter. Bei solchen 
Festen sollen Redner die Teilnehmer an ihre sozialen Pflichten erinnern. 
Jeder Deputierte bekommt wiederum loooo Franken überwiesen, und 
fünfundzwanzig Millionen sollen zur Förderung teils des öffentlichen 
Schulwesens, teils der positiven Wissenschaften verwendet werden. 

Die Sitze der dritten Kammer, des „Vollzugsparlaments" 
(Qiambre d'ex6cution), werden die Vertreter der verschiedenen Industrie- 



— 2o^ — 

zweige inne haben, die, da sie alle reich sein müssen, keine Be- 
soldung erhalten. Es obliegt ihnen die Ausführung der Gesetze, auch 
das Recht der Steuerbewilligung und -erhebung steht ihnen zu. Jedes 
Projekt wird also von der ersten Kammer konzipiert, von der zweiten 
geprüft und muß von der dritten, wenn es zur Durchführung kommen 
soll, angenommen werden. 

Eine wichtige Aufgabe dieses mit souveräner Gewalt ausgestatteten 
Regiments wird sein, eine neue Zivilrechtsordnung und eine neue 
Strafrechtsordnung zu entwerfen. Auch eine Reform des Eigen- 
tumsrechts zum Zwecke möglichster Förderung der Produktion soll 
vorgenommen werden, und endlich wird das Militärwesen eine Um- 
gestaltung erfahren, und zwar, um die Ausgaben zu verringern, durch 
eine Beschränkung der bestehenden Truppen, die ganz überflüssig sein 
werden, wenn die Nachbarvölker dcis soziale System Frankreichs an- 
genommen haben ^). 

Auf diese Weise hofft Saint-Simon, eine Reorganisation der Ge- 
sellschaft auf industrieller Beisis bewirken zu können. Freilich glauben 
wir ihm nicht, daß die Durchführung seiner Reformvorschläge, die 
gewiß manche gesunde Idee enthalten, die erstrebte soziale Festig- 
keit bringen würde, und er selbst hat wenig Vertrauen zu seinem 
Projekt, bringt er doch bald im „Systeme Industriel", nie verlegen wie 
er ist, wieder ganz anders gestaltete „Mesures ä prendre pour terminer 
la revolution". JEn einer Reorganisation der Ministerien will er 
diesmal das soziale Allheilmittel gefimden haben. Als Finanzminister 
könne in Zukunft nur noch in Betracht kommen, wer zehn Jahre lang 
auf dem Gebiet der Industrie tätig gewesen sei. Es müsse eine Industrie- 
kammer (Chambre de Tlndustrie) geschaffen werden, die dem Finanz- 
ministerium angegliedert werden wird. Die Mitglieder dieser Kammer 
werden aus den Reihen bedeutender Landwirte, Kaufleute, Fabrikanten 
und Bankiers genommen, der Finanzminister wird den Vorsitz führen. 
Hauptgegenstand der Beratung wird das vom Minister vorgelegte 
Budget sein, in welchem die Aufwendungen für sozialpolitische Maß- 
regeln eine große Rolle spielen werden^. Auch der Minister des 
Innern muß einige Jahre hindurch industrieller Tätigkeit oblegen haben, 
und auch er wird, gleich dem Finanzminister, den Vorsitz des seinem 
Ressort zugeteilten industriellen und wissenschaftlichen Kollegiums zu 
führen haben. Diese Körperschaft wird gebildet aus sieben Landwirten, 
drei Kaufleuten und drei Fabrikanten, dann aus zwei Physikern, drei 
Chemikern und drei Physiologen, die der Akademie der Wissenschaften 
angehören, endlich aus drei Ingenieuren. Ihnen fällt es zu, die Ver- 



i) L'Oiiganisateur, T. XX, p. soff. 

2) Siehe darüber Näheres im folgenden Abschnitt. 



— 2o8 — 

fügungen des Ministeriums des Innern zu prüfen. Außerdem muß dem 
Marineminister ein Beirat zugesellt werden, der sich aus Deputierten 
der großen Hafenstädte zusammensetzt^). 

Im zweiten Band des „Systeme Industriel" bringt Saint -Simon 
folgende weitere Vorschläge. Es müsse das Volk über seine Interessen 
und die Grundsätze der Organisation aufgeklärt werden. Dazu diene 
der Entwurf eines nationalen Katechismus, der die wichtigsten sozialen 
Probleme behandle und auch die moderne Naturerkenntnis berücksichtige. 
Um eine Gleichartigkeit der Erziehung, ohne welche konforme Grund- 
sätze der Lebensführung sich nie herausbilden werden, zu erreichen, 
wird dÄn Institut die Überwachung des öffentlichen Unterrichts zu- 
fallen. Die Ausübung der Bürgerpflichten wird von der Ablegung eines 
Examens über den im Katechismus enthaltenen Lehrstoff abhängig 
gemacht Zudem soll noch ein Industrierat geschaffen werden, der 
eine Handelskammer, eine Kammer für die Manufakturen, eine Kammer 
der Bankleiter und endlich eine Landwirtschaftskammer umfassen wird. 
Diesem Rat soll es angelegen sein, durch eine Förderung der Industrie, 
durch soziale Maßregeln und durch Unterricht das Volkswohl zu heben. 
Der Adel, der Napoleonische sowohl wie der alte, muß in Anbetracht 
seiner reaktionären Bestrebungen unterdrückt werden. Aber auch der 
König muß sich der neuen Ordnung der Dinge anpassen; er muß, um 
für immer die Gefahr zu beseitigen, daß der arbeitsame und friedliche 
Bürger durch Waffengewalt unterjocht wird, wie es in den letzten 
Jahren vielfach vorgekommen, seine Gardetruppen auflösen und den 
Beobachtungsdienst seiner Person den Linientruppen übertragen. Das 
gegenwärtige Parlament, in dem die Industrie fast keine Vertretung 
findet, muß aufgelöst werden, um einem anderen, dem Volksinteresse 
dienenden, Platz zu machen^. 

Im „Catechisme des industriels" und in den „Opinions philosophiques" 
wird die Unterrichtsreform noch weiter ausgedehnt Es wird die Bildung 
von drei Lehrkollegien verlangt, welche die politische Erziehung der 
Industriellen und die moralische und wissenschaftliche des Volkes zu 
übernehmen haben ^. Über der Akademie der positiven Wissenschaften 
und der Akademie der moralischen Disziplinen, in der neben den 
Moralisten, Priestern, Legisten auch die Künstler vertreten sein werden, 
wird sich, gleichsam als Krone des ganzen Unterrichtssystems, der 
„College scientifique royal ou supreme" erheben, ein wissenschaft- 
liches Zentralinstitut, das die Lehren der beiden Akademieen syste- 
matisieren wird und für die Einheit der Doktrin zu sorgen hat Es 
würde die wichtigste soziale Körperschaft bilden, geht doch von ihm 

1) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. io6ff. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 236 ff. 

3) Catechisme des industriels, T. XXXIX, p. 13 ff. 



— 209 — 

die „allgemeine Leitung der Gesellschaft" aus. Den Gelehrten werden 
die Legisten beigeordnet, welche die allgemein formulierten Grrundsätze 
für soziale Einzelzwecke umzuformen haben, während die praktischen 
Politiker mit ihrem Rate stets der intellektuellen Zentralbehörde zur 
Seite stehen müssen. 

Die bisher betrachteten Reformvorschläge Saint-Simons verdienen 
unsere Beachtung insofern, als sie die ersten sozialreformatonschen 
Maßregeln sind, durch welche in direkter Anlehnung an die 
historisch gegebenen Zeitverhältnisse auf den Grundfesten 
der modernen Kultur, der Industrie und Wissenschaft, eine durch- 
greifende gesellschaftliche Organisation vollzogen werden soU, und sie 
verleihen uns ein kulturpsychologisches Interesse im besonderen noch 
durch den aus ihnen heraussprechenden enthusiastischen Glauben an die 
sozial emanzipatorische Wirksamkeit der beiden fundamentalen modernen 
Kulturfaktoren. Wir ersparen es uns, Saint-Simon wegen seiner Über- 
schätzung der sozialen Mission der führenden Männer der Wissenschaft 
und Industrie zu tadeln, und begnügen uns mit dem Hinweis auf die histo- 
rische Bedingtheit dieses Optimismus. Er entstand aus dem Bestreben, 
Raum zu schaffen für die freie Auswirkung des im Schöße der alten 
Gesellschaft erwachsenen, aber in seiner Entfaltung noch behinderten 
Kultursystems. Wohl sah der Denker den Widerstreit, der innerhalb 
der dem modernen Kulturkreis zugehörenden Schichten vorhanden war, 
aber er glaubte, daß ihn der gemeinsame Gegensatz gegen die kultur- 
feindlichen Schichten alter Prägung überbrücken werde. Schärfer er- 
kennt er den Antagonismus, wie er sich in dem vomehmlichsten Ein- 
flußgebiet einstiger feudaler Machtbefugnisse bemerkbar macht, den 
Widerstreit nämlich geltenden Rechts mit der ökonomischen Grrundlage 
in landwirtschaftlicher Hinsicht Er konstruiert einen Unter- 
schied zwischen dem feudalen und industriellen Eigen- 
tum und schreitet an der Hand dieser Unterscheidung zu einer Re- 
form auch der agrarischen Verhältnisse. 

Diejenigen, die mit einem Kapital an einem Handelsunternehmen 
oder einer Manufaktur beteiligt sind, werden Kommanditäre ge- 
nannt, ein Ausdruck, der treffend die Stellung, die diese dem Arbei- 
tenden gegenüber einnehmen, kennzeichnet Denn der letztere ist es, 
der dem Unternehmen durch seinen Namen äußerlich das Gepräge ver- 
leiht, der auch juristisch als Hauptperson in Betracht kommt, und der frei 
über die ihm anvertrauten Kapitalien verfügt Nicht seine Eigenschaft 
als Kapitalist sondern die als Unternehmer ist es, die ihm seinen 
sozialen Wert verleiht In der Landwirtschaft dagegen nimmt der die 
produktive Arbeit Ausführende nur eine untergeordnete Stellung ein: 
er heißt Pächter, der in dem Eigentümer seinen „Herrn" sieht Dieser 
erfreut sich der Hochschätzung einzig des ihm zustehenden Eigen- 

Mackle, Henri de Saint-Simon. I^ 



2IO 



tums wegen, nicht als Bebauet des Bodens, als Produzent Wie er- 
klärt sich diese offenbare Bevorzugung des Bodenbesitzers gegenüber 
dem Kapitalbesitzer? Sie ist begründet in der Verschiedenheit der 
Entstehimg des feudalen und industriellen Eigentums. ,JDie Rechte der 
der Fabrikation und dem Handel zugewandten Industriellen sind auf Grund 
eines freien Vertrages entstanden, dem man den Namen „rachat des 
communes" beigelegt hat Die Rechte aber der landbesitzenden Eigen- 
tümer leiten ihren Ursprung von der Eroberung ab, d. h. vom Rechte 
des Stärkeren." Nun hat zwar das ursprüngliche, durch Unterdrückung- 
der Arbeitenden festgdegte Eigentumsrecht mannigfache Abänderungen 
erfahren, aber der Geist der Rechtsprinzipien, ihr fundamentaler Grehalt 
ist heute noch dem untätigen Besitzer günstig, während der Produzent 
in seiner untergeordneten Stellung verharren muß. Das muß anders 
werden: dem Produzenten muß das Recht zur Wahl für die politischen 
Kollegien gegeben werden, ihm, „der durch seine Arbeit das Eigentum 
produktiv macht", weshalb er von nun an auch die Grundsteuer zu 
bezahlen hat Nach Art der in England vorhandenen Einrichtungen 
soll künftig der Boden, sowohl bei Abschluß als auch nach Ablauf des 
Vertrages, auf seinen Wert geschätzt werden. Bei einer Wertsteigerung 
wie bei einer möglichen Entwertung muß sowohl der Pächter wie der 
Besitzer in Betracht gezogen werden: sie sollen den Überschuß ge- 
meinsam teilen und ebenso den Schaden gemeinsam tragen. Für 
Ameliorationszwecke muß der Gutsbesitzer dem Pächter die benötigten 
Summen leihweise zur Verfügung stellen, vorausgesetzt, daß die Ame- 
lioration, wie durch ein Schiedsgericht beschlossen werden kann, not- 
wendig ist Überhaupt muß der Landwirtschaft in Ansehung ihrer 
dominierenden Stellung im Wirtschaftsleben der Gegenwart erhöhte 
Aufmerksamkeit geschenkt werden. Durch Errichtung von Boden- 
banken soll der Urproduktion neues Leben eingeflößt werden, wie es 
frisch pulsiert in jenen Bereichen der ökonomischen Tätigkeit, die sich 
des wohltätigen Einflusses des Bankwesens bereits erfreuen dürfen, im 
Handel und in der Industrie^). 

e) Die Idee der ökonomischen Assoziation. 

L 

Es ist auffällig, daß Saint-Simon, der beredte Wortführer der 
industriellen Klasse, der Unternehmer sowohl wie der Arbeiter, trotzdem 



I) L*Indu8trie, T. XIX, p« 83 ff. Es mag noch darauf hingewiesen werden, daß sich 
Saint-Simon von der Einführung von Handelsgerichtshöfen manches verspricht, einmal weil 
sie das Formelle hintansetzen tmd rein sachlich urteilen werden, dann aber auch der geringen 
Kosten w^en, welche die so durchgeführte Rechtsprechung erfordern würde. L'Industrie^ 
T. XIX, p. 116 ff. 



— 211 

ihm die Förderung des Volkswohls als die höchste Aufgabe gilt, ge- 
legentlich dem ökonomischen Freiheitsstreben seiner Zeit so weit-» 
gehende Konzessionen gemacht, daß er den Umkreis der rechtlichen R^e- 
lung der wirtschaftlichen Verhältnisse selbst auf das bekannte Minimum 
des Schutzes der Persönlichkeit und des Eigentums beschränkt wissen 
will, also geradezu als Vertreter der später von Lassalle verspotteten sub- 
jektivistischen Staatsauffassung erscheint Als günstigste Organisation der 
sozialen Ökonomie bezeichnet er im zweiten Bande der ,Jndustrie*' jene 
Ordnung, die eine Einmischung der politischen Gewalt in das wirtschaft- 
liche Getriebe nicht zuläßt, so daß die Industrie, was die Gestaltung der 
Produktion und des Austausches betrifft, in schrankenloser Weise, einzig 
ihren eigenen Bewegungsgesetzen folgend, sich entwickeln kann^). 
Schadet doch geradezu der Eingriff des Staates, selbst in dem Falle, 
daß er eine Förderung der wirtschaftlichen Lage beabsichtigt *), weshalb 
dem sozialen Wohl am meisten genützt wäre durch den Verzicht auf 
jede gesetzliche Regierung des Wirtschaftslebens •), Gewiß, die Regie- 
rung kann nicht entbehrt werden, aber sie ist letzten Endes nur ein not* 
wendiges Übel*). Eine von allen staatlichen Maßregeln unbehelligte Ent- 
faltung der Industrie innerhalb des nationalen Rahmens, dann eine mög- 
lichst freiheitliche Gestaltung auch der internationalen ökonomischen 
Beziehungen, weshalb die Koloniedpolitik verdammt wird, das ist das sub- 
jektivistische Ideal Saint-Simons. In seinen ersten Arbeiten über 
die Industrie geht er selbst so weit, daß er geradezu als Verteidiger der 
Untemehmerinteressen erscheint Die Erhaltung des Eigentiuns, die 
Gewährleistung seiner freiesten Ausnützung bezeichnet er einmal als 
die wichtigste Aufgabe der Politik, und allein durch ein System der 
Moral könnten sich die Besitzenden gegen einen Ansturm der Besitz- 
losen schützen ^. Von der Aufrechterhaltung des Eigentums hängt die 
Existenz der Gesellschaft ab, und die, mdustriellen Eigentümer bilden 
die Grundlage nationaler Wohlfahrt, die „Beschützer der Sitten und der 
Institutionen"!®). So wundert es uns nicht, wenn wir die Wendung vor- 
finden, „daß die nationale Assoziation ein industrielles Unternehmen 
darstellt, dessen Zweck darin besteht, jedem Mitglied der Gesellschaft 
„en Proportion de sa mise" den größten Wohlstand zu verschaffen" '). 



1) L'Industrie, T. XVin, p. 165/66. 

2) L'Industrie, T. XVm, p. 186. 

3) L'Oiganisateur, T. XX, p. 200. 

4) L'Industrie, T. XVin, p. 200, 

5) L'Industrie, T. XVm, p. 221. Fagaet, Politiques et Moralistes da dix-neuviöme 
siidc, T. n, p. 32. 

6) L'Induatiie, T. XIX, p. 230. 

7) L'Industrie, T. XIX, p. 153. Du Systtee Industiiel, T. XXII, p, 17. „Egalitö 
indutrielle, qui consiste en ce que cbacun retire de la sod^t^ des b^n^oes exactement pro- 



— 212 — 

Es ist eine seltsame Zusamenstellung heterogener, ja sich gegen- 
seitig ausschließender Grundsätze, die sich in dem System Saint-Simons 
vorfindet; auf der einen Seite tritt er als Befürworter des ökonomi- 
schen Subjektivismus auf, während er andererseits an den Grrundlagen 
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit einer solch schneidenden 
Kritik rüttelt, daß seine Anschauungen ein fast sozialistisches Grepräge 
gewinnen. Es ist eine historisch merkwürdige Erscheinung, die uns in 
dieser Mischung so verschieden gestalteter Prinzipien entgegentritt : das 
Ringen zweier gewaltiger Zeitströmungen, das sich in den folgenden Jahr- 
zehnten gleichsam explosiv auswirkte, der mächtige Widerstreit zwischen 
Kapital und Arbeit, spiegelt sich hier, in einem Zeitalter seiner erst 
embryonalen Gestaltung, noch ungeklärt in dem Kopfe eines Denkers 
wieder, der mit einer wunderbaren Gabe der Voraussicht ausgestattet 
ist und Entwicklungsmöglichkeiten ahnend zu erfassen im stände ist 

Es ist das größte Problem des Jahrhunderts, das Saint-Simon bei 
aller Ungeschiedenheit seiner Denkrichtungen mit völliger Klarheit 
formuliert hat, die Frage nämlich, wie es möglich ist, rückhaltslosen 
ökonomischen Fortschritt mit dem Wohle derer, die mit ihrer Hände 
Arbeit die Kulturfundamente festigen, in Haumonie zu bringen, und es 
ist für den Entwicklungsgang des Denkers charakteristisch, daß die 
anfänglich noch vorhandene Mischung des subjektivistischen Prinzips 
und des Sozicdprinzips sich immer mehr ziu* stärkeren, ja zuletzt ziu* aus- 
schließlichen Betonung des letzteren abklärte. 

Aber wie ist diese anfängliche Nebeneinanderstellung subjektivi- 
stischer und sozialistischer Tendenzen mit all ihrer Unvereinbarkeit denk- 
bar bei einem Manne wie Saint-Simon, dessen Gedankenarbeit wohl 
viele Unausgeglichenheiten in sich birgt, der aber, gerade was die 
sozialen Strömungen seiner Zeit betrifft, mit außerordentlicher Schärfe das 
Charakteristische ihrer Wesenseigentümlichkeit zu erkennen vermochte? 
Mit dem Hinweis auf das Ungeklärte seiner Zeit, auf das Unausgesprochene 
der in ihr noch schlummernden Entwicklungsmöglichkeiten wird wohl 
der soziale Untergrund für die Entstehung der so gearteten Gedanken- 
richtungen gekennzeichnet, aber kein psychologischer Erklärungsgrund für 
die Möglichkeit ihrer individuellen Konzentration gegeben. Saint-Simon 
sucht selbst das Widersprechende seines Denkens zu lösen, zwar nicht 
ohne seine Zuflucht zu einer gewissen dialektischen Spitzfindigkeit zu 
nehmen, aber doch so, daß wir verstehen können, was er meint Die 
Ansicht, so heißt es im „Organisateur" ^), daß die fundamentale Auf- 
gabe des Staates in der Aufrechterhaltung der Ordnung bestände, 
gründet sich darauf, daß gegenwärtig die Regierungen bei ihrer 

portionn^ k sa mise sociale, c*est-i-dire ä sa capadt6 positive, h. Pemploi utile, qa*il fait de 
ses moyens, panni lesquels U faut oomprendre, bien entendo, ses capitaux.** 
I) L'Oiganisateur, T. XX, p. 200 — 202. 



— 213 — 

Kenntnidosigkeit der tiefsten sozialen Bedürfnisse keinen größeren 
Nutzen stiften können, als für Ruhe und öffentliche Sicherheit zu sorgen. 
Man hat die Schädlichkeit aller Regierungsmaßnahmen, die einer 
Steigerung des sozialen Wohlbefindens dienen sollen, erkannt und nun 
daraus geschlossen, daß die Nichteinmischung der Regierung in die 
sozialen Angelegenheiten grundsätzlich als Vorbedingung für die soziale 
Wohlfahrt zu betrachten sei. Gewiß, diese Auffassung ist richtig, wenn 
man sie auf das gegenwärtige politische System bezieht, aber sie ist 
offenbar falsch, wenn man in ihr eine absolute Maxime politischen 
Handelns sieht. In ihr drückt sich mit anderen Worten nichts aus als 
die Unfähigkeit der modernen Regierungen, den sozialen 
Bedürfnissen gerecht zu werden^). 

Von solchen Erwägungen geleitet, gibt Saint-Simon eine Beurteilung 
des ökonomischen Subjektivismus, die gewiß zu dem Tiefsinnigsten und 
Großzügigsten gehört, W2is im verflossenen Jahrhundert auf dem Gebiet 
der sozialen Elritik geleistet worden ist. Dabei zeigt die abstrakte Art 
seiner Formulierungen, welch' erstaunliche Kraft intuitiven Erfassens 
sozialer Probleme in diesem Denker verborgen war, der mit der unbe- 
wußten Selbstsicherheit des Genies die größten Wahrheiten zu Tage 
fördert, die er oft nur in flüchtigster Weise andeutet, gerade als ob das, 
was er zu sagen hat, eine Selbstverständlichkeit wäre. Was hätte dieser 
Mann noch alles leisten können, wenn ihm die Jugendwohltat einer 
gründlichen Durchbildung vergönnt gewesen wärel 

Die Reduzierung der Regierungsmaßregeln auf die Aufrecht- 
erhaltung der öffentlichen Ordnung kann also nach Saint-Simon nur 
so lange Sinn haben, als es an festen sozialen Prinzipien als Normen 
der Staatstätigkeit fehlt Sobald aber solche Normen den Leitstern 
der Reg^ierung der gesellschaftlichen Verhältnisse bilden, stellen 
die Regierungsakte, wie sie die modernen Staaten kennzeichnen, nur 

i) „Le maintien del'ordre est bien une condition f ondamentale, pour 
que la soci6t6 puisse se livrer äune entreprise quelconque, mais ne saurait 
ötre regard6 comme le bat de la soci6t6. L'opinion que le Systeme poli- 
tique doit avoir uniquement et exclusivement pour objet de maintenir 
l'ordre, opinion con^ue et accr^dit^e par des hommes tris-estimables, est 
fond6e sur ce que, dans l*6tat actuel des choses, les gouvernements n*ont 
en effet d'autre utilit^ reelle que d'assurer plus ou moins bien la tran- 
quillit6 et la s^curit^ de tous les travaux particuliers. On a reconnu que 
presque toutes les mesures par lesquelles ils ont pr^tendu influer sur la 
prosp^rit^ sociale, n'ont eud'autre r^sultat effectif que de lui faire tort; 
et de ce fait on a conclu Padage que ce que les gouvernements peuvent 
faire de mieux pour le bonheur de la soci^t^, c*est de ne pas s'en möler. 
Mais cette mani^re de voir, qui estjuste quand on nela considöre quepar 
rapport au Systeme politiqne existant, est 6videmment fausse quand on 
l'adopte dans un sensabsolu, ellene peut subsister ainsi qu'autant qu*on 
ne s'est pas 61ev^ k Pid^e d'un autre Systeme politique." 



— 214 — 

eine untergeordnete Funktion dar: sie sind Maßregeln der Polizei, die 
wohl ihre Berechtigung haben, aber nicht die Totalität der „acäon 
sociale" ausmachen i). 

In der Gregenwart nun ertönt überall der Ruf nach Freiheit, freilich 
einer solchen Freiheit, die alles andere ist, als ein Mittel, das soziale Glück 
mit sich zu bringen. Sie ist weiter nichts als ein abstraktes Gedanken- 
ding*), und Saint-Simon findet es begreiflich, wenn ein so aufgefaßter 
Liberalismus, wie er beispielsweise sich in dem politischen Bekenntnis 
des Fabrikanten Temaux ausspricht, sich irgendwelcher Popularität nicht 
erfreuen wird. Dieses Bekenntnis „n e peut point etre compris par 
les ouvriers"*). Oder hat denn die Aufstellung der Menschen- 
rechte, die das klassische Beispiel einer vagen Behandlungsart sozialer 
Fragen bildet, etwa die Freiheit, die mehr als ein leeres Wort bedeutet, hat 
sie die soziale Freiheit mit sich gebracht? Man hat dadurch das 
soziale Problem gestellt, aber nicht gelöst*). Diese Menschen- 
rechte, die während der Revolution als Ausgangspunkt politischen 
Handelns dienen sollten, sind nichts anderes als „une application de la 
haute metaphysique ä la haute jurisprudence" ^. Und kann denn der, 
wie man glaubt, durch den Sozialkontrakt verbürgte Zustand der Frei- 
heit etwas anderes sein als ein Zustand bloß des Übergangs zu 
dem System der Zukunft, dem industriellen und wissenschaftlichen? 
Solange das theologische und feudale System noch 
einige Kraft des Widerstandes gegen die es bedrängende 
und unterwühlende Industrie und Wissenschaft besaß, 
solange war die Devise ,Aufrechterhaltung der Frei- 
heit" ein wohlbegründeter Kampfesruf, während heute das 
Übermaß des Kampfeseifers, dessen man sich befleißigt, um die Frei- 
heit vor Angriffen zu bewahren, eine Ähnlichkeit hat, so meint Saint- 
Simon ironisch, mit dem Kampfe des Don Quixote gegen die Wind- 
mühlen. Überhaupt kann die Aufrechterhaltung der indi- 
viduellen Freiheit niemals den Zweck menschlichen 
Zusammenseins abgeben. Die Freiheit ist die Konsequenz der 
Zivilisation, fortschreitend wie diese, aber doch wohl niemals ihr Zweck. 
Man vereinigt sich doch nicht etwa, um individuell frei zu sein? Die 
Wilden gesellen sich zusammen, um zu jagen, Krieg zu führen, aber 
sicherlich nicht, um sich Freiheit zu verschaffen; denn wollten sie das 
letztere, so würden sie besser isoliert bleiben. Ein Tätigkeitszweck 
muß, wie Saint-Simon mit Nachdruck verlangt, immer eils Leitstern 

i) L'Oi^gamsateur, T. XX, p. 201/202. 

2) L'Industrie, T. XVIII, p. 13. 

3) Cat^chisme des industriels, T. XXX VII, p. 184. 

4) L'Industrie, T. XIX, p. 84. 

5) Du Systtoie Industriel, T. XXI, p. 83. L'Industrie, T. XVIII, p. 158. 



I 



— 215 — 

sozialen Handelns dienen, und niemals kann die Freiheit einen solchen 
abgeben, da sie ja, wenn sie verwirklicht werden soll, ein Tätigkeits- 
ziel voraussetzt Die wahre Freiheit wird hervorgerufen 
durch eine der Gesamtheit dienende Entwicklung der 
materiellen und geistigen Kräfte, und wo immer eine 
entgegengesetzte Richtung des sozialen Handelns 
stattfindet, muß sie aufs strengste unterdrückt werden. 
Niemals aber würde dieses Ziel erreicht werden, wenn die vage 
metaphysische Freiheitsidee, wie sie heute in Umlauf ist, als soziales 
Organisationsprinzip dienen müßte. Heute, wo durch die Teilung der 
Arbeit die Menschen weniger individuell voneinander abhängen, dagegen 
die einzelnen mehr von den sozialen Massenerscheinungen, würde ein 
so beschaffenes System „gener Taction de la masse sur les individus", 
mit anderen Worten, es hätte eine soziale Isolation zur Folge. Nun 
ist aber die fundamentale Eigenart eines wohlorgfanisierten sozialen 
Systems nicht etwa die Zersplitterung der Kräfte, sondern ihr fester 
Zusammenschluß zum Zwecke der Bewältigung gesellschaftlich nütz- 
licher Aufgaben. Nur das wissenschaftliche und industrielle System, 
dessen entgültige Konstituierung, wie sie im sozialen Entwicklungs- 
gang begründet ist, in einer nahen Zukunft erfolgen wird, vermag 
diesen notwendigen Anforderungen zu genügen. Es wird die soziale 
Freiheit mit sich bringen, die nicht, wie die individuelle, nur die Mög- 
lichkeit des Handelns, sondern wahrhaft soziales Glück verbürgt ^). 

Es ist eine tiefsinnige Beurteilung der nachrevolutionären Zeit- 
lage, zu der so Saint-Simon gelangt ist Der auf individueller Freiheit 
beruhende ökonomische Subjektivismus wird aufgefaßt nicht 
etwa als verstoßend „gegen die untrüglichen und unwandelbaren 
Naturgesetze", wie es bei Owen und ähnlich bei den übrigen Uto- 
pisten heißt, sondern er stellt nach Saint-Simon ein notwendiges 
Glied der Entwicklung dar, das sich sein Daseinsrecht gegen- 
über der bindenden feudalen Wirtschaftsordnung erkämpft hat Der 
Feudalismus ist wohl durch die Industrie zerstört worden, aber keines- 
wegs ist mit dem so geschaffenen Zustande das soziale Ideal ver- 
wirklicht Die Proklamation der individuellen Freiheit, berechtigt wie 
sie gegenüber der feudalistischen Bevormundung war, hat nun ihre 
agitatorische Wirkung eingebüßt: „Die Diskussionen über die 
Freiheit, welche die Mittelklassse so sehr in Anspruch 
nehmen, sind den unteren Klassen fast ganz gleich- 
gültig geworden"^. Den letzteren wird durch eine Besserung 
ihrer Lebenslage gedient, und diese wird nicht durch die Aufrecht- 
erhaltung der jetzigen, zu einer sozialen Auflösung hintreibenden 

1) Du Systtoie Industriel, T. XXI, p. 15 ff. 

2) Du Systeme Induatriel, T. XXII, p. 179. 



— 2l6 — 

Zustände erreicht, sondern durch die gesellschaftliche Asso- 
ziation, welche die gegenwärtigen dissoziierenden sozialen Elemente 
aus dem Zustande regelloser Auswirkung hinüberführt in einem Zu- 
stand der Gebundenheit Mit der Assoziation erst wird die soziale 
oder industrielle Freiheit, die darin besteht, daß jedem die Möglichkeit 
gegeben wird, alle sozialen Rangstufen durch Arbeit zu erreichen, ver- 
wirklicht „Tout homme, quel qu'ait et6 son point de depart, pourra 
parvenir ä la premifere de toutes les existences sociales, la royaute 
seule exceptee, et il ne pourra y parvenir que par des travaux qui 
auront ete utiles ä ses semblables." 

Damit ist nun aber erst die eine Seite der liberalen Staatsauffassung, 
die vermeintliche Notwendigkeit einer Sicherung der individuellen 
Freiheit, auf ihre Unhaltbarkeit hin geprüft worden. Auch das zweite 
Bestandstück der liberalen Staatstheorie, das Eigentumsproblem, 
wird von Saint-Simon einer kritischen Betrachtung unterzogen. Ist es 
vom Standpunkt der Gesamtheit aus richtig, daß die Staatsgewalt dem 
Schutze der gegebenen Eigentumsverhältnisse ihre Kräfte leiht, um so 
gleichsam eine soziale Institution von ewiger Greltung zu schaffen? so 
lautet etwa die aus den wenigen Bemerkungen über dieses Problem 
heraussprechende Fragestellung Saint-Simons. 

Das fundamentale Gesetz ist das über das Eigentum. Aber aus 
der Tatsache der sozialen Wichtigkeit dieses Gesetzes darf nicht etwa 
geschlossen werden, daß es keinerlei Veränderung unterliegen dürfa 
Was notwendig ist, das ist eine rechtliche Regelung der Eigentums- 
verhältnisse, aber nicht etwa die stets gleichbleibende Art dieser 
Regelung. Von der Aufrechterhaltung des Eigentumsrechts hängt 
gewiß die Existenz der Gesellschaft ab, aber nicht von der Aufrecht- 
erhaltung jener Gesetze, die aus einer Stufe früher Zivilisation ihren 
Ursprung herleiten. Auch das Eigentum ist, wie jede soziale 
Erscheinung, stetiger Veränderung unterworfen, und 
aus der Tatsache fortschreitender Entwicklung der 
menschlichen Gesellschaft schöpfen die Nationen das 
Recht, ihre Institutionen den Zeitbedürfnissen anzu- 
passen^). Wie muß nun das Eigentumsrecht beschaffen 
sein? Es muß dem allgemeinen Interesse dienen und darf keineswegs 
auf den Vorteil einer einzigen Gesellschaftsklasse allein zugeschnitten 
sein*). „Le droit individuel de propriet6 ne peut etre fonde que sur 
Tutilit^ commune et generale de Texercice de ce droit, utilite qui peut 
varier selon les temps"*). Mit diesen Bestimmungen ist jedoch nur 
die unter Umständen vorhandene Notwendigkeit einer Änderung des 

1) L'Industrie, T. XIX, p. 89. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 98. 

3) L'Industrie, T. XIX, p. 90. 



— 217 — 

Eigentumsrechts, aber nicht der Gehalt, die Tendenz der etwaigen 
Änderung selbst angegeben. Nur ein einziges Mal hat sich Saint- 
Simon darüber näher ausgelassen, in welcher Weise er sich eine 
Reform der modernen Eigentumsverhältnisse denken würde. Den 
Grundsatz „Achtung vor der Produktion und dem Produzenten" hält 
er für weit fruchtbarer als den : „Achtung vor dem Eigentum und den 
Eigentümern" ^). 

Es ist uns bereits bekannt, daß die soziale Organisation der Zu- 
kunft, mit der Saint-Simon die soziale Verwirrung seiner Zeit beseitigen 
möchte, sich auf den gegebenen kulturellen Grundfesten erheben wird. 
Die Vorbedingungen für die Verwirklichung der kommenden Gesell- 
schaftsordnung seien nun dann vorhanden, so erklärt er uns im „Systeme 
Industrier*, wenn die überwiegende Mehrheit der Nation in industriellen 
Assoziationen vereinigt ist, die untereinander durch ökonomische Be- 
ziehungen verbimden sind. Erst diese ökonomische Voraussetzung er- 
laube die Bildung eines allgemeinen Systems, in welchem die vor- 
handenen Assoziationen einem großen einheitlichen ökonomischen Zweck 
dienen^. Dann wird jeder Mensch in sozialer Hinsicht betrachtet werden: 
„comme engag6 dans une compag^nie de travaiUeurs" *). 

Dieses System, das Saint-Simon als die definitive Organisation des 
Menschengeschlechts bezeichnet, wird strenge von dem alten, feudalen 
geschieden sein. Wird doch seine Hauptaufgabe darin bestehen, das 
Los jener sozialen Klasse zu bessern, die keine anderen 
Existenzmittel als die Arbeit ihrer Hände hat Denn trotz 
der großen Fortschritte der Zivilisation umfaßt diese Schicht noch die 
Mehrzahl der Bevölkerung, nicht allein in Frankreich, sondern in der 
ganzen Welt Um diese Armen sollten sich also die herrschenden Klassen 
kümmern, aber statt dessen gehen sie gleichgültig an ihrem traurigen 
Geschick vorüber. Man betrachtet sie als ein gefügiges Objekt der 
Beherrschung, und die einzige Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt, 
läuft darauf hinaus, sie in stummem Gehorsam sich unterwürfig zu 
halten. Überschaut man den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung, 
so zeigt sich, daß das Menschengeschlecht bisher in zwei Klassen ein- 
geteilt war, deren am wenigsten zahlreiche ihre Kraft darauf verwendete, 
die große Volksmasse zu beherrschen, während diese letztere, zur 
Opposition getrieben, ebenfalls einen beträchtlichen Teil ihrer Kräfte 
im Kampfe aufzehrte. Trotz dieser Kräftevergeudung hat das mensch- 
liche Geschlecht, wenigstens in den zivilisierten Staaten, eine bemerkens- 
werte Stufe des Wohlstandes erreicht. Nun stelle man sich vor, welche 
Wunder der Kultur geschaffen werden könnten, wenn die Menschen, 

i) L'Industrie, T. XVHI, p. i86. 

2) Du Systöme Indastriel, T. XXII, p. 185. 

3) L'Indtistrie, T. XVm, p. 188. 



— 2l8 — 

anstatt sich zu unterdrücken, mit vereinigter Anstrengung die Natur- 
gaben den Zwecken des Gremeinwohles dienstbar machen würden!*) 
Eben diesen kulturellen Fortschritt soll das neue System zeitigen: ge- 
gründet auf das Prinzip vollkommener Freiheit, die jedes Geburtsrecht, 
überhaupt edle Privilegien ausschließt, werden die Besitzlosen von dem 
Joch, das sie bisher bedrückt hat, befreit und als „soci6taires'' behandelt 
werden. Das neue System wird eine dem Interesse der Majorität, nicht 
dem Vorteil einer kleinen Anzahl dienende Assoziation darstellen *). 

Man verstehe diese Bestimmungen richtig; wohl soll die Herr- 
schaft einer Klasse über die andere aufgehoben werden, aber nicht 
etwa eine Regulierung der sozialen Tatsachen überhaupt Es soll viel- 
mehr an Stelle des bisherigen „S3^tfeme gouvememental" ein „Systeme 
administrativ treten, die Beherrschimg der Personen durch eine 
Verwaltung der Sachen abgelöst werden, wie sie teilweise heute schon 
in mannigfachen wirtschaftlichen Unternehmungen ausgeübt werde ^. 
Da keinerlei Rechte vererbt werden, so werden die politischen Rechte 
von der individuellen Leistimgsfähigkeit abhängig gemacht, die Durch- 
führung öffentlicher Maßnahmen also den dazu am geeignetsten 
Männern anvertraut 

Hinsichtlich der Normen der sozialen Verwaltung bemerkt Saint- 
Simon, daß nicht etwa das subjektive Ermessen Einzelner den Richt- 
punkt des sozialen Handelns bestimmen wird, sondern vielmehr feste 
Prinzipien, die aus den Bewegfungsgesetzen des sozialen Lebens abge- 
leitet worden sind. In einer Gesellschaftsordnung, heißt es, die organi- 
siert sein soll, damit alle durch das Mittel der Industrie, Wissenschaft 
und Kunst sozial gehoben werden, wird der fundamentale politische Akt 
darin bestehen, „ä fixer la direction dans laqueUe la soci6t6 doit 
mcircher". Dieses wird nicht etwa die Aufgabe der mit der Durch- 
führung der sozialen Funktionen betrauten Männer sein, sondern, wie 
sich Saint-Simon unklar ausdrückt, gleichsam das Werk des sozialen 
Körpers in seiner Totalität Der Gresellschaft selbst, so könnte man 
sagen, steht die Souveränität zu, d. h. die richtungbestimmenden 
Prinzipien werden aus der Natur der Dinge abgeleitet werden. In einer 
so gestalteten sozialen Ordnung nehmen die zur Durchführung der 
öffentlichen Angelegenheiten bestimmten Personen in gewisser Hin- 
sicht nur eine untergeordnete Stellung ein, da ihre Maßnahmen nicht 
etwa ihrer persönlichen Initative entspringen werden, vielmehr in einer 

1) L'Oiganisateur, T. XX, p. 194/95. Du Systeme Industrie!, T. XXH, p. 81. De 
rOiiganisation sodale, T. XXXIX, p. 170. 

2) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. i;;. Cat6chisme des Industrieis, T. XXXVn, 
p. 61. De rOiganisation sociale, T. XXXIX, p. 116 ff. 

3) Cat^chisme des Industrieis, T. XXXIV, p. 164/65. De rOiganisation sociale, 
T. XXXIX, p. 147/48. 



— 219 — 

Weise festgelegt werden, „die nicht von ihnen gewählt worden ist". 
Alle die wichtigen sozialen Entscheidungen werden das Resultat wissen- 
schaftlicher Demonstrationen sein, und der Hauptteil der „sozialen 
Aktion" wird eben in der Durchführung der Prinzipien bestehen, wie 
sie die Wissenschaft festgelegt hat Der höchste Grad der Freiheit, 
soweit er durch den Stand der Zivilisation ermöglicht ist, wird durch 
die so geartete soziale Organisation allen verbürgt sein, mit Engels zu 
reden: „es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Not- 
wendigkeit in das Reich der Freiheit"^). 

Natürlich verwirklicht sich diese soziale Ordnung, auch wenn die 
Fundamente, auf denen sie ruhen wird, schon vorhanden sind, nicht 
von selbst Von irgend einer Seite her muß der Anstoß zu ihrer Kon- 
stituierung erfolgen. Nun könnte man meinen, daß die Erlösung der 
großen Masse der Besitzlosen von dem Druck der Armut, die Erringung 
der durch die künftige Sozialordnung verbürgten sozialen Freiheit ihr 
eigenes Werk sein müßte. Oder sollte gar das Paradoxon eintreten, 
daß die sozial schon emanzipierten Gewalten, also die führenden 
Schichten des Unternehmertums vornehmlich, ihre Kräfte für die end- 
liche Befreiung der Menschen selbstlos einsetzen werden! Aber hat 
denn nicht Saint-Simon selbst als betrübende Tatsache feststellen 
müssen, daß bedenkliche Symptome einer sich bildenden Allianz der 
oberen Kreise der Industrie mit den Feudalen sich bemerkbar machen, 
mit einer Klasse mithin, die ihr Dasein lediglich auf Kosten des 
arbeitenden Volkes fristet, und hat ihm denn die Geschichte nicht ge- 
zeigt, wie die Industriellen selbst, als es sich noch um ihre Befreiung 
handelte, im langen, harten Kampfe mit den Feudalgewalten, nicht 
durch freiwilliges Entgegenkommen der Privilegierten die ihnen heute 
zustehende Rangstufe erklommen haben? 

Solche Einwürfe existieren für Saint-Simon nicht, und das ist psycho- 
logisch und historisch erklärlich. Einmal war er eine diurchaus aristo- 
kratische Natur, dann aber auch war es die Erinnerung an die Greuel 
der Schreckensherrschaft wie die Erkenntnis der poUtischen Unmündig- 
keit des Volkes, was seine aus angeborenem Gefühl entspringenden 
sozialaristokratischen Neigungen stärken mußte. Die Demokratisierung 
der politischen Verfassung wird so von ihm aufs schärfste bekämpft 
Warum, so ruft er aus, erklärt man denn nicht, daß alle Franzosen, 
die tausend Franken direkte Steuern bezahlen, dadurch auch einen 
Befähigungsnachweis für wissenschaftliches Forschen erlangen, wenn 
ihre politische Einsicht von ähnlichen Vorbedingungen abhängig sein 
soll? Ist denn die Politik ein Kinderspiel? Oder konnten sich solche 
Absurditäten wie die politischeliFreiheit wohl nur deshalb herausbilden. 



I) L'Oiganisateur, T. XX, p. 197 ff. 



220 — 

weil die Politik noch nicht in den Rang einer positiven Wissenschaft 
erhoben worden ist ^) ? Hat man denn vergessen, zu welch' schrecklicher 
Anarchie das demokratische Regiment des Konvents geführt hat*)? 

Wenn man die Idee der Volkssouveränität auf ihre Entstehungs- 
gründe hin untersucht, so gewahrt man, daß sie sich in Anlehnung an 
das Dogma des Königtums von Gottes Gnaden herausgebildet hat 
Man wollte das letztere bekämpfen und hat so den Nationen eine päpst- 
liche Unfehlbcirkeit zugeschrieben^. Diese durchaus metaphysische 
Konzeption — ist sie doch von den Legisten erfimden worden — muß 
endlich abgewiesen werden. Nicht kann es sich um politische Freiheit 
handeln, wenn dem Volke geholfen werden soll, kann diese doch noch 
weniger als die individuelle ökonomische Freiheit als Zweck der sozi- 
alen Assoziation gelten. Das große Zeitproblem, um das es sich handelt, 
ist ein anderes und bezieht sich auf die Grundtatsache des sozialen 
Lebens überhaupt. Die Gegenseitigkeitsbeziehungen zwischen Unter- 
nehmertum und Arbeiterschaft müssen gefestigt, die Lage der unteren 
Klassen überhaupt muß gebessert werden, kurz, es soll, um den 
künftigen, wohl zuerst von Enfantin geprägten Ausdruck zu gebrauchen, 
eine Organisation der Arbeit vollzogen werden. Und hierzu ist 
die Aristokratie der Industrie berufen. Denn die Industriellen 
sind die natürlichen Führer, die geborenen Beschützer 
der arbeitenden Klasse, und immer, das beweist die Geschichte 
der französischen Revolution, hat das Volk, solange es ihrer Leitung 
unterstanden, die Wohltat ihrer Führerschaft empfunden *). Ohne sach- 
gemäße Führung der unteren Klassen keine soziale Ordnung: früher 
wurde das Volk durch die Bajonette in Schranken gehalten, heute 
muß es das Bewußtsein seiner intellektuellen, aber auch seiner öko- 
nomischen Inferiorität sein — Finferiorite sentie par les ouvriers de 
leurs moyens pecuniaires et de leur capacite ä Tegard de la capacite 
et des capitaux des entrepreneurs — das ihm die Unterordnung 
gebietet^. So läßt Saint-Simon denn die Arbeiter zu ihren Arbeits- 
herren sprechen: „Ihr seid reich, und wir sind arm; ihr arbeitet mit 
dem Kopf und wir mit den Armen; aus diesen beiden fundamentalen 
Unterschieden folgt, daß wir euch Untertan sein müssen." Aber auch 
den Unternehmern werden hohe Pflichten zugedacht: die Mächtigen 
unter ihnen sind dazu ausersehen, die politischen Führer der Zukunft 



1) Du Systöme Industriel, T. XXI, p. 16/17. 

2) L'Industrie, T. XVin, p. 178. L'Oiganisateur, T. XX, p. 43. CatAchisme des In- 
dustrieis, T. XXXVn, p. 120. 

3) Da Systeme Industriel, T. XXII, p. 38. 

4) Du Syst^e Industriel, T. XXI, p. 211. Catöchisme des Industrieis, T. XXXVII, 
p. 191/92- 

5) Du Systtoie Industriel, T. XXm, p. 92. 



— 221 — 

ZU werden, betraut mit der erhabenen Mission, „die Interessen der 
ungeheueren Mehrheit der Bevölkerung zu wahren"^). Sie müssen 
gleichsam ein organisches Ganzes mit dem Volke bilden, es leiten, 
nicht mehr beherrschen, wie es im alten System der Fall war, und 
immerdar sein Wohl fördern. 

Zwischen den „müßigen Kapitalisten", die Besitzer von Manufak- 
turen und Handelsgeschäften sind, und den Arbeitern sind freilich be- 
reits alle Bande persönlichen Kontaktes zerschnitten. Doch betrachtet 
Saint-Simon diese Fälle als Ausnahmen; er glaubt vielmehr an die 
emanzipatorische Wirkung der Industrie als der gemeinsamen Be- 
tätigiingssphäre der Unternehmer und Arbeiter, und kampflos, so hofft 
er, werden diese beiden sozialen Gruppen, verbunden in einer har- 
monischen Arbeitsgemeinschaft, in der Zukunft die Kulturgüter mehren. 
Schon will Saint-Simon als Folge des industriellen Fortschritts Wachsen 
des Wohlstands, Abnahme der Arbeitslosigkeit und Zunahme der 
Bildung sehen, tmd fest ist sein Glauben an das endliche Verschwinden 
„der drei größten Ursachen sozialer Verwirrung: des Elends, des Müßig- 
ganges und der Unwissenheit"*). Eine große Zukunft, die die soziale 
Wohlfahrt der unteren Klassen mit sich bringen wird, scheint ihm in 
dem Stufengang der Menschheitsentwicklung begründet zu sein. „In 
Zukunft, wenn das Menschengeschlecht die Spitze der kulturellen 
Stufenleiter erreicht haben wird, wird der Philosoph, mit einem Blicke 
Vergangenheit und Zukunft überschauend, im Hintergrund des sich ihm 
darbietenden Gemäldes die Sklaverei wahrnehmen, eine für die da- 
malige Zeit durchaus philanthropische Institution, da sie Milliarden von 
Menschen das Leben erhalten und den Fortschritt der Wissenschaft 
l)egünstigt hat, indem sie der herrschenden Klasse die Mittel geliefert, 
ihre Intelligenz zu entwickeln . . . Mit lebhafter Befriedigfung wird er 
die Milderung der Sklaverei, die Fortschritte der Wissenschaften, die 
allmähliche Besserung des Loses der Menschheit bemerken und end- 
lich das völlige Verschwinden der Sklaverei und das Vorhandensein 
von Vorbedingrungen für die Durchführung einer sozialen Organisation, 
die unmittelbar das Wohl der Mehrheit zum Zweck hat Mit den Waffen 
kämpfend, werden sich ihm die Völker in der Vergangenheit darbieten, 
während ihm als Kampfplatz der Zukunft die Moral, die Wissenschaft 
und die Industrie erscheinen wird"^. 

Die wichtigsten sozialpolitischen Reformen, die Saint- 
Simon verlangt, sind das Recht auf Arbeit und die staatliche 
Sorge für den Unterhalt der Invaliden. Jener Industrie- 

1) Du Systeme Industriel, T. XXII, p. 116/117. 

2) L'Oiganisatear, T. XX, p. 149 ff. 

3) Catichisme des industriels, T. XXXIX, p. 12. De POiganisation sociale, 
Bd. XXXIX, p. 114. 



— 222 — 

kammer, von der wir oben gehört haben, wird es zufallen, „die Existenz 
der Besitzlosen zu sichern, indem sie den Arbeitsfähigen Arbeit ver- 
schafft und den Arbeitsunfähigen Hilfe leistet"^). Diese Maßregeln 
werden nach Saint-Simon, neben der Vermittlung auch von wissen- 
schaftlichen Kenntnissen und der Darbietung sonstiger Annehmlich- 
keiten, wie nützlicher Vergnügungen, das Hauptmittel einer moralischen 
und physischen Hebung der Volksniehrheit bilden^. Außerdem soll 
für eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit gesorgt werden, und zwar 
durch Ausdehnung der Unternehmungen von selten ihrer 
Leiter, eine sozialpolitische Forderung, die, wie leicht ersichtlich ist, eine 
gewisse Ähnlichkeit mit den später in Frainkreich eingeführten National- 
werkstätten bekundet Schließlich wird ein System der Koloni- 
sation in Erwägung gezogen, das dazu dienen könnte, überzählige 
Bevölkerungsgruppen abzuleiten und zu nützlichen Arbeitsleistungen 
heranzuziehen % 

Mit der Verwirklichung dieser Reformideen aber allein wäre das 
Werk der Emanzipation der Besitzlosen noch keineswegs vollbracht 
Wenn die Kulturgüter, wie sie Industrie, Wissenschaft und Kunst 
liefern, in dem sozialen System der Zukunft vollste Förderung finden 
werden, wenn die Herrschaft der physischen Grewalt verschwinden und 
an Stelle des auf Gewalt gegründeten Regierungssystems der Gegen- 
wart eine große Wirtschaftsgenossenschaft treten wird, wenn fürderhin 
nicht mehr Glauf>ensdogmen die Prinzipien geistiger Leitung abgeben 
sondern wissenschaftliche Demonstrationen, so ist einleuchtend, daß die 
so geartete soziale Organisation erst durchgeführt werden kann, wenn 
die Mehrzahl der Volksglieder einen gewissen, nicht unbeträchtlichen 
Grrad sittlicher und geistiger Reife besitzt „Der Mensch, der nicht a^ 
Ordnung und an ökonomische Berechnung gewöhnt ist, der keine Liebe 
zur Arbeit hat, und dem es an Kenntnissen und Voraussicht fehlt, kann 
unmöglich emanzipiert werden"^). Nimmt man noch hinzu, daß der 
Denker auch die Errichtung von Fachschulen für Arbeiter verlangt 
so wird man gewiß diesem für seine Zeit unerhört fortschrittlichen 
Ideensystem alle Bewunderung zollen dürfen. 

Aus der Gleichartigkeit der ökonomischen Entwicklung der euro- 
päischen Nationen, aus der Gleichartigkeit überhaupt ihrer kulturellen 
Fortschritte, wie sie diwch die internationalen Verkehrsbeziehungen in 
der neueren Zeit gefördert worden sei, schließt Saint-Simon die Mög- 
lichkeit des sozialen Aufbaues ganz Europas. Zwar verkennt 
er keineswegs, daß in politischer Beziehung in den einzelnen Ländern 

1) Du Systeme Industriel, T. XXI, p. io6, 107, 125. 

2) De rOiganisation Sodale, T. XXXIX, p. 128. 

3) Du Systtee Industriel, T. XXI, p. 162. 

4) L'Oxgaziisateur, T. XX, p. 144/145. 



223 

charakteristische Sonderheiten vorhanden sind, jedoch sieht er hierin 
nicht ein Hindernis, sondern vielmehr ein weiteres Motiv für die zu 
erstrebende „Vereinigung der nationalen Industrieen", „parce que ses 
diverses forces poUtiques de Tindustrie peuvent se combiner avec avan- 
tage pour atteindre le but d'utilite commune". So ist also in dem über- 
einstinunenden Charakter der sozialen Oekonomie der einzelnen euro- 
päischen Länder die Möglichkeit und Grundbedingung gegeben, durch 
eine gemeinsame internationale politische Aktion die in- 
dustrielle Organisation durchzuführen. Industrielle aller Länder, solcher 
Kampfesruf spricht aus den Worten Saint-Simons, schließt euch zu- 
sammen, „die Sache, deren Triumph euch angelegen sein muß, ist nicht 
allein auf Frankreich beschränkt, sie ist eine europäische Angelegen- 
heit" ^). Erkennt die weltgeschichüiche Mission, die euch der unabwend- 
bare Grang des geschichtlichen Geschehens zugewiesen hat, vereinigt euch 
in festen Reihen und vollführt das große, befreiende Werk des sozialen 
Aufbaues*). Frankreich und England als den beiden Staaten, die 
ökonomisch am weitesten entwickelt sind, wird die führende Rolle zu- 
gewiesen, den Prozeß der sozialen Organisation einzuleiten. Denn eine 
plötzliche, sich über das ganze Bereich der zivilisierten Welt erstreckende 
„Koalition der nationalen Industrieen" sei unmöglich. Organisch viel- 
mehr, unter Vermeidung erschütternder Plötzlichkeiten soll die 
Festigrung der sozialen Verhältnisse vorgenommen werden % Eine neue 
Periode der Weltgeschichte wird dann heraufkonunen. Die kriegerischen 
Verwicklungen, die unter dem Einfluß des Christentums, das die 
Solidarität der Völker gebot, wohl gemildert worden sind, werden ver- 
schwinden, und deis Volk, das große Heer der Besitzlosen, seiner end- 
lichen Befreiung entgegengehen*). 

Main fragt sich erstaunt, muß sich denn Saint-Simon nicht zuletzt 
das Ungeheuerliche seiner Forderung, daß das Unternehmertum aus 
eigenem Antrieb seine soziale Macht in den Dienst des Wohles 
der Gesamtheit stellen soll, zur Erkenntnis gekommen sein? Mußte 
denn sein Glauben an die befreiende Macht des industriellen Eigen- 
tums nicht wanken angesichts der in England schon grell hervor- 
tretenden Tatsache, daß zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft 
alles andere herrscht als verständige Berücksichtigung der gegen- 
seitigen Interessen, als Harmonie? In der Tat sieht er mit voller 
Deutlichkeit die Symptome weitklaffenden Zwiespalts auch im Bereiche 
der Industrie, freilich, um nun nicht, wie es sein großer Schüler Kart 
Marx getan hat, zu der Folgerung zu schreiten, den geschichtlich ge- 

1) Du System Induatriel, T. XXII, p. 24. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 48, 59. Du Systtoie Industriel, T. XXII, p. 22 ff. 

3) L'Oiganisateur, T. XX, p. 237. De POrganisation sociale, T. XXXIX, p. 149, 

4) L'Industrie, T. XIX, p. 36/37. Du Systtoe Industriel, T. XXH, p. 81. 



— 224 — 

gebenen Widerstreit zwischen Bourgeoisie und Proletariat zum Auä- 
geingspunkt der sozialen Reform zu nehmen, sondern um warnend der 
anwachsenden Entzweiung vorzubeugen. 

Wohl seien die hervorragenden Unternehmer die einzig geeigneten 
Protektoren der arbeitenden Klasse, sagt Saint-Simon. Aber solange 
die liberalen politischen Prinzipien nicht bestimmter gefaßt seien, so 
daß auch die Arbeiter wissen könnten, um was es sich handelt, so lange 
sei die Gefahr vorhanden, daß Intriganten die Führerrolle dieser zahl- 
reichen, aber noch ungeschulten Klasse übernehmen, um durch revolu- 
tionäre Umwälzungen die Macht zu erlangen. Schon sei in England 
„der Krieg der Armen gegen die Reichen" ausgebrochen. Sich selbst 
überlassen, wie dort die Arbeiter sind, ohne Führung von selten jener, 
in deren Hand ihr Geschick liegt, seien sie revolutionär geworden und 
haben sich selbst zu einem blutig verlaufenen Aufstand hinreißen 
lassen ^). 

Angesichts solcher Symptome wachsender Verschärfung des Inter- 
essengegensatzes zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft mußte 
Saint-Simon zuletzt die Religion als Werbekraft für seine Reformideen 
dienen. Mit der Verkündigung der Idee der Assoziation als eines 
höchsten göttlichen Gebotes schließt er, ein gottgesandter Prophet, sein 
reichgesegnetes Leben. 

n. 

Wenn wir nun dazu übergehen, die Reformideen Saint-Simons, 
vorzüglich seinen Plan einer Organisation der Gesellschaft auf ökono- 
mischer Grundlage, auf ihre Eigenart hin zu prüfen, so vermag das wohl 
am besten geschehen durch einen Vergleich seiner Anschauungen mit 
zeitgenössischen praktischen Strömungen und Lehren ähnlicher Präg^ung. 
Es kann sich natürlich nicht darum handeln, Vergleichsmöglichkeiten 
ins Unendliche auszuspinnen, wir begnügen' uns vielmehr damit, durch 
eine Hervorhebung des Besonderen die Wesensart der Denkerleistung 
Saint-Simons zu charakterisieren. 

Halten wir nun in dem Kreis der historischen Ereignisse, die in 
die Zeit Saint-Simons fallen, Umschau, so treten uns als die bemerkens- 
wertesten Bestrebungen, die auf eine Hebung der unteren Klassen ge- 
richtet sind — und darum vor allem handelt es sich bei Saint-Simon — 
entgegen einmal der durch Boissel und Baboeuf vertretene Sozialismus 
der Revolutionszeit, dann die sozialen Systeme Fouriers und Owens, 
weiterhin der ethisch fundierte Sozialkonservatismus eines Sismondi 
und als politische Strömung die ereignisreiche Zeit des Konvents. 



i) Catöchisme des industriels, T. XXXVII, p. 191/92. De rOiganisatioii sociale, 
T. XXXIX, p. 124. 



— 225 — 

Alle diese theoretischen und politischen Äußerungen sind auf dem 
Boden vorhandener Not erwachsen, die sie lindern möchten, in so ver- 
schiedener Weise allerdings, daß nur die Gemeinsamkeit des erstrebten 
Zwecks das ihre Zusammenstellung begründende Merkmal bildet. 

Die vormarxistischen Sozialisten hat man bekanntlich als Utopisten 
bezeichnet, und auch Saint-Simon — ohne daß man sich freilich die 
Mühe gegeben hätte zu untersuchen, ob und wie weit sein Denken 
sozialistisches Gepräge trägt — diesem so verschieden gestalteten Kreis 
sozialer Reformatoren beigesellt Aber, wie mir scheint, durchaus zu 
Unrecht Wenn man mit Friedrich Engels als Kriterium des Utopis- 
mus die durch metaphysische Voraussetzungen begründete Annahme be- 
zeichnen will, daß neben der geschichtlich gewordenen sozialen Wirk- 
lichkeit auch eine „natürliche Gesellschaftsordnung^** vorhanden ist, 
welche, unabhängig von Zeit und Raum, als die der ewig gleich ge- 
dachten Natur des Menschen angepaßte vollkommene Gesellschaftsform 
aufgefaßt wird, so finden sich derartige Erwägungen bei Saint-Simon, 
wie schon angedeutet wurde, in keiner Weise vor. Mit trefflicher 
Kennzeichnung hat Engels auf das Vorherrschen subjektiver Willkür 
bei den Utopisten hingewiesen, deren soziales Ideal das Ideal eines 
einzigen genialen Mannes sei, der, auch wenn er fünfhundert Jahre früher 
geboren worden wäre, die durch das Walten irriger Grundsätze ins Ver- 
derben gestürzte Menschheit von ihren Leiden hätte erretten können. 
Diese aus der ungeschichtlichen Denkweise des achtzehnten Jahr- 
hunderts entsprungene Richtung verwirft also die historisch gewordenen 
Verhältnisse, da sie im Widerspruch zu den Ideen der Vernunft ständen 
und heckt ein rationelles Gesellschaftssystem als Idealbild mensch- 
lichen Gremeinschaftslebens aus. So gelangen ihre Anhänger zu den 
verschiedenartigsten Ergebnissen : sie stimmen zwar überein in der Ver- 
wirklichung des Zweckes: des Glückes der Menschheit, während die 
Mittel, durch die das gemeinsame Endziel erreicht werden soll, durchaus 
individuell bedingt sind. Da steht nach Boissel — man könnte auch 
auf den 1664 geborenen Messlier oder den später lebenden Morelly oder 
den Deutschen Fichte hinweisen — allen Menschen das unveräußerliche 
Recht auf Freiheit und Gleichheit zu, und weil sie dieses Glückes der 
Freiheit noch nicht teilhaftig sind, so muß es ihnen durch Beseitigung des 
Privateigentums, durch welches die natürliche Gleichheit gestört wird, 
gebracht werden. Da will Baboeuf, fortschreitend von dem ebenfalls 
angenommenen natürlichen Recht auf Freiheit und Gleichheit zu ökono- 
mischen Postulaten radikalster Art, die Gesellschaft kommunistisch ein- 
richten, und zwcir auf landwirtschaftlicher Basis, und er hofft durch Ge- 
währung des Rechtes auf Arbeit, durch Unterbindung aller zur Ungleich- 
heit führenden subjektiven Regungen der Vernunft den Sieg über die 
Verderbtheit der Gegenwart verleihen zu können. Auch Fourier und 

Mnckle, Henri de Saint-Simon. ic 



— 226 — 

Owen lassen sich durchaus von solchen naturrechtlichen Anschauungen 
leiten. Nach dem ersteren sind die Menschen von Gott ab- 
gewichen, der nur ihr Gutes will, und dieses göttliche Wollen hat eben 
Fourier erschaut, weshalb er sich dazu berufen fühlt, den Menschen 
den Weg des Heils zu wßisen. In Phalangen sollen sie sich vereinigen^ 
wie sie sich Fourier ausgedacht hat, und in der festen Zuversicht, nun 
das Mittel gefunden zu haben, die Menschheit von der Unnatur ihres 
bisherigen Daseins zu erlösen, wartet er jahrelang täglich zu einer be- 
stimmten Zeit auf den reichen Gönner, der ihm die finanziellen Mittel 
zur Begründung der ersten Phalange einhändigen würde. Dieselben 
metaphysischen Voraussetzungen auch bei Owen. In den wechselnden 
Phasen seiner Lebensarbeit ist es ihm nie gelungen, die utopistische 
Denkart abzustreifen. Seine Sozialordnung ist das rationelle System 
der Gesellschaft, das er dem individualistischen, auf falschen Voraus- 
setzungen gegründeten entgegenstellt, und durch Propaganda und Ex- 
perimente will er die Überlegenheit seiner kommunistischen Kolonieen, 
die als kleine Gemeinwesen gedacht sind, dartun. Nach ihm stehen 
„die heutigen eingebildeten Kenntnisse (mit denen die gesellschaftliche 
Ordnung gebildet ist) im direkten Gegensatz zu jenen untrüglichen und 
unwandelbaren Naturgesetzen, und daher stammt die Unvemünftigkeit 
und Ungesundheit des gegenwärtigen und vergangenen Zustandes des 
Menschengeschlechts" ^). 

Saint-Simons Ideensystem dagegen steht in direktem und bewußtem 
Gegensatz zu dem abstrahierenden Verfahren des metaphysischen 
Geistes, dessen Ausläufer eben die utopistischen Sozialisten sind: die 
gegebene soziale Wirklichkeit ist nach ihm nicht falsch und unvereinbar 
mit den über Raum und Zeit erhabenen idealen Postulaten der Frei- 
heit und Gleichheit, weil er solche absolute Maximen einfach nicht 
kennt, sondern sie ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung, die 
unmöglich rückgängig gemacht und wieder ausgelöscht werden kann. 
In rastlosem Wandel vielmehr sind die sozialen Gebilde begriffen, 
Wirtschaft, Recht, Moral und Religion, und Aufgabe der Sozial- 
philosophie ist es, den Tendenzen der historischen Entwicklungsrichtung 
nachzugehen, und nur dann kann die Politik in das feste Bereich des 
Tatsächlichen gepflanzt und ihres abstrakten, metaphysischen Charakters 
entkleidet werden, wenn ihre Forderungen auf die Kenntnis gegebener 
Zeitströmungen gegründet sind. Dann sind ihre Postulate wissen- 
schaftliche, dem Verstehen des geschichtlich Gewordenen entsprossen 
und nicht dem Traumreiche der Phantasie entnommen; die Politik ist 
zur Beobachtungswissenschaft geworden*). 

i) Sombart, Sozialismus und soziale Bewegung, 1905, S. 31. 

2) „C'est le propre de la m6taphysique, pr^cis^ment parce qu*elle n'enseigne rien de 
r6el, de persuader qu'on est propre ä tout sans avoir besoin de rien Studier d'une mani^re 



— 227 — 

Geleitet von solchen Erwägungen, schließen sich die Reform- 
maßregdn Saint-Simons eng an die Zeitumstände an, sie wollen diese 
nicht der Vernichtung anheimgeben, sondern ausbauen im fortschritt- 
lichen Sinne: durch historische Besinnung hat er gefunden, daß die 
moderne Industrie die soziale Organisationsbasis bilden muß. Dem 
Zeitalter der individuellen Freiheit, wie es als Reaktion auf 
die bevormundende Zeit des Feudalismus gefolgt ist, wird der Charakter 
einer Übergangsepoche, nicht der der Vernunftwidrigkeit 
beigelegt, und das große soziale Problem besteht darin, die sich regellos 
entfaltenden sozialen Kräfte organisch zusammenzufassen. Das ist das 
Ideal der Sozialpolitik Saint-Simons: die beiden Kulturmächte, die 
Industrie und Wissenschaft zur höchsten, dem Gemeinwohl dienenden 
Entfaltung zu bringen ; xmd es erscheint ihm dieses Ziel als ein wissen- 
schaftlich begründetes, weil es auf dem Untergrund historischer Be- 
obachtungen entstanden ist. Das industrielle System Saint-Simons unter- 
scheidet sich scharf von dem „Systeme vag^uement liberal", mit dem der 
Liberalismus glaubte, wie hinzugefügt werden mag, ebenfalls die natür- 
liche Ordnung der sozialen Verhältnisse verwirklicht zu haben. Durch 
den Entwurf seines Systems wollte der Denker „die Trennung der 
wissenschaftlichen Politik, die auf festgefügten allgemeinen historischen 
Tatsachen basiert ist, von der metaphysischen Politik ausdrücken, die 
von abstrakten, mehr oder weniger vagen und hohlen Voraussetzungen 
ausgeht" ^). 

Weit überragt mithin Saint-Simon mit diesen Bestimmungen die 
zeitgenössischen Sozialreformatoren. Gewiß verfügen Owen, Fourier 
und Sismondi über eine viel umfassendere Kenntnis der wirtschaftlichen 
Prozesse, und unerreicht ist, was sie als Kritiker des Kapitalismus ge- 
leistet haben. Aber keiner vermag sich hinsichtlich der Großzügigkeit 
seiner Denkarbeit mit Saint-Simon zu messen. Verständnislos steht der 
Genfer Sismondi der gewaltigen historischen Mission des Kapitalismus 

speciale. La drconstance remarquable que je viens dUndiquer n'existe plus aujourd*hui que 
pour la politique et la philosophie, sa m^re, parce qu*elles seules, parmi toutes les branches 
de SOS connaissances, sont encore rest^es m^taphysiques. Mais un fait analogue peut s^observer 
pour les Sciences aujourd'hui les plus positives, k T^poque oü elles ^taient encore plong6es 
dans le domaine t^n^breux de la mötaphysique. Les conditions de capadt6 n6cessaires pour 
avoir le droit de les cultiver, ne sont devenues daires et pr^ses, et n'ont cess^ d^^tre uni- 
versellement sujettes k contestation, que lorsque ces sdences ont pris le caract^re positif ou 
d^observation. II en doit €tre absolument de mime de la politique. On peut soutenir 
aujourd'hui, sans se couvrir de ridicule, que la sdence politique est inn6e, ou qu'il suffit 
d'dtre n^ Fran^ais pour €tre en 6tait d'en raisonner: un tel langage est mime r^utl patri- 
otique. Mais lorsque la politique sera montle au rang des sdences d'observation, ce qui ne 
sauiait Itre aujourd'hui tris-retardi, les conditions de capadtl deviendront nettes et d^ter- 
minles, et la culture de la politique sera exdusivement confi^e k une dasse speciale de 
savants qui imposera silence au parlage. Du Syst^e Industriel, T. XXI, p. 17. 
I) Du Syst^e Industriel, T. XXI, p. 20. 

15* 



— 228 — 

gegenüber: seine Vorschläge zur Linderung sozialer Not weisen mehr 
rückwärts als in die Zukunft. Er befürwortet eine möglichste Unter- 
bindung der Entfaltung der modernen Produktivkräfte und, anstatt 
Förderung des industriellen Fortschritts, Stärkung der Landwirtschaft 
und der dem Untergang noch nicht geweihten Zweige des Handwerks. 
Ebensowenig sind Fourier und Owen im stände, die kapitalistische In- 
dustrie als Trägerin sozialen Fortschritts ihren Systemen einzugUedem. 
Autonome Gremeinwesen, deren Tätigkeit vornehmlich der Landwirtschaft 
zugewandt ist, sollen sich nach ihnen über das ganze Land ausbreiten, 
und nur vorübergehend hat Owen an die Nutzbarmachung der modernen 
Produktionsmittel durch Erhebung der Arbeiter zu deren Eigentümern 
gedacht Auch die volkstümliche Politik des Konventes wie der Sozia- 
lismus Babceufs waren durchaus reaktionär: wollten sie doch die im Ent- 
stehen begriffene moderne Industrie als Krebsschaden der Zivilisation 
geradezu unterdrücken. Demgegenüber tritt uns in Saint-Simon 
der erste Prophet des neuen Wirtschaftssystems entgegen, 
der Künder des Herrschaftsreiches der Industrie, welche die Natur 
sich untertänig macht und die Menschen und Völker durch die Bande 
immerwährenden Friedens organisieren wird zum gemeinsamen Werke 
gegenseitiger Förderung. 

Das glauben wir also unwiderleglich gezeigt zu haben, daß Saint- 
Simon unter keinen Umständen als Utopist im Sinne der Gründer des 
modernen Sozialismus, Marx' und Engels', bezeichnet werden darf, und 
es ist dringend zu wünschen, daß diese Auffassung fürderhin zum Ge- 
meingut der Wissenschaft werde. Aber wenn er kein Utopist ist, zu 
welcher Art von Sozialreformatoren gehört er dann? Nach Saint-Simon 
muß jede soziale Organisation, wenn sie festen Bestand haben soll, auf 
den von der Kultur geschaffenen Fundamenten vollzogen werden. 
Wenn nun die Sonderart des von ihm in den Grundlinien entworfenen 
sozialen Systems darin besteht, 6a& die von der Industrie und Wissen- 
schaft gelieferten Güter der Kultur von den führenden Schichten der 
Gesellschaft, den Industriellen vornehmlich, in patriarchalischer Weise 
den politisch Unmündigen, der großen Masse, zugängig gemacht 
werden sollen, hat er die beiden Voraussetzungen für die Durchführung 
dieses Reformplanes, einmal die soziale Übermacht der Industrie, 
dann das Vorhandensein der sozialgesinnten Unternehmer erwiesen? 
Um bündig das Problem zu lösen: er hat zweifellos die soziale 
Entwicklungstendenz seiner Zeit richtig interpretiert 
als eine zunehmende Aus Weitung des Herrschaftsgebiets 
der modernen Industrie und Wissenschaft und als eine 
stets wachsende Durchdringung aller Lebensäußerungen 
mit ihrem Geiste, optimistisch freilich als frühgeborener 
Sohn eines erst werdenden Zeitalters. Insofern als ihm 



— 229 — 

die historisch gewordene Kulturlage seinerzeit als Aus- 
gangspunkt seiner sozialen Forderungen und Organi- 
sationsbasis dient, ist er durchaus Realist, aber er ist 
Utopist, wobei wir allerdings diesen Begriff etwas weiter 
fassen als Marx und Engels, weil er eine konstatierte 
Entwicklungstendenz falsch deutet. Mit fast denselben 
Worten, mit denen er das Unhaltbare und Utopische des Friedensplanes 
des Abbe von Saint-Pierre dargetan hat, könnte man das Unrealistische 
seiner eigenen Bestrebungen kennzeichnen. Wie es ein absurdes Unter- 
fangen ist, von kriegerischen Mächten die Aufrechterhaltung des Friedens 
zu verlangen, ebenso ist es eine Absurdität, von einem sozial pflicht- 
vergessenen, weil lediglich im Mammonsdienste stehenden Unternehmer- 
tum durch einen Appell an seine erhabene soziale Bestimmung eine 
Organisation der Arbeit zum Heile der Besitzlosen zu fordern. Mit 
furchtbar entgegenleuchtenden Lettern hat das Untemehmertiun in die 
Geschichte des letzten Jahrhunderts eingeschrieben, wie wenig ihm an 
dem Elend der Massen gelegen ist. Aber schelten wir Saint-Simon seiner 
kindlichen Zuversicht wegen nicht. Denn was er als der einzige seines 
Zeitalters verlangt hat: die Verwertung der Erzeugnisse der Industrie 
und der Wissenschaften ausschließlich für die Zwecke des Volkswohls, 
wird, so hoffen wir, endlich zur Wirklichkeit werden, wenn auch in 
anderer Weise, als es sich der prophetische Geist Saint-Simons aus- 
gedacht hat. Ohne tadelnde Bemerkung wollen auch wir mit Carlyle 
den Ausspruch Saint-Simons anführen, daß das goldene Zeitalter, wenn 
es auch keine peiradiesische Glückseligkeit bringen wird, nicht hinter 
uns sondern vor uns Uegt. 

Und nun zu der wichtigen Frage : ist Saint-Simon Sozialist? 
Als Ganzes betrachtet ist das Ideensystem Saint-Simons von einer außer- 
ordentlichen Ungeklärtheit, und die konstruktiv befriedigende Anordnung 
seiner lose zerstreuten, buntschillernden Bestandstücke bereitet dem 
Biographen nicht wenig Schwierigkeiten. Ist doch der Denker ein be- 
redter Interessenvertreter sowohl der aufstrebenden Bourgeoisie als auch 
der unteren Schichten des Volkes, des erst im Entstehen begriffenen 
Proletariats namentlich, wobei seine sozialpolitische Denkrichtung ihn zu 
Forderungen führt, die in mancher Beziehung eine sozialistische Färbung 
tragen. Zwar ist Saint-Simon kein Sozialist, wenn es auch oft ge- 
schrieben steht, daß er es sei. Aber häufig tönen uns aus seinen Schriften 
sozialistische Klänge entgegen, gleichsam als stammelnde Laute eines, 
noch erst unklar erfaßten Zielen zustrebenden Kämpfers. 

Wir wissen größtenteils schon, um welche Ideen es sich handelt, 
wollen aber, der Bedeutung der Sache wegen noch ein klärendes Wort 
beifügen. Übereinstimmend mit Werner Sombart wollen wir unter 
Sozialismus den intellektuellen Niederschlag der modernen sozialen Be- 



— 230 — 

wegnng verstehen. In mannigfacher Weise hat nun Saint-Simon dem 
Sehnen jener Klasse, deren Befreiung diese Bewegung dienen soll, Aus- 
druck gegeben, mit feiner Witterung noch dunkler, erst der Auslösung' 
harrender sozialer Grefühlswallungen. Ein hartes, diu-ch Arbeit ge- 
stähltes Geschlecht soll das der Zukimft sein, das den brutalen Kampf 
der physischen Grewalt verabscheut, aber mit um so größerem Eifer die 
Naturgewalten zähmt und in den Dienst der nach Freiheit dürstenden 
Menschheit stellt. Die Arbeit wird fürderhin, weil auf ihr der Bestand 
und das Wohl der Gresellschaft gegründet ist, „die erste Tugend" sein, 
und keinen Raum wird es in Zukunft für die schmarotzende Sippe der 
von ihren Renten lebenden „Drohnen" geben. Wenn so die Arbeit 
eine individuelle Pflicht ist, so ist es nicht minder Pflicht des Gremein- 
wesens, allen denen Arbeit zu verschaffen, deren zur Untätigkeit ver- 
urteilte Hände nach Arbeit verlangen, wie es ebenfalls kollektive 
Pflicht sein wird, für jene zu sorgen, die im Kampfe des Lebens ihre 
Kräfte eingebüßt haben : das Recht auf Existenz durch Arbeit und die 
Pflicht der Unterstützung Invalider müssen anerkannt werden. 

Aber noch weiter muß sich die Sorge des Gemeinwesens erstrecken : 
arbeitsam wie das Geschlecht der Zukunft sein wird, soll es auch ge- 
nießen, ja die Freude edlen Sinnengenusses muß allen in vollem Maße 
zuteil werden. Kunst, Wissenschaft und Industrie sollen wetteifernd 
das Volk kulturell heben, der Luxus muß ein nationaler werden. Und 
jede Klassenherrschaft, die auf eine Entrechtung weiter Volkskreise 
hinausläuft, wird verschwinden. Es werden keinerlei Geburtsprivilegien 
geduldet werden, und alle Bahnen sollen denen geöffnet sein, die die 
Fähigkeit haben, sie erfolgreich zu beschreiten. 

Diese soziale Ordnung steht mithin schroff der gegenwärtigen, auf 
individueller Freiheit beruhenden des ökonomischen Subjektivismus 
gegenüber. Sie ist vielmehr geschichtlich dazu bestimmt, das soziale 
Ideal des Liberalismus, dem nur eine transitorische Bedeutung zu- 
kommen kann, abzulösen und die tiefgreifende moderne Krisis durch 
die internationale Assoziation zu beseitigen. In dieser Assoziation 
handelt es sich nicht um Realisierung der individuellen Freiheit, sondern 
darum, die geistigen und materiellen Güter in den Dienst des Gemein- 
wohls zu stellen : der Versuch, „de rester les hras croises dans Tassocia- 
tion", muß, wo immer er sich bemerkbar macht, aufs nachdrücklichste 
bekämpft werden, denn nur dann kann sich die wahre Freiheit, die 
soziale Freiheit, einstellen. 

Für die Herausbildung der späteren sozialistischen Ideen war nun 
die von Saint-Simon versuchte, wenn auch als gescheitert zu betrach- 
tende historische Fundierung der so aufgefaßten genossenschaftlichen 
Ordnung der Zukunft von großer Bedeutung. Denn nicht soU das 
assoziative System sich, wie beim rationalen Utopismus, auf erst noch 



— 231 — 

zu schaffenden Fundamenten erheben, sondern es muß, soll es auf 
unerschütterlichen Grrundf esten ruhen, aus dem im beständigen Flusse sich 
befindenden Fortschritt der Kultur herauswachsen. Das industrielle 
System kann nicht erfunden werden, es wölbt sich vielmehr gleichsam 
über den von Generationen geschaffenen Grundmauern. Und es kann 
nicht zu jeder beliebigen Zeit und von jeder beliebigen Nation ein- 
geführt werden, vielmehr erst dann, wenn eine bestimmte soziale Ent- 
wicklungsstufe erreicht ist Dieses ist der Fall, wenn industrielle, 
die Mehrheit der Bevölkerung umfassende Verbände vorhanden sind, 
die dann, zusammengeschlossen zu einer Einheit, einem gemeinsamen 
ökonomischen Zwecke dienen müssen^). 

Es mag noch angeführt werden, daß fast die ganze Skala von 
Werbemitteln, wie sie dem Utopismus eigen sind, sich auch bei Saint- 
Simon vorfindet Vom Experiment kann natürlich keine Rede sein. 
Die öffentliche Meinung vor allem muß beeinflußt werden, die, wenn 
sie für die große Sache gewonnen ist, alle Widerstände sieghaft brechen 
wird. An erster Stelle ist die wichtige Aufgabe der Propaganda den 
Schriftstellern und r\iblizisten vorbehalten, aber auch die Unternehmer 
müssen ihren Einfluß, der ihnen besonders ihren Arbeitern gegenüber 
zusteht, zu nutze machen. Die Reaktionäre, die Adeligen, Theologen, 
Militärs und andere, sollen von der Unhaltbarkeit und Schädlich- 
keit ihrer Anschauungen überzeugt werden, und eine in gesetzlichen 
Grenzen sich bewegende Agitation soll die Vorbedingungen für die In- 
angriffnahme des Sozialreformwerks schaffen, während die Anwendung 
ungesetzlicher Mittel, besonders der physische Kampf, aufs strengste 
verpönt wird. Große Hoffnungen setzt Saint-Simon auf die regierenden 
Fürsten. Wir wissen bereits, daß er die Diktatur des Königs empfiehlt, 
wobei es schwer ist zu begreifen, daß deis mit absoluter Macht aus- 
gestattete Königtum nach der Konstituierung des neuen Systems wieder 
verschwinden wird*). Wichtig sei es auch, die Künstler zu gewinnen, 
die einen mächtigen Einfluß ausüben könnten. Und haben sie nicht 
allen Grund, ihre Kraft dem weltbewegenden Werke der industriellen 



i) Le moment oü la Constitution industrielle est müre peut 6tre fix6 
avec une certaine pr6cision par cette condition f ondamentale: Que, dans 
la trös-grande majorit^ de la nation, les individus soient engag^s dans 
des associations industrielles plus ou moins nombreuses, et li^es entre 
«lies deuz h deuz, trois k trois, etc., par des rapports industriels, ce qui 
permet d'en former un Systeme g6n6ral, en les dirigeant vers un grand but 
industriel commun, pour lequel elles se coordonnent d'elles-m6mes, sui- 

vant leurs fonctions respectives Quand une 80ci6t6 en est^ cepoint, 

et qu'elle n^est pas entour6e de nations purement militaires, eile touche 
k la Constitution industrielle. Du Systeme industriel, T. XXn, p. 185/86. 

2) L'Industrie, T. XIX, p. 213, 159. Du Systtoe Industriel, T. XXH, p. 106, 118, 
129, 131» H». 236. 



— 232 — 

Reorganisation zu widmen? Wo anders als in industriell hoch ent- 
wickelten Ländern und Städten, wie das Beispiel des alten Athen, der 
italieni^hen Städte und Hollands zeig^, hat sich ein für künstlerische 
Leistungen günstiger Nährboden entwickelt? So mögen sie also bei 
den „Industriellen das Streben nach Ruhm erwecken und sie zu edel- 
mütigen Taten anspornen". 

f) Das neue Christentum. 

Die sozieile Regeneration im Sinne Saint-Simons ist ein äußerst 
komplizierter Entwicklungsprozeß. Handelt es sich doch einmal um 
eine Durchdringung aller Lebensgebiete mit den Prinzipien der positiven 
Philosophie, dann aber auch um eine Reform der ökonomischen Verhält- 
nisse, auf die der Denker im Hinblick auf die fundamentale soziologische 
Bedeutung, die nach ihm den ökonomischen Phänomenen zukommt, das 
Hauptgewicht legt Von einer scharfen Abgrenzung dieser verschiedenen 
sozialen Reformen, oder von einer Aufdeckung ihrer möglichen Gregen- 
seitigkeitsbeziehungen ist bei Saint-Simon keine Rede. So ist die Folge, 
daß er sich in ein Netz von Widersprüchen verwickelt. Wenn von 
einer sozialen Organisation, solange allgemeine sozialisierende Ideen nicht 
vorhanden sind, nicht gesprochen werden kann, kann dann die Gesell- 
schaft auch durch eine Umbildung der Wirtschaftsordnung reorganisiert 
werden, oder wenn, wie der Denker an einzelnen Stellen verlauten läßt, 
auch die neuen sozialisierenden Ideen aus dem Schöße der sozieilen Öko- 
nomie herauswachsen — le perfectionnement de la morale ne peut avoir 
lieu que par Tinfluence des idees industrielles, des veritables principes 
economiques^) — befinden sich diese Prinzipien dann in Übereinstimmung 
mit jenen, die philosophischen Ursprungs sind, sind sie ihnen ähnlich, 
oder wie verhalten sie sich zu ihnen? Nie ist sich der Denker dieser 
Divergenz seiner Anschauungen klar bewußt worden, wie überhaupt 
die Fähigkeit zu einer auch logisch befriedigenden Anordnung seiner 
Ideen ihm völlig versagt war. Aus dem unversiegbaren Quellgrund 
seines genialen Wesens vielmehr strömen seine Ideen in sprudelnder 
Fülle und wirrer Systemlosigkeit hervor, und mehr einer Anzahl in 
bunter Weise aufeinander getürmter Quadersteine als einem auf festem 
Fundamente sich erhebenden Bauwerk gleichen die Gedankenreihen 
Saint-Simons. Zuletzt hat er dann das Ungeklärte und die Zerrissen- 
heit seines Systems gefühlt und mit kühner Folgewidrigkeit sich an- 
geschickt, seinen sozialen Wünschen eine einheitliche Grrundlage zu 
geben, und zwar in der Form eines mit religiöser Hülle umkleideten 
Moralprinzips. Das neue Christentum, das denkwürdige Vermächtnis 
des Philosophen, ist dieser Aufgabe gewidmet 

i) L'Industrie, T. XIX, p. 36/37. 



— 233 — 

Die Theorieen über die Moral bilden ein getreues Spiegelbild der 
ganzen Zerfahrenheit und des Widerspruchsvollen der Ideengänge Saint- 
Simons. Er ist auf der einen Seite Anhänger der Ethik des Utilitaris- 
mus, wogegen er andrerseits in so ausschließlicher Weise das Sozial- 
prinzip betont, daß er nahe an den Sozialismus streifende Folgerungen 
zieht Und weiterhin : einer von allen theologischen Bestandteilen freien 
Morallehre stellt er eine solche gegenüber, die einen völligen Rückfall in 
die von ihm selbst heftig bekämpfte unpositivistische Denkart bedeutet, 
und deren Wesenscharakter ein durchaus „theologischer" ist 

Dem Zuge der modernen wissenschaftlichen Entwicklung ent- 
sprechend, dcirf nach Saint-Simon die Moral einzig aus Grundsätzen ab- 
geleitet werden, die der gegebenen Wirklichkeit entnommen sind. In 
den ökonomischen Tatsachen der Gesellschaftsordnung müssen die sitt- 
lichen Normen, sollen sie wirksam sein, verankert sein : eine vollständige 
Umprägung des Moralsystems muß stattfinden, aus der »Jiimmlischen** 
Moral muß eine weltliche werden. Fast überall sind die überweltlichen 
Ideen der Theologie zerstört, sie haben bereits so sehr ihren sozialen 
Einfluß eingebüßt, daß weder die Furcht vor der Hölle noch die Aus- 
sicht auf paradiesisches Glück im Jenseits als Impulse sittlichen Handelns 
in Betracht kommen. Und das ist erklärlich. Denn fortgeschritten wie 
der menschliche Geist seit der Begründung des Christentums ist, haben 
die alten religiösen Formen ihre einstige Macht, die sie auf die Gemüter 
ausgeübt, verloren, so daß es eine Torheit wäre, wollte man auch 
weiterhin die Moral auf nur noch lächerlich wirkende Vorurteile gründen. 
Das Christentum, so groß die Fortschritte sind, die es herbeigeführt 
hat, hat nun seine soziale Kraft eingebüßt „Die Ära der positiven 
Ideen ist herbeigekommen : man kann der Moral keine anderen Motive 
mehr geben als greifbare, feste und gegenwärtige; solcher Art ist der 
Geist des Jahrhunderts, und solcher Art wird in gesteigertem Maße der 
Geist der zukünftigen Generationen sein. Der große Schritt, den die 
Entwicklung machen muß, besteht in der Begründung einer welt- 
lichen und positiven Moral." 

Saint-Simon denkt an den Entwurf einer industriellen Morallehre, 
die er in keimhaften Anfängen bei den protestantischen Nationen 
schon vorzufinden wähnt, an eine Inbeziehungsetzung der sittlichen 
Imperative mit der Produktion. Obwohl es erst dem kommenden Ge- 
schlecht vorbehalten sein soll, das neue Moralsystem auszubauen, so 
sieht er sich doch veranlaßt, immer schnell mit einer Lösung bereit, 
sich näher über den Kemgehalt der neuen Sittenlehre auszulassen. 
Alles was der Gattung nützlich sei, so führt er aus, das sei auch den 
Individuen nützlich und umgekehrt, alles was den Individuen dienlich 
sei, das sei auch der Gattung von Nutzen. Dieses Moralprinzip be- 
friedigt uns zwar gfanz und gar nicht, und wir werden sogleich sehen, 



— 234 — 

daß es der Denker selbst wieder aufgibt Auch jener Grundsatz will 
uns als moralisches Grundprinzip ungeeignet erscheinen, daß nämlich 
der Mensch des höchsten Glückes teilhaftig wird, wenn er auf die 
Besserung seines eigenen Loses hinarbeitet, und zwar in einer Richtung, 
die auch der Mehrheit Nutzen bringen wird^). 

Wenn nun die Grundsätze der Moral durch „Beobachtung** abge- 
leitet werden, so ist selbstverständlich, daß das geistig unmündige Volk 
sie einfach als gegebene Normen hinnehmen muß. Nicht blindlings 
allerdings. Das Vertrauen, das es den Gelehrten, seinen geistigen 
Führern, entgegenbringen wird, ist von anderer Art als jenes, dessen 
sich die Theologen einst erfreuen durften. Von einer Unterdrückung 
selbständiger geistiger Regungen des Volkes wird keine Rede sein. 
Denn wie die Wissenschaft im Gegensatz zu der Starrheit der 
religiösen Dogmen im beständigen Flusse begriffen ist, so wird von 
Zeit zu Zeit eine erneute Prüfung ihrer Grundsätze zur Notwendigkeit 
werden, wodurch mithin Anlaß zur Kritik gegeben ist Trotzdem wird 
die Autorität der Gelehrten in Zukunft eine große sein. So wie die 
Gelehrten verschiedener Wissensgebiete sich gegenseitig vertrauensvoll 
Rat holen, so hat auch die Masse mannigfache Ergebnisse der wissen- 
schaftlichen Forschung, da sie ja außer stände ist, sie auf ihre Richtig- 
keit zu untersuchen, einfach hingenommen: so sind die Anschauungen 
eines Kopernikus z. B., die Entdeckung des Blutimilaufs und vieles 
andere zum Gemeingut geworden 2). 

Die utilitaristischen Moralprinzipien werden von Saint-Simon bis 
zum Jahre 1824 beibehalten, aber daneben dem christlichen Gebot der 
Nächstenliebe die Bedeutung einer sozialen Norm beigelegt „Gott hat 
gesagt", so lautet das bezeichnende Motto des „Systeme Industriel", ,JU[ebet 
und helft euch untereinander." Als Brüder sollen sich fürderhin die 
Menschen betrachten, und was sie auch unternehmen, immer soll dieses 
Gebot als Leitstern ihres Handelns dienen. „II est le veritable principe 
constituant" Und zwar müßte die allseitige Durchführung dieser 
Grundidee des Qiristentums nach Saint-Simon eine ganz bestimmte 
Gestaltung des sozialen Lebens mit sich bringen, eben jene Gesell- 
schaftsordnung, die einzig soziales Wohlergehen verbürgt, das in- 
dustrielle und wissenschafüiche System, das durch den Gang der Zivili- 
sation vorbereitet ist und seiner endlichen Konstituierung harrt Denn 
dieses System ist nichts anderes „als die allgemeinste Anwendung des 
grundlegenden Prinzips des Christentums; es ist das in Aktivität 
umgesetzte Christentum selbst, so wie es Gott befohlen hat". „Das 
definitive Christentum ist jenes politische System, durch welches alle 

2) L'Industrie, T. XVHI, p. 288 ff.; T. XIX, p. 14, 36 ff. 

3) L'Organisateur, T. XX, p. 106, 154 ff. u. 165. 



— 235 — 

individuellen Kräfte des Menschengeschlechts vereinigt werden, um 
auf die Natur durch das Mittel der Wissenschaft und Industrie einzu- 
wirken, da dieses der einzige Weg ist, auf dem der Mensch seine Lage 
verbessern kann und die Völker jenen Zustand des Glückes erreichen 
können, den ihnen Gott einst als erstrebenswertes Ziel angewiesen hat" *). 
Die Aufgabe der Philanthropen ist es, den Menschen die erlösende 
Kunde ihrer edlen Bestimmung zu bringen und mitzuwirken an der 
Heraufführung des sozialen Friedensreiches. 

Man ist überrascht darüber, wie es hat möglich sein können, daß 
der Positivist Saint-Simon, der doch immerfort bestrebt war, die Trug- 
gebilde theologischer und metaphysischer Art rücksichtslos zu zerstören, 
nun selbst seine Zuflucht nimmt zu theologischen Ideen — dieses Wort 
im Sinne Saint-Simons genommen — als gleichsam unerschütterlichen 
Stützpunkten seiner Lehre. Werden wir in diesem Rückfalle in eine 
von seinem Standpunkt aus historisch überlebte Geistesrichtung wohl 
Anzeichen beginnenden Alters sehen müssen, oder sollen wir uns be- 
gnügen allein mit dem schon gegebenen Hinweis, daß er die Unerläß- 
lichkeit einer organisierenden Macht von besonderer Stärke für not- 
wendig hielt und so dem Wahne verfiel zu glauben, seine Pläne in 
Hinblick auf die etwa vorhandenen Widerstände rasch verwirklichen 
zu können nur dann, wenn er sie verkündete als ein im Willen des 
Allmächtigen vorgesehenes Werk, das zu offenbaren ihm, dem aus- 
ersehenen Messias, vorbehalten sei? Sicher ist, daß dieser Umschlag 
seines Wesens, der ihn dazu führte, seinen Reorganisationsideen, wissen- 
schaftlich begründet, wie sie sein sollten, nun auch durch den Appell 
an Gefühle durchaus christlich-religiöser Prägung unbezwingliche Werbe- 
kraft zu verleihen, symptomatischer Ausdruck einer wiedererwachten 
religiösen Stimmung weiter Kreise war. Voltaire, der Spötter, wurde 
zwar zu jener 2feit mit großer Vorliebe gelesen, aber schon lechzte 
man auch, endlich müde geworden ewiger Verneinung, in den Schichten 
einer ernsten Jugend vornehmlich nach einem festen Haltepunkt in der 
Erscheinungen Flucht Alphonse de Lamartine und Victor Hugo hatten 
gleichzeitig mit Saint-Simon in ihren Jugendwerken diesem Sehnen 
Ausdruck verliehen, und welch' tiefgreifende Wirkung I^amennais (1827) 
ausgelöst hatte, ist ja bekannt. Fremd freilich standen diese Männer 
den sozialen Fragen der Zeit gegenüber: es war Saint-Simon vor- 
behalten, den Versuch zu unternehmen, das Christentum gewissermaßen 
aus der Sphäre des Ideellen in das Bereich des sozisilen Lebens zu ver- 
pflanzen und die Menschheit im Namen Gottes mit dem Pathos eines 
welterlösenden Propheten anzueifem zur endlichen VoUbringting des 
im Ratschlüsse des Ewigen vorgesehenen sozialen Werkes. 



I) Du Systöme Industriel, T. XXn, p. 231/232. 



— 236 — 

In Dialogform werden im „Neuen Christentum", bei dessen Aus- 
arbeitung Olinde Rodrigues, der Bankier und treue Schüler des 
Meisters, mithalf, die neuen Ideenreihen entwickelt Die Völker und 
Könige an den wahrhaften Geist des Christentums erinnern, den sozialen 
Wirkungscharakter des Christentums darlegen will dieses Werk, es 
will sich wenden vor allem an jene, seien sie Katholiken oder Prote- 
stanten, Lutheraner, Reformierte oder Anhänger der anglikanischen 
Kirche, die als den Hauptbestandteil der Religion die Morsil betrachten^ 
und allen jenen als Führer dienen, welche die Notwendigkeit der Ver- 
vollkommnung der Moral erkannt haben. Was nun jene anbelangt» 
welche die Ideen über die Gottheit und die Offenbarung als bloße 
Formeln betrachten, die vielleicht in Zeiten der Unwissenheit und 
Barbarei von gewissen Nutzen gewesen wären, und die es als un- 
philosophisch ansehen, ähnliche Symbole wieder erstehen zu lassen; 
jene, die glauben, mit einem voltairianischen Lächeln den Verfasser 
des „Neuen Christentums" abweisen zu können, um „sich mit der Ver- 
nunft und dem natürlichen Gesetz" als generellen Moralprinzipien zu 
begnügen, so werden auch sie wohl das Unbestimmte ihrer Theorieen 
einsehen. Und wenn sie das Übernatürliche, das im Christentum ent- 
halten ist, nicht anerkennen werden, so werden sie gewiß seine Lehre 
fürderhin achten als die erhabenste, die seit achtzehnhundert Jahren 
geschaffen worden ist. 

Das Christentum also ist göttlichen Ursprungs, und was von Gott 
stammt, ist als gegeben, als unveränderlich zu betrachten. Aber das 
menschliche Beiwerk, daß der gottentsprungenen Lehre als Zutat der 
Priester anhaftet, ist, wie alles von Menschen Hervorgebrachte, einer 
steten Abwandlung fähig: „Die Theorie der Theologie muß zu ge- 
wissen Zeiten erneuert werden, ebenso wie jene der Physik, der 
Chemie und der Physiologie". 

Mit wenigen Worten läßt sich das göttliche Prinzip des Christen- 
tums aussprechen: die Menschen sollen sich als Brüder be- 
trachten. Dieser Grrundsatz verkörpert die regulative Idee alles 
menschlichen Handelns und besagt, daß die Menschen die Gesellschaft 
in einer Weise organisieren sollen, mit der dem Wohle der gfrößten 
Anzahl gedient ist. Es verlangt, daß alle Tätigkeit darauf gerichtet 
wird, so rasch und vollständig als möglich die moralische und physische 
Existenz der zahlreichsten und ärmsten Klasse zu bessern. In der Tat 
haben die Väter der von Gott eingesetzten Kirche diesem Grrundsatz 
gehuldigt Freimütig haben sie die Vereinigung aller Völker verlangt 
und die Mächtigen der Erde an ihre Pflichten den Armen gegenüber 
gemahnt, ohne allerdings die Gesellschaftsordnung nach dem gottge- 
wollten Zwecke gestalten zu können. Denn sie haben es nicht vermocht, 
auch die weltHche Macht, die sich auf ihre physische Macht stützt. 



— 237 — 

für die erhabene soziale Friedensarbeit zu gewinnen. „Gebt dem Kaiser, 
was des Kaisers ist", so lautet die bekannte Maxime, durch welche die 
Trennung der beiden Gewalten, die weltliche und die geistliche, gerecht- 
fertigt worden ist. So war die Kirche allein darauf angewiesen, sich 
der Armen und Hilflosen anzunehmen, aber nur zu gewissen Zeiten hat 
sie sich auf dem Gebiet der sozialen Werktätigkeit hervorgetan. Hat 
doch seit dem fünfzehnten Jahrhundert die christliche Religion fast alle 
ihre Macht eingebüßt, und wandelt sie doch nun, gespalten in Kon- 
fessionen, auf einer Bahn, die sie dem Verderben entgegenführt. Mit 
nichten sind die heutigen E^leriker die wahren Nachfolger des Gründers 
der Kirche. Alle Versuche, ihre Moral, ihre Dogmen und Kult- 
handlungen als übereinstimmend mit dem göttlichen Prinzip zu er- 
weisen, sind ketzerisch, und zwar deshalb, weil ihre Anschauungen 
und Handlungen mit der erhabenen Lehre Gottes nichts gemein haben. 
So tut ein üeues Christentum not, dem die Aufgabe zufallen wird, 
gemäß der Absicht des Nazareners die Völker der Erde zu einer 
einzigen großen Friedensgemeinschaft zusammenzufassen, in der das 
Gresetz Gottes in der Form einer Brüderlichkeit lehrenden Moral ziu* 
Verwirldichung kommen wird. 

Wie wenig wird doch die katholische Kirche der ihr einst zuge- 
wiesenen Aufgabe: die Völker zu vereinigen, gerecht? Zweifellos be- 
sitzt sie auch heute noch eine große Macht, aber es ist lediglich eine 
weltliche Macht, die ihr zukommt, keine geistige. Sie ist, weil sie von 
den Lehren des Christentums abgewichen ist, die sie vertreten soll, 
ketzerisch durch und durch, nichts als ein Teil des „degenerierten 
Christentums". Und so fordert denn Sednt-Simon den Papst auf, der 
sich christlich nennt, sich unfehlbar dünkt und den Titel eines Stell- 
vertreters Gottes auf Erden trägt, ihm auf vier Anklagepunkte zu 
antworten, die er ihm mit wuchtigem Nachdruck entgegenschleudert: 
„Ich klage den Papst und die Kirche der Ketzerei an unter dem 
ersten Hauptteil: die Unterweisung, welche der Klerus den 
Laien gibt, ist falsch, sie leitet sie nicht auf die Bahn des Christen- 
tums." Die christliche Religion fordert von ihren Bekennem, daß sie 
sich der Armen erbarmen, und den ewigen Lohn hat Christus dem in 
Aussicht gestellt, der sich die Erfüllung dieser Pflicht angelegen sein 
läßt Mithin ist es Aufgabe des Klerus, seine Gemeindeglieder be- 
ständig zu sozialer Werktätigkeit anzueifem. Und nun sehe man, in 
welcher Weise er dieser seiner hohen Bestimmung gerecht wird? 
Vergeblich sucht man in den zahllosen Schriften den Hauptzweck des 
Christentums klar und bündig ausgedrückt Überhaupt treten die 
moralischen Ideen gegenüber den in ewiger Wiederholung breit- 
getretenen wenigen mystischen Konzeptionen weit an Bedeutung zu- 
rück, und nirgends wird man ein scharf umrissenes, zu wahrhaft Christ- 



- 238 - 

Ucher Lebensführung geeignetes Gebot finden. Und liegt nicht eine 
Ungeheuerlichkeit darin, von den Laien dem Klerus gegenüber Unter- 
ordnung zu verlangen, wo diesem doch jede intellektuelle Vorbedingung 
zu ihrer Leitung abgeht? Eine weitere Anklage ist mithin begründet: 
daß der Papst und seine Kardinäle dem Klerus eine durchaus un- 
genügende Erziehung zu teil werden lassen, erstreckt sie sich 
doch hauptsächlich auf Fragen des Dogmas und Kultus, während 
das Wicht^ste beiseite gelassen wird. Es ist deshalb einleuchtend, 
daß der E^lerus aus seiner einstigen Führerstelle ausgeschieden und 
ketzerisch geworden ist insofern, als er von den Laien auf dem Ge- 
biete der Kunst, der Wissenschaft und der gewerblichen Tätigkeit 
überflügelt worden ist Und mehr noch wird dem Papste vorgeworfen: 
er bekümmere sich noch weniger als die Laienfürsten 
um die Armen und Verlassenen, und keinen Staat wird man 
in Europa finden, in dem die Verwaltung so verwahrlost und unchrist- 
lich ist als gerade im Kirchenstaat, dem weltlichen Herrschaftsgebiet 
des ersten Kirchenfürsten. Weite Länderstrecken, denen früher reiche 
Ernten abgewonnen worden sind, hegen heute brach da und sind in- 
folge der Nachlässigkeit der päpstlichen Regierung zu verderben- 
bringenden Morästen geworden. Wo man auch hinbUckt, überall 
herrscht Rückständigkeit und dazu noch Elend. Nichts von Bedeutung 
wird auf ökonomischen Grebiet geleistet, Arbeitslosigkeit ist in weitem 
Maße vorhanden, so daß viele, wollen sie nicht verhungern, auf die 
spärlichen Gnadengeschenke der Mildtätigkeit angewiesen sind. 

Die vierte Anklage bezieht sich auf die Einführung der In- 
quisition und die Duldung der Jesuiten. Wenn dem Geiste 
des Christentums Güte und Sanftmut entströmt, wenn die Waffe des 
Christentums gütliche Überredung ist, wie konnte da die Inquisition 
mit ihrem brutalen Despotismus, ihrem Hasse und ihrer Grrausamkeit 
entstehen ? Und was hat denn der Jesuitismus mit dem reinen Christen- 
tum zu tun? Selbstsucht und Hinterlist sind die Mittel, deren er sich 
bedient, um seinen unbegrenzten Herrschaftsgelüsten Genüge zu leisten. 
Hätten selbst die Inquisitoren ihr grausames Werk vollbracht zu dem 
Zwecke, die Wohlfahrt der Armen zu fördern, auch dann wäre ihr 
Vorgehen zu verurteilen. Wieviel schlimmer muß es aber mit ihnen 
stehen, insofern als die Verbrechen, die sie mit rücksichtsloser Strenge 
verfolgten, nichts als leichte Vergehen waren, Verstöße meistens gegen 
das Dogma und den Kultus! Sein Urteil zusammenfassend, bezeichnet 
Saint-Simon die heutigen Glaubensboten des Katholizismus als die 
wahrhaften Antichristen. Die Apostel sind die Anwälte der Armen 
gewesen, die Kleriker aber sind zu Anwälten der Reichen und Mäch- 
tigen geworden, während die Armen nur noch ihre Sachwsilter unter 
den Reichen finden. 



— 239 — 

Auch der Protestantismus wird einer scharfen Kritik unter- 
zogen. Der Ursprung des Protestantismus liegt in jenen großen Kultur- 
fortschritten beschlossen, die dem fünfzehnten Jahrhundert seine einzig- 
artige Bedeutung gaben, und die mächtige Person Luthers ist es gewesen, 
die ihm seine Eigenart verliehen hat Ratschen Schrittes durchmißt 
Sdnt-Simon die denkwürdige Zeit der Wirksamkeit Luthers. Als eine 
Welt von eigenartiger Prägung, durchaus verschieden vom Mittelalter, 
erscheint ihm diese Epoche. Große Entdeckungen wurden damals ge- 
macht, und Fortschritte waren fast auf allen Gebieten zu verzeichnen* 
Und was das Bemerkenswerte ist, es sind vorzüglich Laien gewesen, 
die die Kulturtaten jener Zeit vollbracht haben. Dante, Ariost, Tasso, 
Raphael, Michelangelo, Leonardo da Vinci: sie alle waren Laien, 
ebenso Newton und Kepler. So war die Geistlichkeit kulturell 
überflügelt worden und der Zusammenbruch ihrer Macht eine Not- 
wendigkeit. 

Der göttliche Gründer des Christentums hatte seinen Aposteln an- 
befohlen, auf die Verminderung der sozialen Klassengegensätze hinzu- 
arbeiten, und in der Tat hat die Kirche bis zum fünfzehnten Jahr- 
hundert diesen Grundsatz befolgt Fast alle Päpste und Kardinäle 
entstammten bis dahin den unteren Schichten der Bevölkerung, und 
stets hat der Klerus der Aristokratie des Talents den Vorzug gegen- 
über der Aristokratie der Geburt gegeben. Im Ausgang des fünf- 
zehnten Jahrhunderts aber hatte sich die Sachlage geändert; die geist- 
liche Gewalt macht nun ihre Rechte gegenüber der weltlichen nicht 
mehr geltend, sie nahm sich der Schwachen nicht mehr an und suchte 
ihre Macht und ihren Reichtum zu bewahren, ohne der Gesellschaft 
nützliche Dienste zu erweisen. Ja, sie begab sich unter den Schutz der 
weltlichen Gewalt, mit der sie bisher im Kampfe gelegen war und schloß 
mit den weltlichen Herrschern einen den Grundsätzen des Oiristentums 
zuwiderlaufenden Vertrag: sie woUe unter Zuhilfenahme ihrer Macht 
aus ihren Anhängern gefügige Werkzeuge der weltlichen Willkür- 
herrschaft machen, sie wolle das Gottesgnadentum der Könige ein- 
führen und das Dogma des passiven Gehorsams verkünden. Als Ent- 
gelt dafür verlange sie von der weltlichen Macht, ungeachtet der 
Tatsache, daß diese eine auf Gewalt begründete Herrschaft ausübt, den 
Schutz ihrer eigenen Machtstellung. 

Dieser Vertrag soll nach Saint-Simon zur Zeit der Thronbesteigung 
Leo X. eingegangen worden sein. Ein bemerkenswertes Ereignis sei 
es, diese Thronbesteigung. Man möge sich erinnern, daß früher bei 
der Ernennung der Cfberhirten der Kirche allein der sittliche Wert des 
zu Wählenden ausschlaggebend gewesen sei. Auch als die priester- 
liche Macht in einer Hand vereinigt worden war, spielten derartige 
Motive bei der Wahl noch eine Rolle. Mit Leo X. kehrte ein neuer 



— 240 — 

Greist ein. Stolz auf seine Abstammung, wie er war, organisierte er für 
seine Person einen besonderen Dienst, er beschützte Kunst und Wissen- 
schaft, aber nicht etwa, irni das Wohl der Armen damit zu fördern, 
sondern um seiner Herrschaft einen weltlichen Glanz zu verleihen. 
Ursprünglich wurde der Ablaß als Entgelt für sozial nützliche Dienste 
erteilt, und die Päpste haben sich wenigstens den Anschein gegeben, 
als würden sie die Ablaßgelder für Zwecke des öffentlichen Wohles 
verwenden. Leo X. lüftete dann den Schleier, und schamlos wagte er 
es, öffentlich zu gestehen, daß die aus dem Ablaß eingegangenen Greld- 
mittel nicht der Allgemeinheit, sondern seinen persönlichen Bedürfnissen 
zu gute kommen sollten. 

Dergestalt war die Lage der Kirche, als Martin Luther auftrat 
Sein Werk zerfällt in zwei Teile: in einen kritischen und einen organi- 
satorischen Teil Als Kritiker der religiösen Mißstände hat Luther 
unvergängliche Verdienste. Denn durch ihn wurde die geistliche Gre- 
walt, die sich mit dem Stande der Zivilisation nicht mehr vereinbaren 
ließ, aufgelöst. Als Reorganisator dagegen hat er seinen Nachfolgern 
noch viel zu tun übrig gelassen. Denn auch die protestantische 
Religion, wie sie Luther auf gefaßt hat, ist durchaus ketzerisch. 
Sicherlich war der Hinweis Luthers, daß der Katholizismus von den 
Pfaden, die Christus angewiesen hatte, abgewichen war, ein durchaus 
berechtigter; und ebenso angebracht war es, wenn er das Übermaß 
des Kultus und der dogmatischen Lehrsätze als ungeeignet betrachtete, 
•die moralischen Prinzipien der christlichen Lehre zu voller Wirksam- 
keit kommen zu lassen. Aber diese Verdienste zugegeben, so war es 
eine Verfehlung, wenn Luther die Moral des Urchristentums in ihrer 
vollen Reinheit als Norm des Handelns wieder eingeführt wissen wollte, 
wie ebenso der durch ihn eingeführte Kultus ein durchaus mangel- 
hafter ist 

So klagt denn Saint-Simon die Lutheraner zum ersten an, daß ihre 
Moral den Zeitbedürfnissen in keiner Weise entspreche. 

Als Christus in die Welt kam, befand sich die Zivilisation noch in 
ihrer Kindheitsstufe. Damals war die Gesellschaft in zwei große Klassen 
geteilt, in Herren und Sklaven, und noch war das menschliche Herz 
philanthropischer Regungen nicht fähig. Die Vaterlandsliebe als edles 
Gefühl beseelte allein die Gemüter, und auch sie galt nur, bei der Klein- 
heit der nationalen Territorien, in beschränktem Kreise. Außerhalb 
der vorhandenen sozialen Organisation stand das Christentum mit 
seiner Moral, seinem Kultus, seinem Dogma, ein fremdes Gebilde, un- 
vereinbar mit den vorhandenen sozialen Gepflogenheiten. Große zivili- 
satorische Fortschritte waren zur Zeit Luthers errungpn. Auf neuem 
Grunde erhob sich die Gesellschaftsordnung: die Sklaverei war fast ganz 
abgeschafft, die Herrenkleisse der Patrizier ihrer einstigen Vorrechte be- 



— 241 — 

raubt, die weltliche Gewalt beherrschte nicht mehr die geistliche wie 
ehedem, und letztere war nicht mehr in den Händen der Patrizier. Der 
römische Hof war der erste in Europa, die großen Würdenträger der 
Kirche waren fast alle den unteren Schichten entnommen, und die 
Aristokratie des Talents machte der Aristokratie des Reichtums wie 
der Geburt den Vorrang streitig. Das Christentum war es, das diese 
veränderte Gestaltung der sozialen Organisation bewirkt hatte. 

Hätte nun Luther, anknüpfend an diese Kulturfortschritte, End- 
gültiges schaffen wollen, so hätte er den geistlichen Würdenträgem 
einschärfen müssen, daß das Christentum dazu bestimmt ist, die Menschen 
nicht nur auf ein glückliches Dasein im Jenseits zu vertrösten, sondern 
schon auf dieser Welt das Glück zu bringen. Er hätte ihnen sagen 
sollen, daß es ihre Pflicht ist, mit allen Mitteln das enterbte Volk 
moralisch und physisch zu heben, und er hätte den weltlichen Herrschern 
dartun müssen, daß sie gegen das Gebot des Christentums verstoßen, 
wenn sie weiterhin die Menschen unterdrücken. Freiwillig sollten die 
Priester den Königen zu wissen tun, daß sie legitim nur dann sind, 
wenn sie die Herrschgelüste der Reichen und Mächtigen in Schranken 
halten und sich auf die Seite des Volkes stellen. Auch hätte Luther 
nicht versäumen dürfen, den heiligen Vater auf die Unvereinbarkeit der 
Schrecknisse der Kriege mit den Lehren des Christentums hinzuweisen. 
Denn heißt es Brüderlichkeit üben, mit Waffengewalt für ein vermeint- 
liches Recht zu kämpfen? Müßte nicht der heilige Vater diese bar- 
barische Ausgeburt der Selbstsucht der Völker mit allen Mitteln ver- 
hindern und es verbieten, daß die Priester der kriegführenden Nationen 
göttUche Hilfe erflehen? Durchaus gotüos sei sein Verhalten in 
dieser Hinsicht, solche Vorstellungen hätte Luther dem Papste machen 
müssen. Denn Einigkeit allein berge Kraft in sich, und der Auflösung 
verfallen werde eine Gesellschaft, deren Glieder sich kämpfend gegen- 
überstehen. Vornehmste Aufgabe sei es, sich der Armen anzunehmen, 
und nicht besser könne dies geschehen als diwch eine Förderung der 
Industrie, Wissenschaft und Kunst, um ihre Ergebnisse allen zu gute 
konunen zu lassen. Unsinnig sei es, den Glauben an ein himmlisches 
Paradies zu lehren und die Askese oder ein Übermaß von Gebeten als 
Mittel anzupreisen, um des himmlischen Glückes teilhaftig zu werden. 
Gewiß sehne man sich auch heute noch nach der himmlischen Glück- 
seligkeit, aber könne man sie denn besser erlangen als durch Arbeit 
für das Wohl der Menschheit auch im diesseitigen Leben? Neue 
Friedensmächte seien entstanden mit der Industrie, Wissenschaft und 
Kunst, und auf ihrem Untergrunde sei die Menschheit zu organisieren. 
Mithin blieb Luther die sozialisierende Kraft, die dem Christen- 
tum innewohnt, verborgen, ja er hat insofern, als er auf das Urchristen- 
tum zurückging, diese Religion gleichsam wieder aus der sozialen 

Muckle, Henri de Saint-Simon. l6 



— 242 

Sphäre verwiesen. Und anstatt die weltlich-physische Gewalt zu be- 
kämpfen, ist er geradezu für eine Stärkung derselben eingetreten und 
hat dem Klerus angeordnet, ihr gegenüber unterwürfig zu sein. 

Auch der protestantische Kultus, behauptet Saint-Simon, ist 
reformbedürftig. Die geistigen und materiellen Fortschritte haben 
eine stetig zunehmende Teilung der Arbeit zur Folge, weshsilb sich die 
Menschen immer spezielleren Aufgaben widmen müssen; um so not- 
wendiger ist die Vervollkommnung des Kultus, denn dieser ist dazu 
bestimmt, den Blick der Menschen auf das Allgemeine hinzulenken. 
Er ist ein Mittel zur Wahrung der Interessen der Gesamtheit, er soll 
die Menschen zu werktätiger Liebe anspornen und verhindern, daß ihre 
Interessen sich allein auf den beschränkten Kreis ihres täglichen Daseins 
beziehen. Prediger, Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer und Architekten, 
sie alle müssen dazu beitragen, die Menschen mit dem Geiste der Selbst- 
losigkeit zu durchtränken, sie zur Erfüllung des göttlichen Gebotes zu 
bestimmen. So ist der prosaische, kalte protestantische Kultus ein 
durchaus ungenügender. 

Ebenso findet Saint-Simon die protestantischen Dogmen 
unzureichend. In den Zeiten erst beginnender Entwicklung der 
Religion, wo die Völker in Unwissenheit verharrten, machten sich kaum 
Ansätze bemerkbar, die Erscheinungen der Natur näher kennen zu 
lernen. Man vermochte es damals nicht, die Natur zu beherrschen und 
ihre Kräfte in den Dienst der Kultur zu stellen. Die Bedürfnisse, die 
gebieterisch nach Befriedigung verlangten, waren gering, während die 
Menschen von heftigen Leidenschaften beherrscht wurden. Damals war 
der Handel, der seitdem die Welt zivilisiert hat, erst in den Anfängen 
vorhanden, ein Volk stand dem andern feindselig gegenüber, und es 
fehlten gemeinsame moralische Bande, die die Völker zu einer einzigen 
großen Friedensgemeinschsrft hätten vereinigen können. Die Philan- 
thropie machte sich nur in Form eines „spekulativen Gefühls" geltend, 
und die Sklaverei herrschte überall. Da die Sklaven persönlich unfrei 
waren, so konnte die Religion ihren Einfluß nur auf die „Herren" aus- 
üben. Die Moral bildete mithin den noch am wenigsten entwickelten 
Bestandteil der Religion, während Kultus und Dogma überwogen. 

Wenn nun die Geschichte zeigt, daß die äußeren Formen der Religion, 
Kultus und Dogma, eine um so größere Rolle spielen, je unentwickelter 
die Religion ist, während die moralischen Prinzipien mit der Entfaltung 
der Intelligenz einen steigenden Einfluß gewinnen, so ist es ein Irrtum, 
in dem Urchristentum die für alle Zeiten passende Religion zu erblicken. 
Und diesem Irrtum ist Luther verfallen. Er hat das Christentum als 
die über Raum und Zeit erhabene Idealform der Religion betrachtet, 
von der die Menschheit abgefallen sei, und er stellte deshalb bei seiner 
Agitation die Schattenseiten des mittelalterlichen Klerus in den Vorder- 



— 243 — 

grund, nicht wissend, welche ungeheuren Verdienste gerade der Geistlich- 
keit für den Fortschritt der Menschheit zukommen. Es ist eine unhalt- 
bare Auffassung nach Saint-Simon, in der Lehre der Bibel, wie es 
Luther getan hat, immer geltende Maximen der Lebensführung zu sehen. 
Christus mußte sich in einer Weise an die Menschheit wenden, daß sie 
seine Worte verstehen konnte, und wenn sein Werk auch ein göttliches 
war, so hat er doch nur die Keime gelegt, aus denen sich erst das 
wahre Christentum entwickeln sollte. 

Trotz aller Kritik, die Saint-Simon an Luther übt, schätzt er doch 
dieses „g^nie opiniätre" außerordentlich hoch. Er hat, versenkt man 
sich in die Zeit, in der er gelebt hat, getan, was zu vollbringen mög- 
lich war, und er hat durch seine Betonung der moralischen Seite des 
Christentums, auch wenn seine Lehre unvollkommen war, die erst noch 
zu bewirkende Reform der christlichen Religion in bedeutendem Maße 
vorbereitet 

Saint-Simon ist der Gründer der neuen Religion, und irdische 
Herrlichkeit will er den Völkern bringen. Das verjüngte Christentum 
wird alle Menschen harmonisch vereinigen, und als erhabensten Grund- 
satz wird es das Evangelium der Arbeit lehren, das besagt, daß 
fürderhin des ewigen Lohnes teilhaftig sein wird nur der, der seine 
Kräfte uneigennützig dem Wohlergehen des Nächsten widmet. Gleich 
den ersten Christen werden die Anhänger der neuen Religion die 
Gotteslehre der Zukunft durch Propaganda und gütliche Überredung 
verbreiten. Sie werden sich vor allem an die Reichen und Mächtigen 
wenden, dann auch an die Künstler, Gelehrten und Industriellen, und 
ihnen dartun, daß ihre Interessen in keiner Weise durch die neue 
Organisation der Gesellschaft verletzt werden. 

Mit einem Aufruf an die Fürsten schließt Saint-Simon, seiner gött- 
lichen Mission eingedenk, sein Werk, „Ihr nennt euch Christen, imd 
trotzdem stützt ihr «euch auf die physische Macht ihr habt ver- 
gessen, daß die wahren Christen als Endzweck ihrer Arbeiten die 
völlige Vernichtung der Macht des Schwertes betrachten, jener 
cäsarischen Macht, die nur eine provisorische sein kann. Ihr habt es 
unternommen, auf dieser Macht die Gesellschaft aufzubauen, euch allein 
steht, so meint ihr, bei allen allgemeinen Verbesserungen, die der Fort- 
schritt erheischt, die Initiative zu. Ihr haltet, um dieses ungeheuerliche 
System zu festigen, Millionen von Menschen unter Waffen, durch die 
Grerichtshöfe laßt ihr euren Grundsätzen Geltung verschaffen, und ihr 
habt es erreicht, daß die Geistlichkeit offen die ketzerische Lehre ver- 
tritt: daß die cäsarische Macht der soziale Regulator der christlichen 
Gresellschaftsordnung ist ... . Überall herrscht euer persönliches Inter- 
esse, auch wenn ihr behauptet, daß ihr dem allgemeinen Interesse 
dienen wollt Die europäische Macht, die in euren Händen ruht, ist 

i6* 



— 244 — I 

weit davon entfernt, eine christliche Macht zu sein, wie sie es sein 
sollte. Was auch von euch ausgeht, ihr entfaltet immer die Insignien 
der physischen Grewalt, also einer unchristlichen Gewalt Alle Maß- 
regeln, die von euch seit der Gründung der heiligen Allianz ergriffen 
worden sind, sie alle sind darauf berechnet, das Los der armen Klasse 
zu verschlimmern, für jetzt und für die Zukunft Ihr habt die Steuern 
vermehrt, ihr vermehrt sie alle Jahre, um den Zuwachs von Ausgaben, 
wie er durch eure Armeen und den Luxus eurer Höflinge entsteht, zu 
decken. Und jene Erlasse, die sich eurer besonderen Gunst erfreut, wer 
ist es anders als der Adel, der ebenso wie ihr seine Rechte auf das 
Schwert stützt? Fürsten", so schließt Saint-Simon, ,4iört die Stimme 
Gottes, die aus meinem Munde spricht; werdet wieder gute Christen, 
hört endlich auf, die Armeen, die Adeligen, die ketzerischen Greistlichen 
und die verderbten Richter als eure Hauptstützen zu betrachten; ver- 
einigt euch im Namen des Christentums und erfüllt alle die Pflichten, 
die es den Mächtigen auferlegt; wisset, daß es euch befiehlt, alle eure 
Kräfte der möglichst raschen Steigerung des sozialen Glücks der Armen 
zu widmen." 

Als Prophet hat unser Held seine inhaltsreiche Laufbahn begonnen, 
und als Prophet hat er sie beschlossen: von der Idee, ziun Messias 
erkoren zu sein, geht der Antrieb zu all seinem Streben aus, und 
diese Idee ist es, die es ermöglicht, die Unrast seines Lebens sinn- 
voll zu deuten. 

8. Oesamturteil und Ausblick. 

Wir sind am Ende des ersten Teiles unserer Wanderung ange- 
langt Ein dramatisch bewegtes Leben eines seltsamen Mannes haben 
wir vor unseren geistigen Augen sich abspielen sehen, ein Leben voller 
Widersprüche und Paradoxieen, bald sich auswirkend auf der sonnigen 
Höhe äußeren Glückes, bald in den verborgenen Tiefen des Elends und 
der Verlassenheit Und doch, bei all der stürmischen Unrast und der 
Unzahl kontrastierender Wechselfälle, die einen Menschen gewöhnlichen 
Schlages verschlungen hätten, welch' überraschender Zug auch seiner 
Einheit 1 Ist es nicht ein einziger, nie verklingender Grundton, der die 
mannigfachen Disharmonieen zusammenhält und das Schrille der Disso- 
nanzen mildert: die nie verstummende Idee nämlich, der aus den Fugen 
geratenen Gesellschaft wieder Festigkeit zu verleihen und sie von Grund 
aus neu aufzubauen ? Ein neues Zeitalter ist es, das Saint-Simon herauf- 
führen will. Mit dem Scharfblick des Genies dringt er bis in den 
innersten Kern des sozialen Geschehens, orientiert sich in der wirren 
Mannigfaltigkeit der sozialen Erscheinungen und weiß den allen noch 
ungeklärten gesellschaitlichen Mißständen seiner Zeit sinnvollen Gehalt 



— 245 — . 

beizulegen. Die alten Bande sozialer Solidarität hat der unaufhalt- 
same Gang der Zivilisation gewaltsam gesprengt, und neue Mächte 
festigenden Charakters gilt es zu schaffen, soll den Völkern Ordnung 
und Ruhe zu teil werden. Und diesem gewaltigen Werke der sozialen 
Organisation widmet er alles, was er hat, die Kraft seines Geistes, sein 
G^d, sein äußeres Glück, kurz sein Leben. Aus der innersten Tiefe 
seines Wesens heraus mahnt ihn beständig eine geheime Stimme zur 
Vollführung der ihm zugedachten weltbewegenden Sache, und macht- 
voll fühlt er sich angetrieben, seine Mission zu erfüllen: als Prophet 
dünkt er sich, dazu berufen, der führerlosen Menschheit den Weg des 
Glückes zu weisen. 

Frühe schon, in den Zeiten erst beginnenden Jünglingsalters, wird 
er sich bewußt, zu den auserlesenen Geistern der Menschheit erwählt 
zu sein: große Dinge wird er zu vollbringen haben. Und mit faustischem 
Trieb nun, unbewußt noch der besonderen Art seiner Bestimmung, 
stürzt er sich in das weite Meer der Welt, das Hoffnungsland der 
Zukunft zu erspähen. Lange fehlt es ihm an einem festen Halt, auf 
unstet schwankender Woge wird er fortgetragen, richtungslos, unge- 
wissen Femen entgegen. Als Offizier, die traditionelle Laufbahn des 
Aristokraten einschlagend, begpinnt er, er geht nach Amerika, um an 
dem dort ausgebrochenen Freiheitskampfe teilzunehmen, er kommt 
wieder zurück und wird Platzkommandant in Metz, er wendet sich 
großen ökonomischen Projekten zu, wird Nationalgüterspekulant, gibt 
als vollendeter Grandseigneur glänzende Gesellschaften, er fällt darauf 
in tiefe Armut und findet sich, nachdem er fast vor Hunger um- 
gekommen und von einem einstigen Diener eine Zeitlang unter- 
halten worden ist, in die bescheidene, spärlich vergütete Stelle eines 
Schreibers; er wird darauf Mitarbeiter einer 2feitung, um zuletzt nach 
diesen Irrfahrten des Lebens glücklich von einer Flutwelle ans feste 
Land getragen zu werden. Befreit wenigstens von der drückendsten 
Sorge, vermag er dann, seinen Lebensabend in fruchtbringender Arbeit 
zu vollbringen. Nur ein einziges Mal verläßt ihn der Glaube an seine 
Bestimmung, und es fehlt ihm dann die Klraft, die Bürde des Lebens 
noch weiter zu tragen. Eine unbeschreibliche Tragik lieg^ in dem 
titanischen Ringen dieses großen Geistes, der nicht sich selbst sondern 
der Menschheit dienen will; denn nie fehlt das philanthropische Moment 
bei allem, was er unternimmt Er beobachtet den blühenden Zustand 
der ameriksuiischen Industrie, und sofort erwacht in ihm der Wunsch, 
auch seinem Vaterland diese Gunst zu verschaffen. Selbstlos unterstützt 
er in Not geratene Gelehrte, und er öffnet seinen Beutel gern allen 
denen, die sich nützlichen Arbeiten zuwenden. Eine große Bank will 
er gründen, um finanzielle Mittel für menschheitbeglückende Zwecke 
zu gewinnen, eine wissenschaftliche Akademie soll zur Förderung philo- 



— 246 — 

sophischer Studien dienen. Und als er den lange gesuchten Inhalt 
seiner Mission erfaßt hat, eifert er mit einer unerschütterlichen Beharr- 
lichkeit und kühnem Trotz gegen die ihn behindernden Mächte des 
Daseins seinem erhabenen Ziele nach, mit einem Fanatismus des Glaubens 
an sein Werk, der ihn fast dem Wahnsinn entgegentreibt Er läßt 
sich, nachdem er in Frau von Staöl die einzige zur Mitarbeit an seiner 
Aufgabe befähigte Frau erkannt hat, bewegten Herzens und Tränen 
vergießend von seiner Gemahlin scheiden, er stellt, als er sehen mußte, 
daß die Irrfahrten seines Lebens ihm den guten Ruf geraubt haben, 
zu seiner Rechtfertigung eine eigene psychologische Theorie auf, und 
mit königlichem Selbstbewußtsein sucht er, halb verhungert, die Auf- 
merksamkeit der Welt auf sich zu lenken. Und als er in dem von 
ihm verachteten preußischen Gesandten von Redem glaubt, den Retter, 
der sich seiner Hilflosigkeit erbarmen würde, gefunden zu haben, da 
begründet er ihre Wiedervereinigung mit dem alles Sinnes entbehrenden 
Hinweise, daß sie gerade der Verschiedenartigkeit ihres Wesens wegen, 
die einst zur Trennung geführt hat, sich wieder zusammenfinden müßten, 
um in gemeinsamer Arbeit das große Ziel, das er sich gesteckt, zu 
erstreben. Als zuletzt alle Anstrengungen versagen, da bittet er flehent- 
lich um Brot und Bücher. Blutüberströmt sitzt er, nachdem er ver- 
sucht hat, sich sein Leben zu nehmen, auf seinem Bette, man hält ihn 
für verloren, und Saint-Simon weiß es. „Komm", sagt er zu dem an- 
wesenden Auguste Comte, seinem Schüler, „sprechen wir wahrend der 
kurzen Stunden, die uns noch verbleiben, von unserem Werke." End- 
lich sein heroischer TodI Gall gibt ihm noch drei Stunden zu leben, 
und auch die anderen Ärzte, Broussais, Burdin und Baüly sagen das 
baldige Ende voraus. Aber Saint-Simon kann sich, wie seine eigenen 
Worte lauten, trotz der schrecklichen ICrisis, in der er sich befindet, 
nicht mit den Umstehenden über seine Krankheit unterhalten, es sind 
seine Arbeiten, die ihn beschäftigen. Mit einer letzten Anstrengung 
noch einmal seine schwindenden Kräfte zusammenraffend, mit unbeug- 
samem Glauben an den Sieg der Sache, für die er gelebt hat, spricht 
er jene denkwürdigen Worte, die wir kennen gelernt haben und ent- 
hüllt so kurz vor seinem Tode das Geheimnis, dem er glaubt, seine 
Erfolge verdanken zu können: man müsse begeistert sein, um 
große Dinge zu vollbringen. Wir wundern uns nick, daß 
Broussais, als er den schon dem Sterben nahen Philosophen verließ, 
ausrufen konnte: „Quelle tete, quelle vigueur d'espritl" 

Wie die messianische Idee dem Leben Saint-Simons trotz seiner 
Unrast ein einheitliches Grepräge verleiht, so gewinnen auch seine 
Schriften einheitUchen Charakter durch den nie fehlenden Gredanken 
der sozialen Regeneration Europas, ja aller Völker der Erde. Eine 
neue, aus dem Urgrund der Wissenschaften entsprossene ReUgion soll 



— 247 — 

nach den „Briefen eines Genfers" die soziale Rettung bringen, dann 
ist es die Philosophie des Positivismus, von der das Heil kommen soll, 
hierauf wird durch den Parlamentarismus die soziale Organisation er- 
strebt, es tritt dann die ökonomische Organisation in den Vordergrund, 
und schließlich hofft er, durch eine Renaissance der Religion der 
Nächstenliebe, des Qiristentums, die soziale Harmonie bewirken zu 
können. War es anders möglich, daß sich bei einem solch weltbe- 
zwingenden Ideen hingegebenen Menschen ein Übermaß von Selbst- 
bewußtsein einstellte? Saint -Simon war ehrgeizig, grenzenlos ehr- 
geizig. Lange ist er stolz auf seine aristokratische Herkunft, er hält 
sich für den Nachfolger Sokrates' und Fortsetzer des philosophischen 
Werkes des Descartes, er nennt sich Stellvertreter Gottes auf Erden 
und kündet der Menschheit im Namen des Ewigen Rettung bringende 
Weisheit. Phantastische Bilder seiner zukünftigen Größe und Er- 
habenheit malt sich sein grüblerischer, verirrter Sinn aus; er wird, 
„ausgestattet mit großer Macht", in der intellektuellen Zentralbehörde 
der Zukunft, dem Newtonsrat, den Vorsitz führen, er träumt von 
Millionenpreisen, die ihm zufallen werden, von seiner Heiligsprechung 
und anderen Ungeheuerlichkeiten mehr. Kurz, er gerät zeitweise, an- 
getrieben durch den Enthusiasmus, den ihm das Bewußtsein seiner 
Mission eingibt, so sehr ins Bodenlose, daß er einem Menschen geistig 
normaler Prägung nicht mehr gleicht Man würde ihn heute eine 
psychopathische Natur nennen. Aber daneben, welch* liebenswürdige 
Züge zieren auch sein Wesen ! Wir denken nicht allein an sein Äußeres, 
an den bezaubernden Blick seiner Augen oder an seine glühende 
Begeisterung für sein Werk, wodurch der schon ins Greisenalter ein- 
getretene Mann die Bewunderung des jungen Comte abringt. Man 
muß die Briefe lesen, die er mit seiner in Paris lebenden Tochter, die mit 
einem Kaufmann verehelicht war, gewechselt hat, um zu sehen, welcher 
Edelsinn in ihm wohnte; oder man denke daran, welche Verehrung 
ihm von seiten derer zu teil wurde, die seine beständige Umgebimg 
bildeten : von seiten Comtes ^) und der mit ihm lebenden und ihn unter- 
stützenden Julie Juliand. Den Besten aller Menschen nennt sie Saint- 
Simon nach dessen Tode, und sie findet es begreiflich, wenn seine 
Schüler geradezu religiöse Gefühle der Verehrung für ihn bezeugen. 

Gewiß, das Leben Saiint-Simons ist nicht frei von schweren Ver- 
fehlungen. Aber sieht man zu, so findet man, daß alle seine Verirrungen 
in die Zeit fallen, wo er noch ein Suchender ist, nicht in die Epoche 
seines großen Schaffens. Man hat in einer vollständigen Verkennung 
der wahren Natur seines Wesensg^rundes Saint-Simon einen Scharlatan 
genannt 2). Nichts falscher als dieses. Ein tiefer, ja überschwenglicher 

i) Siehe darüber Näheres im nächsten Abschnitt. 

2) Höffding, Geschichte der neueren Philosophie, Bd. 13, S. 351. 



— 248 — 

Ernst spricht aus all seinem Tun, und schon der Läuterungsprozeß, 
den er durchgemacht hat, indem er aus einem verschwenderischen 
Grrandseigfneur zum nimmermüden, bis in die letzten Stunden seines 
Daseins den Sieg seiner Sache erhoffenden Anwalt der Enterbten ge- 
worden ist, müßte eine solche Auffassung verbieten. Saint-Simon war 
ein Mensch, begabt mit menschlichen Schwächen, phantastisch zuweilen, 
aber riesengroß in dem, was er gewollt und auch geleistet hat 

Wir kennen sein Lebenswerk schon, und doch wird es gut sein, 
die wichtigsten Ergebnisse seiner Denkarbeit nochmals kurz anzu- 
führen. Behalten wir immer im Auge, in welche Zeit er hineingestellt 
war. Die Stürme der Revolution sind vorüber, und Altes und Neues 
wieder in heftigem Ringen begriffen: die Reaktionäre glauben an die 
Möglichkeit einer Wiederemeuerung des Katholizismus als Mittel gegen 
die sozial zersetzenden Tendenzen der Zeit und hoffen, durch parlamen- 
tarische Maßregeln das Werk der modernen Entwicklung rückgängig 
machen und soziale Zustände mittelalterlicher Prägung wieder ein- 
führen zu können. Dem gegenüber sucht der Liberalismus die Ergeb- 
nisse der Revolution zu verteidigen, hoffend, daß die ökonomische und 
intellektuelle Freiheit die soziale Eintracht mit sich bringen würde. 
Einige Jahre nach dem Tode Saint-Simons entsteht die republikanische 
Partei, die in dem Wahne befangen ist, durch Einführung der Republik 
die sozialen Schäden für immer zu beseitigen, die also in einer Staats- 
form das soziale Heilmittel erblickt. Im ökonomischen Leben herrscht 
völlige Freiheit, die arbeitende Klasse ist sich selbst überlassen, politisch 
entrechtet, in wirtschaftlicher Beziehung hilflos allen Wechselfällen 
ihres unsicheren Daseins ausgesetzt, die Not groß, doch nicht so schreck- 
lich und massenhaft wie in England. Ein Bewußtsein der Pflicht 
gegenüber der arbeitenden Klasse ist in dem erst um seine politische 
Vorherrschaft kämpfenden Bürgertum kaum vorhanden. Begeistert es 
sich doch für Voltaire, für einen Mann, wie wir hinzufügen woUen, der 
einmal an d'Alembert die bezeichnenden Worte schrieb, daß für die 
„Canaille der dümmste Himmel und die dümmste Erde gerade das ist, 
was sie braucht". 

In völliger Einsamkeit steht Saint-Simon da, alle seine Zeitgenossen 
an Weite und Tiefe des Blickes überragend: den Versuchen gegen- 
über, den Katholizismus und Feudalismus wieder zu beleben und 
dadurch dem sozialen Dasein die ihm mangelnde Festigkeit zu ver- 
leihen, weist er das historisch Unmögliche einer solchen Reform nach, 
aber auch das begrenzte Können des Liberalismus, seine Unfähigkeit 
also,' die Gesellschaftsordnung auf festen Grrundlagen aufzubauen, ist 
ihm offenbar geworden. Als Erster erkennt er, daß die Gregenwart 
eine Übergangsepoche ist, die nicht etwa mit dem Wesenscharakter 
der menschlichen Natur unvereinbar und deshalb falsch ist, sondern 



— 249 — 

historisch notwendig geworden ist, aber auch nicht den endgültigen, 
dem sozialen Wohl Aller entsprechenden Zustand darstellt. Neue 
geistige Kräfte bindender Art vielmehr müssen geschaffen werden, soll 
die internationale soziale Krisis, soweit sie intellektuellen Ursprungs 
ist, beseitigt werden. 

Es ist ein tiefes Zeitbedürfnis, das sich in den philosophischen Be- 
strebungen Saint-Simons ausspricht: das Sehnen nach einer Welt- 
anschauung, die sich in Übereinstimmung mit der modernen intellek- 
tuellen Kultur befindet und einen sozial bindenden Charakter auf- 
weist Aber bald sieht er, und dieses ist wohl seine größte Leistung, 
daß der Schwerpunkt der sozialen Organisation nicht in einer intellek- 
tuellen Regeneration, sondern in einer Reform der sozialen Ökonomie 
liegt: die Harmonisierung des Wirtschaftslebens, seine Ausgestaltung 
zum Wohle vornehmlich der arl)eitenden Kletsse erscheint ihm zuletzt 
als die wichtigste Aufgabe, wodurch die Arbeiterfrage als das 
fundamentale Problem der Neuzeit erkannt worden ist. 
Die hervorragenden Unternehmer werden mit der Durchführung der 
sozialen Reformen betraut, sie sollen, um den Ausdruck Carlyles zu 
gebrauchen, Führer der Industrie werden und ihre ganze Kraft selbstlos 
für die kulturelle Emanzipation des Volkes einsetzen. Also nicht durch 
eine Änderung der Staatsform, vielmehr vermittels einer Durchdringung 
des Wirtschaftslebens mit neuen, bindenden Prinzipien vermag die soziale 
Krisis beseitigt zu werden. Und dieser ökonomische Neubau muß auf 
breiter internationaler Grundlage errichtet werden, weil die überein- 
stimmende Wesensart der ökonomischen Lage der europäischen Völker 
gleiche Probleme gezeitigt hat, die eben eine gleiche Lösung erheischen. 

Durch eine zeitgemäße Umbildung des Christentums will Saint- 
Simon schließlich die gesellschaftliche Reform als ein Gott wohlgefälliges 
Werk begründen, und so wird er zum ersten religiösen Sozia- 
listen. Das Christentum muß, um mehr als ein bloßer Formelkram 
zu sein und seiner sozialkonservativen, zur Unterdrückung der Armen 
führenden Tendenz entkleidet zu werden, ein soziales Christentum 
werden, dazu bestimmt, der im Stufengang geschichtlichen Geschehens 
beschlossenen neuen Gesellschaftsordnung zum Siege zu verhelfen. Als 
Evangeliimi der Arbeit verkündet Saint-Simon der Menschheit die 
neue Religion, der es zufällt, alle in brüderlicher Liebe zu vereinigen. 
Kunst, Wissenschaft und Industrie zu fördern und durch das Mittel der 
Beherrschung der Natur die sozialen Lebensbedingungen der Menschen 
zu verbessern, wird ihr höchstes Gebot sein, und soziale Eintracht und 
Glück schon auf dieser Welt wird das Gottesreich der Zukunft der 
Menschheit bringen. 

Im Mittelpunkt des Gedankensystems Saint-Simons steht seine 
Geschichtsphilosophie. Ihr fällt die Aufgabe zu, durch eine Bloß- 



— 250 — 

legnng der geschichtlichen Ursachenketten die Gesetzmäßigkeit des 
Ablaufes der historischen Phänomene festzustellen, um, gestützt auf die 
so gewonnene Einsicht, auch die zukünftige Gesellschaftsformation zu 
erschließen. In einem durchaus unhistorischen Zeitalter gibt Saint- 
Simon den von allen übrigen Denkern mißachteten entwicklimgs- 
geschichtlichen Ideen Condorcets sinnvollen Gehalt Condorcet spricht 
den Entwicklungsgedanken mit völliger Klarheit aus, aber er vermag 
seine Richtigkeit nicht zu erweisen. Saint-Simon übernimmt diese Auf- 
gabe. Er versucht, die Geschichte in eine Reihe von Kulturzeitaltem 
einzuteilen, die durch das Vorwalten eines intellektuellen, alle Lebens- 
formen beherrschenden Prinzips ihre Eigenart empfangen, und ist so im 
Stande, dem von seinen Zeitgenossen mißverstandenen Mittelalter histo- 
risch gerecht zu werden ; und, was das prinzipiell Neue ist, er geht daran, 
was Condorcet verlangte, die modernen Zeitverhältnisse durch 
eine historische Besinnung aufzuhellen. Damit gibt er dem 
ebenfalls von seinem Vorgänger ausgesprochenen G^anken einer 
wissenschaftlichen Politik erstmals fruchtbare Gestaltung: er- 
folglos sind alle politischen und sozialen Bestrebungen, die der histo- 
rischen Entwicklung zuwiderlaufen, und nur auf Grund der Erkenntnis 
der kulturellen Entwicklungstendenzen ist es möglich, die Gesellschaft 
dauerhaft zu reformieren. Ein soziales System kann nicht erfunden 
werden, sondern es muß sich auf jenen Fundamenten der Kultur er- 
heben, die in einem langen Prozeß der Entwicklung zu lebenskräftigen 
Gebilden herangereift sind. Zu solchen in stetiger Abwandlung sich 
befindenden sozialen Phänomenen rechnet er neben der Wissenschaft, 
Religion und Moral auch das Wirtschaftsleben, dessen kulturhistorische 
Stellung er von der Zeit des ausgehenden Mittelalters an vornehmlich 
zu erklären sucht. Wir wissen, zu welch' weittragenden Entdeckungen 
der Denker gelangt ist: er begreift die Bedeutung der auf ökonomischem 
Untergrunde entstehenden Klassenkämpfe für die poHtische Ent- 
wicklung, faßt deren fortschreitende Gestaltung auf cJs Ausfluß der 
ökonomischen Interessen des Bürgertums, enthüllt den wirtschaftlichen 
Urgrund der französischen und englischen Revolution, es wird ihm die 
g^ndlegende Stellung des ökonomischen Faktors in der neuesten Zeit 
offenbar, und er gibt, Wcts noch gezeigt werden muß, den entscheidenden 
Anstoß zu jener Geschichtsauffassung, die dann später von Karl Marx 
auf den schärfsten Ausdruck gebracht worden ist 

Begabt mit so tiefer Einsicht, die den Dingen auf den Grund geht, 
erleuchtet Saint-Simon mit der Fackel seines Genius die Zukunft und 
gibt Prophezeiungen, von denen sich manche schon erfüllt haben. 
Industrie und Wissenschaft haben in sieghaftem Fortschreiten die Herr- 
schaft angetreten, die soziale Frage ist zur Kernfrage der modernen 
Gesellschaft geworden, eine mächtige Arbeiterpartei, deren Bildung 



— 251 — 

Saint-Simon auf dem Totenbett vorausgesagt, hat sich konstituiert, und 
bereits sind wir in jenes Stadium einer teils schon internationalen 
ökonomischen Gebundenheit eingetreten, dessen Heraufkommen Saint- 
Simon, freilich in der Form mehr dunkler Ahnungen als einer klaren 
Erfassung der Einzelzüge der künftigen Entwicklung, verkündete. Und 
wird, wenn einmal der Prozeß fortschreitender Sozialisierung des ökono- 
mischen Lebens einen gewissen Höhegrad erreicht hat und die rück- 
sichtslose Entfaltung des Egoismus unterbunden ist, wird dann nicht 
vielleicht auch wieder die Zeit einer größeren intellektuellen Gebunden- 
heit, die Saint-Simon herbeisehnte, eintreten? 

Ein unbeschreiblicher Reiz ist dem Ideensystem Saint-Simons eigen, 
der Reiz des Unvollendeten nämlich. Kein Gedanke ist allseitig 
durchgeführt, alles ist leicht hingeworfen, oft nur mit ein paar flüchtigen 
Strichen angedeutet, dazu vieles unbestimmt und im Widerspruch 
stehend mit Gedankenreihen anderer Art So konnte bei dieser 
mangelnden Abgeklärtheit seiner Ideen der Denker Zeit seines Lebens 
eine breitere Wirkung unmöglich ausüben. Aber er hatte in die 
Furchen der Zeit wahre Edelkeime der Erkenntnis eingestreut, imd 
zu Früchten sondergleichen sollte die Gedankensaat des selbstlosen 
Grrafen ausreifen. 



IL Buch. 

Die fortwirkende Kraft der Lehre. 

1. Saint-Simon und August Comte. 

Ein etwas trockenes und in manchem Betracht auch leidiges Thema, 
dem wir uns zuzuwenden haben. 

Comte, der gemeinhin als der größte französische Philosoph des 
neunzehnten Jahrhunderts bekannte Denker, hat durch seine wider- 
spruchsvollen Urteile über seine intellektuellen Beziehungen zu Saint- 
Simon eine wahre Verwirrung hervorgerufen : da beweisen die Schüler 
Comtes die völlige Originalität ihres Lehrers, während die Saint- 
Simonisten Comte einfach als Plagiator hinstellen wollen. Eine ganze 
Literatur handelt schon über dieses Problem, ohne daß allerdings das 
letzte Wort in dieser Sache gesprochen worden wäre. Wir hoffen, ge- 
stützt auf unsere eingehende Kenntnis der Ideen Saint-Simons, die Be- 
ziehungen der beiden Denker endgültig ins rechte Licht setzen zu können. 

August Comte, geboren 1798 in Montpellier, wurde ganz im Geiste 
der katholischen Kirche von seinen Eltern, einfachen Leuten, erzogen. 
Ein aufgeweckter Kjiabe, der er war, will er schon im Alter von 
vierzehn Jahren, was freilich schwer zu begreifen ist, „alle Grade der 
revolutionären Geistesrichtung durchgemacht und das Bedürfnis nach 
einer allgemeinen politischen und religiösen Wiedergeburt" gefühlt 
haben. Als sechzehnjähriger Jüngling kam er an die pol3rtechnische 
Schule in Paris, und an dieser Pflanzstätte exakten Wissens erwarb er 
sich eine gründliche Bildung, die er dann später noch durch private 
Studien auf dem Gebiete der Biologie vervollkommnete und zu jener 
enzyklopädischen Allseitigkeit ausweitete, die Saint-Simon völlig abging 
und ihn daran hinderte, seinen Anschauungen die erstrebte breite Fun- 
damentierung zu geben. Ein Glück fürwahr für die Wissenschaft, daß 
dieser scharfsinnige, gelehrte Pol3rtechniker mit Saint-Simon zusammen- 
traf. Comte zählte, als er Saint-Simon kennen lernte, etwa neunzehn 



— 253 — 

Jahre, und war in politischer Hinsicht ein Revolutionär, religiös ein 
Freidenker und Anhänger der Metaphysik Rousseaus. 

Comte war entzückt von Saint-Simon, dem er in einem Brief an 
seinen Freund Valat eine enthusiastische Huldigung darbringt. Grrenzenlos 
verehrt er den Philosophen, und auch, nachdem dieser den festgesetzten 
Monatsgehalt von dreihundert Franken nicht mehr aushändigen kann, 
bleibt er der treue Freund und Mitarbeiter Saint-Simons. Den be- 
deutendsten Mann, den er kenne, nennt er den Meister, und eine ihm 
bisher unbekannte Harmonie der Lebensführung will er bei diesem 
Denker vorfinden. Als Aristokrat und ehemaliger Offizier hätte er 
sowohl am Hofe als in der Pairskammer eine große Rolle spielen 
können, freiwillig aber habe er auf seinen Adel verzichtet. „Er besitzt 
die größten sozialen Eigenschziften im höchsten Grade. Er ist frei- 
mütig, edel, so sehr man es sein kann. Alle, die ihn näher kennen, 
lieben ihn." Niemals habe er einer Partei gedient, und niemals habe 
er, was bei den hervorragenden Liberalen eine Seltenheit sei, an den 
Greueln der Revolution einen Anteil gehabt Männer verschiedenster 
Richtung schätzen seinen Charakter, und seine Ideen erheben sich so 
weit über die gewöhnlichen Meinungen, daß sie bisher nur geringe 
Beachtung gefunden hätten. „Er ist der achtbarste und liebenswürdigfste 
Mensch, den ich je kennen gelernt habe." Und staunenerregend sei 
es zu sehen, wie ihn im Alter von beinahe sechzig Jahren noch das 
ganze Feuer der Jugend diu-chglühe. J21, er besitze mehr Eifer und 
Lebendigkeit als Comte selbst, und ,J)u weißt doch", heißt es in dem 
Briefe, „daß in meinen Adern das Blut gewiß nicht kalt rollt". 

In so hervorragendem Maße war Comte von dem „Vater" Saint- 
Simon begeistert. Er pbt sich dem Meister voll und ganz hin, kritik- 
los, wie es eben begeisterte Jugend tut „Ich habe durch diese Arbeits- 
gemeinschaft und Freundschaft mit einem Mann, der mit dem feinsten 
politischen Scharfblick ausgestattet ist, eine Menge Dinge gelernt, die 
ich vergebens in Büchern gesucht . hätte, und ich habe während der 
sechs Monate unserer Verbindung mehr Fortschritte gemacht als sonst 
in drei Jahren, wenn ich allein gewesen wäre." Rastlos hat Comte ge- 
arbeitet, er ging nicht mehr ins Theater, sondern diskutierte lieber mit 
dem „würdigen Philosophen Saint-Simon", dem er ewige Freundschaft 
gelobt, und der ihn dafür wie seinen eigenen Sohn liebe. 

Comte unterstützte Saint-Simon bei seinen schriftstellerischen Ar- 
beiten : mehrere Teile der Werke Saint-Simons gehören der Form nach 
Comte an, so der dritte Band der Industrie und ein Teil des „Poli- 
tique". Von einer Selbständigkeit der Gedankenführung ist bei dem 
Schüler anfangs keine Rede: er leg^ nur die Ideen des Lehrers näher 
aus. Die Betonung der Relativität der Wissenschaften, der durch- 
gängigen Bedingtheit der sozialen Institutipnen und Ideen durch den 



— 254 — 

jeweiligen Stand des intellektuellen Wissens, die prinzipielle Verwerfung 
alles Absoluten, die Forderung einer neuen, positiven Philosophie und 
Moral, dann zweier sozialer Gewalten für die Zukunft, einer geistigen 
und weltlichen, der Hinweis endlich auf die Trennung des Ancien regime 
und der zukünftigen Gesellschaftsordnung durch eine Übergangsepoche 
— die Behandlung aller dieser und noch anderer Fragen beweist die 
völlige Abhängigkeit des Schülers vom Lehrer. Freilich, als Saint- 
Simon in offensichtlicher Folgewidrigkeit, entgegen seinen philosophischen 
Grundanschauimgen, zu praktischen Reformvorschlägen übergeht, da 
merkt der junge Comte die Widersprüche, in die sich sein Lehrer ver- 
wickelt hat und gibt ihm dies auch zu wissen. Die fundamentale Be- 
deutimg, die Saint-Simon den ökonomischen Phänomenen beilege, sei 
ungerechtfertigt. ,JDie Vorherrschaft gehört der wissenschaftlichen oder 
theoretischen Richtung, nicht der praktischen." Trotzdem aber spricht 
er die soziologischen Theorieen Saint-Simons, deren Ausfluß eben die 
von Comte verurteilten Reformmaßregeln bilden, einfach nach. Das 
Eigentum sei das fundamentalste aller sozialen Grebilde, und es müsse 
deshalb zum Vorteil der Produktion konstituiert werden, wie ebenso 
die wissenschaftliche Politik auf ökonomische Beobachtungen zu 
gründen ist. 

Es ist nun interessant zu verfolgen, wie Comte sich dem Wandel 
der Anschauungen Saint-Simons blindlings anschließt Damit wird sein 
Denken so widerspruchsvoll wie das des Lehrers selbst Zuerst ist er 
ganz wie dieser Anhänger der subjektivistischen Staatstheorie, dann als 
Saint-Simon zum Anwalt der Arbeitenden wird und gegen die untätigen 
Reichen wettert, tut Comte in einem Briefe an Valat dasselbe. Und 
zuletzt gar, als Saint-Simons Denken eine religiöse Färbung annimmt, 
folgt ihm auch hierin der Schüler. „En examinant, sans ancun prejuge, 
soit religieux soit antireligieux, ITiistoire de ces premiers temps de 
TEglise, ou, pour mieux dire, du christianisme, ü faut convenir que 
Jesus Christ et les apötres 6taient les liberaux de ce temps-lä, de veri- 
tables philosophes prechant Tegalite et la Philanthropie et se faisant 
pendre par les prStres et les procureurs generaux de cette epoque." 

Auch einige Abschnitte des 1820 erschienenen Org^isateur hat 
Comte verfaßt: die Darstellung des Niederganges des alten Systems, 
des theologischen und feudalen, stammt von ihm, ebenso der Nachweis 
des stets zunehmenden Einflusses des wissenschaftlichen und öko- 
nomischen Faktors. Comte hat später einen Teil seiner Jugendarbeiten 
seinen Werken einverleibt, mit dem Anspruch auf Originalität der in 
ihnen entwickelten Konzeptionen. Völlig zu Unrecht; keine einzige neue 
Idee gehört dem Schüler an, die nicht geistiges Eigentum Saint-Simons 
gewesen wäre, und zwar schon vor seiner Bekanntschaft mit Comte. 
Es wäre literarhistorische Spielerei, wollten wir durch eine Gegenüber- 



— 255 — 

Stellung der Schriften der beiden Denker dieses im einzelnen nach- 
weisen, zumal wir weiterhin das intellektuelle Verhältnis des zur Selb- 
ständigkeit gereiften Comte zu Saint-Simon prüfen werden. 

Während Comte einige Jahre lang anonym geschrieben hatte, 
hauptsächlich um seine Angehörigen seine intime Freundschaft mit 
Saint-Simon nicht wissen zu lassen, wurde 1822 der „Prospectus des 
travaux scientifiques necessaires pour reorganiser la societe" als aus- 
schließliche Arbeit des Schülers veröffentlicht Es war der erste Teil 
jener Schrift Comtes, die, 1824 unter dem Titel „Systeme de politique 
positive" als dritter Band des „Catechisme des industriels" veröffentlicht, 
das Ende der philosophischen Lehrzeit des Schülers anzeigt 

Noch in demselben Jahre kam es zum Bruch. Was war ge- 
schehen? Es war ein unvermeidliches Ereignis. Comte hatte, einmal 
eingelebt in den Gredankenkreis des Meisters, von diesem nichts mehr 
zu lernen, es drängte ihn vielmehr dazu, unter Vermeidung der Wider- 
sprüche Saint -Simons, in der klaren Anordnung eines wohlgefüg^en 
Systems die aufgenommenen Ideen allseitig darzulegen. So war es 
unmöglich, daß er, im Bewußtsein seiner intellektuellen Mündigkeit und 
dazu noch von einem stark ausgeprägten Ehrgeiz beseelt, sich weiterhin 
Saint-Simon unterordnen konnte, wozu noch kam, daß die religiöse 
Tendenz des Lehrers sich in einer Schroffheit ausbildete, die unmöglich 
der positivistischen Denkart Comtes zusagen konnte. Möglicherweise 
haben auch finanzielle Schwierigkeiten dazu beigetragen, die der ur- 
sprünglichen Intimität und Begeisterung folgende Spannung zu ver- 
größern und die Auflösung des Freundschaftsbundes zu beschleunigen. 

In einem Schreiben Comtes, das er an seinen in Berlin weilenden 
Freund Eichthal gerichtet hatte, schildert er das Zerwürfnis etwa 
folgendermaßen. Sein Bruch mit Saint-Simon sei vollständig und un- 
widerruflich, und es sei vorauszusehen gewesen, daß es so kommen 
mußte. Zwischen dem Charakter Saint -Simons und dem seinigen 
herrsche ein zu großer Unterschied, so daß die Entzweiung, sobald 
die Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler aufgehört hatten, un- 
bedingt folgen mußte. „Und diese sind seit vier oder fünf 
Jahren völlig abgebrochen, oder vielmehr: sie haben nie- 
mals wirklich im wahren oder allgemeinen Sinne des 
Wortes bestanden." Saint-Simon habe eine solche Eigenliebe, daß 
nur ein mittelmäßiger Geist bei ihm auszuhsirren vermöge, habe er doch 
die Überzeugung, daß er allein produktiv sei, während die andern nur 
dazu da seien, um seine Konzeptionen aufzunehmen oder höchstens in 
nebensächlicher Weise zu verbessern. Dann glaube er, er besitze noch 
die Krcift der Jugend, ein Alter gebe es für ihn nicht, während er am 
besten täte, das Philosophieren ganz aufzugeben. Dazu mache er noch 
den Anspruch, die anderen zu leiten, und hauptsächlich er — Comte 



— 256 — 

— habe darunter lange leiden müssen. Zuletzt aber sei seine Geduld 
zu Ende gegangen, namentlich wo Saint-Simon ihn in der Öffentlich- 
keit nur als untergeordnet habe erscheinen lassen wollen, um das bißchen 
Ruhm, das ihm seine Arbeiten eintragen könnten, für sich selber in 
Anspruch zu nehmen. Mit der Moralität des einstigen Lehrers, so fährt 
Comte fort, sei es nicht weit her. Seine Ziele gehen darauf hinaus, ,4n 
der Welt Aufsehen zu erregen", und alle Mittel seien ihm gut, wenn 
sie geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen. „Sobald ich selbständig sein 
wollte, gab es unter uns Zerwürfnisse; aus Furcht, von mir in den 
Hintergrund gestellt zu werden, hätte er mich beim Publikum gerne 
eliminiert Sie können sich keine Vorstellung davon machen, wieviel 
Mühe notwendig war, um zu erreichen, daß meine letzte Arbeit meinen 
Namen trug." Die Veröffentlichung dieser nun habe den Anlaß zu 
dem Bruche gegeben, nachdem die Verbindung zwischen beiden nur 
noch aus Gewohnheit aufrecht erhalten worden sei, aus Friedensliebe 
von Seiten Comtes namentlich. Empörend für ihn sei die Absicht Saint- 
Simons gewesen, seinem Werke den Titel: „Cat6chisme des industriels, 
troisieme cahier" zu geben und ihm eine Einleitung vorauszuschicken. 
Anstatt daß Saint-Simon das Werk gesondert veröffentlicht habe, wie 
er Comte versprochen, sei es in seinem „Catechisme des industriels" er- 
schienen und stelle Comte als einen Mann dar, der im Auftrage 
Saint-Simons eines seiner Hefte redigiere. Er sei nun froh, daß er die 
Last des Saint-Simon abgeschüttelt habe. Er fühle, daß er sich nur so 
frei entwickeln könne, und er wisse, daß das Unrecht, das ihm Saint- 
Simon zufügen wollte, auf diesen selbst zurückfallen werde. 

Was ergibt sich nun aus dieser Auffassung Comtes? Lassen wir 
dem Schüler alles Recht zuteil werden. Er durfte sich über die 
autoritative Stellung beschweren, die Saint-Simon, woran wir nicht 
zweifeln, für sich in Anspruch nahm, aber keinesfalls durfte er sich in 
diesen unflätigen Ausdrücken über einen Mann ergehen, den er vorher 
vergötterte, und es war grenzenlose Undankbarkeit und völlige Ver- 
blendung, gar zu sagen, daß Saint-Simon niemals sein eigentlicher Lehrer 
gewesen wäre, und daß sein Werk, wie es in einem Briefe an Valat 
heißt, völlig frei von dem Einflüsse Saint-Simons sei. Wir werden gleich 
zeigen, daß dies nicht nur nicht der Fall ist, sondern daß es nicht einen 
einzigen Gedanken von hervorragender Bedeutung enthält, den Comte 
nicht von Saint-Simon übernommen hätte. 

Was nun die Einreihung des Comteschen Werkes in den „Kate- 
chismus" anbelangt, die der junge Philosoph eine unberechtigte nennt, 
so ergibt ein später vorgefundener Vertrag, den Comte mit Ssdnt-Simon 
abgeschlossen hatte, daß der letztere durchaus das Recht eigener Ver- 
öffentlichung hatte. Man mag die Sache drehen und wenden wie man 
will : Comtes Verhalten gegenüber Saint-Simon wird immer als dunkler 



— 257 — 

Fleck an seiner Persönlichkeit haften, und es war eine Würdelosigkeit 
sondergleichen, daß er, auf der Höhe seiner Wirksamkeit angelangt, 
seine Beziehungen zu seinem einstigen Lehrer, der an Grenialität weit 
über ihn hinausragt, und von dem er alle die großen Gredanken seines 
Hauptwerkes entlehnt hat, „une liaison funeste" mit einem ,jongleur 
deprav6" nannte. 

Sehen wir, wie Comte selbst sein Abhängigkeitsverhältnis zu Saint- 
Simon kennzeichnet in der Vorbemerkung zur positiven Politik, die er 
zwar in einem Briefe an Eichthal als einen Akt der Gefälligkeit Saint- 
Simon gegenüber betrachtet wissen wollte, die aber in Wirklichkeit 
seine wissenschaftliche Stellung in durchaus richtiger Weise präzisiert. 

Schicken wir die Vorbemerkung Saint-Simons, soweit sie 
hier interessiert, voraus: „Dieses dritte Heft ist von unserem Schüler 
August Comte abgefaßt Wir haben ihm die Aufgabe anvertraut, 
die allgemeinen Grrundlagen unseres Systems darzustellen; den Anfang 
seiner Arbeit wollen wir imseren Lesern unterbreiten. 

Diese Arbeit ist sicherlich ausgezeichnet, vom Standpunkt ihres 
Verfassers aus betrachtet; aber sie erreicht doch nicht genau das Ziel, 
das wir uns gesteckt hatten; sie stellt keineswegs die Gesamtheit der 
allgemeinen Gesichtspunkte unseres Systems dar, d. h. sie behandelt 
nur einen Teil und mißt solchen, die für uns nur untergeordneten 
Wert besitzen, eine überwiegende Bedeutung bei. 

In dem von uns entworfenen System soll die industrielle Potenz 
den ersten Platz einnehmen; sie muß den Wert aller anderen Kapa- 
zitäten bestimmen und sie alle zu ihrem größten Vorteile wirken lassen. 

Die wissenschaftlichen Potenzen in der Richtung Piatons und Aristo- 
teles' müssen von den Industriellen als ihnen gleich nützlich betrachtet 
werden, und letztere müssen ihnen infolgedessen Beachtung schenken 
und im gleichen Maße die Mittel zur Betätigung zukommen lassen. 

Das ist unsere Grundidee; sie unterscheidet sich merklich von der 
unseres Schülers, der sich auf den aristotelischen Standpunkt gestellt 
hat, d. h. auf den von der Akademie der physikalischen und mathe- 
matischen Wissenschaften heute vertretenen Standpunkt; er hat infolge- 
dessen die aristotelische Energie als die fundamentalste angesehen .... 

In dieser Weise hat unser Schüler nur den wissenschaftlichen Teil 
unseres Systems behandelt .... 

Übrigens erklären wir hiermit ausdrücklich, trotz der Unvollkommen- 
heiten, die wir in der Arbeit Comtes finden, insofern als er nur die 
Hälfte unserer Prinzipien ausgeführt hat, daß seine Arbeit die beste 
ist, die je über die allgemeine Politik veröffentlicht worden ist" 

An diese Vorrede Saint-Simons schließt sich eine solche Comtes: 
^jDieses Werk", schreibt dieser, „wird aus einer Anzahl von Bänden 

Mnckle, Henri de Saint-Sünon. 17 



- 258 - 

bestehen, die eine Reihe verschiedener, aber doch miteinander zusammen- 
hängender Schriften bilden; sie alle gehen darauf hinaus, einmal zu 
zeigen, daß die Politik sich heute auf die Stufe der Beobachtungs- 
wissenschaften erheben muß, dann daß dieses Grundprinzip der geistigen 
Reorganisation der Gesellschaft zu Grunde zu legen ist ... . 

Der Zweck des ersten Teiles ist eigentlich: einerseits den Geist zu 
charakterisieren, der in der Politik als positiver Wissenschaft herrschen 
soll, andererseits die Notwendigkeit und Möglichkeit einer solchen Ände- 
rung aufzuweisen. Der Gegenstand des zweiten Teils ist, die Arbeit, 
die der Politik diesen Charakter aufprägen muß, zu entwerfen, indem 
man einen ersten wissenschaftlichen Überblick über die Gesetze gewährt, 
die im allgemeinen Gang der Zivilisation geherrscht haben, worauf eine 
erste gedrängte Darlegung des sozialen Systems folgen soll, das die 
natürliche Entwicklung des menschlichen Geistes heute zum herrschenden 
machen muß. Kurz, der erste Teil handelt von der Methode der 
Sozialphysik, der zweite von der Anwendung .... 

Um nun mit der ganzen angemessenen Genauigkeit den G^ist 
meiner Arbeit zu charakterisieren, schickte ich mich an, obgleich ich — 
was ich gern eingestehe — Schüler Saint-Simons bin, meinem Werke, 
zum Unterschied von den Arbeiten meines Lehrers, einen allgemeinen 
Titel zu geben. Aber dieser Unterschied übt keinerlei Einfluß auf den 
identischen Endzweck aus, den diese zwei Arten von Schriften, die ja 
nur eine einzige Lehre bilden, auf zwei verschiedenen Wegen erstreben : 
nämlich die Aufstellung desselben politischen Systems . . . 

Nachdem ich schon seit langer Zeit über die Grund- 
gedanken Saint-Simons nachgedacht habe, habe ich 
mich hauptsächlich an die Systematisierung, Entwick- 
lung und Fortbildung des wissenschaftlichen Teils der 
Arbeiten dieses Philosophen gemacht 

Ich glaubte, die vorhergehende Erklärung geben zu müssen, damit 
der Beifall, wenn meine Arbeiten solchen verdienen sollten, zurückgehe 
auf den Grründer der philosophischen Schule, der ich anzugehören die 
Ehre habe . . ." 

• Diese beiden Vorreden bestätigen in klarer Weise, was die folgende 
Untersuchung noch ergeben wird: einmal die Divergenz der Grund- 
anschauungen bei Lehrer und Schüler, der zufolge Saint-Simon die 
Organisierung der sozialen Ökonomie als den fundamentalen Bestandteil 
der Gesellschaftsreform betrachtete, während Comte das Hauptgewicht 
auf die intellektuelle Regeneration leg^e, dann aber auch, daß beide 
Denker in völliger Übereinstimmung in den Lehren Comtes nichts 
als einen Teil des Ideensystems Saint-Simons sehen, der nur weiter- 
entwickelt worden ist. 



— 259 — 

Es ist dieses letztere von Comte und einem Teil seiner Schüler 
später bestritten worden^). Sehen wir, mit welcher Berechtigung. 

Wir betrachten zuerst Comtes System der positiven Politik*). 

Comtes Ausgangspunkt ist der Hinweis auf das Vorhandensein 
einer ungeheuren europäischen sozialen Krisis, der größten, die das 
Menschengeschlecht je heimgesucht hat®). Es bietet sich ihm eine 
Gesellschzift voll ungelöster Probleme dar, und zwar sind diese charak- 
teristischen Symptome der modernen Zeit dem Mangel einer einheit- 
lichen sozialen Organisation zuzuschreiben, der selbst wieder die not- 
wendige Folgeerscheinung einer geistigen Zerrüttung ist. In dieser 
Zurückführung der sozialen Anarchie auf das Fehlen einer intellektuellen 
Einheit, in der Erkenntnis also, daß es letzten Endes geistige Um- 
wälzungen gewesen sind, welche die sozialen hervorgerufen haben, ist 
gleichzeitig die Sonderheit der Lösung des sozialen Problems beschlossen. 

Nach Comte muß die soziale Reorganisation in einen praktischen 
und theoretischen Teil geschieden werden. Wie irgend eine technische 
Neuerung, sagen wir der Bau eines Weges oder einer Brücke, nicht ohne 
theoretische Vorarbeiten zu zweckentsprechender Vollendung gebracht 
werden kann, ebenso muß auch im gesellschaftlichen Leben eine Trennung 
zwischen der theoretischen und praktischen Reihe, zwischen „Konzeption 
und Exekution" vorgenommen werden*). Auch hier gilt es, zuerst die 
wissenschaftlichen Prinzipien, nach denen die Verknüpfung der sozialen 
Phänomene zu erfolgen hat, festzulegen, auch hier muß der primäre 
Teil einer Neubildung als eine theoretische Aufgabe angesehen werden. 
Da nun die fimdamentale Ursache der sozialen Verwirrung eine geistige 
Anarchie ist, so kann das Ziel des theoretischen Teils nur in der Auf- 
stellung eines Systems allgemeiner Ideen bestehen, während 
der sich daran anschließende praktische Teil, dem die Verwirklichung 
der durch die theoretische Vorarbeit gewonnenen Grundideen zufällt, 
nur sekundären Qiarakters ist^). 



i) Was sich unkritisch verehrende Anhänger des späteren Comte und auch andere in 
dieser Hinsicht alles geleistet haben, oft lediglich, um durdi eine Herabwürdigung der Ver- 
dienste Saint-Simons den Ruhm seines ehemaligen Schülers um so glänzender erscheinen zu 
lassen, ist geradezu unglaublich. Robinet beispielsweise weiß in seiner eingehenden Schrift 
„Notice sur Toeuvre et sur la vie d*Aug. Comte" über einen günstigen intellektuellen Einfluß 
Saint-Simons auf Comte nichts zu berichten, und Kirchmann versteigt sich in seiner Ober- 
setzung des Comteschen Hauptwerkes zu der, eine seltsame Unkenntnis der Lehren Saint-Simons 
bezeugenden Behauptung, Saint-Simon hätte den Positivismus nicht bloß mißbilligt, sondern 
nicht einmal verstanden. (Die positive Philosophie von Aug. Comte im Auszuge von Jules 
Rig. Übersetzt von J. H. v. Kirchmann, Leipzig 1883, Bd. I, S. 7.) 

2) Oeuvres de Saint-Simon et d'Enfantin, T. XXXVin. 

3) A. a. O. S. II, 67, 120. 

4) A, a, O. S. 51. 

5) A. a. O. S. 43. 50, 56, 73. 

17* 



— 26o — 

Sehen wir, wie Comte die theoretische Grundlegung seines Planes 
in Angriff genommen hat. 

Indem er die Notwendigkeit und Art der sozialen Neuorganisation 
des näheren zu erweisen sucht, handelt es sich für ihn vor allem darum, 
sich einmal Rechenschaft zu geben, welche Stellung die gesellschaft- 
liche Verfassung im sozialen Organismus überhaupt einnimmt Bei der 
Erörterung dieses Problems wendet er sich nun besonders gegen die- 
jenigen, welche die soziale Organisation gleichsam als ein für sich be- 
stehendes, von den übrigen gesellschaftlichen Sondergebieten durchaus 
getrenntes Grebilde betrachten. Vielmehr ist sie in ihrer ganzen Aus- 
dehnung in einer streng determinierten Weise durch die zivilisatorischen 
Verhältnisse bedingt. „Der Stand der Zivilisation bestimmt 
in notwendiger Weise die Art der sozialen Organisation 
sowohl in geistiger als weltlicher Beziehung^* Freilich 
verbirgt sich Comte nicht, daß auch lungekehrt die soziale Organisation 
rückwirkend die Zivilisation beeinflussen kann, doch legt er dieser Ein- 
wirkung nur eine untergeordnete Bedeutung bei*). 

So gilt es, dem Entwicklungfsprozeß der Zivilisation nachzuspüren, 
die Beziehung dieser letzteren zur sozialen Organisation in den ver- 
schiedenen Epochen darzulegen, um vermittelst dieser Kenntnis das 
Fundament zu jener Wissenschaft zu legen, welcher der Entwurf einer 
der Zivilisation korrespondierenden neuen Ordnung der sozialen Lebens- 
gebiete zufällt, mit anderen Worten: es soll die Vergangenheit einer 
philosophischen Betrachtung unterzogen werden, damit sie als Grund- 
lage der Politik diene ^. 

Mit der bisherigen Geschichte geht Comte scharf ins Gericht 
Wenn es sich in einer Wissenschaft um die Darlegung der gesetz- 
mäßigen Zusammenhänge der der Untersuchung zu Grunde gdegten 
Objekte handelt, so wird man selbst den hervorragendsten Geschichts- 
werken keinen anderen Charakter als den von Annalen beilegen 
können, ist man doch über eine Beschreibung und chronologische An- 
ordnung mehr oder minder wichtiger historischer Phänomene kaum 
hinausgekommen. Wie oft hat man die Menschheit durch die wunder- 
lichsten Konstruktionen in Erstaunen gesetzt; wie oft haben die 
Historiker, indem sie die Betrachtung der „Dinge" außer acht gelassen 
und nur die „Menschen" berücksichtigt haben, beispielsweise jene absurde 
Idee der schöpferischen Initiative der Gesetzgeber zu erweisen gesucht, 
dabei aber den primären Einfluß der Zivilisation vollständig übersehen ! 
So tut Abhilfe not, und Comte glaubt, die einzig mögh'che Art, nach 

1) A. a. O. S. 94 ff. 

2) A. a. O. S. 98. 

3) A. a. O. S. 84, 114, 116, 120, 133, 134, 181. 



— 26l — 

welcher die Geschichte den Charakter wahrer Wissenschaftlichkeit an- 
nehmen werde, begriffen zu haben *). 

Die Annahme, daß die Überlegenheit des Menschen über die 
anderen Lebewesen die Folge der größeren Vollkommenheit seiner 
Organisation ist, veranlaßt Comte, die Geschichtsphilosophie, oder, wie 
er auch sagt, die Sozialphysik mit der Physiologie in Ver- 
bindung zu bringen. Indem die Geschichte der Zivilisation nichts 
anderes als die notwendige Ergänzung der Naturgeschichte des Menschen 
ist, so zerfällt die Physiologie im weiteren Sinne eigentlich in die Phy- 
siologie der Gattung und in die Physiologie des Indi- 
viduums. Doch warnt Comte ausdrücklich vor einer Vermengung 
dieser beiden Disziplinen : sie sind zwar Zweige einer Grundwissenschaft, 
aber jede hat ihre charakteristischen Sonderheiten, die eine durchaus 
getrennte Behandlung beanspruchen*). 

Die Geschichtsphilosophie hat also die Aufgabe, den Entwicklungs- 
prozeß der menschlichen Gattung zu verfolgen. Sie wäre bei der Un- 
voUständigkeit der historischen Überlieferung in einer mißlichen Lage, 
würde sie nicht in der Ethnographie eine wichtige Stütze finden. 
Denn dadurch, daß die auf der Erde verteilten Völker, deren Eigen- 
tümlichkeiten festzulegen eben die Aufgabe dieser Wissenschaft ist, die 
verschiedensten Typen der kulturellen Entwicklung repräsentieren, wird 
es ermöglicht, an der Hand des von der Völkerkunde gelieferten 
Materials die lückenlose Konstruktion der einzelnen Entwicklungsstufen 
darzulegen *). 

Die Geschichte der Zivilisation ist gleich der Geschichte der Ent- 
wicklung des menschlichen Geistes, der eine fortschreitende Be- 
herrschung der Natur als Konsequenz entspricht Der Begriff der 
Zivilisation enthält drei Elemente: Wissenschaft, Kunst und In- 
dustrie *). 

Im geschichtlichen Sein herrscht eine durchgängige Regelmäßigkeit 
und Ordnung, die Zivilisation ist in ihrer historischen Kontinuität un- 
abänderlichen Gesetzen unterworfen % Jede Epoche ist mit der anderen 
fest verbunden, jede folgende bekundet der vorhergehenden gegenüber 
einen Fortschritt^). Es gibt auch Zeiten der Dekadenz und des Still- 
standes, die notwendige Begleiterscheinungen der historischen Evolution 
sind, aber den Fortschritt keineswegs aufzuhalten vermögen. 



1) A. a. O. S. III, 203. 

2) A. a. O- S. 181, 182, 187, 197. 

3) A. a. O. S. 195, 196. 

4) A. a. O. S. 94. 

5) A. a. O. S. 99, 102. 

6) A. a. O. S. 100. 



202 

Von diesem Standpunkt der strengen Determination des histo- 
rischen Ablaufes aus verwirft Comte jene Betrachtungsart, die dem 
Zufall und Genie eine übertrieben große Rolle im geschichtlichen 
Leben zuweist Es gibt einen Zufcdl und eine überlegene Tätigkeit der 
großen Männer. Aber indem der Zufall beispielsweise in der Wissen- 
schaft nur eine geringe Rolle spielt und selbst in den Entdeckungen 
sich nur in einer untergeordneten Bedeutung bemerkbar macht, so ver- 
dankt eben der große Gelehrte den Hauptteil seiner Erfolge seinen 
Vorgängern, wie selbst — um unserer Darstellung vorzugreifen — die 
genialen Politiker einzig und allein in der Richtung des Ganges der 
Zivilisation, also nur in einer ihnen vorgezeichneten und damit jede 
individuelle Willkür ausschließenden Weise Hervorragendes zu leisten 
vermögen ^). 

Wenn der Intellekt der fundamentale Impuls der kulturellen 
Entwicklung ist, so muß demnach die Erforschung des gesetz- 
mäßigen Entwicklungsganges der intellektuellen Phäno- 
mene die wichtigste Aufgabe sein, soll der Wesenscharakter der 
kulturellen Entwicklung enthüllt werden. Die Wissenschaften durch- 
laufen nun in einer durch die Natur des menschlichen Geistes fest be- 
stimmten Anordnung verschiedene Phasen. „In der Natur des mensch- 
lichen Geistes ist es begründet, daß jeder Zweig unseres Wissens 
notwendig drei aufeinanderfolgende theoretische Stufen zu durchlaufen 
hat: die theologische oder fiktive, die metaphysische 
oder abstrakte, die wissenschaftliche oder positive." 

Die beiden ersten Epochen, die theologische und metaphysische, 
werden durch das Vorherrschen der Einbildungs- 
kraft und die Vernachlässigung der Beobachtung gekennzeichnet 
Ein Unterschied jedoch besteht darin, daß die Einbildungskraft 
sich im ersten Fall auf übernatürliche Wesenheiten, im zweiten 
auf personifizierte Abstraktionen bezieht*). Denn der zuerst wissen- 
schaftlich reflektierende Mensch ist nicht im stände, gleich von vorn- 
herein in vorurteilsfreier Weise an die Erforschung der Erscheinungen 
heranzutreten. Er nimmt seine Zuflucht zu erfundenen, in der Welt 
seiner Vorstellungen nicht anzutreffenden Dingen, auf deren Tätigkeit er 
die sich ihm darbietenden Erscheinungen zurückführt. Es ist dies eine 
rohe Art der Naturerklärung, aber sie hat eine epochemachende Be- 
deutung insofern, als mit ihr, als der einzig möglichen Art einer ersten 
Reflexion über die Phänomene der Außenwelt, die Grundbedingung 
jeder zunehmenden Vervollkommnung einer solchen Betrachtung ge- 
geben war. 

i) A. a. O. S. 105, 106. Vergl. auch weiter unten. 
2) A. a. O. S. 75» 86, 92. 



— 263 — 

Das metaphysische Stadium, dessen historische Funktion in 
einer Vermittlung des ersten und dritten besteht, hat einen Bastard- 
charakter, der darin hervortritt, daß es die Tatsachen vermittels 
solcher Ideen zu erklären sucht, die nicht mehr vollständig übernatür- 
lich sind, aber auch noch nicht ganz natürlich, vielmehr personifizierten 
Abstraktionen gleichen. Es stellt gleichsam ein Gremisch aus dem 
theologischen und positiven Stadium dar, lassen sich doch jene Ab- 
straktionen auffassen entweder als mystische Namen einer übernatür- 
lichen Ursache, oder auch als abstrakte Ausdrücke einer einfachen 
Folge von Phänomenen. 

Die dritte Epoche ist der endgültige Zustand, die beiden 
ersten bilden nur die notwendigen Vorbereitungsstadien. Hier ist von 
solchen außerhalb des Erfahrungskreises liegenden Erklärungsmitteln 
der Erscheinungen keine Rede mehr. Die Aufsuchung allgemeiner 
Gesetze, die Reduktion dieser Gesetze womöglich auf ein einfaches 
Prinzip, die Verwerfung aller hypothetischen Annahmen, es sei denn, 
daß sie eines Tages durch die Beobachtung verifiziert werden könnten 
— dieses sind die Gesichtspunkte, die im positiven Stadium den 
Forscher bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit leiten^). 

Diese drei Stufen muß jede Wissenschaft durchlaufen. Verschieden 
ist nur die Zeitstufe, in der das positive Stadium bei den Einzelwissen- 
schaften beginnt, da die nach dieser Stufe hinstrebende Abwandlung 
der verschiedenen Disziplinen nach einer naturgesetzlichen Ordnung 
sich vollzieht. Diese begründet die größere oder geringere 
Komplikation ihrer Objekte, oder, anders ausgedrückt, ihre 
mehr oder minder innige Beziehung zimi Menschen. So haben zuerst 
die astronomischen Phänomene als die einfachsten^ dann nacheineuider 
die physikalischen, chemischen und physiologischen als die stufenweis 
komplizierteren das letzte Stadium erreicht Die Untersuchung der 
physiologischen Phänomene entspricht zwar noch nicht ganz den strengen 
Anforderungen der positiven Wissenschaften, da sich noch sämtliche 
drei mögUchen Arten der Erklärung in den verschiedenen Schichten 
der Bevölkerung vorfinden. Es tritt dies besonders bei den mora- 
lischen und politischen Erscheinungen hervor, die die 
komplizierteste Klasse der physiologischen Phänomene 
bilden, indem die ersteren beispielsweise von den einen als das Resultat 
eines übernatürlichen Eingreifens, von anderen als unbegreifliche Wir- 
kungen der Tätigkeit eines abstrakten Wesens aufgefaßt werden, 
während sich wieder andere mit dem Aufzeigen ihrer organischen 
Bedingungen, in denen man die nicht zu übersteigenden Grrenzpunkte 
der Forschung erbUckt, begfnügen^. 

1) A. a. O. S. 7 5 ff. 

2) A. a. O. S. TJ, 78, 81, 172. 



— 264 — 

Diese Einsicht in die gesetzmäßige Abfolge der einzelnen Wissen- 
schaften gewinnt nun für Comte im Hinblick auf die zentrale Stellung, 
die er der Wissenschaft als der fundamentalen kulturellen Triebkraft 
beimißt, eine weittragende Bedeutung: das an der Hand der Ein- 
zelwissenschaften aufgestellte Gesetz der drei- Stadien 
bildet ihm das Schema^ in das die ganze soziale Organi- 
sation, entsprechend seiner Lehre, daß die Gestaltung 
derselben notwendig aus dem besonderen Stand der 
Zivilisation folgt, eingegliedert wird. „La meme condusion 
s'applique donc ä la civilisation envisagee tout ä la fois dans son ensemble 
et dans ses el6ments"^). 

Comte würde sonach mit dieser Anordnung der gesamten histo- 
rischen Wirklichkeit nach dem Pseudogesetz der drei Stadien zu einer 
großartigen Geschichtsphilosophie gelangen, von welcher er aber in 
dem System der positiven Politik nur die äußersten Umrisse ent- 
worfen hat 

Die erste große Epoche der menschlichen Greschichte war das 
theologische oder militärische System, dessen primitive Ge- 
staltung die augenscheinliche und notwendige Folge des unvollkommenen 
Standes der Zivilisation in jener Zeit war. Die Industrie war hier noch 
durchaus unentwickelt, während der Krieg im Vordergrund aller Inter- 
essen stand Es waren die allgemeinen Ideen der Theologie, die die 
sozialen Bindemittel abgaben, die gesellschaftlichen Beziehungen waren 
auf der übernatürlichen Idee des Gottesrechts fundiert, wie selbst die 
Politik als Wissenschaft durchweg einen theologischen Charakter hatte, 
indem theologische Grundsätze zur Erklärung der sozialen Ereignisse 
herangezogen wurden. 

Am weitesten in ihrer Ausbildung fortgeschritten war die Kunst, 
die eine dominierende Stellung im Kulturleben jener Zeit einnahm. 
„Das dritte Element der Zivilisation, die Kunst, war damals vor- 
herrschend, und es kommt ihr in der Tat zu, hauptsächlich diese erste 
Organisation auf eine reguläre Weise begründet zu haben. Wenn sie 
sich nicht entwickelt hätte, so wäre es unmöglich zu denken, wie die 
Gesellschaft sich hätte organisieren können"*). 

Die folgende Zeit wird gekennzeichnet durch das beständige An- 
wachsen des wissenschaftlichen und industriellen Elements: der Über- 
gang vom Polytheismus zum Theismus war die Folge der 
zunehmenden intellektuellen Erkenntnis, wie der Feudalismus das Er- 
gebnis einer fortschreitenden ökonomischen Entwicklung war. Das 
Resultat dieses wissenschaftlichen und industriellen Fortschritts bildete 
das theologische und feudale System des Mittelalters. 

1) A. a. O. S. 107, 108. 

2) A. a. O. S. 96, 78, 153. 



— 205 — 

Das Organisationshindament dieses Systems bestand in den Ideen 
des Giristentums, deren Ursprung in der Alexandrinischen Schule zu 
suchen ist^). 

In der Trennung der geistlichen und weltlichen Gewalt, 
namentlich in der Unabhängigkeit der ersteren von der letzteren erblickt 
der Denker den größten Fortschritt gegenüber der vorhergehenden Zeit 
,J>iese große und schöne Konzeption war hauptsächlich die Ursache 
der Kraft und des bewundernswerten festen Bestandes, welche das 
feudale und theologische System in den Zeiten seines Glanzes aus- 
zeichneten", und es ist nur ein Zeichen von Oberflächlichkeit, wenn 
man, wie die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, auch im Hin- 
blick auf den notwendigen Verfall des alten Systems den bleibenden 
Wert dieser Machtverteilung nicht zu schätzen weiß*). 

Daß die theologische und feudalistische Verfassung des Mittel- 
alters mit der Zeit immer mehr an Festigkeit und Halt verlor, war 
die unausbleibliche Wirkung der Unangemessenheit dieser Gesellschafts- 
ordnung zu den bestimmenden Grrundlagen der Zivilisation, die im 
historischen Fortgang eine andere Gestalt angenommen haben. Denn 
wenn die Zivih'sation die Organisationsbasis jeder Gesellschaftsverfassung 
abgibt, oder, anders ausgedrückt, die letztere — soll keine Verwirrung im 
sozialen Leben herrschen — die notwendige Konsequenz der ersteren 
ist, so muß die fortschreitende Entwicklung der die Zivilisation kon- 
stituierenden Bestandteile eine Umwandlung des diesen entsprechenden 
sozialen Überbaus nach sich ziehen. Und die Grundbedingungen einer 
solchen Umwälzung waren im Mittelalter in hinreichendem Maße ge- 
geben : sie lagen begründet in der Zimahme des wissenschaftlichen und 
industriellen Faktors, die durch die Einführung der positiven Wissen- 
schaften diu"ch die Araber mächtig gefördert wurde. Aus diesen Fort- 
schritten sind die beiden welthistorischen Ereignisse abzuleiten, die in 
geistlicher wie in weltlicher Beziehung die Desorganisation der mittel- 
alterlichen Gresellschaftsverfassung nach sich zogen: die Befreiung 
der Gemeinen und die Reformation^. 

Der folgenden Epoche, die Comte die metaphysische und 
legistische nennt, legt er in gleicher Weise wie der Metaphysik in 
der Totalität ihrer Äußerungsformen einen bastardartigen Charakter 
bei. „Sie ist vermittelnd und bastardartig; sie bewirkt einen Über- 
gang . . . . , ihr einziger Zweck ist die Beseitigung des theologischen 
S3^tems" *). Wie die Metaphysik aufgefaßt wird, haben wir schon früher 
angedeutet Ihre Eigentümlichkeiten bestehen in der Annahme ab- 

1) A. a. O. S. 54, 55. 

2) A. a. O. S. 52, 53, 47. 

3) A. a. O. S. 97, 100, 156. 

4) A. a. O. S. 152, 82. 



— 266 — 

strakter Wesenheiten cds Erklärungsprinzipien der Erscheinungen und 
dem Vorherrschen der Einbildungskraft Doch wird, wie man hier er- 
fährt, die Beobachtung nicht ganz zurückgedrängt „L'observation est 
toujours dominee par Timagination, mais eile est admise a la modifier 
entre certains limites. Ces limites sont ensuite reculees successivement 
iusqu'a ce que Tobservation conquiere enfin le droit d*examen sur tous 
les points, eile l'obtient d'abord sur toutes les id6es theoriques parti- 
cuHeres, et, peu ä peu, par Tusage qu'elle en fait, eile finit par Tacquerir 
aussi sur les idees theoriques gen^rales, ce qui est le terme naturel de 
la transition. Ce temps est celui de la critique et de Targumentation** ^). 

Die metaphysische Politik trägt nun einen ähnlichen 
Stempel wie die Metaphysik überhaupt Sie ist in ihrer ganzen 
Ausdehnung begründet auf der abstrakten Annahme eines ursprüng- 
lichen Staatsvertrages und operiert mit Phrasen wie der eines natür- 
lichen und allen Menschen gemeinsamen, durch jenen Staatsvertrag 
garantierten Rechts. Mit der theologischen Politik stimmt sie völlig 
überein in dem Glauben an die unbegrenzte Macht des 
Politikers, jener naiven Annahme, daß dieser durch willkürliche 
Gebote eine lediglich nach subjektiven Gesichtspunkten sich voll- 
ziehende, cdso von dem Gang der Zivilisation durchaus unabhängige 
Gestaltung der politischen Verhältnisse bewirken könne. Es herrscht 
hier die falsche Idee des Absoluten, und statt einer Ergründimg 
der dem Stande der Zivilisation angepaßten Gesellschaftsordnung müht 
man sich ab mit der Aufstellung des „type etemel de Tordre le plus 
parfait". Grundsätzlich unterscheidet sich die theologische Politik von 
der metaphysischen dadurch, daß erstere jede wichtige Abänderung 
des einmal entworfenen Hanes verbietet während die zweite die Kritik 
durchweg erlaubt, vorausgesetzt, daß sie sich in der von ihr vor- 
gezeichneten Bahn bewegt*). 

In weltlicher Hinsicht korrespondieren den Metaphysikem die 
Legisten, die diesen eine wichtige Stütze bilden, insofern als sie den 
kritischen Prinzipien der Metaphysik praktische Geltung zu verschaffen 
suchen. 

Was die ökonomischen Verhältnisse anbelangt, so weist die zweite 
Epoche im Vergleich zur theologischen tiefeinschneidende Verände- 
rungen auf. Denn der Krieg hat an Bedeutung verloren, die Industrie 
dagegen an Ausdehnung gewonnen, ohne indes schon die Vorherrschaft 
erlangt zu haben: die Gesellschaft ist nicht mehr rein militärisch, aber 
auch noch nicht rein industriell. Doch wird die soziale Wichtigkeit 
des industriellen Elementes immer größer: man schätzt die Industrie als 



1) A. a. o. s. 154. 

2) A. a. O. S. 89. 



— 267 — 

militärisches Hilfsmittel, bis schließlich dem Krieg die Aufgabe der 
Förderung der ökonomischen Entwicklung zugewiesen wird^). 

Die letzte Stufe nennt Comte die wissenschaftliche oder 
industrielle. Die theoretischen Ideen sind schon, mit Ausnahme 
der allgemeinen, vollständig positiv geworden, die Beobachtung ist also 
in den Vordergrund getreten und wird mit der Zeit auch die Regenera- 
tion der philosophischen Prinzipien im positivistischen Sinn bewirken. 
Die Industrie ist in weltlicher Beziehung vorherrschend geworden, und 
nach und nach wird sich die ganze Gesellschaft auf industrieller Basis 
organisieren ^. 

Dies sind die Ausführungen, die Comte über die Geschichts- 
philosophie gegeben hat. Er stellt sie in scharfen Gegensatz zu allen 
theologischen und metaphysischen Betrachtungen des sozialen Lebens 
und glaubt die Politik durch sie in den Rsrng einer Beobachtungs- 
wissenschaft erheben zu können, deren Hauptaufgabe darin bestände, 
das mit der Zivilisation sich im Einklang befindende neue soziale 
System zu ergründen ^. Daß die auf einer philosophischen Betrachtung 
der Vergangenheit basierte Politik gewissermaßen in den Stand setzt, 
die Zukunft zu enthüllen, ist nicht etwa ein ihr speziell eigenes, 
sondern ein jeder anderen positiven Wissenschaft zukommendes Merkmal, 
da- nach Comte der Zweck jeder Wissenschaft im Voraussehen besteht. 
Wie jeder die Wirkung der Schwerkraft, wie selbst der Astronom mit 
großer Genauigkeit zukünftige eistronomische Erscheinungen voraus- 
sehen kann, wie, allgemein gesprochen, überhaupt die Kenntnis gesetz- 
mäßiger Zusammenhänge eine Aufdeckung der zukünftigen Gestaltung 
derselben mit sich bringt ebenso ermöglicht auch ein genauer Einblick 
in die gesetzmäßige Wirkungsweise der sozialen Phänome mit gleicher 
Sicherheit eine Erschließung der zukünftigen Beschaffenheit des sozialen 
Systems*). 

Man könnte einwerfen — und Spencer hat dies in der Tat getan — 
welchen Nutzen bringt denn überhaupt eine solche Enträtselung der 
Zukunft, wenn doch im sozialen Sein strenge, unveränderliche Gesetz- 
mäßigkeit herrscht? Hat denn unter diesen Umständen die wissen- 
schaftliche Politik überhaupt einen Sinn? Gewiß, sagt Comte, die 
positive Politik hat, richtig verstanden, einen unschätzbaren Wert Zwar 
kann sie die soziale Determination nicht abändern, denn die den Gang 
der Zivilisation beherrschenden Gesetze beruhen auf unverlöschlichen 
Tatsachen der menschlichen Natur. Aber kann trotz dieser Konstanz 
nicht etwa im Sinne einer schnelleren Ausreifung der in der Zivilisation 



1) A. a. O. S. 154, 155. 

2) A. a. O. S. 155. 

3) A. a. O. S. 74. 75» 93- 

4) A. a. O. S. 167. 



— 268 — 

angelegten Tendenzen auf diese eingewirkt werden, kann nicht viel- 
leicht die Kenntnis der Richtung der Zivilisation als wertvolles Hilfs- 
mittel zur Verkürzung der unvermeidlichen Krisen dienen, die in der 
Geschichte bei Gelegenheit des Überganges eines sozialen Systems 
in ein anderes auftreten,, und handelt es sich bei dieser Art politischer 
Maßnahmen nicht um einen ganz analogen Prozeß wie bei der Er- 
ziehung des Individuums, wo durch pädagogische Maßnahmen einzelne 
Anlagen in einer bestimmten Richtung weiter entwickelt werden sollen 
und können ? ^) Comte bejaht dieses und glaubt in der Möglichkeit einer 
solchen Beeinflussung der sozialen Verhältnisse den Schlüssel zur Er- 
klärung der großen Taten der genialen Politiker gefunden zu 
haben. Nicht daß diese mit klarem Bewußtsein den Gang der Zivilisa- 
tion erfaßt hätten, nicht daß methodische Überlegungen sie in ihrer 
Tätigkeit geleitet hätten, sie haben vielmehr mit einer instinktiven 
Sicherheit die Art der bestehenden sozialen Veränderungen erfaßt und 
danach ihre politischen Maßregeln eingerichtet. Wer dieses begriffen 
hat, der muß auch die Konsequenz ziehen, daß die großen Erfolge der 
Aktionen einzelner Politiker nicht diesen ausschließlich zugeschrieben 
werden dürfen; würde man dieses tun, so hieße es „die Schauspieler 
für das Stück selbst halten". Nur oberflächlicher Betrachtung kann 
als Ausfluß der Kraft des einzelnen erscheinen, was in Wahrheit in der 
Hauptsache ein notwendiges Resultat des gesetzmäßigen Verlaufs der 
Zivilisation ist „Anstatt den vorwiegenden Einfluß der Zivilisation zu 
erkennen, betrachtet man die Anstrengungen dieser Männer als die 
wahrhaften Ursachen der Vervollkommnungen, die sich eingestellt haben, 
und die ein wenig später auch ohne ihre Intervention eingetreten wären", 
wobei, wenn letzteres nicht der Fall wäre, ein ungeheures Mißverhältnis 
zwischen der vermeintlichen Ursache und der Wirkung bestünde. Richtig 
betrachtet, sind die eigenen Kräfte des Politikers in Vergleich zu den 
„f orces exterieures" sehr gering : er vermag nur durch Beobachtung die 
Gesetze der Zivilisation aufzufinden und vermittels deren Kenntnis auf 
die beschleunigte Herbeiführung eines durch den Gang der Zivilisation 
vorherbestimmten sozialen Zustandes hinzuarbeiten^. 

Somit besteht also die wichtigste Vorbedingung für den Erfolg 
praktischer Bestrebungen darin, daß sie mit der Richtung des Ganges 
der sozialen Entwicklung übereinstimmen. Die Ermittlung dieses letzteren 
ist aber nur möglich an der Hand einer philosophischen Betrachtung 
der Vergangenheit, während man durch ein Studium der Gegenwart 
unmöglich zu demselben Resultat gelangen kann. Denn wie die Physio- 
logie erst dann fruchtbringende Ergebnisse zeitigte, als man den Menschen 



1) A. a. O. S. 109, X20. 

2) A. a. O. S. III, 112. 



— 269 — 

zum Zwecke eines Verständnisses seiner Organisation nicht mehr isoliert, 
sondern als Glied der ganzen tierischen Reihe betrachtete, so ist es 
ähnlich in der Politik. Zwar kann ein Studium der Gegenwart, auch 
wenn man diese abgetrennt von der vorhergegangenen Zeit betrachtet, 
wohl manches wertvolle Material für die positive Politik liefern, aber 
zu einer Darlegung der sozialen Gesetzmäßigkeit ist es keineswegs fähig; 
schon deshalb nicht, weil zur Aufstellung eines Gesetzes mindestens 
drei GUeder notwendig sind. Außerdem aber: wer kann denn über- 
haupt die Gegenwart, losgelöst von der Zukunft, begreifen, wo doch in 
ihr einerseits im Niedergang begriffene Institutionen und Lehren, anderer- 
seits solche noch sich weiter entwickelnde, also gleichsam Gegenwart 
und Zukunft in ungeschiedener Weise sich vorfinden! Niemand kann 
das, und niu- die Vergeingenheit allein ist im stände, in diesem Labyrinth 
ein zuverlässiger Führer zu sein. Doch ist auch die Heranziehung der 
Vergangenheit allein für ein volles Verständnis der Gegenwart nicht aus- 
reichend, da, wie Comte sagt, die chronologische Anordnung der Epochen 
durchaus von der philosophischen sich unterscheidet. „Anstatt zu sagen : 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sollte man sagen: Vergangen- 
heit, Zukunft, Gegenwart** 

Comte faßt seine Anschauungen folgendermaßen zusammen : „Ainsi 
Tetude, et Tetude aussi approfondie, aussi complete que possible de tous 
les etats par lesquels la civihsation a passe depuis son origine jusqu'ä 
present, leur enchainement successif, leur composition en faits generaux 
propres ä devenir les principes en mettant en 6vidence les lois naturelles 
du developpement de la civilisation ; le tableau philosophique de Tavenir 
social, tel qu'il derive du pass6, c'est ä dire la determination du plan 
general de r^organisation destine ä Tepoque actuelle, enfin, Tapplication 
de ces resultats ä T^tat present des choses, de maniere ä determiner la 
direction qui doit etre imprimee ä l'action politique pour faciliter la 
transition definitive vers le nouvel etat social, tel est Tensemble des 
travaux propres a etablir pour la politique une theorie positive qui puisse 
repondre aux besoins immenses et urgents de la societe**^). 

Dies ist in der Hauptsache jenes Ideensystem, das nach einer Comte- 
schen Version seiner eigenen Denkarbeit, nicht dem Einfluß Saint-Simons 
entsprossen sei. Uns dünkt, daß der Verfasser dieser Schrift, die man wohl 
gar genial genannt hat, sich in einer großen Selbsttäuschung befindet. 
Erkennen wir die Vorzüge des Werkes voll an : die Durchsichtigkeit der 
Gedankenführung, den frisch dahineilenden Strom der Rede, das um- 
fangreiche Wissen, das in ihm verarbeitet ist. Aber von neuen, weit- 
tragenden Ergebnissen ist keine Rede, Es sind Lehren Saint-Simons, 
die der Schüler mit großem Geschick vorträgt, bemüht, die Widersprüche 



I) A. a. O. S. 121 ff. 



— 270 — 

des Meisters zu vermeiden und bestrebt, jene Idee zu begründen, der dieser 
zuletzt nur eine sekundäre Bedeutung beigelegt hat: daß nämlich erst 
nach der Bewältigung der von Saint-Simon bezeichneten theoretischen, 
philosophischen Vorarbeiten zu praktischen Reformen übergegangen 
werden dürfe, während der viel tiefer blickende Saint-Simon das Haupt- 
gewicht auf eine Reform der ökonomischen Fundamente der Gesell- 
schaftsordnung legte. Später hat dann Comte in seinem Hauptwerke, 
dem sechsbändigen „Cours de la philosophie positive" in einer großzügigen 
und bewundernswerten Weise die in seinen Jugendarbeiten enthaltenen 
Ideen Saint-Simons weiter ausgebaut, mit einem Aufwand von Scharf- 
sinn und einer Wucht der Gedankenführung, wie man sie selten vor- 
findet. Er hat damit dem philosophischen Ideenkreis Saint-Simons jene 
systematische Grundlegung gegeben, die auch dieser einmal erstrebte, 
aber mangels der dazu benötigten Kenntnisse nicht vorzunehmen ver- 
mochte. In mannigfacher Weise hat Comte durch seine Untersuchungen 
neue, fruchtbringende Errungenschaften zu Tage gefördert, aber gerade 
jene Bestandstücke seines Systems, auf die er selbst das Hauptgewicht 
legt, gehören nicht ihm an, sondern dem geschmähten Saint-Simon. 
Dieses soll nun, so wenig angenehm es auch ist, gezeigt werden. 

Indem ich im folgenden das Wichtigte des durch Comte Entlehnten 
zusammenzustellen versuche, bemerke ich, daß nur das berücksichtigt 
wird, was Saint-Simon bereits vor seiner Berührung mit Comte 
gelehrt hat. Neben einer Anzahl kleinerer Arbeiten gehören hierher 
vor allem die „Lettres d'un habitant de Geneve", „Introduction aux tra- 
vaux scientifiques du XIX® siecle", „Memoire sur la science de l'homme", 
„De la reorganisation de la societe europeenne" und ein Teil des im 
Mai 181 7 erschienenen zweiten Bandes der Industrie^). Ein Vergleich 
dieser Schriften mit den erwähnten Werken Comtes ergibt folgendes: 

Comte, der vor seiner Bekanntschaft mit Saint-Simon noch durchaus 
erfüllt von den kritischen Ideen der Revolution war, wird durch Saint- 
Simon zu der Erkenntnis geführt, daß nur durch eine soziale Reorgani- 
sation die vorhandene Krisis zu Ende geführt werden könne. Die Be- 
sonderheit dieser Reorganisation der Gesellschaft, ihre Begründung an 
der Hand geschichtsphilosophischer Reflexionen, die ganze Interpretation 
des kulturellen Geschehens überhaupt — alles dieses findet sich nun bei 
Comte in einer Weise vor, die zeigt, daß es sich um eine Reproduktion 
und Weiterbildung Saint-Simonscher Konzeptionen, nicht um selbst- 
gefundene Gedanken handelt. 

Comte führt in Übereinstimmung mit Saint-Simon die soziale Krisis 
auf den Mangel allgemeiner Ideen zurück, die soziale Unordnung ist 
bei beiden die Folge einer geistigen Zerrüttung*). 

1) Oeuvres, T. XVIII, p. 128—214. 

2) Vergl. Saint-Simon, Oeuvres choisies, T. II, p. 241. Comte, Systeme de politique 



— 271 — 

Daher ist die Beseitigung dieser intellektuellen Anarchie die Vor- 
bedingung für jede soziale Neubildung; die Philosophie aber als die 
Erzeugerin jener Prinzipien, die gleichsam den sozialen Kitt abgeben, 
wird deshalb in den Dienst der sozialen Reorganisation gestellt^). 

Eine den Anforderungen der Wissenschaft genügende Philosophie 
zu begründen, war bisher unmöglich. Denn die Grrundbestandteile der 
Philosophie haben die Einzelwissenschaften zu bilden, und diese haben 
in ihrer Totalität erst in der letzten Zeit einen solchen Grad wissen- 
schaftlicher Sicherheit erreicht, daß eine Systematisierung ihrer Ergeb- 
nisse in der Form einer universalen Wissenschaft, wie sie die Philo- 
sophie zu bilden hat, vorgenommen werden kann*). 

In Bezug auf die Zeit, in welcher die Einzelwissenschaften in das 
wissenschaftliche Stadium, wo es sich lediglich um eine durch Be- 
obachtung vermittelte Entdeckung der Gesetze handelt, eintreten, 
herrscht der Grrundsatz, daß je weniger verwickelt die Vorgänge sind, 
desto eher sie Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion werden. Es 
haben zuerst die Astronomie, dann die Physik und Chemie, hierauf die 
Physiologie das positive Stadium erreicht, die positive Philosophie, die 
bei Comte gleich der Soziologie ist, wird zuletzt dieses wissenschaft- 
liche Gebäude krönen^. 

Diese Wissenschaften, mit Ausnahme der Philosophie, faßt Saint- 
Simon zusammen in die zwei Grrundwissenschaften der „physique des 
Corps bruts" und „physique des corps organises", während Comte, der 
diese Unterscheidung der unorganischen und organischen Physik eben- 
falls übernommen hat, aus weiter unten zu erörternden Gründen auch 
die Philosophie, d. h. die Soziologie, in das Bereich einer dieser zwei 
Grundwissenschaften eingegliedert wissen will. Die organische Physik 
oder Physiologie selbst kann, indem alle Lebewesen zwei Arten von 
Vorgängen zeigen, die sich entweder auf das Individuum oder auf die 
Gattung beziehen, in die Physiologie des Individuums und Physiologie 
der Gattung unterschieden werden, welch' letztere bei Saint-Simon der 
G^schichtsphilosophie, bei Comte der Soziologie gleichkommt*). 

Auch die Physiologie des Individuums erfährt bei beiden Denkern 



positive. Oeuvres de Saint-Simon, T. XXX VIII, p. lo, 23, 67, 120. Kurs der positiven 
Philosophie, übersetzt von J. H. v. Kirch mann, Bd. I, S. 16, Bd. II, S. 15, 26, 31, 35. 

1) Saint-Simon, a. a. O., T. II, p. 123, 204, 241. Comte, a. a. O., T. XXX VÜI, 
p. 43, 44. Comte, Kurs a. a. O., Bd. I, p. 15, 16, Bd. II, p. 40, 46. 

2) Saint-Simon, a. a. O. T, II, p. 14, 15, 24. Comte, Kurs, Bd. I, S. 17; Bd. II, 
S. 469. 

3) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 14. Comte, a. a. O. T. XXXVIII, p. 81. Comte» 
Kurs, Bd. I, S. 28 ff. 

4) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 9. Oeuvres, T. XVII, p. 128. Comte, a. a. O. 
T. XXXVin, p. 184. Comte, Kurs, Bd. I, S. 27. 



— 272 — 

noch eine weitere Einteilung, indem sie die Psychologie als zu dieser 
Wissenschaft gehörig auffassen^). 

Es mag hier auf einen erheblichen Irrtum Littres, des bedeutenden 
französischen Schülers Comtes, aufmerksam gemacht werden, der in 
seinem bekannten Werk über seinen Meister behauptet, daß die von 
Saint-Simon geforderte Methode der neuen Philosophie zu der von 
Comte tatsächlich gehandhabten in striktem Gegensatze stehe. Littre 
wirft nämlich Saint-Simon die Proklamation der apriorischen Methode, 
d. h. der Methode Descartes' vor, wodurch er in die Metaphysik zurück- 
gefallen sei '). In der Tat scheint dies der Fall zu sein, wenn man die 
Forderung Saint-Simons, „daß eine Richtungsänderung not tue und 
von nun ab auf apriorische Weise Entdeckungen zu machen seien", 
abgetrennt von seinen übrigen Lehren in ihren Konsequenzen verfolgt 
Wer aber dieses nicht tut, wer überhaupt in den (reist der philo- 
sophischen Doktrinen Saint-Simons eingedrungen ist, der weiß, daß 
diesem Denker nichts femer als die Einführung der sogenannten meta- 
physischen Betrachtungsweise liegt, und daß jene die Metaphysik 
scheinbar proklamierende Bemerkung nur eine unklare Bezeichnung 
dessen ist, was er in Wirklichkeit meint*). 

Betrachtet man, wie Littre mit Comte, jene Verfahrungsweise als 
eine metaphysische, welche durch Zuhilfenahme erfundener, also in der 
gegebenen Wirklichkeit nicht anzutreffender Tatsachen die Phänomene 
aufzuhellen sucht, derart, daß abstrakte Kräfte oder Entitäten als Er- 
klärungsprinzipien der Erscheinungen herangezogen werden, so . ist es 
den Tatsachen widersprechend, Saint-Simon als Metaphysiker zu be- 
zeichnen. Saint-Simon verlangt zwar — ähnlich wie es bei der 
Theologie oder Metaphysik der FaU ist — eine Deduktion der Gesamt- 
heit der Erscheinungen aus wenigen, möglichst aus einem einzigen 
Prinzip; aber dieses soll und darf nach ihm nicht erfunden sein, 
sondern muß erst aus der Erfahrung erschlossen werden. Welches 
waren denn überhaupt die Momente, die Saint-Simon veranlaßten, die 
Anwendung der apriorischen Methode zu fordern? Doch wohl, wie 
unsere Darstellung ergeben hat, deis kritiklose Ansammeln einzelner 
Tatsachen, das systemlose Nebeneinanderbestehen der Einzelwissen- 
schaften. Diesem Zustand will er durch die Einführung der Descartes- 
sehen Methode ein Ende bereiten, was aber bei ihm keineswegs, wie 
Littre meint, eine unter vollständiger Außerachtlassung der einzel- 
wissenschaftlichen Kenntnisse sich vollziehende Ableitung der Phäno- 
mene aus irgend einer hypothetischen Tatsache bedeuten kann — denn 



1) Saint-Simon, a. a. O. T. 11, p. 9. Comte, Kurs, Bd. I, S. 455. 

2) Littr6, a. a. O. S. 87. 

3) ^cigl- meine Darstellung, oben S. 58 ff. 



— 273 — 

das hieße ja den ganzen „Physizismus" preisgeben — sondern eben 
eine auf Grund dieser wissenschaftlichen Ergebnisse erfolgende Auf- 
suchung allgemeiner Prinzipien, womöglich eines einzigen Erklänmgs- 
grundsatzes der Wirklichkeit „Man soll zu der Tradition des 
Franzosen Descartes zurückkehren und allgemeine Ge- 
setze aufsuchen", verlangt Saint-Simon in den 1808 erschienenen 
„Lettres au Bureau des Longitudes" ^). 

Somit ist also die Aufstellung eines allgemeinen, an der Hand der 
Erfahrung gewonnenen Gesetzes, das den Gesetzen von weniger aus- 
gedehnter Geltung zu Grunde liegt, die Aufgabe der Philosophie, und 
in Wahrheit ist es nicht die metaphysische Methode, sondern das 
Prinzip der Einheit aller Wissenschaften, was Salnt-Simon von Descartes 
übernommen hat 

Freilich ist er von dem Wahn befallen, in der Gravitation dieses 
universelle Prinzip gefunden zu haben, und Littr^ will es als ein 
Zeichen Comteschen Einflusses auf Saint-Simon ansehen, daß dieser die 
„fadsche Philosophie einer absoluten Konzeption" später aufgegeben 
hat. Aber dieser „absoluten Konzeption" steht Comte lange nicht 
so feindlich gegenüber, wie Littr6 meint Indem ihm die Lehre von 
der Grravitation zeigt, „wie die ungeheure Mannigfaltigkeit der astro- 
nomischen Tatsachen nur ein und dieselbe Tatsache ist, bloß von ver- 
schiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet"^, hat sich Comte sog^ 
Saint-Simons Lehre einer möglichen luiiversellen Grültigkeit des Gravi- 
tationsprinzips direkt zu eigen gemacht Die Vollkommenheit des posi- 
tiven Systems, erklärt Comte, würde darin bestehen, „daß es alle 
Erscheinungen als die besonderen Fälle einer allgemeinen Tatsache 
darlegte, wie z. B. der Tatsache der Gravitation". Und an anderer 
Stelle heißt es: „Indem ich als das Ziel der Philosophie hingestellt habe, 
das Ganze der bisher gewonnenen Kenntnisse in Bezug auf die ver- 
schiedenen Klassen von Vorgängen in eine gleichzeitige Lehre zu- 
sammenzufassen, bin ich doch weit davon entfernt, diese Vorgänge als 
die verschiedenen Wirkungen eines einzigen Prinzips anzusehen. Viel- 
mehr halte ich alle Unternehmungen für verfehlt, welche aus einem 
einzigen Gesetz alle gesamten Vorgänge ableiten wollen, selbst wenn 

solche Versuche von den berufensten Greistem ausgehen sollten 

Wäre es möglich, eine solche Vollkommenheit des 



i) Auch folgende Stelle aus ,Jntroduction anx travaux sdentifiques du XIX« süde" 
(Oeuvres choisies, T. I, p. 73) beweist die Unrichtigkeit der Interpretation Littr^ „Descartes, 
s'itant occup^ de g^niraliser, nous — es ist Locke und Newton gemeint, die Saint-Simon zu 
Descartes sprechen läßt — devons nous attacher A particulaiiser, et laisser A nos sucoesseurs le 
soin de g6n6raliser les id^es particuliöres que nous prodnirons.** 

2) Comte, Kurs, a. a. O. Bd. I, S. 7. 
Mnckle, Henri de Saint-Simon. l8 



— 274 — 

Wissens zu erreichen, so könnte es, meines Erachtens, 
nur durch eine Anknüpfung aller Vorgänge an das Ge- 
setz der Gravitation geschehen, welches das allge- 
meinste von allen Gesetzen ist, die wir kennen"^). 

Zu beachten ist, daß Comte in seiner Soziologie das zu verwirk- 
lichen versuchte, was Saint*Simon lange als Ideal vorgeschwebt hat, 
nämlich den Entwurf einer über den Einzelwissenschaften sich er- 
hebenden Philosophia Auf den ersten Anblick will es zwar scheinen, 
als ob die Comtesche Soziologie nur mit Unrecht die Bezeichnung 
„Philosophie" im Sinne Saint-Simons verdiene, da sie ja als die letzte 
der Fundamentalwissenschaften niir ein Teilgebiet der Wirklichkeit, 
nicht diese in ihrer Totalität zum Objekt hat. Aber darin beruht 
gerade das Eigenartige der Soziologie dieses Denkers, daß in der 
Stellung, die ihr als Spezialdisziplin in der Hierarchie der Wissenschaften 
angewiesen wird, gleichzeitig ihre Eigenschaft als Universalwissenschaft 
begründet ist Denn wenn, wie Comte im Anschluß an Saint-Simon 
lehrt, der Grad der Komplikation der Vorgänge bestimmend ist für die 
mehr oder minder schnelle Ausreifung der sie untersuchenden Wissen- 
schaften, die unerläßliche Vorbedingung für das Studium jeder Klasse 
von Phänomenen aber die Kenntnis der Gesetze der vorhergehenden, 
weniger komplizierten Kllasse bildet, so erhellt, daß die Soziologie als 
jene der Fundamentalwissenschaften, die sich der Erforschung der ver- 
wickdtsten Vorgänge zuwendet, die übrigen Einzelwissenschaften in- 
sofern als Elemente enthält, als sie ohne deren Ausbau nicht hätte 
begründet werden können. „Solange der positive Greist sich nicht auf 
die soziologische Stufe erhoben hatte, konnte er zu keinen allgemeinen 
Ansichten gelangen, die geeignet gewesen wären, ihm das Recht und 
die Macht für die Begründung einer wahrhaften Philosophie zu ver- 
leihen"«). 

Die Q>mtesche Soziologie zerfällt bekanntlich in die soziale Statik 
und die soziale I)3niamik, oder die „Lehre von der sich selbst voll- 
ziehenden Ordnung der Gesellschaften** und die „Lehre vom Fort- 
schritt**. Wenn Comte als den wichtigsten Teil die I)3niamik oder Ge- 
schichtsphilosophie betrachtet, so hat er mit deren Ausführung eine 
jener Ideen verwirkhcht, die Saint-Simon lange mit sich herumgetragen 
hat War diesem doch die Organisation eines guten Systems der 
Philosophie identisch mit dem Entwurf einer guten Geschichte der Ver- 
gangenheit und Zukunft der menschlichen Gattung^). 

Saint-Simons und Comtes Endabsicht ist, die Art der sozialen 
Reorganisation zu erweisen. Sie erstreben zu diesem Zweck die Be- 

1) A. a. O. Bd. I, S. 5, 17. 

2) Kurs, Bd. II, S. 469. 

3) Saint-Simon, Oeuvres, T. XVII, p. iii. Comte, Kurs, Bd. II, S. 105, 123. 



— 275 — 

gründung einer neuen Politik und zwar in einer Weise, die ebenso 
offensichtlich wie die obige Gegenüberstellung ihrer Lehren die weit- 
gehendste Übereinstimmung ihrer Anschauungen ergibt. Denn auch 
bei Comte kann, wie bei seinem Lehrer, die Politik einen positiven 
Charakter nur dann erhalten, wenn sie auf der, die sozialen Tatsachen 
analysierenden Geschichtsphilosophie fundiert ist ^). Dabei heben sie ge- 
meinsam die Unzulänglichkeit der bisherigen Geschichte hervor, die 
über eine systemlose Anordnung der historischen Ereig^nisse, statt einer 
Ermittlung der historischen Gesetzmäßigkeit, nicht hinausgekommen sei^. 

Wohl schätzen beide Condorcets berühmtes Werk in Ansehung der 
hier hervortretenden klaren FormuKerung des geschichtsphilosophischen 
Problems sehr hoch, doch rügen sie übereinstimmend, daß die „Aus- 
führung nicht der Größe des Vorsatzes entsprach" % so daß eine voll- 
ständige Neubearbeitung der Geschichte unerläßlich ist, soll die Politik 
eine gesicherte Grundlage gewinnen. 

In diesem Versuch einer neuen Interpretation des historischen Ge- 
schehens hat Comte nicht nur die von Saint-Simon aufgestellten metho- 
dischen Prinzipien, deren Beachtung allein eine wissenschaftliche An- 
ordnung der historischen Phänomene ermögliche, übernommen, sondern 
auch durch eine Reihe Einzelheiten bewiesen, daß er seinem geschmähten 
Lehrer viel zu verdanken hat. Oder war es nicht Saint-Simon, der 
lange vor Comte das Gesetz der Gleichheit der Aktion und Reaktion 
auch für das soziale Leben anerkannt wissen wollte*), weiterhin, der 
aus dem Grrundimpuls der intellektuellen Fortschritte die ganze Mannig- 
faltigkeit der Sondergebiete des sozialen Daseins abgeleitet wissen 
wollte? Und hat nicht Saint-Simon, wie unsere Untersuchungen er- 
geben haben, das Comtesche „Gesetz der drei Stadien" als Schema der 
Greschichtskonstruktion und Leitfaden monistischer historischer Inter- 
pretation gedient?^. Daß die besonderen Eigentümlichkeiten, die nach 
Comte den Wesenscharakter der Metaphysik ausmachen, nämlich die 
Tatsache, daß sie eine Modifikation der Theologie ist, indem sie ab- 
strakte Gedankengebilde, die der Einbildungskraft ihre Entstehung 
verdanken, an die Stelle der übernatürlichen theologischen Ursachen 
setzt, sowie daß in diesen, ohne die Zuhilfenahme der Beobachtung 

i) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 74. Oenvres, T. XVn, p. iii. Comte, a. a. O. 
T. XXX Vni, p. 193. Comte, Kurs, Bd. H, S. 94. 

2) Saint-Simon, a. a. O. T. 11, p. 196. Comte, a. a. O. T. XXXVHI, p. m, 203. 
Comte, Kurs, Bd. II, S. 48 ff. 

3) Comte, Kurs, Bd. 11, S. 58. Comte, a. a. O. T. XXXVm, p. 146. Saint-Simon, 
a. a. O. T. I, p. 108 ff.; T. II, p. 18. 

4) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 123. Comte, a. a. O. T. XXXVm, p. in, 112. 
Comte, Kure, Bd. n, S. 497. 

5) Siehe S. 93 dieses Werkes. Comte, a. a. O. T. XXXVm, S. 95. Comte, Kurs, 
Bd. n, S. 130. 

18* 



— 276 — 

willkürlich erfundenen Ideen eine kritische, die bestehende soziale 
Ordnung auflösende Tendenz begründet ist, daß diese Bestimmungen 
ausschließlich geistiges Eigentum Comtes sind, wie man gemeint hat, 
ist keineswegs richtig. Sicher ist, daß Saint-Simons Auffassung der 
Metaphysik, auch bevor er Comte kannte, der seines Schülers äußerst 
nahe steht. Schon in den Briefen eines Genfers wirft er den M^a- 
physikern vor, daß sie die Worte für die Dinge gebrauchen, und in 
den folgenden Schriften definiert er die Metaphysik völlig im Sinne 
Comtes: als eine von apriorischen Voraussetzungen ausgehende Dis- 
ziplin, die bei dem Mangel einer festen Beobachtungsgrundlage zu 
ledigUch abstrakten Spekulationen führe und als eine auch sozial ge- 
wandte Macht einzig und allein auflösend wirke ^). 

Auch daß die Einbildungskraft in den dem Positivismus vorhergehen- 
den Stadien der Einzelwissenschaften, wie Comte lehrt, eine vorwiegende 
Rolle gespielt hat, sowie daß im Laufe der Zeit die Einbildungfskraft 
durch die Beobachtung immer mehr verdrängt wurde, ist ein Gedanke, 
den Saint-Simon schon 1802 ausgesprochen hat*). Und kann man in 
der Meinung Comtes, daß jeder Wissenszweig in gleicher Weise wie 
die Philosophie die drei Stufen der Theologie, der Metaphysik und 
des Positivismus durchlaufe, nicht eine Fortbildung des Gedankens 
seines Lehrers erbUcken, daiß die Wissenschaften zuerst hypothetisch 
waren, um dann positiv zu werden?^. 

Aber Saint-Simons Einfluß geht noch viel weiter; denn Comtes 
großartiger Versuch, aus der Abwandlung der zentralen geistigen 
Ideen die Eigenart aller Sondergebiete des Kulturlebens abzuleiten, 
geschieht unter ausgedehntester Benützung Saint - Simonscher Kon- 
zeptionen. Teilt doch Comte gleich seinem Lehrer das Zeitalter der 
Theologie in die drei Epochen des Fetischismus*), Polytheismus und 
Monotheismus ein *), und gemeinsam wird als ein fundamentales Kenn- 
zeichen des Altertums das Vorherrschen der Kriegstätigkeit betont: 
das theologische Stadium erhält deshalb den Beinamen eines auch 
militärischen Zeitalters^. 

Ebenso ist die Auffassung des Mittelalters bei beiden Philosophen 
eine in den prinzipiellen Punkten völlig übereinstimmende. Sie finden 
seine Größe in der straffen sozialen Organisation, wie sie die Herrschaft 



1) Saint-Simon, a. a. O. T. I, p. 29, 70; T. II, p. 10. 

2) Saint-Simon, a. a. O. T. I, p. 25. 

3) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 14. Comte, Kurs, Bd. S. 5. 

4) Saint-Simon sagt Idolatrie. 

5) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 157 ff., 102, 110. Comte, a. a. O. T. XXX VTH, 
p. 96. Comte, Kurs, Bd. II, S. 179 ff., 216 ff. 

6) Saint-Simon, a. a. O. T. II, p. 121. Comte, a. a. O. T. XXX VHI, p. 78. 
Comte, Kurs, Bd. II, S. 123. 



— 277 — 

des Katholizismus gezeitigt hat, sie betrachten namentlich die Unab- 
hängigkeit der geistlichen von der weltlichen Gewalt sowie die Ober- 
herrschcift des Papstes über die europäischen Nationen als die Haupt- 
ursachen des gewaltigen sozialen Fortschrittes des Mittelalters über das 
Altertum, sie erblicken die sozialisierende Kraft des Katholizismus 
hauptsächlich in seiner moralischen Wirksamkeit, sie sehen beide in 
Karl dem Großen einen jener genialen Herrscher, welche, wie Comte 
sich ausdrückt, den Geist der europäischen Organisation im Mittelalter 
genügend erkannten, um die päpstliche Unabhängigkeit zu achten und 
zu beschützen, und sie wenden sich schließlich gegen die Herabwürdi- 
gung der Verdienste des mittelalterlichen Klerus, dem sie eine große 
Kulturmission, insonderheit eine segensreiche pädagogische Tätigkeit 
nachrühmen ^). 

Interessant ist es " zu verfolgen, wie Comte in augenfälligem An- 
schluß an Saint-Simon für die neueren Zeiten die ursprüngliche An- 
nahme einer Bedingtheit der sozialen Erscheinungen durch den jeweiligen 
Stand der Weltanschauung aufgibt, und, wenn auch nicht durchgängig, 
in der Volkswirtschaft das Fundament der Gesellschaft sieht. Wenn 
somit Wundt ^ recht hat zu sagen, daß zur Entstehung der ökonomischen 
Geschichtsphilosophie Comte einen nicht unwichtigen Anstoß gegeben 
hat, so ist eben nicht zu vergessen, daß die in dieser neuen Geschichts- 
betrachtung sich bekundende Grundidee von dem Lehrer auf den 
Schüler übergegangen ist 

Ziun Beweise führe ich an, daß Saint-Simon bereits im „Memoire sur 
la science de ITiomme" (1813) gelegenüich als charakteristisches Merkmal 
der Kulturentwicklurig des ausgehenden Mittelalters und der ganzen 
Neuzeit bezeichnet, daß „la soci6te europeenne n'a fait faire aucun pas 
general ä Tesprit humain", während sie „a ete constamment la 
plus forte sous le rapport materiel""). Schärfer tritt dieser 
Umschwung in der Auffassung des gesellschaftlichen Seins im zweiten, 
noch vor der Bekanntschaft mit Comte geschriebenen Bande der In- 
dustrie hervor. Der Schüler hat sich diese Idee vollständig zu eigen 
gemacht; auch er erklärt den Niedergang des Feudalismus aus ökono- 
mischen Ursachen, legt diesem ökonomischen Aufschwung nicht allein 
eine zerstörende, sondern auch sozial aufbauende Bedeutung bei und 
führt den Begfinn der Vernichtung des mittelalterlichen Systems ge- 
meinsam mit Saint-Simon auf die Einführung der Beobachtungswissen- 
schaften durch die Araber einerseits, die Befreiung der Gemeinen 



1) Saint-Simon a. a. O. T. n, p. 259, 131, 260, 194; T. I, p. 205. Comte, Kurs, 
Bd. n, S. 216, 219, a. a. O. T. XXXVm, p. 52. Kurs, Bd. II, S. 221, 225, 296. 

2) Wundt, Logik, Bd. U, S. 324. 

3) Saint-Simon a. a. O. T. H, p. 131. 



- 278 - 

andererseits^) zurück. Auch den Legisten, als einer die Interessen der 
aufstrebenden Industrie vertretenden Klasse, weist Comte die gleiche 
historische Funktion wie Saint-Simon an, wie er ebenfalls ein zwischen 
Industrie und Wissenschaft bestehendes gemeinsames Bündnis kennt*). 

Indem Lehrer und Schüler glauben, die sozialen Relationen in einer 
positiven, wissenschaiftlichen Weise erfassen zu können, sind sie nicht 
inkonsequent, wenn sie die Enthüllung der Zukunft, worin ja beide 
eine wichtige Bestimmung der Wissenschaft erblicken*), in den Auf- 
gabenkreis der Geschichtsphilosophie einbeziehen möchten. Daß Comte 
für die soziale Organisation der Zukunft eine geistige Gewalt, wie 
deren Unabhängigkeit fordert, ist ein weiterer Beweis für seine Ab- 
hängigkeit von Saint-Simon, da auch dieser die frei schaltende geistige 
Autorität der neuen Gesellschaftsverfassung einem Papste und einem 
„physizistischen Klerus" anvertraut wissen möchte*). 

Erwägft man, daß zu diesen geistigen Anleihen Comtes sich noch 
viele andere hinzugesellen, wie beispielsweise die Bekämpfung des 
großen Einflusses, den Montesquieu dem IClima beigelegt hat, dann die 
Theorie, daß die Überlegenheit des Menschen über die Tierwelt die 
Folge der größeren Vollkommenheit seiner Organisation ist, weiterhin die 
Annahme einer analogen Entwicklung des Individuums und der Gattung^, 
die Unterscheidung organischer und kritischer Epochen oder sozialer 
Krisen, außerdem die Verwerfung einer grenzenlosen Vervollkommnung, 
wie sie Condorcet angenommen hatte, femer die Forderung, daß es in der 
sozialen Wissenschaft nicht um die Schaffung eines neuen Systems sich 
handelt, daß es also nicht g^t, „die Prinzipien der sozialen Organisation 
zu erfinden, sondern zu bemerken, um an ihrer Verwirklichung zu 
arbeiten", schließlich die Verwertung der Ethnographie als Hilfswissen- 
schaft der Geschichte, zieht man noch diese weiteren Übereinstimmungen 
der beiden Denker in Betracht, so wird wohl bewiesen sein, was wir 
zeigen wollten: daß Comte nämlich, wie er selbst einmal sagt, einen 
Teil der Ideen Saint-Simons systematisiert und weiterentwickelt hat^. 



1) Saint-Simon, Oeuvres, T. XVIII, p. 165 f., 131, 197. Comte, Kurs, Bd. II, 
S. 239, 249, 255, 320, 322. 

2) Saint-Simon a. a. O. T. XVIII, p. 199, 137. Comte a. a. O. T. XXXVDl, 
p. 82, 153, 155. Comte, Kurs, Bd. II, S. 148, 315. 

3) Saint-Simon, Oeuvres choisies, T. I, p. 23. Comte, Kurs, Bd. I, S, 19. 

4) Saint-Simon a. a. O. T. I, p. 244. Comte, Kurs, Bd. II, S. 420, 425, 429. 

5) Diese parallele Gesetzmäßigkeit wird zwar von Comte anders interpretiert als von 
Saint-Simon, da er andere Vergleichsmomente als sein Lehrer heranzieht. Nach ihm durch- 
läuft neben der Gattung auch jedes Individuum drei, durch die Verschiedenheit der Welt- 
erklärung unterschiedene Stadien, das theologische, das metaphysische und das ]X)sitive. 

6) Saint-Simon a. a. O. T. I, p. 171; T. II, p. 117, 118; T. I, p. 177, 183. 
Oeuvres, T. XVIII, p. 190. Comte, Oeuvres de Saint-Simon, T. XXXVm, p. 181, 142, 
126. Kurs, Bd. I, S. 5, 65, 79, 84, 255, 183; Bd. II. S. 53, 73. 9- 



— 279 — 

Z. Saint-Simon und der realistische Sozialismus. 

Vorbemerkung. 
Zwei Sonderheiten sind es, die dem realistischen Sozialismus, 
wie er durch Karl Marx und Friedrich Engels in seinen Grundlinien 
erstmals im „Kommunistischen Manifest" entworfen worden ist, sein 
eigenartiges Gepräge verleihen: einmal die Überführung der Produktions- 
mittel in das Eigentum des völlig demokratisiert gedachten, jede Klassen- 
herrschaft mithin ausschließenden Gemeinwesens, und weiter die Art, 
in der dieser Organisationsplan fundiert wird: die Begründung der 
Möglichkeit seiner Durchführung durch eine realistische Erklärung der 
geschichtlichen Tatsachen. Es soll im folgenden versucht werden, die 
Verbindungsfäden, die von Saint-Simon zu dem Marx des „Kommu- 
nistischen Manifestes" hinleiten, bloßzulegen, nachzuspüren vor allem, ob 
solche überhaupt vorhanden sind. 

a) Der Saint-Simonismus. 

Doppelter Art war die Hinterlassenschaft des im Mai 1825 ver- 
schiedenen Saint-Simon: die Ideenfülle seiner Werke, dann die Be- 
geisterung, die er seinen Schülern für die große Sache der Menschheit, 
der er sein Leben geweiht, eingepflanzt hat Es waren auserlesene 
Männer unter den wenigen, die dem Meister das letzte Greleite gaben: 
Thierry und Comte, die beiden abtrünnigen Schüler, hatten sich ein- 
gefunden, dann der Lieblingsschüler Saint-Simons, Olinde Rodrigues, 
der Dichter Leon Halevy und der Arzt Bailli, von denen die zwei zu- 
letzt Genannten am Grabe einige Worte sprachen. 

Noch im gleichen Jahre wurde dank den Bemühungen Rodrigues' 
und des jungen Enfantin eine Zeitschrift ins I-eben gerufen, „Le Pro- 
ducteur", die das Orgfan der jungen Saint-Simonistischen Schule bilden 
sollte. Von einer einheitlichen Tendenz dieser Zeitschrift konnte bei der 
Ungeklärtheit des Gedankensystems Saint-Simons, das man ausbauen 
wollte, keine Rede sein, es sei denn im Hinblick auf den einheitlichen 
Richtpunkt, dem die gemeinsame Arbeit zugewandt war: eben auf die 
auch Saint-Simon nie aus dem Blicke entschwundene Reorganisation 
des sozialen Lebens auf neuen Fundamenten. So stellte sich denn auch 
der einst so erbitterte Comte wieder ein, dessen positivistische Theorieen 
im Verein mit ökonomischen Problemen im Mittelpunkt der zahlreichen 
Erörterungen standen, während die im „Neuen Christentum" nieder- 
gelegten religfiösen Anschauungen Saint-Simons unbeachtet blieben. 
Eine Durchmusterung der zahlreichen Aufsätze zeigt, daß die Schüler 
insgesamt den Schwerpunkt der Lehre des Meisters begfriffen haben. 



— 28o — 

Verfassungsfragen, welche die öffentliche Diskussion jener Zeit so leb- 
haft beschäftigt haben, erscheinen ihnen von nebensächlicher Bedeutung, 
und als Grrundproblem der Zeit gilt ihnen nicht die Änderung der 
politischen Formen, sondern der tiefsten Grundlagen des sozialen Lebens. 
Ein neuer Ideenkreis müsse geschaffen werden als das einzig mögliche 
Mittel einer Harmonisierung des vom Egoismus beherrschten sozialen 
Daseins, das der Liberalismus aufrecht erhalten möchte, im Gregensatz zu 
den Forderungen der Reaktionäre, die die soziale Rettung durch die 
Wiedereinführung mittelalterlicher Institutionen glaubten bewirken zu 
können. Ganz im Sinne Saint-Simons begründet man dieses Postulat 
durch geschichtliche Erwägungen, und auch die Einzelheiten der künftigen 
Sozialordnung sind dem Lehrer entlehnt Man verlangt eine neue intellek- 
tuelle Zentralgewalt, die den Gelehrten als den heutigen geistigen Führern, 
nicht etwa den Priestern, zu übertragen sei, weiter eine weltliche Autorität, 
die den führenden Schichten modemer Prägung anheimfallen müsse. 
Durch solche Mittel will man die zerrütteten Verhältnisse wieder orga- 
nisieren, und durch mannigfache Einzelausführungen sucht man dieses 
zu erweisen. Schon führt aber die Behandlung ökonomischer Fragen 
über Saint-Simon hinaus; in scharf pointierter Weise greift Enf antin 
die klassische Nationalökonomie an, deren Ideal der wirtschaftlichen 
Freiheit er verwirft, und seine Kritik des Erbrechts führt ihn zu klar 
ausgesprochenen Forderungen sozialistischer Art. 

1826 stellte der „Producteur" sein Erscheinen ein; keineswegs jedoch 
wurde die Lehre des Meisters vergessen. Mitgerissen von der religiösen 
Strömung, die damals die Jugend Frankreichs ergriffen hatte, lenkten 
die Schüler ihre Aufmerksamkeit auf das „Neue Christentum", die letzte 
Schrift Saint-Simons, wodurch dann das reUgiöse Sehnen des ihm noch 
anhaftenden Charakters der Unbestimmtheit entkleidet wurde und sich 
den sozialen Tatsachen zuwandte: durch die neue Religion Saint-Simons 
sollte die geseUschsiftliche Wiedergeburt der Menschheit vorgenommen 
werden. Bazard, der ehemalige Carbonari, ein Mann von scharfem 
Verstand und tiefem Wissen, war es, welcher der schon der Auflösung 
entgegengehenden Schule neuen, erweckenden Geist einhauchte und, 
anknüpfend an Saint-Simon, jene Lehre schuf, die einen beherrschenden 
Einfluß auf den Sozialismus der kommenden Generationen ausgeübt hat 
Ihr allein, und nicht den Ideen Enfantins, die ohne irgend welche An- 
lehnung an Saint-Simon entstanden sind, haben wir unsere Aufmerksam- 
keit zu schenken*}. 

Die Krisis der modernen Gesellschaftsordnung. 
Zwei Heerlager sind es nach Bazard, die sich zu seiner Zeit schroff 
gegenüberstehen: auf der einen Seite die Befürworter der mittelalter- 

i) Oeuvres de Saint-Simon et d'Enfantin, Doctrine Saint-Simonienne, T. XLI et XLII. 



— 28l — 

liehen sozialen Ordnung, auf der anderen Seite jene zu Unrecht als 
fortschrittlich bezeichnete Partei, die an dem Sturze des alten Systems 
mitgewirkt hat Er nun, als der Nachfolger Saint-Simons, will den 
Frieden bringen durch Verkündigung einer Lehre, die den Kampf in 
jeder Gestalt verwirft Unbegrenzt wird ihr Herrschaftsbereich und 
ihre Wirksamkeit sein: in allen Ländern der Erde wird sie Eingang 
finden und alle Lebensäußerungen noch inniger durchdringen als dieses 
einst der Katholizismus in der Epoche seines Glanzes vermochte. 

Noch ist es nicht lange her, daß in Frankreich unter den heftigen 
Erschütterungen einer Revolution die alten Mächte, kraftlos wie sie 
waren und unlegitim, weil unfähig, den sozialen Anforderungen zu ge- 
nügen, zusammengebrochen sind Nichts hat sie ersetzt, und kaum ist 
die Notwendigkeit eines Wiederaufbaues der zerrütteten Zustände ge- 
würdigt worden. Der revolutionäre Geist herrscht noch, und das 
Phantom des Despotismus erschreckt die Gemüter. Man fürchtet daß 
mit einer Festigung des sozialen Daseins wieder jene Verhältnisse ein- 
treten könnten, die vor kurzem erst in blutigem Kampfe beseitigt 
worden sind. Ernsten Denkern freilich ist die wahre Lage der Dinge 
offenbar geworden. Sie fühlen, daß aus der sozialen Anarchie nur 
herauszukommen ist wenn wieder eine allgemeine Doktrin als alles 
beherrschende Lebensmacht ihren sozialisierenden Einfluß ausübt wobei 
sie freilich an der Möglichkeit einer solchen Lehre zweifeln. Für 
Bazard, dem die Geschichte der Menschheit als Lehrmeisterin dient, 
hat sich nicht nur die unbedingte Notwendigkeit sondern auch die 
Möglichkeit der Ghründung einer neuen Weltanschauung erschlossen. 

Eine neue Philosophie muß nach ihm entstehen, die freilich mehr 
sein muß als ein gymnastisches Gedankenspiel oder die kraftlosen spiri- 
tualistischen und moralistischen Träumereien und die subtilen Unter- 
suchtmgen über das Wesen der intellektuellen Fähigkeiten. Die wahre 
Philosophie umfaßt für ihn, den Schüler Saint-Simons, alle Äußerungs- 
formen der menschlichen Tätigkeit und ist die Führerin sowohl bei den 
individuellen als auch den sozialen Angelegenheiten. 

Bisher kennt die Menschheitsgeschichte nur zwei Zeitalter, in denen 
ein allgemeiner Ideenkreis die Gesellschaftsordnung sozialisiert hat; das 
eine gehört dem Altertum an, das andere ist das Mittelalter. Eine 
neue Epoche, die unter dem Gesichtspunkt der Ordnung und Einheit 
den eben erwähnten Stadien ähnlich ist wird die Zukunft bringen. 
Als eine Folge des Gesetzes der menschlichen Entwicklung wird sie 
sich mit unabwendbarer Notwendigkeit einstellen und die seit drei 
Jahrhunderten dauernde soziale Krisis ablösen. 

Auch Bazards Reformideen stützen sich wie die Saint-Simons 
auf geschichtsphilosophische Betrachtungen, die es ermöglichen, die 
Gegenwart in die Kette des historischen Ablaufes einzugliedern 



— 282 — 

und ihre chcirakteiistischen Merkmale als historisch bedingte aufzu- 
fassen. Solche geschichtsphilosophische Überlegungen zeigen nun, daß 
seit dem Niedergang der kirchlichen Grewalt, ein Prozeß, der durch 
die Reformation vornehmlich eingeleitet wurde, eine bis zur Anarchie 
sich steigernde soziale Zerklüftung eingetreten ist, die zwar heute nicht 
mehr zu revolutionären Ausbrüchen führt, aber immer noch in ihrer 
ganzen Stärke zur Geltung kommt: in einer völligen Disharmonie der 
Gefühle, Reflexionen und Handlungen. Ist es nicht eine Verblendung, 
einen solchen Zustand als das definitive soziale System und die höchste 
Stufe sozialer Vollkommenheit zu preisen, wie es die Apostel der Frei- 
heit tun, einen Zustand, der wohl den kritischen und revolutionären 
Idealen des vergangenen Jahrhunderts entspricht, aber trotz aller 
Menschen- und Bürgerrechte, die er bringen soll, die Menschheit dem 
Verderben entgegentreibt? Oder soll man sich etwa mit der Auf- 
fassung beruhigen, daß die soziale Unordnung nur vorübergehenden 
Ursachen entsprungen ist, oder etwa einen Ersatz für die sozialen Un- 
voUkommenheiten finden in den herrlichen Leistungen auf dem Gebiete 
der Wissenschaft und Industrie? Bei näherem Hinsehen freilich findet 
Bazard, wie wenig gerade der letzte Hinweis begründet ist Man 
nehme einmal die Wissenschaften: enthusiatisch feiert man die 
Fortschritte, die sie zu verzeichnen haben, und verächtlich blickt man 
auf die Vergangenheit mit ihrer Unwissenheit, von der die Wissen- 
schaften die Menschheit befreit haben. Es ist nicht zu leugnen, daß 
sie Großes geleistet: mit dem Experiment, dem Mikroskop hat man 
bisher unbekannte Kenntnisse zu Tage gefördert und eine große Menge 
wichtiger Ergebnisse gesammelt. Aber wer vermag sich in dieser v«*- 
wirrenden Mannigfaltigkeit der Tatsachen zurechtzufinden? Wo ist 
eine allgemeine Konzeption, die eine sinnvolle Anordnung der völlig 
zerstreuten wissenschaftlichen Errungenschaften ermöglicht, wo das 
Band, das die Unzahl der wissenschaftlichen Disziplinen zusammenhält? 
Kein philosophischer Gedanke systematisiert heute das ausgebreitete 
menschliche Wissen, die „Unordnung der Geister ist selbst in das 
Gebiet der Wissenschaften eingedrungen, so daß man sagen kann, daß 
sie das betrübende Bild einer völligen Anarchie darstellen". 

Auch die angeblichen Wunder der Industrie trüben den offenen 
Blick Bcizards nicht. Freudig erkennt er alle die im mühsamen 
Kampfe der spröden Natur abgerungenen Fortschritte an, unter 
denen er namentlich die Verwertung wissenschaftlicher Kenntnisse 
bei der Produktion wirtschaftlicher Güter hervorhebt Aber nicht 
darum handelt es sich für ihn, etwaige Fortschritte festzustellen. Das 
Kardinalproblem ist vielmehr dieses: zu sehen, „si la marche de 
rindustrie dans la voie des ameliorations ne pourrait pas 
etre beaucoup plus rapide qu'elle ne Test". Und da findet 



- 283 - 

er nun UnvoUkommenheiten in Hülle und Fülle. Bei der hohen Stufe 
wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit sollte für eine systematische 
Fruchtbarmachung der gewonnenen Ergebnisse für die Zwecke der 
ökonomischen Produktion gesorgt werden, mithin die Technik aus dem 
unfertigen Zustande eines systemlosen Experimentierens in einen solchen 
methodisch verbürgten Könnens übergeführt werden. Heute aber ist der 
Praktiker auf den Zufall individueller Leistungsfähigkeit angewiesen, und 
wenn sein oft beschwerliches Mühen von Erfolg gekrönt war, so sieht 
er sich meist der Früchte seiner Anstrengung beraubt oder infolge 
der Konkurrenz gezwungen, seine Entdeckung als Geheimnis zu be- 
wahren und monopolistisch zu verwerten. Und wenn nun tatsächlich 
trotz dieser Ungunst manches erreicht worden ist, man vergesse nicht 
die unendlichen Opfer, sei es an Geldmitteln oder an Kraft des Geistes, 
die aufgewendet worden sind. Weiterhin aber : ist es nicht schmerzlich, 
sehen zu müssen, wie die Pfadfinder auf dem Gebiete ökonomischen 
Fortschritts nur in den seltensten Fällen den verdienten Lohn erhalten ? 
Wie die Wissenschaft so entbehrt auch das Wirtschafts- 
leben einer Organisation: isolierte Individuen stehen sich gegen- 
über, deren ganzes Tun vom Egoismus beherrscht ist Der Industrielle 
kümmert sich wenig um die Angelegenheiten der Gemeinschaft; seine 
Famiilie, seine Produktionsmittel, sein persönliches Glück: das ist seine 
Menschheit, sein Universiun und sein Gott Er erblickt in allen denen, 
die ähnlichen Zielen wie er zustreben, seine Feinde, die zu vernichten 
für ihn Glück und Ruhm bedeutet Und wie stellt sich die Wissen- 
schaft nun zu diesen Schäden? Laissez faire, laissez passer, dieses ist das 
trostlose Heilmittel, das die Nationalökonomen dem kranken sozialen 
Körper verschreiben, als ob es möglich wäre, gleichsam mit einem ein- 
zigen Federzug die verwickelten ökonomischen Fragen zu lösen. Das 
persönliche Interesse soll als Regulator der sozialen Verhältnisse dienen, 
und in der Tat ist die Freiheit der Ökonomen in England und Frank- 
reich verwirklicht Nun betrachte man einmal, zu welchen Folgen sie 
geführt hat Jeder Unternehmer, ganz auf sich selbst gestellt, ohne 
anderen Leitstern als seine persönlichen Beobachtungen, die immer, so 
sehr auch seine Beziehungen ausgedehnt sind, unvollkommen sein 
müssen, geht darauf aus, sich nach eigenem Gutdünken über die 
Wirtschaftsbedürfnisse zu unterrichten. Erfährt er, daß irgend ein 
Produktionszweig Aussicht auf Erfolg eröffnet, so widmet er alle 
seine ICraft und seine Kapitalien dem neuen Unternehmen. Und die 
Ökonomen zollen dieser überstürzten Hast, in der sich die wirtschaft- 
lichen Vorgänge abwickeln, ihren Beifall, werde dadurch doch be- 
wiesen, daß das Prinzip der Konkurrenz überall zur Anwendung 
gelangt Seltsame Täuschung! Denn was ist der endliche Erfolg 
dieses Kampfes auf Leben und Tod? Wenige Glückliche gehen als 



- 284 - 

Sieger hervor, wahrend die Mehrzahl in dem unorganisierten Ringen 
ihren Untergang findet Diese wirtschaftliche Anarchie äußert sich in 
unzähligen Katastrophen, in Handelskrisen namentlich, welche die Folge 
einer Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts, des Mißverhältnisses 
zwischen Produktion und Konsiuntion, sind und die Spekulanten und 
alle Welt in Verwirrung bringen. 

Mithin ist das Ergebnis der ökonomischen Freiheit in keiner Weise 
die soziale Eintracht, und ihre Durchführung bringt dem Gemeinwesen 
mehr Schaden als Gewinn. Am meisten leidet unter der modernen 
Wirtschaftsverfassung aber der Arbeiter. Man nehme untör tausend 
Fällen einen an. Man führt im Interesse der Allgemeinheit Dampf- 
maschinen ein; aber vermag denn auch der Arbeiter, der lediglich 
von der Kjaft seiner Hände lebt, seine Stimme hinzuzufügen? Nun 
weist m£in auf die Einführung der Buchdruckereien hin, die heute weit 
mehr Menschen beschäftigen, als es ehedem Kopisten gab, und folgert 
daraus, daß schließlich ein Ausgleich zwischen dem Mißverhältnis von 
Arbeitsangebot und Nachfrage stattfände. Wunderbare Schlußfolgerung, 
ruft Bazard aus, und bis dieser Ausgleich sich vollzogen hat, wie steht 
es mit den tausend verhungerten Menschen? Würden sie in solchen 
Deduktionen ihren Trost finden und geduldig ihr Elend a\if sich nehmen, 
weil ihnen die Statistik beweist, daß sie nach einer gewissen Anzahl 
von Jahren wieder mit Brot versorgt würden? 

Auch auf dem Gebiete der Kunst, die dazu bestimmt ist, den 
tiefsten Regungen des menschlichen Herzens Ausdruck zu verleihen, 
findet Bazcird bedenkliche Symptome des universellen sozialen Ver- 
falls vor. Wenn die Kunst dazu berufen ist, dem Menschen die Be- 
geisterung für die Allgemeinheit einzuflößen, ihn anzuspornen, seine 
persönlichen Interessen der Wohlfahrt aller unterzuordnen, so erfüllt 
sie heute nur in geringem Maße diese ihre edle Mission. Wohl 
hat man den Niedergang des künstlerischen Schaffens erkannt, aber 
keineswegs mit diesem Zugeständnis zugleich auf den überall entgegen- 
tretenden Mangel sozialer G^fühlswallungen hingewiesen, der sich eben 
am klarsten in der Beschaffenheit der künstlerischen Leistungen aus- 
drückt Aus einem Mittel zur Auslösung zärtlicher, hingebender Ge- 
fühle ist sie zu einem Objekt lediglich der Belustigung geworden, 
und das Vorwiegen antisozialer Neigungen findet seinen bezeichnenden 
Ausdruck in der Elegie und Satire. Wenn man seinen Blick auf 
die Epochen des Altertums wirft, die kraft des Vorherrschens eines 
allgemeinen sozialen Zwecks ein einheitUches Gepräge besaßen, wie 
es der heutigen Gesellschaftsordnung abgeht, so wird man finden, daß 
auch die Kunst in ihrer Tendenz durchaus sozial gewandt, keine 
Kunst des Egoismus war, wie es die moderne ist Damals wurden 
die zum Unterhalt nötigen wirtschaftlichen Güter durch Sklavenarbeit 



- 285 - 

geschaffen, und der Krieg wcir das einzige Mittel, um Sklaven in der 
benötigten Anzahl zu erwerben. Der Koieg stand deshalb im Mittel- 
punkt aller Interessen, und die Vaterlandsliebe, die den Haß gegen 
den Fremden in sich schloß, war zu einer alles bezwingenden Leiden- 
schaft geworden. So wird man sich nicht wundem, daß in dieser Zeit 
eines, einem gleichen Ziele zugewandten Enthusiasmus die Kunst von 
mächtiger, sozialisierender Wirkung war. 

Auch im Mittelalter, wo eine einheitliche Weltanschauung dem 
Überwuchern selbstsüchtiger Bestrebungen einen Damm vorsetzte, 
waren die Gefühle sozialer Solidarität groß. In dem kurzen Zeitraum 
von zwei Jahrhunderten wurden dank einer allgemeinen Begeisterung, 
die die Menschen ergriffen hatte, acht Kreuzzüge unternommen, die 
ein Werk der Aufopferung darstellen, das durchzuführen heute un- 
möglich wäre. Während damals also der Glaube zu selbstlosen Taten 
aneiferte, herrscht heute Glaubenslosigkeit und in ihrem Gefolge grenzen- 
lose Selbstsucht, welche Gefühle der Zusammengehörigkeit Aller nicht 
aufkommen läßt. Und ein getreues Spiegelbild dieser sozialen Zer- 
rissenheit ist eben die Kunst. Der Dichter ist nicht mehr der göttliche 
Sänger, der Führer der Menschen, der sie anspornt zu gemeinnützigem 
Vollbringen, mit der Geißel der Satire vielmehr hat er sich bewaffnet, 
seine Aufgabe darin erblickend, Haß und Mißtrauen zu säen, nicht 
Eintracht. Weitabgewandt besingt er den Zauber der Einsamkeit imd 
verirrt sich in den vagen Regionen seiner Träumereien, und mit Ver- 
zweiflung endet er. Bald aber verschließt sich das menschliche Herz 
— das hat die Geschichte der letzten Jahre gezeigt — auch diesen 
Einflüsterungen, und das gemeine Streben nach Gewinn ist es, das 
sich verderbenbringend in die menschliche Brust einnistet. Als es 
galt, dsis heute vorhandene politische System zu verteidigen, da haben 
die Kritiker der alten Ordnung nicht die Dichter, Maler und Musiker 
zu Hilfe gerufen, sondern sich durch den Appell an die Selbstsucht 
Gehör verschafft: durch den Hinweis nämlich, daß die Fortdauer der 
alten Verhältnisse eine Gefährdung der Vermögen mit sich bringe. 
Und als die Freiheit der Presse angegriffen worden ist, dieses Palladium 
aller Freiheiten, wie man sie genannt hat, da sind es nicht sittUche 
Erwägungen gewesen, die zum Widerstand ermunterten, sondern man 
hat petitioniert im Interesse der Drucker, der Papierfabrikanten und 
der Buchhändler. 

Auch das Gefühl individueller Solidarität schwindet, wenn die 
Bande sozialer Zusammengehörigkeit gelockert sind. Oder weiß nicht 
jedermann, was eine vernünftige Heirat und was eine unvernünftige 
bedeutet? „Arme junge Mädchen", ruft Bazard, überleitend zu dem 
Problem der Familie, aus, „man führt euch zur Verschacherung 
gleich Sklaven; man schmückt euch bei festlichen Angelegenheiten 



— 286 — 

um euch dadurch den Anschein eines besonderen Wertes zu geben; 
und ohne Scham vindiziert euch bei dem Handel, der mit euch ge- 
trieben wird, eure Mutter Reize, um den unwürdigen Gatten, der euch 
kauft, mit einer etwas geringeren Mitgift zufrieden zu stellen. Zweifellos 
gibt es Menschen, die diesen niedrigen Handel verabscheuen, aber sie 
sind selten, und die Welt lacht über sie." 

Der Egoismus ist es also, der den Gesellschaftskörper zerfleischt 
und die Nationen und Individuen in einen Zustand ewigen Kampfes 
versetzt hat. Es wäre ein traiuiges Geschick, das der Menschheit be- 
schieden wäre, müßte sie in dieser Lage ewig verharren, wie es eine 
politische Richtung, die blind den sozialen Mißständen gegenübersteht, 
verlangt Diese hat die Freiheit proklamiert und damit die alte soziale 
Ordnung, die nicht mehr existenzfähig Wcir, zertrümmert Das war 
notwendig und berechtigt. Aber mit der rücksichtslosen Durchführung 
dieser Freiheit hat man jene sozialen Leiden in die Welt gerufen, die 
wir soeben kennen gelernt haben. Indem man gleichsam ein Minus- 
zeichen vor die Formel des alten Gesellschaftssystems setzte, glaubte 
man, das schwierige soziale Problem lösen zu können: und man hat 
nichts als eine soziale Anarchie hervorgerufen. Als der Weisheit 
letzter Schluß wurde der Konstitutionalismus angepriesen, eine rein poli- 
tische Reform also, die, auch wenn sie vervollkommnet werden sollte, 
nur eine vorübergehende Bedeutung haben kann. Gewiß kommen den 
Anhängern dieser Richtung in Ansehung der kräftigen Abwehr gegen- 
über den reaktionären Bestrebungen Verdienste zu, aber eine Reorganisa- 
tion der Nationen ist von ihrer Seite nicht zu erwarten. „Denn in der 
Kritik wohnt keine andere Kraft als die der Zerstörung, und die Kritik 
hat ihre Mission heute erfüllt" Die Zeit naht, wo die Nationen das 
Banner eines nur Verwirrung bringenden Liberalismus im Stiche lassen 
und in einen Zustand des sozialen Friedens eintreten werden. 

Die Geschichte als Wissenschaft 
Auch Bazards soziale Reformen wollen wie die Saint-Simons kein 
Phantasiegebilde eines menschenfreundlichen Schwärmers sein, sondern 
die Möglichkeit und Notwendigkeit ihrer Durchführung soll, wie schon 
erwähnt, aus dem Stufengang der Menschheitsentwicklung erschlossen 
werden. Gleich Saint-Simon ist ihm der Ablauf der historischen Er- 
eignisse kein sinnloses chaotisches Auswirken eines unentwirrbaren 
Kräftespiels, vielmehr herrscht im geschichtlichen Dasein, ähnlich wie 
im Bereiche des natürlichen Geschehens, eine durchgängige Regel- 
mäßigkeit 

Von solcher Erkenntnis ist allerdings die zeitgenössische Geschichts- 
schreibung noch weit entfernt Nicht das menschliche Geschlecht in 
seiner Gesamtheit bildet das Objekt ihrer Untersuchung, sondern viel- 



- 287 - 

mehr die Individuen, so daß die so aufgefaßte Geschichte weiter nichts 
als eine ungeheure Ansammlung von Tatsachen und Beobachtungen 
darstellt. In diesem „cirsenal en desordre" figuriert der Mensch als ein 
abstraktes Wesen, losgelöst gleichsam von den Kollektiverscheinimgen, 
die dem Historiker allein wertvoll sind. Man spricht wohl von einem 
historischen Fortschritt, der sich im Laufe der Zeit vollziehe, aber ver- 
mag man denn auch die Reihe der den Fortschritt bezeichnenden histo- 
rischen Glieder in ihrer festen Verkettung bloßzulegen? So wird dem 
Zufall eine große, ja überwiegende Bedeutimg bei der Interpretation 
der historischen Tatsachen beigelegt, tiefgreifende Wandlungen be- 
trachtet man als bedingt durch eine zufällige Verursachung, sei es, daß 
unvorhergesehen ein genialer Mensch erstanden, sei es, daß unerwartet 
eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht worden sei. „Man sieht 
nicht, daß diese Tatsachen die Folgen des Zustandes der Gesellschaft dar- 
stellen, dem sie notwendigerweise entsprungen sind; man sieht nicht, daß 
jede Entwicklungsreihe das unerläßliche Ergebnis früherer Entwicklungs- 
momente, jeder neue Schritt das Ergebnis einer vorausgegangenen 
Stufe ist" Nach Bazard muß die Geschichte, soll ihr irgend welcher 
wissenschaftliche Wert zukommen, mehr als eine Sammlung willkür- 
lich aufgeraffter Phänomene sein: ist die Menschheit, wie Saint-Simon 
gelehrt, ein sich stetig entwickelndes Kollektivwesen, so darf die Ge- 
schichte nichts anderes sein als „un tableau succesif des etats physiolo- 
g^ques de Fespece humaine, consider6 dans son existence collective; 
eile constitue une science qui prend le caractere de rigneur des sciences 
exactes". Mithin sind es nicht irgendwelche beliebige Handlungen 
einzelner Menschen, denen der Historiker seine Aufmerksamkeit zuzu- 
wenden hat, sondern nur die charakteristischen Teilinhalte des kulturellen 
Lebens interessieren ihn, Kunst, Wissenschaft und soziale Ökonomie. 
Die Gesetze ihrer Entwicklung gut es festzustellen, unter Außeracht- 
lassung alles Nebensächlichen, und nur wenn die zu Gesetzmäßigkeiten 
sich verdichtenden Regelmäßigkeiten des historischen Geschehens ent- 
hüllt sind, vermag die Geschichte ihre erhabene Bestimmung zu er- 
füllen: den Nachweis auch der künftigen Entwicklungstendenz der 
menschlichen Gesellschaft. Dann leistet die Geschichte, was die posi- 
tiven Wissenschaften, die Astronomie beispielsweise, schon längst leisten : 
die praktisch nützliche Voraussage des erst Werdenden. So hat 
auch die Bazardsche soziale Ordnung der Zukunft nichts 
mit den rationalen Gesellschaftssystemen desUtopismus 
gemein, und man lasse sich dciran nicht irre machen, daß er seine 
Forschungsmethode einmal „une methode purement rationelle" nennt, 
soll sie ihm doch dazu dienen, „die Zukunft zu erweisen als not- 
wendige Folge der heute vorhandenen Fortschritte". Diese Voraussicht 
des Zukünftigen erstreckt sich natürlich nicht etwa auf alle Einzelheiten, 



— 288 — 

sondern nur auf das Wesentliche seiner Eigenart, und ihre praktische 
Bedeutung beruht darin, daß sie die Menschen in den Stand setzt, im 
Sinne der durch den Gang des geschichtUdhens Geschehens vorge- 
zeichneten Entwicklungsrichtung die Heraufführung des Kommenden 
zu beschleunigen. 

Das Schema der Menschheitsentw.icklung. 

Ziun Zwecke einer konstruktiven Anordnung der historischen 
Phänomene bedient sich Bazard der Saint-Simonschen Einteilung der 
Geschichte in organische und kritische Zeiten. Zu der ersten Art ge- 
hört die Periode der Blüte des griechischen und römischen Polytheismus, 
die sich bis zu Perikles und Augustus erstreckt, dann das katholische 
und feudale System des Mittelalters. Als kritische Zeit gilt ihm jene 
Stufe, die sich zwischen die Herrschaft des Polytheismus und des 
Christentums einschiebt, außerdem die ganze mit der Reformation 
Luthers beginnende Neuzeit. 

Die organischen Zeitalter zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen 
die Zielrichtung der sozialen Tätigkeit eine fest umgrenzte ist In 
allem, was unternommen wird, dient ein einheitlicher sozialer Zweck 
als leitender Gesichtspunkt, und die führenden Geister stehen an der 
Spitze der sozialen Angelegenheiten: es herrscht Legitimität, Sou- 
veränität und Autorität im wahren Sinne des Wortes, Eintracht in allen 
gesellschaftlichen Beziehungen. Die Erziehung und Gesetzgebung dienen 
der Aufrechterhaltung und der Kräftigung der vorhandenen innigen 
sozialen Lebensgemeinschaft und unterdrücken die gefahrdrohenden 
individuellen Willensregungen. Als höchste organisierende Macht aber 
wirkt in diesen glücklichen Zeiten der Menschheitsgeschichte die Reli- 
gion, welche die bestehenden Verhältnisse als gottgegeben sanktioniert 
und durch ihren Kultus alle Volksglieder, die Schwachen wie die 
Mächtigen, zu einer festen sozialen Einheit zusammenfaßt: es sind 
Zeiten ausgesprochener Religiosität, der Herrschaft eines allgültigen 
religiösen Prinzips sozialisierender Kraftentfaltung. Auch das vor- 
handene empirische Wissen befindet sich im Einklang mit dem reli- 
giösen Dogma, so daß das Leben in allen seinen Teilen, in sozialer, 
religiöser, intellektueller und, wie wir schon wissen, auch in künstlerischer 
Beziehung das Gepräge vollkommener Einheit trägt 

Wie ganz anders nun nehmen sich die kritischen Zeiten aus. 
Man könnte sie, gemäß der Intensität, mit der die neu entstandenen 
Antriebe des Handelns zur Geltung kommen, in zwei Abschnitte zer- 
legen: den ersten füllt das Werk der Zerstörung der geschichtlich ge- 
wordenen Gesellschaftsordnung aus, indem gewisse soziale Grruppen zu 
einer allseitigen Kritik des Bestehenden schreiten : eine Zeitlang macht- 
los gegen die sich mit allen Mitteln wehrenden alten Mächte an- 



— 289 — 

kämpfend, aber zuletzt in kraftvollem, haßerfülltem Ansturm den Sieg 
erringend Ein riesiges Zerstörungswerk wird so vollbracht: die Gresell- 
schaft gleicht einer Ruina Die Individuen, zuerst noch zusammen- 
gehalten durch den gemeinsamen Gregensatz gegen das überlebte 
System, zerbröckeln nach dessen Sturz in lauter Atome und geben sich 
der Verfolgung lediglich selbstsüchtiger Zwecke hin. Das zweite 
Stadium ist mithin eingetreten, das Stadium der sozialen Anarchie. 
Alle Bande sozial kräftigender Wirksamkeit sind gesprengt, der Ge- 
meinsinn ist gewichen, ohne irgendwelche Regelung wickelt sich das 
soziale Getriebe ab, überall herrscht Unsicherheit, einem schwankenden, 
wirren Wogenmeer gleicht das soziale Leben. Die Autoritäten sind 
gestürzt, und führerlos treibt alles, geleitet nur von dem Antrieb grenzen- 
loser Selbstsucht, ungewissen Zielen entgegen. Zwietracht herrscht mm 
zwischen den Regierenden und den Regierten, Zwietracht überhaupt 
zwischen allen Volksgliedem. Der Glaube, ehedem die Quelle sozialer 
Harmonie und individuellen Glücks, schwindet immer mehr, und alles 
benagende Skepsis beherrscht die Gemüter. Eine Menge von Systemen 
entsteht, die darauf hinausgehen, den alten Glauben zu unterwühlen, 
während die wissenschaftlichen Errungenschaften jeder systematischen 
Verknüpfung ermangeln. 

Diese kritischen Epochen jedoch, so betrübende Begleiterscheinungen 
des sozialen Lebens sie darstellen, erfüllen eine unerläßliche Vorbedingung 
für den Fortschritt der Kultur, indem in ihnen das Daseinsrecht der 
außerhalb der alten Organisation entstandenen sozialen und intellektuellen 
Mächte erkämpft und dadurch die Möglichkeit gegeben wird, eine 
soziale Neuordnung auf lebenskräftiger Ghrundlage der Zivilisation zu 
vollziehen. 

Der Fortschritt der Kultur, wie er sich im Gefolge des Ablaufs 
der organischen und kritischen Epochen einstellt, zeigt sich darin, daß 
immer größere Kreise der Menschheit zu einer einheitlichen Kultur- 
gemeinschaft zusammengeschlossen werden und der soziale Antagonismus 
der einzelnen Gruppen wie der Völker vermindert wird. Je weiter man 
in die Vergangenheit zurückgeht, um so enger begrenzt ist die Sphäre 
gesellschaftlicher Assoziation, und um so weniger gefestigt sind diese 
Assoziationen. Zuerst leben die Menschen familienweise zusammen, und 
auch heute noch gibt es Völker, bei denen Gemeinschaftsbeziehungen nur 
innerhalb der Familie obwalten. Später schließen sich dann die Familien 
zusammen zu Gebilden höherer Odnung, der „cit6". Diese wiederum 
geben im weiteren Fortgang der Entwicklung die Ghrundlage ab für 
die Entstehung einer Nation, bis schließlich die Nationen selbst aus 
ihrer Isoliertheit heraustreten und sich zu einem Gresamtverbande ver- 
einigen. Dieser Stufengang stetiger Ausweitung der Assoziation ist 
von heftigen Kämpfen begleitet, die sich zuerst zwischen den einzelnen 

Mnckle, H«iiri de Saint-Simon. I9 



— 290 — 

Familien abspielen, dann zwischen den Gemeinwesen, schließlich zwischen 
den Nationen. 

Auch innerhalb dieser Verbände selbst sind oft schroffe, zum Aus- 
bruch gelangende Gregensätzlichkeiten vorhanden, so daß die Vergangen-- 
heit das Schauspiel eines ewigen Kampfes darbietet Selbst im Mittd- 
alter, das sich durch eine bis dahin nie erreichte Festigkeit der sozialen 
Organisation auszeichnet, ist eine gewisse soziale Zerrüttung bemerkbar, 
die sich einmal in dem Gregensatze zwischen der geistigen und welt- 
lichen Gewalt ausspricht, dann auch in den Zwistigkeiten, die selbst 
unter den Klerikern vorhanden wau-en. 

Die Ursache des Antagonismus liegt in der Herrschaft der physischen 
Gewalt begründet, deren charakteristische Folgeerscheinung die „exploi- 
tation de ITiomme par Fhomme" ist. Diese ist das am meisten hervor- 
stechende Phänomen der Menschheitsentwicklung. In der Zeit der 
Wildheit ist die Herrschaft der physischen Gewalt am brutalsten: der 
Stärkere vernichtet den Schwächeren. Später verschont der Sieger den 
Unterworfenen vom Tode, macht ihn zu seinem persönlichen Eigentum 
und nützt seine Arbeitskraft aus. Der Unterworfene wird zum Sklaven. 
Ein ungeheurer Fortschritt ist dadurch erzielt Gewiß ist das Schicksal 
des Sklaven ein hartes: unbeschränkt herrscht sein Besitzer über ihn, 
er hat keine Rechte, nicht einmal das Recht zu leben, keinen Namen, 
keine Familie, kein Eigentum, und weder das Mitidd des einzelnen 
noch die Religion der Gemeinschaft erbarmt sich seiner. Hinabgestoßen 
ins Elend, ist er dazu verdammt, Zeit seines Lebens in diesem Zustande 
zu verharren. Im Laufe der Geschichte bessert sich das Los des Sklaven: 
die Gesetzgebung schreitet ein, ihn aus seiner bloß pcissiven Rolle zu 
befreien. Es entsteht die Klasse der Plebejer, die zwcir den Patriziern 
Untertan sind, aber doch schon eine höhere Stufe der Lebensführung als die 
Sklaven einnehmen. Unter Umständen können sie Eigentümer werden 
und selbst eine Familie gründen. Das Christentum trägt dann in bedeut- 
samem Maße zur Besserung der Lage der Unterdrückten bei. Als es 
den Westen eroberte, war die Sklaverei schon beträchüich gemildert: 
aus dem Sklaven ist ein „serf" geworden, der nicht mehr direktes 
Eigentum des Herrn ist, sondern an die Scholle gebunden ist Ein 
Teil seines Arbeitsertrages fällt ihm selbst zu, er kann eine Familie 
gründen und steht unter dem Schutze der Gesetze, vor allem der Religion. 
Ist doch nach dem Evzmgelium der Arme geradezu der Auserwählte 
GtJttes. Allmählich erfolgt die Lösung aller Bande zwischen dem Herrn 
und dem Hörigen, der letztere erlangt die Freiheit, er wird zum Arbeiter. 

Die Lage der arbeitenden Klasse in der Gegenwart 
Das Kennzeichen des modernen Arbeitsverhältnisses besteht darin, 
daß der Arbeiter nicht mehr kraft der Herrschgewalt des Arbdtsherm 



— 2gi — 

zur Arbeit gezwungen ist, sondern daß die Arbeitsbedingungen durch einen 
jEreien Vertrag festgelegt werden. Aber ist denn dieser Arbeitsvertrag 
auch ein freier vom Standpunkt des Arbeiters aus? Kann er bestimmte 
Forderungen, etwa in Bezug auf die Höhe des Lohnes, dem Unter- 
nehmer gegenüber zur Geltung bringen? Es ist nicht so. Der Unter- 
nehmer ist es, der die Arbeitsbedingungen diktiert Ist doch der Ar- 
beiter, der über nichts als seine Arbeitskraft verfügt, will er sich nicht 
dem Hungertode ausliefem, einfach zur Arbeit gezwungen. Damit ist 
auch heute noch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, 
freilich nicht mehr in der brutalen Form früherer Epochen, in weit- 
ausgedehntem Maße vorhanden, denn die Besitzlosen sind es, die den 
größten Teil der Volksglieder umfassen. Was nützt es dem Arbeiter, 
daß die politischen Konstitutionen der neueren Zeit die Vorrechte der 
Geburt abgeschafft haben, wenn ihm die Möglichkeit eines, seinen 
Fähigkeiten entsprechenden Aufstiegs in eine höhere soziale Rangstufe 
verschlossen ist? Denn die Klassen der Nation, die Besitzenden auf 
der einen, die Besitzlosen auf der anderen Seite, sind scharf voneinander 
getrennt, und von einem Ausgleich der Gegensätze ist keine Rede. So 
erben sich die durch die soziale Lage des dnzelnen begründeten Vor- 
züge oder Nachteile fort, und die Existenz der Klasse der Besitzlosen, 
von der die Ökonomen wohl wissen, ist der schlagendste Beweis für 
das von Generation zu Generation sich fortpflanzende Elend, für die 
,Ji6redite de la misere". Eine wenig zahkeiche Schicht ist es, die, aus- 
gestattet mit dem Monopol des Reichtums, das ihr durch eine auf 
physische Gewalt beg^ndete Gesetzgebung gewährleistet wird, die 
arbeitende Klasse sich dienstbar macht, so daß diese heute einer öko- 
nomischen, intellektuellen und moralischen Auswucherung gleichsam 
verfällt Kaum genügt der Lohn, um das nackte Leben zu fristen. 
Und stürzt sich der Arbeiter nicht ins Elend, wenn er etwa dazu 
schreitiet, sich zu verehelichen? Ist ihm die Möglichkeit gegeben, 
von des Lebens Notdurft immerdar geplagt, sich geistig fortzubilden, und 
wenn, was zwar selten ist, intellektuelle Bedürfnisse erwachen, wer liefert 
ihm die Mittel, sie zu befriedigen, wer übermittelt ihm wissenschaftliche 
Kenntnisse und wer vernimmt und fördert etwaige edle Regungen seines 
Herzens? Niemand kümmert sich um ihn, und intellektuelle und morali- 
sche Verblödung ist die unvermeidliche Folge, zu der sein physisches 
Elend führt 

Mithin ist das auf wenige beschränkte Privateigentum die Quelle 
alles sozialen Elends. Zwar werden auch die Industriellen, die Leiter 
der Unternehmungen, gemeinsam mit dem Arbeiter ausgebeutet, freilich 
in viel geringerem Grade; denn auch ihnen fällt ein Anteil des Privilegs 
der Exploitation zu, so daß diese in ihrer ganzen Wucht auf der 
arbeitenden Klasse lastet. Ist es dieser traurigen Tatsache gegenüber 

19* 



— 292 — 

nicht eine grausame Ironie, wenn die Privilegierten mit Wohlgefallen 
die Fortschritte der Freiheit aufzählen und die Masse für ihre sozialen 
Ideale zu gewinnen suchen? Unmöglich also kann der heutige soziale 
Zustand mit seiner entmenschenden Wirkung auf die arbeitende Klasse 
das Endglied der Zivilisation sein, er wird und muß verschwinden, soll 
nicht das Elend die ewige Bürde des arbeitenden Volkes sein. 

Die Produktionsorganisation der Zukunft 
Wenn das Eigentumsrecht, das die Übertragung individuellen Be- 
sitztums innerhalb der Familie durch Vererbung gestattet, es ist, das 
die Ausbeutung des Arbeiters mit sich bringt, so kann letztere nur 
durch eine Änderung der modernen Eigentumsordnung aufgehoben 
werden. Im vollen Bewußtsein des Gregensatzes seiner Anschauimgen 
zu den Dogmen der liberalen Schule begründet Bazard dieses sein 
sozialistisches Postulat im Anschluß an Saint-Simon folgendermaßen: 
man hat, erklärt er, das Eigentum als die Grundlage der sozialen Ord- 
nung bezeichnet und erweisen wollen, daß seine Unveränderlichkrit mit 
der Natur des menschlichen Wesens übereinstimmt Aber appelliert 
man denn an diese natürliche oder gar göttliche Sanktion zu einem 
anderen Zwecke, als um damit der vorhandenen sozialen Organisation 
eine höhere Weihe zu geben, sie gleichsam heilig zu sprechen, und um 
dadurch jede Reform zu verhindern? Auch das Eigentum ist, wie 
jede andere soziale Tatsache, kein starres, alle Zeiten hindurch gleich- 
bleibendes Gebilde, sondern als gesellschaftliches Entwicklungsprodukt 
stetem Wechsel unterworfen. „La propriete est un fait social, soumis, 
comme tous les autres faits sociaux, a la loi du progres; eile peut 
donc, ä diverses epoques, etre etendue, definie, r6gl6e de diverses 
manieres." Diese Änderung in der Gestaltung des Eigentums läßt sich 
historisch durchaus nachweisen. In der Frühzeit der Menschheits- 
entwicklung umfaßt der individuelle Besitz sowohl Sachen als auch 
Menschen. Die Sklaven gehören dem Herrn in derselben Weise wie 
die materiellen Güter an, ja sie machen den wichtigsten Bestandteil 
seines Besitztums aus. Dem Sklavenbesitzer steht schrankenlose Ver- 
fügungsgewalt über den Sklaven zu, aber im Laufe der Zeit werden 
seinen Machtbefugnissen Grenzen gezogen. Der Sklave wird immer 
mehr vor Mißbrauch geschützt, bis schließlich durch moralische und 
gesetzliche Sanktion das Eigentumsrecht an Menschen unmöglich ge- 
macht wird. Auch die Übertragungsarten des Eigentums haben 
mannigfache Wandlungen durchgemacht Ursprünglich konnte der 
Eigentümer mit seinem Besitze schalten und walten, wie es ihm be- 
liebte. Er konnte seine Familie enterben, wenn er wollte, und einzelne 
Familienglieder willkürlich bevorzugen oder benachteiligen. Späterhin 
wurde dann durch gesetzliche Intervention der männliche Erstgeborene 



— 293 — 

als alleiniger Erbe erklärt und schließlich beim Erbgang die gleiche 
Teilung der Vermögen erlaubt. 

Im Hinblick auf diese geschichtlich erwiesenen Tatsachen ver- 
mögen also das Dogma der Unveränderlichkeit des Eigentumsrechts 
und die Versuche, die historisch gewordenen Eigentumsverhältnisse 
der Gegenwart als ihre endgültige Konstituierung zu erweisen, in 
keiner Weise stand zu halten. In der Tat sind heute schon Anzeichen 
vorhanden, die eine baldige Reform des Eigentums anzeigen: eine 
Gestaltung des Eigentumsrechts zu Gunsten des Ar- 
beiters. Bazard glaubt nämlich eine stetige Verminderung der 
sozialen Macht, die der individuelle Besitz verleiht, feststellen zu können : 
das Privileg, eine Prämie von der Arbeit eines andern zu erheben, wie 
es der Besitz in sich schließt, verliert immer mehr an Bedeutung, indem 
der Zins und die Pacht sich unaufhörlich verringern. Das Verhältnis 
zwischen dem Eigentümer und Kapitalisten einerseits, dem Arbeiter 
andererseits hat sich so zu Gunsten des letzteren verschoben, das will be- 
sagen, das Vorrecht, ein Leben des Müßiggangs zu führen, ist immer 
mehr im Schwinden begriffen. Während bisher der Besitz auf Gewalt 
begründet war — man beachte die Übernahme dieser Auffassung Saint- 
Simons von selten Bazards — geht die Entwicklungstendenz dahin, die 
Arbeit zu der einzigen Queue des Besitzes zu machen, und Bazard 
unternimmt es, die nach ihm historisch begründete Reform des Eigen- 
tums näher auszuführen. 

Das Eigentum setzt sich zusammen „aus Reichtümern, die nicht zur 
sofortigen Konsumtion bestimmt sind, und die ein Anrecht auf eine 
Revenue geben. Es umfaßt mithin Grund imd Boden und die Kapi- 
talien", die Produktionsmittel. Die Eigentümer und die Kapitalisten 
werden die „depositaires des instruments de travail" genannt, deren 
Funktion darin besteht, die Produktionsmittel den Arbeitern zu über- 
lassen, die dafür Zins oder Pacht bezahlen. Diese Bestimmungen zeigen, 
daß auch Bazard so wenig wie Saint-Simon den Klassen- 
gegensatz zwischen Unternehmertum und Arbeiter- 
schaft kennt. Er sieht, wie Saint-Simon, das Elend des Proletariats, 
aber er führt dieses nicht auf die Ausbeutung des Arbeiters durch die 
Unternehmer zurück, wie es spätere Sozialisten getan haben, sondern 
Arbeiterschaft und Unternehmertum bilden nach ihm eine ungeschiedene 
soziale Gruppe, die zufolge der Gegensätzlichkeit zu den von feuda- 
listischem Geiste durchtränkten Eigentümern und Kapitalisten, den 
Müßiggängern, durch ein gemeinsames Interesse zusammengehalten 
wird. Denn nach der Befreiung der Kommunen, so lehrt Bazard, blieb 
der größte Teil der Produktionsmittel im Eigentum der alten Herren, 
so daß die Ausbeutung der industriellen Klasse sich noch 
weiter fortsetzte, sei es in der Form der Erhebung feudaler Abgaben, 



— 294 — 

sei es, wie es heute der Fall ist, durch Erhebung von Zins oder Pacht 
für die Überlassung des Kapitals und des Grundes und Bodens. „Apres 
Taffranchissement, le fonds de la production materielle restant en presque 
totalite la propriete des anciens maitres, on voit Texploitation de la 
claisse industrielle se continuer, soit par des redevances feodcdes, soit 
principalement sous les formes diverses que prend successivement le 
loyer des Instruments de travail, terres et capitaux, formes sous les- 
quelles cette exploitation se continue encore aujourd'hui." 

Wie können nun die Mängel der heutigen Eigentumsordnung, die 
dank ihrem feudalen Ursprung die Bildung des arbeitslosen Ein- 
kommens und demzufolge die Ausbeutung der Arbeitenden ermöglicht, 
beseitigt werden? Dadurch, daß der Staat, nicht mehr die Einzelper- 
sönlichkeit zum alleinigen Erben der „fonds de production" eingesetzt 
wird. In Zukunft wird der Staat, das bezeugt Bazard die von ihm ent- 
deckte historische Entwicklungstendenz i), eine Assoziation der Arbeiter 
bilden und als solche jedes Privilegium der Geburt, mithin auch das 
Vorrecht des durch Vermögensbesitz gestatteten Müßigganges be- 
seitigen. Nicht ist es das Eigentum an und für sich, das Bazard be- 
kämpft, sondern das geschichtlich durch Anwendung von Gewalt (la 
propriete par droit de conquete) und das durch Geburt beg^ndete 
Eigentum allein (la propriete par droit de naissance). Dieses lediglich 
ist das ungerechte Eigentum, denn es ist ein reines Zufallsmoment, das 
für die Erwerbung solchen Eigentums ausschlaggebend ist, und da die 
heutige aus der Feudalzeit stammende Gesetzgebung die so geartete 
Besitzübertragung zuläßt, so setzt sich die Ausbeutung des Menschen 
durch den Menschen in der Form der Ausbeutung des eurbeitsamen 
Produzenten durch den müßigen Konsumenten bis heute fort. Die 
Überführung der Erbschaften in Staatsbesitz bringt aber keineswegs eine 
Gemeinsamkeit der Güter mit sich, vielmehr soll durch die zukünftige 
soziale Organisation gerade das Gegenteil davon erreicht werden: 
jeder soll eine seinen Fähigkeiten und Leistungen ent- 
sprechende Belohnung erhalten. Nicht wird wie heute der 
Besitz ein etwa in der Form von Zinsen zu entrichtendes Entgelt mit 
sich führen, sondern umgekehrt, das Privateigentum wird der Ausfluß 
persönlicher Leistungsfähigkeit, eine dem individuellen Können ent- 
sprungene Errungenschaft sein. 

Eine von diesen Grundsätzen geleitete Gesellschaftsordnung kann 
naturgemäß nicht wie die heutige auf individueller Freiheit beruhen. 

i) „Aujourd'hui un demier changement est devenu n^cessaire; c*est au moraliste k. le 
preparer; plus tard, ce sera au lögislateur k le prescrire. La loi de progression que 
nous avons observ^e tend k ^tablir un ordre de choses dans lequel TEtat, 
et non plus la famille, hdritera des richesses accumul6es, en tant qu*elles , 
formen t ce que les 6conomistes appellent le fonds de production." 



— 295 — 

sondern sie muß, soll die Arbeit in die ihr gebührenden Rechte ein- 
gesetzt werden, eine starre Regulierung der Produktion vornehmen. 
Die heutige Anarchie in der Produktion, die der Tatsache entspringt, 
dciß sich die ökonomischen Beziehungen ohne einheitliche Regelung 
abwickeln, muß einer Organisation der Produktion weichen. 
Krisen, diese düsteren Begleiterscheinungen der modernen Wirtschafts- 
ordnung, werden dann verschwinden. Denn es werden nicht mehr 
isolierte Unternehmer sein, die, unabhängig voneinander, ohne Kennt- 
nis meist der ökonomischen Bedürfnisse, die Produktionsgestaltung be- 
wirken, sondern diese wird einer „sozialen Institution" zufallen. Eine 
zentrale Verwaltungsbehörde, die von erhöhtem Standpunkt aus das 
weite Gebiet der sozialen Ökonomie zu überblicken vermag, wird diese 
in einer der Gesamtheit dienlichen Weise regulieren und die Produktions- 
mittel den geeigneten Händen überweisen, sorgen namentlich fjir eine 
ständige Harmonie zwischen Produktion imd Konsumtion. 

Auch Bazard ist ganz wie Saint-Simon aufs ängstlichste bemüht 
darzutun, daß seine Reformprojekte mit den sozialen Uto- 
pieen nichts gemein haben. Auch er ist bestrebt, durch histo- 
rische Reflexionen seinen Maßnahmen eine gleichsam unerschütterliche 
Stütze zu verleihen, und ausdrücklich betont er, daß seine Reformen 
die vorhandenen Verhältnisse im Sinne einer konsta- 
tierten Entwicklungsrichtung auszubauen bestimmt 
sind. In früheren Zeiten, so belehrt er uns, sind es die wirt- 
schaftlichen Korporationen gewesen, die ganz ähnliche Zwecke erfüllten, 
wie er sie der Assoziation der Zukunft zugedacht hat Einmal wurde 
die Aufnahme von Mitgliedern von dem Nachweis einer bestimmten 
Fähigkeit abhängig gemacht, dann aber auch eine Regelung der 
Produktion vorgenommen. Jahrhunderte hindurch haben diese Korpo- 
rationen im günstigen Sinne gewirkt Freilich konnten sie sich dem 
ökonomischen Aufschwung der neueren Zeiten nicht anpassen, indem ihre 
Machtbefugnisse nur auf einen engen Umkreis der ökonomischen Tätig- 
keit beschränkt waren, so daß sie die Produktion in ihrer Gesamtheit 
unmöglich regeln konnten. Jede Korporation strebte zuletzt nach einer 
Monopolisierung ihres Arbeitsgebiets, und der Geist der Zwietracht ver- 
drängte die einstige Solidarität So wurden sie zu einem Hemmschuh 
der wirtschaftlichen Entwicklung und abgeschafft Aber nichts trat an 
ihre Stelle, es sei denn die zügellose Konkurrenz mit ihren verheerenden 
Folgeerscheinungen. 

Nun muß man gewahr werden, wie im Schöße dieses ungebundenen 
Wirschaftslebens Institutionen entstanden sind, die eine gewisse Orga- 
nisation der wirtschciftlichen Arbeit in ihren Aufgabenkreis einbezogen 
haben: es sind die Banken. Ihre ökonomische Funktion 
stellt in einer allerdings erst keimartigen Andeutung 



— 296 — 

das Bild der noch zu schaffenden Produktionsorganisa- 
tion der Zukunft dar. Denn die Banken sind die vermittelnden 
Glieder zwischen den Industriellen, die Produktionsmittel benötigen, 
einerseits, und den Besitzern von Produktionsmitteln andererseits, wo- 
durch die Schäden des heutigen Wirtschaftslebens, wenn auch lange 
nicht beseitigt werden, so doch in mancher Beziehung eine Milderung 
erfahren. Die Banken besitzen eine größere Übersicht über das Wirt- 
schaftsleben als die ökonomisch meist unerfahrenen Kapitalisten und 
Rentner, sie vermögen besser als diese die Bedürfnisse der Industrie 
in Erfahrung zu bringen und sind so in den Stand gesetzt, möglichen 
Erschütterungen, wie sie im Gefolge der ökonomischen Freiheit ein- 
treten, vorzubeugen. Dank diesen Vorzügen, dank auch näherer 
Kenntnis der Eigenschaften derer, die durch ihre VermitÜungstätig- 
keit Produktionsmittel zugewiesen erhalten, wird die Assekuranzprämie, 
mithin auch der Zins, trotz der Gebühren, die zu entrichten sind, 
vermindert, und dadurch der ökonomische Aufschwung beschleunigt 
Trotz dieser teilweise organisierenden Wirkungsweise des Bankwesens 
müssen, soll die ökonomische Neuordnung ganz im Dienste des Arbei- 
tenden und nicht des Müßiggängers stehen, noch Änderungen von 
grundlegender Wichtigkeit vorgenommen werden. Versuchen doch die 
Banken sowohl die Arbeiter als auch die Müßiggänger auszubeuten 
zum Schaden der ganzen Gesellschsift, und es ist keine Rede davon, 
daß sie etwa die soziale Kardinalfrage der Gegenwart lösen: das Problem 
nämlich, durch welche Mittel dem Arbeiter das Produkt seiner Arbeits- 
leistung in vollem Maße, ohne Abzug eines Tributs, wie ihn die moderne 
Rechtsordnung zuläßt, zugewiesen erhält. Auch ist die Zentralisation im 
Bankwesen noch nicht soweit fortgeschritten, daß die leitenden Bankiers 
das G^samtgebiet des Wirtschaftslebens zu überschauen vermögen, mithin, 
wenn nötig, eine bestimmte Produktionsrichtung fördernd, eine andere 
beschwichtigend beeinflussen können. Ein großer Teil der Industrie 
macht von der vermittelnden Tätigkeit des Bankwesens überhaupt 
keinen Gebrauch, ebenso die ganze Landwirtschaft 

Mit Nachdruck weist Bazard gegenüber den Bestrebungen des 
politischen Liberalismus darauf hin, daß nicht durch eine Reform der 
politischen Verhältnisse dem Zeitbedürfnisse Genüge geleistet werde, 
sondern einzig durch eine Änderung der ökonomischen Grundlage der 
Gesellschaftsordnung; ,4a politique sans Tindustrie est un mode vide 
de sens". Es gilt, die „germes organiques", die das heutige 
Bankwesen in sich birgt, zu allseitiger Entfaltung zu 
bringen^), die bisherige Funktion der Bankiers zu einer „fonction 
sociale" zu gestalten. Dieses geschieht durch eine Zentralisation, dann 

i) Exposition de la doctrine Saint-Simonienne. Oeuvres de Saint-Simon et d^Enfantin, 
T. XLI, p. 264 und 268. 



- 297 — 

durch eine Spezialisation der Banken, also durch eine Verzweigung 
dieser über das ganze Land und durch ihre hierarchische Zusammen- 
fassung in einem Zentralinstitut. Dieses letztere stellt die soziale Ver- 
waltungsbehörde dar, die über die Produktionsmittel verfügt welche sie 
durch VermitÜung der Zweigbanken dem Produzenten zuweist, und die 
durch eine regulierende Tätigkeit das' ökonomische Gleichgewicht auf- 
recht erhält. Weiter fällt ihr die Aufgabe zu, beim Todesfall oder 
Rücktritt eines Produzenten den geeigneten Nachfolger zu finden, da 
ja in der neuen Gesellschaftsordnung eine individuelle Besitzübertragung 
nicht zulässig ist 

Neue Grundsätze der Erziehung. 

Als Voraussetzung für die Einführung der neuen Sozialordnung be- 
trachtet Bazard eine prinzipielle Änderung der Erziehungsg^ndsätze. 
Es muß eine Sozialpädagogik geschaffen werden, welche die Menschen 
für den Eintritt in die soziale Neuorganisation vorzubereiten, für die Kon- 
formität der Ideen und Interessen zu sorgen, also die vorhandene Divergenz 
der individuellen Strebungen zu beseitigen hat Es ist leicht zu erklären, 
daß eine so gestaltete „moralische Erziehung" bis heute fast ganz ver- 
nachlässigt worden ist Denn wie kann die Rede davon sein, durch 
pädagogische Einwirkungen die Menschen dahin zu bringen, daß gleiche 
Grundsätze bestimmend für ihre Lebensführung sind, solange eine völlige 
Unkenntnis über die „soziale Bestimmung** des einzelnen herrscht? So 
ist heute jeder auf sich selbst gestellt, handelnd nach seiner eigenen 
Eingebung, ohne Rücksicht darauf, ob die soziale Gemeinschaft ge- 
schädigt oder gefördert wird. Durch vemxmftgemäße Überlegung und 
gewissenhaftes Handeln glaubt man den G^meinschaftszwecken dienen 
zu können, und die Wahrung des wohlverstandenen Selbstinteresses soll 
das einzige Prinzip der Lebensgestaltung abgeben: als ob aus dieser 
subjektiven Willkür die soziale Harmonie entspringen könnte! Nicht 
Ungebundenheit also der Lebensführung muß erstrebt werden, sondern 
Einstellung aller in den Dienst der Gesamtheit durch eine von der Kenntnis 
der Gemeinschaftsbedürfnisse geleitete Erziehung. Die Ergebnisse der 
sozialen Wissenschaft müssen in einer dogmatischen Form dem Volke 
übermittelt werden, vor allem muß dem einzelnen für jene soziale 
Ordnung S)mipathie eingeflößt werden, die der Stufengang der Mensch- 
heitsentwicklung heraufführen wird. 

Aus der Vernachlässigung der moralischen oder „allgemeinen" Er- 
ziehung folgt mit Notwendigkeit auch die Vernachlässigung der Spezial- 
erziehung. Gewiß pflanzen sich die Einzelkenntnisse von Individuum 
zu Individuum, von Generation zu Generation fort. Aber es ist klar, 
daß, solange die Gesamtbedürfnisse durch sozialwissenschaftliche Er- 
kenntnis nicht festgestellt sind, auch die nur von individuellen Gesichts- 



— 298 — 

punkten beherrschte professionelle Erziehung, soweit eine solche vor- 
handen ist, große Lücken aufweist. Die Spezialerziehung muß also 
danach streben, jedes Individuum in den Stand zu setzen, die seinen 
Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Kenntnisse und Fertig- 
keiten zu erwerben, und gleichzeitig darauf bedacht zu sein, den 
einzelnen für die Bewältigung nur solcher Arbeiten vorzubereiten, die 
auch dem Kollektivbedürfnis dienlich sind. 

In keinem Fall darf die Abkunft bestimmend für den Stufengang 
der Lehrzeit sein. Solange die Herrschaft der physischen Gewalt 
die Entrechtung und Ausbeutung der Masse gestattet, sind die oberen 
Klassen immer bestrebt, dem Unterdrückten alle Bildungsmöglichkeiten 
zu verschließen. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, um 
so schroffer und brutaler ist nicht nur die ökonomische Ausbeutung 
der unteren Schichten, sondern auch der intellektuelle Abstand zwischen 
den sich gegenüberstehenden Gruppen. G^wiß ist manche Besserung 
im Laufe der Zeit eingetreten. Aber auch heute noch schließt hohe 
Geburt das Anrecht auf eine gute Erziehung ein, während dem 
Armen sowohl die Bahn der ökonomischen als auch der intellektuellen 
Emanzipation verschlossen ist. „Die Erziehung ist ein Privileg, welches 
das Vermögen mit sich bringt, und das Vermögen selbst ist ein Privileg, 
das fast immer in einem Mißverhältnis zu den Verdiensten derer steht, 
die es besitzen. Und noch mehr: die kleine Anzahl jener, die sich der 
Wohltat einer Erziehung erfreuen dürfen, erhält nicht eine ihren Fähig- 
keiten und Neigungen angepaßte Erziehung, da keinerlei Autorität 
vorhanden ist, der es zufiele, die individuellen Neigungen zu verwerten 
und zu entwickeln. Vielmehr gibt den Ausschlag die Eitelkeit, der 
Ehrgeiz der Familien und der zufällige Wunsch der Kinder." Die 
Assoziation der Zukunft wird allen, ohne Rücksicht auf Geburt und 
Vermögen, eine Erziehung zu teil werden lassen, deren Besonderheit 
von der Fähigkeit und den Neigungen des Schülers abhängt und diese 
Reform erst wird die völlige Emanzipation des Volkes mit sich bringen. 
Als eine Folge dieser freien Selbstbestimmung des einzelnen wird sich 
das regste Interesse an den ihm zugedachten Arbeiten einstellen und 
dadurch eine Steigerung der Produktion, die alles bisher G^eistete 
überbieten wird. Mit Recht hat man in der Arbeitsteilung eine der 
Hauptursachen der kulturellen Fortschritte gesehen, aber Wunder wird sie 
leisten, wenn einmal jeder in dem großen Mechanismus menschlichen 
Schaffens nur solche Verrichtungen zugeteilt erhält, die seinen Neigungen 
entsprechen, und die er deshalb mit Lust und Liebe ausführen wird. 

Das Religionsproblem. 
Als das vorherrschende Lebensprinzip der organischen Epochen 
haben wir die Religion kennen gelernt, die als eine fremde, gebietende 



— 299 — 

Macht den Individuen gegenübersteht und all ihrem Tun eine einheit- 
liche Richtung zuweist Wird also auch im kommenden Zeitalter, das 
Saint-Simon mit prophetischer Gabe enthüllt hat, die Religion wieder jene 
dominierende Stellung einnehmen, die sie in den verflossenen organischen 
Epochen innegehabt, oder wird der Menschheit das traurige Geschick 
beschieden sein, religionslos, bar also jeder Gemeinsamkeit der Über- 
zeugung in den höchsten Fragen, die der menschliche Geist sich stellt, 
dahinleben zu müssen? Und wird also auch die soziale Gemeinschaft 
der einzigartigen sozialisierenden Kraft, die dem Glauben entströmt, 
künftig nicht mehr teilhaftig sein, nachdem dieser in der Vergangen- 
heit in sozialer Hinsicht so große Wunder gewirkt? Viele huldigen 
der Ansicht, daß die Zeiten der Glaubensinnigkeit endgültig ent- 
schwunden sind. Die Religion, so erklärt man, habe Sinn gehabt in 
der Kindheitsepoche der Menschheit, als mangels jeglicher wissen- 
schafüicher Erkenntnis die Phantasie die Rätsel des Daseins zu lösen 
suchte. Seit aber die Wissenschaft ihre Herrschaft angetreten habe, 
seien die religiösen Illusionen in ihrer ganzen Nichtigkeit enthüllt, die 
Religion überhaupt zur Unmöglichkeit gemacht worden. 

Die Wissenschaft habe dieses befreiende Werk vollbracht! Aber 
welche Wissenschaft denn? Etwa die Astronomie, die Physik, die 
Chemie, die Geologie oder die Physiologie? Nirgends wird man, wenn 
man die großen wissenschaftlichen Errungenschctften prüft, irgend 
welche Anhaltspunkte treffen, welche die Grundwahrheiten der Religion 
als unbegründet erscheinen ließen. Gewiß, der religiöse Unglaube ist 
in Europa überall verbreitet Aber nicht die Wissenschsift ist es, 
welche dieses betrübende Phänomen hervorgebracht hat, sondern die 
kritische Philosophie der letzten drei Jahrhunderte. Zweifellos haben auch 
die Gelehrten sich an dem Zerstörungswerk beteiligt, aber nicht als 
Männer der Wissenschaft haben sie dieses getan, sondern als begeisterte 
Adepten der Philosophen. Niemals ist die Wissenschaft dazu bestimmt, 
wie man meint, der ewige Feind der Religion zu sein, das Herrschafts- 
gebiet dieser einzuengen, um sie zuletzt ganz überflüssig zu machen. 
Im Gegenteil; durch die Wissenschaft allein wird der Glaube Kräftigung 
erfahren, ihn g^nden auf die undurchdringlichen Wunder der Welt, 
in denen sich die Ghröße der Gottheit dem staunenden Auge offenbart. 
Beweist doch das Beispiel eines Newton, Kepler oder Leibnitz, wie 
gut sich die Wissenschaft mit der Religion vereinbaren läßt 

Es ist eine geschichtlich leicht nachweisbare Ursache, welche die 
Glaubenslosigkeit der modernen Zeiten hervorgerufen hat Das Wesens- 
merkmal der früheren kritischen Epochen hat völlige Gültigkeit auch 
für die moderne Krisis: nicht Mangel an religiösem Bewußtsein ist es, 
dem die IrreUgiosität entsprungen ist, sondern die Abneigung gegen 
veraltete Dogmen. Unvereinbar wie diese mit den Ergebnissen einer 



— 300 — 

nie rastenden Forscherarbeit geworden sind, haben sie ihre einstige 
imperative Geltung eingebüßt, und an die Stelle der ehemaligen Glaubens- 
einheit ist eine völlige Subjektivität der Anschauungen getreten: die 
Religion als sozial bindende Macht ist geschwunden. Schroffster Egois- 
mus, den früher die Autorität der Religion eingedämmt hat, zeigt sich 
überall und lockert das ehedem so feste soziale Gefüge, das nun ohne 
Lebenszentrum ist. Es ist nichts mit der Anschauung des Liberalismus, 
daß die europäischen Nationen in diesem sozialen Zustand für immer 
verharren werden, vielmehr befinden sie sich in einem „etat provisoire, 
qui touche ä soti terme", und der eine neue Ordnung nicht nur des 
ökonomischen sondern auch des religiösen Daseins vorbereitet Denn 
das zeigt die Geschichte, daß auf Perioden religiösen Niedergangs mit 
ihrer sozial auflösenden Tendenz immer Epochen religiöser und damit 
auch sozialer Neubildung gefolgt sind. Und soll nun, wenn sich in der 
Abfolge verschieden gearteter religiöser Prinzipien eine bestimmte histo- 
rische Gesetzmäßigkeit nachweisen läßt, plötzlich dieser Entwicklungs- 
faden gleichsam abgeschnitten, die Zukunft also von anderen Gesetzen 
als denen der Vergangenheit beherrscht werden? 

Mit Saint-Simon unterscheidet auch Bazard drei Stadien der 
Religionsentwicklung, den Fetischismus, den Pol)^eismus und den 
Monotheismus, und gleich seinem Lehrer sucht auch er die soziale 
Ordnung einer Epoche aus dem Urgründe des Glaubenslebens abzuleiten. 

Wie der Fetischismus in der Welt nichts als isolierte Einzelwesen 
erblickt, so ist ihm ebenso der Gedanke der sozialen Zusammengehörig- 
keit aller Menschen fremd: die Idee des Menschengeschlechts existiert 
für ihn nicht Seine assoziative Kraft erstreckt sich nicht über die 
Familie hinaus, und wenn einmal weiter greifende Verbände zu stände 
kommen, wie gelegentlich der Jagd oder im Kriegsfall, so bildet dies 
durchaus die Ausnahme. Auch der Kultus zeigt ein durchaus indi- 
viduelles Gepräge ; er wickelt sich innerhalb des Familienkreises ab, und 
der Familienvater nimmt die Stelle eines Priesters ein. 

Einen weiteren Entwicklungsgrad der Religionsidee bedeutet der 
Polytheismus. Wie seine Gottheiten im Vergleich mit jenen des Fetischis- 
mus abstraktere Gebilde mit einer schon weite Bezirke des Daseins 
umfassenden Herrschgewalt darstellen, so ist auch die gesellschaftsbildende 
Macht dieser Relig^onsform eine beträchtlichere. Wohl wird der Kultus 
noch innerhalb der Familie gepflegt, aber der öffentliche Kultus, geltend 
für den Umkreis nun einer Stadt, überwiegt. Jedoch ist der soziali- 
sierende Einfluß des Dogmas noch ein beschränkter. Nicht nur, daß 
das Weichbild der Stadt seine ausschließliche Geltungssphäre bildet, 
auch die Glieder der sozialen Gemeinschaft sind noch nicht durch eine 
einheitliche Religionsidee miteinander verbunden. Die Patrizier und die 
Plebejer haben besondere Dogmen, und der Sklave ist völlig religionslos. 



— 30I — 

Aus der Begrenztheit der sozialen Wirksamkeit des Polytheismus 
läßt sich das Vorwiegen des Krieges in den antiken Städten erklären. 
Der Krieg war der vorherrschende Lebenszweck, die Stadt gleichsam 
eine militärische Genossenschaft Bürger und Krieger, Fremder und 
Feind waren damals synonyme Bezeichnungen. Jede Stadt besaß ihre 
besonderen Schutzgötter, und als das höchste Lebensziel schrieb der 
Kultus die Stärkung der Machtg^öße der Stadt vor. Nicht war so der 
Krieg allein das Ergebnis noch, rohen Empfindens, sondern er galt als 
ein gottgewolltes Werk. Haßerfüllt und beständig kämpfend standen 
sich die Gemeinwesen gegenüber, bald siegend, bald unterliegend. 
Dieses ewige, unter religiösem Antrieb erfolgende Ringen dauerte so 
lange, bis eine zur Macht gelangte Herrschgewalt ihm Einhalt gebot Es 
war Rom beschieden, diese überragende Stellung einzunehmen und die 
politische Selbständigkeit der übrigen Gemeinwesen zu vernichten. Bald 
aber, nachdem seine Eroberungsgelüste gesättigt waren, wurde es kon- 
serx'^ativ. Ein ungeheures Reich war entstanden, das es in seinem vollen 
Umfange zu erhalten galt Aber wie hätte dieses anders möglich sein 
können, sollte die g^oße Staatengemeinschaft zu einem wahrhaft 
organischen Ganzen ausgestaltet werden,, als vermittels einer Religion, 
die nun hätte internationalen Charakters sein müssen? An einer 
solchen eben fehlte es. Die vorhandenen Religionsformen waren die 
des Pol3^eismus, entsprungen einer früheren Kulturstufe und deshalb 
unfähig, die Individuen und Völker zusammenzuhalten. So bildete das 
römische Reich gar keine Gesellschaft im Sinne einer von einem ein- 
zigen Lebensprinzip durchtränkten Assoziation, es war nichts weiter als 
eine ungeheure Anhäufung von Menschen, eine ungestalte Menge 
sozialer Trümmer. Immer mehr büßten die überkommenen Religions- 
ideen ihre Kraft ein, und das römische Reich ging einer völligen Auf- 
lösung entgegen. Eine ungeheure soziale Krisis hatte sich eingestellt: 
ohne bestimmt .vorgezeichnete Richtung wickelte sich das soziale Ge- 
triebe ab, dem einzelnen wie der Gesamtheit fehlte ein klar bestimmtes 
Tätigkeitsziel, überall herrschte Widerstreit; die Legitimität der herr- 
schenden Gewalten wurde angezweifelt, und diese suchten sich durch 
Rechtsverletzungen und Korruption aufrecht zu erhalten. Der Egoismus 
bemächtigte sich aller, gemeinsame Ideen fehlten. Und dieses alles 
entsprang der sozialen Grundtatsache jener Zeit, der Irreligpiosität Wohl 
fanden sich individuelle Glaubensmeinungen vor, aber keine Religion 
als organisierende soziale Zentralkraft Und doch, welch' sozialen Fort- 
schritt barg dieser Zusammensturz des alten Glaubenssystems in sich. 
Denn man vergesse nicht, daß jene Religion im Schwinden begriffen 
war, welche sowohl den Krieg als auch die Sklaverei gerechtfertigt 
hatte. So war Raum geschaffen für die Entstehung einer neuen Religion, 
die weder Klassenunterschiede noch auch Unterschiede zwischen den 



— 302 — 

einzelnen Völkern kennt, mithin die Solidarität aller Menschen lehrt: 
das Christentum konstituiert sich als Weltreligion im Schöße des 
römischen Reiches, betraut mit der historischen Mission, das Völker- 
chaos in eine organische Verbindung zu bringen. 

Indem das Christentum die Einheit des Göttlichen wie die Einheit 
der menschlichen Gesellschaft lehrte, verlangte es die Nächstenliebe, die 
allgemeine Brüderlichkeit Sanftmut gegen seinen Mitmenschen, nicht 
Gewalttätigkeit war nunmehr die erste Tugend. Das war zu jener 
Zeit eine unerhörte Anforderung ; denn nun sollte der Krieg im Gegen- 
satz zum Polytheismus nicht nur nicht mehr durch die Religpion ge- 
heiligt sein, sondern er wurde verdammt als unvereinbar mit den 
heiligen Dogmen. Freilich war es dem Christentum nicht beschieden, 
seinen Lehren kraftvolle Geltung zu verschaffen und das Reich der 
allgemeinen Brüderlichkeit aufzurichten. Es verkannte, welche sozialen 
Postulate in dem Grundsatz der Nächstenliebe verborgen sind, was sich 
daraus ergibt, daß nach ihm die Brüderlichkeit erst im Jenseits, nicht 
-schon hinnieden seine Verwirklichung finden sollte. Zudem mußten an 
der harten Tatsache der historischen Wirklichkeit die Ideen des 
Christentums wirkungslos abprallen. Der Krieg, den es verwarf, spielte 
wohl nicht mehr die große Rolle wie ehedem. Aber ein durchaus 
kriegerischer Geist beherrschte noch die Menschen ; man denke nur an 
die grausamen Vergnügungen dieser Zeit, an die blutigen Spiele, die 
damals als die höchste Wonne galten. Außerdem hieß es, Unmögliches 
zu verlangen, der Kriegsführung immer zu entsagen. Denn mannig- 
fache Aufstände beunruhigten das römische Reich, die ohne An- 
wendung von Wsiffengewalt nicht eingedämmt werden konnten. So 
sah sich der Gründer des Christentums veranlaßt, sein Gesetz, das er 
der Menschheit geben wollte, als ein individuelles Gesetz zu verkünden, 
„dont Taccomplissement ne devait pas avoir de but sur la terre." In 
dem Gesetz: gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was 
Gott zukommt, ebenso in dem weiteren Ausspruch Christus' : sein König- 
reich sei nicht von dieser Welt, ist das Bekenntnis enthalten, daß sich 
das Christentum als unfähig erweist, alle sozialen Sondergebiete mit 
seinem Gehalte zu erfüllen, und die Teilung der weltlichen und geist- 
lichen Gewalt im Mittelalter zeigt, daß dem in der Tat so war. Denn 
diese Teilung der Gewalten war nichts anderes als der Ausfluß der 
gleichzeitigen Existenz „zweier Gesellschaften", deren Ziele gegen- 
sätzlicher Natur waren : der einen, von der geistlichen Gewalt geleiteten 
dienten als Grundsätze der Lebensführung die chrisüichen Gebote, die 
andere ließ sich von den cäsarischen Gelüsten des Krieges leiten. 

Dieser Dualismus wird in der kommenden Epoche der Mensch- 
heitsentwicklung verschwinden. Die Menschen werden eine einzige 
große Familie bilden, eine universelle Assoziation, die sich über die 



— 303 — 

ganze Erde erstreckt, für immer befreit von den Wirren des Krieges und 
verbunden zu dem gemeinsamen Zweck, die Natur in den Dienst der 
Gesamtheit zu stellen. „L'exploitation de Thomme par ITiomme, voilä 
Tetat des relations humaines dans le passe: Texploitation de la nature 
par rhomme associe ä Phomme, tel est le tableau que presente Tavenir." 
Eine so beschaffene Organisation darf eine definitive genannt werden, 
was aber keineswegs besagen will, daß nun die Menschheit keine Fort- 
schritte mehr machen wird; im Gegenteil, rascher als je wird sie 
sich vervollkommnen. Es soll damit ausgedrückt werden, daß sich 
die kommende soziale Ordnung auf Fundamenten erhebt, die den 
Fortschritt in der denkbar besten Weise beg^ünstigen. Eine Ge- 
sellschaftsordnung, welche die Gewähr gibt, daß jedes Individuum, 
welcher Art auch seine Geburt sei, geehrt und belohnt wird nach seiner 
Leistung, d. h. nach seinen Diensten, die der Besserung der moralischen, 
intellektuellen und physischen Existenz aller gewidmet sind, ein solcher 
Zustand darf als ein endgültiger bezeichnet werden. 

Das historische Entwicklungsgesetz, oder sagen wir lieber, das 
Schema des geschichtlichen Entwicklungsprozesses, das Bazard auf- 
gestellt hat, hat das Dunkel der Zukunft gelichtet und bietet so die 
Handhabe, die Gesellschaftsordnung der Gegenwart aus dem Zustande 
ihrer Regellosigkeit hinüberzuleiten in die ihr geschichtlich zugewiesene 
Bahn des Fortschritts. Aber keineswegs genügt die wissenschaftliche 
Demonstration allein, der Nachweis also, daß das aufgestellte soziale 
Ideal kein Trugbild der Phantasie, sondern das Ergebnis einer positi- 
vistischen Deutung des sozialen Seins ist, die Menschheit zur Inangriff- 
nahme der großen Reform anzufeuern. Es muß dem Menschen Be- 
geisterung für die neue Ordnung der Dinge eingepflanzt werden, und 
dieses wird Sache einer neuen sozialen Religion sein. Die alten 
religiösen Ideen haben ihre Wirksamkeit eingebüßt, stehen sich doch 
in der Gegenwart die mannigfachsten Religionsgenossenschaften gegen- 
über, die völlig machtlos sind, die Auflösung der Zeit aufzuhalten. 
Spekulativ gleichsam fristen die heutigen Religionen ihr Dasein, un- 
bekümmert um die großen sozialen Probleme, die der Lösung harren. 
Wie schon im MitteleJter das Christentum einen wichtigen Bestandteil der 
sozialen Ordnung bildete, gehindert freilich in seiner allseitigen Geltend- 
machung durch die Ansprüche einer weltlichen Macht, so wird die 
Religion der Zukunft, wie sie Saint-Simon gelehrt hat, das alleinige 
Lebenszentrum des sozialen Daseins aligeben; keine Abgrenzung der 
Herrschaftsgebiete verschiedener Lebensprinzipien, wie eine solche im 
Mittelalter durch die Trennung der weltlichen von der geistlichen Macht 
vorgenommen war, sondern völlige Harmonie aller sozialen Funktionen 
wird die Eigenart der künftigen Epoche ausmachen. „Wir stehen vor 
einem Zeitabschnitt, in dem die Einheit, völlige soziale Eintracht sich 



— 304 — 

einstellen wird, wo dann, im Gegensatz zum Mittelalter, nur eine ein- 
zige Gesellschaft und eine einzige Macht vorhanden sein wird. Um es 
in der Sprache des Christentums auszudrücken: das Ende der cäsa- 
rischen Herrschaft ist herangekommen ; sie wird verschwinden, um dem 
Gesetz Gottes Platz zu madhen, dessen Herrschaft sich endlich auf der 
Erde einstellen wird." 

Das denkbar vollkommenste Werbemittel, so hofft Bazard, wird 
die neue Doktrin bilden; denn sie ist es, die den Forderungen der 
sich bekämpfenden Reaktionäre und Liberalen in einer höheren Syn- 
these gerecht wird, insofern als sie sowohl dem Fortschritt als auch 
der Ordnung dient. Sie vermag alle Gefühle, alle Ideen und alle 
Interessen in harmonischen Einklang zu bringen: sie wird eine all- 
gemeine Lehre, eine Religion sein. 

Mit einer solchen Religion wird den Menschen wieder zu teil 
werden, was ihnen heute vor allem not tut: sachgemäße Führung näm- 
lich bei den mannigfachen Angelegenheiten des Lebens. In den 
organischen Epochen, wo eine religiöse Konzeption den Menschen 
ihre soziale Bestimmung enthüllt, stellen die Führer jene Männer 
dar, die ihre Kräfte selbstlos dem' Allgemeinwohl weihen, und 
denen die Fähigkeit inne wohnt, ihre Mitmenschen zu leiten. Greme 
folgen alle ihrem Rufe, und ohne Widerstreben erfüllt jeder die 
ihm zugewiesene Aufgabe. In solchen Zeiten sind Autorität und 
Gehorsam gleichwertig, geadelt, ja heilig. Denn beide werden auf- 
gefaßt als religiöse Pflichten. Die Liebe zu einer gemeinsamen Sache 
einigt den Hohen und Niedrigstehenden, und die Herrschaft des 
ersteren macht sich nicht fühlbar als eine drückende Last, sondern sie 
wird als eine Notwendigkeit hingenommen, in die sich der Dienende, 
wohl wissend, daß auch er ein Gott wohlgefälliges Werk verrichtet, 
gerne fügt: es ist die Ehrfurcht, die den Schwachen an den Starken 
kettet, die Bewunderung, die der Genius einflößt, die Liebe, der zu- 
folge der Unmündige sich gerne dem auserlesenen Manne hingibt, 
dem die Bestimmung des Volkes und der Welt offenbar geworden, 
was die Größe dieser Zeiten ausmacht Freilich heute, wo alle sozialen 
Bande aufgelöst sind, ist wie jede Autoriät, der man sich willig fügt, 
so auch der Eifer der Aufopferung geschwunden. Die ungeheure 
Mehrheit der Menschen kann in der Minderheit nichts anderes als 
Müßiggänger sehen, die sie ausbeutet, und „keine Beschützer und 
Führer, die sich ihrer annehmen und sie leiten". Niemals aber kann 
der Hoffende der Meinung huldigen, daß die Menschen immer in 
diesem Zustande rasten sollen, immer sich selbst überlassen, von der 
Strömung des Zufalls bald hierhin, bald dorthin getrieben. Oder 
soll man glauben, daß der in dem menschlichen Herzen auch heute 
noch schlummernde Edelsinn vollends verkümmern wird, imd daß 



— 305 — 

der Schwache und Führungsbedürftige Schutz und Leitung wird 
entbehren müssen, oder darf man hoffnungsfreudig annehmen, daß 
auch wieder einmal eine Epoche der sozialen Solidarität sich ein- 
stellen wird? Bazard gehört, wie wir wissen, zu den Hoffnungs- 
freudigen. Seinem geistigen Blicke tut sich eine Zeit auf, in der wieder 
edle Männer zu „chefs de la societe" werden, Männer, die dem Glück 
der Gemeinschaft ihre Dienste leihen. Und da die Liebe, die diese 
Männer antreibt zu selbstlosem Tun, sowohl das Endliche als auch 
das Unendliche umfaßt, so werden sie „depositaires de la religion", 
xpithin Priester sein. Bazard denkt sich einen sozialen Priester, eine 
Art Industriepapst aus, dessen Funktion darin bestehen wird, die Ar- 
beiten der sozialen Gemeinschaft miteinander in Harmonie zu bringen, 
die Wissenschaft und die Industrie vornehmlich zu befruchtendem Zu- 
sammenwirken anzuspornen. Wird doch die Pflege auch der materiellen 
Güter fürderhin, wo es gilt, dem Menschen auf der diesseitigen Welt ein 
glückliches Dasein zu bereiten, geradezu eine religiöse Pflicht sein : die 
Industrie und Wissenschaft, denen man bisher nur eine untergeordnete 
Bedeutung beigelegt hat, sollen durch das religiöse Dogma geheiligt 
werden, und PWester der Wissenschaft und Priester der Industrie werden 
alle die sein, welche die leitenden Stellen in der sozialen Hierarchie, 
wie sie Bazard entworfen hat, einnehmen. Damit wird eine neue Theo- 
kratie entstehen, die freilich mit der alten nichts gemein hat 

Die Lehre Bazards in ihrem Verhältnis zu den 
Anschauungen Saint-Sinvons. 

Wir wollen uns weiter nicht darüber wundem, daß in Ansehung 
der völlig ungenügenden Behandlungsart, die bisher das Ideensystem 
Saint-Simons erfahren hat, die seltsamsten Ansichten über die intd- 
lektuellen Beziehungen des Schülers zu dem Lehrer vertreten werden. 
Einige erläuternde Worte werden wohl am Platze sein. 

Bazard hat sich in seinem großen Werke die Aufgabe gestellt, die 
wirren Gedankenmassen Saint-Simons zu klären und zu propagieren. 
Das ist ihm in der Tat in einer wahrhsift glänzenden Weise gelungen, 
wobei wir nicht vergessen wollen, gleich hinzuzufügen, daß er in 
mancher Beziehung die vorgefundenen G^ankenelemente nach einer 
Richtung hin ausgebaut hat, die ihn weit über Saint-Simon hinausführt: 
wie auch ein Vergleich der Lehren Bazards mit dem ebenfalls in 
direktem Anschluß an Saint-Simon entstandenen System Comtes zeig^ 
daß der Schüler durchaus mit subjektiver Willkür ein- 
zelne Bestandstücke aus dem erstaunlich gedanken- 
reichen System seines Lehrers herausgelöst und syste- 
matisiert hat Aber die Übereinstimmung ist eine große. 
Die Ausführungen Bazards über die Philosophie 

Mttckle, Henri de Saint-Simon. 20 



— 3o6 — 

als eine auch sozial wirksame, bindende Macht, die 
Forderung einer philosophischen Bearbeitung der zer- 
streuten wissenschaftlichen Einzelkenntnisse, die Kritik 
der modernen intellektuellen und ökonomischen Anarchie, 
seine philosophische Interpretation des geschichtlichen 
Lebens, der Versuch also, Regelmäßigkeiten im 
historischen Ablauf zu entdecken, um vermittels ihrer 
Kenntnis die Sonderart des kulturellen Lebens auch 
der Zukunft zu erschließen, die Idee der organischen 
und kritischen Epochen, wie sie sich im Stufengang der 
historischen Entwicklung abwechselnd einstellen, der 
Nachweis, daß dank der sozialisierenden Kraft stets 
fortschreitender Religionsformen das Bereich einheit- 
licher Kulturgebiete sich immer mehr ausweitet, die 
Dreiteilung dieser Formen in Fetischismus, Polytheis- 
mus und Monotheismus, die Anschauung einer bestän- 
digen Hebung des Loses der arbeitenden Klassen im 
Laufe der Jahrtausende, die Formulierung der sozial- 
pädagogischen Probleme, sein Entwurf der zu- 
künftigen Gesellschaftsordnung, in der ein modernisiertes 
Christentum den kulturellen Fortschritt durch das Gebot 
einer Förderung der Kunst, Wissenschaft und Industrie 
und durch das Mittel der Assoziation anbahnen wird,, 
weiterhin die Auffassung des Staates als eines Werk- 
zeuges, dessen sich die herrschenden Klassen zum Zweck 
der Unterdrückung des arbeitenden Volkes bedienen — 
alles dieses, sagen wir, und noch vieles andere gehört 
Saint-Simon an. Aber was bei diesem oft unbestimmt gehalten 
oder nur rudimentär entwickelt war, das ist nun scharf herausgehoben, 
wenn nötig, auf breiter empirischer Grundlage erwiesen und eingegliedert 
in ein wohlgeordnetes System. Einzelne Bestandteile der Lehre Bazards 
jedoch, deren Bestimmung es sein sollte, einigen allgemein gefaßten 
Konzeptionen Saint-Simons greifbare Gestalt zu verleihen, sind durchaus 
individuelle Zutaten, die eben die Eigenart seines Systems ausmachen, 
und es ist eine durchaus piüßige Sache, die Frage aufzuwerfen, ob 
Saint-Simon wohl die Erweiterungen, die Bazard seinem Gedankenkreis 
verliehen hat, anerkannt haben würde. Doch hat der Verfasser das 
Gefühl, daß der Meister, wenn er die Veröffentlichung des Werkes 
seines Schülers erlebt hätte, wohl rückhaltlos den in ihm nieder- 
gelegten Gedanken zugestimmt hätte, einmal, weil er vielen seiner eigenen 
Anschauungen begegnet wäre, dann aber auch, weil die Folgewidrig- 
keiten seines Systems hier vermieden waren und einen Ausgleich in 
einer Form gefunden hatten, die zwar neu in ihrer Art war, aber die,. 



— 307 — 

-wie Ba2ard es kritisch darzutun versuchte, als das einzige Mittel er- 
achtet worden war, das soziale Ideal des Meisters, die Einsetzung der 
Arbeit in ihre gesellschaftlichen Rechte, zu verwirklichen. 

Wenn wir die Hauptleistungen Bazards auf ihre Abhängigkeit hin 
von den Ideen Saint-Simons prüfen, so ergibt sich in der Hauptsache 
das Folgende. Während es Saint-Simon nicht vermocht hatte, die 
Richtigkeit seiner intuitiv gewonnenen Theorie über das Eigentum: 
da£ dieses wie alle sozialen Phänomene als ein historisches Ent- 
wicklungsprodukt aufgefaßt werden müsse, zu erweisen, hat Bazard 
diese Konzeption mit großem Scharfsinn gerechtfertigt und so eine 
historische Unterlage für die von ihm vorgeschlagene Reform des 
geltenden Eigentumsrechts erzielt. Mit dieser Reform nun — Ab- 
schaffung des Erbrechts, Überführung der Produktionsmittel in das 
Eigentum der Gesellschaft — erstrebte er eine Gestaltung der sozialen 
Verhältnisse, wie sie eben Saint-Simon verlangt hatte. Nach Saint- 
Simon sollen in der Zukunft alle Privilegien beseitigt werden — Bazard 
zeigt, daß, solange der inviduelle Besitz durch Vererbung übertragen 
wird, von einer solchen Beseitigung keine Rede sein kann. Er legt 
so an der Hand dieser Erkenntnis vornehmlich die Ungunst der ge- 
sellschaftlichen Lage der Besitzlosen dar, verleiht überhaupt dem von 
Saint-Simon nur andeutungsweise entworfenen Bild dieser Klasse be- 
stimmte Züge. Durch genialen Instinkt ist Saint-Simon die Anarchie 
des Wirtschaftslebens offenbar geworden, weshalb er zur Beseitigung 
der vorhandenen Schäden die industrielle Assoziation verlangt, ein 
,^gemeines Sj^tem", das einen „großen, einheitlichen Zweck" erfüllen 
solL Bazard erweist im einzelnen diese ökonomische Zersplitterung 
mit ihren unheilbringenden Folgen, im Anschluß zum Teil an Sismondi, 
und schreitet zu der Konsequenz, daß die von Saint-Simon verlangte 
Produktionsorganisation ohne eine Sozialisierung der Produktionsmittel 
nicht erreichbar sei. 

Was uns aber hier besonders angelegen sein muß, das ist der 
nachdrückliche Hinweis, daß auch Bazard so wenig wie Saint- 
Simon, wie man es bisher im Anschluß an Marx und an 
Engels angenommen hat, zu den rationalen Utopisten 
gezählt werden darf. Herkner reiht in seiner „Arbeiterfrage" 
Saint-Simon und Bazard gar unter die experimentellen Sozialisten, die 
eine Unterart der rationalen Utopisten bilden, ein. Aber wo ist denn 
bei Saint-Simon oder Bazard die Rede von einem Experiment? Kann 
denn von einem solchen, wo doch das Charakteristische ihrer sozialen 
Reform in einer zentralistischen Regelung des historisch ge- 
gebenen Wirtschaftssystems besteht, überhaupt nur die Sprache 
sein? Bazard sowohl als auch Saint-Simon erblicken in dem kapi- 
talistischen Wirtschaftssystem ein Übergangsglied zu einer neuen 

20* 



— 3o8 — 

Stufe der sozialen Entwicklung, deren Beschaffenheit, wie sie glauben, 
durch eine philosophische Durchforschung der Menschheitsgeschichte 
erkannt zu werden vermag. Auch Bazards Utopismus liegt wie da- 
Saint-Simons darin, daß eine historische Entwicklungsrichtung hinsicht- 
lich ihrer zukünftigen Form durchaus subjektiv gedeutet wird, und 
zwar so, wie es das menschenfreundliche Wollen dem begeisterten 
Propheten eingegeben hat; wobei noch anzufügen ist, daß auch der 
Schüler dem Wahne verfallen ist, durch eine Verkündigung der 
neuen Heilslehre die Menschen zum selbstlosen Handeln bestimm^i 
zu können. 

Ich möchte in Anlehnung an v. Struves geistvolle Ausführungen 
über die Marxsche Theorie der sozialen Entwicklung^) den Vorschlag 
machen, Saint-Simon sowohl als Bazard ak entwicklungs- 
geschichtliche Utopisten zu bezeichnen, zum Unterschied von 
den rationalen Utopisten,, deren Systeme als unabhängig von bestimmten 
historischen Bedingungen gedacht und nicht durch geschichtsphilo- 
sophische Reflexionen, sondern durch die Vernunft erschlossen werden. 

Als das eigenartigste Ergebnis Bazards ist seine 
Fassung des Saint-Simonschen Organisationsproblems 
zu betrachten, eben jene Idee, die wir alseines derHaupt- 
stücke des Sozialismus Karl Marxens bezeichnet haben: 
die Vergesellschaftung der Produktionsmittel Wir werden 
bald sehen, welche Unterschiede zwischen der Konzeption Bazards und 
der Marxens obwalten, wollen aber vorerst unser Auge noch flüchtig 
auf einen Denker richten, der in weitgehendster Weise dem Einfluß 
Saint-Simons und Bazards unterlegen ist, dieses aber, in einem selt- 
samen Versuch, seine Originsdität zu wahren, rundweg bestreitet: wir 
meinen Louis Blanc*). 

Original ist zweifellos die Absicht Louis Blancs, „durch die Kon- 
kurrenz die Konkurrenz selbst zu beseitigen", dergestalt, daß der 
Staat als der mächtigste Kapitalist die schwächeren privaten Unter- 
ndimer verdrängt, was geschehen kann, wenn die Arbeiterschaft die 
politische Herrschaft erobert hat An die Stelle der isolierten Betriebe 
sollen Produktionsassoziationen treten, und die neue, genossenschaftliche 
Wirtschaftsordnung soll durch eine Reihe von Übergangsmaßregeln 
herbeigeführt werden. Nun sehe man aber einmal zu, auf wdche 
Weise Blanc zu seinen Reformprojekten kommt. Auch sein Ausgangs- 
punkt ist ganz wie bei Saint-Simon und Bazard die Erkenntnis der 
Regellosigkeit, in der sich die ökonomischen Vorgänge abwickeln, die 
unbeschränkte Konkiurenz, die einem Vernichtungskrieg gleiche •). Er 

1) Archiv für soziale Geset^ebung und Statistik, Bd. 14, 1899, S* 658 ff. 

2) Organisation da travail, 1841, p. 116. 

3) A. a. O. p. 7. 



— 309 — 

unterläßt es selbst nicht in einer für uns deutlichen Anlehnung an 
Saint-Simon, die Anarchie auch in politischer und intellektueller Hinsicht 
zu betonen *), und will dieses System durch eine soziale Verfassung er- 
setzen, die eben die Saint-Simons ist: durch eine universelle Assozia- 
tion *) (un regime d'association et de solidarit6) "), die einem gemeinsamen 
Zweck (but commun) dient, nämlich dem Wohl und dem Glücke aller. 
Und welches ist das Kriterium dieser Assoziation? Wiederum das 
Kriterium, das Bazard aufgestellt hat: die Produktionsregelung wird 
eine zentralistische sein, und der Regierung wird als dem „r^gulateur 
supreme de la production** *) die ,4nstruments de travail" den „travailleurs" 
übergeben und die „Hierarchie der Funktionen" ihrer Leitung unter- 
stellen^. Auch wahrt sich Blanc gegen den Vorwurf des Utopismus, 
denn er hält sich „an Tatsachen, die zwar noch nicht vorhanden sind, 
aber deren Heraufkommen cds unvermeidlich und nahe bevorstehend" 
CTachtet wird*). 

Nur in Einzelheiten weicht Blanc von Saint-Simon und Bazard ab, 
und da ihm weder als Ökonom noch als Geschichtsphilosoph neue, 
weittragende Grundideen eigen sind, so ist das Urteil Friedrich Engels', 
daß er der unbedeutendste von allen Sozialisten ist, an die sich das 
Marxsche System anschließt, als ein durchaus zutreffendes zu betrachten. 

b) Saint-Simon und die ökonomische Geschichtsauffassung. 
Sein Einfluß auf Marx. 

Unbestreitbar ist als die größte wissenschaftliche Leistung Karl 
Marxens sein Versuch zu betrachten, durch eine entwicklungsgeschicht- 
liche Auffassung der kulturellen Phänomene, der Wirtschaft, des Rechts, 
der Moral, der Religion, die Gegenwart in die Stufenreihe des histo- 
rischen Werdens einzugliedern, um dadurch eine theoretische Unterlage 
zu gewinnen für die Umbildung der gegebenen sozialen Verhältnisse: für 
die Entschleierung der Zukunft also. Ebenso wichtig als die Anwendung 
dieser Methode sozialwissenschaftlicher Erkenntnis war die besondere 
Art der kausalen Interpretation der historischen Wirklichkeit, wichtig 
und epochemachend deshalb, weil durch die Hervorhebung des ökono- 
mischen Moments als der treibenden Kraft des historischen Geschehens 
ein wunder Punkt der zeitgenössischen Geschichtsschreibung aufgedeckt 
wurde und durch die bewußte, klare Formulierung des so aufgefaßten 

i) A. a. O. p. 158. 

2) A. a. O. p. 45, 100. Vergl. S. 231 (Anm. i) dieses Werkes. 

3) A. a. O. p. 143. 

4) A. a. O. p. 76. 

5) A. a. O. p. ^^, 

6) A. a. O. p. 157, 158. 



— 3IO — 

geschichtsphilosophischen Problems der wissenschaftlichen Forschung- 
äußerst fruchtbare Anregungen gegeben worden sind. Der Umstand, 
daß diese Theorie in geschlossener Form, mit schärfster Herausstdlung 
ihrer charakteristischen Merkmale und als allgemeingültiges historisches 
Erkenntnisprinzip verkündet wurde — und darin beruht eben, wie wir 
sdien werden, ihre Eigenart — läßt es psychologisch leicht erklärlich 
erscheinen, daß Marx als der Entdecker dieser Geschichtsbetrachtung ge- 
feiert wurde. Schon unsere früheren Ausführungen haben aber ergeben, 
daß dies in keiner Weise der Fall ist Denn mannigfache Bestandtdle 
dieser Lehre waren schon vor Marx ausgebildet, und als Systematisator 
einer weitverzweigten Gedankenströmung, nicht als Entdecker der 
nach ihm benannten Theorie ist der große deutsche Sozialist zum Re- 
formator weiter Bereiche der Wissenschaft geworden. 

Es ist nun interessant zu sehen, daß es Saint-Simon gewesen ist, 
der mit seinen entwicklungsgeschichtlichen Ideen nicht nur den An- 
sporn zur Herausbildung der intellektualistischen Greschichtsauffassung 
Comtes, sondern auch zu der allmählichen Herausbildung der ökono- 
mischen Geschichtsphilosophie gegeben hat Das soll nun im folgenden 
gezeigt werden, wobei wir uns aber nicht von der Absicht leiten lassen, 
etwa eine Dog^engeschichte des ökonomischen Materialismus zu liefern, 
es soll vielmehr an einzelnen bemerkenswerten Denkerleistungen dar- 
getan werden, in welcher Weise die fortzeugende Kraft der Ideen 
Saint-Simons sich ausgewirkt hat, welche Neuerungen vor allem zu 
verzeichnen sind. 

Fassen wir noch einmal die Hauptpunkte, welche die ökonomische 
Geschichtserklärung Saint-Simons ausmachen, zusammen, so ergibt sich 
das Folgende. Saint-Simon betrachtet die Gestaltung der neueren 
Epochen der Geschichte — neben ihrer Bedingtheit durch philo- 
sophische Ideen — auch als bestimmt durch wirtschaftliche Tatsachen, 
und zwar ist es ein bestimmter ökonomisch-technischer Zustand, der 
die (Grundlage der sozialen Ordnung bildet Indem die Fortschritte 
der Industrie die fundamentalsten sind und damit also die übrigen 
gesellschaftlichen Fortschritte nach sich ziehen, so ist es ein gewisser 
Stand des technisch-ökonomischen Könnens, der die Sonderheit des 
sozialen Überbaues bewirkt. Mit diesen Bestimmungen sieht sich d^in 
der Denker geradezu veranlaßt, die politische Ökonomie, deren Unter- 
suchungsobjekt eben diese wirtschaftlichen Verhältnisse bilden, als Grund- 
lage der Politik zu betrachten. Freilich hat er es nicht unternommen, 
die Art der Abhängigkeit der einzelnen sozialen Reihen von der 
ökonomischen näher klarzulegen, mit Ausnahme der Politik*), deren 

I) Von einem flüchtigen Hinweis auf die Abhängigkeit auch der metaphysischen Dok- 
trinen des Aufklärungszeitalters, also eines intellektuellen Phänomens, von den ökonomischen 
Interessen des BOigertums dürfen wir wohl absehen. 



— 311 — 

Fortschritte er als die direkten und notwendigen Folgen der zivilen 
aufgefaßt wissen möchte. 

Auch den Eigentumsverhältnissen weist er eine zentrale Stellung 
zu, indem nach ihm das Gesetz des Eigentums die Grundlage des 
sozialen Gebäudes darstellt, wobei allerdings die zwischen den Eigen- 
tums- und Produktionsverhältnissen obwcdtenden Beziehungen nicht 
geklärt sind. 

Indem das durch die fränkische Eroberung in Gallien festgelegte 
Eigentumsrecht eine neue Gestaltung der sozialen Entwicklung hervor- 
rief, macht es sich Saint-Simon zur Aufgabe, den Wandlungen dieser 
gesellschaftlichen Ereignisreihen nachzuspüren. Dabei findet er, daß die 
Geschichte Frankreichs seit den Einfällen der Franken eine Reihe von 
Klassenkämpfen gewesen ist Denn der technische Fortschritt, wie 
er durch verschiedene Momente, namentlich auch durch Nutzbar- 
machung der wissenschaftlichen Kenntnisse hervorgerufen wurde, hatte 
bei den unterworfenen Produzenten die Ansammlung von Reichtümern 
zur Folge, die, da sie die Grundlage jedes politischen Einflusses imd 
gesellschaftlicher Wertung bilden, das Streben nach einer Einwirkimg 
auf die Gesetzgebung hervorriefen. Da aber die Gesetze immer der 
' Ausdruck der egoistischen Interessen ihrer Urheber sind, so entstand 
daraus eine Verletzung der Interessen jener Klasse, von deren legis- 
lativem Einfluß die Industriellen sich zu befreien suchten, und damit 
der Klassenkampf. 

Neben diesen Klassenkämpfen, die also Reflexe sozialer Macht- 
verhältnisse sind, kennt Saint-Simon noch soziale Konflikte, d. h. 
einen Antagonismus zweier sozialer Systeme, von denen das eine mit 
den bestimmenden Grundlagen der sozialen Verhältnisse in Wider- 
streit geraten ist und von einem anderen verdrängt wird. So war das 
feudale System lange Zeiträume hindurch das den gesellschaftlichen 
Zuständen angemessene, während der industrielle Aufschwung den 
Grund zu einer neuen, die feudale Gesellschaftsverfassung verdrängenden 
Ordnung der Dinge legte. Denn „seit dem fünfzehnten Jahrhundert des- 
organisierte sich das Feudalsystem allmählich, während das Industrie- 
system sich nach und nach organisierte. Es wird nur einer kräftigen 
Aktion der Vertreter der Industrie bedürfen, um das industrielle System 
endgültig zu befestigen und die Gesellschaft von den Ruinen jenes 
feudalistischen Gebäudes zu befreien, das unsere Ahnen ehedem be- 
wohnt haben" ^). 

Der von solchen Gesichtspunkten geleiteten Geschichts- 
forschung wird ein wissenschaftlicher, positiver Charakter 
beigelegt, d. h. sie will dartun, daß der geschichtliche Ablauf sich in 



i) Catöchisme des industriels, T. XXXVII, p. 51. 



— 312 — 

regelmäßiger, ja gesetzmäßiger Weise abwickelt, wodurch dann die 
Möglichkeit gegeben sei, die Grundzüge der zukünftigen Gesellschafts- 
formation anzugeben. 

Diese geschichtsphilosophischen Ideen Saint-Simons, die also noch 
weit davon entfernt sind, die kulturellen Lebensäußerungen in ihrer 
Totalität aus ökonomischen Tatsachen abzuleiten, haben sich als äußerst 
fruchtbar erwiesen. Eine Reihe hervorragender Geschichtsschreiber 
hat sie, teils in direkter Anlehnung an Saint-Simon, ihrer historischen 
Untersuchung zu Grunde gelegt und weitergebildet Geben wir die 
Grundanschauungen der hier in Betracht kommenden Denker wieder. 

Fast bei allen Nachfolgern Saint-Simons tritt das bewußte Streben 
hervor, der als unzulänglich erachteten Geschichtsschreibung eine neue 
Fundamentierung zu geben. Man hat erkannt, daß es nicht die Könige 
und Herren allein sind, welche die Geschichte machen, sondern daß 
die wahren Triebkräfte des historischen Geschehens von anderen, nur 
in ihrer wahren Bedeutung noch nicht erkannten Gesellschaftsklassen 
ausgehen. Schrieb doch Augustin Thierry, der Schüler und Adoptiv- 
sohn Saint-Simons, bald^) nach seiner 1817 erfolgten Trennung von 
seinem Lehrer im „Censeur Europeen": 

„Wer von uns hat etwas von jener sozicden Klasse vernommen, 
die in einer Zeit, wo Barbaren Europa überschwemmten, der Mensch- 
heit die gewerbUchen Künste und die Gewohnheit zur Arbeit erhalten 
hatte. Von ihren Besiegem und Beherrschern fortwährend unterdrückt 
und geplündert, fristeten diese Menschen ein elendes Dasein, indem 
sie als Lohn für ihre Arbeit nur das Bewußtsein empfanden, daß sie 
gut handeln und ihren Kindern wie der ganzen Welt die Zivilisation 
erhalten. Diese Retter unserer Künste waren unsere Väter. Wir sind 
die Nachkommen jener Leibeigenen, jener Zins- und Bürgersleute, die 
von den Eroberem rücksichtslos mit den Füßen getreten wurden. AUes 

verdanken wir ihnen Aber, unlängst befreite Sklaven, behielten 

wir nur die Taten unserer Herren im Gedächtnis. Erst vor dreißig 
Jahren erinnerten wir uns, daß unsere Väter die Nation bildeten. Alles 
hatte uns in Entzücken gesetzt, alles hatten wir kennen zu lernen ge- 
sucht, nur das nicht, was unsere Väter geleistet Wir waren Patrioten 
und hatten diejenigen vergessen, die vierzehn Jahrhunderte lang den 
von fremden Händen so oft verwüsteten Boden unseres Vaterlandes 
bebaut hatten"^. 

Daher verlangt Thierry eine Geschichte des Volkes mit allen 
seinen wechselvollen Schicksalen, seinem Leiden und seinem Streben 



i) Die Kenntnis der Ansichten Thierrys, Mignets und Guizots Terdankt der 
Verfasser in der Hauptsache dem instruktiven Aufsatz Georg Plechanows in der „Neuen 
Zeit" (21. Jahig., Bd. I, No. 9, 10), wo die Leistungen dieser Historiker gewürdigt sind. 

2) Verg]. August Thierry, Diz ans d*6tndes historiques, Paris 1866, Priface, p. 4. 



— 313 — 

nach Erfolgen, jenes Volkes, das nicht, wie so viele Historiker meinen, 
das willenlose Werkzeug hoher Persönlichkeiten bildet, sondern das 
auch ein Bewußtsein und seine Interessen hat, ja im Grunde der wahre 
Schöpfer der ganzen modernen Zivilisation ist Der große Historiker 
— und ihm schließen sich Mignet und Guizot vollständig an — 
weiß als Schüler Saint-Simons, daß nur die Erforschung dessen, was 
letzterer einmal die zivilen Verhältnisse genannt hat, über den wahren 
Gang der historischen Entwicklung aufzuklären vermag, daß, wie 
Guizot sagt, das bürgerliche Sein des Menschen es ist, worin die 
aktiven Kräfte des geschichtlichen Fortschreitens ihren Ursprung 
nehmen. 

Auch die Saint -Simonsche Konzeption des Klassenkampfes 
haben sich diese Historiker, die ja alle Vetreter des zu ihrer Zeit mit 
energischer Tatkraft um seine Interessen kämpfenden Mittelstandes 
waren, vollständig zu eigen gemacht. Sie erblicken in dem Wechsel- 
spiel des geschichtlichen Daseins einen Kampf von Klassen und Inter- 
essen, sie sehen wie Saint-Simon, daß die sozialen Institutionen nur 
Mittel individueller Interessenwahrung sind, sie wissen, daß es „die 
zahlreichsten und mächtigsten Interessen sind, die die Gesetze diktieren 
und zu ihrem Ziele gelangen", „daß die Gewalt, die zur Herrschaft ge- 
langt, sich stets der Staatseinrichtungen bemächtigt", daß es „außer der 
Gewalt keinen anderen Gebieter gab". „Die soziale Bewegung", sagt 
Mignet*), „wird von den herrschenden Interessen bestimmt Sie strebt 
ihrem Ziele inmitten verschiedener Hindemisse zu, hält inne, sobald 
das Ziel erreicht ist, und macht sodann einer anderen Bewegung Platz, 
die man anfangs nicht merkt, und die erst dann zum Vorschein kommt, 
wenn sie zu einer überhandnehmenden Bewegung geworden ist Das 
war der Entwicklungsgang des Feudalismus. Der Feudalismus lebte 
zunächst nur in den Bedürfnissen der Menschen selbst, ohne beträcht- 
lich zu existieren — das wcir die erste Epoche ; in der zweiten existiert 
er tatsächlich, hört aber allmählich auf, den Bedürfnissen zu entsprechen, 
welch' letzterer Umstand seiner tatsächlichen Existenz schließlich ein 
Ende bereitet Noch niemals schlug eine Revolution einen anderen 
Weg ein." 

Mit diesen Bestimmungen allgemeiner Art hatte es aber bei diesen 
Historikern nicht sein Bewenden; sie legten vielmehr die Idee des 
Klassenkampfes, die sie nicht als eine hypothetische Konstruktion 
betrachtet wissen wollen, sondern als pure Tatsache, die in Abrede zu 
stellen Gtiizot als geradezu lächerlich bezeichnet, ihren historischen 
Untersuchungen zu Grunde, wobei sie mit seltenem Geschick würdige 
Proben ihres historischen Könnens abgelegt haben. Dabei trat denn 

i) De la f6odalit6 des institutions de St.-Louis et de Pinfluence de la l^gislation de ce 
prince, p. 77 f. 



— 314 — 

ein prinzipiell neuer Gresichtspunkt hervor, dessen Beachtung sie über 
die Anschauungen Saint -Simons beträchtlich hinausführte. Machten 
sich bei Saint-Simon nur leise Ansätze bemerkbar, den sozialen Über- 
bau in seiner Totalität als bestimmt durch die materiellen Verhält- 
nisse zu begreifen, so hat er in Wirklichkeit doch nur die Politik des 
näheren in direkte Abhängigkeit von der ökonomischen Gestaltung 
gebracht Die übrigen intellektuellen Gebilde wie Religion, Moral u^w. 
waren nach ihm bestimmt durch den Stand der geistigen Kultur, sie 
in Beziehung zu ökonomischen Tatsachen zu bringen, lag ihm fem 
Schon 1817 schrieb nun Thierry in einem im „Censeur Europeen" ver- 
öffentlichten Aufsatz^) über die religiösen Verhältnisse Englands im 
siebzehnten Jahrhundert: „C'etait pour des intirSts positifs que 
la guerre se soutenait de part et d'autre. Le reste n'etait 
qu'apparence ou pretexte. Ceux qui s'engageaient dans 
la cause des sujets ^taient pour la plupart presbyteriens, 
c'est a dire que, meme en religion, ils ne voulaient aucun 
joug. Ceux qui soutenaient la cause contraire etaient 
episcopaux ou papistes; c'est qu'ils aimaient ä trouver, 
jusque dans les formes du culte, du pouvoir k exercer et 
des impöts ä les lever sur les hommes"^. 

Ähnlich hat Guizot den Einfluß der sozialen Verhältnisse 
auf das Theater betont, indem er dessen Schicksale erklärt wissen 
wollte aus der Art der sozicden Klleissendifferenzierung und aus den 
in den einzelnen Gesellschaftsschichten vorhandenen Machtverhältnissen. 
War im alten Griechenland die Gesamtheit der Bürger mit der Leitung 
des Gemeinwesens betraut, so waren auch hier die theatralischen Auf- 
führungen für die Allgemeinheit bestimmt, während mit der zu- 
nehmenden Komplikation der gesellschaftlichen Beziehungen in der 
neueren Zeit das Theater lediglich ein Unterhaltungsmittel der Reichen 
bildete, die in ihren Bestrebungen nach einer Absonderung von den 
übrigen Klassen einen Widerwillen gegen alles Volkstümliche und 
damit nur Sinn für geschraubte, unnatürliche drjimatische Stoffe be- 
kundeten : hat doch der englische Adel selbst an den genialen Werken 
eines Shakespeare nur wenig Geschmack finden können. Auch das 
französische Trauerspiel war ein Ausdruck lediglich des G-eschmacks 
der oberen Klassen, doch hat nach Guizot*) die Revolution durch die 
Beseitigung der alten Verhältnisse den Boden für die Schöpfung eines 
neuen dramatischen Systems geebnet 

1) Abgedruckt in Dix ans d*6tudes historiques, p. 25 ff. 

2) Einen gleichen Gedanken hat (neben Vico) auch Montesquieu ausgesprodien« 
indem er den Protestantismus die Religion der Industriellen nennt 

3) V^* die „ifetude sur Shakespeare" in seiner Obersetzung der Shakespeareschen 
Werke und „Du Grouvemement de France". 



— 315 — 

Gruizot geht aber noch weiter und behauptet, daß sogar ^die 
Ideen, Lehren und die Verfassungen selbst'' die Inter- 
essen der Menschen widerspiegeln, daß also soziale Ten- 
denzen es sind, welche sich in den Hieorieen aussprechen. Er illustriert 
diese Ansicht durch den Hinweis auf englische Verhältnisse, wo die 
quantitative Überlegenheit des dritten Standes die Theorie der Volks- 
souveränität zu Stande kommen ließ, da „die Menschen unbedingt sich 
selbst imd andere glauben machen müssen, daß sie recht haben". 

Zu diesen Historikern gesellt sich in Frankreich noch eine Anzahl 
anderer Männer, welche die ideologische Erklärung der historischen 
Tatsachen beiseite geschoben und sich Saint-Simons ökonomische Auf- 
fassung der Geschichte mehr oder minder zu eigen gemacht haben. 
Bazard sieht bekanntlich als das hervorstechendste Phänomen jeder 
Epoche die Klassenscheidung an, indem Ausbeuter und Ausgebeutete, 
Herren und Sklaven, Patrizier und Plebejer, Feudalherr und Leib- 
eigener, Eigentümer und Arbeiter scharf getrennte Gruppen büden. 
Daß diese Schichten miteinander im Kampfe liegen, und daß der 
Kampf der Hebel des historischen Fortschrittes sei, wie man gemeint 
hat^), ist eine Auffassung, die Bazard durchaus fremd ist. Besonders 
bemerkt zu werden aber verdient, daß Bazard die politische Ordnung 
der Vergangenheit aus der sozialen Klassendifferenzierung ableitet: 
„Cet ordre politique du passe n'est, apr^s tout, qu'une 
des expressions de Texploitation de l'homme par 
rhomme"*). 

Die wichtige Stellung der ökonomischen Tatsachen im kulturellen 
Leben hatte auch Fourier begriffen. Es ist ihm ein „Naturgesetz, 
daß das Materielle vor dem Geistigen" organisiert sein müsse, und daß 
zu einer intellektueUen Assoziation erst dann geschritten werden dürfe, 
wenn die materiellen Grundlagen gefestigt sind^. 

Pecqueur, der dem Einfluß Saint-Simons in der mannigfachsten 
Weise unterlegen ist, faßt die ökonomischen Tatsachen ebenfalls als 
primäre Gebilde auf: in der neuen Produktionsordnung, die er vor- 
schlägt, sei nicht nur eine industrielle sondern auch eine moralische 
und politische Revolution begründet*). 

Louis Blanc muß gleichfalls dieser realistischen Richtung der 
Greschichtsforschung beigezählt werden, will er doch in seiner „Geschichte 
der zehn Jahre" (1841 — 44), den Klassenkampf als Hebel des geschicht- 
lichen Werdens auffassen und nachweisen, „daß der Sturz des Kaiser- 

i) Andler, Le Manifeste communiste, T. n, p. 66 f. 

2) Exposition de la doctrine Saint-Simonienne, a. a. O. T. XLI, p. 375. 

3) Les Thtories sodalistes de Babceof k Proudhon par £. Fourniöre, Paris 1904, p. 287 . 

4) „C'est que, dans ce mode noizveaa de pioduction, se troave une rdvolution tout k la 
fois industrielle, morale et politique." Fourniöre, a. a. O. p. 277. 



— 3i6 — 

reichs und die Throngelangting Ludwigs XVlLL. im Interesse der Bour- 
geoisie und ihr Werk war", daß außerdem alle politischen Bewegungen 
der Restauration durch die Bestrebungen erzeugt wurden, welche die 
Bourgeoisie machte, lun das Königtum zu bemeistem, ohne es zu ver- 
nichten *). 

Blanc ist der Überzeugung, daß das siegreiche Fortschreiten der 
Bourgeoisie^ seit der Beseitigung des Feudalismus durchaus eine 
historische Notwendigkeit war. Es könnte zwar auf den ersten Anblick 
scheinen, als ob Napoleon der Industrie nur wenig sein Augenmerk 
zugewandt hätte, allein dies ist eine Täuschung: er hat vielmehr in 
Sachen des Handels, der Industrie, der Finanzen das Werk der kon- 
stituierenden Versammlung fortgesetzt und die ökonomischen Interessen 
bedeutsam gefördert Hierin lag aber auch sein jähes Schicksal be- 
schlossen; denn indem er durch verwaltungstechnische Maßregeln den 
industriellen Aufschwung zu fördern suchte, war er gleichzeitig auf 
eine Wiederherstellung der Aristokratie bedacht, wie er zudem noch, 
wie Blanc sag^ um seine historische Mission zu erfüllen, Despot imd 
Krieger zugleich sein mußte ^. Da aber die Bourgeoisie sich nur unter 
der Bedingung des Friedens und der Freiheit entwickeln konnte, so ist 
es erklärlich, daß sich in Paris mitten unter den Schrecken des ICrieges 
„eine nach Frieden dürstende Aristokratie befand; es waren Bankiers 
da, die beim Siege von Anlehen träumten; Fabrikanten, Kaufleute, 
alle, die durch den Vemichtungskampf zwischen Napoleon und England 
Schaden nahmen, das waren die eigentlichen Urheber des Abfalls, der 
den Fremden die Tore von Paris öffnete"*). 

Der Sturz Napoleons lag so in den Gresetzen der Entwicklung 
der Bourgeoisie*). 1814 hatte er die ganze mächtige Bourgeoisie 
gegen sich, die, ohne emsthstft zu den Waffen zu greifen, den Sieg 
und den Einzug der Verbündeten mit Freuden begrüßte. Aber wie 
die Macht dieser Klasse den einst so gewaltigen Napoleon zu Boden 
schmetterte, so war auch die neue politische Gestaltung ein ihren 
eigensten Interessen dienendes Werk*). Was war denn überhaupt die 
Grundbedingung für eine ungehemmte Geltendmachung der Bourgeois- 

1) L. Blanc, Gesdiichte der zehn Jahre 1830 — 40. Obersetzt von Gottlob Fink, 
1845, S. 5. 

2) Unter Bourgeoisie oder Mittelstand versteht Blanc „die Gesamtheit der Bflijger, 
welche Handwerkszeuge oder ein Kapital besitzen, mit eigenen Mitteln arbeiten und daher nur 
bis auf einen gewissen Grad von anderen abhängen. Das Volk ist die Gesamtheit der Bfiiger, 
die kein Kapital besitzen und daher gänzlich, sogar in Beziehung auf die ersten Lebensbedflif- 
nisse, von anderen abhängen.'* A. a. O. S. 65. 

3) A. a. O. S. 5. 

4) A. a. O. S. 8. 

5) A. a. O. S. 13. 

6) A. a. O. S. II, 12. 



— 317 - 

Interessen? Doch wohl: einen möglichst großen politischen Einfluß 
a^usüben zu können I In diesem Bestreben wäre aber eine mächtige 
Regierung das größte Hindernis gewesen. Daher wurde einem Bour- 
iDonen die Königskrone aufs Haupt gesetzt. Denn die Bourgeoisie 
bedurfte, um das politische Übergewicht wieder zu gewinnen, dessen 
schnelle Zunahme das Regiment des Schreckens und des Kaiserreichs 
unterbrochen hatte, einer Regierung, die selbst wieder auf sie ange- 
wiesen war, „die ihre Unterstützung und selbst ihren Schutz nicht ent- 
behren konnte, d. h. eine Regierung ohne innere Kraft, ohne Glanz, 
ohne Nationalität, ohne Wurzeln"*). Und das war eben die Bour- 
bonische Monarchie. Was kümmerte sich die Bourgeoisie darum, daß 
die unter Mithilfe der Fremden erfolgte Rückkehr der Bourbonen 
Frankreich den anderen Ländern gegenüber in eine subalterne Stelle 
brachte. Ihr war die dadurch erzielte Herrschaft der Industrie und 
damit der Erwerb von Reichtümern mehr als ein volles Äquivalent für 
diese Demütigung*). 

Auch die folgende Zeit ist Blancs Auffassung zufolge vollständig 
von den Interessen der Bourgeoisie beherrscht War die Rückkehr 
Napoleons von Elba darin begründet, daß das neue Königtum, dem 
Willen des Mittelstandes entgegen, seine Hand nach den Trümmern 
der Adelsherrschaft ausstreckte und selbst Männern mit längst über- 
wundenen Ideen die Leitung der Staatsgeschäfte anvertraute, so ruhte 
aber auch der neu errichtete kaiserliche Thron nur auf einem morschen 
Fimdament Napoleon hatte vergessen, mit der Bourgeoisie abzu- 
rechnen und mußte Fouch6, einen Vertreter bürgerlicher Interessen und 
liberaler Ideen, als Minister anerkennen. In dieser Weise konnte 
der Kaiser sich nicht lange halten, er fiel zum zweitenmal und zwar 
wieder dank den vereinigten Anstrengungen der Bourgeoisie^. 

Nun hatte die Bourgeoisie vollendet, was sie 1814 begonnen, 
und in den folgenden 15 Jahren beschäftigte sie sich lediglich mit 
der Ausbreitung ihrer Herrschaft: „Sie will in die Staatstätigkeit ein- 
dringen, das Wahlsystem zu ihrem Nutzen kehren, sich der parla- 
mentarischen Gewalt bemächtigen, kurz, das Königtum bemeistem, 
ohne es zu vernichten"*). Deshalb waren die Jahre 1815 — 1830 aus- 
gefüllt mit einem Kampf, in dem es sich um die Ideen der Feuda- 
lität und die Interessen der Bourgeoisie handelte, einen Kampf, der 
nichts war „als eine zum Vorteil der Bourgeoisie sich entscheidende 
Fortsetzung des Kampfes, den die allgemeinen Reichsstände schon vor 



1) A. a. O. S. 17. 

2) A. a. O. S. 23. 

3) A. a. O. S. 25. 

4) A. a. O. S. 28, 33. 



- 3i8 - 

1789, wiewohl ohne Glanz und Kraft, ohne Konsequen2, gegen das 
monarchische Prinzip geführt hatten"^). 

Mit diesen Bestimmungen bewegt sich Louis Blanc 
vollständig in den Geleisen Saint-Simonscher Ge- 
schichtsauffassung, ohne daß er neue Gesichtspunkte 
der Betrachtung hinzugefügt hätte. Mehr gefördert würfe 
die neu angebahnte Analyse des sozialen und geschichtlichen Lebens 
durch Pro udhon, in dessen 1843 erschienenen Werke „De la cr^tion 
de Tordre daos lliumanit^'' die einzelnen Bausteine, welche die bisher 
betrachteten Denker für die Theorie des ökonomischen Materialismus 
geliefert, sich zu einer gewissen systematischen Einheit verbunden vor- 
finden und, was das Beachtenswerte ist, losg^öst von historischen 
Einzelbetrachtungen, als bewußt theoretische Reflationen über den 
Charakter der sozialen Entwicklung, wenn auch nicht in wohldurch- 
dachter und widerspruchsloser Weise, auftreten. 

Nach Proudhon beherrscht die soziale Wirklichkeit eine der 
natürlichen durchaus analoge, durch keinerlei menschliche Einwirkung 
abzuändernde Gesetzmäßigkeit*). Diese historische Determiniertheit 
gilt es zu erfassen, und zwar derart, daß man die Gesetzmäßigkeit 
des im geschichtlichen Dasein sich bekundenden Fortschritts in 
ihrer Art und Bedingtheit zu begreifen sucht, dabei sich aber von den 
chimärischen Versudien eines Bossuet, Vico u. a. freihält, die eine 
auf die Totalität des „sujet historique" anwendbare Formel aufstellen 
wollten "). 

Als Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung muß das Eigentum 
angesehen werden: „La propri^te fait la base mgme de la societe^, 
und zwar ist dieses insofern von fundamentaler Bedeutung, als ohne 
sein Vorhandensein von einem industriellen Fortschritt keine 
Rede sein könnte. Die Entwicklung, der Industrie und die Vervoll- 
kommnung ihrer Werkzeuge stellt aber den Gradmesser des sozialen 
Fortschritts überhaupt dar, Wcis daraus folgt, daß eben die zentrale 
Tätigkeit des Menschen die Arbeit ist Von allen Lebewesen ist der 
Mensch das einzige, welches cirbeitet, und dieses ist „der augenfällige 
Beweis unserer immensen Überlegenheit" über die Tierwelt*). Denn 
mit der in der Arbeit vollzogenen Einwirkung auf die Materie ist es 
nicht geschehen, ihre Folgen sind weitergehende. Die Arbeit ist nach 
Proudhon geradezu ,Ja forme plastique de la sociite, l'id^e- 



1) A. a. o. S. 39, 49. 

2) De la cr^tion de Tordre dans Phumanitö, Paris 1843, p. 347. 

3) A. a. O. p. 452 f. 

4) A. a. O. p. 524. 

5) A. a. O. p. 355» 35^» 381. 



— 319 — 

type qui determine les diverses phases de sa croissance^ 
et par suite tout son organisme, tant interne qu' externe**^). 
Zur näheren Erläuterung dieser Ansicht weist er auf Blanquis „Histoire 
de r^onomie politique" hin, in welchem Werke die fundamentale Ein- 
wirkung der Arbeit auf die soziale Gestaltung in sichtbarster Weise 
hervortrete und für die Entdeckung der historischen Gesetze tausendmal 
mehr geleistet worden sei als in den Schriften der Bossuet, Vico, Mon- 
tesquieu und vieler anderer. Ruht doch Je Systeme social et tout ce 
qu'il renferme, culte, guerre, commerce, sdence et arts etc." auf der 
Arbeit, und da diese die Achse ist, auf der sich die politische Ökonomie^ 
deren Geschichte Blanqui geschrieben hat, bewegt, so darf man geradezu 
sagen, daB die Gresetze dieser Wissenschaft die wahren Gresetze der 
Geschichte sind^. „L'histoire est desormais expliqu^e; eile 
ne Ta ete, eile ne pouvait Tetre que par T^conomie 
politique: une science nouvelle 6tait necessaire pour 
devoiler les secrets du d^veloppement social"^. An 
anderer Stelle heißt es: „Nous pouvons a priori determiner la forme 
g^n^ale de la societe, certains que les faits ulterieurs ne nous 
dementiront pas, parce que dans la conception du travail, dans ses 
transformations et dans ses lois, T^conomie politique et Thistoire, le 
possible et le r6el, Tordre et Tanomalie, nous sont donnfe" *). 

Somit ist also der einzige Schlüssel der Geschichte die 
politische Ökonomie^. An verschiedenen Beispielen unternimmt 
es nun Proudhon, die Richtigkeit dieser theoretischen Einsicht zu er- 
weis^i. So, wenn ihm die Geschichte bestätigen soll, daß die gesell- 
schaftiichen Perturbationen lediglich die notwendigen Folgeerscheinungen 
einer Verletzung der ökonomischen Gesetze sind. Griechenland ist 
untergegangen, weil es die industrielle Tätigkeit verachtete, Rom, weil 
die landwirtschaftlichen Interessen keine Vertretung in der Regierung 
fanden, überhaupt „parce qu'apres avoir constitu6 sa forte hierarchie eile 
s'est arretee devant la propri^te quiritaire, les latifundia, Tesclavage et 
Tusure, et n'a pas su r^publicaniser l'agriculture, Tindustrie et le com- 



1) A. a. o. p. 522. 

2) A. a. O. p. 453 f., 512. 

3) A. a. O. p. 484. 

4) A. a. O. p. 526. Diese bekanntlich auch von Marx vertretene Ansicht, nadi welcher 
die Anatomie der btkigerlichen Gesellschaft in der poKtitschen Ökonomie zu sudien ist (Zur 
Kritik der Ökonomie, herausgegeben von Kautsky, 1903, S. 11), geht von dem erwähnten 
Blanqui aus, der lehrt, daß zwischen der Geschidite und der politischen Ökonomie solch enge 
Beziehungen herrsdien, daß man die eine nicht ohne die andere studieren k&me. Die erstere 
liefere die Tatsachen, die letztere habe die Ursachen darzulegen. Veigl. An dl er, Le Mani- 
feste oommuniste, T. n, p. 71. 

5) A. a. O. p. 520. 



— 320 — . 

merce" ^). Ähnlidi lagen die Verhältnisse in Karthago. , J>es jalousies 
mercantiles, plus encore que les armes romaines, detruisfa-ent Cartz^e: 
par oü nous voyons que Tindustrie, dans cette republique, de meme que 
Tagriculture ä Rome, ne put jamais devenir element politique, mati^e 
d'administration et de gouvemement" ^. 

Auch die Bedeutung des Klassenkampfes im geschichtlichen 
Leben weiß Proudhon vollauf zu würdigen. Cousin, so führt er aus, 
hat mit Recht jede politische Revolution als Prozeß der Realisierung 
neuer Ideen aufgefaßt Da nun aber in der Gesellschaft die Ideen die 
Interessen der Menschen, von denen sie ausgehen, widerspiegeln, so 
wird wohl das Bestreben, die bisher vorhandenen Ideen zu verdrängen, 
auf großen Widerstand stoßen. Es kann hier nur der im Kampfe 
ausgefochtene Sieg, nur die Grewalt, nicht der Appell an die Vernunft 
entscheiden *). 

Die Geschichte bestätiget dies. Sie zeiget, wie die Befreiung der 
Gemeinen, die gleichsam eine „incamation du travail" bedeutete, den 
Widerstand des Adels und der Geistlichkeit und, daraus folgend, 
Bürgerkriege nach sich zog, wie der sich dann konstituierenden absoluten 
Monarchie als mächtige Gegner der Adel, das Parlament und der dritte 
Stand erwuchsen, wie, nachdem Ludwig XIV. den Thron bestiegen 
und die Welt sich vor ihm gebeugft hatte, gewaltige Kämpfe sich ein- 
stellten, überhaupt, wie es immer antagonistische ökonomische Prinzipien 
sind, deren Geltendmachung den Kampf heraufbeschwören*). 

Auch in Deutschland blieb der Umschwung in der Interpretation 
des historischen Geschehens nicht aus, wobei allerdings die mächtige 
Wirkung der Hegeischen Philosophie, die bekanntlich lange Zeit das 
allherrschende G^dankensystem bildete, einer raschen Einbürgerung der 
realistischen philosophischen Geschichtsbetrachtung hindernd im Wege 
stand. Wir halten es für geboten, der Hegeischen G^schichtsphilosophie 
des näheren unsere Aufmerksamkeit zu schenken, einmal um an einem 
klassischen Beispiel zeigen zu können, welch' großer Fortschritt in den 
soziologischen Gedankenreihen Saint-Simons beschlossen war, dann 
aber auch um darzutun, in welchen intellektuellen Voraussetzungen 



1) A. a. O. p. 467, 477, 520. 

2) A. a. O. p. 467. 

3) A. a. O. p. 515, 516. 

4) A. a. O. p. 504. Es mag noch darauf hingewiesen werden, daß Proudhon andi 
eine Erkenntnis der zukünftigen Gestaltung der sozialen Verhältnisse für möglich hält; er 
rechtfertigt dies damit, daß im geschichtlichen Leben eine allmächtige, in ihrer Wirkungsweise 
festen Gesetzen unterworfene Gewalt eine strenge Determination des historischen Fortschreitens 
zur Folge hat, so daß „der angefangene Lauf seinem Ende zugeht und zwar in derselben 
Richtung, in der er begonnen hat'*. Daher kann Proudhon sagen: , J^*exp^ence du passö 
est la sdence de Tavenir.** Vergl. a. a. O. p. 437, 504. 



— 321 — 

die Marxsche Formulierung des geschichtsphilosophischen Problems 
begründet war. 

Hegel, den Engels hinsichtiich der Universalität seiner Denk- 
richtung mit Saint-Simon auf eine Stufe stellt, hat in seinem Lebens- 
werk die höchste Aufgabe unternommen, die der denkende Menschen- 
geist sich stellen kann: die Deduktion der gesamten Wirklichkeit aus 
einem ihm a priori feststehenden fundamentalen Prinzip, das er die 
absolute Idee nannte. Ihm ist der Geist das in sich selbst begründete 
primäre Moment alles Seins, das sich in seiner Wesenseigentümlich- 
keit in den einzelnen Teilgebieten der Wirklichkeit entfaltet und in 
strenger Determination die Besonderheit ihrer Gestaltungen bewirkt: 
„Der Geist ist die Ursache aller Welt", heißt es einmal in der „En- 
zyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse", „und 
selbst das rechtliche, sittliche, religiöse Gefühl ist Erfahrung in einem 
Inhalte, der seine Wurzel nur im Denken hat". Die Vergeistigung der 
ganzen Wirklichkeit, der natürlichen wie sozialen, ist also das grund- 
legende Prinzip der Hegeischen Philosophie, dessen Gültigkeit zu 
erweisen der Philosoph mit einer staunenswerten Polyhistorie unter- 
nommen hat 

Die Philosophie Hegels will eine Darstellung der Idee geben, 
wobei die Idee als die Einheit der Subjektivität und Objektivität, des 
Denkens und Seins, aufgefaßt wird. Den metaphysischen Voraus- 
setzungen des Systems gemäß ist diese Idee ein durchaus starres Ge- 
bilde, zeitlos, mithin ausgeschlossen von jeder Bewegung im Raum und 
in der Zeit Und doch hat Hegel, so in offensichtlichen Widerspruch 
zu seinen Grundanschauungen tretend, dem Urprinzip seiner Metaphysik 
die Bedeutung eines auch geschichtiichen Lebenselementes beigelegt 
aus dem einfachen Grunde wohl, weil die monistische Bestimmtheit aller 
Erscheinungen, die für ihn a priori feststand, eine Eingliederung auch 
des geschichtlichen Seins in sein System verlangte. Die Idee lebt sich 
so nach ihm nicht allein in der Natiu" aus, sondern auch in der Welt- 
geschichte, sie ist mithin in diesem Bereich Prozeß, beständige Be- 
wegung im Sinne ihrer immanenten Entfaltung^). Die Idee ist Geist, 
weshalb das weltgeschichtliche Geschehen geistiges Geschehen ist, un- 
ablässige Veränderung auf geistigem Boden, Darstellung der Geistes- 
bewegung in mannigfaltig wechselnder Ausprägung,, im Gegensatz 
zu der Gleichförmigkeit des Naturlauf es ^. 

Der höchste Zweck einer philosophischen Betrachtung des histo- 
rischen Seins besteht, abgesehen von dem wissenschaftlichen Bedürfnis 
nach Schaffung von Ordnung in dem Oiaos der geschichüichen Er- 



i) Hegel, Die Philosophie der Gesdiichte, S. 89. 
2) A. a. O. S. 21, 67. 
Mvckle, Henri de Saint-Simon. 



— 322 — 

scheinungen, in der Ergründung der Geheimnisse der Vorsehung, in der 
Enthüllung der Pläne Grottes. „Die Philosophie will den Inhalt, die Wirk- 
lichkeit der göttlichen Idee erkennen und die verschmähte Wirklichkeat 
rechtfertigen"^). Denn Grott ist überall in der Welt gegenwärtig, er 
regiert sie, und der „Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines 
Planes ist die Weltgeschichte". So herrscht Vernunft in dem regellos 
erscheinenden Getriebe der Geschichte, Vernunft in ihrer konkretesten 
Vorstellung als Grott*). 

Hegel will seine Geschichtsphilosophie scharf von den übrigen 
Arten der Greschichtsschreibung, der ursprünglichen (Herodot, Cäsar u. a,) 
und der reflektierten, geschieden wissen. Sie ist nicht eine bloße Stoff- 
sammlung, wie die erstere, die Selbsterlebtes oder Zeitvorgänge dar- 
stellt, noch auch will sie etwas mit jener Methode subjektiver Deutung 
des geschichtlichen Werdens zu tun haben, die der reflektierten Gre- 
schichtsschreibung eigen ist 

Da alles Wirkliche nur insofern ist, „als es die Idee in sich hat 
und ausdrückt", so setzt die Enthüllung der geschichtlichen Zusammen- 
hänge nicht nur eine geübte Abstraktion, sondern auch „eine vertraute 
Bekanntschaft mit der Idee voraus. Man muß im Kreise dessen, worin 
die Prinzipien fallen, wenn man dies so nennen will, a priori vCTtraut 
sein", so gut wie Kepler über gewisse mathematische Kenntnisse ver- 
fügen mußte, ehe er seine nach ihm benannten Gesetze empirisch er- 
weisen konnte^. Wenn es also der Geist ist, der das geschichtliche 
Sein beherrscht, so vermag einzig die Metaphysik über die Natur des 
Geistes Auskunft zu geben, und dem Historiker fällt die Aufgabe zu, 
die Richtigkeit der metaphysisch festgelegten Prinzipien an den Tat- 
sachen der Geschichte darzutun. Nun ist die Substanz, das Wesen des 
Geistes, die Freiheit, und die Weltgeschichte daher der Fortschritt im 
Bewußtsein der Freiheit Der Greist will seinen eigenen Begriff er- 
reichen, und dieses Bewußtsein des Geistes von seiner Freiheit stellt 
den Zweck aller historischen Wandlungen dar*). 

Über die Mittel, durch welche sich die Freiheit realisiert, gibt die 
Geschichte Aufschluß. Es sind vor allem die Bedürfnisse, die Leiden- 
schaften und Interessen, welche das menschliche Handeln bedingen, 
und zwar sind „die Zwecke des partikularen Interesses, die Befriedigung 
der Selbstsucht, das Gewaltigste". Kühn setzen sich die Menschen über 
die Schranken hinweg, welche die Moralität und das Recht aufrichten 
wollen, und diese Willensantriebe, die einem verborgenen Urgrund 
entstammen, sind die Werkzeuge, die den Weltgeist zur Entfaltung 

1) A. a. o. S. 46. 

2) A. a. O. S. 45. 

3) A. a. O. S. 79/80. 

4) A. a. O. S. 68/69, 24. 



— 323 — 

bringen^). Alles Tun der Menschen greift mithin über ihre Absichten 
hinaus, sie bilden vielmehr die Funktionäre gleichsam einer höheren, 
ihnen unbekannten Macht. Sie stehen im ■ Dienste der sich nach 
immanenten Gesetzen entwickelnden Idee: es ist die List der Venumf t, 
daß sie die Leidenschaften für sich wirken läßt, und nichts Großes ist 
je in der Welt geschehen, es sei denn d\u"ch die Leidenschaft*). Es 
sind die Helden, die in*" der Geschichte führend vorgehen, einem 
dimkeln, unbewußten Triebe folgend, der sie zxmi Wirken antreibt, und 
sie werden so „Seelenführer**, „Geschäftsführer des Weltgeistes". „Das 
sind die großen Menschen in der Geschichte, deren partikulare Zwecke 
das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist Sie 
sind insofern Heroen zu nennen, als sie ihre Zwecke und ihren Beruf 
nicht bloß aus dem ruhigen, angeordneten, durch das bestehende 
System geheiligten Lauf der Dinge geschöpft haben, sondern aus einer 
Quelle, deren Inhalt verborgen und nicht zu einem gegenwärtigen 
Dasein gediehen ist, aus dem innersten Geist, der noch unterirdisch ist, 
der an die Außenwelt wie an die Schale pocht und sie sprengt, weil 
er ein anderer Kern als diese Schale ist, — die also aus sich zu 
schöpfen scheinen, und deren Taten einen Zustand und Weltverhältnisse 
hervorgebracht haben, welche nur ihre Sache und ihr Werk zu sein 
scheinen** % 

Die Hegeische Philosophie der Geschichte ist gemäß der monistischen 
Bestimmtheit aller historischen Phänomene eine Kulturgeschichte, und 
zwar eine metaphysisch verankerte Kulturgeschichte; d. h. die ganze 
Reihe menschlicher Äußerungsformen, Wissenschaft, Kunst, Politik, 
Religion, Wirtschaft hängen miteinander zusammen als einem gemein- 
samen Ursprung entstammende Kiütiu-faktoren. Dieser Untergrund, 
aus dem gleichsam alles geschichtliche Leben hervorquillt, ist der Volks- 
geist, die konkret gewordene Idee, die in ihrer Eigentümlichkeit durch 
den Boden, das Klima, das historisch überkommene Erbe bedingt ist 
und jeder Stufe der Kultur ihr charsdcteristisches Gepräge verleiht So 
besitzt jedes Zeitalter ein fundamentales Prinzip: „Bestimmtheit des 
Geistes, einen besonderen Volksgeist In dieser drückt er als konkret 
alle Seiten des Bewußtseins und WoUens, seiner ganzen Wirklichkeit 
aus; sie ist das gemeinschaftliche Gepräge seiner Religrion, seiner poli- 
tischen Verfassung, seiner Sittlichkeit, seines Rechtssystems, seiner 
Sitten, auch seiner Wissenschaft, Kunst und technischen Geschick- 
lichkeit**^). 



1) A. a. O. S. 26, 32. 

2) A. a. O. S. 41, 30. 

3) A. a. O. S. 38. 

4) A. a. O. S. 65/66, 79, 89. 



— 324 — 

Wenn den Wesensgehalt der Weltgeschichte die kontinuierliche 
Verwirklichung der Freiheit ausmacht, so kommt diese Freiheit aber 
nur im Staate zur Geltung, der durch Beschränkung der Wülkür wahre 
Freiheit allein ermöglicht Der Staat ist deshalb das funda- 
mentale geschichtliche Gebilde, und ohne ihn könnten sich 
die übrigen Kulturformen nicht entwickeln. Er ist „die Grundlage und 
der Mittelpunkt der anderen konkreten Seiten des Volkslebens, der 
Kunst, des Rechts, der Sitten, der Religion, der Wissenschaft*'^), die 
Verkörperung der Sittlichkeit, die real gewordene Freiheit. Diese Be- 
stimmungen berechtigen Hegel zu sagen, daß die Veränderung der 
kiüturhistorischen Prinzipien von dem Staate als dem Lebenszentrum 
des Ganzen ausgeht, daß in den „Staat wesentlich die Veränderung 
der Geschichte fällt". 

An den Haupttatsachen dieser Geschichtsphilosophie kann trefflich 
gezeigt werden, wie Saint-Simon die Geschichte nicht verstanden 
wissen will. Vergessen wir jedoch nicht anzuführen, daß gemeinsame 
Anschauungen in mannigfacher Weise vorhanden sind. Die Überein- 
stimmung liegt begründet, um das Wichtigste zu nennen, in der 
Betonung der sozialspychischen Einheit der verschiedenen Kiütur- 
elemente, in der Einteilung der Geschichte in Kulturzeitalter je nach 
der besonderen Gestaltung dieser Elemente, in der Immanenz der 
historischen Entwicklung. Aber während Saint-Simon in seiner intellek- 
tualistischen Geschichtsbetrachtung, welche die sozialpsychische Einheit 
der Wissenschaft, Religion, Moral und Politik erweisen will, die intel- 
lektuellen Forschritte als die primären bezeichnet, und dieses Ergebnis 
als die Folge einer voraussetzungslosen Beobachtung der 
historischen Vorgänge hinstellt, ist bei Hegel der Weltgeist, der in der 
Geschichte das Alleinbewegende ist, und der „nicht nur über der Ge- 
schichte, wie über den Wassern schwebt, sondern auch in ihr webt" *) und 
im unendlichen Triebe die historischen Volksgeister erzeugt^, göttlicher 
Art Diese Geschichtsbetrachtung ist, gemessen mit den methodischen 
Anforderungen Saint-Simons, alles andere als eine positive, wissen- 
schaftliche Interpretation der historischen Erscheinungen: das Moment 
der Subjektivität der Deutung, wie es durch metaphysische Voraus- 
setzungen bedingt ist, die den Sinn des historischen Prozesses a priori 
erschließen, ist hier von grundlegender Bedeutung, und die historischen 
Phänomene werden nicht kausal, sondern teleologisch erklärt, aufgefaßt 
als Vorgänge, die sich im Dienste eines überindividuell vorgezeichneten 
Zweckes abwickeln. Und während bei Saint-Simon, nach- 

i) A. a. O. S. 48/49, 60/61. 

2) Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Herausgegeben 
von Geoig Lasson, 1905, S. 461. 

3) Die Philosophie der (xeschlchte, S. 66. 



— 325 — 

dem er auch den ökonomischen Tatsachen seine Auf- 
merksamkeit geschenkt hat, diese alsdie fundamentalen 
sozialen Gebilde gewertet werden und der Staatsform 
nur eine nebensächliche Bedeutung beigelegt wird, ist bei 
Hegel der Staat geradezu die soziale Kraftquelle, der 
nährende Boden, auf dem erst die Kultur er sprießen kann. 
Dank dieser Mission ist der Staat zugleich die Grund- 
bedingung aller Sittlichkeit im Gegensatz zu den An- 
schauungen Saint-Simons, wonach er lediglich das Mittel 
der herrschenden Klasse darstellt, die unteren Volks- 
schichten zu unterdrücken. 

Die Hegeische Geschichtsphilosophie hat nun in Deutschland ihre 
grundsätzliche Überwindung gefunden durch einen Denker, der, wie 
sich mir ergeben will, die Hauptpunkte seiner Geschichtsauffassung 
durchweg von Saint-Simon übernommen hat, durch den jugendlichen 
Historiker des französischen Sozialismus, Lorenz Stein. 

Schon die Definition des Sozialismus, wie sie Stein gibt, läßt 
den Einfluß Saint-Simons durchblicken. Wie dieser in der Auf Weisung 
der im sozialen Leben sich bemerkbar machenden Entwicklungstendenzen 
die wesentliche Aufgabe der Sozialphilosophie erblickt, so will auch 
nach Stein der Sozialismus eine wahrhafte Wissenschaft sein, nicht bloß 
auf die Aufstellung einzelner sozialer Reformen hinauslaufen. Denn da 
Stein, wie wir noch weiterhin sehen werden, ganz wie Saint-Simon die 
Grundlage der Gesellschaft in wirtschaftlichen ' Tatsachen erblickt, so 
bedingen jene Gesetze, die dasErgebnis derlndustrie an 
die einzelnen Individuen verteilen, die Gestaltung der 
gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt „Ein System, was 
bei der bloßen Industrie stehen bleibt, hat mithin nicht das ganze Gebiet 
erfaßt, in welchem es wirkt. Es muß weiter und sich über alle Be- 
ziehungen ausbreiten, in denen der Besitz überhaupt seine Bedeutung 
äußert. Auf diese Weise wird die tiefer gehende Lehre von 
der Industrie die Gesetze finden müssen, die die ganze 
Gesellschaft umfassen, und das Wissen derselben ist da- 
mit nicht allein die Wissenschaft der Arbeit, sondern die 
der Gesellschaft, der Sozialismus"^). Dadurch unterscheidet 
sich der Sozialismus scharf von denUtopieen. Trotzdem beide ihren 
Ausgangspunkt nicht im Staate, sondern in der Gesellschaft haben, 
ebenso ihr Ziel in einer Ausgestaltung der letzteren erblicken, sind sie 
doch in ihrer Methode grundverschieden. Handelt es sich bei den 
Utopieen um eine ins einzelne gehende phantastische Ausmalung eines 



i) Lorenz Stein, Der Sozialismus und Kommunismus im heutigen Frankreich, 
S. 129, 130. 



— 326 — 

sozialen Ideals, das, bestimmt durch eine weitgehende Philanthropie, 
nicht einmal die sozialen Bedürfnisse einer Zeit auszusprechen braucht, 
so will der Sozialismus die Wirklichkeit nach festen Prinzipien gestalten, 
die ein wissenschaftliches Studixmi der Gresellschaft ergeben haben, 
„damit er von dem, was er als zu Erreichendes hinstellt, 
nicht bloß wünschen möge, daß es sein könne, sondern 
beweise, daß es werden muß"*). 

In seinen historischen Ausblicken läßt es sich Stein überall ange- 
legen sein, nicht die rein politische Seite, sondern womöglich die Gre- 
sellschaft in ihrer Totalität, oder wie er sagt, das ganze Volksleben zu 
berücksichtigen. Wenn er im Anschluß an Saint-Simon erkannt hat, 
daß der Begriff der GreseUschaft allgemeiner ist als der des Staats, so 
betrachtet er, ebenfalls wieder wie dieser es zuletzt getan, die wirtschaft- 
lichen Faktoren als das Primäre, während ihm das philosophische 
Element als etwas Nebensächliches erscheint Seine Absicht 
ist die: zu zeigen, wie die gesellschaftliche Verfassung des neueren 
Frankreich als das notwendige Produkt sozialer, auf dem Untergrund 
ökonomischer Verhältnisse beruhender Klassenkämpfe entstanden ist*). 

Nach Stein ist der Besitz die Grundbedingung für jeden 
Einfluß, den der einzelne auf den Staatswillen hat, imd 
selbst da, wo das Volk den entscheidenden Anteil an der Leitung der 
Staatsgeschäfte besitzt, hängt dieser von einem gewissen Vermögen ab. 
,J)enn der Besitz ist einmal ein wesentliches Moment im Staate, und 
keine Verfassung hat je ein solches ungestraft übersehen"^. Vor 
der Revolution war der „geschichtliche Besitz", d. h. das Eigentum an 
Grrund und Boden, nach der Revolution dagegen der erworbene, d. h. 
der Kapitalbesitz, die Voraussetzung für die soziale Wertung der einzelnen 
Persönlichkeit. Damit ist es im Grunde der Besitz, der die Klassen- 
bildung hervorruft*). Denn „es ist ein anerkannter Satz, daß, wo 
die Hochschätzung des Reichtums Platz greift, die Zurücksetzimg der 
Armut ihr zur Seite steht Die Besitzenden stellen sich nicht allein in 
die vordersten Reihen, sondern sie beginnen allmählich die Berechtigung 
des Armen zu übersehen, dann zu bezweifeln, endlich zu verneinen. 
Vergleicht man den Gang, den der Reichtum in seiner Bedeutung für 
die Gresellschaft nimmt, mit dem, durch welchen sich einst der Adel zu 
den höchsten Vorrechten die Bahn eröffnete, so zeigt sich uns ein neuer 
Beweis, wie manches Frühere und scheinbar Verschiedene sich im 
wesenüichen als ein Gleiches in der Geschichte wiederholt Im Beginn 



i) A. a. O. S. 141. 

2) A. a. O. S. 31. 7. 

3) A. a. O. S. 34, 51, 56. Vergl. Saint-Simon: „Der Reichtum ist die wahre und 
einzige Grundlage jedes politischen Einflusses imd Wertes." Oeuvres, T. XVm, p. 203. 

4) A. a. O. S. 33, 54, 56, 139. 



- 327 — 

der germanischen Welt sind alle Freie gleich, wie in dem der Revo- 
lution alle Bürger. Darauf werden die Adligen mächtigere Besitzer des 
Bodens, wie während der Kaiserzeit und der Restauration sich gewaltige 
Geldkräfte anhäufen in den Händen einzelner. Jene Adligen stellen 
nun als Grundrecht ihre ausschließliche Teilnahme an den Gütern der 
Gesellschaft und des Staates auf, wie in Frankreich die Besitzer, so 
entsteht dort ein Stand des Adels, hier eine Klasse von Ver- 
mögenden, und wie jenem der nichtadlige Bauer unterworfen ward, so 
erhebt sich dieser über den unvermögenden Mitbürger" ^). Mit dieser 
Scheidimg des Verschiedenen ist es aber nicht getan, es schließt sich 
an sie ein Kampf des Getrennten. Denn indem, wie sich Stein in seiner 
abstrakten Art ausdrückt, „die Idee der Persönlichkeit dem Vermögenden 
die Vertretung der Persönlichkeit des Besitzes gebietet, so reizt den 
Unvermögenden dieselbe Idee, sich für die Persönlichkeit alles Eigen- 
tums in die Schranken zu stellen und aus dem Gegensatz zwischen 
Besitzern und Nichtbesitzem folgt mit Notwendigkeit der Kampf 
zwischen beiden^. 

Wer mit der Kenntnis der Marxschen Formulierung der Klassen- 
kampftheorie den bisherigen Ausführungen gefolgt ist, dem kann die 
Außerachtiassung eines wichtigen Grundbestandteils der Lehre Marx' 
nicht entgangen sein, ich meine die durchgängige Außerachtiassung 
des Proletariats als einer politisch selbständigen, im Kampfe seine Inter- 
essen verfolgenden Klasse. Marx hat einmal von den Erfindern der 
sozialistischen und kommunistischen Systeme, zu denen er u. a. Saint-Simon, 
Fourier, Owen zählt, gesagt, daß sie zwar den Gegensatz der Klassen 
wie die Wirksamkeit der auflösenden Elemente im sozialen Leben wohl 
sehen. „Aber sie erblicken auf der Seite des Proletariats keine ge- 
schichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politische Bewegung." 
Zwar kennt Saint-Simon neben dem Kampf der Bourgeoisie mit dem 
Feudalismus in seinem Erstlingswerk auch einen solchen zwischen den 
„proprietaires** und den „non-proprietaires". Aber da in dieser Schrift 
die Größe der intellektuellen Bildung ausschlaggebend für die Größe 
der Macht über andere ist, so kann trotz des numerischen Übergewichts 
der Nichtbesitzer keine Rede von einem bemerkenswerten Widerstand 
gegen die Besitzenden sein. Ja man könnte es gar nicht wünschen, 
daß ihnen die Macht zufiele, hat doch ihre kurze Herrschaft während 
der Revolution nichts als eine Hungersnot zur Folge gehabt^. Noch 
klarer tritt die Unterschätzung der Kraft des Proletariats bei Saint- 
Simon hervor in den schon angeführten Worten, die er die Arbeiter 
an ihre Herren richten läßt: „Ihr seid reich, und wir sind arm, ihr 

1) A. a. O. S. 62 f. 

2) A. a. O. S. 63 ff. 

3) Lettres d'un habitant de Grenive, Oeuvres cfadsies, T. I, p. 17, 27. 



- 328 - 

arbeitet mit dem Kopf, wir mit den Händen; aus diesen zwei fun- 
damentalen Unterschieden ergibt sich, daß wir euch Untertan sein 
müssen." Daher steht den Industriellen ein angeborenes Herrschafts- 
recht über die Arbeiter zu, und ihnen, als den Leitern der GreseU- 
schaft, obliegt in der von Saint-Simon entworfenen neuen Organisation 
der Gesellschaft die Aufgabe, „d'ameliorer le plus possible le sort de 
la classe qui n'a point d'autre moyen d'existence que le travail de 
leur bras". Auch die folgende Zeit huldigte in der Hauptsache noch 
lange dieser Anschauung, schrieb doch L. Blanc noch 1845 die be- 
zeichnenden Worte, daß er sich an die Reichen wende, weil er das 
Los der Armen verbessert wissen möchte, und weil dazu nur die 
Besitzenden im stände wären ^). 

In dieser Hinsicht überragt Lorenz Stein seine Zeitgenossen um 
Haupteslänge; gewiß, das Phänomen der Aufbäumung des Proletariats 
gegen die herrschenden Klassen hatten neben Stein auch andere be- 
merkt Mit warnender Stimme suchte Saint-Simon den Blick seiner 
Zeitgenossen auf die Unruhen in Manchester hinzulenken, und mit der 
ganzen Kraft seines Geistes hat er dahin gearbeitet, die unheildrohende 
Entzweiung der sozialen Klassen abzulenken*). Pecqueur sieht gleich- 
falls den „Kampf des Proletariats gegen die zu Reichtum und zur 
politischen Macht gelangten Plebejer", aber auch ihm, dem Schüler 
Saint-Simons, erscheint dieser Kampf als ein zweckloses Unternehmen, 
denn nicht der Kampf, sondern der Fortschritt des sozialen Empfindens 
der oberen Klassen verbürge allein die Gewähr für eine Hebung der 
Arbeiter*). 

Die von Saint-Simon in weitem Maße beeinflußte Flora Tristan 
hat selbst mit völliger Klarheit die Unvermeidlichkeit der politischen 
Organisation des Proletariats als Mittel seines sozialen Aufstiegs dar- 
getan. 1789 habe die Bourgeoisie die Führung gehabt, wogegen die 
Besitzlosen in ihren Diensten standen. Jetzt aber hätten die letzteren 
niemand, der ihnen beistünde, sie müßten sich also selbst helfen. Die 
Arbeiter sollten sich zusammentun, sich als eigene Partei konstituieren 
und von den Herrschenden das Recht auf Arbeit und eine Organi- 
sation der Arbeit fordern. „Das erste", ruft Flora Tristan aus, „ist, 
daß ihr euch vor der Nation vertreten laßt" 



i) L. Blanc, „Organisation du Travail". Angeführt bei Plechanow, Neue Zeit, 
21. Jahrg., Bd. L, No. 10, S. 296. 

2) Ähnlich Enfantin, Oeuvres, T. XXXIV, p. 113!. 

3) Pecqueur, Des int6r$ts du commerce, T. I, p. 282. Angeführt beiFourni^rc, Lcs 
Theories Sodalistes, p. 369. Ähnlich der Saint-Simonist Transon (1831): „L*organisation 
religieuse du travail industriel peut seule pr^venir ou faire cesser la guerre qui d€}k gronde 
entre lcs bourgeois et les prol6taires, cntre les maitres et les ouvriers, entre ceux qui possWent 
et ceux qui ne possddent pas." Angeführt bei Fourni^re, a. a. O. p. 367. 



— 329 — 

Lorenz Stein ist wohl der erste gewesen, der die Klasse des Prole- 
tariats durch eine scharfe Betonung ihrer typischen Merkmale von ähn- 
lichen sozialen Gebilden abgegrenzt und sie als einen eminent wichtigen 
Faktor der kommenden Zeitgeschichte erkannt hat^). 

Das Proletariat ist nach Stein eine spezifisch moderne Erscheinung. 
Im Altertum gab es wohl dem Proletariat ähnlich erscheinende Gesell- 
schaftsklassen, es waren Sklaven und Arme vorhanden. Diese haben 
mit ihm die Vermögenslosigkeit gemein. Aber ein tiefer Unterschied 
fordert eine reinliche Trennung beider Klassen. Wenn der antike Arme 
kein Eigentum hat und physisch auch außer Stand ist, sein Leben zu 
fristen, wenn dieser sich möglichst wohl fühlt, wenn er auf Staats- 
kosten gleichsam gefüttert wird, so liegt die Sache bei dem Proletarier 
anders. „Er will arbeiten, gern, gut und viel; aber er will für seine 
Arbeit einen angemessenen Lohn, und das Mißverhältnis zwischen seiner 
Anstrengung und seinem Erwerb ist eigentlich jler erste und unmittel- 
barste Reiz zur Unzufriedenheit und damit der Anstoß zum Gegensatze 
zwischen ihm und denen, die für wenig Mühe viel Gewinn haben, mehr 
aber noch gegen die, welche gar nicht arbeiten und dennoch die 
Freuden des Besitzes genießen können"^). 

Diese Gesellschaftsklasse ist eines der Hauptresultate der fran- 
zösischen Revolution von 1789. Vor der Revolution gab es nur die 
drei Stände, den Adel, die Geistlichkeit und den dritten Stand, und 
erst „jene Streiter, die die Nationalversammlung befreiten, welche die 
Tuilerien eroberten, die Robespierre auf seinem Platze erhielten, und 
die Garde Henriots bildeten", erst sie sind es, die den Namen „Prole- 
tarier" verdienen ^. Mit ihrem Auftreten beginnt das gewaltige Ringen 
des Proletariats, das sich allmählich als einen eigenen Stand begreifen 
lernt und neben dem Bewußtsein seiner Klraft ein selbständiges, oft 
gefährlich werdendes Wollen bekundet, „gefährlich durch seine Kraft 
und seinen oft bewiesenen Mut, gefährlich durch das Bewußtsein seiner 
Einheit, gefährlich endlich durch das Gefühl, daß es nur durch Re- 
volution zur Verwirklichung seiner Pläne gelangen kann"*). Damit 
ist diese Klasse Erbe des Kampfes geworden, den einst der dritte 
Stand gegen die übrigen Stände führte, und Stein begreift es in scharf- 
sinniger Weise, dciß — wie einst vor der Revolution — so jetzt von 

i) Auch Guizot und Thierry haben, wie Plechanow (a. a. O. S. 292!.) über- 
zeugend nachgewiesen hat, die Bedeutung des Proletariats als einer für seine Interessen 
kämpfenden Klasse wohl begriffen, doch geschah dies erst später, so daß L. Stein ohne 
Bedenken die historische Priorität der soziologischen Charakterisierung des Proletariats zuge- 
schrieben werden darf. 

2) Stein, a. a. O. S. 12 ff. 

3) A. a. O. S. 8. 

4) A. a. O. S. 9. 



— 330 — 

neuem der Gesellschaft die Grefahr einer gewaltsamen Umwälzimg 
durch eine revolutionäre Klasse droht ^). 

Auch hier sind es wieder ökonomische Faktoren wie früher, die 
die Klassenscheidung hervorgerufen haben, denn die Trennung von 
Bürgerstand und Proletariat ist das Resultat der nach der Revolution 
kräftig einsetzenden Entwicklung der Volkswirtschaft Beide Klassen 
stehen sich schroff gegenüber. Und das ist erklärlich. Wenn nämlich 
die Bourgeois als Besitzer eines eigenen Kapitals einen absoluten Vorzug 
über die Proletarier in dem gemeinsamen Streben nach Vergrößerung 
ihres Besitzes notwendigerweise haben, so wird der Proletarier in dem 
Besitzer einen Feind erblicken, „weil er sich unter ihm fühlt, während 
er sich berechtigt glaubt, neben ihm zu stehen .... Die strengere, 
ernste Scheidung zwischen beiden Klassen beginnt nun 
langsam sich zu bilden, gleichen Schritt haltend mit der 
wachsenden Bede;utung des materiellen Lebens über- 
haupt. Umstände treten ein, die sie in den Hintergrund 
drängen, andere, die sie befördern; stets aber schreitet 
sie selber vorwärts, und erfüllt sich endlich als ent- 
schiedener, materiell ausgebildeter und innerlich be- 
wußter Widerspruch"^. 

Es ist vielleicht eine der glänzendsten Leistungen Steins, die hervor- 
ragende soziale Bedeutung des Proletariats in dieser scharf pointierten 
Weise gekennzeichnet zu haben, und diese wissenschaftliche Tat ist 
es, die ihn nicht nur über Saint-Simon — auch abgesehen von der 
strengeren Präzisierung einzelner Prinzipien Saint-Simonscher Greschichts- 
auffassung — und dessen Nachfolger hinausgeführt hat, sondern selbst 
einen wichtigen Bestandteil für jenes glänzende soziologische Gedanken- 
gebäude abgeben sollte, das, die von Saint-Simon angebahnte öko- 
nomische Betrachtung des sozialen Lebens mit rücksichtsloser Kon- 
sequenz zu Ende führend, eine ungeahnte Bedeutung erlangen sollte, 
nämlich für den historischen Materialismus Karl Marxens. 

Wie Proudhon die bestimmende Ursache der tjrpischen Unter- 
schiede des Menschen von den übrigen Lebewesen darin gefunden hat, 
daß dieser sich der Arbeit hingibt, so besteht ähnlich nach der öko- 
nomischen Geschichtsauffassung Marxens die Fundamentienmg des 
ganzen sozialen Daseins auf der handgreiflichen Tatsache der öko- 
nomischen Produktion. Diese ist nicht nur die Vorbedingtmg jeder 
anderen gesellschaftlichen Betätigung des Individuums, sondern ihre 
Eigenart involviert gleichzeitig die besondere Gestaltung des sozialen 
Lebens überhaupt Daher bilden die wirtschaftlichen Verhältnisse das 



1) A. a. O. S. 355. 

2) A. a. O. S. 74. 



— 331 — 

soziale Urphänomen, das ökonomische Leben ist die gesellschaftliche 
Grundtatsache und bestimmt die Totalität des gesellschaftlichen Seins 
in notwendiger Weise. 

Aber die soziale Ökonomie ist nicht ein starres, unveränderliches 
Grebilde, sie ist vielmehr in einer stetigen Abwandlung begriffen. In 
ihrer Metamorphose muß demnach die Evolution der von ihr ab- 
hängigen übrigen sozialen Reihen begründet sein, die in ihr sich aus- 
sprechende Gesetzmäßigkeit wird zugleich die Gesetzmäßigkeit aller 
kulturellen Sondergebiete erschließen. Somit sind die ökonomischen 
Phänomene das absolut Primäre, sie bilden die reale Basis, alles übrige 
ist abhängig, nicht einem real existierenden, diu-ch sich selbst zu be- 
greifenden Wirklichkeitsgebiet angehörend. Dazu gehört außer dem 
Recht und der Politik auch die Wissenschaft, Philosophie, Kunst, 
Religion und Moral. Sie alle sind, so anscheinend selbstherrisch und 
individuell sie auftreten, in Wahrheit nur die subjektive Wider- 
spiegelung einer bestimmten Stufe des technisch-ökonomischen Könnens, 
ihnen eine selbständige Existenz zuzuschreiben, hieße ihre soziale, 
speziell ökonomische Bedingtheit vollständig übersehen. In Wahrheit 
kann die soziale Ideologie in ihren verschiedenen Formen nur als Ab- 
glanz des wirtschaftlichen Lebens begriffen werden: der wirtschaft- 
liche Produktionsprozeß ist das Fundamentale, die intellektuellen Er- 
scheinungen sind niu- sein Reflex. 

Des näheren schenkt der ökonomische Materialismus den rechtlichen 
und politischen Ideen seine Aufmerksamkeit. Sie sind niemals, wie es 
oft scheinen möchte, primäre, aber immer ökonomisch bedingte Phä- 
nomene, und zwar beständig ein Ausdruck der Interessen jener Klasse, 
welche die Produktionsmittel in der Hand hat In der mit immanenter 
Notwendigkeit erfolgenden Variation der ökonomischen Basis ist mm 
eine ebensolche Änderung dieser Ideen beschlossen, aber da letztere 
sich nicht mit einem Schlage, vielmehr nur langsamer oder rascher 
durchsetzt, so liegen darin zwei charakteristische Tatsachen begründet: 
soziale Konflikte und Klassenkämpfe. Erstere beziehen sich 
auf die objektive Tatsache eines Antagonismus der überlieferten Gesell- 
schaftsordnung , hier der Rechtsordnung, speziell der Eigentumsver- 
hältnisse und der ökonomischen Basis, letztere sind subjektive, von 
diesem Widerspruch ausgehende Reaktionen der Individuen, deren 
Gegensätzlichkeit sich namentlich im politischen Leben bemerkbar 
macht Es wird also der historische Entwicklungsprozeß an einzelnen 
Stellen von Epochen sozialer Revolution unterbrochen, während 
die Triebkräfte der sozialen Evolution Klassenkämpfe bilden, die, 
hervorgegangen aus dem Bewußtsein des sozialen Antagonismus, somit 
auf wirtschaftlicher Basis ruhen. Die ganze Geschichte wickelt sich so 
in einer fortlaufenden Reihe von Klassenkämpfen ab, indem Freier und 



— 332 — 

Sklave, Patrizier und Plebejer, Feudalherr und Leibeigener, Zunftbürger 
und GeseU, von gegensätzlichen Interessen beherrscht, sich gegenüber 
standen und als Unterdrücker und Unterdrückte bald in verstecktem, 
bald in offenem Kampfe begriffen waren. Mit Bazard sieht demnach 
Marx in der Ausbeutung eines Teiles der Gesellschaft durch den 
anderen das charakteristische Phänomen der Vergangenheit^), und ihr 
entspringt der Kampf der unterdrückten Klasse gegen die ausbeutende, 
der bald eine Umwälzung der ganzen Gesellschaft mit sich führt, bald 
die feindlichen Parteien verschlingt. 

Die moderne bürgerliche Gesellschaft hat durchaus nicht, wie die 
Befürworter der Freiheit meinen, die soziale Harmonie, das Reich der 
Vernunft verwirklicht. Gewiß, die aJte herrschende Gesellschaftsklasse 
hat ihre soziale Macht eingebüßt, aber dafür sind neue Bedingungen 
der Unterjochung der Schwachen geschaffen worden und damit die 
Grrundlagen für die Entstehung neuer Kämpfe. 

Die Bourgeoisie hat eine lange Kette von Entwicklungsstadien 
durchlaufen, bis sie den heutigen Grad ihrer sozialen Bedeutung erreicht 
hat. Aus dem Leibeigenen entstand der Pfahlbürger, und im Bereiche 
des Pfahlbürgertums entstanden die ersten Elemente der Industrie. In 
raschem Fortschreiten breitete diese nun ihre Macht aus; sie eroberte 
neue, der Zivilisation bisher verschlossene Länder und wurde der feudalen 
Gesellschaftsordnung eine stets wachsende Gefahr. Diese zerbröckelte 
langsam aber zusehends, um schließlich als ein unterwühltes Gebäude 
vor der jäh anstürmenden Gewalt der revolutionären Industrie zu- 
sammenzufcdlen. Denn unerhört waren zuletzt die Fortschritte dieser 
neuen sozialen Macht. Die Manufaktur, die die zünftige Produktionsweise 
ablöste, wurde verdrängt, denn wie einst der zünftige Kleinbetrieb, so 
reichte auch diese bald nicht mehr aus gegenüber der durch die Er- 
schließung weiterer Märkte sich stets mehrenden Nachfrage. Da „revolu- 
tionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion, 
an die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die 
Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, 
die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois". 

Der Stufen gang des ökonomischen Fortschritts hatte eine Fort- 
bildung auch der politischen Verhältnisse zur Folge. Es sind An- 
schauungen Saint-Simons, die Marx wiedergibt: ursprünglich wurden die 
Industriellen durch die Feudalen unterdrückt, dann folgte die Befreiung 
der Kommunen, später spielten sie das Gegengewicht gegen den Adel, 
sie wurden dann die Hauptgrundlage der großen Monarchieen. Im 
modernen Verfassungsstaat schufen sie die ihren Interessen dienende 



i) Das kommunistische Manifest Herausgegeben von Kautsky, 1906, S. 37. 



— 333 — 

Staatsform: „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die 
gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet" 

Grundstürzend waren die sozialen und intellektuellen Verände- 
rungen, welche der soziale Aufstieg der Bourgeoisie mit sich brachte. 

„Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre 
Rolle gespielt Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat 
alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört Sie hat 
die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natür- 
lichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes 
Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte 
Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer 
der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spieß- 
bürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung 
ertränkt Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst 
und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Frei- 
heiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem 
Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten 
Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. 

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen, mit frommer Scheu 
betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den 
Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissen- 
schaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt 

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-senti- 
mentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis 
zurückgeführt" 

Eine bisher unerhörte Unrast ist im Gefolge der modernen Industrie 
-eingetreten. Die alte soziale Stabilität ist für immer dahin, beständige' 
Erschütterungen der Daseinsbedingungen verleihen dem sozialen Leben 
das Gepräge der Unstetigkeit, die Beschaulichkeit der Lebensführung 
ist geschwunden, und kühl berechnend stehen sich die Menschen gegen- 
über: kein einheitlicher Ideenkreis beherrscht sie mehr, alles einst Ehr- 
würdige wird nun mißachtet, das Heilige entweiht Und was das Be- 
zeichnende ist: diese Symptome sozialer und intellektueller Auflösung 
erstrecken sich bald über die ganze Welt Denn die Nationen sind 
durch ökonomische Beziehungen miteinander verflochten, und der ein- 
heitlichen Tendenz ihrer ökonomischen Entwicklung entspricht die Ein- 
heitlichkeit der dieser entspringenden sozialen und intellektuellen Folge- 
erscheinungen. 

Es ist mithin, um den Ausdruck Saint-Simons zu gebrauchen, eine 
ungeheure soziale Krisis, in welche die modernen Nationen durch 
die industrielle Entwicklung geraten sind. Keine gemeinsamen Bande 
verbinden die Menschen mehr, überall herrscht Anarchie. Aber es sind 
Zustände von nur vorübergehender Dauer, denn die moderne Zeit ist, 



— 334 — 

um wieder mit Saint-Simon zu sprechen, eine Zeit des Überganges, die 
zu einem Stadium wieder der sozialen Festigkeit hinüberleitet, wo die 
heute in anarchischer Regellosigkeit sich auswirkenden Kräfte durch 
eine Regulierung der ökonomischen Produktion eine Bindung erfahren. 
Eine höhere Gesellschaftsformation wird also dcus soziale System der 
Zukunft sein, dessen Grundlagen im Schöße des Kapitalismus erwachsen 
sind, wie dieser einst im Rahmen des feudalen Systems zimehmender 
Ausreifung entgegenging. Wie damals die feudalen Eigentumsverhält- 
nisse den industriellen Produktionskräften nicht mehr entsprachen, sie 
vielmehr hemmten und deshalb gesprengt wurden, so bereitet sich heute 
in ähnlicher Weise eine radikale Änderung der Rechtsordnung vor. 
die, wie ehedem die feudale, in Widerstreit mit der ökonomischen Baas 
getreten ist Denn sie ist es, die gleichsam die soziale Anarchie legiti- 
miert und sich mithin als unfähig erweist, die gewaltigen Produktions- 
kräfte, die nach ungehemmter Entfesselung streben, so zu beherrschen, 
daß sie, bei Vermeidung von sozialen Erschütterungen, wie sie heute 
die Menschheit heimsuchen, zu Mitteln gesellschaftlicher Wohlfahrt 
werden. Denn mit nichten sind sie dies bisher gewesen. „Seit De- 
zennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Gre- 
schichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die 
modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, 
welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft 
sind.*' Mit beständiger Regelmäßigkeit suchen Handelskrisen die 
bürgerliche Gesellschaft heim, wodurch eine Unsumme ökonomischer 
Kraft vergeudet wird. In widersinniger Weise herrscht periodische 
Überproduktion, Überfluß an unabsetzbaren Produkten, und zwar in- 
mitten größter Massensirmut Der Handel stockt, die Produktion wird 
lahmgelegt, die bürgerliche Gesellschaft vermag den Reichtum, den 
sie erzeugt, nicht zu verwerten. Es ist der Widerstreit der Rechts- 
ordnung mit der ökonomischen Grundlage, der alle diese furchtbaren 
Mißstände erzeugt: der sozialisierten Produktion entspricht nicht mehr 
die aus dem Mittelalter herübergekommene individuelle Aneignungs- 
weise der gesellschaftlich hergestellten Güter. Und diesen Widerstreit 
gilt es zu lösen. 

Dazu kann und wird nur jene Klasse berufen sein, die, in be- 
ständigem Anschwellen begriffen, unter den sozialen Gebrechen der 
kapitalistischen Wirtschaftsordnung am meisten zu leiden hat: das 
Proletariat Traurig ist das Los des Proletariers; er ist als lebendiger 
Mensch zu einer bloßen Ware herabgewürdigt die in ihrem Preis nach 
dem Zufall der Marktlage gewertet wird; die Arbeit ist reizlos ge- 
worden und ruiniert mit ihrer Einförmigkeit Geist imd Körper, die 
Arbeitszeit eine übermäßig lange. Frauen und Kinder werden herbei- 
gezogen und dadurch die Männer verdrängt. Aber schon im Anfangs- 



— 335 — 

Stadium der Entwicklung dieser Klasse regte sich der Widerspruch: 
einzelne Arbeiter zuerst, dann die Arbeiter einer Fabrik, ziüetzt auch 
die Arbeiter eines ganzen Produktionszweiges bäumen sich gegen ihre 
Unterdrücker auf. In rohen Formen wirkt sich dieser Kampf aus: 
man zerschlägt die Msuschinen, vernichtet die Waren, verbrennt die 
Fabrikgebäude. Und nicht auf fortschrittlichem Wege sucht man 
Besserung, man wendet vielmehr die Blicke zurück in die Vergangen- 
heit, in die ideal geschaute Zeit eines für immer entschwimdenen Zunft- 
wesens. Bald jedoch ändern sich die Formen des Kampfes: dem be- 
ständigen Anwachsen des Proletariats entspricht eine zunehmende 
Disziplinierung. In großen Fabriken und Städten zusammengedrängft,. 
bei zunehmender Gleichartigkeit seiner Lebenslage, entsteht das Gefühl 
der Klassenzusammengehörigkeit, das Bewußtsein, daß es gemeinsame 
Interessen zu wahren gilt, und an die Stelle des unorganisierten Kampfes 
früherer Zeiten tritt nun der organisierte ICampf der sich als „Prole- 
tariat" fühlenden Arbeiterklasse gegen das Unternehmertum. Man 
gründet Verbände und sieht sich für mögliche Kämpfe vor, die Ver- 
kehrsmittel unta^tützen diesen Prozeß stets innigeren Zusammenschlusses 
der Arbeiter; aus dem lokalen Kampfe entsteht bald der sich auch 
politisch entfaltende Klassenkampf. Einzelne Maßregeln, die dem 
Arbeiterwohl dienen, mögen d\u"ch diese politische Betätigung, wie die 
Zehnstundenbill in England zeig^ durchgeführt werden. Aber niemals 
vermögen durch solche Kleinarbeit die sozialen Übel an der Wurzel 
getroffen werden. Eine Emanzipation des Proletariats in seiner Ge- 
samtheit setzt voraus, daß es „die gesellschaftlichen Produktivkräfte 
erobert", und es kann dies nur geschehen, „indem es die ganze bis- 
herige Aneignungsweise abschafft". Heute ertönt zwar innerhalb der 
Kreise der Unterdrücker überall der Ruf nach Freiheit Aber alle 
diese Redensarten, so hatte schon Saint-Simon ausgeführt, hatten nur 
einen Sinn, solange noch soziale Gebundenheit herrschte. Nicht die 
heute vorhandene Freiheit bringt das soziale Heil, sondern nur die 
Assoziation, die Konzentration der Produktion in den Händen der 
assoziierten Menschen. Wie ist nun diese Assoziation beschaffen, und 
durch welche Mittel wird sie herbeigeführt? ,J)ie Lösung kann nur 
darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen Produktions- 
kräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und 
Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschafdichen 
Charakter der Produktionsmittel. Und dieses kann nur dadurch ge- 
schehen, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift 
von den, jeder anderen Leitung außer der ihrigen, entwachsenen Pro- 
duktivkräften" ^). An die Stelle der Produktionsanarchie muß, um wieder- 



i) Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, S. 39. 



— 336 — 

um einen Ausdruck Saint-Simons zu gebrauchen, eine Orgamisation der 
Gesellschaft treten, eine planmäßige Regelung der Industrie. Diese welt- 
geschichtliche Aktion wird das Werk des um seine Freiheit kämpfenden 
Proletariats sein. In offener Revolution wird es die Produktionsmittel 
in Besitz nehmen, diese zentralisieren und den industriellen Fortschritt 
so sehr als möglich fördern. Wenn nun der moderne Staat auf dem 
Gegensatz der Klassen beruht und der herrschenden Klasse den gesetz- 
lichen Rückhalt gibt, die vorhandene Unterdrückung der Ausgebeuteten 
aufrecht zu erhalten, so wird in Zukunft ein solcher Staat nicht mehr 
* vorhanden sein. Denn dadurch, daß das Proletariat die Herrschaft 
inne hat, sind alle Klassengegensätze aufgehoben; es wird soziale 
Harmonie herrschen und kein Raum mehr vorhanden sein für die 
Existenz einer Repressionsgewalt, wie sie durch die soziale Verwirrung 
der bürgerlichen Gesellschaftsordnung erheischt wird. „An die Stelle 
der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die 
Leitung von Produktionsprozessen." Weiterhin, während „die gesell- 
schciftlich wirksamen Kräfte ganz wie Naturkräfte wirken, blindlings, 
gewaltsam, zerstörend so lange wir sie nicht erkennen und nicht mit 
ihnen rechnen", so wird das fürderhin anders sein. Durch die Ver- 
gesellschaftung tritt „der Umkreis der die Menschen umgebenden 
Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, jetzt unter 
die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die ziun ersten Mal be- 
wußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer 
eigenen Vergesellschziftung werden. Die Gesetze ihres eigenen gesell- 
schaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Natur- 
gesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller 
Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigene Vergesell- 
schaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte 
aufgenötigt gegenüberstand, wird jetzt ihre freie Tat Die objektiven, 
fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter 
die Kontrolle der Menschen selbst Erst von da an werden die 
Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen. Erst 
von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaft- 
lichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die 
von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Mensch- 
heit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit"^). 

Gleich Saint-Simon wird von Marx und Engels auf die Eigenart 
ihrer Forschungsmethode hingewiesen. Diese ist es, die ihren Sozia- 
lismus zu einer wissenschaftlich begründeten Lehrmeinung macht und 
ihn reinlich von dem System eines Saint-Simon, Fourier, Owen und 
Cabet trennt Indem diese in dem gegebenen sozialen System ein ver- 



I) Engels, a. a. O. S. 43. 



— 337 — 

nunftwidriges Gebilde sehen und es ersetzen wollen durch eine nach 
durchaus subjektivem Ermessen entworfene Gesellschaftsordnung, fehlt 
ihrem Ideenkreis jeder feste soziale Rückhalt Denn was ist ihr Zu- 
kunftsreich anders als das phantastische Gemälde eines Philanthropen, 
der im Überschwange seines Wollens die die Ausführung seines Planes 
hemmenden Kräfte übersieht, und, befangen in dem Wahn an die 
Macht seiner Idee, glaubt, die Menschen durch gütiges Zureden ge- 
winnen zu können zur Vollführung des erlösenden Werkes ? Und was 
die Hauptsache ist: diese Utopieen, sollten sie verwirklicht werden, 
würden nichts weniger als einen radikalen Bruch mit der Geschichte 
bedeuten : sie wären außer stände, die durch harte Arbeit gewonnenen 
Ergebnisse der Zivilisation, die in wahren Wunderwerken verkörpert sind, 
als Mittel der kulturellen Emanzipation in ihrem Gesellschaftssystem zu 
verwerten, sondern sie müßten sie, wie ja die Kritik der gegenwärtigen 
sozialen Lage von sdten der Utopisten zeigt, verwerfen als die eigent- 
lichen Bringer all des Unheils, das die Menschen heimsucht. Die ganze 
bisherige Geschichte wäre nach ihnen nichts als eine Wirrnis von Irr- 
fahrten der unglücklichen Menschheit, der das Geschick den großen 
Mann vorenthielt, welcher die Gabe besessen hätte, die ewigen Gesetze 
der Vernunft zu entdecken und sie zu lehren als die immer geltenden 
Normen sozialen Glückes. Nun ist er erstanden, der Prophet der 
Wahrheit. Sein Genius hat das Vernunftreich, das bisher der Schleier 
der Unwissenheit umhüllte, entdeckt, und nun ihr Menschen, verlaßt 
die Stätte eures Wirkens und tretet ein in die neue soziale Welt. 
Gründet Homekolonieen, wie ich sie beschrieben, so ruft Owen mit- 
leidsvoll den irrenden Menschen zu, errichtet Phalatnsteren, so wendet 
sich Fourier an seine Mitbrüder, und die Morgenröte des Glückes wird 
mit ihrem rosigen Schimmer die bisher in Dunkel und Unwissenheit 
dahinlebende Menschheit bescheinen und ihren Strahlenglanz ausbreiten 
über die ganze Welt! 

„Spanische Schlösser" nennt Marx diese sozialen Utopieen, eben weil 
sie völlig in der Luft schweben. Müssen doch ihre Urheber an „die 
Philanthropie der bürgerlichen Herzen und G^ldsäcke appellieren", sich 
also an geseUschaftiiche Grruppen wenden, die sich mit der gegebenen 
Ordnung der Dinge durchaus abzufinden wissen. Und wenn diese, wie 
es sich herausgestellt hat, es vorziehen, unserem Menschheitsretter nicht 
nur nicht beizustehen, sondern ihn gar, wie es dem edlen Robert Owen 
geschehen ist, mit erbärmlichen Schmähungen zu überschütten, wer 
bürgt dann für die Durchführung des so klar vorgezeichneten Ideals? 
Werden etwa die arbeitenden Klassen die Initiative ergreifen? Aber 
diese sind ja arm und verfügen nicht über die Mittel, die nötig sind, 
die erdachten Gemeinwesen ins Leben zu rufen. Außerdem sind diese 
Utopisten mißtrauisch gegenüber den selbständigen Regungen der 

Mackle, Henri de Saint-Simon. 22 



- 338 - 

unteren Schichten, die, im Kampfe gegen ihre Unterdrücker begriffen, 
im Vertrauen auf die eigene Krait ihrer Befreiung entgegenarbeiten. 
Diesen Kampf gerade verwerfen die Utopisten, und je mehr er sich 
entwickelt, um so unsinniger ist ihr Appell an den Frieden, „die phan- 
tastische Erhebung über den Kampf". Solche Verirrung ist nur möglich, 
weil ihnen die Kenntnis der im historischen Leben herrschenden Gresetze 
völlig abgeht. Der Kampf ist es, nicht sanfte Überredung, wodurch das 
Rad der Geschichte fortbewegt wird, der Kampf war es zu allen Zeiten, 
von denen die schriftlich überlieferte Geschichte berichtet, der den An- 
stoß zum sozialen Fortschritt gegeben hat, und wie die heute herrschende 
Klasse der Bourgeoisie ihren politischen und sozialen Aufstieg erkämpfen 
mußte, so bereitet sich in der Gegenwart eine ähnliche Erscheinung 
vor. Das Proletariat, stetig wachsend mit der Zunahme des industriellen 
Fortschritts, wird sich bewußt, daß es sich selbst helfen muß, helfen 
durch den Kampf gegen die Bevorrechteten. In diesem Kampfe ab 
Führer zu dienen, ist die Aufgabe, die Marx und Engels sich gestellt 
haben. Die Leitsätze, wie sie im „Kommunistischen Manifest" entwickelt 
werden, sind nicht ewige Wahrheiten, keine erfundenen Ideen, sie wollen 
vielmehr der geklärte Ausdruck des im Kampfe sich entwickelnden 
proletarischen WoUens sein. Und das Zukunftsprogramm, das Marx 
aufgestellt hat, soU nicht verwirklicht werden gleichsam neben dem 
historisch gewordenen Wirtschaftssystem, dem des Kapitalismus also, 
sondern es soll dem Proletariat als Leitstern dienen in seinem Bestreben 
nach Beseitigung jener Mängel, die diesem System anhaften, und imter 
welchen die Arbeiterschaft besonders leidet Die soziale Emanzipation 
vollzieht sich auf dem Boden der historisch gewordenen Produktions- 
weise durch ihre Umbildung zu einer Produktionsordnung höherer Art 



Über die intellektuellen Beziehungen Marx' zu seinen geschichts- 
philosophischen Vorgängern ist schon viel geschrieben worden, freilich 
ohne daß Befriedigendes zu Tage gefördert worden wäre. Vor allem 
hüte man sich davor anzunehmen, Marx hätte in bewußter Anlehnung 
an irgend einen Denker, der geschichtsphilosophische Gedanken, die 
eine gewisse Übereinstimmung mit den seinigen bekunden, geäußert, 
seine Theorie aufgestellt und etwaige Unfertigkeiten oder Widersprüche 
beseitigt Nein, seine Theorie ist auf sozialem Untergrund erwachsen, 
auf dem Untergrund der tiefgreifenden sozialen Wandlungen, wie sie 
die industrielle Entwicklung mit sich brachte, und die Anregungen, die 
Marx von fremden Denkern erfahren hat, waren gewiß ein mitbestim- 
mendes Moment für die Konzeption seiner Ideen, wodurch aber keines- 
wegs seine eigene Gedankenarbeit ausgeschaltet wurde. Denn sieht 
man näher zu, so zeigt sich, daß zwischen den Leistungen Marxens und 



— 339 — 

denen der sämdichen hier behandelten Vorläufer ein Unterschied von 
typischer Besonderheit besteht 

Wer die soziologische Theorie des Marx in ihrer wahren theore- 
tischen Bedeutung und damit in ihrer charakteristischen Differenz von 
den Lehren seiner Vorgänger begreifen will, der muß wissen, daß Marx, 
wie Engels einmal allgemein von den deutschen Sozialisten sag^ nicht 
nur von Saint-Simon, Fourier und Owen, sondern auch von Kant und 
Hegel abstammt Grerade dieser letztere war es, der auf Marx im 
höchsten Grrade eingewirkt hat Man hat des öfteren den offensicht- 
lichsten Berührungspimkt zwischen Hegel und Marx — der ja bekannt- 
lich dessen Metaphysik nach der ihm besonders durch Feuerbach 
vermittelten Erkenntnis ihrer Unhaltbarkeit aufgegeben hat — darin 
erblicken wollen, daß beiden die dialektische Metihode als Hilfsmittel 
diente, imi die einzelnen Gestalten des kontinuierlichen Entwicklungs- 
prozesses der historischen Wirklichkeit zu enthüllen und bloßzulegen. 
Ich glaube, mit dieser formellen Übereinstimmung verbindet sich noch 
eine weitere, ebenso beachtenswerte, nämlich die universelleWeite 
des zu lösenden Problems. 

Die obige Darlegung der Hegeischen Geschichtsphilosophie hat 
ergeben, daß es sich in ihr um eine völlig monistische Interpretation des 
geschichtlichen Geschehens handelt. Vergleicht man nun Karl Marxens 
geschichtsphilosophische Lehren mit denen Hegels, so springt die Be- 
dingtheit ihrer formellen Gestaltung durch Hegel — auch abgesehen 
von der Übernahme der dialektischen Methode, worauf an diesem Ort 
nicht näher eingegangen zu werden braucht — in die Augen. Auch 
Marxens Bestreben geht auf eine einheitliche Erklärung der historischen 
Tatsachen hinaus, aber nach Feuerbachs vernichtender ICritik Hegels, 
die ihn zu der wichtigen Erkenntnis geführt, daß nicht eine überindivi- 
duelle Macht, die absolute Idee, das Bewegende im geschichtlichen 
Wandlungsprozeß ist, sondern daß der menschliche Geist aus sich selbst 
heraus die Ideen erzeugt, unternimmt er es, der Gesamtheit dieser 
Ideen, dem Rechte, der Politik, der Religion, der Moral, der Philosophie 
eine ökonomische Fimdamentierung zu geben. Hier konnte er bei seinen 
Vorläufern vieles lernen, und er hat ihnen auch, das muß mit Nachdruck 
ausgesprochen werden, viel, sehr viel zu danken. Die primäre Stel- 
lung der Ökonomie und der Eigentumsverhältnisse im 
sozialen Leben, den Wechsel der Eigentumsverhältnisse im 
Laufe der Zeit, die kausale Bedingtheit des politischen 
Fortschrittes durch den technologischen, überhaupt 
die Abhängigkeit der Ideen der einzelnen Gesellschafts- 
klassen von ihrem ökonomischen Interesse, selbst den 
Gedanken, daß die soziale Gesetzmäßigkeit vollständig 
in der der Ökonomie beschlossen ist, weiterhin die Be- 



— 340 — 

deutung der auf wirtschaftlichem Untergrund beruhen- 
den Klassenkampf e für denFortgang der sozialen Evolu- 
tion, die besondere Art der sozialen Klassendifferen- 
zierung in den einzelnen Epochen der Geschichte (Freie 
und Sklaven, Patrizier und Plebejer etc.), die Unmöglich- 
keit, die gesellschaftlichen Verhältnisse zweckentspre- 
chender Gestaltung entgegenzuführen, ohne Kenntnis 
ihrer Entwicklungstendenzen — alles dieses hatte man schon 
vor Marx betont^). 

Aber die meisten dieser an sich wichtigen Ansichten traten nicht 
als Bestandteile einer geschlossenen, die immanente Gesetzmäßigkeit 
der sozialen Wirklichkeit in ihrer Totalität aufdeckenden Lehre auf ^ 
wo dies, wie vornehmlich bei Proudhon, der Fall war, fehlte es, ab- 
gesehen von den vielen Widersprüchen und Unfertigkeiten, an der Er- 
kenntnis ihrer wahren wissenschziftlichen Tragweite und den wirklich 
klärenden historischen Illustrierungen — es waren vielmehr in die 
Einzelforschung eingestreute Reflexionen, die, jeder systematischen Zu- 
sammenfassung entbehrend, in der Hauptsache auf sing^äre historische 
Erscheinungen sich beziehende Abstraktionen bildeten. Marxens histo- 
rischer Materialismus aber ist weit mehr: er ist eine bewußte, 



i) Daß Marx die Urheber dieser Gedanken gekannt hat, muß als feststehend ange- 
nommen werden. In Paris (1843) warf sich Marx, wie Engels berichtet (Handwörteibadi 
der Staatswissenschaften, Bd. V, S. 705), auf das Studium der politischen Ökonomie, der 
französischen Sozialisten imd der Geschidite Frankreichs; daß er mit dem Stein sehen Bach 
wohl vertraut war, beweist ein von Struve wieder entdeckter Artikel Marxens im „West- 
phälischen Dampfboot** (Karl Grün, Die soziale Bewegung in Frankreidi und Belgien oder 
die Geschichtsschreibung des wahren Sozialismus 1847), in dem er an Stein zu rühmen weiß, 
daß er „wenigstens versuchte, den Zusammenhang der sozialistischen Literatur mit der wirk- 
lichen Entwicklung der französischen Gesellschaft darzustellen**, femer, „daß er erkannt hat, 
daß die Geschichte des Staates aufs genaueste zusammenhängt mit der Geschichte der Volks- 
wirtschaft**. (Veigl. P. Struve, Zwei bisher unbekannte Aufsätze von Karl Marx ans den 
vierziger Jahren. Neue Zeit, Nr. 28, 1895—96.) Um möglichen Mißverständnissen vorai- 
beugen, bemerke ich noch, daß es sich hier um eine dogmengeschichtliche Untersuchung, 
also nicht um die psychologische und biographische Aufgabe handelt zu zeigen, in welcher 
Weise Marxens soziologische Theorie sich bei ihrem Urheber herausgebildet hat, wie also 
fremde Denker auf ihn eingewirkt und welcher Art seine eigene Gedankenarbeit in ihrem 
Werdegang beschaffen war. Nur soviel will ich anführen, daß ich weit davon entfernt bin, 
Marxens Anteil an dem Ausbau des ökonomischen Materialismus zu jener Bedeutungslosigkeit 
herabzuschrauben, wie es manche Gelehrte getan haben (so Wenckstern, Marx, S. 250 f., 
der in einzelnen Lehren J. Le Chevaliers, die wir hier unbeachtet lassen konnten, eine 
der Marxschen Theorie gleichkommende Schärfe der Formulierung erblicken wollte). Wer 
ein geschichtsphilosophisches Theorem mit solcher Bestimmtheit und Siegesgewißheit ver- 
kündet wie Karl Marx, dem muß doch gewiß eine gründliche Durchforschung der historisdien 
Wirklichkeit die reale Unterlage für seine Lehre abgegeben haben. Damit soll aber keines- 
wegs der Einfluß anderer Denker, nur die überschätzte Größe ihrer Einwirioing bestritten 
werden. 



— 341 — 

durch die polemische Stellungnahme zu Hegel bedingte 
Theorie eines absolut einheitlichen Begreifens der ge- 
sellschaftlichen Gebilde aus der Fundamentaltatsache 
der sozialen Ökonomie. Hegel hat Marx die Universalität des 
Problems, gleichsam, wenn man noch die Übernahme der dialektischen 
Methode von selten Marxens in Betracht zieht, das Gerüst, die großen 
Historiker und Sozialisten haben einzelne Baiusteine geliefert, Marx selbst 
hat auf Grund ausgedehnter geschichtlicher Studien mit systematischer 
Allseitigkeit und eminentem Scharfsinn die Vereinigung vollzogen. 

Im Hinblick auf diese Sonderheiten geht also die Geschichts- 
philosophie Marxens weit über die ökonomische Auffassung der Ge- 
schichte Saint-Simons hinaus. Marx hat vielmehr die mit Saint-Simon 
vornehmlich beginnende, von Thierry, Guizot, Mig^et, Stein u. a.- eben- 
falls angestrebte und in ihrem weiteren Ausbau geförderte realistische 
Auffassung des sozialen Lebens auf ihren schärfsten Ausdruck gebracht 
und die Grundlinien einer großartig gedachten Soziologie gezogen. Für 
unseren Zweck aber ist es wichtig zu wissen, daß es Saint-Simon ge- 
wesen ist, der den entscheidenden Anstoß zu der allmählichen Ausreifung 
dieser Geschichtsbetrachtung gegeben hat. 

So weit mithin die Sozialphilosophie Marxens hinsichtlich der 
Universalität der Problemstellung über die ökonomische Auffassung der 
geschichtlichen Phänomene bei Saint-Simon hinausgeht, so groß ist 
aber die Übereinstimmung der von den beiden Denkern 
gegebenen D'eutung der ökonomischen und politischen 
Entwicklung vom ausgehenden Mittelalter an. Sehen wir 
einmal näher zu. 

Sowohl Saint-Simons als auch Marxens Streben nach einer wissen- 
schaftlichen Erkenntnis der geschichtlichen Phänomene steht im Dienste 
einer gleichen Aufgabe: durch die Festlegung der das historische 
Leben beherrschenden Gesetze soll eine Entzifferung der sich erst noch 
bildenden Gesellschaftsformation der Zukunft vorgenommen werden, 
und von beiden, wenn wir in Friedrich Engels den berufenen Inter- 
preten Marxens sehen wollen, wird die Gleichförmigkeit der Wirkungs- 
weise der natürlichen und geschichtlichen Gesetze betont^). Der Ent- 

i) La loi sup^eure des progr^ dePesprit humain entraine et domine tout; les hommes 
ne sont pour eile que des instruments. Quoique cette force d^rive de nous, il n'est pas plus 
en notre pouvoir de nous soustraire k son influence ou de maitriser son action que de changer 
ä, notre gr^ Timpulsion primitive qui fait drcoler notre plannte antour du soleil. 

Les effets secondaires sont les seuls soumis k notre d^pendance. Tout ce que nous pouvons, 
c^est d'obär k cette loi (notre v^ritable Providence) avec connaissance de cause, en nous ren- 
dant compte de la marche qu*elle nous prescrit, au lieu d'dtre pouss^ aveugl^ent par eile ; et, 
pour le dire en passant, c'est pr6cis6ment en cela que consistera le grand perfectionnement 
philosophique r6serv6 k P^poque actuelle. L'Oiganisateur, T. XX, p. 119. Vergl. auch die 
oben S. 336 angeführte Stelle Engels'. 



— 342 — 

Wurf der Zukunftsorganisation der Gresellschaft will deshalb bei unseren 
Denkern keine Utopie, kein aus subjektiven Forderungen heraus ent- 
standenes willkürliches Ideal sein, sondern diese Gesellschaftsformation 
lieg^ beschlossen in dem unaufhaltsamen Werdegang des sozialen Lebens. 
Die fortschrittlich wirkenden Kräfte aus dem Chaos der sozialen Tat- 
sachen herauszulösen, die vorhandenen Ideen und Interessen aufzuweisen, 
wie Saint-Simon sagt, fällt dem Sozialphilosophen zu, dazu noch die 
Aufgabe, die in diesen Ideen und Interessen sich aussprechenden 
sozialen Postulate zu klären und die kommende Ordnung der Dinge 
wenigstens in den Umrissen anzugeben. Alle diese Theoreme hat 
Saint-Simon mit gleicher Schärfe wie Marx dargelegt, vor allem aus- 
führlicher und oft mit treffenderer Kennzeichnung ihrer Eigenart 
Damit wäre also nur eine formelle Übereinstimmung der Sozialphilo- 
sophie unserer Denker dargetan. Aber auch die Aufhellung der die 
moderne Zeit beherrschenden Entwicklungstendenz weist bei beiden 
äußerst auffällige gemeinsame Züge auf. Marx hat in fast wörtlicher 
Übereinstimmung mit Saint-Simon^) in dem Forschritt der sozialen 
Ökonomie die bewegende Kraft des geschichtlichen Werdens in da- 
modernen Zeit gesehen und die politischen Bestrebungen von dem 
Wandel der ökonomischen Phänomene abhängig sein lassen. Auch 
diesen geschichtlichen Prozeß hat Saint-Simon eingehender beschrieben 
als Marx ^). Und erblicken Saint-Simon und Marx nicht in dem Klassen- 
kampf des Bürgertums, der Industriellen nach dem Ausdruck Saint- 
Simons, das Mittel, dessen sich diese lange unterdrückte Gresellschafts- 
klasse bedient, um die ihrer sozialen Macht entsprechende Berücksich- 
tigung ihrer politischen Interessen zu erzwingen ? Und wird nicht von 
beiden die französische Revolution als das diesen politischen Kampf 
krönende Werk des Bürgertums aufgefaßt? Und nun prüfe man ein- 
mal die kulturhistorische Stellung, die Saint-Simon wie Marx da- 
künftigen Gesellschziftsordnung zuweisen: die revolutionäre ICraft der 
Industrie, so werden wir übereinstimmend belehrt, hat mit stets wachsen- 
der Wirksamkeit das feudale System zerstört, und dieses ist nach Saint- 
Simon durch das „Systeme vagnement liberal", nach Marx durch das 
kapitalistische Wirtschaftssystem ersetzt worden. Dieses ist durchaus 
historisch notwendig geworden und nicht vernunftwidrig, wie die Uto- 
pisten lehren, aber es ist mit Mängeln behaftet, deren Beseitigfung das 
Fundamentalproblem der Zukunft sein wird. In dieser Weise ist das 
die Feudalordnung ablösende Gesellschaftssystem ein Zwischenstadium, 
das eine nun vergangene Gesellschaftsstufe und eine erst in der Bildung 
begriffene als ein vermittelndes Glied verbindet. Diese moderne Ord- 
nung der sozialen Verhältnisse, in der alle sozialisierenden Bande ge- 

1) Siehe oben S. 148 ff. 

2) Siehe Kommunistisches Manifest S. 25 und S. 152 dieser Arbeit. 



— 343 — 

lockert sind, muß organisiert werden, und die Neuorganisation wird in 
Ansehung der Gleichartigkeit der ökonomischen Entwicklung der 
zivilisierten Länder den nationalen Rahmen durchbrechen, sie wird eine 
internationale sein. Die Eigenart dieser Organisation ist nach Saint- 
Simon gekennzeichnet durch das Vorhandensein von „industriellen 
Assoziationen", die darstellen „un Systeme general, en les dirigeant 
vers un but industriel commun*', nach Marx ist in der Zukunft „alle 
Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert". 
Durch eine so gestaltete Assoziation erst wird die Freiheit verwirklicht, 
die soziale Freiheit, die mit der modernen bürgerlichen Freiheit nichts 
zu tun hat Alle Klsissenherrschaft wird beseitigt sein, an Stelle der 
Herrschaft von Menschen eine Verwaltung von Dingen treten. Und die 
Menschen werden sich dann, weil sie über die Kenntnis der Bewegfungs- 
gesetze des sozicden Lebens verfügen, von der bisher herrschenden 
Despotie der blind wirkenden Gesellschaftsmächte befreien, sie vielmehr 
unterjochen und sich nutzbar machen. 

Man übersehe freilich auch die groiäen Differenzpunkte nicht, die bei 
den zwei Sozialphilosophen vorhanden sind. Nach Saint-Simon sollen 
es die Unternehmer, die Hervorragendsten unter ihnen besonders, sein, 
denen die weltgeschichtliche Aufgabe des internationalen Gesellschafts- 
aufbaues zufällt, und aus dieser Wertung des Unternehmertums als einer 
auch fremden Interessen sich widmenden Macht erklärt es sich wohl, 
daß der Denker nicht zum klar ausgesprochenen Sozialismus fort- 
geschritten ist. Er verlangt eine Unterbindung des aller Fesseln ent- 
ledigten sozialen Daseins, eine Organisation der Gesellschaft zum Wohl 
auch der Entrechteten; und da er unter diesen nicht allein die große 
Masse, sondern auch das den Feudalen gegenüber politisch ohnmächtige 
Unternehmertum versteht, so wäre es von seinem Standpunkt aus eine 
völlige Sinnlosigkeit gewesen, von den erst der politischen Befreiung ent- 
gegengehenden industriellen „Chefs" die Preisgabe ihrer sozialen Macht, 
mit der er eben die Notwendigkeit dieser Befreiung begründet hat, durch 
sozialistische Vorschläge zu verlangen; wie auch der realistische Blick 
Saint-Simons, dem es offenkundig war, daß die Zeit der Herrschaft des 
Bürgertums bald herbeikommen werde, ihn vor klar formulierten sozia- 
listischen Folgerungen bewahrte. Die Anklänge seiner Lehre an sozia- 
listische Theoreme jedoch sind zahlreich, und durch das Postulat einer 
einheitlichen Regulierung der Industrie zum Wohle aller, durch seine 
Theorie über das Eigentum als soziales Entwicklungsprodukt, durch die 
seiner Lehre gleichsam aufgepfropfte Forderung weiterhin einer Ab- 
schaffung der Klassenherrschaft hat er seiner Denkrichtung eine Tendenz 
verliehen, deren Klärung, wie sie Bazard vornahm, zum modernen 
Sozialismus führte. 

Karl Marx lebte in einer späteren Periode des Wirtschaftslebens. 



— 344 — 

Die Bourgeoisie hatte in Frankreich und England ihre Macht befestigt 
und durch eine brutale Klassenherrschaft das Proletariat unterdrückt 
Wie hatte sich doch der sonst so klar blickende Saint-Simon über die 
soziale Mission, die er dem Unternehmertum zuschrieb, getäuscht Nicht 
ein einziges nennenswertes Gresetz zur Förderung des Wohles der unteren 
Klassen hatte in Frankreich die Bourgeoisie, nachdem sie durch die 
Julirevolution die politische Macht an sich gerissen, erlassen, so daß die 
Arbeiter, wollten sie sich ihrer sozialen und politischen Entrechtung 
erwehren, sich zu einer selbständigen politischen Partei konstituieren 
mußten, deren Entstehung Saint-Simon auf seinem Totenbette in einem 
letzten Aufflackern seines großen Geistes vorausgesehen hatta In Eng- 
land herrschte unter den Arbeitern ein Massenelend, wie es die Welt- 
geschichte nie zuvor gekannt hat, aber auch hier reg^e sich im Proletariat 
kraftbewußter Geist, der zu • selbständiger Inangriffnahme des Werkes 
der Befreiung anspornte. In den dreißiger Jahren breitete sich hier zum 
Erstaunen der Welt die Chartistenbewegung aus als eine, wenn auch 
durchaus nicht sozialistische, so doch von proletarischem Empfinden durch- 
tränkte Strömung, und die Gewerkvereinsbewegung hatte sich rasch 
entwickelt. Wie Saint-Simon während der französischen Restauration 
zum Wortführer der aufstrebenden Schichten des Bürgertmns geworden 
war, dank seinem tiefen Blicke allerdings dieser Gesellschaftsklasse in 
eindringlicher Rede die Notwendigkeit einer sozialen Emanzipation auch 
der Arbeiter, überhaupt des ganzen Volkes darlegte, so wird nun der 
junge Marx, angeregt durch das Studium der zeitgenössischen sozia- 
Ustischen und historischen Literatur, dank aber auch seiner Gabe feiner 
Witterung des noch Kommenden, der zufolge ihm die welthistorische 
Bedeutung der erst beginnenden selbständigen proletarischen Regungen 
offenbar wurde, zum Wortführer der Sache des Proletariats: im Kampfe 
muß es die Macht erobern und sich befreien von den Fesseln des 
Kapitalismus. Das soziale Ideal aber, das Marx dem Proletariat vor- 
zeichnet, was ist es anders als das im Anschluß an Saint-Simon ent- 
standene ökonomische Ideal Bsizards: die Vergesellschaftung der 
Produktionsmittel? Wobei an die Stelle des allmächtigen Bazardschen 
Oberpriesters nun das im Kampfe poUtisch gereifte Proletariat tritt 

So gelange ich zu dem Ergebnis, daß derjenige Lehrer Marxens, 
der den größten Teil der wichtigsten Bestandstücke seines Systems 
geliefert hat, nicht Fourier und Owen, sondern Saint-Simon ist Man 
könnte geradezu sagen: Marx ist der Saint-Simon des seiner 
politischen Selbständigkeit zueilenden Proletariats, was 
natürlich cum grano salis zu nehmen ist 

Ich bin fem davon, auch trotz des Nachweises dieser intellektuellen 
Beziehungen etwa Marxens Denkerleistung zu unterschätzen. Gerade 
wer die vormarxistische Literatur kennt — und der Verfasser hat sich 



— 345 — 

wenigstens bemüht, sich einen Einblick in diese Dinge zu verschaffen 
— wird sich eines Erstaunens über die Denkkraft dieses jungen Mannes 
nicht erwehren können, und wenn das „Kommunistische Manifest" 
keinen einzigen Gedanken originaler Prägung enthalten sollte, so ist 
doch aus der organischen Verbindung fremder Bestandteile ein prinzipiell 
Neues geworden, eben das, was wir als das welthistorische Dokument 
des „Kommunistischen Manifestes" bewundem. 

3. Saint-Simon und Carlyle. 

Es klingt wohl für die meisten Leser überraschend, wenn wir 
behaupten, daß die Lehren Saint-Simons, und zwar sowohl seine Ge- 
schichtsphilosophie als auch seine Reformvorschläge eine, nur in einzelnen 
Punkten abweichende großartige Wiedererstehung gefunden haben in 
dem Reiche jenseits des Kanals, in England. Es war Thomas Carlyle, 
der mit einer wunderbaren künstlerischen Gestaltungskraft, einer 
wuchtigen Nachdrücklichkeit und mit ergreifendem prophetischem Pathos 
den chaotisch zerstreuten Ideen Saint-Simons eine Form verlieh, die 
ihnen weiteste Verbreitung sicherte. Kein Denker hat so viel zur Popu- 
larisierung — denn imi eine solche, sei sie auch edelster Art, handelt 
es sich der Tat — wichtiger Anschauungen Saint-Simons beigetragen 
als gerade Carlyle, und während die Schriften des französischen Grafen, 
ungenießbar, wie sie selbst für die große Masse der Gebildeten sind, 
der unvermeidlichen Vermoderung und Vergessenheit anheimfallen, 
breitet sich seine Lehre in stetigem Wachstum aus. Unfertig wie das 
Werk Saint-Simons war, bot es die mannigfachsten Anknüpfungspunkte 
für eine weitere Ausgestaltung dar, und es ist geradezu wunderbar zu 
sehen, welche verschiedenartigen Geistesschöpfungen, teils in bewußter 
Anlehnung an den Meister, wie die Systeme Bazards und Comtes, 
teils in unbewußter, wie die MauTcens und Carlyles, dem gemeinsamen 
Boden entsprossen sind. Dabei ist Carlyle neben Comte derjenige der 
Nachfolger Saint-Simons, der sich am engsten an ihn angeschlossen hat, 
und es ist merkwürdig, daß diese Abhängigkeitsbeziehung nicht nur von 
Carlyle nicht erkannt wurde, sondern, soviel ich sehe, bis jetzt auch der 
wissenschaftUchen Forschung entgangen ist. 

Versuchen wir einmal zu zeigen, wie es mögUch war, daß die 
Gesellschaftslehre Saint-Simons mit den ihr entsprechenden Postulaten 
in dem England des neunzehnten Jahrhunderts hat Widerhall finden 
können. Eine rasche Durchforschung der Zeitlage bekundet uns, daß die 
Gestciltung der sozialen Verhältnisse in England, wie dies schon Saint- 
Simon erkannt hatte, in den Grundzügen mit der Frankreichs durchaus 
übereinstimmte. Während hier im Gefolge der ökonomischen und intel- 
lektuellen Umwälzungen das Bürgertum die seinen Interessen dienende 



— 346 — 

politische und soziale Neuordnung in einem revolutionären Ansturm 
gegen die alten Gewalten des Feudcilismus und der Kirche sich er- 
kämpfte, wickelte sich dieser Prozeß in England äußerlich durchaus 
friedlich ab, dabei aber mit einer gleich durchgreifenden, revolutionären 
Wirkung. Noch überwog in diesem Lande im Ausgang des Eichtzehnten 
Jahrhunderts die Landwirtschaft; aber Handel und Grewerbe machten 
schon einen bedeutenden Bestandteil der Produktion aus; ein weites 
Reich einträglicher Kolonieen natnnte England sein eigen, und eine 
mächtige Flotte gab dem überseeischen Handel wirkungsvollen Rück- 
halt Da leiteten die produktionstechnischen Erfindungen eine Periode 
ungestümster ökonomischer Entwicklung ein, mit all der verheerenden 
Wirkung fessellos gewordener Kräfte, die menschliche Schwachheit 
nicht zu bändigen vermag. Mitte der sechziger Jahre des achtzehnten 
Jahrhunderts wurden die Spinnmaschinen konstruiert, die in vielfältig«: 
Weise die Leistungsfähigkeit der Handarbeiter überboten und im 
Verein mit der Verwendung der Dampfmaschine als Triebkraft Wunder 
wirkten. Auch die Weberei wiu'de nun mechanisch betrieben, und die 
handwerksmäßige Produktion auf dem Gebiete der Textilindustrie, un- 
geachtet des zähen Anklammerns der Weber an die nun unrentabel 
gewordene traditionelle Art ihres Schziffens, rasch verdrängt In 
riesigem Wachstum breiteten sich, immer angetrieben durch neue Be- 
dürfnisse des Marktes, die Gewerbe der Eisenproduktion, die Baum- 
woUfabriken und der Kohlenbergbau aus. Um mit ein paar Zahlen 
diesen gewerblichen Fortschritt zu kennzeichnen: 1740 belief sich die 
Eisenproduktion auf 17000 Tonnen, 1830 auf 650000 Tonnen und 1840 
auf 1500000 Tonnen. Die Ausfuhr betrug 1800 dreißig Millionen 
Pfund, 1850 aber hundert Millionen Pfund. Bald gesellten sich zu der 
Unzahl neuer technischer Erfindungen auch die Eisenbahnen, ein Be- 
förderungsmittel erst nur für Güter, später dann auch für Menschen, und 
stellten so jenen innigen Kontakt weit entfernter Gebiete her, der die Ein- 
beziehung des ganzen Landes" in das moderne Wirtschaftsbereich rasch 
zur Folge hatte. Ein neues Leben war somit in einer verhältnismäßig 
kurzen Zeit in England erwacht, das kein Gebiet des Daseins unberührt 
ließ und die Nation auf eine neue, sich immer mehr festigende öko- 
nomische Grundlage stellte. Das äußere Anlitz des Landes hat sich 
nun verändert: wo früher im abgeschlossenen Bezirk der Landmann 
sein Tagewerk vollbrachte, da lagern nun in vielen Fällen riesige Un- 
getüme, die mit ihren schwarzen Rauchwolken die Luft v